Siebentes Kapitel
Strandspaziergang
Kann man die Zeit erzählen, diese selbst, als solche, an und für sich? Wahrhaftig, nein, das wäre ein närrisches Unterfangen! Eine Erzählung, die ginge: „Die Zeit verfloß, sie verrann, es strömte die Zeit“ und so immer fort, – das könnte gesunden Sinnes wohl niemand eine Erzählung nennen. Es wäre, als wollte man hirnverbrannterweise eine Stunde lang ein und denselben Ton oder Akkord aushalten und das – für Musik ausgeben. Denn die Erzählung gleicht der Musik darin, daß sie die Zeit erfüllt, sie „anständig ausfüllt“, sie „einteilt“ und macht, daß „etwas daran“ und „etwas los damit“ ist – um mit der wehmütigen Pietät, die man Aussprüchen Verstorbener widmet, Gelegenheitsworte des seligen Joachim anzuführen: längst verklungene Worte, – wir wissen nicht, ob sich der Leser noch ganz im klaren darüber ist, wie lange verklungen. Die Zeit ist das Element der Erzählung, wie sie das Element des Lebens ist, – unlösbar damit verbunden, wie mit den Körpern im Raum. Sie ist auch das Element der Musik, als welche die Zeit mißt und gliedert, sie kurzweilig und kostbar auf einmal macht: verwandt hierin, wie gesagt, der Erzählung, die ebenfalls (und anders als das auf einmal leuchtend gegenwärtige und nur als Körper an die Zeit gebundene Werk der bildenden Kunst) nur als ein Nacheinander, nicht anders denn als ein Ablaufendes sich zu geben weiß, und selbst, wenn sie versuchen sollte, in jedem Augenblick ganz da zu sein, der Zeit zu ihrer Erscheinung bedarf.
Das liegt auf der flachen Hand. Daß aber hier ein Unterschied waltet, liegt ebenso offen. Das Zeitelement der Musik ist nur eines: ein Ausschnitt menschlicher Erdenzeit, in den sie sich ergießt, um ihn unsagbar zu adeln und zu erhöhen. Die Erzählung dagegen hat zweierlei Zeit: ihre eigene erstens, die musikalisch-reale, die ihren Ablauf, ihre Erscheinung bedingt; zweitens aber die ihres Inhalts, die perspektivisch ist, und zwar in so verschiedenem Maße, daß die imaginäre Zeit der Erzählung fast, ja völlig mit ihrer musikalischen zusammenfallen, sich aber auch sternenweit von ihr entfernen kann. Ein Musikstück des Namens „Fünf-Minuten-Walzer“ dauert fünf Minuten, – hierin und in nichts anderem besteht sein Verhältnis zur Zeit. Eine Erzählung aber, deren inhaltliche Zeitspanne fünf Minuten betrüge, könnte ihrerseits, vermöge außerordentlicher Gewissenhaftigkeit in der Erfüllung dieser fünf Minuten, das Tausendfache dauern – und dabei sehr kurzweilig sein, obgleich sie im Verhältnis zu ihrer imaginären Zeit sehr langweilig wäre. Andererseits ist möglich, daß die inhaltliche Zeit der Erzählung deren eigene Dauer verkürzungsweise ins Ungemessene übersteigt, – wir sagen „verkürzungsweise“, um auf ein illusionäres oder, ganz deutlich zu sprechen, ein krankhaftes Element hinzudeuten, das hier offenbar einschlägig ist: sofern nämlich dieses Falls die Erzählung sich eines hermetischen Zaubers und einer zeitlichen Überperspektive bedient, die an gewisse anormale und deutlich ins Übersinnliche weisende Fälle der wirklichen Erfahrung erinnern. Man besitzt Aufzeichnungen von Opiumrauchern, die bekunden, daß der Betäubte während der kurzen Zeit seiner Entrückung Träume durchlebte, deren zeitlicher Umfang sich auf zehn, auf dreißig und selbst auf sechzig Jahre belief oder sogar die Grenze aller menschlichen Zeiterfahrungsmöglichkeit zurückließ, – Träume also, deren imaginärer Zeitraum ihre eigene Dauer um ein Gewaltiges überstieg, und in denen eine unglaubliche Verkürzung des Zeiterlebnisses herrschte, die Vorstellungen sich mit solcher Geschwindigkeit drängten, als wäre, wie ein Haschischesser sich ausdrückt, aus dem Hirn des Berauschten „etwas hinweggenommen gewesen wie die Feder einer verdorbenen Uhr“.
Ähnlich also wie diese Lasterträume vermag die Erzählung mit der Zeit zu Werke zu gehen, ähnlich vermag sie sie zu behandeln. Da sie sie aber „behandeln“ kann, so ist klar, daß die Zeit, die das Element der Erzählung ist, auch zu ihrem Gegenstande werden kann; und wenn es zuviel gesagt wäre, man könne „die Zeit erzählen“, so ist doch, von der Zeit erzählen zu wollen, offenbar kein ganz so absurdes Beginnen, wie es uns anfangs scheinen wollte, – so daß denn also dem Namen des „Zeitromans“ ein eigentümlich träumerischer Doppelsinn zukommen könnte. Tatsächlich haben wir die Frage, ob man die Zeit erzählen könne, nur aufgeworfen, um zu gestehen, daß wir mit laufender Geschichte wirklich dergleichen vorhaben. Und wenn wir die weitere Frage streiften, ob die um uns Versammelten sich noch ganz im klaren darüber seien, wie lange es gegenwärtig her ist, daß der unterdessen verstorbene ehrliebende Joachim jene Bemerkung über Musik und Zeit ins Gespräch flocht (die übrigens von einer gewissen alchimistischen Steigerung seines Wesens zeugt, da solche Bemerkungen eigentlich nicht in seiner braven Natur lagen), – so wären wir wenig erzürnt gewesen, zu hören, daß man sich wirklich im Augenblick nicht mehr so recht im klaren darüber sei: wenig erzürnt, ja zufrieden aus dem einfachen Grunde, weil die allgemeine Teilnahme an dem Erleben unseres Helden natürlich in unserem Interesse liegt, und weil dieser, Hans Castorp, in beregtem Punkte durchaus nicht ganz fest war, und zwar schon längst nicht mehr. Das gehört zu seinem Roman, einem Zeitroman, – so – und auch wieder so genommen.
Wie lange Joachim eigentlich hier oben mit ihm gelebt, bis zu seiner wilden Abreise oder im ganzen genommen; wann, kalendermäßig, diese erste trotzige Abreise stattgefunden, wie lange er weggewesen, wann wieder eingetroffen und wie lange Hans Castorp selber schon hier gewesen, als er wieder eingetroffen und dann aus der Zeit gegangen war; wie lange, um Joachim beiseite zu lassen, Frau Chauchat ungegenwärtig gewesen, seit wann, etwa der Jahreszahl nach, sie wieder da war (denn sie war wieder da), und wieviel Erdenzeit Hans Castorp im „Berghof“ damals verbracht gehabt hatte, als sie zurückgekehrt war: bei all diesen Fragen, gesetzt, man hätte sie ihm vorgelegt, was aber niemand tat, auch er selber nicht, denn er scheute sich wohl, sie sich vorzulegen, hätte Hans Castorp mit den Fingerspitzen an seiner Stirn getrommelt und entschieden nicht recht Bescheid gewußt, – eine Erscheinung, nicht weniger beunruhigend als jene vorübergehende Unfähigkeit, die ihn am ersten Abend seines Hierseins befallen hatte, nämlich Herrn Settembrini sein eigenes Alter anzugeben, ja, eine Verschlimmerung dieses Unvermögens, denn er wußte nun allen Ernstes und dauernd nicht mehr, wie alt er sei!
Das mag abenteuerlich klingen, ist aber so weit entfernt, unerhört oder unwahrscheinlich zu sein, daß es vielmehr unter bestimmten Bedingungen jederzeit jedem von uns begegnen kann: nichts würde uns, solche Bedingungen vorausgesetzt, vor dem Versinken in tiefste Unwissenheit über den Zeitverlauf und also über unser Alter bewahren. Die Erscheinung ist möglich kraft des Fehlens jedes Zeitorgans in unserem Innern, kraft also unserer absoluten Unfähigkeit, den Ablauf der Zeit von uns aus und ohne äußeren Anhalt auch nur mit annähernder Zuverlässigkeit zu bestimmen. Bergleute, verschüttet, abgeschnitten von jeder Beobachtung des Wechsels von Tag und Nacht, veranschlagten bei ihrer glücklichen Errettung die Zeit, die sie im Dunklen, zwischen Hoffnung und Verzweiflung zugebracht hatten, auf drei Tage. Es waren deren zehn gewesen. Man sollte meinen, daß in ihrer höchst beklommenen Lage die Zeit ihnen hätte lang werden müssen. Sie war ihnen auf weniger als ein Drittel ihres objektiven Umfanges zusammengeschrumpft. Es scheint demnach, daß unter verwirrenden Bedingungen die menschliche Hilflosigkeit eher geneigt ist, die Zeit in starker Verkürzung zu erleben, als sie zu überschätzen.
Niemand bestreitet nun freilich, daß Hans Castorp, wenn er gewollt hätte, ohne wirkliche Schwierigkeit aus dem Ungewissen sich rechnerisch hätte ins Klare setzen können, – ebenso, wie das der Leser mit leichter Mühe zu tun vermöchte, falls das Verschwommene und Versponnene seinem gesunden Sinn widerstehen sollte. Was Hans Castorp betraf, so war ihm vielleicht nicht gerade besonders wohl darin, allein irgendwelche Anstrengung, sich der Verschwommenheit und Versponnenheit zu entringen und sich klarzumachen, wie alt er hier schon geworden sei, ließ er sich’s auch nicht kosten; und die Scheu, die ihn daran hinderte, war eine Scheu seines Gewissens, – obgleich es doch offenbar die schlimmste Gewissenlosigkeit ist, der Zeit nicht zu achten.
Wir wissen nicht, ob man es ihm zugute halten soll, daß die Umstände seinem Mangel an gutem Willen – wenn man nicht geradezu von seinem bösen Willen reden will – so sehr zustatten kamen. Als Frau Chauchat wiedergekehrt war (anders, als Hans Castorp es sich hatte träumen lassen – aber davon an seinem Orte), hatte wieder einmal Adventszeit geherrscht und der kürzeste Tag, Wintersanfang also, astronomisch gesprochen, in naher Aussicht gestanden. In Wirklichkeit aber, von theoretischer Anordnung abgesehen, in Hinsicht auf Schnee und Frost, hatte man damals Gott weiß wie lange schon wieder Winter gehabt, ja, dieser war allezeit nur ganz vorübergehend unterbrochen gewesen, von brennenden Sommertagen mit einer Himmelsbläue von so übertriebener Tiefe, daß sie ins Schwärzliche spielte, – von Sommertagen also, wie sie übrigens auch in den Winter fielen, wenn man den Schnee beiseite ließ, der übrigens auch in jedem Sommermonat fiel. Wie oft hatte Hans Castorp mit dem seligen Joachim über diese große Konfusion geschwatzt, welche die Jahreszeiten vermengte, sie durcheinander warf, das Jahr seiner Gliederung beraubte und es dadurch auf eine langweilige Weise kurzweilig oder auf eine kurzweilige Weise langweilig machte, so daß von Zeit, einer frühen und mit Ekel getanen Äußerung Joachims zufolge, überhaupt nicht die Rede sein konnte. Was eigentlich vermengt und vermischt wurde bei dieser großen Konfusion, das waren die Gefühlsbegriffe oder die Bewußtseinslagen des „Noch“ und des „Schon wieder“, – eins der verwirrendsten, vertracktesten und verhextesten Erlebnisse überhaupt, und ein Erlebnis dabei, das zu kosten Hans Castorp gleich an seinem ersten Tage hier oben eine unmoralische Neigung verspürt hatte: nämlich bei den fünf übergewaltigen Mahlzeiten im lustig schablonierten Speisesaal, wo denn ein erster Schwindel dieser Art, vergleichsweise unschuldig noch, ihn angewandelt hatte.
Seitdem hatte dieser Sinnen- und Geistestrug weit größeren Maßstab angenommen. Die Zeit, sei ihr subjektives Erlebnis auch abgeschwächt oder aufgehoben, hat sachliche Wirklichkeit, sofern sie tätig ist, sofern sie „zeitigt“. Es ist eine Frage für Berufsdenker – und nur aus jugendlicher Anmaßung hatte also Hans Castorp sich einmal damit eingelassen –, ob die hermetische Konserve auf ihrem Wandbort außer der Zeit ist. Aber wir wissen, daß auch am Siebenschläfer die Zeit ihr Werk tut. Ein Arzt beglaubigt den Fall eines zwölfjährigen Mädchens, das eines Tages in Schlaf verfiel und dreizehn Jahre darin verharrte, – wobei sie aber kein zwölfjähriges Mädchen blieb, sondern unterdessen zum reifen Weibe erblühte. Wie könnte es anders sein. Der Tote ist tot und hat das Zeitliche gesegnet; er hat viel Zeit, das heißt: er hat gar keine, – persönlich genommen. Das hindert nicht, daß ihm noch Nägel und Haare wachsen, und daß alles in allem – aber wir wollen die burschikose Redensart nicht wiederholen, die Joachim einmal in diesem Zusammenhange gebraucht, und an der Hans Castorp damals flachländischen Anstoß genommen hatte. Auch ihm wuchsen Haare und Nägel, sie wuchsen schnell, wie es schien, er saß so oft in den weißen Mantel gehüllt auf seinem Operationsstuhl beim Coiffeur in der Hauptstraße vom Dorf und ließ sich das Haar schneiden, weil an den Ohren sich wieder Fransen gebildet hatten, – er saß eigentlich immer dort, oder vielmehr, wenn er saß und mit dem schmeichelnd-gewandten Angestellten plauderte, der sein Werk an ihm tat, nachdem die Zeit das ihre getan; oder wenn er an seiner Balkontür stand und sich mit Scherchen und Feile, seinem schönen Samtnecessaire entnommen, die Nägel kürzte, – flog plötzlich mit einer Art von Schrecken, dem neugieriges Ergötzen beigemischt war, jener Schwindel ihn an: ein Schwindel in des Wortes schwankender Doppelbedeutung von Taumel und Betrug, das wirbelige Nicht-mehr-unterscheiden von „Noch“ und „Wieder“, deren Vermischung und Verwischung das zeitlose Immer und Ewig ergibt.
Wir haben oft versichert, daß wir ihn nicht besser, aber auch nicht schlechter zu machen wünschen, als er war, und so wollen wir nicht verschweigen, daß er sein tadelnswertes Gefallen an solchen mystischen Anfechtungen, die er wohl gar bewußt und geflissentlich hervorrief, oft doch auch durch gegenteilige Bemühungen zu sühnen suchte. Er konnte sitzen, seine Uhr in der Hand – seine flache, glattgoldene Taschenuhr, deren Deckel mit dem gravierten Monogramm er hatte springen lassen, – und niederblicken auf ihre mit schwarzen und roten arabischen Ziffern doppelt rundum besetzte Porzellankreisfläche, auf der die beiden zierlich-prachtvoll verschnörkelten Goldzeiger auseinander wiesen und der dünne Sekundenzeiger den geschäftig pickenden Gang um seine besondere kleine Sphäre tat. Hans Castorp hielt ihn im Auge, um einige Minuten zu hemmen und zu dehnen, die Zeit am Schwanze zu halten. Das Weiserchen trippelte seines Weges, ohne der Ziffern zu achten, die es erreichte, berührte, überschritt, zurückließ, weit zurückließ, wieder anging und wieder erreichte. Es war fühllos gegen Ziele, Abschnitte, Markierungen. Es hätte auf 60 einen Augenblick anhalten oder wenigstens sonst ein winziges Zeichen geben sollen, daß hier etwas vollendet sei. Doch an der Art, wie es sie rasch, nicht anders als jedes andere unbezifferte Strichelchen, überschritt, erkannte man, daß ihm die ganze Bezifferung und Gliederung seines Weges nur unterlegt war, und daß es eben nur ging, ging ... So barg denn Hans Castorp sein Glashüttenerzeugnis wieder in der Westentasche und überließ die Zeit sich selbst.
Wie sollen wir flachländischer Ehrbarkeit die Veränderungen faßlich machen, die in dem inneren Haushalt des jungen Abenteurers sich vollzogen? Es wuchs der Maßstab der schwindligen Identitäten. War es bei einiger Nachgiebigkeit nicht leicht, ein Jetzt gegen eines von gestern, von vor- und vorvorgestern abzusetzen, das ihm geglichen hatte wie ein Ei dem andern, so war ein Jetzt auch schon geneigt und fähig, seine Gegenwart mit einer solchen zu verwechseln, die vor einem Monat, einem Jahre obgewaltet hatte, und mit ihr zum Immer zu verschwimmen. Sofern jedoch die sittlichen Bewußtseinsfälle des Noch und Wieder und Künftig gesondert blieben, schlich eine Versuchung sich ein, Beziehungsnamen, mit denen das „Heute“ sich Vergangenheit und Zukunft bestimmend vom Leibe hält, das „Gestern“, das „Morgen“, nach ihrem Sinne zu erweitern und sie auf größere Verhältnisse anzuwenden. Unschwer wären Wesen denkbar, vielleicht auf kleineren Planeten, die eine Miniaturzeit bewirtschafteten und für deren „kurzes“ Leben das flinke Getrippel unseres Sekundenzeigers die zähe Wegsparsamkeit des Stundenmessers hätte. Aber auch solche sind vorzustellen, mit deren Raum sich eine Zeit von gewaltigem Gange verbände, so daß die Abstandsbegriffe des „Eben noch“ und „Über ein Kleines“, des „Gestern“ und „Morgen“ in ihrem Erlebnis ungeheuer erweiterte Bedeutung gewännen. Das wäre, sagen wir, nicht nur möglich, es wäre, im Geiste eines duldsamen Relativismus beurteilt und nach dem Satze „Ländlich, sittlich“, auch als legitim, gesund und achtbar anzusprechen. Was aber soll man von einem Erdensohne denken, des Alters obendrein, für den ein Tag, ein Wochenrund, ein Monat, ein Semester noch solche wichtige Rolle spielen sollten, im Leben so viele Veränderungen und Fortschritte mit sich bringen, – der eines Tages die lästerliche Gewohnheit annimmt oder doch zuweilen der Lust nachgibt, statt „Vor einem Jahre“: „Gestern“ und „Morgen“ für „Übers Jahr“ zu sagen? Hier ist unzweifelhaft das Urteil „Verirrung und Verwirrung“ und damit höchste Besorgnis am Platze.
Es gibt auf Erden eine Lebenslage, gibt landschaftliche Umstände (wenn man von „Landschaft“ sprechen darf in dem uns vorschwebenden Falle), unter denen eine solche Verwirrung und Verwischung der zeitlich-räumlichen Distanzen bis zur schwindligen Einerleiheit gewissermaßen von Natur und Rechtes wegen statthat, so daß denn ein Untertauchen in ihrem Zauber für Ferienstunden allenfalls als statthaft gelten möge. Wir meinen den Spaziergang am Meeresstrande, – ein Sichbefinden, dessen Hans Castorp nie ohne größte Zuneigung gedachte, – wie wir ja wissen, daß er sich durch das Leben im Schnee an heimatliche Dünengefilde gern und dankbar erinnern ließ. Wir vertrauen, daß auch Erfahrung und Erinnerung des Lesers uns nicht im Stiche lassen werde, wenn wir auf diese wundersame Verlorenheit Bezug nehmen. Du gehst und gehst ... du wirst von solchem Gange niemals zu rechter Zeit nach Hause zurückkehren, denn du bist der Zeit und sie ist dir abhanden gekommen. O Meer, wir sitzen erzählend fern von dir, wir wenden dir unsere Gedanken, unsre Liebe zu, ausdrücklich und laut anrufungsweise sollst du in unserer Erzählung gegenwärtig sein, wie du es im stillen immer warst und bist und sein wirst ... Sausende Öde, blaß hellgrau überspannt, voll herber Feuchte, von der ein Salzgeschmack auf unseren Lippen haftet. Wir gehen, gehen auf leicht federndem, mit Tang und kleinen Muscheln bestreutem Grunde, die Ohren eingehüllt vom Wind, von diesem großen, weiten und milden Winde, der frei und ungehemmt und ohne Tücke den Raum durchfährt und eine sanfte Betäubung in unserem Kopfe erzeugt, – wir wandern, wandern und sehen die Schaumzungen der vorgetriebenen und wieder rückwärts wallenden See nach unseren Füßen lecken. Die Brandung siedet, hell-dumpf aufprallend rauscht Welle auf Welle seidig auf den flachen Strand, – so dort wie hier und an den Bänken draußen, und dieses wirre und allgemeine, sanft brausende Getöse sperrt unser Ohr für jede Stimme der Welt. Tiefes Genügen, wissentlich Vergessen ... Schließen wir doch die Augen, geborgen von Ewigkeit! Nein, sieh, dort in der schaumig graugrünen Weite, die sich in ungeheueren Verkürzungen zum Horizont verliert, dort steht ein Segel. Dort? Was ist das für ein Dort? Wie weit? Wie nah? Das weißt du nicht. Auf schwindelige Weise entzieht es sich deinem Urteil. Um zu sagen, wie weit dies Schiff vom Ufer entfernt ist, müßtest du wissen, wie groß es an sich selber als Körper ist. Klein und nahe oder groß und fern? In Unwissenheit bricht sich dein Blick, denn aus dir selber sagt kein Organ und Sinn dir über den Raum Bescheid ... Wir gehen, gehen, – wie lange schon? Wie weit? Das steht dahin. Nichts ändert sich bei unserem Schritt, dort ist wie hier, vorhin wie jetzt und dann; in ungemessener Monotonie des Raumes ertrinkt die Zeit, Bewegung von Punkt zu Punkt ist keine Bewegung mehr, wenn Einerleiheit regiert, und wo Bewegung nicht mehr Bewegung ist, ist keine Zeit.
Die Lehrer des Mittelalters wollten wissen, die Zeit sei eine Illusion, ihr Ablauf in Ursächlichkeit und Folge nur das Ergebnis einer Vorrichtung unsrer Sinne und das wahre Sein der Dinge ein stehendes Jetzt. War er am Meere spaziert, der Doktor, der diesen Gedanken zuerst empfing, – die schwache Bitternis der Ewigkeit auf seinen Lippen? Wir wiederholen jedenfalls, daß es Ferienlizenzen sind, von denen wir da sprechen, Phantasien der Lebensmuße, von denen der sittliche Geist so rasch gesättigt ist, wie ein rüstiger Mann vom Ruhen im warmen Sand. An den menschlichen Erkenntnismitteln und -formen Kritik zu üben, ihre reine Gültigkeit fraglich zu machen, wäre absurd, ehrlos, widersacherisch, wenn je ein anderer Sinn damit verbunden wäre, als derjenige, der Vernunft Grenzen anzuweisen, die sie nicht überschreitet, ohne sich der Vernachlässigung ihrer eigentlichen Aufgaben schuldig zu machen. Wir können einem Manne wie Herrn Settembrini nur dankbar sein, wenn er dem jungen Menschen, dessen Schicksal uns beschäftigt, und den er bei Gelegenheit sehr fein als ein „Sorgenkind des Lebens“ angesprochen hatte, die Metaphysik mit pädagogischer Entschiedenheit als „Das Böse“ kennzeichnete. Und wir ehren das Andenken eines uns lieben Verstorbenen am besten, indem wir aussprechen, daß Sinn, Zweck und Ziel des kritischen Prinzips nur eines sein kann und darf: der Pflichtgedanke, der Lebensbefehl. Ja, indem gesetzgeberische Weisheit die Grenzen der Vernunft kritisch absteckte, hat sie an ebendiesen Grenzen die Fahne des Lebens aufgepflanzt und es als die soldatische Schuldigkeit des Menschen proklamiert, unter ihr Dienst zu tun. Soll man es dem jungen Hans Castorp aufs Entschuldigungskonto setzen und annehmen, es habe ihn in seiner lästerlichen Zeitwirtschaft, seinem schlimmen Getändel mit der Ewigkeit bestärkt, daß, was ein melancholischer Schwadroneur seines militärischen Vetters „Biereifer“ genannt, letalen Ausgang genommen hatte?
Mynheer Peeperkorn
Mynheer Peeperkorn, ein älterer Holländer, war eine Zeitlang Gast des Hauses „Berghof“, das mit so großem Recht das Beiwort „international“ in seinem Schilde führte. Peeperkorns leicht farbige Nationalität – denn er war ein Kolonial-Holländer, ein Mann von Java, ein Kaffeepflanzer – würde uns kaum vermögen, seine, Pieter Peeperkorns (so hieß er, so bezeichnete er sich selbst; „jetzt labt Pieter Peeperkorn sich mit einem Schnaps“, pflegte er zu sagen) – würde uns, sagen wir, noch nicht bestimmen, seine Person zu elfter Stunde in unsere Geschichte einzuführen; denn du großer Gott, in was für Tinten und Abschattungen spielte nicht die Gesellschaft des bewährten Instituts, das Hofrat Doktor Behrens in vielzüngiger Redensartlichkeit ärztlich leitete! Nicht genug, daß neuerdings hier sogar eine ägyptische Prinzessin anwesend war, dieselbe, die dem Hofrat einst das bemerkenswerte Kaffeegeschirr und die Sphinxzigaretten geschenkt hatte, eine sensationelle Person mit nikotingelben beringten Fingern und kurzgeschnittenem Haar, die, von den Hauptmahlzeiten abgesehen, bei denen sie Pariser Toiletten trug, in Herrensakko und gebügelten Hosen umherging, übrigens von der Männerwelt nichts wissen wollte, sondern ihre zugleich träge und heftige Huld ausschließlich einer rumänischen Jüdin zuwandte, die schlecht und recht Frau Landauer hieß, während doch Staatsanwalt Paravant um Ihrer Hoheit willen die Mathematik vernachlässigte und vor Verliebtheit geradezu den Narren spielte: nicht genug also mit ihr persönlich, so befand sich unter ihrem kleinen Gefolge auch noch ein verschnittener Mohr, ein kranker, schwacher Mensch, der aber trotz seiner von Karoline Stöhr gern gehechelten Grundverfassung am Leben mehr zu hängen schien als irgend jemand, und sich untröstlich zeigte über das Bild, das die Platte von seinem Inneren aufwies, nachdem man seine Schwärze durchleuchtet hatte ...
Verglichen mit solchen Erscheinungen also konnte Mynheer Peeperkorn fast farblos wirken. Und wenn dieser Abschnitt unserer Erzählung, wie ein früherer, die Überschrift „Noch jemand“ tragen könnte, so braucht deshalb niemand zu besorgen, daß hier abermals ein Veranstalter geistiger und pädagogischer Konfusion auf den Plan tritt. Nein, Mynheer Peeperkorn war keineswegs der Mann, logische Verwirrung in die Welt zu tragen. Er war ein völlig anderer Mann, wie wir sehen werden. Daß gleichwohl schwere Verwirrung von seiner Person auf unseren Helden ausging, begreift sich aus folgendem.
Mynheer Peeperkorn traf mit demselben Abendzuge in Station „Dorf“ ein, wie Madame Chauchat, und fuhr mit ihr in demselben Schlitten nach Haus Berghof, woselbst er mit ihr zusammen im Restaurant das Abendessen einnahm. Es war eine mehr als gleichzeitige, es war eine gemeinsame Ankunft, und diese Gemeinsamkeit, die ihre Fortsetzung zum Beispiel in der Anordnung fand, daß Mynheer seinen Tischplatz neben der Wiedergekehrten, am Guten Russentisch angewiesen erhielt, gegenüber dem Doktorplatz, dort, wo ehemals der Lehrer Popów seine wilden und zweideutigen Aufführungen veranstaltet hatte, – diese Zusammengehörigkeit war es, die den guten Hans Castorp verstörte, da dergleichen seiner Voraussicht entgangen war. Der Hofrat hatte ihm Tag und Stunde von Clawdias Rückkehr auf seine Art angezeigt. „Na, Castorp, alter Junge,“ hatte er gesagt, „treues Ausharren wird belohnt. Übermorgen abend schleicht das Kätzchen sich wieder herein, ich hab’s telegraphisch.“ Aber davon, daß Frau Chauchat nicht allein komme, hatte er nichts verlauten lassen, vielleicht weil auch er nichts davon gewußt hatte, daß sie und Peeperkorn zusammen kämen und zusammengehörten, – wenigstens gab er Überraschung vor, als Hans Castorp ihn am Tage nach der gemeinsamen Ankunft gewissermaßen zur Rede stellte.
„Kann ich Ihnen auch nicht sagen, wo sie den aufgegabelt hat“, erklärte er. „Eine Reisebekanntschaft offenbar, von den Pyrenäen her, nehme ich an. Tja, den müssen Sie nun erst mal in Kauf nehmen, Sie enttäuschter Seladon, hilft Ihnen alles nichts. Dicke Freundschaft, verstehen Sie. Wie es scheint, haben sie sogar gemeinsame Reisekasse. Der Mann ist schwer reich, nach allem, was ich höre. Kaffeekönig in Ruhestand, müssen Sie wissen, malaiischer Kammerdiener, opulente Umstände. Übrigens kommt er bestimmt nicht zum Spaß, denn außer einer gehörigen alkoholischen Verschleimung scheint malignes Tropenfieber vorzuliegen, Wechselfieber, verstehen Sie, verschleppt, hartnäckig. Sie werden Geduld mit ihm haben müssen.“
„Bitte sehr, bitte sehr“, sagte Hans Castorp von oben herab. „Und du?“ dachte er. „Wie ist dir zumute? Ganz unbeteiligt bist du doch auch nicht, von früher her, wenn mich nicht dieses und jenes täuscht, blaubackiger Witwer mit deiner anschaulichen Ölmalerei. Legst allerlei Schadenfreude in deine Worte, wie mir scheint, und dabei sind wir doch Leidensgenossen, gewissermaßen in Hinsicht auf Peeperkorn.“ – „Kurioser Mann, entschieden originelle Erscheinung“, sagte er mit entwerfender Gebärde. „Robust und spärlich, das ist der Eindruck, den man von ihm gewinnt, den ich wenigstens heute beim Frühstück von ihm gewonnen habe. Robust und auch wieder spärlich, mit diesen Eigenschaftswörtern muß man ihn meiner Meinung nach kennzeichnen, obgleich sie gewöhnlich nicht für vereinbar gelten. Er ist wohl groß und breit und steht gern spreizbeinig da, die Hände in seinen senkrechten Hosentaschen vergraben – sie sind senkrecht angebracht bei ihm, wie ich bemerken mußte, nicht seitlich, wie bei Ihnen und mir und sonst wohl in den höheren Gesellschaftsklassen –, und wenn er so dasteht und nach holländischer Weise am Gaumen redet, dann hat er unleugbar was recht Robustes. Aber sein Kinnbart ist schütter, – lang, aber schütter, daß man die Haare zählen zu können glaubt, und seine Augen sind auch nur klein und blaß, ohne Farbe geradezu, ich kann mir nicht helfen, und es nützt nichts, daß er sie immer aufzureißen sucht, wovon er die ausgeprägten Stirnfalten hat, die erst an den Schläfen aufwärts und dann horizontal über seine Stirn laufen, – seine hohe, rote Stirn, wissen Sie, um die das weiße Haar zwar lang, aber spärlich steht, – die Augen bleiben doch klein und blaß, trotz allem Aufreißen. Und seine Schlußweste verleiht ihm was Geistliches, trotzdem der Gehrock karriert ist. Das ist mein Eindruck von heute morgen.“
„Ich sehe, Sie haben ihn aufs Korn genommen“, antwortete Behrens, „und sich den Mann gut angesehen in seiner Eigenart, was ich vernünftig finde, denn Sie werden sich mit seinem Vorhandensein arrangieren müssen.“
„Ja, das werden wir wohl“, sagte Hans Castorp. – Es ist ihm überlassen geblieben, von der Figur des neuen, unerwarteten Gastes ein ungefähres Bild zu zeichnen, und er hat seine Sache nicht schlecht gemacht, – wir hätten sie auch nicht wesentlich besser machen können. Allerdings war sein Beobachtungsposten der günstigste gewesen: wir wissen ja, daß er während Clawdias Abwesenheit dem Guten Russentisch nachbarlich nahegerückt war, und da der seine mit jenem parallel stand – nur daß der andere etwas weiter gegen die Verandatür sich vorschob – und Hans Castorp sowohl wie Peeperkorn die nach dem Saalinnern gelegenen Schmalseiten einnahmen, so saßen sie sozusagen nebeneinander, Hans Castorp etwas hinter dem Holländer, was eine unauffällige Exploration erleichterte, – während er Frau Chauchat im Dreiviertelsprofil schräg vor sich hatte. Ergänzend wäre seiner begabten Skizze etwa hinzuzufügen, daß Peeperkorns Oberlippe rasiert, seine Nase groß und fleischig und sein Mund ebenfalls groß und von unregelmäßiger Lippenbildung, gleichsam zerrissen war. Ferner waren seine Hände zwar ziemlich breit, aber mit langen, spitz zulaufenden Nägeln versehen, und er bediente sich ihrer beim Sprechen – bei seinem fast unaufhörlichen, wenn auch für Hans Castorp dem Inhalte nach nicht recht greifbaren Sprechen – zu auserlesenen, die Aufmerksamkeit spannenden Gebärden, den delikat nuancierenden, gepflegten, genauen und reinlichen Kulturgebärden eines Dirigenten, den Zeigefinger mit dem Daumen zum Kreise gekrümmt oder die flache Hand – breit, aber nagelspitz – behütend, abdämpfend, Achtsamkeit fordernd ausgebreitet, – um dann die lächelnde Achtsamkeit, die er hervorgerufen, durch die Ungreifbarkeit seiner so stark vorbereiteten Äußerung zu enttäuschen, – oder vielmehr nicht eigentlich zu enttäuschen, sondern in ein erfreutes Staunen zu verwandeln; denn die Stärke, Zartheit und Bedeutsamkeit der Vorbereitung ersetzte in hohem Grade noch nachträglich, was ausblieb, und wirkte befriedigend, unterhaltend, ja bereichernd durch sich selbst. Zuweilen erfolgte die Äußerung überhaupt nicht. Er legte zart seine Hand auf den Unterarm seines Nachbarn zur Linken, eines jungen bulgarischen Gelehrten, oder auf den Madame Chauchats zu seiner Rechten, hob dann diese Hand schräg aufwärts, Schweigen und Spannung gebietend für das, was zu sagen er im Begriffe war, und blickte mit hochgezogenen Brauen, so daß die rechtwinklig von seiner Stirn zu den äußeren Augenwinkeln laufenden Falten sich maskenhaft vertieften, neben dem so Gefesselten auf das Tischtuch nieder, indes seine großen, zerrissenen Lippen, geöffnet, im Begriffe schienen, höchst Wichtiges zu entlassen. Nach einer Weile jedoch atmete er aus, verzichtete, winkte gleichsam „Rührt euch“ und wandte sich unverrichteterdinge seinem Kaffee wieder zu, den er sich extra stark, in einer eigenen Maschine, hatte servieren lassen.
Nachdem er ihn getrunken, verfuhr er, wie folgt. Er dämmte mit der Hand die Unterhaltung zurück, schuf Stille, wie der Dirigent, der das Durcheinander der stimmenden Instrumente zum Schweigen bringt und sein Orchester, kulturell gebietend, zum Beginn der Aufführung sammelt, – denn da sein großes, vom weißen Haar umflammtes Haupt mit den blassen Augen, den mächtigen Stirnfalten, dem langen Kinnbart und dem bloßliegenden wehen Munde darüber unstreitig bedeutend wirkte, so fügte alles sich seiner Gebärde. Alle verstummten, sahen ihn lächelnd an, warteten, und da und dort nickte einer ihm zur Ermunterung lächelnd zu. Er sagte mit ziemlich leiser Stimme:
„Meine Herrschaften. – Gut. Alles gut. Er–ledigt. Wollen Sie jedoch ins Auge fassen und nicht – keinen Augenblick – außer acht lassen, daß – Doch über diesen Punkt nichts weiter. Was auszusprechen mir obliegt, ist weniger jenes, als vor allem und einzig dies, daß wir verpflichtet sind, – daß der unverbrüchliche – ich wiederhole und lege alle Betonung auf diesen Ausdruck – der unverbrüchliche Anspruch an uns gestellt ist – – Nein! Nein, meine Herrschaften, nicht so! Nicht so, daß ich etwa – Wie weit gefehlt wäre es, zu denken, daß ich – – Er–ledigt, meine Herrschaften! Vollkommen erledigt. Ich weiß uns einig in alldem, und so denn: zur Sache!“
Er hatte nichts gesagt; aber sein Haupt erschien so unzweifelhaft bedeutend, sein Mienen- und Gestenspiel war dermaßen entschieden, eindringlich, ausdrucksvoll gewesen, daß alle und auch der lauschende Hans Castorp höchst Wichtiges vernommen zu haben meinten oder, sofern ihnen das Ausbleiben sachlicher und zu Ende geführter Mitteilung bewußt geworden war, dergleichen doch nicht vermißten. Wir fragen uns, wie einem Tauben zumute gewesen wäre. Vielleicht hätte er sich gegrämt, weil er den Fehlschluß vom Ausdruck aufs Ausgedrückte gemacht und sich eingebildet hätte, durch sein Gebrechen geistig zu kurz zu kommen. Solche Leute neigen zu Mißtrauen und Bitterkeit. Ein junger Chinese dagegen, am anderen Tischende, der des Deutschen noch wenig mächtig war und nicht verstanden, aber gehört und gesehen hatte, bekundete seine erfreute Befriedigung durch den Ruf: „Very well!“ – und applaudierte sogar.
Und Mynheer Peeperkorn kam „zur Sache“. Er richtete sich auf, dehnte die breite Brust, knöpfte den karrierten Gehrock über der geschlossenen Weste zu, und sein weißes Haupt war königlich. Er winkte eine Saaltochter heran – es war die Zwergin –, und obgleich sehr beschäftigt, folgte sie sofort seinem bedeutenden Zeichen und stellte sich, Milch- und Kaffeekanne in Händen, neben seinen Stuhl. Auch sie konnte nicht umhin, ihm mit ihrem großen, ältlichen Gesicht lächelnd und ermunternd zuzunicken, in Achtsamkeit gebannt von seinem blassen Blick unter den mächtigen Stirnfalten, von seiner erhobenen Hand, deren Zeigefinger sich mit dem Daumen zum Kreise vereinigte, während die drei übrigen Finger aufwärts standen, von den Lanzenspitzen der Nägel überragt.
„Mein Kind“, sagte er, „– gut. Alles ganz gut soweit. Sie sind klein, – was macht mir das? Im Gegenteil! Ich werte es positiv, ich danke Gott dafür, daß Sie sind, wie Sie sind, und durch Ihre charaktervolle Kleinheit – Nun gut denn! Auch was ich von Ihnen wünsche, ist klein, klein und charaktervoll. Vor allem, wie heißen Sie?“
Sie stotterte lächelnd und sagte dann, daß ihr Name Emerentia sei.
„Vortrefflich!“ rief Peeperkorn, indem er sich gegen die Stuhllehne zurückwarf und den Arm gegen die Zwergin ausstreckte. Er rief es mit einer Betonung, als wollte er sagen: Aber was wollen Sie denn? Alles steht wundervoll! – „Mein Kind,“ fuhr er aufs ernsteste und fast mit Strenge fort, „– das übertrifft alle meine Erwartungen. Emerentia – Sie sprechen es mit Bescheidenheit aus, aber der Name – und in Verbindung mit Ihrer Person – kurzum, das eröffnet die schönsten Möglichkeiten. Er ist wohl wert, daß man ihm nachhängt und alles Gefühl seiner Brust daransetzt, um – in der Koseform – Sie verstehen mich wohl, mein Kind: in der Koseform – möge es Rentia heißen, aber auch Emchen wäre erwärmend, – für den Augenblick halte ich es ohne Schwanken mit Emchen. Emchen also, mein Kind, merke auf: Ein wenig Brot, meine Liebe. Halt! Steh! Daß ja kein Mißverständnis sich einschleiche! Ich sehe es deinem verhältnismäßig großen Gesichte an, daß diese Gefahr – Brot, Renzchen, aber nicht gebackenes Brot, – wir haben hier davon die Fülle, in allerlei Gestalt. Sondern gebranntes, mein Engel. Gottesbrot, klares Brot, kleine Koseform, und zwar der Labung wegen. Ich bin ungewiß, ob Ihnen der Sinn dieses Wortes – ich würde vorschlagen, ‚Herzstärkung‘ dafür einzusetzen, liefe hier nicht die neue Gefahr mit unter, es im Sinne gebräuchlicher Leichtfertigkeit – Er–ledigt, Rentia. Erledigt und ausgeschlossen. Vielmehr im Sinn unserer Pflicht und heiligen Verbindlichkeit – Zum Beispiel also der mir obliegenden Ehrenschuld, mich deiner charakteristischen Kleinheit so recht starken Herzens – Einen Genever, Geliebte! – Zu erfreuen, wollte ich sagen. Schiedamer, Emerenzchen. Eile und bringe mir einen!“
„Einen Genever, echt“, wiederholte die Zwergin, drehte sich einmal um sich selbst, in dem Wunsch, ihrer Kannen ledig zu werden, und stellte sie dann auf Hans Castorps Tisch, neben sein Besteck, offenbar, weil sie Herrn Peeperkorn nicht damit behelligen mochte. Sie eilte, und ihr Auftraggeber erhielt sofort das Gewünschte. Das Gläschen war so voll geschenkt, daß das „Brot“ an allen Seiten daran herunterlief und den Teller benetzte. Er nahm es mit Daumen und Mittelfinger und hob es gegen das Licht. „Sohin“, erklärte er, „labt Pieter Peeperkorn sich mit einem Schnaps.“ Und er schluckte das Korndestillat, nachdem er es kurz gekaut. „Jetzt“, sagte er, „sehe ich Sie alle mit erquickten Augen an.“ Und er nahm Frau Chauchats Hand vom Tischtuch, führte sie an die Lippen und legte sie dann zurück, worauf er die seine noch einige Zeit darauf ruhen ließ.
Ein eigentümlicher, persönlich gewichtiger, wenn auch undeutlicher Mann. Die Berghof-Gesellschaft nahm regen Anteil an ihm. Er habe sich kürzlich von den Kolonialgeschäften zurückgezogen, hieß es, und das Seine ins Trockene gebracht. Man sprach von seinem prächtigen Hause im Haag und seiner Villa in Scheveningen. Frau Stöhr nannte ihn einen „Geld-Magneten“ (Magnat! Die Fürchterliche!) und konnte dabei auf eine Perlenreihe hinweisen, die Madame Chauchat seit ihrer Heimkehr zum Abendkleide trug, und die nach Karolinens Meinung wohl kaum als Zeugnis transkaukasischer Gattengalanterie verstanden werden durfte, sondern der „gemeinsamen Reisekasse“ entstammte. Sie zwinkerte dabei, wies seitlich mit dem Kopf auf Hans Castorp und zog in parodistischer Betrübnis den Mund herunter, indem sie, unverfeinert durch Krankheit und Leiden, seine Mißlage zu rücksichtsloser Verhöhnung ausnutzte. Er bewahrte Haltung. Er verbesserte ihren Bildungsschnitzer sogar nicht ohne Witz. Sie habe sich versprochen, sagte er. Geldmagnat. Aber Magnet sei auch nicht schlecht, denn offenbar habe Peeperkorn viel Anziehendes. Auch der Lehrerin Engelhart, als sie ihn matt errötend, scheel lächelnd und ohne ihn anzusehen befragte, wie der neue Gast ihm behage, antwortete er mit gut bewahrtem Gleichmut. Mynheer Peeperkorn sei eine „verwischte Persönlichkeit“, sagte er, – eine Persönlichkeit, aber verwischt. Die Genauigkeit dieser Kennzeichnung bewies Objektivität und damit Gemütsruhe; sie warf die Lehrerin aus ihrer Position. Und was nun gar Ferdinand Wehsal und seinen verzerrten Hinweis auf die unerwarteten Umstände betraf, unter denen Frau Chauchat zurückgekehrt war, so bewies hier Hans Castorp, daß es Blicke gibt, die an präziser Eindeutigkeit um kein Haar dem artikuliertesten Worte nachstehen. „Erbärmlicher!“ besagte der Blick, mit dem er den Mannheimer maß, besagte es unter Ausschluß jeder auch nur aufs leichteste fehlgehenden Auslegung, und Wehsal anerkannte denn auch diesen Blick und steckte ihn ein, ja er nickte sogar dazu, indem er seine zerstörten Zähne zeigte, nahm aber doch von nun an Abstand davon, auf Spaziergängen mit Naphta, Settembrini und Ferge Hans Castorps Paletot zu tragen.
In Gottes Namen, er konnte ihn selber tragen, er trug ihn sogar lieber selbst, und nur aus Freundlichkeit hatte er ihn dem Elenden dann und wann überlassen. Das aber verkennt wohl niemand in unserer Runde, daß Hans Castorp hart betroffen war durch jene völlig unvorhergesehenen Umstände, die alle Vorbereitungen zuschanden machten, die er für das Wiedersehen mit dem Gegenstand seiner Faschingsabenteuer innerlich getroffen hatte. Besser gesagt: sie machten sie überflüssig, und darin lag das Beschämende.
Seine Vorsätze waren die zartesten, besonnensten gewesen, weit entfernt von täppischem Ungestüm. Kein Gedanke daran, daß er Clawdia etwa vom Bahnhof hatte abholen wollen, – und ein Glück nur, daß er diesen Gedanken nicht hatte aufkommen lassen! Überhaupt aber war ganz ungewiß gewesen, ob eine Frau, der die Krankheit so große Freiheit verlieh, die phantastischen Ereignisse einer fernen maskierten und fremdsprachigen Traumnacht auch nur werde wahrhaben wollen, oder ob sie wünschen werde, unmittelbar daran erinnert zu sein. Nein, keine Zudringlichkeit, kein plumper Anspruch! Selbst zugegeben, daß sein Verhältnis zu der schrägäugigen Kranken die Grenzen abendländischer Vernunft und Gesittung dem Wesen nach hinter sich ließ, – in der Form war vollkommenste Zivilisation und für den Augenblick sogar der Schein der Gedächtnislosigkeit zu wahren. Ein Kavaliersgruß von Tisch zu Tisch – fürs erste nichts weiter! Ein höfisches Hinzutreten bei späterer Gelegenheit, unter leichter Erkundigung nach dem Ergehen der Reisenden seit neulich ... Das eigentliche Wiedersehen mochte sich zu seiner Stunde als Lohn beherrschter Ritterlichkeit daraus ergeben.
All dieser Zartsinn, wie gesagt, erschien nun hinfällig dadurch, daß ihm die Freiwilligkeit und damit alle Verdienstlichkeit genommen war. Die Gegenwart Mynheer Peeperkorns schaltete die Möglichkeit einer Taktik, die nicht in äußerster Zurückhaltung bestanden hätte, allzu gründlich aus. Hans Castorp hatte am Abend der Ankunft von seiner Loge aus den Schlitten, auf dessen Bock neben dem Kutscher der malaiische Kammerdiener saß, ein gelbes Männchen mit einem Pelzkragen auf dem Überzieher und in steifem Hut, im Schritt die Wegschleife heraufkommen sehen, und zuseiten Clawdias im Fond hatte, Hut in der Stirn, der Fremde gesessen. Diese Nacht hatte Hans Castorp wenig geschlafen. Am Morgen hatte es keine Schwierigkeiten bereitet, den Namen des verwirrenden Mitkömmlings zu erfahren, mit der Nachricht als Dreingabe, daß beide im ersten Stockwerk nachbarliche Vorzugsräumlichkeiten bezogen hätten. Dann war das erste Frühstück gekommen, bei dem er, zeitig an seinem Platze und blaß genug, auf das Zufallen der Glastür gewartet hatte. Es war ausgeblieben. Clawdias Eintritt hatte sich lautlos vollzogen, denn hinter ihr hatte Mynheer Peeperkorn die Glastür geschlossen, – groß, breit und hochgestirnt, weiß umlodert das mächtige Haupt, war er den Spuren der Reisegefährtin gefolgt, die sich mit vertrautem Katzentritt, vorgeschobenen Kopfes, ihrem Tisch genähert hatte. Ja, sie war es, unverändert. Programmwidrig und selbstvergessen umfaßte Hans Castorp sie mit seinem übernächtigen Blick. Es war ihr rötlichblondes, nicht weiter kunstreich frisiertes, sondern in einfacher Flechte um den Kopf gelegtes Haar, es waren ihre „Steppenwolfslichter“, ihre Nackenrundung, ihre Lippen, die voller erschienen, als sie waren, vermöge jener Betonung der Wangenknochen, die eine anmutige Höhlung der Wangen selbst bewirkte ... Clawdia! dachte er erschauernd, – und er faßte den Unerwarteten ins Auge, nicht ohne ein spöttisch-trotziges Kopfaufwerfen gegen die maskenhafte Großartigkeit seiner Erscheinung, nicht ohne die Aufforderung an sein Herz, sich lustig zu machen über die Großmächtigkeit eines gegenwärtigen Besitzrechtes, das durch gewisse Vergangenheiten in ein recht schiefes Licht gesetzt wurde: gewisse Vergangenheiten in der Tat, nicht dunkel unsichere, auf dem Gebiet der dilettantischen Ölmalerei gelegen, wie sie ihn selbst wohl zu beunruhigen vermocht hatten ... Auch ihre Art, vor dem Platznehmen gegen den Saal hin lächelnd Front zu machen, sich gleichsam der Gesellschaft zu präsentieren, hatte Frau Chauchat bewahrt, und Peeperkorn leistete ihr Gefolgschaft darin, indem er schräg hinter ihr stehend die kleine Zeremonie sich vollziehen ließ, um sich danach an seinem Tischende zu Clawdias Seite niederzulassen.
Es war nichts gewesen mit dem Kavaliersgruß von Tisch zu Tisch. Clawdias Augen waren bei der „Vorstellung“ über Hans Castorps Person wie über seinen ganzen Ort in fernere Gegenden des Saales hinweggeschweift; bei der folgenden Zusammenkunft im Speisesaal war es nicht anders gewesen; und je mehr Mahlzeiten vergingen, ohne daß die Blicke sich anders begegnet wären, als in einem blinden und gleichgültigen Hinstreifen von Frau Chauchats Seite, wenn sie sich während des Essens einmal umwandte, desto unpassender wurde es, den Kavaliersgruß noch anzubringen. Während der kurzen Abendgeselligkeit hielten die Reisegefährten sich in dem kleinen Salon: Auf dem Sofa saßen sie nebeneinander, im Kreise ihrer Tischgenossen, und Peeperkorn, dessen großartiges Angesicht hochgerötet gegen die Weiße seines flammenden Haars und seines Kinnbartes abstach, trank die Flasche Rotwein zu Ende, die er sich zum Diner hatte geben lassen. Zu jeder Hauptmahlzeit trank er eine, auch anderthalb oder zwei, zu schweigen von dem „Brote“, mit dem er schon beim ersten Frühstück begann. Offenbar war der königliche Mann der Labung in ungewöhnlichem Grade bedürftig. Auch in Gestalt von extrastarkem Kaffee führte er sie sich mehrmals am Tage zu: nicht nur in der Frühe, sondern auch mittags trank er ihn aus großer Tasse, – nicht nach der Mahlzeit, sondern während ihrer und neben dem Wein. Beides, hörte Hans Castorp ihn sagen, sei gut gegen das Fieber, – von aller labenden Wirkung ganz abgesehen, sehr gut gegen sein intermittierendes Tropenfieber, das ihn schon am zweiten Tage für mehrere Stunden an Zimmer und Bett fesselte. Quartanfieber nannte der Hofrat es, da es den Holländer ungefähr viertägig anwandelte: erst als ein Klappern, dann als ein Glühen und dann als ein Schwitzen. Auch eine geschwollene Milz sollte er davon haben.
Vingt et un
So verging eine Zeit, – es waren Wochen, wohl drei bis vier, von uns aus geschätzt, da wir uns auf Hans Castorps Urteil und messenden Sinn unmöglich verlassen können. Sie glitten dahin, ohne neue Veränderung zu zeitigen, sie zeitigten auf seiten unseres Helden gewohnheitsmäßigen Trotz gegen unvorgesehene Umstände, die ihm eine verdienstlose Zurückhaltung auferlegten; gegen jenen Umstand, der sich selbst Pieter Peeperkorn nannte, wenn er einen Schnaps zu sich nahm; an das störende Vorhandensein dieses königlichen, gewichtigen und undeutlichen Mannes, – störend in der Tat auf viel derbere Weise, als etwa Herr Settembrini „hier gestört“ hatte, in alten Tagen. Trotzig-mißlaunige Falten gruben sich senkrecht zwischen Hans Castorps Brauen ein, und unter diesen Falten betrachtete er fünfmal am Tage die Heimgekehrte, froh immerhin, sie betrachten zu können und voller Geringschätzung für eine großmächtige Gegenwart, die nicht ahnte, ein wie schiefes Licht die Vergangenheit auf sie warf.
Eines Abends nun aber, wie das wohl ohne besonderen Anlaß einmal geschehen mochte, hatte die Abendgeselligkeit in Halle und Zimmern sich reger als alltäglich gestaltet. Es hatte Musik gegeben, Zigeunerweisen, von einem ungarischen Studenten auf der Geige keck exekutiert, worauf Hofrat Behrens, der ebenfalls mit Doktor Krokowski auf eine Viertelstunde erschienen war, irgend jemanden genötigt hatte, in der tieferen Lage des Pianinos die Melodie des „Pilgerchors“ zu spielen, während er selbst, daneben stehend, den Diskant des Instrumentes auf hüpfende Art mit einer Bürste bearbeitete und so die begleitenden Violinfiguren parodierte. Das gab zu lachen. Unter großem Applaus, mit wohlwollendem Kopfschütteln, das dem eigenen Übermut galt, verließ der Hofrat danach die Konversationsräume. Die Geselligkeit aber spann sich hin, noch wurde fortmusiziert, ohne daß gesammelte Aufmerksamkeit dafür gefordert worden wäre, man saß bei Domino und Bridge mit Getränken, unterhielt sich mit den Scherzinstrumenten, und plauderte da und dort. Auch die Gesellschaft des Guten Russentisches hatte sich unter die Gruppen der Halle und des Klavierzimmers gemischt. Man sah Mynheer Peeperkorn an verschiedenen Stellen, – man konnte nicht umhin, ihn zu sehen, sein majestätisches Haupt überragte jede Umgebung, schlug sie durch königliche Wucht und Bedeutung, und wenn diejenigen, die ihn umstanden, ursprünglich nur durch das Gerücht seines Reichtums mochten angezogen worden sein, so war es doch sehr bald seine Persönlichkeit selbst und allein, an der sie hingen: lächelnd standen sie und nickten ihm zu, ermunternd und selbstvergessen; gebannt durch sein fahles Auge unter den mächtigen Stirnfalten, in Spannung gehalten durch die Eindringlichkeit seiner langnägeligen Kulturgebärden und ohne über die unverständliche Abgerissenheit, Undeutlichkeit und tatsächliche Unbrauchbarkeit dessen, was ihnen folgte, sich des leisesten Enttäuschungsgefühles bewußt zu werden.
Sehen wir uns unter diesen Verhältnissen nach Hans Castorp um, so finden wir ihn im Schreib- und Lesezimmer, jenem Gesellschaftsraum, wo ihm einst (dies Einst ist vage; Erzähler, Held und Leser sind nicht mehr ganz im klaren über seinen Vergangenheitsgrad) gewichtige Eröffnungen über die Organisation des Menschheitsfortschritts zuteil geworden. Es war stiller hier; nur ein paar Personen teilten mit ihm den Aufenthalt. Jemand schrieb unter einer elektrischen Hängelampe an einem der Doppelpulte. Eine Dame mit zwei Zwickern auf der Nase blätterte an der Bibliothek sitzend in einem illustrierten Bande. Hans Castorp saß in der Nähe des offenen Durchganges zum Klavierzimmer, den Rücken der Portiere zugewandt, mit einer Zeitung auf dem Stuhl, der dort eben gestanden hatte, einem plüschbezogenen Renaissancestuhl, wenn man ihn sehen will, mit hoher, gerader Rückenlehne und ohne Armlehnen. Der junge Mann hielt seine Zeitung zwar so, wie man sie hält, um zu lesen, las aber nicht, sondern lauschte mit schrägem Kopf auf das abgerissene und mit Gespräch durchsetzte Musizieren nebenan, während die Finsternis seiner Brauen darauf hindeutete, daß auch dies nur mit halbem Ohre geschah, und daß seine Gedanken unmusikalische Wege gingen, dornige Wege der Enttäuschung durch Umstände, die einen jungen Mann, der große Wartezeit auf sich genommen, am Ende dieser Wartezeit schmählich zum Narren hielten, – bittere Wege des Trotzes, auf denen es bestimmt nicht mehr weit war bis zu dem Entschluß und seiner Ausführung, die Zeitung auf diesen zufälligen und unbequemen Stuhl zu legen, durch jene Tür, durch die nach der Halle, hinauszugehen und die frostbeißende Einsamkeit der Balkonloge, zu zweien mit Maria Mancini, gegen diese verpfuschte Geselligkeit einzutauschen.
„Und Ihr Vetter, Monsieur?“ fragte hinter ihm, über seinem Kopf, eine Stimme. Es war eine bezaubernde Stimme für sein Ohr, das nun einmal geschaffen war, ihre herbsüße Verschleierung als extreme Annehmlichkeit zu empfinden – den Begriff des Angenehmen eben auf einen extremen Gipfel getrieben –, es war die Stimme, die vor Zeiten gesagt hatte: „Gern. Aber mach ihn nicht entzwei“, eine bezwingende, eine Schicksalsstimme, und wenn ihm recht war, so hatte sie nach Joachim gefragt.
Er ließ seine Zeitung langsam sinken und schob das Gesicht etwas höher, so daß sein Kopf weiter oben, nur mit dem Haarwirbel an der steilen Stuhllehne lag. Er schloß sogar die Augen ein wenig, tat sie aber gleich wieder auf, um sie schräg aufwärts, in der Richtung, die seinem Blick durch die Haltung seines Kopfes gewiesen war, irgendwohin ins Leere zu richten. Der Gute, man hätte sagen mögen, sein Ausdruck habe fast etwas Seherisches und Somnambules. Er wünschte, sie möchte noch einmal fragen, doch das geschah nicht. So war er nicht einmal sicher, ob sie noch hinter ihm stände, als er nach geraumer Zeit, mit sonderbarer Verspätung und halber Stimme zur Antwort gab:
„Er ist tot. Er hat Dienst gemacht in der Ebene und ist gestorben.“
Er selbst bemerkte, daß „tot“ das erste betonte Wort war, das wieder zwischen ihnen fiel. Er bemerkte zugleich, daß sie aus Mangel an Vertrautheit mit seiner Sprache zu leichte Ausdrücke des Mitgefühls wählte, als sie hinter und über ihm sagte:
„O weh. Das ist schade. Ganz tot und begraben? Seit wann?“
„Seit einiger Zeit. Seine Mutter nahm ihn mit sich hinunter. Es war ihm ein Kriegsbart gewachsen. Es sind drei Ehrensalven über seinem Grabe abgegeben worden.“
„Die hatte er verdient. Er war sehr brav. Viel braver als andere Leute, gewisse andere.“
„Ja, er war brav. Radamanth sprach immer von seinem Biereifer. Aber sein Körper wollte es anders. Rebellio carnis, heißt es bei den Jesuiten. Er war immer körperlich gesinnt, auf ehrenhafte Weise. Aber sein Körper hatte Unehrenhaftes eindringen lassen und schlug seinem Biereifer ein Schnippchen. Es ist übrigens moralischer, sich zu verlieren und selbst zu verderben, als sich zu bewahren.“
„Ich sehe wohl, man ist immer noch ein philosophischer Taugenichts. Radamanth? Wer ist das?“
„Behrens. Settembrini nennt ihn so.“
„Ah, Settembrini, ich weiß. Das war jener Italiener da ... Ich liebte ihn nicht. Er war nicht menschlich gesinnt.“ (Die Stimme sprach das Wort „mähnschlich“ aus, mit einer gewissen trägen und schwärmerischen Dehnung.) „Er war hochmütig.“ (Auf der zweiten Silbe betont.) „Er ist nicht mehr da? Ich bin dumm. Ich weiß nicht, was das ist: Radamanth.“
„Etwas Humanistisches. Settembrini ist verzogen. Wir haben weitläufig philosophiert in diesen Zeiten, er und Naphta und ich.“
„Wer ist Naphta?“
„Sein Widersacher.“
„Wenn er sein Widersacher ist, möchte ich seine Bekanntschaft machen. – Aber habe ich nicht gesagt, daß Ihr Vetter sterben würde, wenn er versuchte, in der Ebene Soldat zu sein?“
„Ja, du hast es gewußt.“
„Was fällt Ihnen ein!“
Längeres Stillschweigen. Er widerrief nichts. Er wartete, den Wirbel gegen die steile Lehne gedrückt, mit Seherblick auf das Wiederlautwerden der Stimme, ungewiß aufs neue, ob sie noch hinter ihm sei, befürchtend, das abgerissene Musizieren nebenan möchte das Geräusch sich entfernender Schritte verschlungen haben. Endlich jedoch kam es wieder:
„Und Monsieur ist nicht einmal zum Begräbnis des Vetters gefahren?“
Er antwortete:
„Nein, ich habe ihm hier Adieu gesagt, bevor man ihn einschloß, da er anfing, zu lächeln. Du glaubst nicht, wie kalt seine Stirne war.“
„Schon wieder! Was für eine Redeweise zu einer Dame, die man kaum kennt!“
„Soll ich humanistisch reden statt menschlich?“ (Unwillkürlich dehnte auch er das Wort auf schläfrige Weise, ungefähr wie jemand, der sich reckt und gähnt.)
„Quelle blague! – Sie waren immer hier?“
„Ja. Ich habe gewartet.“
„Worauf?“
„Auf dich.“
Ein Lachen zu seinen Häupten, hervorgestoßen zugleich mit dem Worte „Narr!“ „Auf mich! Man wird dich nicht fortgelassen haben.“
„Doch, Behrens hätte mich einmal fortgelassen, im Jähzorn. Aber es wäre nur wilde Abreise gewesen. Denn außer den alten Narben von früher her, aus meiner Schulzeit, du weißt, ist da die frische Stelle, die Behrens gefunden hat, und die mir das Fieber macht.“
„Immer noch Fieber?“
„Ja, immer etwas. Fast immer. Es wechselt. Aber es ist kein Wechselfieber.“
„Des allusions?“
Er schwieg. Er machte finstere Brauen über seinem Seherblick. Nach einer Weile fragte er:
„Und wo warst du?“
Eine Hand schlug auf die Stuhllehne.
„Mais c’est un sauvage! – Wo ich war? Überall. In Moskau“ (die Stimme sagte „Muoskau“, – es war eine ähnlich träge Dehnung wie die von „mähnschlich“), „in Baku, in deutschen Bädern, in Spanien.“
„O, in Spanien. Wie war es?“
„Soso. Man reist schlecht. Die Leute sind halbe Mohren. Kastilien ist sehr dürr und starr. Der Kreml ist schöner als das Schloß oder Kloster dort am Fuß des Gebirges ...“
„Der Eskorial.“
„Ja, Philipps Schloß. Ein unmähnschliches Schloß. Mir hat viel besser gefallen der Volkstanz in Katalunien, die Sardana, zum Dudelsack. Ich habe selbst mitgetanzt. Alle fassen sich an und tanzen Ringelreihn. Der ganze Platz ist voll. C’est charmant. Es ist mähnschlich. Ich habe mir eine kleine blaue Mütze gekauft, wie dort alle Männer und Knaben des Volks sie tragen, fast schon ein Fes, die Boina. Ich trage sie in der Liegekur und sonst. Monsieur wird urteilen, ob sie mir gut steht.“
„Welcher Monsieur?“
„Der hier im Stuhl.“
„Ich dachte: Mynheer Peeperkorn.“
„Der hat schon geurteilt. Er sagt, sie stände mir reizend.“
„Hat er das gesagt? Zu Ende gesagt? Den Satz zu Ende gesprochen, daß man ihn verstehen konnte?“
„Ah, es scheint, man ist mißgelaunt. Man möchte boshaft sein, beißend. Man versucht, sich lustig zu machen über Leute, die viel größer und besser und mähnschlicher sind als man selber mitsamt seinem ... avec son ami bavard de la Méditerranée, son maître grand parleur ... Aber ich werde nicht erlauben, daß man meine Freunde –“
„Hast du mein Innenporträt noch?“ unterbrach er die Stimme in schwermütigem Tonfall.
Sie lachte. „Ich müßte einmal danach suchen.“
„Ich trage das deine hier. Außerdem habe ich eine kleine Staffelei auf meiner Kommode, wo es bei Nacht und –“
Er kam nicht zu Ende. Vor ihm stand Peeperkorn. Er hatte sich nach seiner Reisebegleiterin umgesehen; durch die Portiere war er hereingekommen und stand vor dem Stuhle dessen, mit dem er sie hinterrücks plaudern sah, – stand da wie ein Turm, und zwar dicht vor Hans Castorps Füßen, so daß dieser, durch seinen Somnambulismus nicht an der Einsicht gehindert, daß es nun aufzustehen und höflich zu sein gelte, Mühe hatte, zwischen den beiden von seinem Stuhle emporzukommen, – er mußte sich seitlich davon herunterschieben, so daß denn also die handelnden Personen in einem Dreieck standen, den Stuhl in ihrer Mitte.
Frau Chauchat genügte einer Forderung des gesitteten Abendlandes, indem sie „die Herren“ einander vorstellte. Ein Bekannter von früher her, sagte sie in Bezug auf Hans Castorp, – aus Tagen ihres vorigen Aufenthalts. Herrn Peeperkorns Existenz bedurfte keiner Erläuterung. Sie nannte seinen Namen, und der Holländer, den blassen Blick unter dem idolhaften Arabeskenwerk seiner aufmerksam vertieften Stirn- und Schläfenfalten auf den jungen Mann gerichtet, reichte ihm die Hand, deren breiter Rücken sommersprossig war, – eine Kapitänshand, dachte Hans Castorp, wenn man die Nagellanzen beiseite ließ. Zum erstenmal stand er unter der unmittelbaren Einwirkung von Peeperkorns wuchtiger Persönlichkeit („Persönlichkeit“ – man hatte das Wort beständig im Sinne angesichts seiner; man wußte auf einmal, was das war, eine Persönlichkeit, wenn man ihn sah, ja mehr noch, man war überzeugt, daß eine Persönlichkeit überhaupt nicht anders aussehen könne als er), und seine schwanken Jünglingsjahre fühlten sich erdrückt von dem Gewicht dieser breitschultrigen, rotgesichtigen, weißumlohten Sechzig, mit dem weh zerrissenen Munde und Kinnbart, der lang und schmal auf die geistlich geschlossene Weste niederhing. Übrigens war Peeperkorn die Artigkeit selbst.
„Mein Herr,“ sagte er, „– durchaus. Nein, erlauben Sie mir, – durchaus! Ich mache heute abend Ihre Bekanntschaft, – die Bekanntschaft eines vertrauenerweckenden jungen Mannes, – ich tue es mit Bewußtsein, mein Herr, ich bin mit ganzer Kraft bei der Sache. Sie gefallen mir, mein Herr; ich – bitte sehr! Erledigt. Sie sagen mir zu.“
Da gab es keine Widerrede. Seine Kulturgebärden waren allzu peremtorisch, Hans Castorp gefiel ihm. Und Peeperkorn zog Folgerungen daraus, die er andeutungsweise verlautbarte, und die durch den Mund seiner Reisebegleiterin eine hilfreich-sinngemäße Ergänzung fanden.
„Mein Kind,“ sagte er, „– alles gut. Wie wäre es aber – ich bitte mich wohl zu verstehen. Das Leben ist kurz, unser Vermögen, seinen Anforderungen gerecht zu werden, es ist nun einmal – Das sind Tatsachen, mein Kind. Gesetze. Un–er–bittlichkeiten. Kurzum, mein Kind, kurzum und gut. –“ Er verharrte in ausdrucksvoll anheimstellender Geste, die Verantwortung ablehnend für den Fall, daß hier trotz seines Hinweises ein entscheidender Fehler begangen werden sollte.
Offenbar war Frau Chauchat geübt, die Richtung seiner Wünsche aufs halbe Wort zu unterscheiden. Sie sagte:
„Warum nicht. Man könnte noch etwas beieinander bleiben, vielleicht ein Spielchen machen und eine Flasche Wein trinken. Was stehen Sie?“ wandte sie sich an Hans Castorp. „Regen Sie sich! Wir werden nicht zu dreien bleiben, wir müssen Gesellschaft haben. Wer ist noch im Salon? Engagieren Sie, wen Sie finden! Holen Sie einige Freunde von den Balkons. Wir werden Doktor Ting-Fu von unserem Tische auffordern.“
Peeperkorn rieb sich die Hände.
„Absolut“, sagte er. „Perfekt. Vorzüglich. Eilen Sie, junger Freund! Gehorchen Sie! Wir werden einen Kreis bilden. Wir werden spielen und essen und trinken. Wir werden fühlen, daß wir – Absolut, junger Mann!“
Hans Castorp fuhr mit dem Lift in den zweiten Stock. Er klopfte bei A. K. Ferge an, der seinerseits Ferdinand Wehsal und Herrn Albin aus ihren Stühlen in der unteren Liegehalle holte. Man hatte Staatsanwalt Paravant und das Ehepaar Magnus noch in der Halle, Frau Stöhr und die Kleefeld noch im Salon gefunden. Hier wurde unter dem Mittellüster ein geräumiger Spieltisch aufgeschlagen, den man mit Stühlen und kleinen Anrichtetischen umgab. Mynheer begrüßte jeden Gast, der sich zugesellte, blassen und höflichen Blickes, unter aufmerksam emporgezogenen Stirnarabesken. Zu zwölf Personen ließ man sich nieder, Hans Castorp zwischen dem majestätischen Gastgeber und Clawdia Chauchat; Karten und Spielmarken wurden aufgelegt, denn man hatte sich auf einige Gänge Vingt et un geeinigt, und Peeperkorn bestellte in seiner bedeutsamen Art bei der herbeigerufenen Zwergin Wein, einen weißen Chablis vom Jahre 06, drei Flaschen fürs erste, und Süßigkeiten dazu, was eben an gedörrtem Südobst und Konfiserie würde aufzutreiben sein. Das Händereiben, mit dem er die guten Dinge begrüßte, die aufgetragen wurden, war voll von Behagen, und auch in Worten, die auf bedeutende Art abrissen, suchte er seine Empfindungen mitzuteilen, mit vollem Gelingen in der Tat, soweit eine allgemeine Persönlichkeitswirkung in Frage kam. Er legte beide Hände auf die Unterarme seiner Nachbarn, hob den lanzenspitzen Zeigefinger und forderte mit umfassendem Erfolge die höchste Aufmerksamkeit für die herrliche Goldfarbe des Weins in den Römern, für den Zucker, den die Malagatrauben schwitzten, für eine gewisse Art kleiner Salz- und Mohnbrezeln, die er göttlich nannte, indem er jeden Widerspruch, der sich gegen ein so starkes Wort etwa hätte regen wollen, durch eine peremtorische Kulturgebärde im Keime erstickte. Er war es, der als erster die Bank übernahm; doch trat er sie bald an Herrn Albin ab, da, wenn man ihn recht verstand, das Amt ihn am freien Genusse der Umstände hinderte.
Ersichtlich war das Hazard ihm Nebensache. Man spielte um nichts, seiner Meinung nach, hatte fünfzig Rappen als kleinsten Einsatz ausgerufen nach seinem Vorschlage, doch war das sehr viel für die Mehrzahl der Beteiligten; Staatsanwalt Paravant sowohl wie Frau Stöhr wurden abwechselnd rot und blaß, und namentlich diese wand sich in furchtbaren Kämpfen, wenn sie vor der Frage stand, ob sie bei achtzehn noch kaufen sollte. Sie kreischte laut, wenn Herr Albin ihr mit kalter Routine eine Karte zuwarf, deren Höhe ihr Wagnis über und über zuschanden machte, und Peeperkorn lachte herzlich darüber.
„Kreischen Sie, kreischen Sie, Madame!“ sagte er. „Es klingt schrill und lebensvoll und kommt aus tiefster – Trinken Sie, laben Sie Ihr Herz zu neuen –“ Und er schenkte ihr ein, schenkte auch seinen Nachbarn und sich selber ein, bestellte drei neue Flaschen und stieß mit Wehsal und der innerlich verödeten Frau Magnus an, da diese beiden ihm der Belebung am bedürftigsten schienen. Rasch färbten die Gesichter sich hoch und höher von dem in Wahrheit wundervollen Wein, mit Ausnahme desjenigen Doktor Ting-Fus, das unveränderlich gelb blieb, mit jettschwarzen Rattenschlitzen darin, und der mit verstecktem Kichern sehr hohe Einsätze machte, und zwar mit unverschämtem Glück. Andere wollten nicht zurückstehen. Staatsanwalt Paravant forderte schwimmenden Blickes das Schicksal heraus, indem er zehn Franken auf eine nur mäßig hoffnungsvolle Anfangskarte setzte, überkaufte sich erblassend und gewann das Geld, da Herr Albin in trügerischem Vertrauen auf ein As, das er erhalten, alle Einsätze hatte dublieren lassen, verdoppelt zurück. Das waren Erschütterungen, die sich nicht auf die Person dessen beschränkten, der sie sich bereitete. Der Kreis nahm teil daran, und selbst Herr Albin, der an kalter Umsicht mit den Croupiers des Kasinos von Monte Carlo wetteiferte, wo er Stammgast zu sein erklärte, war seiner Erregung nur unzulänglich Herr. Auch Hans Castorp spielte hoch; ebenso die Kleefeld und Frau Chauchat. Man ging zu den „Touren“ über, spielte „Eisenbahn“, „Meine Tante, deine Tante“ und das gefährliche „Différence“. Jubel und Verzweiflungsausbrüche, Entladungen der Wut und hysterische Lachanfälle, hervorgerufen durch den Reiz, den das bübische Glück auf die Nerven ausübte, ereigneten sich, und sie waren echt und ernst, – nicht anders hätten sie lauten können in den Wechselfällen des Lebens selbst.
Dennoch war es nicht nur und nicht einmal hauptsächlich das Spiel und der Wein, die die seelische Hochspannung des Kreises, diese Erhitzung der Mienen, diese Erweiterung der glänzenden Augen oder das zeitigten, was man die Angestrengtheit der kleinen Gesellschaft, ihr In-Atem-gehalten-sein, ihre fast schmerzhafte Konzentration auf den Augenblick hätte nennen können. Vielmehr war all dies auf die Einwirkung einer Herrschernatur unter den Anwesenden, auf die der „Persönlichkeit“ unter ihnen, auf diejenige Mynheer Peeperkorns zurückzuführen, der die Führung in seiner gebärdenreichen Hand hielt und alle durch das Schauspiel seiner großen Miene, seinen blassen Blick unter dem monumentalen Faltenwerk seiner Stirne, durch sein Wort und die Eindringlichkeit seiner Pantomimik in den Bann der Stunde zwang. Was sagte er? Höchst Undeutliches, und desto Undeutlicheres, je mehr er trank. Aber man hing an seinen Lippen, starrte lächelnd und mit emporgerissenen Brauen nickend auf das Rund, das sein Zeigefinger mit seinem Daumen bildete, und neben welchem die anderen Finger lanzenspitz aufragten, während es in seinem königlichen Antlitz sprechend arbeitete, und ließ sich ohne Widerstand zu einem Gefühlsdienst anhalten, der weit das Maß von hingebender Leidenschaft überstieg, das diese Leute sich sonst zuzumuten gewöhnt waren. Er ging über die Kräfte einzelner, dieser Dienst. Frau Magnus wenigstens ward unpäßlich. Sie drohte in Ohnmacht hinzuschwinden, weigerte sich aber zähe, ihr Zimmer aufzusuchen, sondern begnügte sich mit ihrer Lagerung auf der Chaiselongue, woselbst man ihre Stirn mit einer nassen Serviette versah, und von wo sie nach einiger Erholung in den Kreis zurückkehrte.
Peeperkorn wollte ihr Versagen auf mangelhafte Nahrungszufuhr zurückführen. In bedeutend abreißenden Worten, mit erhobenem Zeigefinger, ließ er sich in diesem Sinne aus. Man müsse essen, ordentlich essen, um den Anforderungen gerecht werden zu können, so gab er zu verstehen, und bestellte Stärkung für die Runde, eine Kollation, Fleisch, Aufschnitt, Zunge, Gänsebrust, Braten, Wurst und Schinken, – Platten voll fetter Leckerbissen, die, mit Butterkugeln, Radieschen und Petersilie garniert, prangenden Blumenbeeten glichen. Aber obgleich sie, eines vorangegangenen Abendessens ungeachtet, über dessen Gediegenheit kein Wort verloren zu werden braucht, frohen Zuspruch fanden, erklärte Mynheer Peeperkorn sie nach wenigen Bissen für „Firlefanz“ – und zwar mit einem Zorn, der die beängstigende Unberechenbarkeit seiner Herrschernatur bekundete. Ja, er wurde kollerig, als jemand den Imbiß in Schutz zu nehmen wagte; sein mächtiges Haupt schwoll an, und er schlug mit der Faust auf den Tisch, indem er das alles für verdammten Quark erklärte, – worauf man denn betreten verstummte, da er am Ende als Spender und Wirt das Recht hatte, seine Gaben zu beurteilen.
Übrigens stand der Zorn, so unbegreiflich er anmuten mochte, ihm vortrefflich zu Gesichte, wie namentlich Hans Castorp sich bekennen mußte. Er entstellte ihn keineswegs, verkleinerte ihn nicht, wirkte in seiner Unbegreiflichkeit, die mit den genossenen Weinmengen in Beziehung zu setzen niemand in seinem Herzen sich unterstand, so groß und königlich, daß alle sich duckten und jedermann sich hütete, von den Fleischwaren noch einen Bissen zu nehmen. Frau Chauchat war es, die ihren Reisegefährten beschwichtigte. Sie streichelte seine breite, nach dem Schlag auf dem Tisch ruhende Kapitänshand und meinte schmeichelnd, man könnte ja etwas anderes bestellen, ein warmes Gericht, wenn er wolle, und wenn der Küchenchef noch dafür zu gewinnen sein werde. „Mein Kind,“ sagte er, „– gut.“ Und mühelos, in voller Würde fand er den Übergang von schwerem Koller zu einem gemäßigten Zustande, indem er Clawdias Hand küßte. Er wollte Omeletten für sich und die Seinen, – für jedermann eine gute Kräuter-Omelette, damit man den Anforderungen gerecht werden könne. Und er schickte mit der Bestellung einen Hundertfrankenschein in die Küche, um das Personal zum Unterbrechen des Feierabends zu bestimmen.
Auch stellte sein Behagen sich völlig wieder her, als die dampfende Speise auf mehreren Platten erschien, kanariengelb und grün gesprenkelt, einen weichlich warmen Duft von Eiern und Butter im Zimmer verbreitend. Man griff zu, gemeinsam mit Peeperkorn und im Genuß überwacht von ihm, der mit abgerissenen Worten und zwingenden Kulturgebärden jedermann zu aufmerksamster, ja inbrünstiger Würdigung der Gottesgabe anhielt. Er ließ holländischen Genever dazu schenken, eine volle Runde, und zwang alle, das klare Naß, dem ein gesunder Duft nach Getreide mit einem zarten Einschlag von Wacholder entströmte, mit gespannter Andacht zu sich zu nehmen.
Hans Castorp rauchte. Auch Frau Chauchat sprach den Mundstückzigaretten zu, die sie in einer russischen, mit einer dahinsausenden Troika geschmückten Lackdose zu ihrer Bequemlichkeit vor sich auf den Tisch gelegt hatte, und Peeperkorn tadelte es nicht, daß seine Nachbarn sich diesem Vergnügen überließen, rauchte aber selbst nicht, tat es niemals. Verstand man ihn recht, so war seinem Urteile nach der Tabakkonsum bereits den überfeinerten Genüssen zuzuzählen, deren Pflege einen Raub an der Majestät der schlichten Lebensgaben bedeute, jener Gaben und Ansprüche, denen gerecht zu werden unserer Gefühlskraft doch kaum gelinge. „Junger Mann,“ sagte er zu Hans Castorp, indem er ihn mit seinem blassen Blick und seiner Kulturgebärde bannte, – „junger Mann, – das Einfache! Das Heilige! Gut, Sie verstehen mich. Eine Flasche Wein, ein dampfendes Eiergericht, ein lauterer Korn, – erfüllen und genießen wir das erst einmal, erschöpfen wir es, tun wir ihm wahrhaft Genüge, bevor wir – Absolut, mein Herr. Erledigt. Ich habe Personen gekannt, Männer und Frauen, Kokainesser, Haschischraucher, Morphinisten – Gut, lieber Freund! Perfekt! Mögen sie doch! Wir sollen nicht rechten und richten. Aber dem, was vorangehen sollte, dem Einfachen, dem Großen, dem Gottesursprünglichen waren diese Leute durchaus alles – Erledigt, mein Freund. Verurteilt. Verworfen. Sie waren ihm alles schuldig geblieben! Wie Sie auch heißen mögen, junger Mann, – Gut, ich habe es schon gewußt, ich habe es wieder vergessen, – nicht im Kokain, nicht im Opium, nicht im Laster als solchem beruht die Lasterhaftigkeit. Die Sünde, die nicht vergeben werden kann, sie beruht –“
Er hielt inne. Groß und breit, seinem Nachbar zugewandt, verharrte er in mächtig ausdrucksvollem Schweigen, das zu verstehen zwang, den Zeigefinger erhoben, mit unregelmäßig zerrissenem Munde unter der nackten und roten, von der Rasur etwas wunden Oberlippe, angestrengt emporgezogen das lineare Faltenwerk seiner kahlen, weiß umflammten Stirn, erweitert die kleinen, blassen Augen, in denen Hans Castorp etwas wie Entsetzen flackern sah vor dem Verbrechen, der großen Versündigung, dem unverzeihlichen Versagen, auf das er angespielt hatte, und das in seiner Schrecklichkeit zu ergründen er mit der ganzen bannenden Kraft einer undeutlichen Herrschernatur schweigend befahl ... Entsetzen, dachte Hans Castorp, von sachlicher Art, aber auch etwas wie persönliches Entsetzen, ihn selbst, den königlichen Mann, betreffend, – Angst also, aber nicht geringe und kleine Angst, sondern etwas wie panischer Schrecken flackerte dort, so schien es, einen Augenblick auf, und Hans Castorp war von zu ehrerbietiger Anlage, als daß nicht, aller Gründe ungeachtet, die zu feindseliger Einstellung seinerseits gegen Frau Chauchats majestätischen Reisebegleiter vorhanden waren, diese Beobachtung ihn hätte erschüttern müssen.
Er senkte die Augen und nickte, um seinem erhabenen Nachbarn die Genugtuung des Verständnisses zu bereiten.
„Das ist wohl wahr“, sagte er. „Es mag Sünde sein – und ein Zeichen von Unzulänglichkeit – den Raffinements zu frönen, ohne den einfachen und natürlichen Gaben des Lebens, die so groß und heilig sind, gerecht geworden zu sein. Dies ist Ihre Meinung, wenn ich Sie recht verstehe, Mynheer Peeperkorn, und obgleich es mir selbst noch nicht eingefallen ist, kann ich Ihnen aus eigener Überzeugung zustimmen, da Sie darauf hinweisen. Es mag übrigens selten genug vorkommen, daß diesen gesunden und einfachen Lebensgaben so recht volle Gerechtigkeit widerfährt. Bestimmt sind die meisten Leute zu schlaff und unaufmerksam und gewissenlos und innerlich ausgeleiert, um sie ihnen widerfahren zu lassen, so wird es wohl sein.“
Der Gewaltige war hoch befriedigt. „Junger Mann,“ sagte er, „– perfekt. Wollen Sie mir erlauben – kein Wort weiter. Ich bitte Sie, mit mir zu trinken, das Glas bis zum Grunde zu leeren, und zwar Arm um Arm. Dies soll noch nicht heißen, daß ich Ihnen das brüderliche Du anbiete, – ich war eben im Begriff, es zu tun, besinne mich aber, daß es ein klein wenig zu überstürzt wäre. Ich werde es Ihnen höchstwahrscheinlich in sehr absehbarer Zeit – Verlassen Sie sich darauf! Wenn Sie aber wünschen und darauf bestehen, daß wir sofort –“
Hans Castorp befürwortete andeutend den von Peeperkorn selbst angeregten Aufschub.
„Gut, mein Junge. Gut, Kamerad. Unzulänglichkeit – gut. Gut und schaudervoll. Gewissenlos, – sehr gut. Gaben – nicht gut. Anforderungen! Heilige, weibliche Anforderungen des Lebens an Ehre und Manneskraft –“
Hans Castorp mußte plötzlich erkennen, daß Peeperkorn schwer betrunken war. Doch wirkte auch seine Betrunkenheit nicht gering und beschämend, nicht als Entwürdigungszustand, sondern verband sich mit der Majestät seiner Natur zu einer großartigen und ehrfurchtgebietenden Erscheinung. Auch Bacchus selbst, dachte Hans Castorp, stützte sich betrunken auf seine enthusiastischen Begleiter, ohne darum an Gottheit einzubüßen, und im höchsten Grade kam es darauf an, wer betrunken war, eine Persönlichkeit oder ein Leineweber. Er hütete sich innerlichst, im Respekt vor dem erdrückenden Reisebegleiter im geringsten nachzulassen, dessen Kulturgebärden schlaff geworden waren und dessen Zunge lallte.
„Duzbruder –“ sagte Peeperkorn, den mächtigen Körper in freier und stolzer Trunkenheit zurückgeworfen, den Arm auf der Tischplatte ausgestreckt und mit der schlaff geballten Faust leicht aufschlagend, „– in Aussicht genommen, – in nahe Aussicht, wenn auch Besonnenheit zunächst noch – gut. Erledigt. Das Leben – junger Mann – es ist ein Weib, ein hingespreitet Weib, mit dicht beieinander quellenden Brüsten und großer, weicher Bauchfläche zwischen den ausladenden Hüften, mit schmalen Armen und schwellenden Schenkeln und halbgeschlossenen Augen, das in herrlicher, höhnischer Herausforderung unsere höchste Inständigkeit beansprucht, alle Spannkraft unserer Manneslust, die vor ihm besteht oder zuschanden wird, – zuschanden, junger Mann, begreifen Sie, was das hieße? Die Niederlage des Gefühls vor dem Leben, das ist die Unzulänglichkeit, für die es keine Gnade, kein Mitleid und keine Würde gibt, sondern die erbarmungslos und hohnlachend verworfen ist, – er–ledigt, junger Mann, und ausgespien ... Schmach und Entehrung sind gelinde Worte für diesen Ruin und Bankerott, für diese grauenhafte Blamage. Sie ist das Ende, die höllische Verzweiflung, der Weltuntergang ...“
Der Holländer hatte beim Sprechen den mächtigen Körper mehr und mehr zurückgeworfen, während zugleich sein königliches Haupt sich zur Brust neigte, als wollte er einschlafen. Bei dem letzten Worte aber ließ er die schlaffe Faust ausholend zu schwerem Schlage auf den Tisch fallen, so daß der schmächtige Hans Castorp, nervös von Spiel und Wein und von der Eigentümlichkeit aller Umstände, zusammenfuhr und ehrfürchtig erschrocken auf den Gewaltigen blickte. „Weltuntergang“ – wie das Wort ihm zu Gesichte stand! Hans Castorp erinnerte sich nicht, es jemals aussprechen gehört zu haben, außer etwa in der Religionsstunde, und das war kein Zufall, dachte er, denn wem unter allen Menschen, die er kannte, wäre ein solches Donnerwort wohl zugekommen, wer hatte das Format dafür – um die Frage richtig zu stellen? Der kleine Naphta hätte sich seiner wohl einmal bedienen können; doch wäre das Usurpation und scharfes Geschwätz gewesen, während in Peeperkorns Munde das Donnerwort seine ganze schmetternde und posaunenumdröhnte Wucht, kurz, biblische Größe gewann. „Mein Gott – eine Persönlichkeit!“ empfand er zum hundertstenmal. „Ich bin an eine Persönlichkeit geraten, und sie ist Clawdias Reisebegleiter!“ Ziemlich benebelt auch seinerseits, drehte er sein Weinglas auf dem Tisch um sich selbst, die andere Hand in der Hosentasche und ein Auge zugekniffen vor dem Rauch der Zigarette, die er im Mundwinkel hielt. Hätte er nicht schweigen sollen, nachdem von berufener Seite Donnerworte gesprochen worden? Was sollte da noch seine spröde Stimme? Aber an Diskussion gewöhnt durch seine demokratischen Erzieher – beide von Natur demokratisch, obgleich der eine sich sträubte, es zu sein –, ließ er sich zu einem seiner treuherzigen Kommentare verleiten. Er sagte:
„Ihre Bemerkungen, Mynheer Peeperkorn“ (was war das für ein Ausdruck: Bemerkungen! Macht man „Bemerkungen“ über den Weltuntergang?), „führen meine Gedanken noch einmal auf das zurück, was vorhin über das Laster ausgemacht wurde, nämlich daß es in einer Beleidigung der einfachen und, wie Sie sagen, heiligen, oder, wie ich sagen möchte, klassischen Lebensgaben besteht, der Lebensgaben von Format, sozusagen, zugunsten der späten und ausgepichten, der Raffinements, denen man ‚frönt‘, wie einer von uns beiden sich ausdrückte, während man sich den großen ‚weiht‘ und ihnen ‚huldigt‘. Aber hier scheint mir nun eben auch die Entschuldigung – verzeihen Sie, ich bin eine zur Entschuldigung geneigte Natur, – obgleich Entschuldigung wohl kein Format hat, wie ich deutlich fühle – die Entschuldigung also für das Laster zu liegen, und zwar gerade insofern es auf ‚Unzulänglichkeit‘, wie wir es nannten, beruht. Sie haben über die Schrecken der Unzulänglichkeit Dinge solchen Formates gesagt, daß Sie mich aufrichtig betroffen sehen davon. Aber ich meine, der Lasterhafte zeigt sich durchaus nicht unempfindlich für diese Schrecken, sondern im Gegenteil läßt er ihnen alle Gerechtigkeit widerfahren, indem das Versagen seines Gefühls vor den klassischen Lebensgaben ihn zum Laster treibt, worin also keine Beleidigung des Lebens liegt oder zu liegen braucht, da es ebensogut als Huldigung davor aufgefaßt werden kann, und zwar insofern die Raffinements ja Rausch- und Erhebungsmittel darstellen, stimulantia, wie man sagt, Stützen und Steigerungen der Gefühlskräfte, weshalb denn also doch das Leben ihr Zweck und Sinn ist, die Liebe zum Gefühl, das Trachten der Unzulänglichkeit nach Gefühl ... Ich meine ...“
Was redete er da? War es nicht der demokratischen Unverschämtheit genug, „einer von uns beiden“ zu sagen, wo es sich um eine Persönlichkeit und um ihn handelte? Zog er den Mut zu dieser Frechheit aus Vergangenheiten, die gewisse gegenwärtige Besitzrechte in ein schiefes Licht setzten? Stach ihn der Haber, daß er sich obendrein in eine ebenfalls durchaus unverschämte Analyse des „Lasters“ verstricken mußte? Nun mochte er sehen, wie er sich aus der Sache zog; denn es war klar, daß er Fürchterliches heraufbeschworen.
Mynheer Peeperkorn war während der Rede seines Gastes in seiner zurückgeworfenen Haltung mit auf die Brust gesenktem Kopfe verharrt, so daß man hätte zweifeln können, ob Hans Castorps Worte in sein Bewußtsein drangen. Jetzt aber, allmählich, während der junge Mann sich verwirrte, begann er, sich von der Lehne aufzurichten, höher und höher, zu voller Größe, während zugleich sein majestätisches Haupt rot anschwoll, seine Stirnarabesken sich hoben und spannten und seine kleinen Augen sich zu blasser Drohung erweiterten. Was bereitete sich vor? Ein Koller, gegen den der vorangegangene nur leichte Verstimmung bedeutet hatte, schien im Anzuge. Mynheers Unterlippe stemmte sich in mächtigem Grimm gegen die obere, so daß die Mundwinkel sich senkten und das Kinn vorgetrieben wurde, und langsam hob sich sein rechter Arm von der Tischplatte in Haupteshöhe und darüber hinaus, die Faust geballt, großartig ausholend zum Vernichtungsschlage gegen den demokratischen Schwätzer, der, in Schrecken gejagt und doch auch abenteuerlich erfreut durch das Bild ausdrucksvoll königlichen Zornmutes, das sich vor ihm entfaltete, Mühe hatte, Furcht und Fluchtneigung zu verbergen. Er sagte eilig zuvorkommend:
„Natürlich habe ich mich mangelhaft ausgedrückt. Das Ganze ist eine Frage des Formats, nichts weiter. Man kann nicht Laster nennen, was Format hat. Das Laster hat niemals Format. Die Raffinements haben keines. Aber dem menschlichen Trachten nach Gefühl ist ja von Urzeiten her ein Hilfsmittel, ein Rausch- und Begeisterungsmittel an die Hand gegeben, das selbst zu den klassischen Lebensgaben gehört und den Charakter des Einfachen und Heiligen, also nicht des Lasterhaften trägt, ein Hilfsmittel von Format, wenn ich so sagen darf, der Wein also, ein göttliches Geschenk an die Menschen, wie schon die alten humanistischen Völker behaupteten, die philanthropische Erfindung eines Gottes, mit der sogar die Zivilisation zusammenhängt, erlauben Sie mir den Hinweis. Denn wir hören ja, daß dank der Kunst, den Wein zu pflanzen und zu keltern, die Menschen aus dem Stande der Roheit traten und Gesittung erlangten, und noch heute gelten die Völker, bei denen Wein wächst, für gesitteter, oder halten sich dafür, als die weinlosen, die Kimerer, was sicher bemerkenswert ist. Denn es will sagen, daß Gesittung gar nicht Sache des Verstandes und wohlartikulierter Nüchternheit ist, sondern vielmehr mit der Begeisterung zu tun hat, dem Rausch und dem gelabten Gefühl, – ist das nicht, wenn ich so frei sein darf, Ihnen die Frage vorzulegen, auch Ihre Meinung in dieser Angelegenheit?“
Ein Schlingel, dieser Hans Castorp. Oder, wie Herr Settembrini es mit schriftstellerischer Feinheit ausgedrückt hatte, ein „Schalk“. Unvorsichtig und selbst frech im Verkehr mit Persönlichkeiten – und geschickt dann auch wieder, wenn es galt, sich aus der Patsche zu ziehen. Da hatte er erstens, in brenzligster Lage und aus dem Stegreif, eine Ehrenrettung des Trunkes mit vielem Anstand vollzogen, hatte ferner, ganz nebenbei, die Rede auf „Gesittung“ gebracht, von welcher in Mynheer Peeperkorns ur-fürchterlicher Haltung allerdings wenig zu spüren war, und endlich diese Haltung gelockert und unpassend gemacht, indem er dem großartig darin Befangenen eine Frage vorgelegt hatte, die man mit erhobener Faust unmöglich beantworten konnte. Der Holländer ließ denn auch nach in seiner vorsündflutlichen Grimmgebärde; langsam senkte sein Arm sich nieder zum Tisch, sein Haupt schwoll ab, „dein Glück!“ stand in seiner nur noch bedingungsweise und nachträglich drohenden Miene zu lesen, das Gewitter verzog sich, und überdies mischte nun Frau Chauchat sich ein, indem sie ihren Reisebegleiter auf den eingerissenen Verfall der Geselligkeit hinwies.
„Lieber Freund, Sie vernachlässigen Ihre Gäste“, sagte sie auf französisch. „Sie widmen sich allzu ausschließlich diesem Herrn, mit dem Sie zweifellos wichtige Dinge auszumachen haben. Aber unterdessen hat das Spiel fast aufgehört, und ich fürchte, man langweilt sich. Wollen wir den Abend beschließen?“
Peeperkorn wandte sich sogleich der Tafelrunde zu. Es war richtig: Demoralisation, Lethargie, Stumpfsinn hatten um sich gegriffen; die Gäste trieben Allotria wie eine unbeaufsichtigte Schulklasse. Mehrere waren am Einschlafen. Peeperkorn ergriff sofort die schleifenden Zügel. „Meine Herrschaften!“ rief er mit erhobenem Zeigefinger, – und dieser lanzenspitze Finger war wie ein winkender Degen oder wie eine Fahne, sein Ruf aber gleich dem „Mir nach, wer keine Memme ist!“ des Führers, der eine beginnende Deroute zum Stehen bringt. Auch war der Einsatz seiner Persönlichkeit sofort von weckender und sammelnder Wirkung. Man raffte sich auf, straffte die schlaff gewordenen Mienen und nickte lächelnd in des mächtigen Wirtes blasse Augen unter der idolhaften Lineatur seiner Stirn. Er bannte alle und hielt sie aufs neue zum Dienste an, indem er die Spitze des Zeigefingers zu der des Daumens senkte und die anderen langgenagelt daneben aufragen ließ. Er breitete die Kapitänshand behütend und zurückdämmend aus und von seinen weh zerrissenen Lippen kamen Worte, deren abspringende Undeutlichkeit dank ihrem Persönlichkeitsrückhalt zwingendste Macht über die Gemüter übte.
„Meine Herrschaften – gut. Das Fleisch, meine Herrschaften, es ist nun einmal – Erledigt. Nein – erlauben Sie mir – ‚schwach‘, so steht es in der Schrift. ‚Schwach‘, das heißt geneigt, sich den Anforderungen – Aber ich appelliere an Ihre – Kurzum und gut, meine Herrschaften, ich ap–pel–liere. Sie werden mir sagen: der Schlaf. Gut, meine Herrschaften, perfekt, vortrefflich. Ich liebe und ehre den Schlaf. Ich veneriere seine tiefe, süße, labende Wollust. Der Schlaf zählt zu den – wie sagten Sie, junger Mann? – zu den klassischen Lebensgaben vom ersten, vom allerersten – ich bitte sehr – vom obersten, meine Herrschaften. Wollen Sie jedoch bemerken und sich erinnern: Gethsemane! ‚Und nahm zu sich Petrum und die zween Söhne Zebedei. Und sprach zu ihnen: Bleibet hie und wachet mit mir‘. Sie erinnern sich? ‚Und kam zu ihnen und fand sie schlafend und sprach zu Petro: Könnet Ihr denn nicht eine Stunde mit mir wachen?‘ Intensiv, meine Herrschaften. Durchdringend. Herzbewegend. ‚Und kam und fand sie aber schlafend, und ihre Augen waren voll Schlafs. Und sprach zu ihnen: Ach, wollt Ihr nun schlafen und ruhen? Siehe, die Stunde ist hie –‘ Meine Herrschaften: Durchbohrend, herzversehrend.“
Tatsächlich waren alle in tiefster Seele ergriffen und beschämt. Er hatte die Hände vor der Brust über dem schmalen Kinnbart gefaltet und das Haupt schräg geneigt. Sein blasser Blick hatte sich gebrochen bei dem, was an einsamem Todesschmerz von seinen zerrissenen Lippen gekommen. Frau Stöhr schluchzte. Frau Magnus stieß einen hohen Seufzer aus. Staatsanwalt Paravant sah sich veranlaßt, vertretungsweise, gleichsam als Abgeordneter der Gesellschaft, einige Worte mit gesenkter Stimme an den verehrten Gastgeber zu richten, um ihn der allgemeinen Gefolgschaft zu versichern. Hier müsse ein Irrtum vorliegen. Man sei frisch und munter, flott, fidel und bei der Sache mit Herz und Sinn. Es sei ein so schöner, festlicher, schlechthin außerordentlicher Abend, – alle verständen und empfänden das, und niemand denke vorläufig daran, von dem Lebensgute des Schlafs Gebrauch zu machen. Mynheer Peeperkorn könne sich auf seine Gäste verlassen, auf jeden einzelnen von ihnen.
„Perfekt! Vorzüglich!“ rief Peeperkorn und richtete sich auf. Seine Hände lösten sich, gingen auseinander und aufwärts, ausgebreitet, aufrecht, die Innenflächen nach außen, wie zu heidnischem Gebet. Seine großartige Physiognomie, eben noch von gotischem Schmerz beseelt, erblühte üppig und heiter; sogar ein sybaritisches Grübchen zeigte sich auf einmal in seiner Wange. „Die Stunde ist hie –“ Und er ließ sich die Karte geben, setzte einen Hornklemmer auf, dessen Bügel ihm hoch an der Stirn emporragte, und bestellte Champagner, drei Flaschen Mumm & Co., Cordon rouge, très sec; dazu petits fours, köstliche, kegelförmige kleine Schlemmerbissen, mit farbigem Zuckerguß überkleidet, von zartestem Biskuitcharakter, im Innern benetzt von Schokolade- und Pistaziencreme, und auf Papierdeckchen mit reichem Spitzenrande angeboten. Frau Stöhr leckte sich alle Finger bei ihrem Genuß. Herr Albin löste mit lässiger Routine den ersten Pfropfen aus seiner Haft von Draht, ließ den pilzförmigen Kork mit dem Knall einer Kinderpistole dem geschmückten Hals entschlüpfen und zur Decke fahren, worauf er die Flasche nach elegantem Herkommen zum Einschenken in eine Serviette hüllte. Der edle Schaum befeuchtete das Linnen der Anrichtetischchen. Man ließ die Flachkelche klingen und leerte das erste Glas auf einen Zug, elektrisierte sich den Magen mit dem eiskalten, duftigen Geprickel. Die Augen glitzerten. Das Spiel hatte aufgehört, ohne daß man sich bemüßigt gesehen hätte, Karten und Geld vom Tische zu räumen. Die Gesellschaft überließ sich einem seligen Nichtstun, indem sie ein zusammenhangloses Geschwätz tauschte, dessen Elemente bei jedem einzelnen aus erhöhtem Gefühle stammten und in irgendeinem Urzustande das Schönste versprochen hatten, aus denen aber auf dem Wege zur Mitteilung ein fragmentarisch-lippenlahmer, teils indiskreter, teils unverständlicher Gallimathias wurde, geeignet, die zornige Scham jedes nüchtern Hinzukommenden zu erregen, doch von den Beteiligten ohne Beschwer ertragen, da alle sich in dem gleichen verantwortungslosen Zustand wiegten. Frau Magnus selbst hatte rote Ohren bekommen und gestand, sie fühle, wie Leben sie durchrinne, was aber Herrn Magnus nicht lieb zu sein schien. Hermine Kleefeld lehnte mit dem Rücken an der Schulter Herrn Albins, indem sie ihm ihren Kelch zum Einschenken vorhielt. Peeperkorn, das Bacchanal mit lanzenspitzen Kulturgebärden leitend, sorgte für Zufuhr und Nachschub. Er ließ Kaffee kommen nach dem Champagner, Mocca double, der wiederum von „Brot“ begleitet war und von süßen Scharfheiten, Apricots Brandy, Chartreuse, Creme de Vanille und Maraschino für die Damen. Später gab es noch saure Fischfilets und Bier dazu, endlich Tee, und zwar sowohl chinesischen wie Kamillentee für solche, die es nicht vorzogen, beim Sekt oder Likör zu bleiben oder zu einem ernsthaften Wein zurückzukehren, wie Mynheer selbst, der sich nach Mitternacht zusammen mit Frau Chauchat und Hans Castorp zu einem Schweizer Roten von naiv-spritziger Art durchgeläutert hatte, von dem er mit wirklichem Durst einen Glasbecher nach dem anderen hinunterschüttete.
Noch um ein Uhr dauerte die Festsitzung an, zusammengehalten teils durch bleierne Rauscheslähmung, teils durch das eigentümliche Vergnügen, sich die Nacht um die Ohren zu schlagen, teils durch die Persönlichkeitswirkung Peeperkorns und durch das abschreckende Beispiel Petri und der Seinen, an deren Fleischesschwäche niemand teilhaben wollte. Allgemein gesprochen, schien der weibliche Teil weniger gefährdet in dieser Hinsicht. Denn während die Männer, rot oder fahl, die Beine von sich streckten und die Backen aufbliesen, indem sie nur noch mechanisch dann und wann dem Becher zusprachen, von rechter Dienstfreudigkeit nicht mehr beseelt, hielten die Frauen sich tätiger. Hermine Kleefeld, die nackten Ellbogen auf die Tischplatte gestemmt, die Wangen in den Händen, wies lachend dem kichernden Ting-Fu den Schmelz ihrer Vorderzähne, indes Frau Stöhr, mit angezogenem Kinn über die vorgebogene Schulter kokettierend, den Staatsanwalt ans Leben zu fesseln suchte. Mit Frau Magnus war es dahin gekommen, daß sie auf Herrn Albins Schoß Platz genommen hatte und ihn an beiden Ohrläppchen zog, was aber Herr Magnus eher als Erleichterung zu empfinden schien. Anton Karlowitsch Ferge ward aufgefordert, die Geschichte seines Pleura-Choks zum besten zu geben, kam aber wegen Zungenschlages nicht zustande damit und erklärte ehrlich seinen Bankerott, der als Anlaß zum Trinken einstimmig ausgerufen wurde. Wehsal weinte vorübergehend bitterlich, aus irgendwelchen Elendstiefen, in welche seinen Mitmenschen Einblick zu eröffnen auch seine Zunge nicht mehr imstande war, wurde aber mit Kaffee und Kognak seelisch wieder auf die Beine gebracht und erregte übrigens durch das Gewimmer seiner Brust, durch sein runzelig bebendes Kinn, das von Tränen troff, das bedeutendste Interesse Peeperkorns, der mit erhobenem Zeigefinger und hochgezogenen Arabesken die allgemeine Aufmerksamkeit für Wehsals Zustand in Anspruch nahm.
„Das ist –“, sagte er. „Das ist nun doch – Nein, erlauben Sie mir: Heilig! Trockne ihm das Kinn, mein Kind, nimm meine Serviette! Oder besser noch, nein, unterlaß es! Er selber verzichtet darauf. Meine Herrschaften, – heilig! Heilig in jederlei Sinn, im christlichen wie im heidnischen! Ein Urphänomen! Ein Phänomen vom ersten – vom obersten – Nein, nein, das ist – –“
Auf dieses „Das ist“, „Das ist nun doch“ waren überhaupt die leitend-erläuternden Äußerungen gestimmt, mit denen er unter genauen, wenn auch nachgerade etwas burlesk gewordenen Kulturgebärden seine Veranstaltung begleitete. Er hatte eine Art, den Ring, den sein gekrümmter Zeigefinger mit dem Daumen bildete, über das Ohr emporzuhalten und das Haupt schief-scherzhaft davon abzuwenden, die Gefühle erweckte, wie etwa der bejahrte Priester eines fremden Kults sie erregen würde, der mit gerafften Gewändern und wunderlicher Grazie vor dem Opferaltar tanzte. Dann wieder, breit hingelagert in seiner Großartigkeit, den Arm um die benachbarte Stuhllehne geschlungen, zwang er alle zu ihrer Bestürzung, sich mit ihm in die lebendige und durchdringende Vorstellung des Morgens zu vertiefen, eines frostigen, dunklen Wintermorgens, wenn der gelbliche Schein unserer Nachttischlampe sich durch die Fensterscheibe hinausspiegelt zwischen kahles Geäst, das draußen in eisige, krähenschreiharte Nebelfrühe starrt ... Andeutungsweise wußte er diese nüchterne Alltagsanschauung so stark zu machen, daß alle erschauerten, besonders da er auch noch des eiskalten Wassers gedachte, das man sich etwa in solcher Frühe aus einem großen Schwamme über den Nacken drücke, und das er heilig nannte. Das war nur eine Abschweifung, eine beispielhafte Unterweisung in Dingen der Lebensaufmerksamkeit, ein phantastisches Impromptu, das er fallen ließ, um seine dienstliche Eindringlichkeit und Gefühlsgegenwart alsbald der festlich gelösten Nachtstunde wieder zuzuwenden. Er zeigte sich verliebt in all und jede erreichbare Weiblichkeit, wahllos und ohne Ansehen der Person. Er machte der Zwergin Anträge solcher Art, daß das krüppelhafte Wesen sein übergroßes, ältliches Gesicht in grinsende Falten legte, sagte der Stöhr Artigkeiten eines Kalibers, daß die ordinäre Frau ihre Schulter noch ärger vorbog und die Ziererei bis zur völligen Verrücktheit trieb, erbat sich von der Kleefeld einen Kuß auf seinen großen, zerrissenen Mund und scharmierte selbst mit der trostlosen Frau Magnus – dies alles unbeschadet seiner zärtlichen Ergebenheit gegen seine Reisebegleiterin, deren Hand er oft mit galanter Andacht an die Lippen führte. „Der Wein –“ sagte er – „Die Frauen – – Das ist – Das ist nun doch – Erlauben Sie mir – Weltuntergang – – Gethsemane – –“
Gegen zwei Uhr flog die Nachricht auf, „der Alte“ – Hofrat Behrens also – nähere sich in Gewaltmärschen den Konversationsräumen. Panik wütete in demselben Augenblick unter der entnervten Gästeschaft. Stühle und Eiskübel stürzten. Man floh durch das Bibliothekszimmer. Peeperkorn, von königlichem Koller ergriffen bei der jähen Auflösung seines Lebensfestes, schlug wohl mit der Faust auf und sandte den Fortstiebenden etwas von „furchtsamen Sklaven“ nach, ließ sich aber dann durch Hans Castorp und Frau Chauchat bis zu einem gewissen Grade mit dem Gedanken versöhnen, daß dies Gastmahl, das an sechs Stunden gedauert hatte, ohnehin einmal sein Ende habe nehmen müssen, schenkte auch der Mahnung an das heilige Labsal des Schlafes sein Ohr und willigte ein, sich zu Bette geleiten zu lassen.
„Stütze mich, mein Kind! Stütze mich andererseits, junger Mann!“ sagte er zu Frau Chauchat und Hans Castorp. So waren sie seinem schweren Körper beim Aufkommen vom Stuhle behilflich, boten ihm ihre Arme dar, und eingehängt in beide trat er breitbeinig, das mächtige Haupt auf eine seiner hochgezogenen Schultern geneigt und bald den einen, bald den anderen seiner Führer durch die Schwankungen seines Schrittes zur Seite drängend, den Weg zur Ruhe an. Im Grunde war es wohl ein königlicher Luxus, den er sich leistete, indem er sich dieser Art lotsen und stützen ließ. Wahrscheinlich hätte er, wenn es ihm darauf angekommen wäre, auch allein gehen können, – er verschmähte jedoch diese Anstrengung, die ja nur den kleinen und untergeordneten Sinn hätte haben können, seinen Rausch schamhaft zu verbergen, während er sich desselben offenbar nicht nur durchaus nicht schämte, sondern sich im Gegenteil groß und üppig darin gefiel und sich einen königlichen Spaß daraus machte, seine dienenden Führer schwankend nach rechts und links zu stoßen. Er selbst äußerte unterwegs:
„Kinder, – Unsinn, – man ist natürlich gar nicht – Wenn diesen Augenblick – Ihr solltet sehen – Lächerlich –“
„Lächerlich!“ bestätigte Hans Castorp. „Aber ohne jeden Zweifel! Man gibt der klassischen Lebensgabe das ihre, indem man sich freimütig schwanken läßt zu ihren Ehren. Dagegen im Ernst ... Ich habe doch auch mein Teil, aber trotz aller sogenannten Betrunkenheit bin ich mir klar bewußt, daß ich die besondere Ehre habe, eine ausgesprochene Persönlichkeit zu Bett zu bringen, so wenig vermag der Rausch sogar über mich, der ich doch in Hinsicht auf Format überhaupt gar nicht erst in Vergleich komme –“
„Na, du, Schwätzerchen“, sagte Peeperkorn und stieß ihn wankend gegen das Treppengeländer, indem er Frau Chauchat mit sich zog.
Ersichtlich war das Gerücht vom Nahen des Hofrats ein leerer Schreckschuß gewesen. Vielleicht hatte die müde Zwergin ihn abgegeben, um die Geselligkeit zu sprengen. Unter diesen Umständen blieb Peeperkorn stehen und wollte umkehren, um weiter zu trinken; aber von beiden Seiten wurde ihm in besserem Sinne zugeredet, und so ließ er sich wieder in Bewegung setzen.
Der malaiische Kammerdiener, dies Männchen in weißer Krawatte und mit schwarzseidenen Schuhen an den Füßen, erwartete seinen Gebieter auf dem Korridor, vor der Tür des Appartements, und nahm ihn mit einer Verneigung in Empfang, zu der er eine Hand auf die Brust legte.
„Küßt euch!“ gebot Peeperkorn. „Küsse diese reizende Frau zum Schluß auf die Stirn, junger Mann!“ sagte er zu Hans Castorp. „Sie wird nichts dagegen haben und es erwidern. Tut es auf mein Wohl und mit meiner Erlaubnis!“ sagte er; aber Hans Castorp weigerte sich dessen.
„Nein, Eure Majestät!“ sagte er. „Entschuldigen Sie, das geht nicht.“
Peeperkorn, an den Kammerdiener gelehnt, zog seine Arabesken hoch und verlangte zu wissen, warum das nicht gehe.
„Weil ich mit Ihrer Reisebegleiterin keine Stirnküsse tauschen kann“, sagte Hans Castorp. „Ich wünsche recht wohl zu ruhen! Nein, das wäre, von allen Seiten gesehen, der reine Unsinn.“
Und da auch Frau Chauchat schon auf ihre Zimmertür zuging, so ließ Peeperkorn den Widerspenstigen ziehen, indem er ihm freilich noch eine Weile über die eigene Schulter und die des Malaien mit angezogenem Faltenwerk nachblickte, erstaunt über eine Unbotmäßigkeit, auf die seine Herrschernatur nicht zu stoßen gewohnt sein mochte.
Mynheer Peeperkorn (Des Weiteren)
Mynheer Peeperkorn blieb in Haus Berghof während dieses ganzen Winters – soviel davon noch übrig war – und bis ins Frühjahr hinein, so daß es zuletzt noch zu einem recht denkwürdigen gemeinsamen Ausflug (auch Settembrini und Naphta waren dabei) ins Flüelatal und zum dortigen Wasserfall kam ... Zuletzt noch? Und danach blieb er also nicht länger? – Nein, länger nicht. – Er reiste ab? – Ja und nein. – Ja und nein? Bitte, keine Geheimniskrämerei! Man wird sich zu fassen wissen. Auch Leutnant Ziemßen ist gestorben, von so vielen minder ehrenhaften Tänzern des Todes ganz abgesehen. Der undeutliche Peeperkorn wurde also vom malignen Tropenfieber dahingerafft? – Nein, das wurde er nicht, aber wozu die Ungeduld? Daß nicht alles auf einmal da ist, bleibt als Bedingung des Lebens und der Erzählung zu achten, und man wird sich doch wohl gegen die gottgegebenen Formen menschlicher Erkenntnis nicht auflehnen wollen! Geben wir der Zeit wenigstens soviel Ehre, wie das Wesen unserer Geschichte uns noch erlaubt! Viel ist es ohnehin nicht mehr damit, es geht nachgerade holterdiepolter! oder, wenn das zu lärmend gesagt ist, es geht husch, husch! Ein Weiserchen mißt unsere Zeit, das trippelt, als ob es Sekunden mäße, während es jedesmal, Gott weiß, was, zu bedeuten hat, wenn es kaltblütig und ohne Aufenthalt durch seinen Höhepunkt geht. Schon Jahre, soviel ist sicher, sind wir hier oben, uns schwindelt, das ist ein Lastertraum ohne Opium und Haschisch, der Sittenrichter wird uns verurteilen, – und doch stellen wir der schlimmen Umnebelung absichtlich viel Verstandeshelligkeit und logische Schärfe entgegen! Nicht zufällig, das möge anerkannt werden, haben wir uns Köpfe wie die Herren Naphta und Settembrini zum Umgang erwählt, statt uns etwa gar mit lauter undeutlichen Peeperkorns zu umgeben, – und das führt nun freilich zu einem Vergleich, der in mancher Hinsicht und namentlich im Punkte des Formats zugunsten dieser späten Erscheinung ausschlagen muß, wie er es denn auch in Hans Castorps Gedanken tat, wenn er in seiner Loge lag und sich gestand, daß die beiden überartikulierten Erzieher, die seine arme Seele in die Mitte genommen, neben Pieter Peeperkorn geradezu verzwergten, so daß er geneigt war, sie zu nennen, wie jener in königlich trunkener Neckerei ihn selbst genannt hatte, nämlich „Schwätzerchen“, und es sehr gut und glücklich hieß, daß die hermetische Pädagogik ihn auch mit einer ausgemachten Persönlichkeit noch in Berührung brachte.
Daß diese Persönlichkeit als Clawdia Chauchats Reisebegleiter und also als gewaltige Störung auf den Plan trat, war ein Punkt für sich, durch den sich Hans Castorp in seinen Wertungen nicht beirren ließ. Er ließ sich, wiederholen wir, nicht beirren in seiner aufrichtig achtungsvollen, wenn auch zuweilen etwas kecken Teilnahme für einen Mann von Format, – nur weil dieser gemeinsame Reisekasse führte mit der Frau, von der Hans Castorp sich in der Faschingsnacht einen Bleistift geliehen. Das lag nicht in seiner Art, – wobei wir durchaus damit rechnen, daß mancher oder manche in unserem Zirkel Anstoß nehmen wird an solcher „Temperamentlosigkeit“ und es lieber sehen würde, wenn er Peeperkorn gehaßt und gemieden und innerlich von ihm nur als von einem alten Esel und kaudernden Trunkenbold gesprochen hätte, statt ihn zu besuchen, wenn er vom Wechselfieber gepackt war, an seinem Bette zu sitzen, mit ihm zu plaudern – ein Wort, das natürlich nur auf seine Beiträge zu den Gesprächen paßt, nicht auf die des großartigen Peeperkorn – und mit der Neugier eines Bildungsreisenden das Wesen der Persönlichkeit auf sich wirken zu lassen. Das aber tat er, und wir erzählen es, gleichgültig gegen die Gefahr, daß jemand sich dadurch an Ferdinand Wehsal erinnert finden könnte, der Hans Castorps Paletot getragen hatte. Diese Erinnerung hat nichts zu sagen. Unser Held war kein Wehsal. Elendstiefen waren nicht seine Sache. Er war nur eben kein „Held“, das heißt: er ließ sein Verhältnis zum Männlichen nicht durch die Frau bestimmen. Unserem Grundsatz getreu, ihn weder besser noch schlechter zu machen, als er war, stellen wir fest, daß er es einfach ablehnte – nicht bewußt und ausdrücklich, sondern ganz naiverweise es ablehnte, sich durch romanhafte Einflüsse um die Gerechtigkeit gegen das eigene Geschlecht bringen zu lassen – und um den Sinn für förderliche Bildungserlebnisse in dieser Sphäre. Das mag den Frauen mißfallen – wir glauben zu wissen, daß Frau Chauchat unwillkürlich Ärgernis daran nahm; eine oder die andere spitze Bemerkung, die sie sich entschlüpfen ließ, und die wir noch einrücken werden, ließ darauf schließen –, aber vielleicht war es diese Eigenschaft, die ihn zu einem so tauglichen Streitobjekt der Pädagogik machte.
Pieter Peeperkorn lag viel krank, – daß er es gleich am Tage nach jenem ersten Karten- und Sektabend tat, konnte nicht wundernehmen. Fast alle Teilnehmer an der ausgedehnten und angespannten Geselligkeit waren übel daran, Hans Castorp nicht ausgenommen, der starke Kopfschmerzen hatte, sich aber durch diese Last nicht abhalten ließ, dem Gastgeber von gestern einen Krankenbesuch zu machen: Durch den Malaien, den er auf dem Korridor des ersten Stockwerks traf, ließ er das Anerbieten an Peeperkorn ergehen und wurde willkommen geheißen.
Er betrat das zweibettige Schlafzimmer des Holländers durch einen Salon, der es von demjenigen Frau Chauchats trennte, und fand es vor dem Durchschnittstypus der Berghofgastzimmer ausgezeichnet durch Geräumigkeit und Eleganz der Ausstattung. Es gab da seidene Fauteuils und Tische mit geschweiften Beinen; ein weicher Teppich bedeckte den Boden, und auch die Betten waren nicht vom Schlage gewöhnlicher hygienischer Totenbetten, sie waren sogar prachtvoll: aus poliertem Kirschholz mit Messingbeschlägen und hatten einen kleinen gemeinsamen Himmel – ohne Gardinengehänge –, es war eben nur ein kleiner, schirmend vereinigender Baldachin.
Peeperkorn lag in der einen der beiden Bettstätten, Bücher, Briefe und Zeitungen auf der rotseidenen Steppdecke, und las durch seinen hochragenden Hornzwicker den „Telegraaf“. Kaffeegeschirr stand auf einem Stuhle neben ihm und eine halbgeleerte Rotweinflasche – es war der naiv Spritzige von gestern Abend – neben Medizingläsern auf dem Nachttischchen. Der Holländer trug zu Hans Castorps bescheidenem Befremden kein weißes Hemd, sondern ein wollenes mit langen Ärmeln, das an den Handgelenken geknöpft und ohne Halskragen war, rund ausgeschnitten vielmehr, den breiten Schultern und der mächtigen Brust des alten Mannes glatt anliegend: Die menschliche Großartigkeit seines Hauptes auf dem Kissen ward noch gehoben, dem Bürgerlichen entrückt durch diese Tracht, die seiner Erscheinung ein teils volkstümlich-arbeitermäßiges, teils verewigt-büstenartiges Gepräge verlieh.
„Durchaus, junger Mann“, sagte er, indem er den Hornzwicker am hohen Bügel ergriff und ihn abhob. „Ich bitte sehr, – keineswegs. Im Gegenteil.“ Und Hans Castorp setzte sich zu ihm und verbarg seine teilnehmende Verwunderung – wenn nicht gar wirkliche Bewunderung das Gefühl war, zu dem seine Gerechtigkeit ihn nötigte – hinter freundlich aufgewecktem Geschwätz, dem Peeperkorn mit großartigen Abgerissenheiten und eindringlichstem Gestenspiel sekundierte. Er sah nicht gut aus, gelb, recht leidend und mitgenommen. Gegen Morgen hatte er einen starken Fieberanfall gehabt, dessen Mattigkeitsfolgen sich nun mit den Nachwehen des Rausches verbanden.
„Wir haben es gestern arg –“, sagte er. „Nein, erlauben Sie, – schlimm und arg! Sie sind noch – gut, da hat es nichts weiter – Allein in meinen Jahren und bei meiner gefährdeten – Mein Kind“, wandte er sich mit zarter, aber entschiedener Strenge an die eben vom Salon her eintretende Frau Chauchat, „– alles gut, aber ich wiederhole Ihnen, daß besser hätte achtgegeben, daß man mich hätte hindern müssen –.“ Fast etwas wie aufziehender Königskoller war in seinen Mienen und seiner Stimme bei diesen Worten. Aber man brauchte sich ja nur vorzustellen, was für ein Wetter erst ausgebrochen wäre, wenn man ihn ernstlich im Trinken hätte stören wollen, um die ganze Unbilligkeit und Unvernunft seines Vorwurfs zu ermessen. Dergleichen gehört wohl zur Größe. Seine Reisebegleiterin ging denn auch drüber hin, indem sie Hans Castorp, der sich erhoben hatte, begrüßte, – übrigens ohne ihm die Hand zu reichen, sondern nur mit Lächeln und Winken und der Aufforderung, „doch nur ja“ Platz zu behalten, sich „doch nur ja nicht“ in seinem tête à tête mit Mynheer Peeperkorn stören zu lassen ... Sie machte sich dies und jenes im Zimmer zu schaffen, wies den Kammerdiener an, das Kaffeegeschirr fortzuräumen, verschwand auf eine Weile und kehrte auf leisen Sohlen wieder, um im Stehen sich ein wenig an dem Gespräch zu beteiligen, oder – wenn wir Hans Castorps unbestimmten Eindruck wiedergeben sollen – um es ein wenig zu überwachen. Natürlich! Sie konnte in Verbindung mit einer Persönlichkeit großen Formats wieder nach Haus Berghof zurückkehren; aber wenn derjenige, der hier so lange auf sie gewartet hatte, dann der Persönlichkeit die schuldige Reverenz erwies, von Mann zu Mann, so legte sie Unruhe und selbst Spitzigkeit an den Tag, mit ihrem „doch nur ja“ und „nur ja nicht“. Hans Castorp lächelte darüber, indem er sich über seine Knie beugte, um das Lächeln zu verbergen, und erglühte gleichzeitig innerlich vor Freude.
Er bekam ein Glas Wein eingeschenkt von Peeperkorn, aus der Flasche vom Nachttisch. Unter Umständen, wie den heutigen, meinte der Holländer, sei es das beste, da wieder anzuschließen, wo man nachts zuvor aufgehört habe, und dieser Spritzige tue ja dieselben Dienste wie Sodawasser. Er stieß mit Hans Castorp an, und dieser sah trinkend zu, wie die sommersprossig-nagelspitze Kapitänshand dort drüben, von dem Knopfbunde des wollenen Hemdes am Gelenke umspannt, das Glas emporführte, wie die breiten, zerrissenen Lippen seinen Rand erfaßten und der Wein durch die auf- und niedersteigende Arbeiter- oder Büstengurgel trieb. Sie sprachen dann noch über das Medikament auf dem Nachttisch, diesen braunen Saft, von dem Peeperkorn auf Frau Chauchats Mahnung und aus ihrer Hand einen Löffel voll einnahm, – es war ein Antipyretikum, Chinin im wesentlichen; Peeperkorn gab seinem Gast ein wenig davon zu probieren, um ihn den charaktervollen, bitter-würzigen Geschmack des Präparats erfahren zu lassen, und äußerte dann mehreres zum Lobe des Chinins, das segensreich nicht nur durch seine keimzerstörende Wirkung und seinen heilsamen Einfluß auf das Wärmezentrum sei, sondern auch als Tonikum gewürdigt werden müsse: es vermindere den Eiweißumsatz, fördere den Ernährungszustand, kurz, sei ein echter Labetrank, ein herrliches Stärkungs-, Erweckungs- und Belebungsmittel, – ein Rauschmittel übrigens ebenfalls; man könne sich leicht einen kleinen Spitz oder Zopf daran trinken, sagte er, indem er wie gestern mit Fingern und Kopf großartig scherzte und wieder dem tanzenden Heidenpriester dabei glich.
Ja, ein herrlicher Körper, die Fieberrinde! – es waren übrigens noch keine dreihundert Jahre, daß die Pharmakologie unseres Erdteils Kunde davon gewonnen, und noch kein Jahrhundert, daß die Chemie das Alkaloid, worauf seine Tugenden eigentlich beruhten, das Chinin also, entdeckt hatte – entdeckt und bis zu einem gewissen Grade analysiert; denn daß sie aus seiner Konstitution bis jetzt so recht klug geworden wäre oder imstande sei, es künstlich herzustellen, konnte die Chemie nicht behaupten. Unsere Arzneimittelkunde tat überall gut, sich ihres Wissens nicht lästerlich zu überheben, denn wie mit dem Chinin erging es ihr mit so manchem: Sie wußte dies und das von der Dynamik, den Wirkungen der Stoffe, allein die Frage, worauf denn diese Wirkungen genau genommen zurückzuführen seien, setzte sie oft genug in Verlegenheit. Der junge Mann mochte sich doch in der Giftkunde umsehen, – über die elementaren Eigenschaften, die die Wirkungen der sogenannten Giftstoffe bedingten, würde niemand ihm Auskunft geben. Da waren zum Exempel die Schlangengifte, – über welche nicht mehr bekannt war, als daß diese tierischen Stoffe einfach in die Reihe der Eiweißverbindungen gehörten, aus verschiedenen Eiweißkörpern bestünden, die aber nur in dieser bestimmten – nämlich durchaus unbestimmten – Zusammensetzung ihre fulminanten Wirkungen taten: in den Blutkreislauf gebracht, Effekte zeitigten, über die man sich nur verwundern konnte, da man Eiweiß auf Gift nicht zu reimen gewohnt war. Aber mit der Welt der Stoffe, sagte Peeperkorn, indem er neben seinem blaßäugig vom Kissen aufgerichteten Haupt mit den Stirnarabesken den Exaktheitsring und die Lanzen seiner Finger emporhielt, – mit den Stoffen stehe es so, daß alle Leben und Tod auf einmal bärgen: alle seien Ptisanen und Gifte zugleich, Heilmittelkunde und Toxikologie seien ein und dasselbe, an Giften genese man, und was für des Lebens Träger gelte, töte unter Umständen mit einem einzigen Krampfschlage in Sekundenfrist.
Er sprach sehr eindringlich und ungewöhnlich zusammenhängend von den Ptisanen und Giften, und Hans Castorp hörte ihm mit schrägem Kopfe nickend zu, beschäftigt weniger mit dem Inhalt seiner Reden, der ihm am Herzen zu liegen schien, als mit dem stillen Erkunden seiner Persönlichkeitswirkung, die letzten Endes ebenso unerklärlich war wie die Wirkung der Schlangengifte. Dynamik, sagte Peeperkorn, sei alles in der Welt der Stoffe, – das Weitere sei völlig bedingt. Auch das Chinin sei ein Heilgift, kraftvoll in erster Linie. Vier Gramm davon machten taub, schwindelig, kurzatmig, brächten Sehstörungen hervor wie Atropin, berauschten wie Alkohol, und die Arbeiter in Chininfabriken hätten entzündete Augen und geschwollene Lippen, litten an Hautausschlägen. Und er fing an, von der Cinchona, dem Chinabaum, zu erzählen, von den Urwäldern der Kordilleren, wo er in dreitausend Meter Höhe seine Heimat habe, und von wo seine Rinde als „Jesuitenpulver“ so spät nach Spanien gekommen sei, – den Eingeborenen Südamerikas in ihren Kräften seit langem bekannt; er schilderte die gewaltigen Cinchonaplantagen der niederländischen Regierung auf Java, von wo alljährlich viele Millionen Pfund der rötlich zimtähnlichen Rindenröhren nach Amsterdam und London verschifft würden ... Die Rinden überhaupt, das Rindengewebe der Holzgewächse, von der Epidermis bis zum Cambium, – sie hätten es in sich, sagte Peeperkorn, fast immer besäßen sie außerordentliche dynamische Tugenden, im Guten wie im Bösen, – die Drogenkunde der farbigen Völker sei der unsrigen da weit überlegen. Auf einigen Inseln östlich von Neuguinea bereiteten sich die jungen Leute einen Liebeszauber, indem sie die Rinde eines bestimmten Baumes, der wahrscheinlich ein Giftbaum sei, wie der Antiaris toxicaria von Java, der gleich dem Manzanillabaum durch seine Ausdünstung die Luft rings um sich her vergiften und Mensch und Tier zu Tode betäuben solle, – indem sie also die Rinde dieses Baumes zu Pulver zerrieben, das Pulver mit Kokosnußschnitzeln vermischten, die Mischung in ein Blatt rollten und brieten. Sie spritzten dann den Saft des Gemengsels der Spröden, der es gelte, im Schlaf ins Gesicht, und sie entbrenne für den, der gespritzt habe. Zuweilen sei es die Wurzelrinde, die es in sich habe, wie diejenige einer Schlingpflanze des Malaiischen Archipels, Strychnos Tieuté genannt, aus der die Eingeborenen unter Beigabe von Schlangengift das Upas-Radscha bereiteten, eine Droge, die, in die Blutbahn gebracht, z. B. durch Pfeilschuß, aufs allerschnellste den Tod herbeiführe, ohne daß jemand dem jungen Hans Castorp würde zu sagen wissen, wie das eigentlich geschähe. Nur so viel sei deutlich, daß das Upas in dynamischer Beziehung dem Strychnin nahe stehe ... Und Peeperkorn, im Bette nun vollends aufgerichtet und dann und wann mit leicht zitternder Kapitänshand das Weinglas zu seinen zerrissenen Lippen führend, um große, durstige Züge zu nehmen, erzählte vom Krähenaugenbaum der Koromandelküste, aus dessen orangegelben Beeren, den „Krähenaugen“, das allerdynamischste Alkaloid, Strychnin geheißen, gewonnen werde, – erzählte mit flüsternd herabgesetzter Stimme und hochgezogener Stirnlineatur von dem aschgrauen Geäst, dem auffallend glänzenden Blätterwerk und den gelbgrünen Blüten dieses Baumes, so daß dem jungen Hans Castorp ein zugleich tristes und hysterisch-buntfarbiges Bild von einem Baume vor Augen stand und ihm alles in allem etwas unheimlich zumute wurde.
Auch mischte denn jetzt Frau Chauchat sich ein, indem sie sagte, es sei nicht gut, die Unterhaltung ermüde Peeperkorn, er könne aufs neue Fieber davon haben, und wie ungern immer sie die Entrevue unterbreche, so müsse sie Hans Castorp nun doch bitten, es für diesmal genug sein zu lassen. Das tat er natürlich, aber noch oft, nach einem Quartananfall, saß er in den nächsten Monaten an des königlichen Mannes Bett, während Frau Chauchat, das Gespräch leicht überwachend oder sich auch mit einigen Worten daran beteiligend, hin und wider ging; und auch in Peeperkorns fieberfreien Tagen verbrachte er manche Stunde mit ihm und seiner perlengeschmückten Reisebegleiterin. Denn wenn der Holländer nicht bettlägerig war, versäumte er selten, nach dem Diner eine kleine, wechselnd zusammengesetzte Auswahl der Berghof-Gästeschaft zu Spiel und Wein und allerhand weiteren Labungen um sich zu versammeln, sei es im Konversationszimmer, wie das erstemal, oder im Restaurant, wobei denn Hans Castorp gewohnheitsmäßig seinen Platz zwischen der lässigen Frau und dem großartigen Manne hatte; und selbst im Freien bewegte man sich miteinander, machte Spaziergänge zusammen, an denen etwa die Herren Ferge und Wehsal sich beteiligten und bald auch Settembrini und Naphta, die Widersacher im Geiste, denen zu begegnen man nicht hatte verfehlen können, und die mit Peeperkorn, wie zugleich denn endlich auch mit Clawdia Chauchat bekannt zu machen, Hans Castorp sich geradezu glücklich schätzte, – vollständig unbekümmert darum, ob diese Bekanntschaft und Verbindung den Disputanten willkommen war oder nicht und in dem stillen Vertrauen darauf, daß sie eines pädagogischen Objektes bedurften und lieber einen unwillkommenen Anhang in Kauf nehmen, als darauf verzichten würden, ihre Gegensätze vor ihm auszutragen.
Er täuschte sich denn auch nicht darin, daß die Mitglieder seines buntscheckigen Freundeskreises sich wenigstens daran gewöhnen würden, daß sie sich nicht aneinander gewöhnten: Spannungen, Fremdheiten, sogar stille Feindseligkeit gab es selbstverständlich genug zwischen ihnen, und wir wundern uns selbst, wie es unserem unbedeutenden Helden gelingen mochte, sie um sich zusammenzuhalten, – wir erklären es uns mit einer gewissen verschmitzten Lebensfreundlichkeit seines Wesens, die ihn alles „hörenswert“ finden ließ, und die man Verbindlichkeit selbst in dem Sinne nennen könnte, daß sie nicht nur ihm die ungleichartigsten Personen und Persönlichkeiten, sondern bis zu einem gewissen Grade sogar diese untereinander verband.
Wunderlich hin und her laufende Beziehungen! Es reizt uns, ihre verschlungenen Fäden einen Augenblick allgemein sichtbar zu machen, so, wie Hans Castorp selbst sie auf diesen Spaziergängen verschmitzten und lebensfreundlichen Auges betrachtete. Da war der elende Wehsal, der Frau Chauchats schwelend begehrte und Peeperkorn und Hans Castorp niedrig verehrte, den einen um der herrschenden Gegenwart, den anderen um der Vergangenheit willen. Da war Clawdia Chauchat ihrerseits, die anmutig weich schreitende Kranke und Reisende, die Hörige Peeperkorns, und zwar gewiß aus Überzeugung, gleichwohl aber immer etwas beunruhigt und innerlich spitzig, den Ritter einer fernen Faschingsnacht auf so gutem Fuße mit ihrem Gebieter zu sehen. Erinnerte diese Irritation nicht in etwas an diejenige, die ihr Verhältnis zu Herrn Settembrini bestimmte? Zu diesem Schönredner und Humanisten, den sie nicht leiden konnte und den sie hochmütig und unmenschlich nannte? Zu des jungen Hans Castorp erzieherischem Freunde, den sie gar zu gern darüber zur Rede gestellt hätte, was für Worte es gewesen seien, die er in seinem mediterranen Idiom, wovon sie so wenig eine Silbe verstand wie er von dem ihren, nur mit weniger sicherer Geringschätzung, dem konvenablen jungen Deutschen nachgesandt hatte, diesem hübschen kleinen Bourgeois von guter Familie und mit einer feuchten Stelle, als er damals im Begriffe gewesen war, sich ihr zu nähern? Hans Castorp, verliebt, wie man zu sagen pflegt „über beide Ohren“, doch nicht im vergnügten Sinn dieser Redensart, sondern so, wie man liebt, wenn der Fall verboten und unvernünftig liegt und sich keine friedlichen kleinen Lieder des Flachlandes darauf singen lassen, – arg verliebt also und damit abhängig, unterworfen, leidend und dienend, war doch der Mann, in der Sklaverei sich hinlängliche Verschmitztheit zu bewahren, um ganz gut zu wissen, welchen Wert seine Ergebenheit für die schleichende Kranke mit den bezaubernden Tatarenschlitzen etwa haben und behalten mochte: einen Wert, auf den sie, wie er bei sich in aller leidenden Unterworfenheit hinzufügte, aufmerksam gemacht werden konnte durch das Verhalten Herrn Settembrinis zu ihr, das ihren Argwohn nur zu offen bestätigte, nämlich so ablehnend war, wie humanistische Höflichkeit es nur irgend gestattete. Das Schlimme, oder, in Hans Castorps Augen, eher Vorteilhafte war, daß sie in ihren Beziehungen zu Leo Naphta, auf die sie doch Hoffnungen gesetzt, die rechte Entschädigung auch nicht fand. Zwar stieß sie hier nicht auf jene grundsätzliche Verneinung, die Herr Lodovico ihrem Wesen entgegensetzte, und die Gesprächsbedingungen lagen günstiger: sie unterhielten sich zuweilen gesondert, Clawdia und der scharfe Kleine, über Bücher, über Probleme der politischen Philosophie, in deren radikaler Behandlung sie übereinstimmten; und Hans Castorp nahm treuherzig teil daran. Aber eine gewisse aristokratische Einschränkung des Entgegenkommens, das der Emporkömmling, vorsichtig wie alle Emporkömmlinge, ihr bezeigte, mochte ihr doch bemerklich werden; sein spanischer Terrorismus stimmte im Grunde mit ihrer türenwerfend vagierenden „Mähnschlichkeit“ wenig überein; und hinzu kam als Letztes und Feinstes eine leichte, schwer greifbare Gehässigkeit, die sie mit weiblichem Spürsinn von seiten beider Widersacher, Settembrinis und Naphtas, sich mußte entgegenwehen fühlen (so gut, wie ihr Faschingsritter selber sie wehen fühlte), und die ihren Grund in den Beziehungen beider zu ihm, Hans Castorp, hatte: die Mißstimmung des Erziehers gegen die Frau als störendes und ablenkendes Element, diese stille und ursprüngliche Gegnerschaft, die sie vereinigte, weil ihre pädagogisch verdichtete Zwietracht sich darin aufhob.
Spielte nicht etwas von dieser Feindseligkeit auch in das Verhalten der beiden Dialektiker zu Pieter Peeperkorn hinein? Hans Castorp glaubte es zu bemerken, vielleicht weil er es boshafterweise erwartet hatte und im ganzen nicht wenig begierig gewesen war, den königlichen Stammler mit seinen beiden „Regierungsräten“, wie er sie bei sich manchmal witzweise nannte, zusammenzubringen und den Effekt zu studieren. Mynheer wirkte im Freien nicht ganz so großartig wie in geschlossenem Raum. Der weiche Filzhut, den er tief in die Stirn gerückt trug, und der sein weißes Flammenhaar, seine mächtige Stirnlineatur bedeckte, verkleinerte seine Züge, ließ sie gleichsam zusammenschrumpfen und setzte selbst seine gerötete Nase in ihrer Majestät herab. Auch war sein Gehen weniger gut als sein Stehen: Er hatte die Gewohnheit, bei jedem seiner kurzen Schritte den ganzen schweren Körper und sogar auch den Kopf etwas seitwärts fallen zu lassen nach der Seite des Fußes, den er eben vorwärts setzte, was eher gutmütig-greisenhaft als königlich anmutete; ging auch meist nicht zu voller Größe aufgerichtet, wie er stand, sondern etwas zusammengesunken. Aber auch so noch überragte er Herrn Lodovico sowohl wie nun gar den kleinen Naphta um Haupteslänge, – und das war es nicht allein, weshalb seine Gegenwart so sehr, vollkommen so sehr, wie Hans Castorp es einbildungsweise vorweggenommen, auf die Existenz der beiden Politiker drückte.
Das war ein Druck, eine Herabminderung und Beeinträchtigung durch den Vergleich, – fühlbar dem durchtriebenen Beobachter, fühlbar aber ohne Zweifel auch den Beteiligten, sowohl den schmächtig Überartikulierten wie dem großartig Stammelnden. Peeperkorn behandelte Naphta und Settembrini überaus höflich und aufmerksam, mit einem Respekt, den Hans Castorp ironisch genannt haben würde, wenn ihn nicht volle Einsicht in die Unvereinbarkeit dieses Begriffes mit dem des großen Formats daran gehindert hätte. Könige kennen keine Ironie, – nicht einmal im Sinn eines geraden und klassischen Mittels der Redekunst, geschweige in einem verwickelteren Sinn. Und so war es denn eher eine zugleich feine und großartige Spötterei zu nennen, was, unter leicht übertriebenem Ernst verborgen oder offen zutage liegend, des Holländers Benehmen gegen Hansens Freunde kennzeichnete. „Ja – ja – ja –!“ konnte er wohl sagen, indem er mit dem Finger nach ihrer Seite drohte, den Kopf mit scherzhaft lächelnden zerrissenen Lippen abgewandt. „Das ist – Das sind –. Meine Herrschaften, ich lenke Ihre Aufmerksamkeit – – Cerebrum, cerebral, verstehen Sie! Nein – nein, perfekt, außerordentlich, das ist, da zeigt sich denn doch – –.“ Sie rächten sich, indem sie Blicke tauschten, die nach der Begegnung verzweifelt himmelwärts wanderten, und in die sie auch Hans Castorp hineinzuziehen trachteten, was er aber ablehnte.
Es kam vor, daß Herr Settembrini den Schüler direkt zur Rede stellte und so seine pädagogische Unruhe bekundete.
„Aber, in Gottes Namen, Ingenieur, das ist ja ein dummer alter Mann! Was finden Sie an ihm? Kann er Sie fördern? Mir steht der Verstand still! Alles wäre klar – ohne eben lobenswert zu sein –, wenn Sie ihn in den Kauf nähmen, wenn Sie in seiner Gesellschaft nur die seiner gegenwärtigen Geliebten suchten. Aber es ist unmöglich, nicht zu sehen, daß Sie sich beinahe mehr um ihn kümmern, als um sie. Ich beschwöre Sie, kommen Sie meinem Verständnis zu Hilfe ...“
Hans Castorp lachte. „Durchaus!“ sagte er. „Perfekt! Es ist nun einmal – Erlauben Sie mir – Gut!“ Und er suchte auch Peeperkorns Kulturgebärden zu kopieren. „Ja, ja“, lachte er weiter, „Sie finden das dumm, Herr Settembrini, und jedenfalls ist es undeutlich, was in Ihren Augen wohl schlimmer ist, als dumm. Ach, Dummheit. Es gibt so viele verschiedene Arten von Dummheit, und die Gescheitheit ist nicht die beste davon ... Hallo! Da habe ich was geprägt, glaube ich, ein Wort, ein mot. Wie gefällt es Ihnen?“
„Sehr gut. Ich sehe erwartungsvoll Ihrer ersten Aphorismensammlung entgegen. Vielleicht ist es noch Zeit, Sie zu bitten, daß Sie darin gewissen Betrachtungen Rechnung tragen, die wir gelegentlich über das menschenfeindliche Wesen des Paradoxons angestellt haben.“
„Soll geschehen, Herr Settembrini. Soll absolut geschehen. Nein, Sie sehen mich gar nicht auf der Jagd nach Paradoxen mit meinem mot. Es war mir nur darum zu tun, auf die großen Schwierigkeiten hinzuweisen, die die Bestimmung von ‚Dummheit‘ und ‚Gescheitheit‘ ... bereitet. Also: bereitet, nicht wahr? Das ist so schwer auseinander zu halten, das geht so sehr ineinander über ... Ich weiß wohl, Sie hassen das mystische guazzabuglio und sind für den Wert, das Urteil, das Werturteil, und da gebe ich Ihnen ganz recht. Aber das mit der ‚Dummheit‘ und der ‚Gescheitheit‘, das ist zuweilen ein komplettes Mysterium, und es muß doch erlaubt sein, sich um Mysterien zu kümmern, vorausgesetzt, daß das ehrliche Bestreben vorhanden ist, ihnen nach Möglichkeit auf den Grund zu kommen. Ich frage Sie folgendes. Ich frage Sie: Können Sie leugnen, daß er uns alle in die Tasche steckt? Ich drücke es derb aus, und doch können Sie es, soviel ich sehe, nicht leugnen. Er steckt uns in die Tasche, und irgendwoher kommt ihm das Recht zu, sich über uns lustig zu machen. Woher? Wieso? Inwiefern? Natürlich nicht vermöge seiner Gescheitheit. Ich gebe zu, daß von Gescheitheit kaum die Rede sein kann. Er ist ja vielmehr ein Mann der Undeutlichkeit und des Gefühls, das Gefühl ist geradezu seine Puschel, – verzeihen Sie den umgangssprachlichen Ausdruck! Ich sage also: Nicht vor Gescheitheit steckt er uns in die Tasche, das heißt nicht aus geistigen Gründen, – Sie würden sich das verbitten, und wirklich, es scheidet aus. Aber doch auch nicht aus körperlichen! Doch nicht seiner Kapitänsschultern wegen, in Hinsicht auf rohe Brachialgewalt und weil er jeden von uns mit der Faust niederstrecken könnte, – er denkt gar nicht daran, daß er das könnte, und wenn er mal daran denkt, so genügen ein paar zivilisierte Worte, um ihn zu beschwichtigen ... Also auch nicht aus körperlichen. Und doch spielt ganz ohne Zweifel das Körperliche eine Rolle dabei, – nicht im brachialen Sinne, sondern in einem andern, im mystischen, – sobald das Körperliche eine Rolle spielt, wird die Sache mystisch –; und das Körperliche geht ins Geistige über, und umgekehrt, und sind nicht zu unterscheiden, und Dummheit und Gescheitheit sind nicht zu unterscheiden, aber die Wirkung ist da, das Dynamische, und wir werden in die Tasche gesteckt. Und dafür ist uns nur ein Wort an die Hand gegeben, und das heißt ‚Persönlichkeit‘. Man braucht es wohl auch vernünftigerweise, so, wie wir alle Persönlichkeiten sind, – moralische und juristische und was noch für Persönlichkeiten. Aber nicht so ist es hier gemeint. Sondern als ein Mysterium, das über Dummheit und Gescheitheit hinausliegt, und um das man sich doch muß kümmern dürfen, – teils um ihm nach Möglichkeit auf den Grund zu kommen und teils, soweit das nicht möglich ist, um sich daran zu erbauen. Und wenn Sie für Werte sind, so ist die Persönlichkeit am Ende doch auch ein positiver Wert, sollte ich denken, – positiver als Dummheit und Gescheitheit, im höchsten Grade positiv, absolut positiv, wie das Leben, kurzum: ein Lebenswert und ganz danach angetan, sich angelegentlich darum zu kümmern. Das meinte ich Ihnen erwidern zu sollen auf das, was Sie von Dummheit sagten.“
Neuerdings verwirrte und verhaspelte Hans Castorp sich nicht mehr bei solchen Expektorationen und blieb nicht stecken. Er sprach seinen Part zu Ende, ließ die Stimme sinken, machte Punktum und ging seines Weges wie ein Mann, obgleich er noch immer rot dabei wurde und eigentlich etwas Furcht hatte vor dem kritischen Schweigen, das seinem Verstummen folgen würde, damit er Zeit habe, sich zu schämen. Herr Settembrini ließ es walten, dieses Schweigen, und sagte dann:
„Sie leugnen, sich auf der Jagd nach Paradoxen zu befinden. Unterdessen wissen Sie genau, daß ich Sie ebenso ungern auf der Jagd nach Mysterien sehe. Indem Sie aus der Persönlichkeit ein Geheimnis machen, laufen Sie Gefahr, der Götzenanbetung zu verfallen. Sie venerieren eine Maske. Sie sehen Mystik, wo es sich um Mystifikation handelt, um eine jener betrügerischen Hohlformen, mit denen der Dämon des Körperlich-Physiognomischen uns manchmal zu foppen liebt. Sie haben nie in Schauspielerkreisen verkehrt? Sie kennen nicht diese Mimenköpfe, in denen sich die Züge Julius Cäsars, Goethes und Beethovens vereinigen, und deren glückliche Besitzer, sobald sie den Mund auftun, sich als die erbärmlichsten Tröpfe unter der Sonne erweisen?“
„Gut, ein Naturspiel“, sagte Hans Castorp. „Aber doch nicht nur ein Naturspiel, nicht nur Fopperei. Denn da diese Leute Schauspieler sind, müssen sie ja Talent haben, und das Talent ist selbst über Dummheit und Gescheitheit hinaus, es ist selbst ein Lebenswert. Mynheer Peeperkorn hat auch Talent, sagen Sie, was Sie wollen, und damit steckt er uns in die Tasche. Setzen Sie in eine Ecke eines Zimmers Herrn Naphta und lassen Sie ihn einen Vortrag über Gregor den Großen und den Gottesstaat halten, höchst hörenswert, – und in der andern Ecke steht Peeperkorn mit seinem sonderbaren Mund und seinen hochgezogenen Stirnfalten und sagt nichts als ‚Durchaus! Erlauben Sie mir – Erledigt!‘ – Sie werden sehen, die Leute werden sich um Peeperkorn versammeln, alle um ihn, und Naphta wird ganz allein dasitzen mit seiner Gescheitheit und seinem Gottesstaat, obgleich er sich dermaßen deutlich ausdrückt, daß es einem durch Mark und Pfennig geht, wie Behrens zu sagen pflegt ...“
„Schämen Sie sich der Erfolgsanbetung!“ mahnte ihn Herr Settembrini. „Mundus vult decipi. Ich verlange nicht, daß man sich um Herrn Naphta schart. Er ist ein arger Quertreiber. Aber ich bin geneigt, auf seine Seite zu treten angesichts der imaginären Szene, die Sie mit tadelnswertem Beifall ausmalen. Verachten Sie nur das Distinkte, Präzise und Logische, das human zusammenhängende Wort! Verachten Sie es zu Ehren irgendeines Hokuspokus von Andeutung und Gefühlsscharlatanerie, – und der Teufel hat Sie schon unbedingt ...“
„Aber ich versichere Sie, er kann oft ganz zusammenhängend sprechen, wenn er warm wird“, sagte Hans Castorp. „Er hat mir gelegentlich von dynamischen Drogen und asiatischen Giftbäumen erzählt, so interessant, daß es fast unheimlich war – das Interessante ist immer etwas unheimlich – und interessant war es wieder nicht so sehr an und für sich, als eigentlich nur im Zusammenhang mit seiner Persönlichkeitswirkung: die machte es zugleich unheimlich und interessant ...“
„Natürlich, Ihre Schwäche für das Asiatische ist bekannt. In der Tat, mit solchen Wundern kann ich nicht aufwarten“, erwiderte Herr Settembrini mit soviel Bitterkeit, daß Hans Castorp eilig erklärte, die Vorzüge seiner Unterhaltung und Belehrung lägen selbstverständlich nach einer ganz anderen Seite hin, und es komme niemandem in den Sinn, Vergleiche anzustellen, durch die beiden Teilen Unrecht geschehen würde. Doch der Italiener überhörte und verschmähte die Höflichkeit. Er fuhr fort:
„Auf jeden Fall müssen Sie erlauben, daß man Ihre Sachlichkeit und Gemütsruhe bewundert, Ingenieur. Sie streift ein wenig das Groteske, das werden Sie einräumen. Wie schließlich alles steht und liegt ... Dieser Ölgötze hat Ihnen Ihre Beatrice weggenommen, – ich nenne die Dinge bei ihrem Namen. Und Sie? Es ist beispiellos.“
„Temperamentsunterschiede, Herr Settembrini. Unterschiede in Hinsicht auf Hitze und Ritterlichkeit des Geblütes. Natürlich, Sie als Mann des Südens, Sie würden wohl Gift und Dolch zu Rate ziehen oder jedenfalls die Sache gesellschaftlich-leidenschaftlich gestalten, kurz hahnenmäßig. Das wäre gewiß sehr männlich, gesellschaftlich-männlich und galant. Mit mir aber ist es was anderes. Ich bin gar nicht männlich auf die Art, daß ich im Manne nur das nebenbuhlende Mitmännchen erblicke, – ich bin es vielleicht überhaupt nicht, aber bestimmt nicht auf diese Art, die ich unwillkürlich ‚gesellschaftlich‘ nenne, ich weiß nicht, warum. Ich frage mich in meiner tranigen Brust, ob ich ihm denn was vorzuwerfen habe. Hat er mir wissentlich etwas angetan? Aber Beleidigungen müssen mit Absicht geschehen, sonst sind sie keine. Und was das ‚antun‘ betrifft, da müßte ich mich schon an sie halten, und dazu habe ich auch wieder kein Recht, – überhaupt nicht und in Hinsicht auf Peeperkorn noch ganz besonders nicht. Denn er ist erstens eine Persönlichkeit, was schon allein etwas für Frauen ist, und zweitens ist er kein Zivilist, wie ich, sondern eine Art von Militär, wie mein armer Vetter, das heißt: er hat einen point d’honneur, eine Ehrenpuschel, und das ist das Gefühl, das Leben ... Ich schwatze da Unsinn, aber ich will lieber ein bißchen faseln und dabei etwas Schwieriges halbwegs ausdrücken, als immer nur tadellose Hergebrachtheiten von mir geben, – das ist doch vielleicht auch so etwas wie ein militärischer Zug in meinem Charakterbilde, wenn ich so sagen darf ...“
„Sagen Sie immerhin so“, nickte Herr Settembrini. „Unbedingt wäre das ein Zug, den man loben dürfte. Der Mut der Erkenntnis und des Ausdrucks, das ist die Literatur, es ist die Humanität ...“
So kamen sie leidlich voneinander bei solcher Gelegenheit; Herr Settembrini gab dem Gespräch versöhnlichen Abschluß, wozu er auch gute Gründe hatte. Seine Position dabei war keineswegs so unverletzlich, daß es ratsam für ihn gewesen wäre, die Strenge sehr weit zu treiben; ein Gespräch, das von Eifersucht handelte, war etwas schlüpfriger Boden für ihn; an einem bestimmten Punkte hätte er eigentlich antworten müssen, daß, in Anbetracht seiner pädagogischen Ader, sein Verhältnis zum Männlichen auch nicht durchaus gesellschaftlich-hahnenmäßiger Art sei, weshalb der großmächtige Peeperkorn seine Kreise ebenso störe, wie Naphta und Frau Chauchat es täten; und zum Schluß durfte er nicht hoffen, seinem Schüler eine Persönlichkeitswirkung und natürliche Überlegenheit auszureden, der er selbst sich so wenig, wie sein Partner in zerebralen Angelegenheiten, zu entziehen vermochte.
Am besten erging es ihnen, wenn geistige Lüfte wehen, wenn sie disputieren – die Aufmerksamkeit der Spazierenden an eine ihrer zugleich eleganten und leidenschaftlichen, ihrer akademischen und dabei in einem Tonfall, als handele es sich um brennendste Tages- und Lebensfragen, geführten Debatten fesseln konnten, deren Kosten sie fast allein bestritten, und für deren Dauer das anwesende „Format“ gewissermaßen neutralisiert war, da es sie nur mit stirnfaltigem Erstaunen und undeutlich-spöttischen Abgerissenheiten begleiten konnte. Allein selbst unter diesen Umständen übte es seinen Druck, beschattete das Gespräch, so daß es an Glanz zu verlieren schien, entweste es auf irgendeine Weise, setzte ihm, allen fühlbar, wenn auch seinerseits sicherlich unbewußt, oder Gott weiß in welchem Grade bewußt, etwas entgegen, was keiner der beiden Sachen zugute kam und wodurch der Zwist in seiner entscheidenden Wichtigkeit verblaßte, ja ihm – wir nehmen Anstand, es zu sagen – der Stempel des Müßigen aufgedrückt wurde. Oder, anders versucht: die witzige Fehde auf Leben und Tod nahm heimlich, auf unterirdische und unbestimmte Weise, beständig Bezug auf das ihr zur Seite wandelnde Format und entnervte sich an diesem Magnetismus. Anders war dieser geheimnisvolle und für die Disputanten sehr ärgerliche Vorgang nicht zu kennzeichnen. Man kann nur sagen, daß es, wenn kein Pieter Peeperkorn gewesen wäre, zur Parteinahme weit strenger verpflichtet hätte, wie beispielsweise Leo Naphta das erz- und grundrevolutionäre Wesen der Kirche gegen die Lehrmeinung Herrn Settembrinis verteidigte, welcher in dieser geschichtlichen Macht einzig die Schutzherrin finsterer Beharrung und Erhaltung erblicken und alle zur Umwälzung und Erneuerung bereite Lebens- und Zukunftsfreundlichkeit an die entgegengesetzten, einer ruhmreichen Epoche der Wiedergeburt antiker Bildung entstammenden Prinzipien der Aufhellung, der Wissenschaft und des Fortschritts gebunden wissen wollte und auf diesem Bekenntnis mit schönstem Wurf des Wortes und der Gebärde bestand. Da machte denn Naphta, kalt und scharf, sich anheischig, zu zeigen – und zeigte es auch fast bis zu blendender Unwidersprechlichkeit –, daß die Kirche als Verkörperung der religiös-asketischen Idee, im Innersten weit entfernt, Parteigängerin und Stütze dessen zu sein, was bestehen wolle, der weltlichen Bildung also, der staatlichen Rechtsordnungen, – vielmehr von jeher den radikalsten, den Umsturz mit Stumpf und Stiel auf ihre Fahne geschrieben habe; daß schlechthin alles, was sich bewahrenswert dünke und von den Matten, den Feigen, den Konservativen, den Bürgern zu bewahren versucht werde: Staat und Familie, weltliche Kunst und Wissenschaft – sich immer nur in bewußtem oder unbewußtem Widerspruch zur religiösen Idee gehalten habe, zur Kirche, deren eingeborene Tendenz und unverbrüchliches Ziel die Auflösung aller bestehenden weltlichen Ordnungen und die Neugestaltung der Gesellschaft nach dem Vorbilde des idealen, des kommunistischen Gottesstaates sei.
Das Wort hatte danach Herr Settembrini, und beim Himmel! er wußte etwas damit anzufangen. Eine solche Verwechslung des luziferischen Revolutionsgedankens mit der Generalrevolte aller schlechten Instinkte, sagte er, sei beklagenswert. Die Neuerungsliebe der Kirche habe durch die Jahrhunderte darin bestanden, den lebenzeugenden Gedanken zu inquirieren, zu erdrosseln, im Rauch ihrer Scheiterhaufen zu ersticken, und heute lasse sie sich durch ihre Emissäre für umwälzungsfroh erklären, mit der Begründung, ihr Ziel sei es, Freiheit, Bildung und Demokratie durch Pöbeldiktatur und Barbarei zu ersetzen. Eh, in der Tat, eine schauerliche Art widerspruchsvoller Konsequenz, konsequenten Widerspruches ...
An dergleichen Widerspruch und Folgerichtigkeit, entgegnete Naphta, lasse sein Gegner es nicht fehlen. Demokrat seiner eigenen Schätzung nach, äußere er sich wenig volks- und gleichheitsfreundlich, lege vielmehr eine sträfliche aristokratische Hochnäsigkeit zutage, indem er das zu stellvertretender Diktatur berufene Weltproletariat als Pöbel bezeichne. Aber als Demokrat, in Wahrheit, verhalte er sich offenbar zur Kirche, die allerdings, man müsse es auf stolze Art einräumen, die vornehmste Macht der Menschheitsgeschichte darstelle, – vornehm im letzten und höchsten Verstande, in dem des Geistes. Denn der asketische Geist, – wenn es erlaubt sei, in Pleonasmen zu reden – der Geist der Weltverneinung und Weltvernichtung sei die Vornehmheit selbst, das aristokratische Prinzip in Reinkultur; er könne niemals volkstümlich sein, und zu allen Zeiten sei die Kirche im Grunde unpopulär gewesen. Ein wenig literarische Bemühung um die Kultur des Mittelalters werde Herrn Settembrini dieser Tatsache ansichtig machen, – der derben Abneigung, die das Volk – und zwar das Volk im weitesten Sinne – dem kirchlichen Wesen entgegengebracht habe, gewisser Mönchsgestalten zum Beispiel, die, Erfindungen volkstümlicher Dichterphantasie, dem asketischen Gedanken auf bereits recht lutherische Weise Wein, Weib und Gesang entgegengestellt hätten. Alle Instinkte weltlichen Heldentums, aller Kriegergeist, dazu die höfische Dichtung habe sich in mehr oder minder offener Gegenstellung zur religiösen Idee und damit zur Hierarchie befunden. Denn das alles sei „Welt“ und Pöbeltum gewesen im Vergleich mit dem durch die Kirche dargestellten Adel des Geistes.
Herr Settembrini dankte für die Gedächtnisstärkung. Die Figur des Mönches Ilsan aus dem „Rosengarten“ behalte viel Erquickliches gegenüber dem hier gepriesenen Grabesaristokratismus, und wenn er, Redner, kein Freund des deutschen Reformators sei, auf den eine Anspielung geschehen, so finde man ihn doch glühend bereit, alles, was an demokratischem Individualismus seiner Lehre zugrunde liege, gegen jederlei geistlich-feudale Herrschaftsgelüste über die Persönlichkeit in Schutz zu nehmen.
„Ei!“ rief Naphta nun auf einmal. Man wolle der Kirche wohl gar einen Mangel an Demokratismus, an Sinn für den Wert der menschlichen Persönlichkeit unterstellen? Und die humane Vorurteilslosigkeit des kanonischen Rechtes, welches, während das römische die Rechtsfähigkeit vom Besitz des Bürgerrechtes abhängig gemacht, das germanische sie an Volkszugehörigkeit und persönliche Freiheit gebunden habe, einzig kirchliche Gemeinschaft und Rechtgläubigkeit verlangt, sich aller staatlichen und gesellschaftlichen Rücksichten entschlagen und die Testier- und Sukzessionsfähigkeit von Sklaven, Kriegsgefangenen, Unfreien behauptet habe?!
Diese Behauptung, bemerkte Settembrini bissig, sei wohl nicht ohne Seitenblick auf die „kanonische Portion“ aufrecht erhalten worden, die bei jedem Testament habe abfallen müssen. Im übrigen sprach er von „Pfaffendemagogie“, nannte es die Leutseligkeit unbedingter Machtbegier, die Unterwelt in Bewegung zu setzen, wenn die Götter begreiflicherweise nichts von einem wissen wollten, und meinte, es sei der Kirche offenbar auf die Quantität der Seelen mehr angekommen, als auf ihre Qualität, was auf tiefe geistige Unvornehmheit schließen lasse.
Unvornehm gesonnen – die Kirche? Herr Settembrini wurde auf den unerbittlichen Aristokratismus aufmerksam gemacht, welcher der Idee von der Erblichkeit der Schande zugrunde gelegen habe: der Übertragung schwerer Schuld auf die – demokratisch gesprochen – doch unschuldigen Nachkommen; die lebenslange Makelhaftigkeit und Rechtlosigkeit natürlicher Kinder zum Beispiel. Aber er bat, davon stille zu sein, – erstens, weil sein humanes Gefühl sich dagegen empöre, und zweitens, weil er die Winkelzüge satt habe und in den Kunstgriffen der gegnerischen Apologetik den durchaus infamen und teuflischen Kultus des Nichts wiedererkenne, der Geist genannt sein wolle, und der die eingestandene Unpopularität des asketischen Prinzips als etwas so Legitimes, so Heiliges empfinden lasse.
Hier kam nun Naphta denn doch um die Erlaubnis ein, hell herauslachen zu dürfen. Man spreche vom Nihilismus der Kirche! Vom Nihilismus des am meisten realistischen Herrschaftssystems der Weltgeschichte! Nie habe Herrn Settembrini also ein Hauch berührt von der humanen Ironie, mit der sie der Welt, dem Fleische beständig Zugeständnisse gewähre, in kluger Nachgiebigkeit die letzten Folgerungen des Prinzips verhülle und den Geist als regelnden Einfluß walten lasse, ohne der Natur allzu streng zu begegnen? Auch von dem priesterlich feinen Begriff der Indulgenz habe er folglich nie gehört, unter den sogar ein Sakrament, nämlich das der Ehe, falle, welches gar kein positives Gut, gleich den anderen Sakramenten, sondern nur ein Schutz gegen die Sünde sei, verliehen einzig zur Einschränkung der sinnlichen Begierde und der Unmäßigkeit, so daß das asketische Prinzip, das Keuschheitsideal sich darin behaupte, ohne daß dem Fleische mit unpolitischer Schärfe entgegengetreten werde?
Wie konnte Herr Settembrini da umhin, sich zu verwahren gegen einen so abscheulichen Begriff des „Politischen“, gegen die Gebärde dünkelhafter Nachsicht und Klugheit, die der Geist – das, was sich hier Geist nenne – sich anmaße gegen sein vermeintlich schuldhaftes und „politisch“ zu behandelndes Gegenteil, welches in Wahrheit seiner giftigen Indulgenz durchaus nicht bedürfe; gegen die verfluchte Zweiheitlichkeit einer Weltdeutung, die das Universum verteufele, nämlich sowohl das Leben, als auch zugleich sein erdünkeltes Gegenteil, den Geist: denn wenn jenes böse sei, müsse auch dieser, als reine Verneinung, es sein! Und er brach eine Lanze für die Unschuld der Wollust, – wobei Hans Castorp an sein Humanistenstübchen im Dache mit dem Stehpult, den Strohstühlen und der Wasserflasche denken mußte, – während Naphta, behauptend, nie könne Wollust ohne Schuld sein, und die Natur habe angesichts des Geistigen gefälligst ein schlechtes Gewissen zu haben, die kirchliche Politik und Indulgenz des Geistes als „Liebe“ bestimmte, um den Nihilismus des asketischen Prinzips zu widerlegen, – wobei Hans Castorp fand, daß das Wort „Liebe“ dem scharfen, mageren kleinen Naphta recht sonderbar zu Gesichte stehe ...
So ging das weiter, wir kennen das Spiel, Hans Castorp kannte es. Wir haben mit ihm einen Augenblick hingehört, um zu beobachten, wie, beispielsweise, ein solcher peripatetischer Waffengang sich im Schatten der nebenherwandelnden Persönlichkeit ausnahm, und auf welche Weise etwa diese Gegenwart ihn insgeheim um den Nerv brachte: nämlich so, daß ein heimlicher Zwang zur Bezugnahme auf sie den hin und her springenden Funken tötete und eine Erinnerung an jenes Gefühl matter Leblosigkeit sich aufdrängte, das uns überkommt, wenn eine elektrische Leitung sich als kontaktlos erweist. Gut! so war es. Da war kein Knistern zwischen den Widersprüchen mehr, kein Sprung des Blitzes, kein Strom, – die Gegenwart, neutralisiert durch den Geist, wie dieser meinen wollte, neutralisierte vielmehr den Geist; Hans Castorp ward es mit Staunen und Neugier gewahr.
Revolution und Erhaltung, – man blickte auf Peeperkorn, man sah ihn daherstapfen, nicht besonders großartig zu Fuß, mit seinem seitwärts nickenden Tritt und den Hut in der Stirn; sah seine breiten, unregelmäßig zerrissenen Lippen und hörte ihn sagen, indem er scherzhaft mit dem Kopf auf die Disputanten deutete: „Ja – ja – ja! Cerebrum, cerebral, verstehen Sie! Das ist – Da zeigt sich denn doch –“: und siehe, der Steckkontakt war mausetot! Sie versuchten es zum andern, griffen zu stärkeren Beschwörungen, kamen auf das „aristokratische Problem“, auf Popularität und Vornehmheit. Kein Funke. Magnetisch nahm das Gespräch persönlichen Bezug; Hans Castorp sah Clawdias Reisebegleiter unter der rotseidenen Steppdecke im Bette liegen, im kragenlosen Trikothemd, halb alter Arbeitsmann, halb Königsbüste, – und mit mattem Zucken erstarb der Nerv des Streites. Stärkere Spannungen! Verneinung hie und Kult des Nichts – hie ewiges Ja und liebende Neigung des Geistes zum Leben! Wo blieben Nerv, Blitz und Strom, wenn man auf Mynheer blickte, – was unvermeidlich und kraft geheimer Anziehung geschah? Kurzum, sie blieben aus, und das war, mit Hansens Wort, nicht weniger noch mehr als ein Mysterium. Für seine Aphorismensammlung mochte er sich notieren, daß man ein Mysterium mit allereinfachsten Worten ausspricht – oder es unausgesprochen läßt. Um dieses allenfalls auszusprechen, durfte man einzig sagen, aber dies geradezu, daß Pieter Peeperkorn mit seiner hochfaltigen Königsmaske und seinem bitter zerrissenen Munde jeweils beides war, daß beides auf ihn zu passen und in ihm sich aufzuheben schien, wenn man ihn ansah: dies und jenes, das eine und das andre. Ja, dieser dumme alte Mann, dies herrscherliche Zero! Er lähmte den Nerv der Widersprüche nicht durch Verwirrung und Quertreiberei, wie Naphta; er war nicht zweideutig, wie dieser, er war es auf ganz entgegengesetzte, auf positive Art, – dies torkelnde Mysterium, das offenkundig nicht über Dummheit und Gescheitheit allein, das über soviel andre Oppositionen noch hinaus war, die Settembrini und Naphta beschworen, um zu erzieherischem Behufe Hochspannung zu erzeugen. Die Persönlichkeit, so schien es, war nicht erzieherisch, – und dennoch, welche Chance war sie für einen Bildungsreisenden! Wie seltsam, diese Zweideutigkeit von einem König zu betrachten, als die Streiter auf Ehe und Sünde kamen, auf das Sakrament der Nachsicht, auf Schuld und Unschuld der Wollust! Er neigte das Haupt zur Schulter und Brust, die wehen Lippen taten sich voneinander, schlaff-klagend klaffte der Mund, die Nüstern spannten und verbreiterten sich wie in Schmerzen, die Falten der Stirne stiegen und weiteten die Augen zu blassem Leidensblick, – ein Bild der Bitternis. Und siehe, im selben Nu erblühte die Martermiene zur Üppigkeit! Die schräge Neigung des Hauptes deutete sich um in Schalkheit, die Lippen, noch offen, lächelten unsittsam, das sybaritische Grübchen, bekannt von früheren Gelegenheiten, erschien in einer Wange, – der tanzende Heidenpriester war da, und während er mit dem Kopfe scherzhaft in jene cerebrale Richtung deutete, hörte man ihn sagen: „Ei, ja, ja ja – perfekt. Das ist – Das sind – Da zeigt sich nun – Das Sakrament der Wollust, verstehen Sie – –“
Dennoch, wie wir sagten, am besten waren Hans Castorps herabgesetzte Freunde und Lehrer immer noch daran, wenn sie zanken konnten. Sie waren in ihrem Elemente alsdann, während das Format es nicht war, und immerhin mochte man verschieden urteilen über die Rolle, die er dabei spielte. Ganz zweifellos dagegen gestaltete die Lage sich zu ihrem Nachteil, wenn es nicht länger um Witz und Wort und Spiritus, sondern um Sachen, um Irden-Praktisches, kurz, um Fragen und Dinge ging, in denen Herrschernaturen sich eigentlich bewähren: dann wars um sie geschehen, sie traten in den Schatten, wurden unscheinbar, und Peeperkorn ergriff das Zepter, bestimmte, entschied, beorderte, bestellte und befahl ... Was wunder, daß er nach diesem Zustand trachtete und aus der Logomachie in ihn hinüberstrebte? Er litt, solange sie herrschte, oder doch, wenn sie lange herrschte; doch nicht aus Eitelkeit litt er unter ihr, – Hans Castorp war dessen versichert. Die Eitelkeit hat kein Format, und Größe ist nicht eitel. Nein, Peeperkorns Verlangen nach Dinglichkeit entsprang aus anderen Gründen: aus „Angst“, ganz grob und plump gesagt, aus jenem Pflichteifer und Ehrenraptus, dessen Hans Castorp gegen Herrn Settembrini versuchsweise erwähnt und den er als einen gewissermaßen militärischen Zug hatte ansprechen wollen.
„Meine Herren –“, sagte der Holländer, indem er die Kapitänshand mit den Nagellanzen beschwörend und gebietend erhob. „– Gut, meine Herren, perfekt, vortrefflich! Die Askese – die Indulgenz – die Sinnenlust – Ich möchte das – Durchaus! Höchst wichtig! Höchst strittig! Allein erlauben Sie mir – Ich fürchte, wir machen uns eines schweren – Wir entziehen uns, meine Herrschaften, wir entziehen uns in unverantwortlicher Weise den heiligsten –“ Er atmete tief. „Diese Luft, meine Herrschaften, die charaktervolle Föhnluft dieses Tages, mit ihrem zart entnervenden, ahnungs- und erinnerungsvollen Einschlag von Frühlingsaroma, – wir sollten sie nicht einatmen, um sie in Form von – Ich bitte dringend: wir sollten das nicht. Das ist eine Beleidigung. Nur ihr selbst sollten wir unsere volle und ganze – oh, unsere höchste und geistesgegenwärtigste – Erledigt, meine Herrschaften! Und nur als reine Lobpreisung ihrer Eigenschaften sollten wir sie wieder aus unserer Brust – – Ich unterbreche mich, meine Herrschaften! Ich unterbreche mich zu Ehren dieses –“ Er war stehengeblieben, zurückgebeugt, mit dem Hut die Augen beschattend, und alle folgten seinem Beispiel. „Ich lenke“, sagte er, „Ihre Aufmerksamkeit in die Höhe, in große Höhe, auf jenen schwarzen, kreisenden Punkt dort oben, unter dem außerordentlich blauen, ins Schwärzliche spielenden – Das ist ein Raubvogel, ein großer Raubvogel. Das ist, wenn mich nicht alles – Meine Herren und Sie, mein Kind, das ist ein Adler. Auf ihn lenke ich mit aller Entschiedenheit – Sehen Sie! Das ist kein Bussard und kein Geier, – wären Sie so übersichtig, wie ich es mit zunehmenden – Ja, mein Kind, gewiß, mit zunehmenden. Mein Haar ist bleich, gewiß. So würden Sie so deutlich, wie ich, an der stumpfen Rundung der Schwingen – Ein Adler, meine Herrschaften. Ein Steinadler. Er kreist gerade über uns im Blauen, schwebt ohne Flügelschlag in großartiger Höhe zu unseren – und späht gewiß aus seinen mächtigen, weitsichtigen Augen unter den vortretenden Brauenknochen – Der Adler, meine Herrschaften, Jupiters Vogel, der König seines Geschlechtes, der Leu der Lüfte! Er hat Federhosen und einen Schnabel von Eisen, nur vorne plötzlich eisern gekrümmt, und Fänge von ungeheurer Kraft, einwärts geschlagene Krallen, die vorderen von der langen rückwärtigen eisern umgriffen. Sehen Sie, so!“ Und er versuchte, mit seiner langgenagelten Kapitänshand die Adlerklaue darzustellen. „Gevatter, was kreist und spähst du!“ wendete er sich wieder nach oben. „Stoß nieder! Schlag ihm mit dem Eisenschnabel auf den Kopf und in die Augen, reiß ihm den Bauch auf, dem Wesen, das dir Gott – – Perfekt! Erledigt! Deine Fänge müssen in Eingeweide verstrickt sein und dein Schnabel triefen von Blut –“
Er war begeistert, und um die Teilnahme der Spaziergänger für Naphtas und Settembrinis Antinomien war es getan. Auch wirkte die Erscheinung des Adlers noch wortlos nach in den Beschlüssen und Unternehmungen, die unter Mynheers Leitung darauf folgten: Es gab Einkehr, es gab ein Essen und Trinken, ganz außer der Zeit, jedoch mit einem Appetit, der durch das stille Gedenken an den Adler befeuert ward; ein Schmausen und Zechen, wie Mynheer es so oft auch außerhalb des Berghofs ins Werk setzte, wo es sich eben traf, in „Platz“ und „Dorf“, in einem Wirtshaus zu Glaris oder Klosters, wohin man ausflugsweise mit dem Züglein gefahren war: Klassische Gaben genoß man unter seiner Herrscherleitung: Rahmkaffee mit ländlich Gebackenem oder saftigen Käse auf duftiger Alpenbutter, die auch zu heißen, gerösteten Kastanien wundervoll mundete, dazu Veltliner Roten, soviel das Herz begehrte; und Peeperkorn begleitete das Stegreifmahl mit großen Abgerissenheiten oder forderte Anton Karlowitsch Ferge zu reden auf, diesen gutmütigen Dulder, dem alles Höhere völlig fremd war, der aber sehr dinghaft von der Fabrikation russischer Gummischuhe zu erzählen wußte: Mit Schwefel und andren Stoffen versetze man die Gummimasse, und die fertigen, lackierten Schuhe würden in einer Hitze von über hundert Grad „vulkanisiert“. Auch vom Polarkreis sprach er, denn selbst bis dorthin hatten seine Dienstreisen ihn mehrfach geführt: von der Mitternachtssonne und vom ewigen Winter am Nordkap. Da sei, sagte er aus seiner knotigen Kehle und unter seinem überhängenden Schnurrbart hervor, der Dampfer ganz winzig erschienen gegen den ungeheuren Felsen und die stahlgraue Fläche des Meeres. Und gelbe Lichtflächen hätten sich am Himmel ausgebreitet, das sei das Nordlicht gewesen. Und alles sei ihm, Anton Karlowitsch, gespenstisch vorgekommen, die ganze Szenerie und er sich selber mit.
Soweit Herr Ferge, der einzige in der kleinen Gesellschaft, der außer allen hin und wieder laufenden Beziehungen stand. Was aber diese betraf, so gibt es zwei kurze Unterredungen aufzuzeichnen, zwei wunderliche Konversationen unter vier Augen, geführt zu jener Zeit von unserem unheldischen Helden mit Clawdia Chauchat und ihrem Reisebegleiter: mit jedem einzeln, die eine in der Halle, um eine Abendstunde, während die „Störung“ droben im Fieber lag, die andre eines Nachmittags an Mynheers Lager ...
Es herrschte Halbdunkel in der Halle an jenem Abend. Die regelmäßige Geselligkeit war matt und flüchtig gewesen, und früh hatte die Gästeschaft sich zum Spätliegedienst in die Balkonlogen verzogen, soweit sie nicht auf kurwidrigen Wegen wandelte, in die Welt hinab, zu Tanz und Spiel. Nur eine Lampe brannte irgendwo an der Decke des ausgestorbenen Raumes, und auch die anstoßenden Gesellschaftsräume waren kaum erhellt. Doch wußte Hans Castorp, daß Frau Chauchat, die das Diner ohne ihren Gebieter eingenommen hatte, noch nicht ins erste Stockwerk zurückgekehrt war, sondern allein im Schreib- und Lesezimmer verweilte, und darum hatte auch er gezögert, hinaufzugehen. Er saß in dem hinteren, durch eine flache Stufe erhöhten und durch ein paar weiße Bögen mit holzbekleideten Pfeilern vom Hauptraum abgegliederten Teil der Halle, saß am Kachelkamin, in solchem Schaukelstuhl wie der, worin Marusja sich damals gewiegt, als Joachim sein allereinziges Gespräch mit ihr gepflogen, und rauchte eine Zigarette, wie es um diese Stunde hier allenfalls statthaft war.
Sie kam, er hörte ihre Schritte, ihr Kleid hinter sich, sie war neben ihm, fächelte mit einem Brief, den sie an einer Ecke hielt, in der Luft hin und her und sagte mit ihrer Pribislavstimme:
„Der Concierge ist fort. Geben Sie schon ein timbre poste!“
Sie trug leichte dunkle Seide diesen Abend, ein Kleid mit rundem Halsausschnitt und lockeren Ärmeln, die unten als geknöpfte Manschetten knapp um die Handgelenke lagen. Er sah das mit Vorliebe. Sie hatte sich mit der Perlenreihe geschmückt, die bleich in der Dämmerung schimmerte. Er blickte hinauf in ihr Kirgisengesicht. Er wiederholte:
„Timbre? Ich habe keins.“
„Wie, keins? Tant pis pour vous. Nicht in Bereitschaft, einer Dame gefällig zu sein?“ Sie warf die Lippen auf und zuckte die Achseln. „Das enttäuscht mich. Präzis und zuverlässig solltet Ihr doch sein. Ich habe mir eingebildet, Sie hätten in einem Fache Ihres Portefeuilles kleine zusammengelegte Bögen von allen Sorten, nach der Wertstaffel geordnet.“
„Nein, wozu?“ sagte er. „Ich schreibe nie Briefe. An wen wohl? Höchst selten mal eine Karte, die gleich frankiert ist. An wen sollte ich wohl Briefe schreiben? Ich habe niemanden. Ich habe gar keine Fühlung mehr mit dem Flachland, die ist mir abhanden gekommen. Wir haben ein Lied in unserem Volksliederbuch, worin es heißt: ‚Ich bin der Welt abhanden gekommen‘. So steht es mit mir.“
„Nun, dann geben Sie schon wenigstens eine Papyros, verlorener Mensch!“ sagte sie, indem sie sich ihm gegenüber neben den Kamin auf die mit einem leinenen Kissen belegte Bank setzte, ein Bein über das andere legte und die Hand ausstreckte. „Es scheint, damit sind Sie versehen.“ Und sie nahm nachlässig und ohne zu danken aus seiner silbernen Dose die Zigarette, die er ihr entgegenschob, und bediente sich an dem Taschenfeuerzeug, das er vor ihrem vorgebeugten Gesichte spielen ließ. In diesem trägen „Geben Sie schon!“, diesem Nehmen ohne Dank lag Üppigkeit der verwöhnten Frau, überdies aber der Sinn menschlicher, oder besser gesagt: „mähnschlicher“ Gemeinsamkeit und Besitzgenossenschaft, einer wilden und weichen Selbstverständlichkeit des Gebens und Nehmens. Er kritisierte es bei sich in verliebtem Sinn. Dann sagte er:
„Ja, damit immer. Damit bin ich allerdings immer versehen. Das muß man haben. Wie käme man ohne das wohl aus? Nicht wahr, man nennt das eine Leidenschaft, wenn einer so fragt. Ich bin, offen gestanden, gar kein leidenschaftlicher Mensch, aber ich habe Leidenschaften, phlegmatische Leidenschaften.“
„Es beruhigt mich außerordentlich“, sagte sie, den eingeatmeten Rauch heraussprechend, „zu hören, daß Sie kein leidenschaftlicher Mensch sind. Übrigens, wie denn auch wohl? Sie müßten aus der Art geschlagen sein. Leidenschaft, das ist: um des Lebens willen leben. Aber es ist bekannt, daß ihr um des Erlebnisses willen lebt. Leidenschaft, das ist Selbstvergessenheit. Aber euch ist es um Selbstbereicherung zu tun. C’est ça. Sie haben keine Ahnung, daß das abscheulicher Egoismus ist, und daß ihr damit eines Tages als Feinde der Menschheit dastehen werdet?“
„Hallo, hallo! Gleich Feinde der Menschheit? – Was sagst du da, Clawdia, so allgemein? Was hast du Bestimmtes und Persönliches im Sinn, daß du sagst, uns sei es nicht um das Leben, sondern um Bereicherung zu tun? Ihr Frauen moralisiert doch nicht so ins Blaue hinein. Ach, die Moral, weißt du. Die ist ein Streitfall für Naphta und Settembrini. Die fällt ins Gebiet der großen Konfusion. Ob einer um seiner selbst willen lebt oder um des Lebens willen, das weiß er doch selber nicht, und niemand kann es genau und sicher wissen. Ich meine, die Grenze ist fließend. Da gibt es egoistische Hingabe und hingebenden Egoismus ... Ich glaube, es ist im ganzen, wie es in der Liebe ist. Natürlich ist es wohl unmoralisch, daß ich nicht recht darauf achten kann, was du mir sagst über Moral, sondern in erster Linie froh bin, daß wir zusammensitzen, wie nur einmal bisher und keinmal noch, seit du zurück bist. Und daß ich dir sagen kann, wie beispiellos gut dich diese engen Manschetten um deine Handgelenke kleiden und diese dünne Seide weit um deine Arme herum, – um deine Arme, die ich kenne ...“
„Ich gehe.“
„Geh, bitte, nicht! Ich werde die Umstände berücksichtigen und die Persönlichkeiten.“
„Worauf man denn doch wenigstens wird rechnen dürfen bei einem Menschen ohne Leidenschaft.“
„Ja, siehst du! Du spottest und schiltst mich aus, wenn ich ... Und du willst gehen, wenn ich ...“
„Man ist gebeten, weniger lückenhaft zu sprechen, wenn man verstanden zu werden wünscht.“
„Und ich soll also gar nicht, auch kein bißchen teilhaben an deiner Übung im Erraten von Lückenhaftigkeiten? Das ist ungerecht, – würde ich sagen, wenn ich nicht einsähe, daß es hier nicht um Gerechtigkeit geht ...“
„Ah, nein. Gerechtigkeit ist eine phlegmatische Leidenschaft. Im Gegensatz zur Eifersucht, mit der phlegmatische Leute sich unbedingt lächerlich machen würden.“
„Siehst du? Lächerlich. Gönne mir also mein Phlegma! Ich wiederhole: Wie käme ich ohne das wohl aus? Wie hätte ich ohne das zum Beispiel das Warten aushalten sollen?“
„Bitte?“
„Das Warten auf dich.“
„Voyons, mon ami. Ich will mich weiter nicht aufhalten über die Form, in der Sie mit närrischer Hartnäckigkeit zu mir reden. Sie werden dessen schon müde werden, und schließlich bin ich nicht zimperlich, keine entrüstete Bürgersfrau ...“
„Nein, denn du bist krank. Die Krankheit gibt dir Freiheit. Sie macht dich – halt, jetzt fällt mir ein Wort ein, das ich noch nie gebraucht habe! Sie macht dich genial!“
„Wir wollen über Genie ein andermal reden. Nicht das wollte ich sagen. Ich verlange eines. Sie werden nicht fingieren, daß ich mit Ihrem Warten – wenn Sie gewartet haben – irgend etwas zu schaffen hätte, daß ich Sie dazu ermutigt, es Ihnen auch nur erlaubt hätte. Sie werden mir sofort ausdrücklich bestätigen, daß das Gegenteil der Fall ist ...“
„Gern, Clawdia, gewiß. Du hast mich zum Warten nicht aufgefordert, ich habe aus freien Stücken gewartet. Ich verstehe vollkommen, daß du Gewicht darauf legst ...“
„Sogar Ihre Zugeständnisse haben etwas Impertinentes. Überhaupt sind Sie ein impertinenter Mensch, Gott weiß, wieso. Nicht nur im Verkehr mit mir, sondern auch sonst. Selbst Ihre Bewunderung, Ihre Unterordnung hat etwas Impertinentes. Glauben Sie nicht, daß ich das nicht sehe! Ich sollte überhaupt nicht mit Ihnen sprechen deswegen und auch darum nicht, weil Sie von Warten zu reden wagen. Es ist unverantwortlich, daß Sie noch hier sind. Längst sollten Sie wieder bei Ihrer Arbeit sein, sur le chantier, oder wo es war ...“
„Jetzt sprichst du ungenial und ganz konventionell, Clawdia. Das ist ja nur eine Redensart. Wie Settembrini kannst du es nicht meinen und wie denn sonst. Es ist nur so hingesagt, ich kann es nicht ernst nehmen. Ich werde nicht wilde Abreise halten, wie mein armer Vetter, der, wie du vorhersagtest, gestorben ist, als er versuchte, im Flachlande Dienst zu tun, und der es wohl selber wußte, daß er sterben werde, aber lieber sterben wollte, als hier weiter Kurdienst machen. Gut, dafür war er Soldat. Aber ich bin keiner, ich bin Zivilist, für mich wäre es Fahnenflucht, zu tun, wie er, und partout, trotz Radamanths Verbot, im Flachlande so ganz direkt dem Nutzen und dem Fortschritt dienen zu wollen. Das wäre die größte Undankbarkeit und Untreue gegen die Krankheit und das Genie und gegen meine Liebe zu dir, wovon ich alte Narben und neue Wunden trage, und gegen deine Arme, die ich kenne, – wenn ich auch zugebe, daß es nur im Traume war, in einem genialen Traum, daß ich sie kennen lernte, so daß dir selbstverständlich keinerlei Konsequenzen und Verpflichtungen und Einschränkungen deiner Freiheit daraus erwachsen ...“
Sie lachte, die Zigarette im Munde, daß ihre tatarischen Augen sich zusammenzogen, und ließ, gegen die Boiserie zurückgelehnt, die Hände neben sich auf die Bank gestützt und ein Bein über das andre geschlagen, den Fuß im schwarzen Lackschuh wippen.
„Quelle générosité! Oh là, là, vraiment, genau so habe ich mir einen homme de génie schon immer vorgestellt, mein armer Kleiner!“
„Laß das gut sein, Clawdia. Ich bin natürlich von Hause aus kein homme de génie, so wenig wie ich ein Mann von Format bin, du lieber Gott, nein. Aber dann bin ich durch Zufall – nenne es Zufall – so hoch heraufgetrieben worden in diese genialen Gegenden ... Mit einem Worte, du weißt wohl nicht, daß es etwas wie die alchimistisch-hermetische Pädagogik gibt, Transsubstantiation, und zwar zum Höheren, Steigerung also, wenn du mich recht verstehen willst. Aber natürlich, ein Stoff, der dazu taugen soll, durch äußere Einwirkungen zum Höheren hinaufgetrieben und -gezwängt zu werden, der muß es wohl im voraus ein bißchen in sich haben. Und was ich in mir hatte, das war, ich weiß es genau, daß ich von langer Hand her mit der Krankheit und dem Tode auf vertrautem Fuße stand und mir schon als Knabe unvernünftigerweise einen Bleistift von dir lieh, wie hier in der Faschingsnacht. Aber die unvernünftige Liebe ist genial, denn der Tod, weißt du, ist das geniale Prinzip, die res bina, der lapis philosophorum, und er ist auch das pädagogische Prinzip, denn die Liebe zu ihm führt zur Liebe des Lebens und des Menschen. So ist es, in meiner Balkonloge ist es mir aufgegangen, und ich bin entzückt, daß ich es dir sagen kann. Zum Leben gibt es zwei Wege: Der eine ist der gewöhnliche, direkte und brave. Der andere ist schlimm, er führt über den Tod, und das ist der geniale Weg!“
„Du bist ein närrischer Philosoph“, sagte sie. „Ich will nicht behaupten, daß ich alles verstehe in deinen krausen deutschen Gedanken, aber es klingt mähnschlich, was du sagst, und du bist zweifellos ein guter Junge. Übrigens hast du dich tatsächlich en philosophe benommen, man muß es dir lassen ...“
„Zu sehr en philosophe für deinen Geschmack, Clawdia, nicht?“
„Laß die Impertinenzen! Das wird langweilig. Daß du gewartet hast, war dumm und unerlaubt. Aber du bist mir nicht böse, weil du umsonst gewartet hast?“
„Nun, es war etwas hart, Clawdia, auch für einen Menschen von phlegmatischen Leidenschaften, – hart für mich und hart von dir, daß du mit ihm zusammen kamst, denn natürlich wußtest du durch Behrens, daß ich hier war und auf dich wartete. Aber ich sagte dir ja, daß ich sie nur als eine Traumnacht auffasse, die unsrige, und daß ich dir deine Freiheit zugestehe. Schließlich habe ich ja nicht umsonst gewartet, denn du bist wieder da, wir sitzen beieinander wie damals, ich höre die wunderbare Schärfe deiner Stimme, von langer Hand vertraut meinem Ohr, und unter dieser weiten Seide sind deine Arme, die ich kenne, – wenn freilich oben auch dein Reisebegleiter im Fieber liegt, der große Peeperkorn, der dir diese Perlen geschenkt hat ...“
„Und mit dem Sie um Ihrer Bereicherung willen so gute Freundschaft halten.“
„Nimms mir nicht übel, Clawdia! Auch Settembrini hat mich deswegen gescholten, aber das ist doch nur ein gesellschaftliches Vorurteil. Der Mann ist ein Gewinn, – in Gottes Namen, er ist ja eine Persönlichkeit! Daß er in Jahren ist, – nun ja. Ich würde es trotzdem ganz begreifen, wenn du als Frau ihn ungeheuer liebtest. Du liebst ihn also sehr?“
„Dein Philosophentum in Ehren, deutsches Hänschen“, sagte sie, indem sie ihm über das Haar strich, „aber ich würde es nicht für mähnschlich halten, dir von meiner Liebe zu ihm zu sprechen!“
„Ach, Clawdia, warum nicht. Ich glaube, die Menschlichkeit fängt an, wo ungeniale Leute glauben, daß sie aufhört. Laß uns doch ruhig von ihm reden! Du liebst ihn leidenschaftlich?“
Sie beugte sich vor, um die ausgerauchte Zigarette seitlich in den Kamin zu werfen und saß dann mit verschränkten Armen.
„Er liebt mich“, sagte sie, „und seine Liebe macht mich stolz und dankbar und ihm ergeben. Du wirst das verstehen, oder du bist der Freundschaft nicht würdig, die er dir widmet ... Sein Gefühl zwang mich, ihm zu folgen und ihm zu dienen. Wie denn wohl sonst? Urteile selbst! Ist es denn mähnschenmöglich, sich über sein Gefühl hinwegzusetzen?“
„Unmöglich!“ bestätigte Hans Castorp. „Nein, das war selbstverständlich ganz ausgeschlossen. Wie sollte eine Frau es wohl fertigbringen, sich über sein Gefühl hinwegzusetzen, über seine Angst um das Gefühl, ihn sozusagen in Gethsemane im Stich zu lassen ...“
„Du bist nicht dumm“, sagte sie, und ihre Schrägaugen blickten starr versonnen. „Du hast Verstand. Angst um das Gefühl ...“
„Es ist nicht viel Verstand nötig, um zu sehen, daß du ihm folgen mußtest, obgleich – oder vielmehr weil – seine Liebe viel Beängstigendes haben muß.“
„C’est exact ... Beängstigend. Man hat viel Sorge mit ihm, du weißt, viele Schwierigkeiten ...“ Sie hatte seine Hand genommen und spielte unbewußt mit ihren Gelenken, blickte aber plötzlich mit zusammengezogenen Brauen auf und fragte:
„Halt! Ist es nicht gemein, daß wir über ihn sprechen, wie wir da tun?“
„Gewiß nicht, Clawdia. Nein, weit entfernt. Es ist gewiß nicht mehr als menschlich! Du liebst das Wort, du dehnst es so schwärmerisch, ich habe es immer mit Interesse aus deinem Munde gehört. Mein Vetter Joachim mochte es nicht, aus soldatischen Gründen. Er meinte, es bedeute allgemeine Schlappheit und Schlottrigkeit, und so genommen, als uferloses guazzabuglio von Duldsamkeit, habe ich auch meine Bedenken dagegen, das gebe ich zu. Aber wenn es den Sinn von Freiheit und Genialität und Güte hat, dann ist es eben doch eine große Sache damit, und wir können es ruhig anführen zugunsten unseres Gesprächs über Peeperkorn und die Sorgen und Schwierigkeiten, die er dir macht. Sie resultieren natürlich aus seiner Ehrenpuschel, aus seiner Angst vor dem Versagen des Gefühls, die ihn die klassischen Hilfs- und Labungsmittel so lieben läßt, – wir können in aller Ehrfurcht davon sprechen, denn es hat alles Format bei ihm, großartiges Königsformat, und wir erniedrigen weder ihn noch uns, wenn wir es menschlich zur Sprache bringen.“
„Es handelt sich nicht um uns“, sagte sie und hatte die Arme wieder verschränkt. „Man wäre keine Frau, wenn man nicht um eines Mannes willen, eines Mannes von Format, wie du sagst, für den man ein Gegenstand des Gefühls und der Angst um das Gefühl ist, auch Erniedrigungen in den Kauf nehmen wollte.“
„Unbedingt, Clawdia. Sehr wohl gesprochen. Auch die Erniedrigung hat dann Format, und die Frau kann von der Höhe ihrer Erniedrigung herab zu denen, die kein Königsformat haben, so geringschätzig sprechen, wie du vorhin zu mir in betreff der timbres poste, in dem Ton, worin du sagtest: ‚Präzis und zuverlässig solltet ihr doch wenigstens sein!‘“
„Du bist empfindlich? Laß das. Wir wollen die Empfindlichkeit zum Teufel schicken, – bist du einverstanden? Auch ich bin zuweilen empfindlich gewesen, ich will es zugeben, da wir heute abend so beieinander sitzen. Ich habe mich geärgert an deinem Phlegma, und daß du dich auf so guten Fuß mit ihm stelltest um deines egoistischen Erlebnisses willen. Dennoch hat es mich gefreut, und ich war dir dankbar, daß du ihm Ehrfurcht erwiesest ... Es war viel Loyalität in deinem Betragen, und wenn auch etwas Impertinenz mit unterlief, so mußte ich sie dir am Ende zugute halten.“
„Das war sehr gütig von dir.“
Sie sah ihn an. „Es scheint, du bist unverbesserlich. Ich werde dir sagen: Du bist ein verschlagener Junge. Ich weiß nicht, ob du Geist hast; aber unbedingt besitzest du Verschlagenheit. Gut übrigens, es läßt sich damit leben. Es läßt sich Freundschaft damit halten. Wollen wir Freundschaft halten, ein Bündnis schließen für ihn, wie man sonst gegen jemanden ein Bündnis schließt! Gibst du mir darauf die Hand? Mir ist oft bange ... Ich fürchte mich manchmal vor dem Alleinsein mit ihm, dem innerlichen Alleinsein, tu sais ... Er ist beängstigend ... Ich fürchte zuweilen, es möchte nicht gut ausgehen mit ihm ... Es graut mir zuweilen ... Ich wüßte gern einen guten Menschen an meiner Seite ... Enfin, wenn du es hören willst, ich bin vielleicht deshalb mit ihm hierhergekommen ...“
Sie saßen Knie an Knie, er in dem vorwärts gewiegten Stuhl, sie auf der Bank. Sie hatte seine Hand gedrückt bei ihren letzten vor seinem Gesicht gesprochenen Worten. Er sagte:
„Zu mir? O, das ist schön. O, Clawdia, das ist ganz außerordentlich. Du bist mit ihm zu mir gekommen? Und du willst sagen, mein Warten sei dumm und unerlaubt und ganz umsonst gewesen? Das wäre im höchsten Grade linkisch, wenn ich das Anerbieten deiner Freundschaft nicht zu schätzen wüßte, der Freundschaft mit dir für ihn ...“
Da küßte sie ihn auf den Mund. Es war so ein russischer Kuß, von der Art derer, die in diesem weiten, seelenvollen Lande getauscht werden an hohen christlichen Festen, im Sinne der Liebesbesiegelung. Da aber ein notorisch „verschlagener“ junger Mann und eine ebenfalls noch junge, reizend schleichende Frau ihn tauschten, so fühlen wir uns, während wir davon erzählen, unwillkürlich von ferne an Doktor Krokowskis kunstreiche, wenn auch nicht einwandfreie Art erinnert, von der Liebe in einem leise schwankenden Sinn zu sprechen, so daß niemand recht sicher gewesen war, ob es Frommes oder Leidenschaftlich-Fleischliches damit auf sich hatte. Machen wir es wie er, oder machten Hans Castorp und Clawdia Chauchat es so bei ihrem russischen Kuß? Aber was würde man sagen, wenn wir uns schlechthin weigerten, dieser Frage auf den Grund zu gehen? Unserer Meinung nach ist es zwar analytisch, aber – um Hans Castorps Redewendung zu wiederholen – „im höchsten Grade linkisch“ und geradezu lebensunfreundlich, in Dingen der Liebe zwischen Frommem und Leidenschaftlichem „reinlich“ zu unterscheiden. Was heißt da reinlich! Was schwankender Sinn und Zweideutigkeit! Wir machen uns unverhohlen lustig darüber. Ist es nicht groß und gut, daß die Sprache nur ein Wort hat für alles, vom Frömmsten bis zum Fleischlich-Begierigsten, was man darunter verstehen kann? Das ist vollkommene Eindeutigkeit in der Zweideutigkeit, denn Liebe kann nicht unkörperlich sein in der äußersten Frömmigkeit und nicht unfromm in der äußersten Fleischlichkeit, sie ist immer sie selbst, als verschlagene Lebensfreundlichkeit wie als höchste Passion, sie ist die Sympathie mit dem Organischen, das rührend wollüstige Umfangen des zur Verwesung Bestimmten, – Charitas ist gewiß noch in der bewunderungsvollsten oder wütendsten Leidenschaft. Schwankender Sinn? Aber man lasse in Gottes Namen den Sinn der Liebe doch schwanken! Daß er schwankt, ist Leben und Menschlichkeit, und es würde einen durchaus trostlosen Mangel an Verschlagenheit bedeuten, sich um sein Schwanken Sorge zu machen.
Während also die Lippen Hans Castorps und Frau Chauchats sich im russischen Kusse finden, verdunkeln wir unser kleines Theater zum Szenenwechsel. Denn nun handelt es sich um die zweite der beiden Unterredungen, deren Mitteilung wir zusicherten, und nach Wiederherstellung der Beleuchtung, der trüben Beleuchtung eines zur Neige gehenden Frühlingstages, zur Zeit der Schneeschmelze, erblicken wir unseren Helden in schon gewohnter Lebenslage am Bette des großen Peeperkorn, in ehrerbietig-freundschaftlichem Gespräch mit ihm. Nach dem 4-Uhr-Tee im Speisesaal, zu dem Frau Chauchat, wie schon zu den drei vorhergehenden Mahlzeiten, allein erschienen war, um unmittelbar danach einen shopping-Gang nach „Platz“ hinunter anzutreten, hatte Hans Castorp sich zu einer seiner üblichen Krankenvisiten bei dem Holländer melden lassen, teils, um ihm Aufmerksamkeit zu bezeigen und ihn ein wenig zu unterhalten, teils, um sich seinerseits an seiner Persönlichkeitswirkung zu erbauen, – kurzum, aus lebensvoll schwankenden Motiven. Peeperkorn legte den „Telegraaf“ beiseite, warf den Hornzwicker darauf, nachdem er ihn sich am Bügel von der Nase gehoben, und reichte dem Besucher die Kapitänshand, während seine breiten, zerrissenen Lippen sich mit wundem Ausdruck undeutlich regten. Rotwein und Kaffee waren ihm wie gewöhnlich zur Hand: das Kaffeegeschirr stand auf dem Stuhle am Bett, braun benetzt vom Gebrauch, – Mynheer hatte seinen Nachmittagstrank genommen, stark und heiß, mit Zucker und Rahm, wie gewöhnlich, und er schwitzte davon. Sein weiß umflammtes Königsgesicht war gerötet, und kleine Tropfen standen ihm auf Stirn und Oberlippe.
„Ich schwitze etwas“, sagte er. „Willkommen, junger Mann. Im Gegenteil. Nehmen Sie Platz! Das ist ein Zeichen von Schwäche, wenn einem nach Einnahme eines warmen Getränkes sogleich – Wollen Sie mir – Ganz recht. Das Taschentuch. Ich danke sehr.“ Übrigens verlor sich die Röte bald und machte der gelblichen Blässe Platz, die nach einem malignen Anfall des großartigen Mannes Gesicht zu bedecken pflegte. Das Quartanfieber war stark gewesen diesen Vormittag, in allen drei Stadien, dem kalten, dem glühenden und dem feuchten, und Peeperkorns kleine, blasse Augen blickten matt unter der idolhaften Stirnlineatur. Er sagte:
„Es ist – durchaus, junger Mann. Ich möchte durchaus das Wort ‚anerkennenswert‘ – Absolut. Es ist sehr freundlich von Ihnen, einen kranken alten Mann –“
„Zu besuchen?“ fragte Hans Castorp ... „Nicht doch, Mynheer Peeperkorn. Ich bin es, der sehr dankbar zu sein hat, daß ich ein bißchen hier sitzen darf, ich habe ja unvergleichlich viel mehr davon, als Sie, ich komme aus rein egoistischen Gründen. Und was ist denn das für eine irreführende Bezeichnung für Ihre Person, – ‚ein kranker alter Mann‘. Kein Mensch würde darauf kommen, daß Sie das sein sollen. Es gibt ja ein völlig falsches Bild.“
„Gut, gut“, erwiderte Mynheer und schloß für einige Sekunden die Augen, das majestätische Haupt mit erhobenem Kinn ins Kissen zurückgelehnt, die langgenagelten Finger auf der breiten Königsbrust gefaltet, die sich unter dem Trikothemd abzeichnete. „Es ist gut, junger Mann, oder vielmehr, Sie meinen es gut, ich bin überzeugt davon. Es war angenehm gestern nachmittag – jawohl, noch gestern nachmittag – an jenem gastlichen Ort – ich habe seinen Namen vergessen –, wo wir die vortreffliche Salamiwurst mit Rühreiern und diesen gesunden Landwein –“
„Großartig war es!“ bestätigte Hans Castorp. „Wir haben es uns alle ganz unerlaubt schmecken lassen, – der Küchenchef hier vom Berghof wäre mit Recht beleidigt gewesen, wenn er’s gesehen hätte, – kurzum, wir waren ohne Ausnahme intensiv bei der Sache! Das war Salami von echtem Schrot und Korn, Herr Settembrini war ganz gerührt davon, er aß sie sozusagen mit feuchten Augen. Er ist ja ein Patriot, wie Sie wissen werden, ein demokratischer Patriot. Er hat seine Bürgerpike am Altar der Menschheit geweiht, damit die Salami in Zukunft an der Brennergrenze verzollt werde.“
„Das ist unwesentlich“, erklärte Peeperkorn. „Er ist ein ritterlicher und heiter gesprächiger Mann, ein Kavalier, obgleich es ihm offenbar nicht vergönnt ist, häufig seine Kleidung zu wechseln.“
„Überhaupt nicht!“ sagte Hans Castorp. „Überhaupt nicht vergönnt! Ich kenne ihn nun schon lange Zeit und bin sehr befreundet mit ihm, das heißt, er hat sich meiner aufs dankenswerteste angenommen, weil er nämlich fand, ich wäre ein ‚Sorgenkind des Lebens‘ – das ist so eine Redewendung zwischen uns, der Ausdruck ist nicht ohne weiteres verständlich – und sich die Mühe gibt, berichtigend auf mich einzuwirken. Aber nie habe ich ihn anders gesehen, weder im Sommer noch im Winter, als in den gewürfelten Hosen und dem faserigen Doppelreiher, er trägt die alten Sachen übrigens mit hervorragendem Anstand, durchaus kavaliermäßig, da stimme ich Ihnen entschieden zu. Es ist ein Triumph über die Ärmlichkeit, wie er sie trägt, und mir ist diese Ärmlichkeit sogar lieber als die Eleganz des kleinen Naphta, bei der einem nie recht geheuer ist, sie ist sozusagen des Teufels, und die Mittel dazu bezieht er hintenherum, – ich habe einigen Einblick in die Verhältnisse.“
„Ein ritterlicher und heiterer Mann,“ wiederholte Peeperkorn, ohne auf die Bemerkung über Naphta einzugehen, „wenn auch – erlauben Sie mir diese Einschränkung – wenn auch nicht ohne Vorurteile. Madame, meine Reisebegleiterin, schätzt ihn nicht sonderlich, wie Sie vielleicht bemerkt haben werden; sie äußert sich ohne Sympathie über ihn, zweifellos weil sie derartige Vorurteile aus seinem Verhalten gegen sie – Kein Wort, junger Mann. Ich bin weit entfernt, Herrn Settembrini und Ihren freundschaftlichen Empfindungen für ihn – Erledigt! Ich denke nicht daran, zu behaupten, daß er es je im Punkte jener Artigkeit, die ein Kavalier einer Dame – Perfekt, lieber Freund, durchaus einwandfrei! Allein es ist da doch eine Grenze, eine Zurückhaltung, eine gewisse Re–ku–sa–tion, die Madames Stimmung gegen ihn menschlich in hohem Grade –“
„Begreiflich macht. Verständlich macht. In hohem Grade rechtfertigt. Verzeihen Sie, Mynheer Peeperkorn, daß ich eigenmächtig Ihren Satz beende. Ich kann es riskieren in dem Bewußtsein völligen Einverständnisses mit Ihnen. Besonders wenn man in Anschlag bringt, wie sehr die Frauen – Sie mögen lächeln, daß ich in meinem zarten Alter so allgemein von den Frauen spreche – wie sehr sie in ihrem Verhalten zum Manne abhängig sind von dem Verhalten des Mannes zu ihnen, – so gibt es da nichts zu verwundern. Die Frauen, so möchte ich mich ausdrücken, sind reaktive Geschöpfe, ohne selbständige Initiative, lässig im Sinne von passiv ... Lassen Sie mich das, bitte, wenn auch mühsam, etwas weiter auszuführen versuchen. Die Frau, soweit ich feststellen konnte, betrachtet sich in Liebesangelegenheiten primär durchaus als Objekt, sie läßt es an sich herankommen, sie wählt nicht frei, sie wird zum wählenden Subjekt der Liebe erst auf Grund der Wahl des Mannes, und auch dann noch, erlauben Sie mir, das hinzuzufügen, ist ihre Wahlfreiheit – vorausgesetzt nur eben, daß es sich nicht um eine gar zu betrübte Seele von Mann handelt, aber selbst das kann nicht als strenge Bedingung gelten – ist also ihre Wahlfreiheit sehr beeinträchtigt und bestochen durch die Tatsache, daß sie gewählt wurde. Lieber Gott, es werden Abgeschmacktheiten sein, was ich da äußere, aber wenn man jung ist, so ist einem natürlich alles neu, neu und erstaunlich. Sie fragen eine Frau: ‚Liebst du ihn denn?‘ ‚Er liebt mich so sehr!‘ antwortet sie Ihnen mit Augenaufschlag oder auch -niederschlag. Nun stellen Sie sich eine solche Antwort im Munde von unsereinem vor – verzeihen Sie die Zusammenziehung! Vielleicht gibt es Männer, die so antworten müßten, aber sie sind doch ausgesprochen ridikül, Pantoffelhelden der Liebe, um mich epigrammatisch auszudrücken. Ich möchte wissen, von welcher Selbsteinschätzung diese weibliche Antwort eigentlich zeugt. Findet die Frau, daß sie dem Manne grenzenlose Ergebenheit schuldet, der ein so niederes Wesen wie sie mit seiner Liebeswahl begnadet, oder erblickt sie in der Liebe des Mannes zu ihrer Person ein untrügliches Zeichen seiner Vorzüglichkeit. Das habe ich mich in stillen Stunden schon beiläufig hier und da einmal gefragt.“
„Urdinge, klassische Tatsachen, Sie rühren, junger Mann, mit Ihrem gewandten kleinen Wort an heilige Gegebenheiten“, erwiderte Peeperkorn. „Den Mann berauscht seine Begierde, das Weib verlangt und gewärtigt, von seiner Begierde berauscht zu werden. Daher unsere Verpflichtung zum Gefühl. Daher die entsetzliche Schande der Gefühllosigkeit, der Ohnmacht, das Weib zur Begierde zu wecken. Trinken Sie ein Glas Rotwein mit mir? Ich trinke. Mich dürstet. Die Feuchtigkeitsabgabe dieses Tages war erheblich.“
„Ich danke recht sehr, Mynheer Peeperkorn. Es ist zwar nicht meine Stunde, aber einen Schluck auf Ihr Wohl zu trinken bin ich immer bereit.“
„So nehmen Sie das Weinglas. Es ist nur eins zur Stelle. Ich greife aushilfsweise zum Wasserbecher. Ich denke, man tritt diesem kleinen Sauser nicht zu nahe, indem man ihn aus schlichtem Gefäße –“ Er schenkte ein, unter Beihilfe seines Gastes, mit leicht zitternder Kapitänshand, und goß durstig den Rotwein aus dem fußlosen Glase durch seine Büstengurgel, genau, als ob es klares Wasser wäre.
„Das labt“, sagte er. „Sie trinken nicht mehr? Dann erlauben Sie, daß ich mir noch einmal –“ Er verschüttete etwas Wein beim abermaligen Einschenken. Das Einschlaglaken seiner Decke war dunkelrot befleckt. „Ich wiederhole“, sagte er mit erhobener Fingerlanze, während in seiner anderen Hand das Weinglas zitterte, „ich wiederhole: daher unsere Verpflichtung, unsere religiöse Verpflichtung zum Gefühl. Unser Gefühl, verstehen Sie, ist die Manneskraft, die das Leben weckt. Das Leben schlummert. Es will geweckt sein zur trunkenen Hochzeit mit dem göttlichen Gefühl. Denn das Gefühl, junger Mann, ist göttlich. Der Mensch ist göttlich, sofern er fühlt. Er ist das Gefühl Gottes. Gott schuf ihn, um durch ihn zu fühlen. Der Mensch ist nichts als das Organ, durch das Gott seine Hochzeit mit dem erweckten und berauschten Leben vollzieht. Versagt er im Gefühl, so bricht Gottesschande herein, es ist die Niederlage von Gottes Manneskraft, eine kosmische Katastrophe, ein unausdenkbares Entsetzen –“ Er trank.
„Erlauben Sie, daß ich Ihnen das Glas abnehme, Mynheer Peeperkorn“, sagte Hans Castorp. „Ich folge Ihrem Gedankengang zu meiner größten Belehrung. Sie entwickeln da eine theologische Theorie, mit der Sie dem Menschen eine höchst ehrenvolle, wenn auch vielleicht etwas einseitige religiöse Funktion zuschreiben. Es liegt, wenn ich mir das zu bemerken erlauben darf, eine gewisse Rigorosität in Ihrer Anschauungsweise, die ihr Beklemmendes hat, – verzeihen Sie! Alle religiöse Strenge ist natürlich beklemmend für Leute bescheideneren Formates. Ich denke nicht daran, Sie korrigieren zu wollen, sondern ich möchte nur einlenkend auf Ihre Äußerung über gewisse ‚Vorurteile‘ zurückkommen, die nach Ihrer Beobachtung Herr Settembrini Madame, Ihrer Reisebegleiterin, entgegenbringt. Ich kenne Herrn Settembrini lange, sehr lange, seit Jahr und Tag, seit Jahren und Tagen. Und ich kann Sie versichern, daß seine Vorurteile, soweit sie überhaupt bestehen, auf keinen Fall kleinlichen und spießbürgerlichen Charakters sind, – lächerlich, so etwas zu denken. Es kann sich da einzig und allein um Vorurteile von größerem Stil und also unpersönlicher Art handeln, um allgemein pädagogische Prinzipien, bei deren Geltendmachung Herr Settembrini offen gestanden mich in meiner Eigenschaft als ‚Sorgenkind des Lebens‘ – Aber das führt zu weit. Es ist eine überaus weitläufige Angelegenheit, die ich unmöglich in zwei Worten –“
„Und Sie lieben Madame?“ fragte Mynheer plötzlich und wandte dem Besucher sein Königsantlitz mit dem weh zerrissenen Munde und den kleinen blassen Augen unter dem Stirnarabeskenwerk zu ... Hans Castorp erschrak. Er stammelte:
„Ob ich ... Das heißt ... Ich verehre Frau Chauchat selbstverständlich schon in ihrer Eigenschaft als –“
„Ich bitte!“ sprach Peeperkorn, indem er mit zurückdämmender Kulturgebärde die Hand ausstreckte. „Lassen Sie mich,“ fuhr er fort, nachdem er auf diese Weise Platz geschaffen für das, was er zu sagen hatte, „lassen Sie mich wiederholen, daß ich weit von dem Vorwurf entfernt bin, dieser italienische Herr habe sich je eines wirklichen Verstoßes gegen die Gebote der Ritterlichkeit – Ich erhebe gegen niemanden diesen Vorwurf, gegen niemanden. Allein mir fällt auf – Im gegenwärtigen Augenblick etwa erfreue ich mich – Gut, junger Mann. Durchaus gut und schön. Ich erfreue mich, daran ist kein Zweifel; es gereicht mir zur wirklichen Annehmlichkeit. Gleichwohl sage ich mir – Ich sage mir kurz und gut: Ihre Bekanntschaft mit Madame ist älter, als die unsrige. Sie haben schon ihren vorigen Aufenthalt an diesem Orte mit ihr geteilt. Außerdem ist sie eine Frau von reizvollsten Eigenschaften, und ich bin nur ein kranker alter Mann. Wie kommt es – Sie ist, da ich unpäßlich bin, heute nachmittag, um Einkäufe zu machen, allein und ohne Begleitung hinab in den Kurort – Kein Unglück! Bei weitem nicht! Nur wäre es zweifellos – Soll ich es dem Einfluß der – wie sagten Sie – der pädagogischen Prinzipien Signor Settembrinis zuschreiben, daß Sie dem ritterlichen Antriebe – Ich bitte, mich aufs Wort zu verstehen ...“
„Aufs Wort, Mynheer Peeperkorn. O nein. Aber ganz und gar nicht. Ich handle absolut selbständig. Im Gegenteil hat mich Herr Settembrini sogar gelegentlich – – Ich sehe da zu meinem Bedauern Weinflecke auf Ihrem Laken, Mynheer Peeperkorn. Sollte man nicht – Wir pflegten Salz darauf zu schütten, solange sie frisch waren –“
„Das ist unwesentlich“, sprach Peeperkorn, indem er seinen Gast im Auge behielt.
Hans Castorp verfärbte sich.
„Die Dinge“, sagte er mit falschem Lächeln, „liegen hier doch etwas anders als gewöhnlich. Der Ortsgeist, möchte ich es ausdrücken, ist nicht der konventionelle. Das Vorrecht hat der Kranke, ob Mann oder Frau. Die Vorschriften der Ritterlichkeit treten dagegen zurück. Sie sind vorübergehend unpäßlich, Mynheer Peeperkorn, – eine akute Unpäßlichkeit, eine Unpäßlichkeit von Aktualität. Ihre Reisebegleiterin ist vergleichsweise gesund. Da glaube ich ganz im Sinne von Madame zu handeln, wenn ich sie in ihrer Abwesenheit ein bißchen bei Ihnen vertrete – soweit hier von Vertretung die Rede sein kann, ha, ha: – statt umgekehrt Sie bei ihr zu vertreten und ihr meine Begleitung in den Ort hinunter anzubieten. Wie käme ich auch wohl dazu, Ihrer Reisebegleiterin meine Ritterdienste aufzudrängen? Dazu habe ich gar keinen Rechtstitel und kein Mandat. Ich darf sagen, daß ich viel Sinn für positive Rechtsverhältnisse habe. Kurzum, meine Situation, finde ich, ist korrekt, sie entspricht der allgemeinen Sachlage, sie entspricht namentlich meinen aufrichtigen Empfindungen für Ihre Person, Mynheer Peeperkorn, und somit glaube ich auf Ihre Frage – denn Sie richteten wohl eine Frage an mich – eine befriedigende Antwort erteilt zu haben.“
„Eine sehr angenehme“, erwiderte Peeperkorn. „Ich lausche mit unwillkürlichem Vergnügen auf Ihr behendes kleines Wort, junger Mann. Es springt über Stock und Stein und rundet die Dinge zur Annehmlichkeit. Allein befriedigend, – nein. Ihre Antwort befriedigt mich nicht ganz, – verzeihen Sie, wenn ich Ihnen damit eine Enttäuschung bereite. ‚Rigoros‘, lieber Freund, Sie brauchten dies Wort vorhin in Hinsicht auf gewisse von mir geäußerte Anschauungen. Aber auch in Ihren Äußerungen liegt eine gewisse Rigorosität, eine Strenge und Gezwungenheit, die mir mit Ihrer Natur nicht übereinzustimmen scheint, obgleich sie mir aus Ihrem Verhalten in gewisser Beziehung bekannt ist. Ich erkenne sie wieder. Es ist die nämliche Gezwungenheit, die Sie bei unseren gemeinsamen Unternehmungen, unseren Spaziergängen gegen Madame – gegen sonst niemanden – an den Tag legen, und für die Sie mir eine Erklärung – das ist eine Schuld, eine Schuldigkeit, junger Mann. Ich irre mich nicht. Die Beobachtung hat sich mir zu oft bestätigt, und es ist unwahrscheinlich, daß sie sich nicht auch anderen aufgedrängt haben sollte, mit dem Unterschiede, daß diese anderen sich möglicherweise, ja wahrscheinlich im Besitz der Erklärung des Phänomens befinden.“
Mynheer sprach in ungewöhnlich präzisem und geschlossenem Stil heute nachmittag, trotz seiner Erschöpfung durch den malignen Anfall. Es fehlte fast jede Abgerissenheit. Im Bette halb sitzend, die mächtigen Schultern, das großartige Haupt gegen den Besucher gewandt, hielt er den einen Arm über der Bettdecke ausgestreckt, und seine sommersprossige Kapitänshand, aufrecht stehend am Ende des Wollärmels, bildete den von den Fingerlanzen überragten Exaktheitsring, während sein Mund die Worte so scharf und genau, ja plastisch bildete, wie Herr Settembrini es nur hätte wünschen können, mit gerolltem Kehl-r in Wörtern wie „wahrscheinlich“ und „aufgedrängt“.
„Sie lächeln,“ fuhr er fort, „Sie drehen blinzelnd den Kopf hin und her, Sie scheinen sich eines ergebnislosen Nachdenkens zu befleißigen. Gleichwohl ist gar kein Zweifel, daß Sie wissen, was ich meine, und um was es sich handelt. Ich behaupte nicht, daß Sie nicht zuweilen das Wort an Madame richteten oder ihr die Antwort schuldig blieben, wenn die Unterhaltung das Umgekehrte mit sich bringt. Aber ich wiederhole, es geschieht mit einer bestimmten Gezwungenheit, genauer: einem Ausweichen, einem Vermeiden, und zwar, wenn man näher zusieht, dem Vermeiden einer Form. Man hat, soweit Sie in Frage kommen, den Eindruck, als handelte es sich um eine Wette, als hätten Sie ein Vielliebchen mit Madame gegessen und dürften sich laut Abmachung nicht der Anredeform gegen sie bedienen. Sie vermeiden es folgerecht und ohne Ausnahme, sie anzureden. Sie sagen nicht ‚Sie‘ zu ihr.“
„Aber Mynheer Peeperkorn ... Was denn für ein Vielliebchen ...“
„Ich darf Sie auf den Umstand hinweisen, dessen Sie selbst nicht unkund sein werden, daß Sie soeben blaß geworden sind bis in die Lippen hinein.“
Hans Castorp blickte nicht auf. Gebeugt und angelegentlich beschäftigte er sich mit den roten Flecken auf dem Laken. „Dahin mußte es kommen!“ dachte er. „Darauf wollte es hinaus. Ich habe, glaube ich, selber das meine getan, damit es darauf hinausliefe. Ich habe es in gewissem Grade darauf angelegt, wie mir in diesem Augenblick bewußt wird. Bin ich wahrhaftig so blaß geworden? Es kann wohl sein, denn nun geht es auf Biegen und Brechen. Man weiß nicht, was geschieht. Kann ich noch lügen? Es ginge wohl, doch will ichs gar nicht. Ich bleibe vorderhand bei diesen Blutflecken, Rotweinflecken hier im Laken.“
Auch über ihm schwieg man. Die Stille dauerte wohl zwei oder drei Minuten lang, – sie gab zu bemerken, welche Ausdehnung diese winzigen Einheiten unter solchen Umständen gewinnen können.
Pieter Peeperkorn war es, der das Gespräch wieder eröffnete.
„Es war an jenem Abend, der mir den Vorzug Ihrer Bekanntschaft gebracht hatte“, begann er in singendem Ton und ließ am Schlusse die Stimme sinken, als sei das der erste Satz einer längeren Erzählung. „Wir hatten ein kleines Fest gefeiert, Speise und Trank genossen, und in gehobener Stimmung, in menschlich gelöster und kühner Verfassung suchten wir zu vorgerückter Stunde Arm in Arm unser Nachtlager auf. Da geschah es, hier vor meiner Tür, beim Abschiede, daß mir die Eingebung kam, die Aufforderung an Sie zu richten, Sie möchten mit den Lippen die Stirn der Frau berühren, die Sie mir als einen guten Freund von früherem Aufenthalte her vorgestellt hatte, und es ihr anheimzugeben, diese feierlich-heitere Handlung zum Zeichen der erhöhten Stunde vor meinen Augen zu erwidern. Sie verwarfen rundweg meine Anregung, verwarfen sie mit der Begründung, Sie empfänden es als unsinnig, mit meiner Reisebegleiterin Stirnküsse zu tauschen. Sie werden nicht bestreiten, daß das eine Erläuterung war, die selbst der Erklärung bedurft hätte, einer Erklärung, die Sie mir bis zur Stunde schuldig geblieben sind. Sind Sie gewillt, diese Schuld jetzt abzutragen?“
„So, das hat er also auch gemerkt“, dachte Hans Castorp und wandte sich noch näher den Weinflecken zu, indem er mit der gekrümmten Spitze des Mittelfingers an einem davon kratzte. „Im Grunde wollte ich wohl damals, daß er es merkte und es sich merkte, sonst hätte ichs nicht gesagt. Aber was nun? Mir schlägt das Herz nicht wenig. Wird es einen Königskoller vom ersten Range geben? Vielleicht täte ich gut, mich nach seiner Faust umzusehen, die möglicherweise schon über mir schwebt? Eine hoch-eigentümliche und äußerst brenzlige Lage, in der ich mich da befinde!“
Plötzlich fühlte er sein Handgelenk, das rechte, von der Hand Peeperkorns umfaßt.
„Jetzt faßt er mich am Handgelenk!“ dachte er. „Na, lächerlich, was sitze ich da wie ein begossener Pudel! Habe ich mich schuldhaft vergangen gegen ihn? Keine Spur. Zuerst hat der Mann in Daghestan sich zu beklagen. Und dann dieser und jener. Und dann ich. Und er hat sich meines Wissens überhaupt noch nicht zu beklagen. Was schlägt mir also das Herz? Es ist hohe Zeit, daß ich mich aufrichte und ihm frank, wenn auch ehrerbietig in das großmächtige Antlitz blicke!“
So tat er. Das großmächtige Antlitz war gelb, die Augen blickten blaß unter angezogener Stirnlineatur, der Ausdruck der zerrissenen Lippen war bitter. Sie lasen einer in des anderen Augen, der große alte und der unbedeutende junge Mann, indem der eine fortfuhr, den anderen am Handgelenk zu halten. Endlich sprach Peeperkorn leise:
„Sie waren Clawdias Geliebter bei ihrem vorigen Aufenthalt.“
Hans Castorp ließ noch einmal den Kopf sinken, richtete ihn aber gleich wieder auf und sagte nach einem tiefen Atemzug:
„Mynheer Peeperkorn! Es widersteht mir im höchsten Grade, Sie zu belügen, und ich suche nach einer Möglichkeit, das zu vermeiden. Es ist nicht leicht. Ich prahle, wenn ich Ihre Feststellung bestätige, und ich lüge, wenn ich sie leugne. Das ist so zu verstehen. Ich habe lange Zeit, sehr lange Zeit mit Clawdia – verzeihen Sie – mit Ihrer gegenwärtigen Reisebegleiterin zusammen in diesem Hause gelebt, ohne sie gesellschaftlich zu kennen. Das Gesellschaftliche schied aus in unseren Beziehungen oder in meinen Beziehungen zu ihr, von denen ich sagen will, daß ihr Ursprung im Dunklen liegt. Ich habe Clawdia in meinen Gedanken nie anders als Du genannt und auch in Wirklichkeit nie anders. Denn der Abend, an dem ich gewisse pädagogische Fesseln, von denen schon kurz die Rede war, abstreifte und mich ihr näherte – unter einem Vorwand, der mir von früher her nahe lag –, war ein maskierter Abend, ein Faschingsabend, ein unverantwortlicher Abend, ein Abend des Du, in dessen Verlauf das Du auf traumhafte und unverantwortliche Weise vollen Sinn gewann. Er war aber zugleich der Vorabend von Clawdias Abreise.“
„Vollen Sinn“, wiederholte Peeperkorn. „Sie haben das sehr artig –“ Er ließ Hans Castorp los und begann, sich mit den Flächen seiner langnägeligen Kapitänshände beide Gesichtshälften zu massieren, Augenhöhlen, Wangen und Kinn. Dann faltete er die Hände auf dem weinbesudelten Laken und legte den Kopf auf die Seite, die linke Seite, gegen den Gast hin, so daß es einem Abwenden des Gesichtes gleichkam.
„Ich habe Ihnen so richtig wie möglich geantwortet, Mynheer Peeperkorn,“ sagte Hans Castorp, „und mich gewissenhaft bemüht, weder zuviel noch zuwenig zu sagen. Es kam mir vor allem darauf an, Sie bemerken zu lassen, daß es gewissermaßen freisteht, jenen Abend des vollen Du und des Abschieds mitzählen zu lassen oder nicht, – daß er ein aus aller Ordnung und beinahe aus dem Kalender fallender Abend war, ein hors d’œuvre, sozusagen, ein Extraabend, ein Schaltabend, der neunundzwanzigste Februar, – und daß es also nur eine halbe Lüge gewesen wäre, wenn ich Ihre Feststellung geleugnet hätte.“
Peeperkorn antwortete nicht.
„Ich habe es vorgezogen,“ fing Hans Castorp nach einer Pause wieder an, „Ihnen die Wahrheit zu sagen auf die Gefahr hin, dadurch Ihres Wohlwollens verlustig zu gehen, was, ganz offen gestanden, ein empfindlicher Verlust für mich wäre, ich kann wohl sagen: ein Schlag, ein wirklicher Schlag, den man wohl in Vergleich stellen könnte mit dem Schlag, den es für mich bedeutete, als Frau Chauchat nicht allein, sondern als Ihre Reisebegleiterin hier wieder eintraf. Ich habe es auf diese Gefahr ankommen lassen, weil es längst mein Wunsch gewesen ist, daß Klarheit zwischen uns – zwischen Ihnen, dem ich so außerordentlich verehrungsvolle Empfindungen entgegenbringe, und mir herrschen möge, – das schien mir schöner und menschlicher – Sie wissen, wie Clawdia das Wort ausspricht mit ihrer zauberhaft belegten Stimme, so reizend gedehnt –, als Verschwiegenheit und Verstellung, und insofern ist mir ein Stein vom Herzen gefallen, als Sie vorhin Ihre Feststellung machten.“
Keine Antwort.
„Noch eins, Mynheer Peeperkorn“, fuhr Hans Castorp fort. „Noch eins ließ mich wünschen, Ihnen reinen Wein einschenken zu dürfen, nämlich die persönliche Erfahrung, wie irritierend die Unsicherheit, das Angewiesensein auf halbe Vermutungen in dieser Richtung wirken kann. Sie wissen nun, wer es war, mit dem Clawdia, bevor das gegenwärtige positive Rechtsverhältnis sich herstellte, das nicht zu respektieren natürlich ausgemachter Wahnsinn wäre, einen – einen neunundzwanzigsten Februar erlebt, verbracht, begangen – also begangen hat. Ich habe für mein Teil diese Klarheit nie gewinnen können, obgleich ich mir klar darüber war, daß jeder, der in die Lage kommt, darüber nachzudenken, mit solchen Vorgängen, ich meine eigentlich Vorgängern, rechnen muß, und obgleich ich ferner wußte, daß Hofrat Behrens, der, wie Sie vielleicht wissen, in Öl dilettiert, im Laufe vieler Sitzungen ein hervorragendes Porträt von ihr angefertigt hatte, von einer Anschaulichkeit in der Wiedergabe der Haut, die unter uns gesagt zu starkem Stutzen Anlaß gibt. Das hat mir viel Qual und Kopfzerbrechen verursacht und tut es noch heute.“
„Sie lieben sie noch?“ fragte Peeperkorn, ohne seine Stellung zu verändern, das heißt: mit abgewandtem Gesicht ... Das große Zimmer sank mehr und mehr in Dämmerung.
„Entschuldigen Sie, Mynheer Peeperkorn,“ antwortete Hans Castorp, „aber meine Empfindungen für Sie, Empfindungen größter Hochachtung und Bewunderung, würden es mir nicht als schicklich erscheinen lassen, Ihnen von meinen Empfindungen für Ihre Reisebegleiterin zu sprechen.“
„Und teilt sie“, fragte Peeperkorn mit stiller Stimme, „diese Empfindungen auch heute noch?“
„Ich sage nicht,“ versetzte Hans Castorp, „ich sage nicht, daß sie sie jemals geteilt hat. Das ist wenig glaubwürdig. Wir haben diesen Gegenstand vorhin theoretisch berührt, als wir von der reaktiven Natur der Frauen sprachen. An mir ist natürlich nicht viel zu lieben. Was habe denn ich für ein Format, – urteilen Sie selbst! Wenn es da zu einem – einem neunundzwanzigsten Februar kommen konnte, so ist das einzig und allein der weiblichen Bestechlichkeit durch die primäre Wahl des Mannes zuzuschreiben, – wozu ich bemerken möchte, daß ich mir renommistisch und geschmacklos vorkomme, indem ich mich einen ‚Mann‘ nenne, aber Clawdia ist jedenfalls eine Frau.“
„Sie folgte dem Gefühl“, murmelte Peeperkorn mit zerrissenen Lippen.
„Wie sie es in Ihrem Falle weit gehorsamer tat“, sagte Hans Castorp, „und wie sie es aller Wahrscheinlichkeit nach schon manches liebe Mal getan hat, – darüber muß jeder sich klar sein, der in die Lage kommt –“
„Halt!“ sprach Peeperkorn, immer noch abgewandt, aber mit einer Gebärde der flachen Hand gegen seinen Unterredner. „Sollte es nicht gemein sein, daß wir so über sie sprechen?“
„Doch nicht, Mynheer Peeperkorn. Nein, da glaube ich Sie völlig beruhigen zu können. Es ist ja von menschlichen Dingen die Rede, – das Wort „menschlich“ im Sinne der Freiheit und der Genialität genommen, – verzeihen Sie den möglicherweise etwas geschraubten Ausdruck, aber der Bedarfsfall brachte mich kürzlich dazu, ihn mir anzueignen.“
„Gut, fahren Sie fort!“ befahl Peeperkorn leise.
Auch Hans Castorp sprach leise, auf der Kante seines Stuhles am Bette sitzend, gegen den königlichen alten Mann geneigt, die Hände zwischen den Knien.
„Denn sie ist ja eine geniale Existenz,“ sagte er, „und der Mann hinter dem Kaukasus – Sie wissen doch wohl, daß sie einen Mann hinter dem Kaukasus hat – bewilligt ihr ihre Freiheit und Genialität, sei es aus Stumpfheit, sei es aus Intelligenz, ich kenne den Burschen nicht. Jedenfalls tut er wohl daran, sie ihr zu bewilligen, denn es ist die Krankheit, die sie ihr verleiht, das geniale Prinzip der Krankheit, dem sie untersteht, und jeder, der in die Lage kommt, wird gut tun, seinem Beispiel zu folgen und sich nicht zu beklagen, weder rückwärts noch vorwärts ...“
„Sie beklagen sich nicht?“ fragte Peeperkorn und wandte ihm das Antlitz zu ... Es schien fahl in der Dämmerung; die Augen blickten bleich und matt unter der idolhaften Stirnlineatur, der große, zerrissene Mund stand halb geöffnet wie bei einer tragischen Maske.
„Ich dachte nicht,“ antwortete Hans Castorp bescheiden, „daß es sich um mich handle. Meine Worte bezwecken, daß Sie sich nicht beklagen, Mynheer Peeperkorn, und mir nicht um früherer Vorkommnisse willen Ihr Wohlwollen entziehen. Darauf kommt es mir an in dieser Stunde.“
„Dessen ungeachtet“, sagte Peeperkorn, „muß es ein großer Schmerz gewesen sein, den ich Ihnen unwissentlich zugefügt habe.“
„Wenn das eine Frage ist“, versetzte Hans Castorp, „und wenn ich sie bejahe, so soll das vor allen Dingen nicht heißen, daß ich den enormen Vorzug Ihrer Bekanntschaft nicht zu schätzen wüßte, denn dieser Vorzug ist ja mit der Enttäuschung, von der Sie sprechen, untrennbar verbunden.“
„Ich danke, junger Mann, ich danke. Ich schätze die Artigkeit Ihres kleinen Wortes. Allein von unserer Bekanntschaft abgesehen –“
„Es ist schwer, davon abzusehen,“ sagte Hans Castorp, „und es empfiehlt sich für mich auch gar nicht, davon abzusehen, um Ihre Frage in aller Anspruchslosigkeit zu bejahen. Denn daß es eine Persönlichkeit Ihres Formates war, in deren Begleitung Clawdia zurückkehrte, konnte das Ungemach, das für mich darin lag, daß sie überhaupt in Begleitung eines anderen Mannes zurückkehrte, natürlich nur verstärken und verwickelter gestalten. Es hat mir bedeutend zu schaffen gemacht und tut es heute noch, das leugne ich nicht, und ich habe mich absichtlich nach Kräften an die positive Seite der Sache gehalten, das heißt: an meine aufrichtigen Verehrungsgefühle für Sie, Mynheer Peeperkorn, worin übrigens nebenbei eine kleine Bosheit gegen Ihre Reisebegleiterin lag; denn die Frauen sehen es gar nicht besonders gern, wenn ihre Liebhaber zusammenhalten.“
„In der Tat –“, sagte Peeperkorn und verbarg ein Lächeln, indem er mit der hohlen Hand über Mund und Kinn strich, als bestünde Gefahr, daß Frau Chauchat ihn lächeln sähe. Auch Hans Castorp lächelte diskret, und dann nickten sie beide im Einverständnis vor sich hin.
„Diese kleine Rache“, fuhr Hans Castorp fort, „war mir am Ende zu gönnen, denn so weit ich in Frage komme, habe ich wirklich einigen Grund, mich zu beklagen, – nicht über Clawdia und nicht über Sie, Mynheer Peeperkorn, aber mich allgemein zu beklagen, meines Lebens und Schicksals wegen, und da ich die Ehre Ihres Vertrauens genieße und dies eine so durch und durch eigentümliche Dämmerstunde ist, so will ich mich wenigstens andeutungsweise darüber zu äußern versuchen.“
„Ich bitte darum“, sagte Peeperkorn höflich, worauf Hans Castorp fortfuhr:
„Ich bin seit langer Zeit hier oben, Mynheer Peeperkorn, seit Jahren und Tagen, – genau weiß ich es nicht, wie lange, aber es sind Lebensjahre, darum sprach ich von ‚Leben‘, und auch auf das ‚Schicksal‘ werde ich im rechten Augenblick noch zurückkommen. Mein Vetter, den ich etwas zu besuchen dachte, ein Militär, der es redlich und brav im Sinne hatte, aber das half ihm nichts, ist mir hier weggestorben, und ich bin immer noch da. Ich war nicht Militär, ich hatte einen Zivilberuf, wie Sie vielleicht gehört haben, einen handfesten und vernünftigen Beruf, der angeblich sogar in völkerverbindender Richtung wirkt, aber ich war ihm nie sonderlich verbunden, das gebe ich zu, und zwar aus Gründen, von denen ich nur sagen will, daß sie im Dunklen liegen: Sie liegen da zusammen mit den Ursprüngen meiner Empfindungen für Ihre Reisebegleiterin – ich nenne sie ausdrücklich so, um zu bekunden, daß es mir nicht einfällt, an der positiven Rechtslage rütteln zu wollen – meiner Empfindungen für Clawdia Chauchat und meines Duzverhältnisses zu ihr, das ich nie verleugnet habe, seit ihre Augen mir zuerst begegneten und es mir antaten, – es mir in unvernünftigem Sinne antaten, verstehen Sie. Ihr zuliebe und Herrn Settembrini zum Trotz habe ich mich dem Prinzip der Unvernunft, dem genialen Prinzip der Krankheit unterstellt, dem ich freilich wohl von langer Hand und jeher schon unterstand, und bin hier oben geblieben, – ich weiß nicht mehr genau, wie lange, ich habe alles vergessen und mit allem gebrochen, mit meinen Verwandten und meinem flachländischen Beruf und allen meinen Aussichten. Und als Clawdia abreiste, habe ich auf sie gewartet, immer hier oben gewartet, so daß ich nun dem Flachland völlig abhanden gekommen und in seinen Augen so gut wie tot bin. Das hatte ich im Sinn, als ich von ‚Schicksal‘ sprach und mir anzudeuten erlaubte, daß es mir allenfalls zustände, mich über die gegenwärtige Rechtslage zu beklagen. Ich habe einmal eine Geschichte gelesen, – nein, ich habe sie im Theater gesehen, wie ein gutmütiger Junge – er war übrigens Militär, wie mein Vetter, – es mit einer reizenden Zigeunerin zu tun bekommt, – sie war reizend, mit einer Blume hinter dem Ohr, ein wildes, fatales Frauenzimmer, und sie tat es ihm dermaßen an, daß er vollständig entgleiste, ihr alles opferte, fahnenflüchtig wurde, mit ihr zu den Schmugglern ging und sich in jeder Richtung entehrte. Als er soweit war, hatte sie genug von ihm und kam mit einem Matador daher, einer zwingenden Persönlichkeit mit prachtvollem Bariton. Es endete damit, daß der kleine Soldat, kreideweiß im Gesicht und in offenem Hemd, sie vor dem Zirkus mit seinem Messer erstach, worauf sie es übrigens geradezu angelegt hatte. Es ist eine ziemlich beziehungslose Geschichte, auf die ich da komme. Aber schließlich, warum fällt sie mir ein?“
Mynheer Peeperkorn hatte bei Nennung des „Messers“ seine Sitzlage im Bette etwas verändert, war kurz beiseite gerückt, indem er rasch das Gesicht seinem Gaste zugewandt und ihm forschend ins Auge geblickt hatte. Jetzt richtete er sich besser auf, stützte sich auf den Ellbogen und sprach:
„Junger Mann, ich habe gehört, und ich bin nun im Bilde. Erlauben Sie mir auf Grund Ihrer Mitteilungen eine loyale Erklärung! Wäre mein Haar nicht bleich und wäre ich nicht mit malignem Fieber geschlagen, so sähen Sie mich bereit, Ihnen von Mann zu Mann, die Waffe in der Hand, Genugtuung zu geben für die Unbill, die ich Ihnen unwissentlich angetan, und zugleich für diejenige, die meine Reisebegleiterin Ihnen zugefügt, und für die ich ebenfalls aufzukommen habe. Perfekt, mein Herr, – Sie sähen mich bereit. Wie aber die Dinge liegen, so erlauben Sie mir, einen anderen Vorschlag dafür einzusetzen. Es ist der folgende. Ich erinnere mich eines gehobenen Augenblicks, gleich zu Anfang unserer Bekanntschaft, – ich erinnere mich daran, obgleich ich damals dem Weine stark zugesprochen hatte –, eines Augenblicks also, da ich, angenehm berührt von Ihrem Naturell, im Begriffe stand, Ihnen das brüderliche Du anzubieten, mich aber dann der Einsicht nicht entzog, daß es ein etwas übereilter Schritt gewesen wäre. Gut, ich beziehe mich heute auf diesen Augenblick, ich komme auf ihn zurück, ich erkläre den damals beschlossenen Aufschub für abgelaufen. Junger Mann, wir sind Brüder, ich erkläre uns dafür. Sie sprachen von einem Du vollen Sinnes, – auch das unsrige wird vollen Sinn haben, den Sinn der Brüderlichkeit im Gefühl. Die Genugtuung, die Ihnen mit der Waffe zu geben, Alter und Unpäßlichkeit mich hindern, ich biete sie Ihnen in dieser Form, ich biete sie Ihnen in Form eines Bruderbundes, wie man ihn sonst wohl gegen Dritte, gegen die Welt, gegen jemanden schließt, und den wir im Gefühl für jemanden schließen wollen. Nehmen Sie Ihr Weinglas, junger Mann, während ich wieder zu meinem Wasserglas greife, durch das diesem Sauserchen weiter kein Unrecht geschieht –“
Und mit leicht zitternder Kapitänshand füllte er die Gläser, wobei Hans Castorp ihm in ehrerbietiger Bestürzung behilflich war.
„Nehmen Sie!“ wiederholte Peeperkorn. „Kreuzen Sie den Arm mit mir! Und trinken Sie auf diese Weise! Trinken Sie aus! – Perfekt, junger Mann. Erledigt. Hier meine Hand. Bist du zufrieden?“
„Das ist natürlich gar kein Ausdruck, Mynheer Peeperkorn“, sagte Hans Castorp, dem es etwas schwer gefallen war, das volle Glas in einem Zuge auszutrinken, und trocknete seine Knie mit dem Taschentuch, da Wein darauf hinabgeflossen war. „Ich bin hoch beglückt, will ich lieber sagen, und kann es noch gar nicht fassen, wie mir das so auf einmal zuteil geworden, – es ist mir, offen gestanden, wie im Traum. Das ist eine gewaltige Ehre für mich, – ich weiß nicht, wie ich sie verdient haben soll, höchstens auf passive Weise, auf andere gewiß nicht, und man darf sich nicht wundern, wenn es mich anfangs abenteuerlich anmutet, die neue Anrede über die Lippen zu bringen, wenn ich darüber stolpere, – zumal in Clawdias Gegenwart, die vielleicht nach Frauenart nicht ganz einverstanden sein wird mit diesem Arrangement ...“
„Laß das meine Sache sein“, erwiderte Peeperkorn, „und das andere Sache der Übung und Gewohnheit! Und nun geh, junger Mann! Verlasse mich, mein Sohn! Es ist dunkel, der Abend ist völlig hereingebrochen, unsere Geliebte kann jeden Augenblick zurückkehren, und eine Begegnung zwischen euch wäre eben jetzt vielleicht nicht das Schicklichste.“
„Lebe wohl, Mynheer Peeperkorn!“ sagte Hans Castorp und stand auf. „Sie sehen, ich überwinde meine berechtigte Scheu und übe mich schon in der tollkühnen Anrede. Richtig, es ist ja finster geworden! Ich könnte mir vorstellen, daß plötzlich Herr Settembrini hereinkäme und das Licht andrehte, damit Vernunft und Gesellschaftlichkeit Platz griffen, – er hat nun einmal die Schwäche. Auf morgen! Ich gehe dermaßen vergnügt und stolz von hier fort, wie ich es mir nicht im entferntesten hätte träumen lassen. Recht gute Besserung! Es kommen nun mindestens drei fieberfreie Tage für dich, an denen Sie allen Anforderungen gewachsen sein werden. Das freut mich, als ob ich Du wäre. Gute Nacht!“
Mynheer Peeperkorn (Schluß)
Ein Wasserfall ist immer ein anziehendes Ausflugsziel, und kaum wissen wir es zu rechtfertigen, daß Hans Castorp, der für fallendes Wasser sogar eine besondere Herzensneigung hegte, die malerische Kaskade im Walde des Flüelatals noch niemals besucht hatte. Für die Zeit seines Zusammenlebens mit Joachim mochte er entschuldigt sein durch die strenge Dienstlichkeit seines Vetters, der nicht zum Vergnügen hier gewesen war, und dessen sachlich-zweckhafter Sinn ihren Gesichtskreis auf die nächste Umgebung von Haus „Berghof“ eingeschränkt hatte. Und nach seinem Ausscheiden – nun, auch danach hatte Hans Castorps Verhältnis zur hiesigen Landschaft, wenn man von seinen Skiunternehmungen absehen will, den Charakter einer konservativen Einförmigkeit bewahrt, deren Kontrast zu der Spannweite seiner inneren Erfahrungen und „Regierungs“-obliegenheiten sogar nicht ohne einen gewissen bewußten Reiz für den jungen Mann gewesen war. Immerhin war seine Zustimmung lebhaft, als in seiner engeren Umgebung, diesem kleinen Freundeskreise von sieben Personen (ihn selber eingerechnet), der Plan einer Wagenfahrt nach jener empfohlenen Örtlichkeit erwogen wurde.
Es war Mai geworden, der Wonnemond einfältigen kleinen Liedern des Flachlandes zufolge, – recht frisch und wenig einschmeichelnd von Luftbeschaffenheit hier oben, aber die Schneeschmelze konnte für abgeschlossen gelten. Zwar hatte es in den letzten Tagen mehrfach großflockig geschneit, doch das blieb nicht liegen, es ließ nur etwas Nässe zurück; die lagernden Massen des Winters waren versickert, verraucht, bis auf vereinzelte Reste dahingeschwunden; die grüne Gangbarkeit der Welt bedeutete ein Anerbieten an jede Unternehmungslust.
Ohnehin hatte der gesellige Verkehr der Gruppe während der letzten Wochen gelitten unter dem Übelbefinden ihres Oberhauptes, des großartigen Pieter Peeperkorn, dessen maligne Tropenmitgift weder den Einwirkungen des außerordentlichen Klimas, noch den Antidoten eines so hervorragenden Mediziners, wie des Hofrat Behrens, hatte weichen wollen. Er war viel bettlägerig gewesen, nicht nur an Tagen, da das Quartanfieber in seine schlimmen Rechte trat. Milz und Leber machten ihm zu schaffen, wie der Hofrat die dem Patienten Nahestehenden abseits bedeutete; auch sein Magen sollte sich nicht in klassischer Verfassung befinden, und Behrens unterließ nicht, auf die auch bei einer so mächtigen Natur unter diesen Umständen nicht ganz von der Hand zu weisende Gefahr chronischer Entkräftung hinzudeuten.
Einem abendlichen Essen und Trinken nur hatte Mynheer in diesen Wochen vorgesessen, und auch die gemeinsamen Spaziergänge waren bis auf einen nicht sehr ausgedehnten unterblieben. Übrigens empfand Hans Castorp, unter uns gesagt, diese Lockerung der Cliquengemeinschaft in gewisser Hinsicht als Erleichterung, denn das mit Frau Chauchats Reisebegleiter getrunkene Schmollis schuf ihm Beschwerden; es brachte in seine öffentliche Konversation mit Peeperkorn dieselbe „Gezwungenheit“, dasselbe „Ausweichen“ und gleichsam auf einer Vielliebchenwette beruhende „Vermeiden“, das diesem an seinem Verkehr mit Clawdia aufgefallen war: mit wunderlichen Behelfen umschrieb er die Anredeform, soweit sie sich nicht verschlucken ließ, – aus demselben oder dem umgekehrten Dilemma, das sein Gespräch mit Clawdia in Gegenwart anderer, auch in alleiniger Gegenwart ihres Meisters, beherrschte, und das sich dank der von diesem empfangenen Genugtuung zur formalen Doppelklemme vervollständigt hatte.
Nun war denn also der Plan eines Ausflugs zum Wasserfall an der Tagesordnung, – Peeperkorn selbst hatte das Ziel bestimmt, und er fühlte sich rüstig zu dem Unternehmen. Es war der dritte Tag nach einem Quartananfall; Mynheer ließ wissen, daß er ihn zu nutzen wünsche. Zwar war er zu den ersten Mahlzeiten des Tages nicht im Speisesaal erschienen, sondern hatte sie, wie in letzter Zeit sehr häufig, zusammen mit Madame Chauchat in seinem Salon eingenommen; aber schon beim ersten Frühstück hatte Hans Castorp durch den hinkenden Concierge Order empfangen, sich eine Stunde nach dem Mittagessen zu einer Spazierfahrt bereitzuhalten, ferner, diesen Befehl an die Herren Ferge und Wehsal weiterzugeben, auch Settembrini und Naphta zu benachrichtigen, daß man bei ihnen vorfahren werde, und endlich für die Bestellung zweier Landauer auf drei Uhr Sorge zu tragen.
Um diese Stunde traf man sich vor dem Portal von Haus „Berghof“: Hans Castorp, Ferge und Wehsal erwarteten dort die Herrschaften aus den Fürstenzimmern, indem sie sich damit unterhielten, die Pferde zu tätscheln, die ihnen mit schwarzen, feuchten, plumpen Lippen Zuckerstücke von der flachen Hand nahmen. Die Reisegenossen erschienen mit nur leichter Verspätung auf der Freitreppe. Peeperkorn, dessen Königshaupt schmäler geworden schien, lüftete, dort oben in langem, etwas abgetragenem Ulster an der Seite Clawdias stehend, seinen weichen, runden Hut, und seine Lippen bildeten unhörbar ein allgemeines Begrüßungswort. Dann wechselte er einen Händedruck mit jedem der drei Herren, die dem Paar bis zum Fuße der Stufen entgegenkamen.
„Junger Mann,“ sagte er dabei zu Hans Castorp, indem er ihm die linke Hand auf die Schulter legte, „... wie geht es, mein Sohn?“
„Verbindlichsten Dank! Und andererseits?“ erwiderte der Gefragte ...
Die Sonne schien, es war ein schöner, blanker Tag, aber man hatte doch gut getan, Übergangspaletots anzulegen: im Fahren würde man es zweifellos kühl haben. Auch Madame Chauchat trug einen warmen Gurtmantel aus faserigem, groß kariertem Stoff und sogar ein wenig Pelz um die Schultern. Den Rand ihres Filzhutes hatte sie mit einem unter dem Kinn gebundenen olivenfarbenen Schleier seitlich niedergebogen, was ihr so reizend stand, daß es die Mehrzahl der Anwesenden geradezu schmerzte, – nur Ferge nicht, den einzigen, der nicht verliebt in sie war; und diese seine Unbefangenheit hatte zur Folge, daß ihm bei der vorläufigen Verteilung der Plätze, bis die Externen zur Gesellschaft stoßen würden, der Rücksitz gegenüber Mynheer und Madame im ersten Landauer zufiel, während Hans Castorp, nicht ohne ein spöttisches Lächeln Clawdias aufgefangen zu haben, mit Ferdinand Wehsal das zweite Gefährt bestieg. Die schmächtige Person des malaiischen Kammerdieners nahm teil an dem Ausflug. Mit einem geräumigen Korbe, unter dessen Deckel die Hälse zweier Weinflaschen hervorragten, und den er unter dem Rücksitz des vorderen Landauers verwahrte, war er hinter seiner Herrschaft erschienen, und in dem Augenblick, als er zur Seite des Kutschers die Arme gekreuzt hatte, erhielten die Pferde ihr Zeichen, und mit angezogenen Bremsen setzten die Wagen sich die Wegschleife hinab in Bewegung.
Auch Wehsal hatte Frau Chauchats Lächeln bemerkt, und die verdorbenen Zähne zeigend, äußerte er sich darüber gegen seinen Fahrtgenossen.
„Haben Sie gesehen,“ fragte er, „wie sie sich über Sie lustig machte, weil Sie allein mit mir fahren müssen? Ja, ja, wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Ärgert und ekelt es Sie sehr, so neben mir zu sitzen?“
„Nehmen Sie sich zusammen, Wehsal, und reden Sie nicht so niederträchtig!“ verwies ihn Hans Castorp. „Frauen lächeln bei jeder Gelegenheit, nur um des Lächelns willen; es ist nutzlos, sich jedesmal Gedanken darüber zu machen. Was krümmen Sie sich immer so? Sie haben, wie wir alle, Ihre Vorzüge und Nachteile. Zum Beispiel spielen Sie sehr hübsch aus dem ‚Sommernachtstraum‘, das kann nicht jeder. Sie sollten es nächstens mal wieder tun.“
„Ja, da reden Sie mir nun so von oben herab zu“, erwiderte der elende Mensch, „und wissen gar nicht, wieviel Unverschämtheit in Ihrem Trost liegt, und daß Sie mich dadurch nur noch tiefer erniedrigen. Sie haben gut reden und trösten vom hohen Roß herunter, denn wenn Sie derzeit auch ziemlich lächerlich dastehen, so sind Sie doch einmal daran gewesen und waren im siebenten Himmel, allmächtiger Gott, und haben ihre Arme um Ihren Nacken gefühlt und all das, allmächtiger Gott, es brennt mir im Schlunde und in der Herzgrube, wenn ich dran denke, – und sehen im Vollbewußtsein dessen, was Ihnen zuteil geworden, auf meine bettelhaften Qualen hinab ...“
„Schön ist es nicht, wie Sie sich ausdrücken, Wehsal. Es ist sogar hochgradig abstoßend, das brauche ich Ihnen nicht zu verhehlen, da Sie mir Unverschämtheit vorwerfen, und abstoßend soll es auch wohl sein, Sie legen es geradezu darauf an, sich widrig zu machen und krümmen sich unausgesetzt. Sind Sie denn wirklich so ungeheuer verliebt in sie?“
„Fürchterlich!“ antwortete Wehsal kopfschüttelnd. „Das ist nicht zu sagen, was ich auszustehen habe von meinem Durst und meiner Begierde nach ihr, ich wollte, ich könnte sagen, es wird mein Tod sein, aber man kann damit weder leben noch sterben. Während sie weg war, fing es an, etwas besser zu gehen, sie kam mir allmählich aus dem Sinn. Aber seitdem sie wieder da ist und ich sie täglich vor Augen habe, ist es zuweilen derart, daß ich mich in den Arm beiße und in die Luft greife und mir nicht zu helfen weiß. So etwas sollte es gar nicht geben, aber man kann es nicht wegwünschen, – wen es hat, der kann es nicht wegwünschen, man müßte sein Leben wegwünschen, womit es sich amalgamiert hat, und das kann man eben nicht, – was hätte man davon, zu sterben? Nachher, – mit Vergnügen. In ihren Armen, – herzlich gern. Aber vorher, das ist Unsinn, denn das Leben, das ist das Verlangen, und das Verlangen das Leben, und kann nicht gegen sich selber sein, das ist die gottverfluchte Zwickmühle. Und wenn ich sage ‚gottverflucht‘, so sage ich es auch nur redensartlich und so, als ob ich ein anderer wäre, ich selber kann es nicht meinen. Es gibt so manche Torturen, Castorp, und wer auf einer Tortur ist, der will davon los, will einfach und unbedingt davon los, das ist sein Ziel. Aber von der Tortur der Fleischesbegierde kann man einzig und allein loswollen auf dem Wege und unter der Bedingung, daß sie gestillt wird, – sonst nicht, sonst um keinen Preis! Das ist die Einrichtung, und wen es nicht hat, der hält sich nicht weiter dabei auf, aber wen es hat, der lernt unsern Herrn Jesum Christum kennen, dem gehen die Augen über. Gott im Himmel, was für eine Einrichtung und Angelegenheit ist es doch, daß das Fleisch so nach dem Fleische begehrt, nur, weil es nicht das eigene ist, sondern einer fremden Seele gehört, – wie sonderbar und, recht besehen, wie anspruchslos auch wieder in seiner verschämten Freundlichkeit! Man könnte sagen: Wenn es weiter nichts will, in Gottes Namen, es sei ihm gewährt! Was will ich denn, Castorp? Will ich sie morden? Will ich ihr Blut vergießen? Ich will sie ja nur liebkosen! Castorp, lieber Castorp, entschuldigen Sie, daß ich winsele, aber sie könnte mir in Gottes Namen zu Willen sein! Es ist doch auch was Höheres dabei, Castorp, ich bin doch kein Vieh, in meiner Art bin ich doch auch ein Mensch! Die Fleischesbegierde gehet dahin und dorthin, sie ist nicht gebunden und nicht fixiert, und darum so heißen wir sie viehisch. So sie aber fixiert ist auf eine Menschenperson mit einem Angesicht, alsdann so redet unser Mund von der Liebe. Mich verlangt doch nicht bloß nach ihrem Körperrumpf und nach der Fleischpuppe ihres Leibes, sondern wenn in ihrem Angesicht auch nur ein kleines Etwas anders gestaltet wäre, siehe, so verlangte mich’s möglicherweise nach ihrem ganzen Leibe gar nicht, und daher so zeiget sich’s, daß ich ihre Seele liebe, und daß ich sie mit der Seele liebe. Denn die Liebe zum Angesicht ist Seelenliebe ...“
„Wie ist Ihnen denn, Wehsal? Sie sind ja ganz außer sich und schlagen hier Gott weiß was für Töne an ...“
„Aber das ist es ja eben, das ist ja auch eben wieder das Unglück,“ fuhr der Arme fort, „daß sie eine Seele hat, daß sie ein Mensch ist aus Leib und Seele! Denn ihre Seele will nichts von der meinen wissen und also ihr Leib nichts von meinem, o Jammer und große Not, und um dessentwillen ist mein Verlangen zur Schande verdammt, und mein Leib muß sich winden ewiglich! Warum will sie mit Leib und Seele nichts wissen von mir, Castorp, und warum ist mein Verlangen ihr ein Greuel?! Bin ich denn kein Mann? Ist ein widerwärtiger Mann kein Mann? Ich bin es sogar im höchsten Grade, ich schwöre Ihnen, ich würde alles Dagewesene überbieten, wenn sie mir das Wonnereich ihrer Arme eröffnete, die so schön sind, weil sie zu ihrem Seelenangesicht gehören! Ich würde ihr alle Wollust der Welt antun, Castorp, wenn es sich nur um die Leiber handelte und nicht auch um die Angesichte, wenn ihre verfluchte Seele nicht wäre, die nichts von mir wissen will, und ohne die mich aber auch wieder nach ihrem Leibe gar nicht verlangen täte, – das ist des Teufels beschissene Zwickmühle, in der ich mich winde ewiglich!“
„Wehsal, pst! leise doch! Der Kutscher versteht Sie ja! Er bewegt zwar absichtlich den Kopf nicht, aber ich sehe es doch seinem Rücken an, daß er zuhört.“
„Er versteht und hört zu, da haben Sie’s, Castorp! Da haben Sie wieder die Einrichtung und Angelegenheit in ihrer Eigenart und ihrem Charakter! Wenn ich von Palingenesie spräche oder von ... Hydrostatik, so würde er’s nicht verstehen und hätte nicht eine Ahnung und hörte nicht zu und interessierte sich gar nicht. Denn das ist nicht populär. Aber die höchste und letzte und schauerlich heimlichste Angelegenheit, die Angelegenheit vom Fleische und von der Seele, siehe, die ist zugleich die populärste Angelegenheit, und jeder versteht sie und kann sich lustig machen über den, den es hat, und dem es den Tag zur Lustfolter macht und die Nacht zur Schandhölle! Castorp, lieber Castorp, lassen Sie mich etwas winseln, denn was habe ich für Nächte! Jede Nacht träume ich von ihr, ach, was träume ich nicht alles von ihr, es brennt mir im Schlunde und in der Magengegend, wenn ich dran denke! Und immer endet es damit, daß sie mir Ohrfeigen gibt, mich ins Gesicht schlägt und manchmal auch anspeit, – mit vor Ekel verzerrtem Seelenangesicht speit sie mich an, und dann wache ich auf, mit Schweiß und Schmach und Lust bedeckt ...“
„So, Wehsal, nun wollen wir mal still sein und uns vornehmen, den Mund zu halten, bis wir zum Gewürzkrämer kommen und jemand sich zu uns setzt. Das ist mein Vorschlag und meine Anordnung. Ich will Sie nicht kränken und gebe zu, daß Sie in großen Schwulitäten sind, aber wir hatten zu Haus eine Geschichte von einer Person, die damit bestraft wurde, daß ihr beim Sprechen Schlangen und Kröten aus dem Munde kamen, mit jedem Wort eine Schlange oder Kröte. Es stand nicht im Buch, wie sie sich dem gegenüber verhielt, aber ich habe immer angenommen, daß sie sich wohl aufs Mundhalten verlegt haben wird.“
„Es ist aber ein Menschenbedürfnis,“ sagte Wehsal kläglich, „ein Menschenbedürfnis, lieber Castorp, zu reden und sich das Herz zu erleichtern, wenn man in solchen Schwulitäten sitzt wie ich.“
„Es ist sogar ein Menschenrecht, Wehsal, wenn Sie wollen. Aber es gibt Rechte, meiner Meinung nach, von denen man unter Umständen vernünftigerweise keinen Gebrauch macht.“
Also waren sie still nach Hans Castorps Anordnung, und übrigens hatten die Wagen das weinlaubbewachsene Häuschen des Gewürzkrämers rasch erreicht, wo man denn nicht einen Augenblick zu warten hatte: Naphta und Settembrini waren schon auf der Straße, dieser in seiner schadhaften Pelzjacke, jener dagegen in einem weißlichgelben Frühjahrsüberzieher, der überall gesteppt war und geckenhaft anmutete. Man winkte, man tauschte Grüße, während die Wagen wendeten, und die Herren stiegen ein: Naphta nahm als vierter im vorderen Landauer an Ferges Seite Platz, und Settembrini, in glänzender Laune, von klaren Scherzen sprudelnd, gesellte sich zu Hans Castorp und Wehsal, wobei dieser ihm seinen Sitz im Fond des Wagens überließ, – welchen Herr Settembrini denn in der Haltung des Korsofahrers, mit erlesener Lässigkeit, einzunehmen wußte.
Er pries den Genuß des Fahrens, dies Bewegtwerden des Körpers in behaglichem Ruhestande und bei wechselnder Szenerie; zeigte sich väterlich-verbindlich gegen Hans Castorp und tätschelte sogar dem armen Wehsal die Wange, indem er ihn aufforderte, des eigenen unsympathischen Ich in der Bewunderung der lichten Welt zu vergessen, auf die er mit seiner Rechten im schäbigen Lederhandschuh ausholend deutete.
Sie hatten beste Fahrt. Die Pferde, muntere Blessen alle vier, gedrungen, glatt und satt, schlugen in festem Takt die gute Straße, die noch nicht staubte. Felsentrümmer, in deren Fugen Gras und Blumen sprossen, traten zuweilen an ihren Rand, Telegraphenstangen flohen zurück, Bergwälder stiegen auf, anmutige Kurven, die man anstrebte und zurücklegte, unterhielten die Wegesneugier, und immer dämmerte teilweis noch verschneites Gebirge in sonniger Fernsicht. Das gewohnte Talgebiet war verlassen, die Verrückung der alltäglichen Szene erfrischte das Gemüt. Bald hielt man am Waldesrand: Von hier aus wollte man zu Fuß den Ausflug fortsetzen und das Ziel gewinnen, – ein Ziel, mit dem man schon des längeren, ohne es anfangs gewahr geworden zu sein, in schwachem, aber sich stetig verstärkendem sinnlichen Kontakte stand. Ein fernes Geräusch wurde allen bewußt, sobald die Fahrt eingestellt war, ein leises, zuweilen der Wahrnehmung noch wieder entkommendes Zischen, Schüttern und Brausen, das zu unterscheiden man einander aufforderte, und auf das man gefesselten Fußes horchte.
„Jetzt“, sagte Settembrini, der öfters hier gewesen war, „läßt es sich schüchtern an. Aber an Ort und Stelle ist es brutal um diese Jahreszeit, – machen Sie sich gefaßt, wir werden unser eigen Wort nicht verstehen.“
So gingen sie denn waldeinwärts, auf einem Wege mit feuchter Nadelstreu, voran Pieter Peeperkorn, auf den Arm seiner Begleiterin gestützt, den schwarzen weichen Hut in der Stirn, mit seitwärts nickendem Tritt; mitten hinter ihnen Hans Castorp, ohne Hut, wie alle übrigen Herren, die Hände in den Taschen, mit schrägem Kopfe und leisem Pfeifen um sich blickend; dann Naphta und Settembrini, dann Ferge mit Wehsal, zum Schluß der Malaie allein, den Vesperkorb am Arm. Sie sprachen über den Wald.
Der Wald war nicht wie andere, er bot einen malerisch eigentümlichen, ja exotischen, doch unheimlichen Anblick. Er strotzte von einer Sorte moosiger Flechten, war damit behangen, beladen, ganz und gar darin eingewickelt, in langen, mißfarbenen Bärten baumelte das verfilzte Gewirk der Schmarotzerpflanze von seinen umsponnenen, gepolsterten Zweigen: man sah fast keine Nadeln, man sah lauter Moosgehänge, – eine schwere, bizarre Entstellung, ein verzauberter und krankhafter Anblick. Dem Walde ging es nicht gut, er krankte an dieser geilen Flechte, sie drohte ihn zu ersticken, das war die allgemeine Meinung, während der kleine Zug auf dem Nadelwege vorwärts schritt, im Ohr das Geräusch des Zieles, dem man sich näherte, dies Rumpeln und Zischen, das allmählich zum Getöse wurde und Settembrinis Vorhersage wahr zu machen versprach.
Eine Wegbiegung gab den Blick auf die überbrückte Wald- und Felsenschlucht frei, in der der Wasserfall niederging; und indem man seiner ansichtig wurde, kam auch die Gehörswirkung auf ihren Gipfel, – es war ein Höllenspektakel. Die Wassermassen stürzten senkrecht nur in einer einzigen Kaskade, deren Höhe aber wohl sieben oder acht Meter betrug, und deren Breite ebenfalls beträchtlich war, und schossen dann weiß über Felsen weiter. Sie stürzten mit unsinnigem Lärm, in welchem sich alle möglichen Geräuscharten und Lauthöhen zu mischen schienen, Donnern und Zischen, Gebrüll, Gejohle, Tusch, Krach, Geprassel, Gedröhn und Glockengeläut, – wahrhaftig wollten einem die Sinne davon vergehen. Die Besucher waren dicht herangetreten auf schlüpfrigem Felsengrunde und betrachteten, feucht angeatmet und angesprüht, in Wasserdunst eingehüllt, die Ohren überfüllt und dicht verpolstert vom Lärm, dazu Blicke tauschend und mit verschüchtertem Lächeln die Köpfe schüttelnd, das Schauspiel, diese Dauerkatastrophe aus Schaum und Geschmetter, deren irres und übermäßiges Brausen sie betäubte, ihnen Furcht erregte und Gehörstäuschungen verursachte. Man glaubte hinter sich, über sich, von allen Seiten drohende und warnende Rufe zu hören, Posaunen und rohe Männerstimmen.
Geschart hinter Mynheer Peeperkorn – Frau Chauchat unter den andern fünf Herren – blickten sie mit ihm in den Schwall. Sie sahen nicht sein Gesicht, sahen ihn aber das weiße Flammenhaupt entblößen und die Brust in der Frische dehnen. Sie verständigten sich untereinander durch Blicke und Zeichen, denn wahrscheinlich wären Worte, selbst unmittelbar ins Ohr geschrien, vom Donner des Sturzes übertäubt worden. Ihre Lippen formten Worte des Erstaunens und der Bewunderung, die lautlos blieben. Hans Castorp, Settembrini und Ferge verabredeten sich durch Kopfwinke, die Höhe der Schlucht zu ersteigen, in deren Grunde sie sich befanden, den oberen Steg zu gewinnen und die Wasser von dort zu betrachten. Es war nicht unbequem: Eine steile Zeile von schmalen, ins Gestein gehauenen Stufen führte gleichsam in ein höheres Stockwerk des Waldes empor; sie erkletterten sie hintereinander, betraten die Brücke und winkten von ihrer Mitte aus, über der Rundung des Falles schwebend, auf das Geländer gelehnt, den unteren Freunden. Dann gingen sie vollends hinüber, stiegen mühselig ab an der anderen Seite und kamen jenseits des Wildwassers, über das auch hier unten eine Brücke ging, den Zurückgebliebenen wieder zu Gesichte.
Die Zeichengebung betraf nun die Einnahme der Vespererfrischungen. Sie ging von mehreren Seiten dahin, man solle sich zu diesem Behuf aus der Lärmzone ein wenig verziehen, um mit entlastetem Gehör und nicht taub und stumm die Freimahlzeit zu genießen. Aber man mußte erkennen, daß Peeperkorns Willensmeinung dagegen stand. Er schüttelte das Haupt, stieß wiederholt den Zeigefinger gegen den Grund, und seine zerrissenen Lippen, mit Anstrengung sich auseinanderziehend, bildeten ein „Hier!“ Was war da zu tun? In solchen Regiefragen war er Herr und Befehlshaber. Die Wucht seiner Persönlichkeit hätte den Ausschlag gegeben, selbst wenn er nicht, wie immer, Veranstalter und Meister des Unternehmens gewesen wäre. Dieses Format ist tyrannisch und autokratisch von je und wird es bleiben. Mynheer wollte angesichts des Falles, im Donner vespern, das war sein großmächtiger Eigensinn, und wer nicht leer ausgehen wollte, mußte hier bleiben. Die Mehrzahl war unzufrieden. Herr Settembrini, der die Möglichkeit menschlichen Austausches, eines demokratisch-distinkten Geplauders oder auch Disputes abgeschnitten sah, warf mit jener Gebärde der Verzweiflung und der Resignation die Hand über den Kopf. Der Malaie beeilte sich, die Anordnung seines Gebieters zu vollziehen. Es waren zwei Klappsessel da, die er für Mynheer und Madame an der Felsenwand aufschlug. Dann breitete er zu ihren Füßen auf einem Tuche den Inhalt des Korbes aus: Kaffeegeschirr und Gläser, Thermosflaschen, Gebäck und Wein. Man drängte sich zur Verteilung. Dann saß man auf Geröllsteinen, auf dem Geländer des Steges, die Tasse mit heißem Kaffee in Händen, den Teller mit Kuchen auf den Knien, und vesperte schweigend im Getöse.
Peeperkorn, mit hochgeschlagenem Mantelkragen, den Hut neben sich am Boden, trank Portwein aus einem silbernen Becher mit Monogramm, den er mehrmals leerte. Und plötzlich begann er zu sprechen. Der wunderliche Mann! Es war unmöglich, daß er seine eigene Stimme hörte, geschweige daß die anderen eine Silbe hätten verstehen können von dem, was er verlauten ließ, ohne daß es verlautete. Er aber erhob den Zeigefinger, streckte, den Becher in der Rechten, den linken Arm aus, die flache Hand schräg erhoben, und man sah, wie sein Königsantlitz sich redend bewegte, sein Mund Worte formte, die tonlos blieben, als würden sie in luftleerem Raum gesprochen. Niemand dachte anders, als daß er sein nutzloses Tun, das man mit betretenem Lächeln betrachtete, sogleich wieder einstellen werde, – er aber fuhr fort, sich unter bannenden, Aufmerksamkeit erzwingenden Kulturgebärden seiner Linken in das alles verschlingende Getöse hinein zu äußern, indem er die kleinen, müden und blassen, gewaltsam aufgerissenen Augen unter gespannten Stirnfalten abwechselnd auf einen und den anderen seiner Zuschauer richtete, so daß der eben Angeredete gezwungen war, mit hochgezogenen Brauen ihm zuzunicken und offenen Mundes die hohle Hand an die Ohrmuschel zu legen, als ob das die Heillosigkeit der Sache irgend hätte bessern können. Jetzt stand er sogar auf! Den Becher in der Hand, in seinem zerdrückten, fast fußlangen Reisemantel, dessen Kragen aufgestellt war, barhäuptig, die hohe, idolhaft gefaltete Stirn vom weißen Haar umflammt, stand er am Felsen und regte das Antlitz, vor das er dozierend den lanzenüberragten Ring seiner Finger hielt, die Undeutlichkeit seines tauben Toastes mit dem bannenden Zeichen der Genauigkeit versehend. Man erkannte an seinen Gebärden und las von seinen Lippen einzelne Wörter, die man von ihm zu hören gewohnt war: „Perfekt“ und „Erledigt“, – nichts weiter. Man sah sein Haupt sich schräge neigen, zerrissene Bitternis der Lippen, das Bild des Schmerzensmannes. Dann wieder sah man das üppige Grübchen erblühen, sybaritische Schalkheit, ein tanzendes Gewänderraffen, die heilige Unsittsamkeit des Heidenpriesters. Er hob den Becher, führte ihn im Halbkreis vor den Augen der Gäste hin und trank ihn in zwei, drei Schlucken so bis zum letzten aus, daß der Boden ganz nach oben stand. Dann reichte er ihn mit ausgestrecktem Arme dem Malaien, der das Gefäß, Hand auf der Brust, entgegennahm, und gab das Zeichen zum Aufbruch.
Alle verbeugten sich dankend gegen ihn, indem sie sich anschickten, nach Geheiß zu tun. Wer am Boden kauerte, sprang auf die Füße, wer auf dem Steggeländer saß, ließ sich herab. Der schmächtige Javaner in steifem Hut und Pelzkragen raffte die Reste des Mahls und das Geschirr zusammen. In derselben schmalen Ordnung, wie man gekommen, kehrte man auf dem feuchten Nadelwege, durch den von Flechtenbehang unkenntlich gemachten Wald zur Straße zurück, auf der die Wagen hielten.
Hans Castorp stieg diesmal zum Meister und seiner Begleiterin. An der Seite des guten Ferge, dem alles Höhere völlig ferne lag, saß er dem Paare gegenüber. Es wurde fast nichts gesprochen auf dieser Heimfahrt. Mynheer saß, die flachen Hände auf dem Plaid, das seine Knie zusammen mit denen Clawdias umhüllte, und ließ den Unterkiefer hängen. Settembrini und Naphta stiegen aus und verabschiedeten sich, bevor die Wagen Geleise und Wasserlauf überschritten. Wehsal fuhr allein in der zweiten Kutsche die Wegschleife hinan und vor das Berghofportal, wo man sich trennte. –
War in dieser Nacht Hans Castorps Schlaf durch irgendwelche innere Bereitschaft, von der seine Seele nichts wußte, leicht und flüchtig gehalten worden, so daß die leiseste Abweichung vom gewohnten nächtlichen Frieden des Berghofhauses, eine noch so gedämpfte Unruhe, die kaum merkliche Erschütterung durch ein fernes Laufen, genügte, um ihn hell und wach zu machen und ihn sich in den Kissen aufsetzen zu lassen? Tatsächlich erwachte er längere Zeit bevor es an seine Tür klopfte, was kurz nach zwei Uhr geschah. Er antwortete sofort, unverschlafen, geistesgegenwärtig und energisch. Es war die hohe und ungefestigte Stimme einer im Hause beschäftigten Pflegeschwester, die ihn in Frau Chauchats Auftrag ersuchte, sich sogleich im ersten Stockwerk einzufinden. Mit verstärkter Energie erklärte er seinen Gehorsam, sprang auf, fuhr in die Kleider, strich mit den Fingern das Haar aus der Stirn und ging nicht schnell und nicht langsam hinab, in Ungewißheit mehr über das Wie, als über das Was der Stunde.
Er fand die Tür zum Peeperkornschen Salon offen stehen und ebenso diejenige zum Schlafzimmer des Holländers, wo alle Lichter brannten. Die beiden Ärzte, die Oberin von Mylendonk, Madame Chauchat und der javanische Kammerdiener waren dort anwesend. Dieser, nicht wie sonst gekleidet, sondern in einer Art von Nationaltracht, einer breitgestreiften hemdartigen Jacke mit sehr langen und weiten Ärmeln, einem bunten Rock statt der Hosen und einer kegelförmigen Mütze aus gelbem Tuch auf dem Kopf, angetan ferner mit einem Brustschmuck von Amuletten, stand unbeweglich, die Arme gekreuzt, links zu Häupten des Bettes, in dem Pieter Peeperkorn mit ausgestreckten Händen auf dem Rücken lag. Der Eintretende überblickte bleich die Szene. Frau Chauchat wandte ihm den Rücken zu. Sie saß auf einem niederen Fauteuil am Fußende des Bettes, den Ellbogen auf die Steppdecke gestützt, das Kinn in der Hand, die Finger in die Unterlippe vergraben, und blickte in das Gesicht ihres Reisebegleiters.
„N’Abend, mein Junge“, sagte Behrens, der mit Doktor Krokowski und der Oberin in leisem Gespräch gestanden hatte, und nickte wehmütig, das weiße Schnurrbärtchen geschürzt. Er war im klinischen Kittel, aus dessen Brusttasche das Hörrohr ragte, trug gestickte Morgenschuhe und keinen Kragen. „Nichts zu machen“, setzte er flüsternd hinzu. „Ganze Arbeit. Treten Sie nur ran. Werfen Sie ein Kennerauge auf ihn. Sie werden zugeben, daß der ärztlichen Kunst da gründlich vorgebaut worden ist.“
Hans Castorp näherte sich auf Zehenspitzen dem Bett. Die Augen des Malaien überwachten ihn bei dieser Bewegung, folgten ihm ohne Drehung des Kopfes, so daß sie ihr Weißes zeigten. Er stellte mit einem Seitenblick fest, daß Frau Chauchat sich nicht um ihn kümmerte, und stand in typischer Haltung am Lager, auf einem Beine ruhend, die Hände auf dem Unterleibe zusammengelegt, mit schräg geneigtem Kopf, in ehrerbietig sinnender Betrachtung. Peeperkorn lag unter der rotseidenen Decke in seinem Trikothemd, wie Hans Castorp ihn so oft gesehen. Seine Hände waren schwärzlichblau angelaufen, Teile seines Gesichtes ebenfalls. Das schuf beträchtliche Entstellung, obgleich seine königlichen Züge sonst unverändert waren. Die idolhafte Faltenlineatur der hohen, weiß umloderten Stirn, in vier- oder fünffacher Reihe wagerecht gezogen und dann im rechten Winkel beiderseits die Schläfen hinablaufend, ausgeprägt durch die habituelle Anspannung eines ganzen Lebens, trat auch bei gesenkten Augenlidern, im Ruhestande, stark hervor. Die bitter zerrissenen Lippen waren leicht getrennt. Der Blaulauf deutete auf jähe Stockung, auf eine gewaltsam-schlagflüssige Hemmung der Lebensfunktionen.
Hans Castorp verharrte eine Weile in Andacht, die sich über den Sachbestand unterrichtet; er zögerte seine Haltung zu lösen, in Erwartung einer Anrede durch die „Witwe“. Da keine erfolgte, wünschte er vorläufig nicht zu stören und sah sich nach der Gruppe der übrigen Anwesenden in seinem Rücken um. Der Hofrat winkte mit dem Kopfe in der Richtung des Salons. Hans Castorp folgte ihm dorthin.
„Suicidium?“ fragte er gedämpft und fachlich ...
„Na!“ antwortete Behrens mit wegwerfender Gebärde und fügte hinzu: „Über und über. Im Superlativ. Haben Sie sowas in Galanterieware schon mal gesehen?“ fragte er, indem er aus der Kitteltasche ein unregelmäßig geformtes Etui zog und ihm einen kleinen Gegenstand entnahm, den er dem jungen Mann präsentierte ... „Ich nicht. Aber es ist sehenswert. Man lernt nicht aus. Kapriziös und erfinderisch. Ich hab es ihm aus der Hand genommen. Vorsicht. Wenn Ihnen was auf die Haut tropft, kriegen Sie Brandblasen.“
Hans Castorp drehte das rätselhafte Ding zwischen den Fingern. Es war aus Stahl, Elfenbein, Gold und Kautschuk, sehr wunderlich anzusehen. Es zeigte zwei gebogene, stahlblanke Gabelzinken mit äußerst scharfen Spitzen, einen leicht gewundenen elfenbeinernen und mit Gold eingelegten Mittelteil, in dem die Zinken bis zu einem gewissen Grade und auf eine gewisse elastische Weise, nämlich nach innen, beweglich waren, und endete in einer ballonartigen Erweiterung aus halbstarrem schwarzem Gummi. Die Größe betrug nur ein paar Zoll.
„Was ist das?“ fragte Hans Castorp.
„Das“, antwortete Behrens, „ist eine organisierte Injektionsspritze. Oder, anders herum aufgefaßt, eine mechanische Kopie des Beißzeugs der Brillenschlange. Sie verstehen? – Sie scheinen nicht zu verstehen“, sagte er, da Hans Castorp fortfuhr, benommen auf das bizarre Instrument niederzublicken. „Das sind die Zähne. Sie sind nicht ganz massiv, sie sind von einem Haarrohr, einem ganz feinen Kanal durchzogen, dessen Austritt Sie hier vorn etwas oberhalb der Spitzen ganz deutlich sehen können. Natürlich sind die Röhrchen auch hier an der Zahnwurzel offen, und da kommunizieren sie mit dem Ausführungsgang der Gummidrüse, der in dem elfenbeinernen Mittelteil verläuft. Beim Zubiß federn die Zähne etwas einwärts, das ist deutlich, und üben auf das Reservoir einen Druck, der den Inhalt in die Kanäle preßt, so daß in dem Augenblick, wo die Spitzen ins Fleisch fassen, die Dosis auch schon in die Blutbahn schießt. Es ist ganz einfach, wenn man es so vor Augen hat. Man muß nur darauf kommen. Wahrscheinlich ist es nach seinen persönlichen Angaben hergestellt.“
„Sicher!“ sagte Hans Castorp.
„Die Ladung kann nicht sehr groß gewesen sein“, fuhr der Hofrat fort. „Was sie an Quantität vermissen ließ, muß sie ersetzt haben durch –“
„Dynamik“, ergänzte Hans Castorp.
„Na also. Was es ist, das werden wir schon noch eruieren. Man darf dem Ergebnis mit einiger Neugier entgegensehen, es gibt da zweifellos was zu lernen. Wetten wir, daß der wachhabende Exot da hinten, der sich heute nacht so fein gemacht hat, uns ganz genau Bescheid sagen könnte? Ich nehme an, daß eine Kombination von Tierischem und Pflanzlichem vorliegt, – vom Guten das Beste jedenfalls, denn die Wirkung muß fulminant gewesen sein. Alles spricht dafür, daß es ihm sofort den Atem verschlagen hat, Lähmung des Respirationszentrums, wissen Sie, rapider Erstickungstod, wahrscheinlich ohne Zwang und Qualen.“
„Gott gebe es!“ sagte Hans Castorp fromm, händigte dem Hofrat das unheimliche kleine Werkzeug seufzend wieder ein und kehrte ins Schlafzimmer zurück.
Nur der Malaie und Madame Chauchat waren jetzt dort noch anwesend. Diesmal hob Clawdia den Kopf nach dem jungen Mann, als er sich dem Bett wieder näherte.
„Sie hatten ein Anrecht darauf, daß ich Sie rufen ließ“, sagte sie.
„Es war sehr gütig von Ihnen“, sagte er, „und Sie haben recht. Wir waren Duzfreunde. Ich schäme mich in tiefster Seele, daß ich mich dessen schämte vor den Leuten und Umschweife gebrauchte. – Sie waren bei ihm in seinen letzten Augenblicken?“
„Der Diener benachrichtigte mich, als alles vorüber war“, antwortete sie.
„Er war von solchem Format“, fing Hans Castorp wieder an, „daß er das Versagen des Gefühls vor dem Leben als kosmische Katastrophe und als Gottesschande empfand. Denn er betrachtete sich als Gottes Hochzeitsorgan, müssen Sie wissen. Das war eine königliche Narretei ... Wenn man ergriffen ist, hat man den Mut zu Ausdrücken, die kraß und pietätlos klingen, aber feierlicher sind als konzessionierte Andachtsworte.“
„C’est une abdication“, sagte sie. „Er wußte von unserer Torheit?“
„Es war mir nicht möglich, sie ihm abzustreiten, Clawdia. Er hatte sie erraten aus meiner Weigerung, Sie in seiner Gegenwart auf die Stirn zu küssen. Seine Gegenwart ist eher symbolisch, als real, in diesem Augenblick, aber wollen Sie mir erlauben, es jetzt zu tun?“
Sie rückte kurz den Kopf gegen ihn, die Augen geschlossen, wie mit einem kleinen Winken. Er führte die Lippen an ihre Stirn. Die braunen Tieraugen des Malaien überwachten die Szene seitwärts gerollt, so daß sie ihr Weißes zeigten.
Der große Stumpfsinn
Noch einmal hören wir Hofrat Behrens’ Stimme – horchen wir gut hin! Wir vernehmen sie vielleicht zum letztenmal! Einmal endigt selbst diese Geschichte; sie hat die längste Zeit gedauert, oder vielmehr: Ihre inhaltliche Zeit ist derart ins Rollen gekommen, daß kein Halten mehr ist, daß auch ihre musikalische zur Neige geht, und daß vielleicht keine Gelegenheit mehr unterkommen wird, den aufgeräumten Tonfall zu belauschen der Sprache des redensartlichen Rhadamanthys. Er sagte zu Hans Castorp:
„Castorp, alter Schwede, Sie langweilen sich. Sie lassen das Maul hängen, ich sehe es alle Tage, die Verdrossenheit steht Ihnen an der Stirn geschrieben. Sie sind ein blasierter Balg, Castorp, Sie sind verhätschelt mit Sensationen, und wenn Ihnen nicht alle Tage was Erstklassiges geboten wird, so mucken und muffen Sie über die Sauregurkenzeit. Hab ich recht oder unrecht?“
Hans Castorp schwieg, und da er das tat, so mußte wohl wirklich Finsternis walten in seinem Innern.
„Recht hab ich, wie immer“, gab Behrens sich selbst zur Antwort. „Und eh Sie mir hier das Gift der Reichsverdrossenheit verbreiten, Sie mißvergnügter Staatsbürger, sollen Sie doch sehen, daß Sie durchaus nicht von Gott und Welt verlassen sind, sondern daß die Obrigkeit ein Auge auf Sie hat, ein unverwandtes Auge, mein Lieber, und rastlos auf Ihre Divertierung bedacht ist. Der alte Behrens ist auch noch da. Na, nun mal ohne Spaß mein Junge! Es ist mir was eingefallen in Ihrer Sache, ich hab mir, weiß Gott, in schlaflosen Nächten für Sie was ausgedacht. Man könnte von einer Erleuchtung reden – tatsächlich versprech ich mir viel von meiner Idee, das heißt nicht mehr und nicht weniger, als Ihre Entgiftung und triumphale Heimkehr in ungeahnter Bälde.“
„Da machen Sie Augen“, fuhr er nach einer Kunstpause fort, obgleich Hans Castorp keinerlei Augen machte, sondern ihn ziemlich schläfrig und zerstreut betrachtete, „und haben keine Ahnung, wie der alte Behrens es meinen könnte. Ich meine es aber so. Mit Ihnen stimmt etwas nicht, Castorp, das wird Ihrer werten Apperzeption ja nicht entgangen sein. Es stimmt insofern nicht, als Ihre Vergiftungserscheinungen sich schon seit längerem auf den zweifellos sehr gebesserten lokalen Zustand nicht mehr recht reimen lassen – ich meditiere nicht erst seit gestern darüber. Wir haben hier Ihr neuestes Photo ... halten wir den Zauber mal gegen das Licht. Sie sehen, da findet der ärgste Nörgler und Schwarzseher, wie unser kaiserlicher Herr immer sagt, nicht allzuviel mehr zu erinnern. Ein paar Herde sind ganz resorbiert, das Nest ist kleiner geworden und schärfer umgrenzt, was, wie Sie gelehrterweise wissen, auf Heilung deutet. Aus diesem Befund ist die Unsolidität Ihres Wärmehaushalts nicht recht zu erklären, Mann; der Arzt sieht sich in die Notwendigkeit versetzt, nach neuen Ursachen zu fahnden.“
Hans Castorps Kopfbewegung drückte leidlich höfliche Neugier aus.
„Nun werden Sie denken, Castorp, der olle Behrens muß zugeben, daß er die Behandlung verfehlt hat. Da hätten Sie aber einen Bock geschossen und wären der Sachlage nicht gerecht geworden und dem ollen Behrens auch nicht. Ihre Behandlung war nicht verfehlt, sie war nur möglicherweise zu einseitig orientiert. Die Möglichkeit ist mir aufgegangen, daß Ihre Symptome von jeher nicht ausschließlich auf tuberculosis zurückzuführen gewesen sind, und ich leite diese Möglichkeit aus der Wahrscheinlichkeit ab, daß sie heute überhaupt nicht mehr darauf zurückzuführen sind. Es muß eine andere Störungsquelle vorhanden sein. Nach meiner Meinung haben Sie Kokken.“
„Nach meiner tiefinnersten Überzeugung“, wiederholte verstärkend der Hofrat, nachdem er die Kopfbewegung entgegengenommen, die hiernach auf seiten Hans Castorps fällig gewesen, „haben Sie Streptos – worüber Sie sich übrigens nicht gleich zu entsetzen brauchen.“
(Es konnte von Entsetzen gar nicht die Rede sein. Hans Castorps Miene drückte vielmehr eine Art von ironischer Anerkennung, sei es des ihm begegnenden Scharfsinns, sei es des neuen Würdenstandes aus, in den der Hofrat ihn hypothetisch versetzte.)
„Kein Grund zur Panik!“ variierte dieser sein Zureden. „Kokken hat jeder. Streptos hat jeder Esel. Sie brauchen sich gar nichts einzubilden. Wir wissen erst seit neulich, daß einer Streptokokken im Blut haben kann, ohne irgendwie ansehnliche Infektionserscheinungen zu produzieren. Wir stehen vor dem vielen Kollegen noch gar nicht bekannten Ergebnis, daß auch Tuberkeln im Blute vorkommen können, ganz ohne Konsequenzen. Wir sind keine drei Schritte mehr von der Auffassung entfernt, daß die Tuberkulose eigentlich eine Blutkrankheit ist.“
Hans Castorp fand das recht bemerkenswert.
„Wenn ich also sage: Streptos,“ fing Behrens wieder an, „so dürfen Sie natürlich nicht an das bekannte schwere Krankheitsbild denken. Ob diese Kleinen von den Meinen sich überhaupt bei Ihnen angesiedelt haben, muß die baktereologische Blutuntersuchung zeigen. Aber ob Ihre Febrilität von ihnen herrührt, gesetzt, daß sie vorhanden sind, das lehrt dann erst die Wirkung der Streptovakzinkur, die wir diesfalls einzuleiten haben. Das ist der Weg, lieber Freund, und ich verspreche mir, wie gesagt, das Unvorhergesehenste davon. So langwierig Tuberkulose ist, so rasch können Erkrankungen dieser Art heute geheilt werden, und wenn Sie überhaupt auf die Einspritzungen reagieren, so sind Sie in sechs Wochen springgesund. Was sagen Sie nun? Ist der olle Behrens auf seinem Posten, he?“
„Es ist ja vorläufig nur eine Hypothese“, sagte Hans Castorp schlaff.
„Eine beweisbare Hypothese! Eine höchst fruchtbare Hypothese!“ versetzte der Hofrat. „Sie werden sehen, wie fruchtbar sie ist, wenn auf unseren Kulturen die Kokken wachsen. Morgen nachmittag zapfen wir Sie an, Castorp; nach allen Regeln der Dorfbaderkunst lassen wir Sie zur Ader. Das ist ein Spaß für sich und kann allein schon für Körper und Seele die segensreichsten Effekte zeitigen ...“
Hans Castorp erklärte sich zu der Diversion bereit und bedankte sich recht schön für das ihm gewidmete Augenmerk. Den Kopf gegen die Schulter geneigt, blickte er dem davonrudernden Hofrat nach. Die Ansprache des Chefs traf genau in einen kritischen Moment; Radamanth hatte Mienen und Stimmung des Berggastes ziemlich richtig gedeutet, und sein neues Unternehmen war bestimmt – ausdrücklich dazu bestimmt, die Absicht war gar nicht geleugnet worden –, den toten Punkt zu überwinden, auf den dieser Gast sich seit kurzem gelangt fand, wie eben aus seiner Mimik zu schließen war, die deutlich an diejenige des seligen Joachim erinnerte, zur Zeit, als gewisse wilde und trotzige Entschlüsse sich in ihm vorbereitet hatten.
Es ist mehr zu sagen. Nicht nur er selbst, Hans Castorp, schien sich auf solchem toten Punkte angekommen, sondern ihm war, als ob es mit der Welt, mit allem, mit „dem Ganzen“ eben diese Bewandtnis habe, oder vielmehr: er fand, daß es schwer sei, hier das Besondere vom Allgemeinen zu unterscheiden. Seit dem exzentrischen Ende seiner Verbindung mit einer Persönlichkeit; seit der vielfältigen Bewegung, die dieses Ende über das Haus gebracht, und seit Clawdia Chauchats neuerlichem Ausscheiden aus der Gemeinschaft derer hier oben, dem Lebewohl, das, beschattet von der Tragik großen Versagens, im Geiste ehrerbietiger Rücksicht, zwischen ihr und dem überlebenden Duzbruder ihres Herrn getauscht worden, – seit dieser Wende schien es dem jungen Mann, als sei es mit Welt und Leben nicht ganz geheuer; als stehe es auf eine besondere Weise und zunehmend schief und beängstigend darum; als habe ein Dämon die Macht ergriffen, der, schlimm und närrisch, zwar lange schon beträchtlichen Einfluß geübt, jetzt aber seine Herrschaft so zügellos offen erklärt habe, daß es wohl geheimnisvollen Schrecken einflößen und Fluchtgedanken nahelegen konnte, – der Dämon, des Name Stumpfsinn war.
Man wird urteilen, der Erzähler trage dick und romantisch auf, indem er den Namen des Stumpfsinns mit dem des Dämonischen in Verbindung bringe und ihm die Wirkung mystischen Grauens zuschreibe. Und dennoch fabeln wir nicht, sondern halten uns genau an unseres schlichten Helden persönliches Erlebnis, dessen Kenntnis uns auf eine Weise, die sich freilich der Untersuchung entzieht, gegeben ist, und das schlechthin den Beweis liefert, daß Stumpfsinn unter Umständen solchen Charakter gewinnen und solche Gefühle einflößen kann. Hans Castorp blickte um sich ... Er sah durchaus Unheimliches, Bösartiges, und er wußte, was er sah: Das Leben ohne Zeit, das sorg- und hoffnungslose Leben, das Leben als stagnierend betriebsame Liederlichkeit, das tote Leben.
Geschäftigkeit herrschte darin, Betätigungen von allerlei Art liefen nebeneinander her; doch dann und wann artete eine davon zur wilden Modewut aus, der alles fanatisch unterlag. So hatte die Liebhaberphotographie von jeher in der Berghofwelt eine bedeutende Rolle gespielt; schon zweimal aber – denn wer lange genug hier oben verweilte, konnte die periodische Wiederkehr solcher Epidemien erleben – war die Leidenschaft dafür auf Wochen und Monate zur allgemeinen Narretei geworden, so daß niemand war, der nicht, mit besorgter Miene den Kopf über eine in die Magengrube gestützte Kamera gebeugt, die Blende hätte blinzeln lassen, und das Herumreichen von Abzügen bei Tische kein Ende nahm. Plötzlich war es Ehrensache, selbst zu entwickeln. Die zur Verfügung stehende Dunkelkammer genügte der Nachfrage bei weitem nicht. Man versah Fenster und Balkontüren der Zimmer mit schwarzen Vorhängen; und bei Rotlicht hantierte man so lange mit chemischen Bädern, bis Feuer auskam und der bulgarische Student vom Guten Russentisch um ein Haar zu Asche verbrannt wäre, worauf denn ein Verbot der Anstaltsobrigkeit erging. Bald fand man das einfache Lichtbild abgeschmackt; Blitzlichtaufnahmen und farbige Photographien nach Lumière kamen in Schwung. Man weidete sich an Bildern, auf denen Personen, vom Magnesiumblitz jäh betroffen, mit stieren Augen aus fahl verkrampften Gesichtern blickten, wie Leichen Ermordeter, die man mit offenen Augen aufrecht hingesetzt. Und Hans Castorp bewahrte eine in Pappe gerahmte Glasplatte, die ihn, wenn man sie gegen das Licht hielt, zwischen Frau Stöhr und der elfenbeinfarbenen Levi, von denen die erste einen himmelblauen, die andere einen blutroten Sweater trug, mit kupferigem Angesicht und unter blechgelben Butterblumen, deren eine ihm im Knopfloch strahlte, auf einer giftgrünen Waldwiese zeigte.
Es war da ferner das Briefmarkensammeln, das, alle Zeit von einzelnen betrieben, zeitweise zu allgemeiner Besessenheit um sich griff. Jedermann klebte, schacherte, tauschte. Philatelistische Zeitschriften wurden gehalten, Korrespondenzen mit Spezialgeschäften des In- und Auslandes, mit Fachvereinen und Privatliebhabern unterhalten und erstaunliche Summen zur Gewinnung seltener Wertzeichen selbst von solchen aufgebracht, deren häusliche Verhältnisse den monate- oder jahrelangen Aufenthalt in der Luxusheilstätte nur knapp gestatteten.
Das dauerte so lange, bis eine andere Geckerei zur Herrschaft gelangte und etwa das Anhäufen und unaufhörliche Verzehren von Schokolade der erdenklichsten Sorten zum guten Ton wurde. Alle Welt hatte braune Münder, und die leckersten Darbietungen der Berghofküche fanden faule und krittelnde Genießer, da die Magen mit Milka-Nut, Chocolat à la crème d’amandes, Marquis-Napolitains und goldgesprenkelten Katzenzungen gestopft und davon verstimmt waren.
Das Schweinchenzeichnen mit geschlossenen Augen, inauguriert von höchster Stelle an einem verflossenen Faschingsabend und seitdem viel gepflegt, hatte fortzeugend zu geometrischen Geduldsübungen geführt, denen zeitweise die Geisteskraft aller Berghofgäste und selbst noch die letzten Gedanken und Energiebezeugungen Moribunder gehörten. Wochenlang stand das Haus im Zeichen einer verwickelten Figur, die sich aus nicht weniger als acht großen und kleinen Kreisen und mehreren ineinanderliegenden Dreiecken zusammensetzte. Die Aufgabe war, diese flächige Vielgestalt freihändig in einem Zug zu beschreiben; das höchste Ziel aber, dies endlich auch noch bei sicher verbundenen Augen zu vollbringen, – was schließlich, über geringe Schönheitsfehler billig hinweggesehen, denn doch nur dem Staatsanwalt Paravant gelang, der Hauptträger dieser Scharfsinnsverbohrung war.
Wir wissen, daß er der Mathematik oblag, wissen es vom Hofrat selbst und kennen auch die züchtige Triebfeder dieser Hingabe, deren kühlende, den Fleischesstachel stumpfende Wirkung wir haben preisen hören, und deren allgemeinere Nachfolge gewisse Maßregeln, die man neuerdings zu treffen sich gezwungen gesehen hatte, wahrscheinlich unnötig gemacht haben würde. Sie bestanden hauptsächlich in der Abriegelung aller Balkondurchgänge, an den nicht ganz bis zur Brüstung reichenden Milchglasscheidewänden vorbei, durch kleine Türen, die zur Nacht durch den Bademeister unter populärem Schmunzeln verschlossen wurden. Sehr gesucht waren seitdem die Zimmer im ersten Stock über der Veranda, wo man nach Übersteigung der Balustrade über das vorspringende Glasdach hin, unter Vermeidung der Türchen, von Abteil zu Abteil gelangen konnte. Des Staatsanwalts wegen aber hätte die disziplinäre Neuerung überhaupt nicht eingeführt zu werden brauchen. Die schwere Anfechtung, die von der Erscheinung jener ägyptischen Fatme auf Paravant ausgegangen, war längst überwunden, und sie war die letzte gewesen, die seinem natürlichen Teil zu schaffen gemacht. Mit verdoppelter Inbrunst hatte er sich seitdem der klaräugigen Göttin in die Arme geworfen, von deren kalmierender Macht der Hofrat so Sittliches zu sagen wußte, und das Problem, dem bei Tag und Nacht all sein Sinnen gehörte, an das er all jene Persistenz, die ganze sportliche Zähigkeit wandte, mit der er ehemals, vor seiner oft verlängerten Beurlaubung, welche in völlige Quieszierung überzugehen drohte, die Überführung armer Sünder betrieben hatte, – war kein anderes als die Quadratur des Kreises.
Der entgleiste Beamte hatte sich im Lauf seiner Studien mit der Überzeugung durchdrungen, daß die Beweise, mit denen die Wissenschaft die Unmöglichkeit der Konstruktion erhärtet haben wollte, unstichhaltig seien, und daß die planende Vorsehung ihn, Paravant, darum aus der unteren Welt der Lebendigen entfernt und hierher versetzt habe, weil sie ihn dazu ausersehen, das transzendente Ziel in den Bereich irdisch genauer Erfüllung zu reißen. So stand es mit ihm. Er zirkelte und rechnete, wo er ging und stand, bedeckte Unmassen von Papier mit Figuren, Buchstaben, Zahlen, algebraischen Symbolen, und sein gebräuntes Gesicht, das Gesicht eines scheinbar urgesunden Mannes, trug den visionären und verbissenen Ausdruck der Manie. Sein Gespräch betraf ausschließlich und mit furchtbarer Eintönigkeit die Verhältniszahl pi, diesen verzweifelten Bruch, den das niedrige Genie eines Kopfrechners namens Zacharias Dase eines Tages bis auf zweihundert Dezimalstellen berechnet hatte –, und zwar rein luxuriöserweise, da auch mit zweitausend Stellen die Annäherungsmöglichkeiten an das Unerreichbar-Genaue so wenig erschöpft gewesen wären, daß man sie für unvermindert hätte erklären können. Alles floh den gequälten Denker, denn wen immer ihm an der Brust zu ergreifen gelang, der mußte glühende Redeströme über sich ergehen lassen, bestimmt, seine humane Empfindlichkeit zu wecken für die Schande der Verunreinigung des Menschengeistes durch die heillose Irrationalität dieses mystischen Verhältnisses. Die Fruchtlosigkeit ewiger Multiplikation des Durchmessers mit pi, um den Umfang –, des Quadrats über dem Halbmesser, um den Inhalt des Kreises zu finden, schuf dem Staatsanwalt Anfälle von Zweifeln, ob nicht die Menschheit sich die Lösung des Problems seit Archimedes’ Tagen viel zu schwer gemacht habe und ob diese Lösung nicht in Wahrheit die kindlich einfachste sei. Wie, man sollte die Kreislinie nicht rektifizieren und also auch nicht jede Gerade zum Kreise biegen können? Zuweilen glaubte Paravant sich einer Offenbarung nahe. Man sah ihn öfters noch spät am Abend im verödeten und schlecht erleuchteten Speisesaal an seinem Tische sitzen, auf dessen entblößter Platte er ein Stück Bindfaden sorgfältig in Kreisform legte, um es plötzlich, mit überrumpelnder Gebärde, zur Geraden zu strecken, danach aber, schwer aufgestützt, in bitteres Grübeln zu verfallen. Der Hofrat ging ihm gelegentlich zur Hand bei solchem schwermütigen Getändel, bestärkte ihn überhaupt in seiner Grille. Und auch an Hans Castorp wandte sich der Leidende wohl einmal mit seinem geliebten Gram, einmal und wiederholt, da er auf viel freundliches Verständnis, auf ein teilnehmendes Gefühl für das Geheimnis des Kreises stieß. Er veranschaulichte dem jungen Mann die Verzweiflung pi, indem er ihm eine haarscharfe Zeichnung vorwies, worin mit äußerster Mühe eine Kreislinie zwischen zwei Polygonen mit winzig-zahllosen Seiten, einem eingeschriebenen und einem umschriebenen, bis zur letzt-menschenmöglichen Annäherung eingefangen war. Der Rest aber, die Krümmung, die sich auf eine ätherisch-geistige Art der Rationalisierung durch die berechenbare Umklammerung entzog, – das, sagte der Staatsanwalt mit bebendem Unterkiefer, sei pi! Hans Castorp, bei aller Empfänglichkeit, zeigte sich weniger reizbar gegen pi, als sein Unterredner. Er nannte es eine Eulenspiegelei, riet Herrn Paravant, sich bei seinem Haschespiel doch nicht zu ernstlich zu erhitzen und sprach von den ausdehnungslosen Wendepunkten, aus denen der Kreis von seinem nicht vorhandenen Anfang bis zu seinem nicht vorhandenen Ende bestehe, sowie von der übermütigen Melancholie, die in der ohne Richtungsdauer in sich selber laufenden Ewigkeit liege, mit so gelassener Religiosität, daß vorübergehend eine begütigende Wirkung davon auf den Staatsanwalt ausging.
Übrigens bestimmte seine Natur den guten Hans Castorp zum Vertrauten mehr als eines Hausgenossen, von dem irgendeine fixe Idee Besitz ergriffen, und der darunter litt, daß er bei der leichtlebigen Mehrzahl kein Gehör dafür fand. Ein ehemaliger Bildhauer aus der österreichischen Provinz, ein schon älterer Mann mit weißem Schnurrbart, einer Hakennase und blauen Augen, hatte einen Plan finanzpolitischer Art gefaßt – und ihn, unter Markierung entscheidender Stellen durch Pinselstriche von Sepiawasserfarbe, in Schönschrift aufgesetzt –, der darauf ausging, daß jeder Zeitungsbezieher gehalten sein solle, eine tägliche Teilmenge von 40 Gramm Altzeitungspapier, gesammelt am ersten jeden Monats, abzuliefern, was denn im Jahre rund 14000 Gramm, in zwanzig Jahren aber nicht weniger als 288 Kilo ausmachen und, das Kilo zu 20 Pfennigen berechnet, einen Wert von 57,60 deutschen Mark darstellen werde. Fünf Millionen Abonnenten, so fuhr das Memorandum fort, würden also in zwanzig Jahren an Altzeitungswerten die ungeheuere Summe von 288 Millionen Mark abliefern, wovon ihnen zwei Drittel auf das Neuabonnement möchten angerechnet werden, das sich so verbilligen werde, der Rest aber, ein Drittel, gegen 100 Millionen Mark, für humanitäre Zwecke, zur Finanzierung volkstümlicher Lungenheilstätten, zur Unterstützung bedrängter Talente und so weiter, frei werden würde. Der Plan war ausgearbeitet bis auf die zeichnerische Darstellung des Zentimeterpreisstockes, von dem das Altpapierabholorgan allmonatlich den Wert der gesammelten Papiermenge ablesen sollte, und der gelochten Formulare, mit denen Vergütungsgelder quittiert werden sollten. Er war gerechtfertigt und begründet nach allen Seiten. Die unbesonnene Vergeudung und Vernichtung von Zeitungspapier, das von Unaufgeklärten dem Spülwasser, dem Feuer ausgesetzt werde, bedeute Hochverrat an unserem Walde, an unserer Volkswirtschaft. Papier schonen, Papier sparen heiße Zellstoff, den Waldbestand, Menschenmaterial schonen und sparen, das bei der Fabrikation von Zellstoff und Papier verbraucht werde, nicht minder Menschenmaterial und Kapital. Da ferner Altzeitungspapier auf dem Wege über die Packpapier- und Kartonageerzeugung leicht in vierfache Werte gesteigert werden könne, so werde es Wirtschaftsfaktor von Belang und Unterlage ergiebiger staatlicher und gemeindlicher Besteuerungen werden, die Zeitungsleser als Steuersubjekte entlasten. Kurzum, der Plan war gut, war eigentlich unwidersprechlich, und wenn ihm Unheimlich-Müßiges, ja Finster-Närrisches anhaftete, so eben nur des schiefen Fanatismus wegen, womit der vormalige Künstler eine ökonomische Idee, und gerade nur diese verfolgte und verfocht, mit der es ihm offenbar im Innersten so wenig ernst war, daß er nicht den geringsten Versuch unternahm, sie ins Werk zu setzen ... Hans Castorp hörte dem Mann mit schrägem Kopfe nickend zu, wenn er mit fiebrig beschwingten Worten seinen Heilsgedanken vor ihm propagierte, und untersuchte dabei das Wesen der Verachtung und des Widerwillens, die seine Parteinahme für den Erfinder gegen die gedankenlose Welt beeinträchtigten.
Einige Berghofinsassen trieben Esperanto und wußten sich etwas damit, in dem künstlichen Kauderwelsch bei Tische zu konversieren. Hans Castorp blickte sie finster an, indem er übrigens bei sich selber dafür hielt, daß sie die Schlimmsten nicht seien. Es gab hier seit kurzem eine Gruppe von Engländern, die ein Gesellschaftsspiel eingeführt hatten, welches in nichts anderem bestand, als daß ein Teilnehmer an seinen Nachbarn im Kreise die Frage richtete: „Did you ever see the devil with a night-cap on?“, der Gefragte aber zur Antwort gab: „No! I never saw the devil with a night-cap on“, worauf er die Frage andererseits weitergab – und so immer reihum. Das war entsetzlich. Aber dem armen Hans Castorp war doch noch schlimmer zumute beim Anblick der Patienceleger, die überall im Hause und zu jeder Tageszeit zu beobachten waren. Denn die Leidenschaft für diese Zerstreuung war neuestens derart eingerissen, daß sie buchstäblich das Haus zur Lasterhöhle machte, und Hans Castorp hatte um so mehr Ursache, sich grauenhaft davon berührt zu fühlen, als er selber zeitweise ein Opfer – und zwar vielleicht das hingenommenste – der Seuche war. Die Elferpatience hatte es ihm angetan: jene Form, bei der man die Whistkarte zu je drei Blatt in drei Reihen auslegt und zwei Karten, die zusammen elf ausmachen, sowie die drei Bildkarten, wenn sie offen daliegen, neu bedeckt, bis bei holdem Glücke das Spiel aufgeht. Man sollte nicht für möglich halten, daß Seelenreize, die zur Behexung zu führen vermögen, von einem so einfachen Verfahren ausgehen könnten. Dennoch erprobte Hans Castorp, gleich so vielen anderen, diese Möglichkeit – erprobte sie, da die Ausschweifung niemals heiter ist, mit finsteren Brauen. Verfallen den Launen des Kartenkobolds, berückt von dieser phantastisch wechselnden Gunst, die zuweilen, in leichter Glücksschwebe, von allem Anbeginn die Elferpaare, das Bub-Dame-Königsbild sich häufen ließ, so daß das Spiel schon vergeben war, bevor noch die dritte Staffel sich vollendet hatte (ein flüchtiger Triumph, der die Nerven sogleich zu neuen Versuchen stachelte); dann wieder bis zum neunten und letzten Blatt jede einzige Möglichkeit der Neubedeckung verweigerte, oder den scheinbar schon sicheren Erfolg durch jähe Stockung im letzten Augenblick verflattern ließ, – legte er Patience überall und zu allen Tageszeiten, des Nachts unter den Sternen, des Morgens im bloßen Pyjama, bei Tische und selbst im Traum. Ihm graute, aber er tat es. Und so betraf ihn bei einem Besuche Herr Settembrini, ihn „störend“, wie es von jeher seine Sendung gewesen.
„Accidenti!“ sprach er. „Sie legen sich die Karten, Ingenieur?“
„So ist es nicht gerade gemeint“, erwiderte Hans Castorp. „Ich lege einfach, ich balge mich mit dem abstrakten Zufall. Mich intrigieren seine wetterwendischen Faxen, seine Liebedienerei und dann wieder seine unglaubliche Widerspenstigkeit. Heute morgen gleich nach dem Aufstehen ist die Patience dreimal hintereinander glatt ausgekommen, davon einmal in zwei Reihen, was ein Rekord ist. Wollen Sie glauben, daß ich jetzt zum zweiunddreißigstenmal auslege, ohne ein einziges Mal auch nur bis zur Hälfte des Spieles gekommen zu sein?“
Herr Settembrini blickte ihn, wie sooft schon im Laufe der Jährchen, mit traurigen schwarzen Augen an.
„Jedenfalls finde ich Sie präokkupiert“, sagte er. „Es sieht nicht aus, als ob ich hier für meine Sorgen Trost, und Balsam für den inneren Zwiespalt finden sollte, der mich quält.“
„Zwiespalt?“ wiederholte Hans Castorp und legte ...
„Die Weltlage verwirrt mich“, seufzte der Freimaurer. „Der Balkanbund wird zustandekommen, Ingenieur, alle meine Informationen sprechen dafür. Rußland arbeitet fieberhaft daran, und die Spitze der Kombination ist gegen die österreichisch-ungarische Monarchie gerichtet, ohne deren Zertrümmerung kein Punkt des russischen Programms zu verwirklichen ist. Begreifen Sie meine Skrupel? Ich hasse Wien mit ganzer Kraft, Sie wissen es. Aber soll ich darum die Unterstützung meiner Seele der sarmatischen Despotie zuteil werden lassen, die im Begriffe ist, die Brandfackel an unseren hochadeligen Erdteil zu legen? Andererseits würde ein auch nur gelegentliches diplomatisches Zusammenwirken meines Landes mit Österreich mich wie Entehrung treffen. Das sind Gewissensfragen, welche –“
„Sieben und vier“, sagte Hans Castorp. „Acht und drei. Bub, Dame, König. Es geht ja. Sie bringen mir Glück, Herr Settembrini.“
Der Italiener verstummte. Hans Castorp fühlte seine schwarzen Augen, den Blick von Vernunft und Sittlichkeit, in tiefer Trauer auf sich ruhen, legte indessen noch eine Weile weiter, bevor er, die Wange in die Hand gestützt, mit der falschen und verstockten Unschuldsmiene eines bösen Kindes zu dem vor ihm stehenden Mentor aufblickte.
„Ihre Augen“, sprach dieser, „suchen ganz vergebens zu verhehlen, daß Sie wissen, wie es um Sie steht.“
„Placet experiri“, hatte Hans Castorp die Frechheit zu antworten, und Herr Settembrini verließ ihn, – worauf denn freilich der allein Gebliebene noch längere Zeit, ohne weiterzulegen, den Kopf in die Hand gestützt, an seinem Tische inmitten des weißen Zimmers sitzenblieb, grübelnd und im Innersten grauenhaft berührt von dem nicht geheueren und schiefen Zustand, worin er die Welt befangen sah, von dem Grinsen des Dämons und Affengottes, unter dessen rat- und zügellose Herrschaft er sie geraten fand, und des Name „Der große Stumpfsinn“ war.
Ein schlimmer, apokalyptischer Name, ganz danach angetan, geheime Beängstigung einzuflößen. Hans Castorp saß und rieb sich Stirn und Herzgegend mit den flachen Händen. Er fürchtete sich. Ihm war, als könne „das alles“ kein gutes Ende nehmen, als werde eine Katastrophe das Ende sein, eine Empörung der geduldigen Natur, ein Donnerwetter und aufräumender Sturmwind, der den Bann der Welt brechen, das Leben über den „toten Punkt“ hinwegreißen und der „Sauregurkenzeit“ einen schrecklichen Jüngsten Tag bereiten werde. Er hatte Lust zu fliehen, wir sagten es schon, – und ein Glück denn nur, daß die Obrigkeit das vorerwähnte „unverwandte Auge“ auf ihn hatte, daß sie in seinen Mienen zu lesen verstand und auf seine Divertierung mit neuen, fruchtbaren Hypothesen bedacht war!
Korpsstudentischen Tonfalles hatte sie erklärt, den eigentlichen Ursachen der Unsolidität von Hans Castorps Wärmehaushalt auf der Spur zu sein, Ursachen, denen nach ihrer wissenschaftlichen Aussage so unschwer beizukommen sein würde, daß Heilung, legitime Entlassung ins Flachland plötzlich in nahe Aussicht gerückt schienen. Des jungen Mannes Herz schlug hoch, von mannigfachen Empfindungen bestürmt, als er zum Aderlasse den Arm hinstreckte. Blinzelnd und leicht erblassend bewunderte er das herrliche Rubinrot seines Lebenssaftes, der steigend den klaren Behälter füllte. Der Hofrat selbst, assistiert von Doktor Krokowski und einer Barmherzigen Schwester, vollzog die kleine, aber weittragende Operation. Danach verging eine Reihe von Tagen, beherrscht für Hans Castorp von der Frage, wie das Hingegebene, außerhalb seiner, unter den Augen der Wissenschaft sich bewähren werde.
Es habe natürlich noch nichts gedeihen können, sagte der Hofrat am Anfang. Es habe leider noch nichts gedeihen wollen, sagte er später. Aber der Morgen kam, wo er, während des Frühstücks, zu Hans Castorp trat, der zu dieser Zeit am Guten Russentisch seinen Platz hatte, am oberen Ende, dort, wo dereinst sein großer Duzbruder gesessen, und ihm unter redensartlichen Glückwünschen eröffnete, der Kettenkokkus sei nun doch in einer der angelegten Kulturen zweifelsfrei festgestellt. Ein Problem der Wahrscheinlichkeitsrechnung sei es denn nun, ob die Vergiftungserscheinungen auf die jedenfalls bestehende kleine Tuberkulose oder auf die Streptos, die ja auch nur in bescheidenem Maße vorhanden, zurückzuführen seien. Er, Behrens, müsse sich die Sache näher und länger besehen. Noch sei die Kultur nicht ausgewachsen. – Er zeigte sie ihm im „Labor“: ein rotes Blutgelee, worin man graue Pünktchen gewahrte. Das waren die Kokken. (Kokken jedoch hatte jeder Esel, wie auch Tuberkeln, und hätte man nicht die Symptome gehabt, so wäre auf diesen Befund nicht weiter Gewicht zu legen gewesen.)
Außerhalb seiner, unter den Augen der Wissenschaft, fuhr Hans Castorps geronnenes Herzblut fort, sich zu bewähren. Es kam der Morgen, da der Hofrat mit redensartlich bewegten Worten berichtete: Nicht nur auf der einen Kultur, sondern auch auf allen übrigen seien nachträglich noch Kokken gewachsen, und zwar in großen Mengen. Ungewiß, ob es alles Streptos seien; mehr als wahrscheinlich nun aber, daß die Vergiftungserscheinungen daher rührten, – wenn man auch freilich nicht wissen könne, wieviel davon auf Rechnung der zweifellos vorhanden gewesenen und nicht ganz überwundenen Tuberkulose zu setzen sei. Die zu ziehende Schlußfolgerung? Eine Streptovakzinkur! Die Prognose? Außerordentlich günstig – zumal der Versuch jedes Risikos entbehre, auf keinen Fall schaden könne. Denn da das Serum ja aus Hans Castorps eigenem Blute hergestellt werde, so werde mit der Injektion kein Krankheitsstoff in den Körper eingeführt, der nicht schon darin sei. Schlimmstenfalls würde sie nutzlos sein, Null im Effekt – aber ob man denn das, da Patient ja ohnedies bleiben müsse, als einen schlimmen Fall bezeichnen könne!
Nicht doch, so weit wollte Hans Castorp nicht gehen. Er unterwarf sich der Kur, obgleich er sie ridikül und ehrlos fand. Diese Impfungen mit sich selbst wollten ihm als eine abscheulich freudlose Diversion erscheinen, als ein inzestuöser Greuel von Ich zu Ich, frucht- und hoffnungslos in seinem Wesen. So urteilte seine hypochondrische Unbelehrtheit, die nur im Punkte der Unfruchtbarkeit – und in diesem freilich vollkommen – recht behielt. Die Diversion erstreckte sich über Wochen. Sie schien zuweilen zu schaden – was selbstverständlich auf Irrtum beruhen mußte –, zuweilen auch zu nützen, was sich dann aber gleichfalls als Irrtum herausstellte. Das Ergebnis war Null, ohne bei Namen genannt und ausdrücklich verkündigt zu werden. Die Unternehmung verlief im Sande, und Hans Castorp fuhr fort, Patience zu legen – Aug’ in Auge mit dem Dämon, dessen zügelloser Herrschaft für sein Gefühl ein Ende mit Schrecken bevorstand.
Fülle des Wohllauts
Welche Errungenschaft und Neueinführung des Hauses Berghof war es, die unsern langjährigen Freund vom Kartentic erlöste und ihn einer anderen, edleren, wenn auch im Grunde nicht weniger seltsamen Leidenschaft in die Arme führte? Wir sind im Begriffe, es zu erzählen, erfüllt von den geheimen Reizen des Gegenstandes und aufrichtig begierig, sie mitzuteilen.
Es handelte sich um eine Vermehrung der Unterhaltungsgeräte des Hauptgesellschaftsraumes, aus nie rastender Fürsorge ersonnen und beschlossen im Verwaltungsgremium des Hauses, beschafft mit einem Kostenaufwand, den wir nicht berechnen wollen, den wir aber großzügig müssen nennen dürfen, von der Oberleitung dieses unbedingt zu empfehlenden Instituts. Ein sinnreiches Spielzeug also von der Art des stereoskopischen Guckkastens, des fernrohrförmigen Kaleidoskops und der kinematographischen Trommel? Allerdings – und auch wieder durchaus nicht. Denn erstens war das keine optische Veranstaltung, die man eines Abends – und man schlug die Hände teils über dem Kopf, teils in gebückter Haltung vorm Schoße zusammen – im Klaviersalon aufgebaut fand, sondern eine akustische; und ferner waren jene leichten Attraktionen nach Klasse, Rang und Wert überhaupt nicht mit ihr zu vergleichen. Das war kein kindliches und einförmiges Gaukelwerk, dessen man überdrüssig war, und das man nicht mehr anrührte, sobald man auch nur drei Wochen auf dem Buckel hatte. Es war ein strömendes Füllhorn heiteren und seelenschweren künstlerischen Genusses. Es war ein Musikapparat. Es war ein Grammophon.
Unsere ernste Sorge ist, dies Wort möchte in einem unwürdigen und überholten Sinne mißverstanden und Vorstellungen möchten daran geknüpft werden, die einer verjährten Vorform dessen, was uns als Wahrheit vorschwebt, nicht aber dieser in unermüdlich fortbildenden Versuchen einer musisch gerichteten Technik zur vornehmsten Vollendung entwickelten Wahrheit gerecht werden. Ihr Guten! Das war das armselige Kurbelkästchen nicht, das ehemals wohl, Drehscheibe und Griffel obenauf, Anhängsel eines unförmigen Trompetenschalltrichters aus Messing, von einem Wirtshaustische herunter anspruchslose Ohren mit näselndem Gebrüll erfüllte. Der mattschwarz gebeizte Schrein, der hier, ein wenig tiefer als breit, angeschlossen mit seidenem Kabel an einen elektrischen Steckkontakt der Wand, in schlichter Distinktion auf einem Fachtischchen stand, zeigte mit jener rohen und vorsintflutlichen Maschinerie überhaupt keine Ähnlichkeit mehr. Man öffnete den anmutig sich verjüngenden Deckel, dessen innere, vom Grunde gehobene Messingstütze ihn in schräg schirmender Lage automatisch feststellte, und man gewahrte in flacher Vertiefung die mit grünem Tuch ausgeschlagene Drehscheibe mit Nickelrand und dem gleichfalls vernickelten Mittelzapfen, über den das Loch der Hartgummiplatte zu fügen war. Man bemerkte ferner, rechts seitwärts im Vordergrunde, eine uhrähnlich bezifferte Vorrichtung zur Regelung des Tempos, zur Linken den Hebel, mit dem das Drehwerk in Lauf zu setzen oder zu stoppen war; links hinten aber den gewunden keulenförmigen, in weichen Gelenken beweglichen Hohlarm aus Nickel, mit der flachrunden Schalldose an seinem Ende, deren Schraubwerk die ziehende Nadel zu tragen bestimmt war. Man öffnete auch die Flügel der vorderen Doppeltür und erblickte dahinter ein jalousieartiges Gefüge schräg stehender Leisten aus schwarz gebeiztem Holze – nichts weiter.
„Es ist das neueste Modell“, sagte der Hofrat, der mit eingetreten war. „Letzte Errungenschaft, Kinder, Ia, ff, was Besseres gibt es nicht in dem Janger.“ Er sprach das Wort urkomisch-unmöglich aus, wie etwa ein minder gebildeter Verkäufer es anpreisend getan haben würde. „Das ist kein Apparat und keine Maschine,“ fuhr er fort, indem er aus einem der auf dem Tischchen angeordneten buntfarbigen Blechbüchschen eine Nadel nahm und sie befestigte, „das ist ein Instrument, das ist eine Stradivarius, eine Guarneri, da herrschen Resonanz- und Schwingungsverhältnisse vom ausgepichtesten Raffinemang! ‚Polyhymnia‘ heißt die Marke, wie die Inschrift hier im inneren Deckel Sie lehrt. Deutsches Fabrikat, wissen Sie. Wir machen das mit Abstand am besten. Das treusinnig Musikalische in neuzeitlich-mechanischer Gestalt. Die deutsche Seele up to date. Da haben Sie die Literatur!“ sagte er und wies auf ein Wandschränkchen, worin breitrückige Alben aufgereiht standen. „Ich übermache Ihnen den ganzen Zauber zu freier Lust, empfehle ihn aber dem Schutze des Publikums. Wollen wir mal probeweise eine erbrausen lassen?“
Die Kranken baten flehentlich darum, und Behrens zog eines der stumm-gehaltvollen Zauberbücher hervor, wandte die schweren Blätter, zog aus einer der Kartontaschen, deren kreisförmige Ausschnitte die farbigen Titel erkennen ließen, eine Platte und legte sie ein. Mit einem Handgriff gab er der Drehscheibe Strom, zögerte zwei Sekunden, bis ihr Lauf die volle Geschwindigkeit erreicht hatte, und setzte die feine Spitze des Stahlstiftes behutsam auf den Plattenrand. Ein leicht wetzendes Geräusch ward hörbar. Er senkte den Deckel darüber, und in demselben Augenblick brach durch die offene Flügeltür, zwischen den Spalten der Jalousie hervor, nein, aus dem ganzen Körper der Truhe Instrumentaltrubel, eine lustig lärmende und drängende Melodie, die ersten gliederwerfenden Takte einer Ouvertüre von Offenbach.
Man lauschte mit offenen Mündern lächelnd. Man traute seinen Ohren nicht, wie überaus rein und natürlich die Koloraturen der Holzbläser lauteten. Eine Geige, sie ganz allein, präludierte phantastisch. Man vernahm den Bogenstrich, das Tremolo des Griffes, das süße Gleiten von einer Lage in die andere. Sie fand ihre Melodie, den Walzer, das „Ach, ich habe sie verloren“. Leicht trug Orchesterharmonie die schmeichlerische Weise, und es war zum Entzücken, wie sie, ehrenvoll vom Ensemble aufgenommen, als rauschendes Tutti sich wiederholte. Natürlich war es nicht so, wie wenn eine wirkliche Kapelle im Zimmer hier konzertiert hätte. Der Klangkörper, unentstellt im übrigen, erlitt eine perspektivische Minderung; es war, wenn es erlaubt ist, für den Gehörsfall ein Gleichnis aus dem Gebiet des Gesichtes einzusetzen, als ob man ein Gemälde durch ein umgekehrtes Opernglas betrachtete, so daß es entrückt und verkleinert erschien, ohne an der Schärfe seiner Zeichnung, der Leuchtkraft seiner Farben etwas einzubüßen. Das Musikstück, talentstraff und prickelnd, spielte sich ab in allem Witz seiner leichtsinnigen Erfindung. Den Schluß machte die Ausgelassenheit selbst, ein drollig zögernd ansetzender Galopp, ein unverschämter Cancan, der die Vision in der Luft geschüttelter Zylinder, schleudernder Knie, aufstiebender Röcke erzeugte und im komisch-triumphalen Enden kein Ende fand. Dann schnappte das Drehwerk selbsttätig ein. Es war aus. Man applaudierte von Herzen.
Man rief nach Weiterem und man bekam es: Menschliche Stimme entströmte dem Schrein, männlich, weich und gewaltig auf einmal, von Orchester begleitet, ein italienischer Bariton berühmten Namens, – und nun konnte durchaus von keiner Verschleierung und Entfernung mehr die Rede sein: das herrliche Organ erscholl nach seinem vollen natürlichen Umfang und Kraftinhalt, und namentlich wenn man in eines der offenen Nebenzimmer trat und den Apparat nicht sah, so war es nicht anders, als stände dort im Salon der Künstler in körperlicher Person, das Notenblatt in der Hand, und sänge. Er sang eine Opernbravourarie in seiner Sprache – eh, il barbiere. Di qualità, di qualità! Figaro qua, Figaro là, Figaro, Figaro, Figaro! Die Zuhörer wollten sterben vor Lachen über sein falsettierendes parlando, über den Kontrast dieser Bärenstimme und dieser zungenbrecherischen Sprechfertigkeit. Erfahrene mochten die Künste seiner Phrasierung, seiner Atemtechnik verfolgen und bewundern. Meister des Unwiderstehlichen, Virtuose des welschen Da capo-Geschmacks, hielt er den vorletzten Ton, vor der Schlußtonika, zur Rampe vordringend, wie es schien, und offenbar die Hand in der Luft, auf eine Weise aus, daß man in gezogene Bravorufe ausbrach, bevor er geendigt hatte. Es war vorzüglich.
Und es gab mehr. Ein Waldhorn vollführte mit schöner Vorsicht Variationen über ein Volkslied. Eine Sopranistin schmetterte, stakkierte und trillerte eine Arie aus „La Traviata“ mit der lieblichsten Kühle und Genauigkeit. Der Geist eines Violinisten von Weltruf spielte, wie hinter Schleiern, zu einer Klavierbegleitung, die trocken klang, wie Spinett, eine Romanze von Rubinstein. Aus der sacht kochenden Wundertruhe drangen Glockenklänge, Harfenglissandos, Trompetengeschmetter und Trommelwirbel. Schließlich wurden Tanzplatten eingelegt. Sogar von dem neuen Import war schon ein und das andere Beispiel vorhanden, im exotischen Hafenkneipengeschmack, der Tango, berufen, aus dem Wiener Walzer einen Großvatertanz zu machen. Zwei Paare, des modischen Schrittes mächtig, zeigten sich darin auf dem Teppich. Behrens hatte sich zurückgezogen, nachdem er die Vermahnung erteilt, jede Nadel nur einmal zu benutzen und die Platten „ganz ähnlich wie rohe Eier“ zu behandeln. Hans Castorp bediente den Apparat.
Warum gerade er? Es hatte sich so gemacht. Mit gedämpfter Kurzangebundenheit war er denjenigen entgegengetreten, die nach des Hofrats Weggang den Nadel- und Plattenwechsel, die Ein- und Ausschaltung des Triebstroms hatten in die Hand nehmen wollen. „Lassen Sie mich das tun!“ hatte er gesagt, indem er sie beiseite drängte, und sie waren ihm gleichmütig gewichen, erstens, weil er die Miene hatte, als ob er von längerer Hand her sich auf die Sache verstände, dann aber, weil ihnen sehr wenig daran gelegen war, an der Quelle des Genusses tätig zu sein, statt sich bequem und unverbindlich damit bewirten zu lassen, solange es sie nicht langweilte.
Nicht so Hans Castorp. Während der Vorführung der neuen Erwerbung durch den Hofrat hatte er sich still im Hintergrunde gehalten, ohne Lachen, ohne Beifallsrufe, aber die Darbietungen gespannt verfolgend, indes er nach gelegentlicher Gewohnheit mit zwei Fingern an einer Augenbraue drehte. Mit einer gewissen Unruhe hatte er im Rücken des Publikums mehrfach den Standort gewechselt, war ins Bibliothekszimmer getreten, um von dort zu lauschen, und hatte sich später, Hände auf dem Rücken und mit verschlossenem Gesichtsausdruck, neben Behrens aufgestellt, den Schrein im Auge, den einfachen Dienst daran erkundend. In ihm hieß es: „Halt! Achtung! Epoche! Das kam zu mir.“ Die bestimmteste Ahnung neuer Passion, Bezauberung, Liebeslast erfüllte ihn. Dem Jüngling im Flachland, dem beim ersten Blick auf ein Mädchen Amors widerhakiger Pfeil unverhofft mitten im Herzen sitzt, ist nicht gar anders zumute. Eifersucht beherrschte sofort Hans Castorps Schritte. Öffentliches Gut? Schlaffe Neugier hat weder Recht noch Kraft, zu besitzen. „Lassen Sie mich das tun!“ sagte er zwischen den Zähnen, und sie waren es ganz zufrieden. Sie tanzten noch ein bißchen nach leichtgeschürzten Piecen, die er laufen ließ, verlangten auch noch eine Gesangsnummer, ein Opernduett, die Barkarole aus „Hoffmanns Erzählungen“, die lieblich genug ins Ohr ging, und als er den Deckel schloß, zogen sie ab, flüchtig angeregt und schwatzend, in die Liegekur, zur Ruhe. Darauf hatte er gewartet. Sie ließen hinter sich alles stehen und liegen wie es mochte, die offenen Nadelbüchschen und Albums, die zerstreuten Platten. Das sah ihnen ähnlich. Er tat, als schlösse er sich ihnen an, verließ aber heimlich ihren Zug auf der Treppe, kehrte in den Salon zurück, schloß alle Türen und blieb dort die halbe Nacht, tief beschäftigt.
Er machte sich mit der neuen Erwerbung vertraut, durchmusterte ungestört den beigestellten Vortragsschatz, den Inhalt der schweren Alben. Es waren deren zwölf, von zweierlei Größe, zu je zwölf Platten; und da viele der eng kreisförmig geritzten schwarzen Scheiben doppelseitig waren, nicht nur weil manches Stück auch die Kehrseite in Anspruch nahm, sondern auch weil einer ganzen Reihe von Tafeln zwei verschiedene Darbietungen eingeschrieben waren, so war das ein anfangs schwer übersichtliches, ja verwirrendes Eroberungsgebiet schöner Möglichkeiten. Er spielte wohl ein Viertelhundert, indem er sich, um nicht zu stören, in der Nacht nicht gehört zu werden, gewisser sacht ziehender Nadeln bediente, die den Klang verringerten, – aber das war kaum der achte Teil dessen, was sich aller Enden lockend zum Versuche anbot. Für heute mußte es genug sein, die Titel zu überfliegen und nur dann und wann, stichprobeweise, ein Beispiel der stummen Zirkelgraphik dem Schreine einzuverleiben, um es zum Tönen zu bringen. Sie waren unterschieden durch das farbige Etikett ihres Zentrums, die Hartgummidisken, und durch nichts weiter, für das Auge. Eine sah aus wie die andere, ganz oder nicht ganz bis zur Mitte mit konzentrischen Kreisen dicht bedeckt; und doch barg ihr feines Liniengepräge die erdenklichste Musik, glücklichste Eingebungen aus allen Regionen der Kunst, in ausgesuchter Wiedergabe.
Es waren da eine Menge Ouvertüren und Einzelsätze aus der Welt der erhabenen Symphonik, gespielt von berühmten Orchestern, deren Leiter namhaft gemacht waren. Eine lange Reihe von Liedern sodann, vorgetragen zum Klavier, von Mitgliedern großer Opernhäuser, – und zwar sowohl Lieder, die das hohe und bewußte Erzeugnis persönlicher Kunst waren, wie auch schlichte Volkslieder, wie dann endlich auch noch solche, die zwischen diesen beiden Gattungen gleichsam die Mitte hielten, insofern sie zwar Produkte geistiger Kunst, aber im Sinn und Geist des Volkes tiefecht und fromm empfunden und erfunden waren; künstliche Volkslieder, wenn man so sagen durfte, ohne durch das Wort „künstlich“ ihrer Innigkeit zu nahe zu treten: eines zumal, das Hans Castorp von Kindesbeinen an gekannt hatte, zu dem er aber jetzt eine geheimnisvoll-beziehungsreiche Liebe faßte, und von dem die Rede sein wird. – Was gab es noch, oder eigentlich, was gab es nicht? Es gab Oper die Hülle und Fülle. Ein internationaler Chor gefeierter Sänger und Sängerinnen setzte, begleitet von diskret zurücktretendem Orchester, die hochgeschulte Gottesgabe seiner Stimmen ein zur Ausführung von Arien, Duetten, ganzen Ensembleszenen aus den verschiedenen Gegenden und Epochen des musikalischen Theaters: der südlichen Schönheitssphäre einer zugleich hoch- und leichtherzigen Hingerissenheit, einer deutsch-volkhaften Welt von Schalkheit und Dämonie, der französischen Großen und Komischen Oper. War damit ein Ende? O nein. Denn es folgte die Serie der Kammermusiken, der Quartette und Trios, der Instrumental-Solonummern für Violine, Cello, Flöte, die Konzertgesangsnummern mit obligater Violine oder Flöte, die rein pianistischen Nummern, – von den bloßen Belustigungen, den Couplets, den Zweckplatten, in die kleine Aufspielorchester ihre Weisen geprägt hatten, und die nach einer derben Nadel verlangten, nicht erst zu reden.
Hans Castorp sichtete das, ordnete das, übergab es, einsam hantierend, zu einem kleinen Teile dem Instrument, das es zu tönendem Leben weckte. Er ging mit heißem Kopfe zu ähnlich vorgerückter Stunde schlafen, wie nach dem ersten Gelage mit Pieter Peeperkorn majestätisch-duzbrüderlichen Angedenkens, und träumte von zwei bis sieben von dem Zauberkasten. Er sah im Traume die Drehscheibe um ihren Zapfen kreisen, schnell bis zur Unsichtlichkeit und lautlos dabei, in einer Bewegung, die nicht nur eben in dem wirbeligen Rundfluß, sondern auch noch in einem eigentümlichen seitlichen Wogen bestand, dergestalt, daß dem nadeltragenden Gelenkarm, unter dem sie hinzog, ein elastisch atmendes Schwingen mitgeteilt wurde, – sehr dienlich, wie man glauben mochte, dem vibrato und portamento der Streicher und der menschlichen Stimmen; doch unbegreiflich blieb es, im Traum nicht weniger als im Wachen, wie das bloße Nachziehen einer haarfeinen Linie über einem akustischen Hohlraum und einzig mit Hilfe des Schwingungshäutchens der Schallbüchse die reich zusammengesetzten Klangkörper wiedererzeugen konnte, die das geistige Ohr des Schläfers füllten.
Er war am Morgen zeitig wieder im Salon, schon vor dem Frühstück, und ließ, mit gefalteten Händen in einem Sessel sitzend, einen herrlichen Bariton aus dem Schreine zur Harfe singen: „Blick’ ich umher in diesem edlen Kreise –“. Die Harfe klang vollkommen natürlich, es war unverfälschtes und unvermindertes Harfenspiel, was der Schrein außer der schwellenden, hauchenden, artikulierenden menschlichen Stimme aus sich entließ – durchaus zum Erstaunen. Und Zärtlicheres gab es auf Erden nicht, als den Zwiegesang aus einer modernen italienischen Oper, den Hans Castorp darauf folgen ließ, – als diese bescheidene und innige Gefühlsannäherung zwischen der weltberühmten Tenorstimme, die so vielfach in den Alben vertreten war, und einem glashell-süßen kleinen Sopran, – als sein „Da mi il braccio, mia piccina“ und die simple, süße, gedrängt melodische kleine Phrase, die sie ihm zur Antwort gab ...
Hans Castorp zuckte zusammen, da hinter ihm die Tür ging. Es war der Hofrat, der zu ihm hereinschaute; – in seinem klinischen Kittel mit dem Hörrohr in der Brusttasche stand er dort einen Augenblick, den Türgriff in der Hand, und nickte dem Laboranten zu. Dieser erwiderte das Nicken über die Schulter hin, worauf das blauwangige Gesicht des Chefs mit dem einseitig geschürzten Schnurrbärtchen hinter der zugezogenen Tür verschwand und Hans Castorp sich seinem unsichtbar-wohllautenden Liebespärchen wieder zuwandte.
Später im Lauf des Tages, nach der Mittagsmahlzeit, nach dem Diner, hatte er Zuhörer bei seinem Treiben, wechselndes Publikum, – wenn man ihn selbst nicht als solches, sondern als Spender des Genusses betrachten wollte. Persönlich neigte er zu dieser Auffassung, und die Hausgesellschaft bewilligte sie ihm in dem Sinne, daß sie seiner entschlossenen Selbsteinsetzung als Verwalter und Kustos der öffentlichen Einrichtung von Anfang an stillschweigend zustimmte. Das kostete diese Leute nichts; denn ungeachtet ihres oberflächlichen Entzückens, wenn jener tenorale Abgott in Schmelz und Glanz schwelgte, die weltbeglückende Stimme in Kantilenen und hohen Künsten der Leidenschaft sich verströmte, – trotz dieses laut bekundeten Entzückens waren sie ohne Liebe und darum völlig einverstanden, jedem, der da wollte, die Sorge zu lassen. Hans Castorp war es, der den Plattenschatz in Ordnung hielt, den Inhalt der Alben auf die Innenseite der Deckel schrieb, so daß ein jegliches Stück auf Wunsch und Anruf sofort zur Hand war, und der das Instrument handhabte: Man sah es ihn mit bald geübten, knappen und zarten Bewegungen tun. Was hätten auch die anderen gemacht? Sie hätten die Platten geschändet, indem sie sie mit abgenutzten Nadeln bearbeiteten, hätten sie offen auf Stühlen herumliegen lassen, mit dem Apparat stumpfen Jux getrieben, indem sie ein edles Stück mit Tempo und Tonhöhe hundertundzehn laufen ließen oder auch den Zeiger auf Null einstellten, so daß es ein hysterisches Tirili oder ein versacktes Stöhnen ergab ... Sie hatten das alles schon getan. Sie waren zwar krank, aber roh. Und darum trug Hans Castorp nach kurzer Zeit den Schlüssel des Schränkchens, worin die Alben und Nadeln aufbewahrt wurden, einfach in der Tasche, so daß man ihn rufen mußte, wenn man aufgespielt haben wollte.
Spät, nach der Abendgeselligkeit, nach Abzug der Menge, war seine beste Zeit. Dann blieb er im Salon oder kehrte heimlich dorthin zurück und musizierte allein bis tief in die Nacht. Die Ruhe des Hauses damit zu stören, brauchte er weniger zu fürchten, als er anfangs geglaubt hatte tun zu müssen, denn die Tragkraft seiner Geistermusik hatte sich ihm als von geringer Reichweite erwiesen: so Staunenswertes die Schwingungen nahe ihrem Ursprung bewirkten, so bald ermatteten sie, schwach und scheinmächtig wie alles Geisterhafte, ferner von ihm. Hans Castorp war allein mit den Wundern der Truhe in seinen vier Wänden, – mit den blühenden Leistungen dieses gestutzten kleinen Sarges aus Geigenholz, dieses mattschwarzen Tempelchens, vor dessen offener Flügeltür er im Sessel saß, die Hände gefaltet, den Kopf auf der Schulter, den Mund geöffnet, und sich von Wohllaut überströmen ließ.
Die Sänger und Sängerinnen, die er hörte, er sah sie nicht, ihre Menschlichkeit weilte in Amerika, in Mailand, in Wien, in Sankt Petersburg, – sie mochte dort immerhin weilen, denn was er von ihnen hatte, war ihr Bestes, war ihre Stimme, und er schätzte diese Reinigung oder Abstraktion, die sinnlich genug blieb, um ihm, unter Ausschaltung aller Nachteile zu großer persönlicher Nähe, und namentlich soweit es sich um Landsleute, um Deutsche handelte, eine gute menschliche Kontrolle zu gestatten. Die Aussprache, der Dialekt, die engere Landsmannschaft der Künstler war zu unterscheiden, ihr Stimmcharakter sagte etwas aus über des Einzelnen seelischen Wuchs, und daran, wie sie geistige Wirkungsmöglichkeiten nutzten oder versäumten, erwies sich die Stufe ihrer Intelligenz. Hans Castorp ärgerte sich, wenn sie es fehlen ließen. Er litt auch und biß sich auf die Lippen vor Scham, wenn Unvollkommenheiten der technischen Wiedergabe mit unterliefen, saß wie auf Kohlen, wenn im Lauf einer oft zitierten Platte ein Gesangston scharf oder gröhlend verlautete, was namentlich bei den heiklen Frauenstimmen so leicht sich ereignete. Doch nahm er das in den Kauf, denn Liebe muß leiden. Zuweilen beugte er sich über das Spielwerk, das atmend kreiste, wie über einen Fliederstrauß, den Kopf in einer Klangwolke; stand vor dem offenen Schrein, das Herrscherglück des Dirigenten kostend, indem er mit aufgehobener Hand einer Trompete den pünktlichen Einsatz gab. Er hatte Lieblinge in seinem Magazin, einige Vokal- und Instrumentalnummern, die zu hören er niemals satt wurde. Wir mögen nicht unterlassen, sie anzuführen.
Eine kleine Gruppe von Platten bot die Schlußszenen des pompösen, von melodiösem Genie überquellenden Opernwerks, das ein großer Landsmann des Herrn Settembrini, der Altmeister der dramatischen Musik des Südens, in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts aus solennem Anlaß, bei Gelegenheit der Übergabe eines Werkes der völkerverbindenden Technik an die Menschheit, im Auftrage eines orientalischen Fürsten geschaffen hatte. Hans Castorp wußte bildungsweise ungefähr Bescheid damit, er kannte in großen Zügen das Schicksal des Radames, der Amneris und der Aida, die ihm auf Italienisch aus dem Kasten sangen, und so verstand er so ziemlich, was sie ihm sangen, – der unvergleichliche Tenor, der fürstliche Alt mit dem herrlichen Stimmbruch in der Mitte seines Umfanges und der silberne Sopran – verstand nicht jedes Wort, aber doch eines hie und da mit Hilfe seiner Kenntnis der Situationen und seiner Sympathie für diese Situationen, einer vertraulichen Anteilnahme, die wuchs, je öfter er die vier oder fünf Platten laufen ließ, und schon zur wirklichen Verliebtheit geworden war.
Zuerst setzten Radames und Amneris sich auseinander: Die Königstochter ließ den Gefesselten vor sich führen, ihn, den sie liebte und sehnlich für sich zu retten wünschte, obgleich er um der barbarischen Sklavin willen Vaterland und Ehre hingegeben hatte, – während allerdings, wie er sagte, „im Herzensgrunde die Ehre unverletzt geblieben“ war. Diese Intaktheit seines Innersten bei aller Schuldbeladenheit jedoch half ihm wenig, denn durch sein klar zutage liegendes Verbrechen war er dem geistlichen Gerichte verfallen, dem alles Menschliche fremd war, und das bestimmt kein Federlesen machen würde, wenn er sich nicht im letzten Augenblick dahin besann, der Sklavin abzuschwören und sich dem königlichen Alt mit dem Stimmbruch in die Arme zu werfen, der dies, rein akustisch genommen, so vollkommen verdiente. Amneris gab sich die inbrünstigste Mühe mit dem wohllautenden, aber tragisch verblendeten und dem Leben abgewandten Tenor, der immer nur „Ich kann nicht!“ und „Vergebens!“ sang, wenn sie ihm mit verzweifelten Bitten anlag, der Sklavin zu entsagen, es gelte sein Leben. „Ich kann nicht!“ – „Höre noch einmal, entsage ihr!“ – „Vergebens!“ Todwillige Verblendung und wärmster Liebeskummer vereinigten sich zu einem Zwiegesang, der außerordentlich schön war, aber keine Hoffnung ließ. Und dann begleitete Amneris mit ihren Schmerzensrufen die schauerlich-formelhaften Repliken des geistlichen Gerichtes, die dumpf aus der Tiefe schollen, und an denen der unselige Radames sich überhaupt nicht beteiligte.
„Radames, Radames“, sang dringlich der Oberpriester und führte ihm in zugespitzter Form sein Verbrechen des Verrates vor Augen.
„Rechtfertige dich!“ forderten im Chore alle Priester.
Und da der Oberste darauf hinweisen konnte, daß Radames schwieg, erkannten alle in hohler Einstimmigkeit auf Felonie.
„Radames, Radames!“ fing der Vorsitzende wieder an. „Du hast das Lager vor der Schlacht verlassen.“
„Rechtfertige dich!“ hieß es abermals. „Seht, er schweiget“, durfte der stark voreingenommene Verhandlungsleiter zum zweitenmal feststellen, und so vereinigten auch diesmal alle Richterstimmen sich mit der seinen in dem Wahrspruch: „Felonie!“
„Radames, Radames!“ hörte man den unerbittlichen Ankläger zum drittenmal. „Dem Vaterlande, der Ehre und dem Könige brachst du deinen Eid.“ – „Rechtfertige dich!“ scholl es aufs neue. Und: „Felonie!“ erkannte endgültig und mit Schauder die Priesterschaft, nachdem sie aufmerksam gemacht worden, daß Radames absolut stillschwieg. So konnte denn das Unausbleibliche nicht ausbleiben, daß der Chor, der stimmlich gleich beieinander geblieben war, dem Missetäter für Recht verkündete, sein Los sei erfüllt, er sterbe den Tod der Verfluchten, unter dem Tempel der zürnenden Gottheit habe er lebend ins Grab einzugehen.
Die Entrüstung der Amneris über diese pfäffische Härte mußte man sich nach Kräften selber einbilden, denn hier brach die Wiedergabe ab, Hans Castorp mußte die Platte wechseln, was er mit stillen und knappen Bewegungen, gleichsam mit niedergeschlagenen Augen, tat, und wenn er sich wieder zum Lauschen niedergelassen hatte, war es schon des Melodramas letzte Szene, die er vernahm: das Schlußduett des Radames und der Aida, gesungen auf dem Grunde ihres Kellergrabes, während über ihren Köpfen bigotte und grausame Priester im Tempel ihren Kult feierten, die Hände spreizten, sich in dumpfem Gemurmel ergingen ... „Tu – in questa tomba?!“ schmetterte die unbeschreiblich ansprechende, zugleich süße und heldenhafte Stimme des Radames entsetzt und entzückt ... Ja, sie hatte sich zu ihm gefunden, die Geliebte, um derentwillen er Ehre und Leben verwirkt, sie hatte ihn hier erwartet, sich mit ihm einschließen lassen, um mit ihm zu sterben, und die Gesänge, die sie in dieser Sache, zuweilen unterbrochen von dem dumpfen Getön des Zeremoniells im oberen Stockwerk, miteinander tauschten, oder zu denen sie sich vereinigten, – sie waren es eigentlich, die es dem einsam-nächtlichen Zuhörer in tiefster Seele angetan hatten: in Hinsicht auf die Umstände sowohl, wie auf ihren musikalischen Ausdruck. Es war vom Himmel die Rede in diesen Gesängen, aber sie selbst waren himmlisch, und sie wurden himmlisch vorgetragen. Die melodische Linie, die Radames’ und Aidas Stimmen einzeln und dann in Vereinigung unersättlich nachzogen, diese einfache und selige, um Tonika und Dominante spielende Kurve, die vom Grundton zu lang betontem Vorhalt, einen halben Ton vor der Oktave, aufstieg und nach flüchtiger Berührung mit dieser sich zur Quinte wandte, erschien dem Lauscher als das Verklärteste, Bewunderungswürdigste, was ihm je untergekommen. Doch wäre er in das Lautliche weniger verliebt gewesen, ohne die zum Grunde liegende Situation, die sein Gemüt für die daraus erwachsende Süße erst recht empfänglich machte. Es war so schön, daß Aida sich zu dem verlorenen Radames gefunden hatte, um sein Grabesschicksal mit ihm zu teilen in Ewigkeit! Mit Recht protestierte der Verurteilte gegen das Opfer so lieblichen Lebens, aber seinem zärtlich verzweifelten „No, no! troppo sei bella“ war doch das Entzücken endgültiger Vereinigung mit derjenigen anzumerken, die er nie wiederzusehen gemeint hatte, und dieses Entzücken, diese Dankbarkeit ihm deutlich nachzufühlen, bedurfte es für Hans Castorp keines Aufgebotes an Einbildungskraft. Was er aber letztlich empfand, verstand und genoß, während er mit gefalteten Händen auf die schwarze kleine Jalousie blickte, zwischen deren Leisten dies alles hervorblühte, das war die siegende Idealität der Musik, der Kunst, des menschlichen Gemüts, die hohe und unwiderlegliche Beschönigung, die sie der gemeinen Gräßlichkeit der wirklichen Dinge angedeihen ließ. Man mußte sich nur vor Augen führen, was hier, nüchtern genommen, geschah! Zwei lebendig Begrabene würden, die Lungen voll Grubengas, hier miteinander, oder, noch schlimmer, einer nach dem anderen, an Hungerkrämpfen verenden, und dann würde an ihren Körpern die Verwesung ihr unaussprechliches Werk tun, bis zwei Gerippe unterm Gewölbe lagerten, deren jedem es völlig gleichgültig und unempfindlich sein würde, ob es allein oder zu zweien lagerte. Das war die reale und sachliche Seite der Dinge – eine Seite und Sache für sich, die vor dem Idealismus des Herzens überhaupt nicht in Betracht kam, vom Geiste der Schönheit und der Musik aufs Triumphalste in den Schatten gestellt wurde. Für Radames’ und Aidas Operngemüter gab es das sachlich Bevorstehende nicht. Ihre Stimmen schwangen sich unisono zum seligen Oktavenvorhalt auf, versichernd, nun öffne sich der Himmel und ihrem Sehnen erstrahle das Licht der Ewigkeit. Die tröstliche Kraft dieser Beschönigung tat dem Zuhörer außerordentlich wohl und trug nicht wenig dazu bei, daß diese Nummer seines Leibprogramms ihm so besonders am Herzen lag.
Er pflegte sich auszuruhen von ihren Schrecken und Verklärungen bei einer zweiten Pièce, die kurzläufig, aber von konzentriertem Zauber war, – viel friedlicher ihrem Inhalt nach, als jene erste, ein Idyll, aber ein raffiniertes Idyll, gemalt und gestaltet mit den zugleich sparsamen und verwickelten Mitteln neuester Kunst. Es war ein reines Orchesterstück, ohne Gesang, ein symphonisches Präludium französischen Ursprungs, bewerkstelligt mit einem für zeitgenössische Verhältnisse kleinen Apparat, jedoch mit allen Wassern moderner Klangtechnik gewaschen und klüglich danach angetan, die Seele in Traum zu spinnen.
Der Traum, den Hans Castorp dabei träumte, war dieser: Rücklings lag er auf einer mit bunten Sternblumen besäten, von Sonne beglänzten Wiese, einen kleinen Erdhügel unter dem Kopf, das eine Bein etwas hochgezogen, das andere darüber gelegt, – wobei es jedoch Bocksbeine waren, die er kreuzte. Seine Hände fingerten, nur zu seinem eigenen Vergnügen, da die Einsamkeit über der Wiese vollkommen war, an einem kleinen Holzgebläse, das er im Munde hielt, einer Klarinette oder Schalmei, der er friedlich-nasale Töne entlockte: einen nach dem anderen, wie sie eben kommen wollten, aber doch in geglücktem Reigen, und so stieg das sorglose Genäsel zum tiefblauen Himmel auf, unter dem das feine, leicht vom Winde bewegte Blätterwerk einzeln stehender Birken und Eschen in der Sonne flimmerte. Doch war sein beschauliches und unverantwortlich-halbmelodisches Dudeln nicht lange die einzige Stimme der Einsamkeit. Das Summen der Insekten in der sommerheißen Luft über dem Grase, der Sonnenschein selbst, der leichte Wind, das Schwanken der Wipfel, das Glitzern des Blätterwerks, – der ganze sanft bewegte Sommerfriede umher wurde gemischter Klang, der seinem einfältigen Schalmeien eine immer wechselnde und immer überraschend gewählte harmonische Deutung gab. Die symphonische Begleitung trat manchmal zurück und verstummte; aber Hans mit den Bocksbeinen blies fort und lockte mit der naiven Eintönigkeit seines Spiels den ausgesucht kolorierten Klangzauber der Natur wieder hervor, – welcher endlich nach einem abermaligen Aussetzen, in süßer Selbstübersteigerung, durch Hinzutritt immer neuer und höherer Instrumentalstimmen, die rasch nacheinander einfielen, alle verfügbare, bis dahin gesparte Fülle gewann, für einen flüchtigen Augenblick, dessen wonnevoll-vollkommenes Genügen aber die Ewigkeit in sich trug. Der junge Faun war sehr glücklich auf seiner Sommerwiese. Hier gab es kein „Rechtfertige dich!“, keine Verantwortung, kein priesterliches Kriegsgericht über einen, der der Ehre vergaß und abhanden kam. Hier herrschte das Vergessen selbst, der selige Stillstand, die Unschuld der Zeitlosigkeit: Es war die Liederlichkeit mit bestem Gewissen, die wunschbildhafte Apotheose all und jeder Verneinung des abendländischen Aktivitätskommandos, und die davon ausgehende Beschwichtigung machte dem nächtlichen Musikanten die Platte vor vielen wert. –
Da war eine dritte ... Es waren eigentlich wiederum mehrere, zusammengehörig, ineinandergehend, drei oder vier, denn die Tenorarie, die vorkam, nahm allein eine bis zur Mitte beringte Seite für sich in Anspruch. Wieder war das etwas Französisches, aus einer Oper, die Hans Castorp gut kannte, die er wiederholt im Theater gehört und gesehen und auf deren Handlung er einmal sogar gesprächsweise – und zwar in einem sehr entscheidenden Gespräch – eine Anspielung gemacht hatte ... Es war im zweiten Akt, in der spanischen Schenke, einer geräumigen Spelunke, dielenartig, mit Tüchern geschmückt und von defekter maurischer Architektur. Carmens warme, ein wenig rauhe, aber durch Rassigkeit einnehmende Stimme erklärte, tanzen zu wollen vor dem Sergeanten, und schon hörte man ihre Kastagnetten klappern. In demselben Augenblick aber erschollen aus einiger Entfernung Trompeten, Clairons, ein wiederholtes militärisches Signal, das dem Kleinen nicht wenig in die Glieder fuhr. „Halt! Einen Augenblick!“ rief er und spitzte die Ohren wie ein Pferd. Und da Carmen „Warum?“ fragte und „was es denn gäbe?“: „Hörst du nicht?“ rief er, ganz erstaunt, daß ihr das nicht eingehe, wie ihm. Es seien ja die Trompeten aus der Kaserne, die das Zeichen gäben. „Zur Heimkehr naht die Frist“, sagte er opernhaft. Aber die Zigeunerin konnte das nicht begreifen und wollte es vor allem auch gar nicht. Desto besser, meinte sie halb dumm, halb frech, da brauchten sie keine Kastagnetten, der Himmel selbst schicke ihnen Musik zum Tanz und darum: Lalalala! – Er war außer sich. Sein eigener Enttäuschungsschmerz trat ganz zurück hinter dem Bemühen, ihr klarzumachen, um was es sich handle, und daß keine Verliebtheit der Welt gegen dieses Signal aufkomme. Wie war es denn möglich, daß sie etwas so Fundamentales und Unbedingtes nicht verstand! „Ich muß nun fort, nach Haus, ins Quartier, zum Appell!“ rief er, verzweifelt über eine Ahnungslosigkeit, die ihm das Herz doppelt so schwer machte, als es ohnedies gewesen wäre. Da aber mußte man Carmen hören! Sie war wütend, sie war in tiefster Seele empört, ihre Stimme war ganz und gar betrogene und beleidigte Liebe – oder sie stellte sich so. „Ins Quartier? Zum Appell?“ Und ihr Herz? Und ihr gutes, zärtliches Herz, das in seiner Schwäche – ja, sie gebe es zu: in seiner Schwäche! – bereit gewesen sei, ihm mit Gesang und Tanz die Zeit zu kürzen? „Traterata!“ und sie hob mit wildem Hohn die gerollte Hand an den Mund, um das Clairon nachzuahmen. „Traterata!“ Und das genüge. Da springe der Dummkopf in die Höhe und wolle fort. Gut denn, fort mit ihm! Hier sein Helm, sein Säbel und Gehänge! Machen, machen, machen solle er, daß er in die Kaserne komme! – Er bat um Erbarmen. Aber sie fuhr fort in ihrem glühenden Hohn, indem sie tat, als sei sie er, der beim Schall der Hörner sein bißchen Verstand verloren habe. Traterata, zum Appell! Barmherziger Himmel, er werde noch zu spät kommen! Nur fort, denn es rufe ja zum Appelle, und da störe er selbstverständlich auf wie ein Narr, in dem Augenblick, wo sie, Carmen, für ihn habe tanzen wollen. Das, das, das sei seine Liebe zu ihr! –
Qualvolle Lage! Sie verstand nicht. Das Weib, die Zigeunerin konnte und wollte nicht verstehen. Sie wollte es nicht, – denn ohne jeden Zweifel: in ihrer Wut, ihrem Hohn war etwas über den Augenblick und das Persönliche Hinausgehende, ein Haß, eine Urfeindschaft gegen das Prinzip, das durch diese französischen Clairons – oder spanischen Hörner – nach dem verliebten kleinen Soldaten rief, und über das zu triumphieren ihr höchster, eingeborener, überpersönlicher Ehrgeiz war. Sie besaß ein sehr einfaches Mittel dazu: Sie behauptete, wenn er gehe, so liebe er sie nicht; und das war genau das, was zu hören José dort drinnen im Kasten nicht ertrug. Er beschwor sie, ihn zu Worte kommen zu lassen. Sie wollte nicht. Da zwang er sie – es war ein verteufelt ernster Moment. Fatale Klänge lösten sich aus dem Orchester, ein düster drohendes Motiv, das sich, wie Hans Castorp wußte, durch die ganze Oper bis zum katastrophalen Ausgang zog und auch die Einleitung zu des kleinen Soldaten Arie bildete, der neuen Platte, die nun einzulegen war.
„Hier an dem Herzen treu geborgen“ – José sang das wunderschön; Hans Castorp ließ die Scheibe auch einzeln, außer dem vertrauten Zusammenhange öfters laufen und lauschte stets in achtsamster Sympathie. Es war inhaltlich nicht weit her mit der Arie, aber ihr flehender Gefühlsausdruck war im höchsten Grade rührend. Der Soldat sang von der Blume, die Carmen ihm am Anfang ihrer Bekanntschaft zugeworfen, und die im schweren Arrest, worein er um ihretwillen geraten, sein ein und alles gewesen sei. Er gestand tief erschüttert, er habe augenblicksweise dem Schicksal geflucht, weil es zugelassen hatte, daß er Carmen je mit Augen gesehen. Aber gleich habe er die Lästerung bitter bereut und auf den Knien zu Gott um ein Wiedersehen gebetet. Da – und dies Da war der gleiche hohe Ton, mit dem er unmittelbar vorher sein „Ach, teures Mädchen“ begonnen, – da – und nun war in der Begleitung aller Instrumentalzauber los, der nur irgend geeignet sein mochte, den Schmerz, die Sehnsucht, die verlorene Zärtlichkeit, die süße Verzweiflung des kleinen Soldaten zu malen, – da hatte sie vor seinen Blicken gestanden in all ihrem schlechthin verhängnishaften Reiz, so daß er klar und deutlich das eine gefühlt hatte, daß es „um ihn getan“ („getan“ mit einem schluchzenden ganztönigen Vorschlag auf der ersten Silbe), auf immer also um ihn getan sei. „Du meine Wonne, mein Entzücken!“ sang er verzweifelt in einer wiederkehrenden und auch vom Orchester noch einmal auf eigene Hand geklagten Tonfolge, die vom Grundton zwei Stufen aufstieg und sich von dort mit Innigkeit zur tieferen Quinte wandte. „Dein ist mein Herz“, beteuerte er abgeschmackter, aber allerzärtlichster Weise zum Überfluß, indem er sich eben dieser Figur bediente, ging dann die Tonleiter bis zur sechsten Stufe durch, um hinzuzufügen: „Und ewig dir gehör ich an!“, ließ danach die Stimme um zehn Töne sinken und bekannte erschüttert sein „Carmen, ich liebe dich!“, dessen Ausklang von einem wechselnd harmonisierten Vorhalt schmerzlich verzögert wurde, bevor das „dich“ mit der vorhergehenden Silbe sich in den Grundakkord ergab.
„Ja, ja!“ sagte Hans Castorp schwergemut und dankbar und legte auch noch das Finale ein, wo alle den jungen José dazu beglückwünschten, daß ihm durch das Renkontre mit dem Offizier der Rückweg abgeschnitten war, so daß er nun fahnenflüchtig werden mußte, wie Carmen es zu seinem Entsetzen schon vorher von ihm verlangt hatte.
sangen sie ihm im Chor, – man konnte sie ganz gut verstehen.
„Ja, ja!“ sagte er abermals und ging zu etwas Viertem über, etwas sehr Liebem und Gutem.
Daß es wieder etwas Französisches war, ist so wenig unsere Schuld, wie es auf unsere Rechnung kommt, daß auch wieder militärischer Geist obwaltete. Es war eine Einlage, eine Solo-Gesangsnummer, ein „Gebet“ aus der Faust-Oper von Gounod. Jemand trat auf, jemand Erz-Sympathisches, der Valentin hieß, den aber Hans Castorp im Stillen anders nannte, mit einem vertrauteren, wehmutsvollen Namen, dessen Träger er in hohem Grade mit der aus dem Kasten laut werdenden Person identifizierte, obgleich diese eine viel schönere Stimme hatte. Es war ein starker und warmer Bariton, und sein Gesang war dreiteilig; er bestand aus zwei miteinander nahverwandten Eckstrophen, die frommen Charakters, ja, fast im Stile des protestantischen Chorals gehalten waren, und einer Mittelstrophe keck-chevaleresken Mutes, kriegerisch, leichtsinnig, dabei aber ebenfalls fromm; und das war eigentlich das Französisch-Militärische daran. Der Unsichtbare sang:
und er wandte unter diesen Umständen sein Flehen zum Herrn des Himmels, daß er ihm unterdessen das holde Schwesterblut schützen möge! Es ging in den Krieg, der Rhythmus sprang um, wurde unternehmend, Gram und Sorge mochten zum Teufel fahren, er, der Unsichtbare wollte sich dort, wo die Schlacht am heißesten, die Gefahr am größten war, keck, fromm und französisch dem Feinde entgegenwerfen. Wenn ihn aber Gott zu Himmelshöhen rufe, sang er, dann wolle er schützend von dort auf „dich“ herniedersehen. Mit diesem „dich“ war das Schwesterblut gemeint; aber es rührte Hans Castorp trotzdem in tiefster Seele, und diese seine Ergriffenheit ließ nicht nach bis zum Schluß, wo der Brave dort drinnen zu mächtigen Choralakkorden sang:
Weiter war es nichts mit dieser Platte. Wir glaubten, kurz von ihr reden zu sollen, weil Hans Castorp sie so ausnehmend gern hatte, dann aber auch, weil sie bei späterer, seltsamer Gelegenheit noch eine gewisse Rolle spielte. Für jetzt kommen wir auf ein fünftes und letztes Stück aus der Gruppe der engeren Favoriten, – welches nun freilich gar nichts Französisches mehr war, sondern etwas sogar besonders und exemplarisch Deutsches, auch nichts Opernhaftes, sondern ein Lied, eines jener Lieder, – Volksgut und Meisterwerk zugleich und eben durch dieses Zugleich seinen besonderen geistig-weltbildlichen Stempel empfangend ... Wozu die Umschweife? Es war Schuberts „Lindenbaum“, es war nichts anderes, als dies allvertraute „Am Brunnen vor dem Tore“.
Ein Tenorist trug es vor zum Klavier, ein Bursche von Takt und Geschmack, der seinen zugleich simplen und gipfelhohen Gegenstand mit vieler Klugheit, musikalischem Feingefühl und rezitatorischer Umsicht zu behandeln wußte. Wir alle wissen, daß das herrliche Lied im Volks- und Kindermunde etwas anders lautet, denn als Kunstgesang. Dort wird es meist, vereinfacht, nach der Hauptmelodie strophisch durchgesungen, während diese populäre Linie im Original schon bei der zweiten der achtzeiligen Strophen in Moll variiert, um beim fünften Vers, überaus schön, wieder in Dur einzulenken, bei den darauf folgenden „kalten Winden“ aber und dem vom Kopfe fliegenden Hute dramatisch aufgelöst wird und sich erst bei den letzten vier Versen der dritten Strophe wiederfindet, die wiederholt werden, damit die Weise sich aussingen könne. Die eigentlich bezwingende Wendung der Melodie erscheint dreimal und zwar in ihrer modulierenden zweiten Hälfte, das drittemal also bei der Reprise der letzten Halbstrophe „Nun bin ich manche Stunde“. Diese zauberhafte Wendung, der wir mit Worten nicht zu nahe treten mögen, liegt auf den Satzfragmenten „So manches liebe Wort“, „Als riefen sie mir zu“, „Entfernt von jenem Ort“, und die helle und warme, atemkluge und zu einem maßvollen Schluchzen geneigte Stimme des Tenoristen sang sie jedesmal mit so viel intelligentem Gefühl für ihre Schönheit, daß sie dem Zuhörer auf ungeahnte Weise ans Herz griff, zumal der Künstler seine Wirkung durch außerordentlich innige Kopftöne bei den Zeilen „Zu ihm mich immerfort“, „Hier findst du deine Ruh“ zu steigern wußte. Beim wiederholten letzten Verse aber, diesem „Du fändest Ruhe dort!“ sang er das „fändest“ das erstemal aus voller, sehnsüchtiger Brust und erst das zweitemal wieder als zartestes Flageolett.
Soviel vom Liede und seinem Vortrag. Wir mögen uns wohl schmeicheln, es sei uns in früheren Fällen gelungen, unseren Zuhörern ein ungefähres Verständnis für die intime Teilnahme einzuflößen, die Hans Castorp den Vorzugs-Programmnummern seiner nächtlichen Konzerte entgegenbrachte. Allein begreiflich zu machen, was diese letzte, dies Lied, der alte „Lindenbaum“ ihm bedeutete, das ist nun freilich ein Unternehmen der kitzlichsten Art, und höchste Behutsamkeit der Intonation ist vonnöten, wenn nicht mehr verdorben, als gefördert werden soll.
Wir wollen es so stellen: Ein geistiger, das heißt ein bedeutender Gegenstand ist eben dadurch „bedeutend“, daß er über sich hinausweist, daß er Ausdruck und Exponent eines Geistig-Allgemeineren ist, einer ganzen Gefühls- und Gesinnungswelt, welche in ihm ihr mehr oder weniger vollkommenes Sinnbild gefunden hat, – wonach sich denn der Grad seiner Bedeutung bemißt. Ferner ist die Liebe zu einem solchen Gegenstand ebenfalls und selbst „bedeutend“. Sie sagt etwas aus über den, der sie hegt, sie kennzeichnet sein Verhältnis zu jenem Allgemeinen, jener Welt, die der Gegenstand vertritt, und die in ihm, bewußt oder unbewußt, mitgeliebt wird.
Will man glauben, daß unser schlichter Held nach so und so vielen Jährchen hermetisch-pädagogischer Steigerung tief genug ins geistige Leben eingetreten war, um sich der „Bedeutsamkeit“ seiner Liebe und ihres Objektes bewußt zu sein? Wir behaupten und erzählen, daß er es war. Das Lied bedeutete ihm viel, eine ganze Welt und zwar eine Welt, die er wohl lieben mußte, da er sonst in ihr stellvertretendes Gleichnis nicht so vernarrt gewesen wäre. Wir wissen, was wir sagen, wenn wir – vielleicht etwas dunklerweise – hinzufügen, daß sein Schicksal sich anders gestaltet hätte, wenn sein Gemüt den Reizen der Gefühlssphäre, der allgemein geistigen Haltung, die das Lied auf so innig-geheimnisvolle Weise zusammenfaßte, nicht im höchsten Grade zugänglich gewesen wäre. Eben dieses Schicksal aber hatte Steigerungen, Abenteuer, Einblicke mit sich gebracht, Regierungsprobleme in ihm aufgeworfen, die ihn zu ahnungsvoller Kritik an dieser Welt, diesem ihrem allerdings absolut bewunderungswürdigen Gleichnis, dieser seiner Liebe reif gemacht hatten und danach angetan waren, sie alle drei unter Gewissenszweifel zu stellen.
Der müßte nun freilich von Liebesdingen rein gar nichts verstehen, der meinte, durch solche Zweifel geschähe der Liebe Abtrag. Sie bilden im Gegenteil ihre Würze. Sie sind es erst, die der Liebe den Stachel der Leidenschaft verleihen, so daß man schlechthin die Leidenschaft als zweifelnde Liebe bestimmen könnte. Worin bestanden denn aber Hans Castorps Gewissens- und Regierungszweifel an der höheren Erlaubtheit seiner Liebe zu dem bezaubernden Liede und seiner Welt? Welches war diese dahinter stehende Welt, die seiner Gewissensahnung zufolge eine Welt verbotener Liebe sein sollte?
Es war der Tod.
Aber das war ja erklärter Wahnsinn! Ein so wunderherrliches Lied! Reines Meisterwerk, geboren aus letzten und heiligsten Tiefen des Volksgemüts; ein höchster Besitz, das Urbild des Innigen, die Liebenswürdigkeit selbst! Welch häßliche Verunglimpfung!
Ei ja, ja, ja, das war recht schön, so mußte wohl jeder Redliche sprechen. Und dennoch stand hinter diesem holden Produkte der Tod. Es unterhielt Beziehungen zu ihm, die man lieben mochte, aber nicht ohne sich von einer bestimmten Unerlaubtheit solcher Liebe ahnungsvoll-regierungsweise Rechenschaft zu geben. Es mochte seinem eigenen ursprünglichen Wesen nach nicht Sympathie mit dem Tode, sondern etwas sehr Volkstümlich-Lebensvolles sein, aber die geistige Sympathie damit war Sympathie mit dem Tode, – lautere Frömmigkeit, das Sinnige selbst an ihrem Anfang, das sollte auch nicht aufs Leiseste bestritten werden; aber in ihrer Folge lagen Ergebnisse der Finsternis.
Was redete er sich da ein! – Er hätte es sich von euch nicht ausreden lassen. Ergebnisse der Finsternis. Finstere Ergebnisse. Folterknechtssinn und Menschenfeindlichkeit in spanischem Schwarz mit der Tellerkrause und Lust statt Liebe – als Ergebnis treublickender Frömmigkeit.
Wahrhaftig, der Literat Settembrini war nicht eben der Mann seines unbedingten Vertrauens, aber er erinnerte sich einiger Belehrung, die der klare Mentor ihm einst, vor Zeiten, am Anfang seiner hermetischen Laufbahn, über „Rückneigung“, die geistige „Rückneigung“ in gewisse Welten hatte zuteil werden lassen, und er fand es ratsam, diese Unterweisung mit Vorsicht auf seinen Gegenstand zu beziehen. Herr Settembrini hatte das Phänomen jener Rückneigung als „Krankheit“ bezeichnet, – das Weltbild selbst, die Geistesepoche, der die Rückneigung galt, mochte seinem pädagogischen Sinn wohl als „krankhaft“ erscheinen. Wie denn nun aber! Hans Castorps holdes Heimwehlied, die Gemütssphäre, der es angehörte, und die Liebesneigung zu dieser Sphäre sollten – „krank“ sein? Mit nichten! Sie waren das Gemütlich-Gesundeste auf der Welt. Allein das war eine Frucht, die, frisch und prangend gesund diesen Augenblick oder eben noch, außerordentlich zu Zersetzung und Fäulnis neigte, und, reinste Labung des Gemütes, wenn sie im rechten Augenblicke genossen wurde, vom nächsten unrechten Augenblicke an Fäulnis und Verderben in der genießenden Menschheit verbreitete. Es war eine Lebensfrucht, vom Tode gezeugt und todesträchtig. Es war ein Wunder der Seele, – das höchste vielleicht vor dem Angesicht gewissenloser Schönheit und gesegnet von ihr, jedoch mit Mißtrauen betrachtet aus triftigen Gründen vom Auge verantwortlich regierender Lebensfreundschaft, der Liebe zum Organischen, und Gegenstand der Selbstüberwindung nach letztgültigem Gewissensspruch.
Ja, Selbstüberwindung, das mochte wohl das Wesen der Überwindung dieser Liebe sein, – dieses Seelenzaubers mit finsteren Konsequenzen! Hans Castorps Gedanken oder ahndevolle Halbgedanken gingen hoch, während er in Nacht und Einsamkeit vor seinem gestutzten Musiksarge saß, – sie gingen höher, als sein Verstand reichte, es waren alchimistisch gesteigerte Gedanken. O, er war mächtig, der Seelenzauber! Wir alle waren seine Söhne, und Mächtiges konnten wir ausrichten auf Erden, indem wir ihm dienten. Man brauchte nicht mehr Genie, nur viel mehr Talent, als der Autor des Lindenbaumliedes, um als Seelenzauberkünstler dem Liede Riesenmaße zu geben und die Welt damit zu unterwerfen. Man mochte wahrscheinlich sogar Reiche darauf gründen, irdisch-allzu irdische Reiche, sehr derb und fortschrittsfroh und eigentlich gar nicht heimwehkrank, – in welchen das Lied zur elektrischen Grammophonmusik verdarb. Aber sein bester Sohn mochte doch derjenige sein, der in seiner Überwindung sein Leben verzehrte und starb, auf den Lippen das neue Wort der Liebe, das er noch nicht zu sprechen wußte. Es war so wert, dafür zu sterben, das Zauberlied! Aber wer dafür starb, der starb schon eigentlich nicht mehr dafür und war ein Held nur, weil er im Grunde schon für das Neue starb, das neue Wort der Liebe und der Zukunft in seinem Herzen – –
Das also waren Hans Castorps Vorzugsplatten.
Fragwürdigstes
Mit Edhin Krokowskis Konferenzen hatte es im Laufe der Jährchen eine unerwartete Wendung genommen. Immer hatten seine Forschungen, die der Seelenzergliederung und dem menschlichen Traumleben galten, einen unterirdischen und katakombenhaften Charakter getragen; neuerdings aber, in gelindem, der Öffentlichkeit kaum merklichem Übergang, hatten sie die Richtung ins Magische, durchaus Geheimnisvolle eingeschlagen, und seine vierzehntägigen Vorträge im Speisesaal, Hauptattraktion des Hauses, Stolz des Prospektes, – diese Vorträge, gehalten in Gehrock und Sandalen, hinter gedecktem Tischchen und mit exotisch schleppenden Akzenten vor dem unbeweglich lauschenden Berghofpublikum, sie handelten nicht mehr von verkappter Liebesbetätigung und Rückverwandlung der Krankheit in den bewußt gemachten Affekt, sie handelten von den profunden Seltsamkeiten des Hypnotismus und Somnambulismus, den Phänomenen der Telepathie, des Wahrtraums und des Zweiten Gesichtes, den Wundern der Hysterie, bei deren Erörterung der philosophische Horizont sich derart weitete, daß auf einmal solche Rätsel dem Auge der Zuhörer erschimmerten, wie das des Verhältnisses der Materie zum Psychischen, ja dasjenige des Lebens selbst, welchem beizukommen auf unheimlichstem, auf krankhaftem Wege, wie es scheinen mochte, mehr Hoffnung war, als auf dem der Gesundheit ...
Wir sagen dies, weil wir es für unsere Pflicht halten, leichtfertige Geister zu beschämen, die wissen wollten, Dr. Krokowski habe sich nur aus der Sorge, seine Vorträge vor heilloser Monotonie zu bewahren, zu rein emotionellen Zwecken also, dem Verborgenen zugewandt. So sprachen Lästerzungen, an denen es nirgends fehlt. Es ist wahr, daß bei den Montagskonferenzen die Herren hastiger als je ihre Ohren schüttelten, um sie hellhöriger zu machen, und daß Fräulein Levi womöglich noch genauer als ehemals der Wachsfigur mit dem Triebwerk im Busen dabei glich. Aber diese Wirkungen waren so legitim, wie die Entwicklung, die der Geist des Gelehrten durchlaufen, und für die er nicht nur Folgerechtheit, sondern geradezu Notwendigkeit in Anspruch nehmen durfte. Immer schon hatten jene dunklen und weitläufigen Gegenden der menschlichen Seele sein Studiengebiet ausgemacht, die man als Unterbewußtsein bezeichnet, obgleich man möglicherweise besser täte, von einem Überbewußtsein zu reden, da aus diesen Sphären zuweilen ein Wissen emporgeistert, das das Bewußtseinswissen des Individuums bei weitem übersteigt und den Gedanken nahelegt, es möchten Verbindungen und Zusammenhänge zwischen den untersten und lichtlosen Gegenden der Einzelseele und einer durchaus wissenden Allseele bestehen. Der Bereich des Unterbewußtseins, „okkult“ dem eigentlichen Wortsinne nach, erweist sich sehr bald auch als okkult im engeren Sinn dieses Wortes und bildet eine der Quellen, woraus die Erscheinungen fließen, die man aushilfsweise so benennt. Das ist nicht alles. Wer im organischen Krankheitssymptom ein Werk aus dem bewußten Seelenleben verbannter und hysterisierter Affekte erblickt, der anerkennt die Schöpfermacht des Psychischen im Materiellen, – eine Macht, die man als zweite Quelle der magischen Phänomene anzusprechen gezwungen ist. Idealist des Pathologischen, um nicht zu sagen: pathologischer Idealist, wird er sich am Ausgangspunkt von Gedankengängen sehen, die ganz kurzläufig ins Problem des Seins überhaupt, das will sagen: in das Problem der Beziehungen von Geist und Materie münden. Der Materialist, Sohn einer Philosophie der bloßen Robustheit, wird es sich niemals nehmen lassen, das Geistige als ein phosphoreszierendes Produkt des Materiellen zu erklären. Der Idealist dagegen, ausgehend vom Prinzip der schöpferischen Hysterie, wird geneigt und sehr bald entschlossen sein, die Frage des Primats in vollständig umgekehrtem Sinn zu beantworten. Alles in allem liegt hier nichts Geringeres als die alte Streitfrage vor, was eher gewesen sei: Das Huhn oder das Ei, – diese Streitfrage, die eben durch die doppelte Tatsache eine so außerordentliche Verwirrung erfährt, daß kein Ei denkbar ist, das nicht von einem Huhn gelegt worden wäre, und kein Huhn, das nicht sollte aus einem vorausgesetzten Ei gekrochen sein.
Diese Angelegenheiten also erörterte Dr. Krokowski neuerdings in seinen Vorträgen. Auf organischem, auf legitimem, auf logischem Wege war er dazu gekommen, wir können es nicht sattsam betonen, und nur zum Überfluß fügen wir hinzu, daß er in solche Erörterungen eingetreten war, lange bevor durch das Erscheinen Ellen Brands auf der Bildfläche die Dinge in ein empirisch-experimentelles Stadium traten.
Wer war Ellen Brand? Fast hätten wir vergessen, daß unsere Zuhörer es nicht wissen, während uns natürlich der Name geläufig ist. Wer sie war? Fast niemand auf den ersten Blick. Ein liebes Ding von neunzehn Jahren, Elly gerufen, flachsblond, Dänin, doch nicht einmal aus Kopenhagen, sondern aus Odense auf Fünen, woselbst ihr Vater ein Buttergeschäft besaß. Sie selbst stand im praktischen Leben, hatte schon ein paar Jahre, einen Schreibärmel über dem rechten Arm, als Beamtin der Provinzfiliale einer hauptstädtischen Bank auf einem Drehbock über dicken Büchern gesessen, – wobei sie Temperatur bekommen hatte. Der Fall war unerheblich, er hatte wohl eigentlich nur Verdachtscharakter, wenn Elly auch freilich ja zart war, zart und offenbar bleichsüchtig, – dabei unbedingt sympathisch, so daß man ihr gern die Hand auf den flachsblonden Scheitel gelegt hätte, was denn der Hofrat auch regelmäßig tat, wenn er im Speisesaal mit ihr sprach. Nordische Kühle umgab sie, eine gläsern-keusche, kindlich-jungfräuliche Atmosphäre, durchaus liebenswert, wie der volle und reine Kinderblick ihrer Blauaugen und wie ihre Sprache, die spitz, hoch und fein war, ein leicht gebrochenes Deutsch mit kleinen typischen Lautfehlern, wie „Fleich“ statt „Fleisch“. An ihren Zügen war nichts Bemerkenswertes. Das Kinn war zu kurz. Sie saß am Tische der Kleefeld, die sie bemutterte.
Mit diesem Jungfräulein Brand also, dieser Elly, dieser freundlichen kleinen dänischen Radfahrerin und Kontorbockhockerin hatte es Bewandtnisse, von denen niemand beim ersten und zweiten Anblick ihrer klaren Person sich etwas hätte träumen lassen, die aber schon nach ein paar Wochen ihres Aufenthaltes hier oben anfingen sich zu entdecken, und die in ihrer ganzen Seltsamkeit bloßzulegen Dr. Krokowskis Sache wurde.
Gemeinsame Unterhaltungen gelegentlich der Abendgeselligkeit gaben dem Gelehrten ersten Anlaß zum Stutzen. Man übte sich in allerlei Ratespielen; ferner im Auffinden versteckter Gegenstände mit Hilfe eines Klavierspiels, das anschwoll, wenn man sich dem Verstecke näherte, dagegen leiser wurde, wenn man Irrwege einschlug; und man ging in der Folge dazu über, demjenigen, der während der Verabredung die Tür hatte von außen besehen müssen, das richtige Ausführen bestimmter zusammengesetzter Handlungen zuzumuten: z. B. die Ringe zweier gewisser Personen zu wechseln; jemanden mit drei Verbeugungen zum Tanze aufzufordern; ein bezeichnetes Buch der Bibliothek zu entnehmen und es dem und dem zu überreichen und dergleichen mehr. Es ist zu bemerken, daß Spiele dieser Art sonst nicht zu den Gewohnheiten der Berghof-Gesellschaft gehört hatten. Wer eigentlich die Anregung dazu gegeben, war nachträglich nicht festzustellen. Es war gewiß nicht Elly gewesen. Dennoch war man erst in ihrer Gegenwart darauf verfallen.
Die Teilnehmer – es waren fast lauter alte Bekannte von uns, und auch Hans Castorp war darunter – zeigten sich bei den Versuchen mehr oder weniger anstellig oder versagten auch gänzlich. Die Tauglichkeit Elly Brands aber erwies sich als außerordentlich, als auffallend, als ungebührlich. Ihre sichere Findigkeit im Aufsuchen von Verstecken hatte unter Beifall und bewunderndem Gelächter hingehen mögen; bei den kombinierten Handlungen jedoch fing man an zu verstummen. Sie führte aus, was immer man ihr heimlich vorgeschrieben, führte es aus, sobald sie wieder eingetreten, mit sanftem Lächeln, ohne ein Schwanken, auch ohne leitende Musik. Sie holte aus dem Speisesaal eine Prise Salz, streute sie dem Staatsanwalt Paravant auf den Kopf, nahm ihn danach bei der Hand und führte ihn zum Klavier, wo sie mit seinem Zeigefinger den Anfang des Liedchens „Kommt ein Vogel geflogen“ spielte. Dann brachte sie ihn zu seinem Platze zurück, machte einen Knix vor ihm, zog einen Fußschemel herbei und setzte sich abschließend darauf zu seinen Füßen nieder, – genau so, wie man es sich unter vielem Kopfzerbrechen für sie ausgedacht.
So hatte sie also gehorcht!
Sie errötete; und mit wahrer Erleichterung, sie beschämt zu sehen, fing man an, sie im Chore zu schelten, als sie versicherte: Nein, nein, nicht so, man möge doch das nicht glauben! Nicht draußen, nicht an der Tür habe sie gehorcht, gewiß und wahrhaftig nicht!
Nicht draußen, nicht an der Tür?
„O nein, ents-chuldigen Sie!“ Sie horche hier im Zimmer, wenn sie hereinkomme, könne nicht umhin, es zu tun.
Nicht umhin? Im Zimmer?
Es flüstere ihr zu, sagte sie. Es werde ihr zugeflüstert, was sie zu tun habe, leise, aber ganz scharf und deutlich.
Das war ein Geständnis, offenbar. Elly war in gewissem Sinne schuldbewußt, hatte betrogen. Sie hätte sagen müssen, daß sie für ein solches Spiel nicht tauge, da alles ihr zugeflüstert werde. Ein Wettstreit verliert jeden menschlichen Sinn, wenn einer der Konkurrierenden übernatürliche Vorteile besitzt. Im sportlichen Sinn war Ellen plötzlich disqualifiziert, allein auf eine Weise, daß manchem der Rücken kalt wurde bei ihrem Bekenntnis. Mehrere Stimmen auf einmal riefen nach Dr. Krokowski. Man lief, ihn zu holen, und er kam: stämmig und kernig lächelnd, sofort im Bilde, zu heiterem Vertrauen auffordernd mit seinem ganzen Wesen. Man hatte ihm atemlos gemeldet, kraß Anormales liege vor, es sei eine Allwissende aufgetreten, eine Jungfrau mit Stimmen. – Ei, ei, und was weiter? Ruhe, meine Freunde! Wir werden sehen. Es war sein Grund und Boden, – schwankend und sumpfig-nachgiebig für alle, auf welchem er jedoch mit sicherer Sympathie sich bewegte. Er fragte, er ließ sich erzählen. Ei, ei, und da sehe einer! „So steht es also mit Ihnen, mein Kind?“ Und er legte, wie jeder gern tat, der Kleinen die Hand aufs Haupt. Viel Ursache zur Aufmerksamkeit, doch nicht die geringste zum Entsetzen. Er tauchte seine braunen exotischen Augen in die hellblauen Ellen Brands, während er sanft mit der Hand von ihrem Scheitel über die Schulter zum Arme abwärts strich. Fromm und frömmer erwiderte sie seinen Blick, nämlich mehr und mehr von unten, da ihr Kopf sich langsam zur Brust und Schulter neigte. Als ihre Augen anfingen, sich zu brechen, tat der Gelehrte eine lässige Handbewegung aufwärts vor ihrem Gesichtchen, worauf er alle Dinge für wohl bestellt erklärte und die ganze erregte Gesellschaft zum Abenddienst schickte, ausgenommen Elly Brand, mit der er noch etwas zu „plaudern“ gedachte.
Zu plaudern! Man konnte es sich denken. Niemandem war wohl bei dem Wort, einem rechten Wort des fröhlichen Kameraden Krokowski. Jedermann fühlte sein Innerstes kalt davon angerührt, auch Hans Castorp, als er verspätet seinen vorzüglichen Liegestuhl bezog und sich erinnerte, wie ihm bei Ellys ungebührlichen Leistungen und der verschämten Erklärung, die sie dafür gegeben, der Boden unter den Füßen geschwankt hatte, so daß eine gewisse Übelkeit und körperliche Beängstigung, eine leichte Seekrankheit ihn angekommen war. Er hatte niemals ein Erdbeben erlebt, aber er sagte sich, daß damit wohl ähnliche Empfindungen unverwechselbaren Schreckens verbunden sein müßten, – von der Neugier abgesehen, die Ellen Brands fatale Fähigkeiten ihm außerdem einflößten: einer Neugier, die das Gefühl ihrer höheren Hoffnungslosigkeit in sich selbst trug, das heißt: das Bewußtsein der geistigen Unzugänglichkeit des Gebietes, wonach sie tastete, und daher den Zweifel, ob sie nur müßig oder auch sündig sei, was sie aber nicht hinderte, zu bleiben, was sie war, nämlich Neugier. Hans Castorp hatte, wie jedermann, im Lauf seiner Lebensjahre von Dingen der geheimen Natur oder Übernatur dies und jenes vernommen, – der seherischen Urtante ist ja Erwähnung geschehen, von der eine melancholische Überlieferung auf ihn gekommen. Aber niemals war diese Welt, der er eine theoretische und unbeteiligte Anerkennung nicht versagt hatte, ihm persönlich auf den Leib gerückt, nie hatte er praktische Erfahrungen damit gemacht, und sein Widerstreben gegen solche Erfahrungen, ein Geschmackswiderstreben, ein ästhetisches Widerstreben, ein Widerstreben humanen Stolzes – wenn wir so anspruchsvolle Ausdrücke verwenden dürfen in Hinsicht auf unseren durchaus anspruchslosen Helden – kam der Neugier, die sie ihm lebhaft erregten, fast gleich. Er fühlte im voraus, fühlte es klar und deutlich, daß diese Erfahrungen, wie sie auch fortgehen mochten, nie anders sich würden anlassen können, als abgeschmackt, unverständlich und menschlich würdelos. Dennoch brannte er darauf, sie zu machen. Er begriff, daß „Müßig oder sündig“, als Alternative schon schlimm genug, gar keine Alternative war, sondern daß das zusammenfiel, und daß geistige Hoffnungslosigkeit nur die außermoralische Ausdrucksform der Verbotenheit war. Das Placet experiri aber, ihm eingepflanzt von einem, der solche Versuche freilich aufs prallste mißbilligen mußte, saß fest in Hans Castorps Sinn; seine Sittlichkeit fiel nachgerade mit seiner Neugier zusammen, hatte das wohl eigentlich immer getan: mit der unbedingten Neugier des Bildungsreisenden, die vielleicht schon, als sie vom Mysterium der Persönlichkeit kostete, nicht mehr weit von dem hier auftauchenden Gebiet entfernt gewesen war, und die eine Art von militärischem Charakter bekundete dadurch, daß sie dem Verbotenen nicht auswich, wenn es sich anbot. So beschloß Hans Castorp, auf dem Posten zu sein und nicht beiseite zu stehen, wenn es mit Ellen Brand zu weiteren Abenteuern kommen sollte.
Dr. Krokowski hatte ein striktes Verbot ergehen lassen, fernerhin laienhafte Experimente mit Fräulein Brands geheimen Gaben anzustellen. Er hatte das Kind mit wissenschaftlichem Beschlag belegt, hielt Sitzungen mit ihr in seinem analytischen Verlies, hypnotisierte sie, wie man hörte, war bestrebt, die in ihr schlummernden Möglichkeiten zu entwickeln und zu disziplinieren, ihr seelisches Vorleben zu erforschen. Dies tat übrigens auch Hermine Kleefeld, ihre mütterliche Freundin und Patronin, und erfuhr unter dem Siegel der Verschwiegenheit dies und das, was sie unter demselben Siegel im ganzen Hause verbreitete, bis in die Concierge-Loge hinein. Sie erfuhr zum Beispiel, daß der- oder dasjenige, was der Kleinen beim Spiele die Aufgaben zugeflüstert hatte, Holger hieß – es war der Jüngling Holger, ein spirit, ihr wohlvertraut, ein abgeschieden-ätherisch Wesen und etwas wie ein Schutzgeist der kleinen Ellen. – Er also hatte ihr das mit der Salzprise und Paravants Zeigefinger verraten? – Ja, die Schattenlippen liebkosend an ihrem Ohr, so daß es leise kitzelte und zum Lächeln reizte, habe er es ihr eingeflüstert. – Das müsse angenehm gewesen sein, wenn Holger ihr früher in der Schule die Antworten eingesagt habe, wenn sie nicht vorbereitet gewesen sei. – Hierauf hatte Ellen geschwiegen. Das habe Holger wohl nicht gedurft, sagte sie später. In so ernste Dinge sich einzumischen, sei ihm verwehrt, und übrigens habe er die Schulantworten wohl selber nicht recht gewußt.
Ferner stellte sich heraus, daß Ellen von jung auf, wenn auch in größeren Zeitabständen, Erscheinungen gehabt hatte, – sichtbare und unsichtbare. – Was das denn heißen solle: unsichtbare Erscheinungen? – Zum Beispiel so. Sie hatte als sechzehnjähriges Mädchen allein im Wohnzimmer ihres Elternhauses gesessen, am runden Tisch mit einer Handarbeit, am hellen Nachmittag, und neben ihr auf dem Teppich hatte ihres Vaters Dogge, die Hündin Freia, gelegen. Der Tisch war mit einer bunten Decke, einem solchen türkischen Schal, wie alte Frauen ihn dreieckig trugen, bedeckt gewesen: übereck, mit kurz hängenden Zipfeln hatte er auf der Platte gelegen. Und plötzlich hatte Ellen gesehen, wie der Zipfel ihr gegenüber sich langsam aufgerollt hatte: still, sorgfältig und regelmäßig war er aufgerollt worden, ein gutes Stück gegen die Mitte der Tischplatte hin, so daß die Rolle schließlich schon ziemlich lang gewesen war; und während dies geschehen, hatte Freia, wild auffahrend, mit angestemmten Vorderbeinen und gesträubtem Fell sich auf die Keulen gesetzt, war heulend ins Nebenzimmer gestürzt, unter das Sofa gekrochen und dann ein volles Jahr lang nicht zu bewegen gewesen, einen Fuß ins Wohnzimmer zu setzen.
Ob es Holger gewesen sei, fragte Fräulein Kleefeld, der die Schaldecke aufgerollt habe. – Die kleine Brand wußte es nicht. – Und was sie sich bei dem Vorkommnis denn wohl gedacht habe. – Aber da es absolut unmöglich war, sich das Allergeringste dabei zu denken, so hatte auch Elly sich weiter nichts dabei gedacht. – Ob sie es ihren Eltern berichtet habe. – Nein. – Das war seltsam. Obgleich sich so ganz und gar nichts dabei denken ließ, hatte Elly doch das Gefühl gehabt, in diesem Fall und in ähnlichen, daß sie es für sich behalten und ein strenges, schamhaftes Geheimnis daraus machen müsse. – Ob sie denn schwer daran getragen habe. – Nein, nicht besonders schwer. Was denn auch an dem Sich-Aufrollen einer Decke viel zu tragen sei. Aber an anderem habe sie schwerer getragen. Zum Beispiel hieran:
Vor einem Jahre, ebenfalls in ihrem Elternhaus zu Odense, hatte sie frühmorgens, in aller Frische, ihr Zimmer verlassen, das im Erdgeschoß gelegen war, und sich über die Diele die Treppe hinauf ins Eßzimmer begeben wollen, um, wie es ihre Gewohnheit war, Kaffee zu kochen, bevor die Eltern sich einfanden. Fast bis zum Podest, wo die Treppe sich wandte, war sie schon gelangt gewesen, da hatte sie auf eben diesem Podest, am Rande desselben, dicht an den Stufen, ihre in Amerika verheiratete ältere Schwester Sophie stehen sehen – leiblich und wirklich. Sie hatte ein weißes Kleid angehabt und sonderbarerweise einen Kranz von Wasserrosen, schilfigen Mummeln, auf dem Kopf getragen und die Hände an der Schulter gefaltet und hatte ihr zugenickt. „Ja, aber, Sophie, bist du da?“ hatte die angewurzelte Ellen halb freudig und halb erschrocken gefragt. Da hatte Sophie noch einmal genickt und sich darnach verflüchtigt. Sie war durchsichtig geworden; bald war sie nur in dem Grade noch sichtbar gewesen, wie eine fließende Strömung heißer Luft, und dann überhaupt nicht mehr, so daß der Weg frei gewesen war für Ellen. Doch dann hatte sich erwiesen, daß in dieser selbigen Morgenstunde Schwester Sophie in New-Jersey an Herzentzündung gestorben war.
Nun, meinte Hans Castorp, als die Kleefeld es ihm erzählte, das habe doch einigen Verstand, es lasse sich hören. Die Erscheinung hier, der Todesfall dort, – immerhin, da sei ein gewisser achtbarer Zusammenhang zu ersehen. Und er willigte ein, an einem spiritistischen Gesellschaftsspiel, einem Glasrücken, teilzunehmen, das man aus Ungeduld, unter heimlicher Umgehung von Dr. Krokowskis eifersüchtigem Verbot, mit Ellen Brand zu veranstalten beschlossen hatte.
Nur gewisse Personen wurden zu der Sitzung, deren Schauplatz Hermine Kleefelds Zimmer war, vertraulich zugezogen: außer der Gastgeberin, Hans Castorp und der kleinen Brand, waren es nur noch die Damen Stöhr und Levi sowie Herr Albin, der Tscheche Wenzel und Dr. Ting-Fu. Abends, erst mit dem Schlage Zehn, trat man leise zusammen und musterte flüsternd die Vorkehrungen, die Hermine getroffen, und die darin bestanden, daß auf einem ungedeckten Rundtisch von mittlerer Größe, inmitten des Zimmers, ein Weinglas, umgekehrt, den Fuß nach oben, gestellt war, rundum aber, am Rande der Tischplatte, in gehörigen Abständen, kleine Beinplättchen, Spielmarken nach ihrer gewöhnlichen Bestimmung, lagen, auf die mit Tinte und Feder die fünfundzwanzig Buchstaben des Alphabets gezeichnet waren. Vorerst reichte die Kleefeld Tee, was dankbar begrüßt wurde, da die Damen Stöhr und Levi, ungeachtet der kindlichen Harmlosigkeit des Unternehmens, über kalte Extremitäten und Herzklopfen klagten. Nach genossener Erwärmung ließ man sich um das Tischchen nieder, und in matt-rosiger Beleuchtung, da die Wirtin, der Stimmung zuliebe, das Deckenlicht gelöscht und nur das verkleidete Nachttischlämpchen hatte brennen lassen, legte jedermann einen Finger seiner Rechten leicht an den Fuß des Glases. So wollte es die Methode. Man harrte des Augenblicks, wo das Glas ins Rücken geraten würde.
Das mochte leichtlich geschehen, denn die Tischplatte war glatt, der Glasrand wohl geschliffen, und der Druck, den die noch so leicht aufgelegten, zitternden Finger übten, würde, da er natürlich ungleichmäßig war, hier mehr vertikale, dort eher seitliche Richtung haben mochte, auf die Dauer sehr hinreichend sein, das Glas zum Verlassen seines mittlern Ortes zu bestimmen. An der Peripherie des Bewegungsfeldes würde es auf Buchstaben stoßen, und wenn diejenigen, die es anlief, in ihrer Zusammensetzung Worte und irgend welchen Sinn ergaben, so würde das eine innerlich bis zur Unreinlichkeit verwickelte Erscheinung sein, ein Mischprodukt ganz-, halb- und unbewußter Elemente, der wunschgetriebenen Nachhilfe Einzelner – ob sie selbst ein solches Tun sich nun eingestanden oder nicht – und des geheimen Einverständnisses lichtloser Seelenschichten der Allgemeinheit, eines unterirdischen Zusammenwirkens zu scheinbar fremden Ergebnissen, an denen die Dunkelheiten des Einzelnen mehr oder weniger beteiligt sein würden, am stärksten wohl diejenigen der lieblichen kleinen Elly. Dies wußten im Grunde alle im voraus, und Hans Castorp, nach seiner Art, schwatzte es sogar aus, während man mit zitternden Fingern saß und wartete. Auch kamen die kalten Extremitäten und das Herzklopfen der Damen, die bedrängte Heiterkeit der Herren eben nur daher, daß sie es wußten, daher also, daß sie sich zu einem unreinlichen Spiel mit ihrer Natur, einem furchtsam-neugierigen Erproben unbekannter Teile ihres Selbst in stiller Nacht zusammengetan hatten und jener Schein- oder Halb-Dinglichkeiten harrten, die man magisch nennt. Es war fast nur, um der Sache eine Form zu geben, geschah also konventionellerweise, daß man unterstellte, durch das Glas würden die Geister Abgeschiedener zu der Versammlung reden. Herr Albin war erbötig, das Wort zu führen und mit den etwa auftretenden Intelligenzen zu unterhandeln, da er schon früher hie und da an spiritistischen Sitzungen teilgenommen.
Zwanzig und mehr Minuten vergingen. Der Stoff zum Flüstern versiegte, die erste Spannung gab nach. Man stützte den rechten Arm mit der Linken am Ellbogen. Der Tscheche Wenzel war im Begriffe einzunicken. Ellen Brand, das Fingerchen leicht aufgelegt, hielt den großen und reinen Kinderblick über die nahen Dinge hinweg in den Schein des Nachttischlämpchens gerichtet.
Plötzlich kippte das Glas, schlug auf und lief den Umsitzenden unter den Händen weg. Sie hatten Mühe, mit ihren Fingern zu folgen. Es rutschte bis zum Tischrande, lief ein Stück daran entlang und kehrte dann geradlinig ungefähr zur Mitte zurück. Hier schlug es noch einmal auf und verhielt sich ruhig.
Der Schrecken aller war teils freudiger, teils banger Art. Frau Stöhr erklärte weinerlich, lieber aufhören zu wollen, doch wurde ihr bedeutet, daß sie sich früher hätte prüfen müssen und sich nun still zu verhalten habe. Die Dinge schienen in Fluß zu kommen. Man stipulierte, daß, um ja und nein zu antworten, das Glas nicht erst die Buchstaben sollte anlaufen müssen, sondern sich mit ein- und zweimaligem Aufschlagen begnügen möge.
„Ist eine Intelligenz zugegen?“ erkundigte sich Herr Albin mit strenger Miene über die Köpfe hin ins Leere hinein ... Ein Zögern folgte. Dann kippte das Glas und bejahte.
„Wie heißt du?“ fragte Herr Albin fast schroffen Tones, indem er die Energie seiner Anrede durch ein Kopfschütteln verstärkte.
Das Glas rückte. Es lief mit Entschiedenheit und im Zickzack von Marke zu Marke, indem es zwischendurch immer ein Stück gegen die Tischmitte hin zurückkehrte; es lief zum h, zum o, zum l, es schien danach zu ermatten, sich zu verwirren, nicht weiter zu wissen, aber es fand sich wieder, fand auch das g, das e und r. Hatte man’s doch gedacht! Es war Holger persönlich, der spirit Holger, der das mit der Salzprise usw. gewußt, aber freilich in Schulfragen sich nicht eingemischt hatte. Er war da, er flutete in den Lüften, er umschwebte das Kränzchen. Was fing man nun mit ihm an? Eine gewisse Blödigkeit beherrschte den Kreis. Man beriet sich leise und gleichsam hinter der Hand, was man von ihm zu wissen begehren sollte. Herr Albin entschied sich, zu fragen, was Holgers Stand und Geschäft bei Lebzeiten gewesen sei. Er tat es, wie oben, im Tone des Verhörs, streng und mit zusammengezogenen Brauen.
Das Glas schwieg eine Weile. Dann begab es sich kippend und stolpernd zum d, rückte ab und bezeichnete das i. Was wollte das werden? Die Spannung war mächtig. Dr. Ting-Fu befürchtete kichernd, Holger sei ein Dieb gewesen. Frau Stöhr verfiel in hysterisches Lachen, ohne dadurch der Arbeit des Glases Einhalt zu tun, das, wenn auch humpelnd und klappernd, zum c, zum h glitt, das t berührte und dann, offenbar unter fehlerhafter Auslassung einer Letter, mit dem r endigte. Es hatte „Dichtr“ buchstabiert.
Was tausend, ein Dichter war Holger gewesen? – Zum Überfluß und nur aus Stolz, wie es schien, kippte das Glas und klopfte bejahend. – Ein lyrischer Dichter? fragte die Kleefeld, indem sie das y wie i aussprach, wie Hans Castorp unwillig bemerkte ... Zu solchen Spezifikationen schien Holger unlustig. Er gab keine neue Antwort. Er buchstabierte die vorige noch einmal, rasch, sicher und klar, das e hinzufügend, das er vorhin vergessen.
Gut, gut, also Dichter. Die Verlegenheit wuchs, – eine sonderbare Verlegenheit, die den Kundgebungen unkontrollierter Gegenden des eigenen Inneren galt, aber durch die gleisnerisch-halbdingliche Gegebenheit dieser Kundgebungen doch auch wieder die Richtung ins Außen-Wirkliche erhielt. Ob Holger sich wohl und glücklich fühlte in seinem Zustande, wollte man wissen. – Das Glas schob träumerischerweise das Wort „Gelassen“. Ach so, „gelassen“ also. Nun ja, man wäre von selbst nicht darauf gekommen, aber da denn das Glas so buchstabierte, fand man es wahrscheinlich und gut gesagt. – Und wie lange Holger sich denn schon in seinem gelassenen Zustande befinde? – Jetzt kam wieder etwas, worauf niemand verfallen wäre, etwas träumerisch sich selbst Gebendes. Es lautete: „Eilende Weile“. – Sehr gut! Es hätte auch „Weilende Eile“ lauten können, es war ein bauchrednerischer Dichterspruch von außen, Hans Castorp namentlich fand ihn vorzüglich. Eine eilende Weile war Holgers Zeitelement, natürlich, er mußte die Frager spruchweise abfertigen, mit irdischen Worten und Maßgenauigkeiten mochte er freilich zu operieren verlernt haben. – Was wollte man also noch von ihm erfahren? Die Levi gestand ihre Neugier, zu wissen, wie Holger aussähe, beziehungsweise einst ausgesehen habe. Ob er ein schöner Jüngling sei? – Sie solle ihn selber fragen, ordnete Herr Albin an, der diesen Wissenswunsch unter seiner Würde fand. So fragte sie per du, ob spirit Holger wohl blonde Locken habe.
„Schöne braune, braune Locken“, zog das Glas, indem es das Wort „braune“ ausführlich zweimal buchstabierte. Erfreute Heiterkeit herrschte im Kreise. Die Damen bekundeten offen Verliebtheit. Sie warfen Kußhände schräg gegen den Plafond empor. Dr. Ting-Fu meinte kichernd, Mister Holger scheine ja ziemlich eitel zu sein.
Da wurde das Glas zornig und toll! Es lief wie wild und ohne Sinn auf dem Tische umher, kippte wütend, fiel um und rollte der Stöhr in den Schoß, die schreckensbleich mit gespreizten Armen darauf niederblickte. Man führte es behutsam und unter Entschuldigungen an seinen Ort zurück. Der Chinese wurde gescholten. Wie er sich habe unterstehen können! Da sehe er, wohin solch ein Vorwitz führe! Und wie, wenn Holger nun im Zorne auf und davon war und kein Wort mehr verlauten ließ? Man redete seinem Glase aufs beste zu. Ob er denn nicht vielleicht etwas dichten wolle! Er sei ja ein Dichter gewesen, als er noch nicht in eilender Weile gewebt und geschwebt habe. Ach, wie sie alle nach etwas Gedichtetem verlangten! Sie würden es so herzlich genießen.
Und siehe, das gute Glas schlug Ja. Wirklich lag etwas Gutmütig-Versöhnliches darin, wie es dies tat. Und dann begann spirit Holger zu dichten und dichtete umständlich, ausführlich und ohne Besinnen, wer weiß wie lange, – es schien, als werde er überhaupt nicht wieder zum Schweigen zu bringen sein! Es war ein durch und durch überraschendes Gedicht, das er bauchrednerisch vorbrachte, während die Umsitzenden es bewundernd mit sprachen, eine magische Dingheit, uferlos, wie das Meer, von dem es vornehmlich handelte, – Seemist in langen Haufen entlang des schmalen Strandes der weit geschwungenen Bucht des Insellandes mit steiler Dünenküste. O seht, wie sterbend grün die ungeheure Weite ins Ewige verschwebt, wo unter breiten Nebelschleierstreifen in trübem Karmesin und milchig-weichem Scheinen die Sommersonne den Untergang verzögert! Kein Mund vermöchte zu sagen, wann und wie des Wassers silbrig regsamer Widerglanz in lauter Perlmutterschimmer sich wandelte, in ein unnennbar Farbenspiel blaß-bunt-opalenen Mondsteinglanzes, das alles überzieht ... Ach, heimlich, wie er entstanden, erstarb der stille Zauber. Das Meer entschlief. Jedoch die sanften Spuren des Sonnenabschieds bleiben dort drüben und draußen. Es wird nicht dunkel bis in die tiefe Nacht. Ein halbes Geisterlicht waltet im Kiefernwalde der Dünenhöhe und läßt den bleichen Sand des Grundes wie Schnee erscheinen. Täuschender Winterwald im Schweigen, knackend durchstreift von einer Eule schwerem Flug! Sei unser Aufenthalt zu dieser Stunde! So weich der Tritt, so hoch und mild die Nacht! Und langsam atmet dort unten tief das Meer und flüstert gedehnt im Traum. Verlangt dich’s, es wiederzusehen? So tritt hervor zum fahlen Gletschergehänge der Düne und steige vollends im Weichen empor, das kühl in deine Schuhe rinnt. Hart buschig fällt das Land und steil zum steinigen Strande ab, und immer geistern noch am Rande der vergehenden Weite die Reste des Tages ... Laß dich hier oben im Sande nieder! Wie ist er todeskühl, wie mehlig-seidenweich! Er fließt dir aus der geschlossenen Hand in farblos-dünnem Strahl und bildet ein zartes Hügelchen bei sich im Grunde. Erkennst du dies feine Rinnen? Es ist das lautlos schmale Strömen durch die Enge des Stundenglases, des ernsten, gebrechlichen Geräts, das das Gehäuse des Klausners schmückt. Ein aufgeschlagen Buch, ein Totenschädel und im Gestell, im leicht gefügten Rahmen das dünne Doppelhohlgebläse, darin ein wenig Sand, dem Ewigen entnommen, als Zeit sein heimlich und heilig beängstend Wesen treibt ...
So war spirit Holger bei seiner „lirischen“ Improvisation in sonderbarer Gedankenflucht vom heimatlichen Meere auf einen Klausner und das Werkzeug seiner Beschaulichkeit gekommen, und er kam noch auf manches, auf Menschliches und Göttliches in träumerisch gewagten Worten, über die das Kränzchen sich grenzenlos verwunderte, indes es sie buchstabierte, und kaum fand man Zeit, seinen entzückten Beifall einzuschalten, so rasch ging es im Zickzack vom Hundertsten ins Tausendste weiter und wollte gar nicht aufhören, – nach einer Stunde noch war dieses Dichtens kein Ende im entferntesten abzusehen, das von Mutternot und dem ersten Kusse der Liebenden und von der Krone des Leides und Gottes ernster Vatergüte ganz unerschöpflich handelte, sich in das Weben der Kreatur vertiefte, in Zeiten und Ländern und im Sternenraum sich verlor, einmal sogar der Chaldäer und des Tierkreises erwähnte und bestimmt die ganze Nacht hindurch gewährt hätte, wenn nicht die Beschwörer endlich doch ihre Finger vom Glase genommen und unter besten Danksagungen an Holger erklärt hätten, nun müsse es für diesmal genug sein, es sei von ungeahnter Herrlichkeit gewesen und ewig schade, daß niemand mitgeschrieben habe, so daß nun das Gedichtete unfehlbar in Vergessenheit geraten werde, ja, leider allergrößtenteils schon in Vergessenheit geraten sei, vermöge einer gewissen Unhaltbarkeit, wie sie Träumen eigne. Das nächste Mal wollte man rechtzeitig einen Schriftwart bestellen und zusehen, wie es sich schwarz auf weiß bewahrt und im Zusammenhang vorgetragen, wohl ausnehmen werde; für den Augenblick aber, und ehe Holger in die Gelassenheit seiner eilenden Weile zurückkehre, werde es besser und jedenfalls außerordentlich liebenswürdig von ihm sein, wenn er dem Kreise vielleicht noch eine oder die andere sachliche Frage beantworten wolle, – noch unbestimmt welche, aber ob er gegebenenfalls wohl grundsätzlich und aus besonderer Gefälligkeit bereit dazu sein würde?
„Ja“, lautete die Antwort. Doch nun entdeckte sich Ratlosigkeit, was zu fragen sei. Es war wie im Märchen, wenn die Fee oder das Männchen eine Frage freigeben und man Gefahr läuft, die kostbare Möglichkeit ganz müßig zu vertun. Vieles schien wissenswert in Welt und Zukunft, und verantwortungsvoll war es, eine Wahl zu treffen. Da niemand zum Entschluß kommen mochte, sagte Hans Castorp, einen Finger am Glase, die linke Wange in seine Faust gestützt, er wolle hören, wie hoch sich, statt der drei Wochen, die er ursprünglich zu bleiben gedacht hatte, die Zeit seines Aufenthaltes hier oben belaufen werde.
Gut, da man nichts Besseres wußte, mochte der Geist dies Erste-Beste aus der Fülle seiner Kenntnisse künden. Nach einigem Zögern rückte das Glas. Es rückte etwas ganz Sonderbares und, wie es scheinen wollte, Beziehungsloses, worauf sich einen Vers zu machen, niemandem gelingen wollte. Es rückte die Silbe „Geh“ und dann das Wort „Quer“, womit man erst recht nichts anzufangen wußte, und danach rückte es etwas von Hans Castorps Zimmer, so daß die ganze knappe Anweisung lautete, der Fragende solle „quer durch sein Zimmer gehen“. – Quer durch sein Zimmer? Quer durch Nummer 34? Was sollte nun das? Während man saß und beriet und die Köpfe schüttelte, geschah auf einmal ein schwerer Faustschlag gegen die Tür.
Alle erstarrten. War das ein Überfall? Stand Dr. Krokowski draußen, um die verbotene Sitzung aufzuheben? Man schaute betreten, man gewärtigte den Eintritt des Hintergangenen. Da schlug es krachend mitten auf den Tisch, wiederum wie mit voller Faust und gleichsam um klarzustellen, daß auch der erste Schlag nicht von außen, sondern von innen gefallen war.
Das war ein minderwertiger Scherz Herrn Albins gewesen! – Er leugnete ehrenwörtlich, und übrigens waren alle auch ohne sein Wort so gut wie sicher, daß niemand aus ihrer Runde den Schlag geführt hatte. So hatte es Holger getan? Sie blickten auf Elly, deren stilles Verhalten allen gleichzeitig auffällig geworden war. Sie saß, die Fingerspitzen bei hängenden Handgelenken auf der Tischkante, an ihrer Stuhllehne, den Kopf zur Schulter geneigt, die Augenbrauen empor-, das Mündchen aber, verkleinert, etwas nach unten gezogen, mit einem ganz kleinen Lächeln, das zugleich etwas Verstecktes und Unschuldiges hatte, und blickte mit blauen Kinderaugen, die nichts sahen, schräg ins Leere. Man rief sie an, doch ohne daß sie ein Zeichen von Gegenwart gegeben hätte. In diesem Augenblick erlosch das Nachttischlämpchen.
Erlosch? Frau Stöhr, nicht mehr zu halten, schrie Hi und Hu, denn sie hatte es knipsen hören. Das Licht war nicht ausgegangen, es war abgedreht worden, von einer Hand, die man sehr schonend kennzeichnete, wenn man sie eine fremde Hand nannte. War es Holgers Hand? Er war so sanft, so diszipliniert und poetisch gewesen bis dahin; jetzt aber hatte sein Wesen begonnen, in Büberei und Schabernack auszuarten. Wer stand dafür, daß eine Hand, die Faustschläge gegen Tür und Möbel führte und bübisch das Licht ausdrehte, nicht irgendjemandem an die Gurgel fuhr? Im Finstern rief man nach Zündhölzern, nach einer Taschenlaterne. Die Levi kreischte auf, man habe sie am Stirnhaar gezogen. Vor Angst schämte Frau Stöhr sich nicht, laut zu Gott zu beten. „Ach du Herr, noch diesmal!“ schrie sie und wimmerte, es möge Gnade vor Recht ergehen, obgleich man die Hölle versucht habe. Dr. Ting-Fu war es, der den gesunden Gedanken faßte, das Deckenlicht einzuschalten, so daß alsbald das Zimmer in Klarheit lag. Während man feststellte, daß das Nachttischlämpchen in der Tat nicht zufällig ausgegangen, sondern abgedreht worden war, und daß man nur den verborgenerweise geschehenen Handgriff menschlich zu wiederholen brauchte, um es wieder zum Brennen zu bringen, erfuhr Hans Castorp persönlich und in der Stille eine Überraschung, die er als besondere Aufmerksamkeit der hier sich kundgebenden kindischen Dunkelheiten auffassen mochte. Auf seinen Knieen lag ein leichter Gegenstand, das „Souvenir“, das einst seinen Onkel erschreckt hatte, als er es von des Neffen Kommode genommen: das gläserne Diapositiv, das Clawdia Chauchats Innenporträt zeigte, und das bestimmt nicht er, Hans Castorp, in dieses Zimmer eingeführt hatte.
Er steckte es zu sich, ohne von der Erscheinung Aufhebens zu machen. Man war um Ellen Brand beschäftigt, die immer noch in der beschriebenen Haltung, blinden Blickes und mit sonderbar geziertem Gesichtsausdruck an ihrem Platze saß. Herr Albin blies sie an und ahmte vor ihrem Gesichtchen die aufwärts fächelnde Handbewegung Dr. Krokowskis nach, worauf sie sich ermunterte und – unklar, warum – ein wenig weinte. Man streichelte, tröstete sie, küßte sie auf die Stirn und schickte sie schlafen. Die Levi erklärte sich bereit, die Nacht bei Frau Stöhr zu verbringen, da die tiefstehende Frau vor Grauen nicht wußte, wie sie ins Bett kommen sollte. Hans Castorp, seinen Apport in der Brusttasche, hatte nichts dagegen, den ausgearteten Abend mit den anderen Herren auf Albins Zimmer mit einem Kognak zu beschließen, denn er fand, daß Vorkommnisse gleich diesen zwar weder auf das Herz noch auf den Geist, wohl aber auf die Magennerven Wirkung übten – und zwar eine nachhaltige Wirkung, so, wie der Seekranke wohl noch am Lande stundenlang die übelkeiterregenden Schwankungen zu spüren meint.
Vorderhand war seine Neugier gestillt. Holgers Gedicht war ja im Augenblick nicht übel gewesen, aber die vorausgeahnte innere Hoffnungslosigkeit und Abgeschmacktheit des Ganzen hatte sich ihm doch so unverkennbar aufgedrängt, daß es, so dachte er, bei diesen wenigen Flocken Höllenfeuers, die ihn angestoben, sein Bewenden haben mochte. Herr Settembrini, wie sich denken läßt, bestärkte ihn aus allen Kräften in diesem Vorsatz, als Hans Castorp ihm von seinen Erlebnissen erzählte. „Das,“ rief er, „war alles, was noch gefehlt hatte! O Elend, Elend!“ Und kurzerhand erklärte er die kleine Elly für eine abgefeimte Betrügerin.
Sein Zögling sagte nicht ja und nicht nein dazu. Er meinte achselzuckend, was Wirklichkeit sei, scheine nicht bis zur Unzweideutigkeit klargestellt und folglich auch nicht, was Betrug. Vielleicht sei die Grenze fließend. Vielleicht gäbe es Übergänge zwischen beidem, Grade der Realität innerhalb der wort- und wertungslosen Natur, die sich einer Entscheidung entzögen, der, wie ihm scheine, etwas stark Moralisches anhafte. Wie Herr Settembrini über das Wort „Gaukelei“ denke, diesen Begriff, in welchem Elemente des Traumes und solche der Realität eine Mischung eingingen, die der Natur vielleicht weniger fremd sei, als unserem derben Tagesdenken. Das Geheimnis des Lebens sei buchstäblich bodenlos, und was Wunder denn, wenn gelegentlich Gaukeleien daraus aufstiegen, die – und so fort in unseres Helden freundlich zugeständlicher und reichlich laxer Art.
Herr Settembrini wusch ihm den Kopf nach Gebühr und erzielte denn auch eine augenblickliche Gewissensstärkung und etwas wie ein Versprechen, an solchem Greuel nie wieder teilhaben zu wollen. „Achten Sie“, so forderte er, „den Menschen in sich, Ingenieur! Vertrauen Sie dem klaren und humanen Gedanken und verabscheuen Sie die Hirnverrenkung, den geistigen Pfuhl! Gaukelei? Lebensgeheimnis? Caro mio! Wo der sittliche Mut zu Entscheidungen und Unterscheidungen, wie der zwischen Betrug und Wirklichkeit, sich zersetzt, da ist es mit dem Leben überhaupt, dem Urteile, dem Werte, der bessernden Tat zu Ende, und der Verwesungsprozeß moralischer Skepsis beginnt sein schauerliches Werk.“ Der Mensch sei das Maß der Dinge, sagte er noch. Sein Recht, über Gut und Böse, Wahrheit und Lügenschein erkennend zu befinden, sei unveräußerlich, und wehe dem, der ihn im Glauben an dieses schöpferische Recht zu beirren sich unterfange! Es sei ihm besser, einen Mühlstein um den Hals im tiefsten Brunnen ertränkt zu werden.
Hans Castorp nickte dazu und hielt sich in der Tat fürs erste von diesen Unternehmungen fern. Er hörte, daß Dr. Krokowski in seinem analytischen Souterrain mit Ellen Brand Sitzungen veranstalte, zu denen ausgewählte Mitglieder der Gästeschaft zugezogen wurden. Aber er lehnte die Beteiligung gleichgültig ab, – natürlich nicht ohne über die Versuchserfolge aus dem Munde der Mitwirkenden und Dr. Krokowskis selbst dies und das zu erfahren. Kraftäußerungen von der Art, wie sie im Zimmer der Kleefeld wilder und unwillkürlicher Weise sich ereignet hatten: Schläge also gegen Tisch und Wände, das Abdrehen der Lampe und anderes, weitergehendes, wurden bei diesen Zusammenkünften, nachdem Kamerad Krokowski die kleine Elly nach der Kunst hypnotisiert und in wachtraumhaften Zustand versetzt hatte, systematisch und unter möglichster Gewähr ihrer Echtheit erzielt und geübt. Es hatte sich gezeigt, daß eine musikalische Begleitung die Exerzitien erleichterte, und so wechselte an diesen Abenden das Grammophon seinen Standort, wurde von dem magischen Kreise mit Beschlag belegt. Da aber der Böhme Wenzel, der es bei dieser Gelegenheit bediente, ein musikalischer Mann war, der das Instrument gewiß nicht mißhandeln und schädigen würde, so konnte Hans Castorp es in leidlicher Gemütsruhe übergeben. Aus dem Plattenfundus stellte er für den besonderen Dienst ein Album zur Verfügung, worin er allerlei Leichtigkeiten, Tänze, kleine Ouvertüren und sonstiges Dideldum angeordnet hatte, das, da Elly keineswegs nach höheren Tönen verlangte, seinen Zweck vollkommen erfüllte.
Unter diesen Klängen also war, so hörte Hans Castorp, ein Taschentuch selbsttätig, oder vielmehr von einer in seinen Falten verborgenen „Klaue“ geführt, vom Boden aufgestiegen, des Doktors Papierkorb hatte sich schwebend zur Decke erhoben, der Perpendikel einer Wanduhr war „von niemandem“ abwechselnd angehalten und wieder in Gang gesetzt, eine Tischglocke „genommen“ und geläutet worden und dergleichen trübe Nichtigkeiten mehr. Der gelehrte Versuchsleiter war in der glücklichen Lage, diese Leistungen mit einem griechischen Namen voll wissenschaftlichen Anstandes zu treffen. Es waren, so erläuterte er in seinen Vorträgen und in Privatgesprächen „telekinetische“ Erscheinungen, Fälle von Fernbewegung; und der Doktor ordnete sie einem Gebiet von Phänomenen zu, das die Wissenschaft auf den Namen der Materialisation getauft hatte, und auf das sein Sinnen und Trachten bei den Versuchen mit Ellen Brand eigentlich gerichtet war.
In seiner Sprache handelte es sich da um biopsychische Projektionen unterbewußter Komplexe ins Objektive, um Vorgänge, als deren Quelle man die mediale Konstitution, den somnambulen Zustand zu betrachten hatte, und die man insofern als objektivierte Traumvorstellungen ansprechen mochte, als sich darin ein ideoplastisches Vermögen der Natur bewährte, eine unter gewissen Bedingungen dem Gedanken zukommende Fähigkeit, Materie an sich zu ziehen und sich zu ephemerer Wirklichkeit darin auszuprägen. Diese Materie entströmte dem Körper des Mediums, um sich außerhalb seiner zu biologisch-lebendigen Endorganen, Greifgliedern, Händen, vorübergehend auszugestalten, die eben jene erstaunlichen Unbeträchtlichkeiten vollbrachten, deren Zeuge man in Dr. Krokowskis Laboratorium war. Unter Umständen waren sie sichtbar und tastbar, diese Glieder, ließen in Paraffin und Gips ihre Form bewahren. Unter weiteren Umständen aber brauchte es bei ihrer Ausbildung nicht sein Bewenden zu haben. Köpfe, individuelle Menschenantlitze, Phantome in Vollgestalt verwirklichten sich vor den Augen der Experimentierenden, um in einen gewissen begrenzten Verkehr mit ihnen zu treten – – und hier begann Dr. Krokowskis Lehre überäugig zu werden, begann zu schielen und einen ähnlich schwankenden und doppeldeutigen Charakter anzunehmen, wie seinen Expektorationen über die „Liebe“ geeignet hatte. Denn nun ging es nicht länger unmißverständlich und gewahrten wissenschaftlichen Gesichtes um ins Wirkliche gespiegelte Subjektivitäten des Mediums und seiner passiven Mithelfer; nun mischten, wenigstens halb und halb, wenigstens allenfalls, Ichheiten von außen und jenseits sich in das Spiel; es handelte sich – möglicherweise, nicht ganz eingestandenermaßen – um Nichtvitales, um Wesen, die die verzwickte und geheime Gunst des Augenblicks benutzten, um in die Materie zurückzukehren und sich den Rufenden kundzugeben, – kurz, um die spiritistische Beschwörung Verstorbener.
Solche Erzeugnisse also waren es, die Kamerad Krokowski bei der Arbeit mit den Seinen letztlich anstrebte. Stämmig und kernig lächelnd, zu fröhlichem Vertraun auffordernd, strebte er sie an, heimisch für seine untersetzte Person im Sumpfig-Verdächtigen und Untermenschlichen und ein rechter Führer, denn also sogar für Zaghafte und Zweifelvolle in diesen Bezirken. Auch schien, dank Ellen Brands außerordentlichen Gaben, die zu entwickeln, zu züchten er sich angelegen sein ließ, der Erfolg ihm zu lächeln, nach allem, was Hans Castorp erfuhr. Berührungen einzelner Teilnehmer durch materialisierte Hände hatten sich ereignet. Staatsanwalt Paravant hatte aus der Transzendenz eine derbe Backpfeife empfangen und mit wissenschaftlicher Heiterkeit quittiert, ja, vor Begier sogar noch die andere Backe hingehalten, – ungeachtet seiner Eigenschaften als Kavalier, Jurist und Alter Herr einer schlagenden Verbindung, welche alle ihn zu einem ganz anderen Verhalten würden genötigt haben, wäre der Streich vitaler Herkunft gewesen. A. K. Ferge, dieser schlichte Dulder, dem alles Höhere fernlag, hatte eines Abends ein solches Geisterglied in seiner eigenen Hand gehalten und durch den Tastsinn die Richtigkeit und Vollständigkeit seiner Bildung festgestellt, worauf es sich seinem Griff, der herzhaft in den Grenzen des Respektes gewesen war, auf nicht genau zu beschreibende Weise entzogen hatte. Es dauerte geraume Frist, wohl zweieinhalb Monate, bei zwei Sitzungen wöchentlich, bis eine Hand so hinterweltlicher Herkunft, rötlich angestrahlt von einem mit rotem Papier verdunkelten Tischlämpchen, – eines jungen Mannes Hand, wie es hatte scheinen wollen, – über der Tischplatte fingernd sich allen Blicken dargestellt und in einer irdenen Schüssel mit Mehl ihre Spur hinterlassen hatte. Aber nur acht Tage später geschah es, daß eine Gruppe von Mitarbeitern Dr. Krokowskis, Herr Albin, die Stöhr, das Ehepaar Magnus, noch gegen Mitternacht mit allen Anzeichen verzerrter Begeisterung und fieberigen Entzückens in Hans Castorps Balkonloge erschien und dem in beißendem Froste Dämmernden in fliegendem Durcheinander berichtete, Ellys Holger habe sich sehen lassen, über der Schulter der Somnambulen habe sein Kopf sich gezeigt, er habe wirklich „schöne braune, braune Locken“ gehabt und so unvergeßlich sanft und melancholisch gelächelt, bevor er verschwand!
Wie stimmte, dachte Hans Castorp, diese edle Trauer mit Holgers anderweitigem Benehmen, seinen phantasielosen Kindereien und simplen Bubenstücken, der ganz unmelancholischen Tatze, zum Beispiel, zusammen, die der Staatsanwalt von ihm eingesteckt? Folgerechte Geschlossenheit des Charakters war hier offenbar nicht zu fordern. Vielleicht lag eine Gemütsverfassung vor, ähnlich der des bucklichen Männleins im Liede, seiner kummervollen und fürbittebedürftigen Bosheit. Holgers Verehrer schienen sich darüber keine Gedanken zu machen. Was ihnen am Herzen lag, war, Hans Castorp zum Aufgeben seiner Enthaltsamkeit zu bestimmen. Unbedingt müsse er der nächsten Sitzung beiwohnen, nun, wo alles so prächtig stehe. Denn Elly habe im Schlafe versprochen, das nächste Mal jeden beliebigen Verstorbenen vorzuführen, der aus dem Kreise würde verlangt werden.
Jeden beliebigen? Hans Castorp hielt sich trotzdem ablehnend. Aber daß es jeder beliebige Abgeschiedene sein könne, beschäftigte ihn dennoch in einem Maße, daß er im Laufe der nächsten drei Tage zu entgegengesetzten Beschlüssen kam. Genau genommen waren es nicht diese drei Tage, sondern nur einige Minuten davon, die ihn dazu brachten. Seine Sinnesänderung vollzog sich, während er zu einsamer Abendstunde im Musiksalon wieder einmal jene Platte laufen ließ, in welche Valentins erzsympathische Persönlichkeit eingeprägt war, – während er in seinem Stuhl diesem Soldatengebet des scheidenden Braven lauschte, den es aufs Feld der Ehre drängte, und der sang:
Da hob sich, wie immer bei diesem Gesange, aber diesmal durch gewisse Möglichkeiten verstärkt und zum Wunsche verdichtet, große Rührung auf in Hans Castorps Brust, und er dachte: „Müßig und sündig oder nicht, es wäre doch herzlich seltsam und ein sehr liebes Abenteuer. Er, wenn er damit zu tun hat, wird es nicht übelnehmen, wie ich ihn kenne.“ Und er erinnerte sich des gleichmütig-liberalen, „Bitte, bitte!“, das er einst, im Durchleuchtungslaboratorium, aus der Nacht zur Antwort erhalten, als er um Erlaubnis zu gewissen optischen Indiskretionen einkommen zu sollen geglaubt hatte.
Am nächsten Morgen meldete er seine Teilnahme an der abendlich bevorstehenden Sitzung an und gesellte sich eine halbe Stunde nach dem Diner zu denen, die, unbeklommen plaudernd, als Habitués des Nichtgeheueren, den Weg ins Kellergeschoß einschlugen. Es waren lauter wurzelständig Alteingesessene oder doch längst Zugehörige, wie Dr. Ting-Fu und der Böhme Wenzel, mit denen er auf der Treppe und dann in Dr. Krokowskis Gelaß zusammentraf: die Herren Ferge und Wehsal also, der Staatsanwalt, die Damen Levi und Kleefeld, zu schweigen von denen, die ihm die Erscheinung von Holgers Haupt gemeldet hatten, und von der Mittlerin, Elly Brand.
Das nordische Kind befand sich bereits in des Doktors Obhut, als Hans Castorp die mit der Visitenkarte geschmückte Tür durchschritt. An Krokowskis Seite, der, bekleidet mit seinem schwarzen Arbeitskittel, in väterlichem Sinne den Arm um ihre Schulter geschlungen hielt, erwartete sie am Fuße der Stufen, die noch von der Ebene des Souterrains in die Wohnung des Assistenten hinabführten, die Gäste und begrüßte sie mit ihm. Allerseits war diese Begrüßung von aufgeräumt-unbedenklicher Herzlichkeit getragen. Es schien Absicht, die Stimmung von jeder feierlichen Beengung freizuhalten. Laut und scherzhaft sprach man durcheinander, tauschte aufmunternde Rippenstöße und bekundete auf alle Weise seine Unbefangenheit. In Dr. Krokowskis Barte zeigten sich beständig mit jenem kernigen und zum Vertrauen auffordernden Ausdruck seine gelben Zähne, während er sein „Ich gdieße Sie!“ wiederholte, und besonders taten sie das, als er Hans Castorp willkommen hieß, der schweigsam war, und dessen Miene schwankte. „Mut, mein Freund!“ schien die auf- und rückwärts schüttelnde Kopfbewegung des Wirtes zu sagen, während er dem jungen Mann fast derb die Hand drückte. „Wer wird die Ohren hängen lassen? Hier gibt es nicht Duckmäusertum noch Frömmelei, sondern einzig die männliche Heiterkeit vorurteilsloser Forschung!“ Dem pantomimisch so Angeredeten wurde nicht wohler davon. Wir ließen ihn sich bei seinen Vorsätzen des Durchleuchtungslaboratoriums erinnern, doch diese Ideenverbindung reicht keineswegs hin, um den Zustand seines Gemüts zu kennzeichnen. Vielmehr gemahnte dieser ihn selbst sehr lebhaft an die eigentümlich und unvergeßlich aus Übermut und Nervosität, Wißbegier, Verachtung und Andacht gemischte Verfassung, worin er sich vor Jahren befunden, als er sich, etwas bekneipt, mit Kameraden zum erstenmal angeschickt hatte, ein Mädchenhaus in Sankt Pauli zu besuchen.
Da man übrigens vollzählig war, so zog Dr. Krokowski sich mit zwei Assistentinnen, zu welchen diesmal Frau Magnus und die elfenbeinfarbene Levi ernannt worden, zur Leibeskontrolle des Mediums ins Nebengelaß zurück, während Hans Castorp mit den neun verbleibenden Teilnehmern das Ende dieses regelmäßig und stets ergebnislos wiederholten Aktes wissenschaftlicher Strenge im Arbeits- und Ordinationszimmer des Doktors erwartete. Der Raum war ihm vertraut von gewissen Plauderstunden her, die er eine Zeitlang, hinter Joachims Rücken, hier mit dem Analytiker abgehalten. Es war, mit seinem Schreibbureau nebst Armsessel und Besucherfauteuil links hinten am Fenster, seiner Handbibliothek zu beiden Seiten der Nebentür, seiner von der Schreibtischgruppe durch einen mehrteiligen Wandschirm getrennten schräg stehenden Wachstuch-Chaiselongue im rechten Hintergrunde, seinem Instrumentenglasschrank im dortigen Winkel, der Hippokratesbüste in einem anderen und dem Stich nach Rembrandts Anatomie über dem Gaskamin an der rechten Seitenwand, alltäglich ein ärztliches Empfangszimmer wie andere mehr; doch waren einige für den besonderen Zweck getroffene Abänderungen in seiner Einrichtung festzustellen. Der Mahagonirundtisch, der gewöhnlich, von Sesseln umgeben, in der Mitte, unter dem elektrischen Lüster auf dem fast den ganzen Boden bedeckenden roten Teppich seinen Platz hatte, war gegen den linken Winkel des Vordergrundes, dorthin, wo die Gipsbüste stand, verrückt, und exzentrisch, näher gegen den brennenden und eine trockene Hitze ausströmenden Kamin hin, stand ein kleineres, leicht bedecktes Tischchen, das ein rot verkleidetes Lämpchen trug, und über dem, von der Decke herab, noch eine weitere, ebenfalls mit rotem und außerdem noch mit schwarzem Schleierstoff umkleidete Birne hing. Auf und neben dem Tischchen standen ein paar berüchtigte Gegenstände: die Tischglocke, oder eigentlich zwei von verschiedener Konstruktion, eine Handschelle und eine Druckglocke, zum Daraufschlagen, ferner der Teller mit Mehl, der Papierkorb. Etwa ein Dutzend Stühle und Sessel unterschiedlichen Typs umgaben das Tischchen in einem Halbkreis, dessen eines Ende nahe dem Fußende der Chaiselongue und dessen anderes ziemlich genau in der Mitte des Zimmers, unter dem Deckenlüster gelegen war. Hier, in der Nähe des letzten Sitzes, etwa halbwegs zur Nebentür, hatte auch der Musikschrein seinen Platz gefunden. Das Album mit den Leichtigkeiten lag auf einem Stuhle daneben. So die Anordnung. Noch waren die roten Lampen nicht entzündet. Der Deckenkörper spendete tagweißes Licht. Das Fenster, dem der davor stehende Schreibtisch die Schmalseite zukehrte, war mit einem dunklen Vorhang verhüllt, vor dem noch ein cremefarbener, spitzenartig durchbrochener, ein sogenannter Store, herniederhing.
Nach zehn Minuten kehrte der Doktor mit den drei Damen aus dem Kabinett zurück. Das Äußere der kleinen Elly hatte sich verändert. Sie zeigte sich nicht mehr in ihren Kleidern, sondern in einer Art Sitzungskostüm, einem schlafrockartigen Gewande aus weißem Crepe, das um die Taille von einer Gürtelschnur, einer Kordel zusammengehalten wurde und ihre schmalen Arme entblößt ließ. Da ihre jungfräuliche Brust sich so weich und ungefesselt darunter abzeichnete, schien es, daß sie unter diesem Gewande wenig trage.
Sie wurde lebhaft begrüßt. „Hallo, Elly! Wie reizend sie wieder aussieht! Die reine Fee! Mach’s gut, mein Engel!“ Sie lächelte über die Zurufe, über ihren Aufzug, von dem sie wohl wußte, daß er sie kleidete. „Vorkontrolle negativ“, stellte Dr. Krokowski fest. „Frisch ans Werk denn, Kameraden!“ fügte er mit nur einmal anschlagendem exotischem Zungen-r hinzu; und Hans Castorp, übel berührt von der Anrede, war im Begriff, sich gleich den anderen, die unter Hallos, Geschwätz und Schulterschlägen den Halbkreis der Stühle einzunehmen begannen, irgendeinen Platz zu suchen, als der Doktor sich persönlich an ihn wandte.
„Ihnen, mein Freund (mein Freind)“, sagte er, „der Sie gewissermaßen als Gast oder Neuling in unserer Mitte weilen, möchte ich für diesen Abend besondere Ehrenrechte zuerkennen. Ich betraue Sie mit der Kontrolle unseres Mediums. Wir üben sie, wie folgt.“ Und er bat den jungen Mann an das eine Ende des offenen Zirkels, an das der Chaiselongue und dem Wandschirm benachbarte, wo Elly, das Gesicht mehr der Eingangstür mit den Stufen, als der Zimmermitte zugewandt, einen gewöhnlichen Rohrstuhl eingenommen hatte, setzte sich auf einen ebensolchen ihr dicht gegenüber und ergriff ihre Hände, indem er ihre beiden Knie zwischen die seinen klemmte. „Ahmen Sie das nach!“ befahl er und ließ Hans Castorp für sich eintreten. „Sie werden zugeben, daß die Haft vollkommen ist. Zum Überfluß erhalten Sie Unterstützung. Mein Fräulein Kleefeld, darf ich ersuchen?“ Und die so höfisch-exotisch Beorderte gesellte sich zu der Gruppe, indem sie mit ihren beiden Händen Ellys gebrechliche Handgelenke umfaßte.
Es war nicht ganz zu vermeiden, daß Hans Castorp in das dem seinen so nahe Gesicht des eng von ihm gefesselten jungfräulichen Wunderkindes blickte. Ihre Augen begegneten sich, aber Ellys glitten ab und nieder, zum Zeichen einer Schamhaftigkeit, die nach Lage der Dinge wohl begreiflich war, und sie lächelte dazu ein wenig geziert, mit schrägem Kopfe und leicht gespitzten Lippen, wie neulich bei der Glasseance. Übrigens flog noch eine andere und weitläufigere Erinnerung ihren Aufseher an bei dieser stillen Ziererei. So ungefähr, fiel ihm ein, hatte Karen Karstedt gelächelt, als er mit Joachim und ihr an der noch unaufgemachten Bettstatt des Friedhofs von „Dorf“ gestanden hatte ...
Der Halbkreis war seßhaft geworden. Es waren dreizehn Personen, nicht eingeschlossen den Böhmen Wenzel, der seine Person zur Versorgung Polyhymnias freizuhalten gewohnt war und neben dem Apparat, nachdem er ihn in Bereitschaft gesetzt, im Rücken der gegen die Zimmermitte hin Sitzenden einen Hocker einnahm. Auch seine Guitarre hatte er bei sich. Unter dem Mittellüster, dort, wo die gekrümmte Reihe wiederum endigte, ließ Dr. Krokowski sich nieder, nachdem er mit einem Handgriff die beiden roten Beleuchtungskörper entzündet und mit einem zweiten das Deckenweißlicht gelöscht hatte. Sacht glühende Finsternis lag nun über dem Zimmer, dessen entferntere Gegenden und Winkel dem Blick überhaupt unzugänglich geworden waren. Eigentlich war nur die Platte des Tischchens und seine nächste Umgebung schwach rötlich erhellt. Man sah kaum seinen Nachbarn während der nächsten Minuten. Nur langsam bequemten die Augen sich dem Dunkel und lernten, das zugestandene Licht sich zunutzezumachen, das durch das Flämmchengetänzel des Kamins eine gewisse Verstärkung erfuhr.
Der Doktor widmete der Beleuchtung einige Worte, entschuldigte ihre wissenschaftlichen Mängel. Man möge sich hüten, sie im Sinne der Stimmungsmache und Mystifikation zu deuten. Kein Mehr an Licht sei leider beim besten Willen vorerst zu erreichen gewesen. Die Natur der hier in Frage stehenden und zu studierenden Kräfte bringe es nun einmal mit sich, daß sie bei Weißlicht sich nicht zu entwickeln, nicht wirksam zu werden vermöchten. Das sei eine bedingende Tatsache, mit der man sich vorläufig abzufinden habe. – Hans Castorp war es zufrieden. Das Dunkel tat wohl; es milderte die Eigentümlichkeiten der Gesamtlage. Überdies erinnerte er sich zur Rechtfertigung des Dunkels an dasjenige, worin man sich im Durchleuchtungsraum fromm gesammelt und mit dem man sich die Tagaugen gewaschen hatte, bevor man „sah“.
Das Medium, so setzte Dr. Krokowski sein Vorwort fort, das er offenbar an Hans Castorp besonders richtete, bedürfe der Einschläferung durch ihn, den Arzt, nicht länger. Sie falle, wie der Kontrolleur schon merken werde, von selbst in Trance, und, dies geschehen, spreche ihr Schutzgeist, der bekannte Holger, aus ihr, an den man sich auch – und nicht an sie – mit seinen Wünschen zu wenden habe. Übrigens sei es irrtümlich und könne Mißlingen zeitigen, zu glauben, man müsse Willen und Gedanken mit Gewalt auf das gewärtigte Phänomen versammeln. Im Gegenteil sei eine halb zerstreute und gesprächige Aufmerksamkeit das Gebotene. Hans Castorp möge vor allem darauf bedacht sein, die Extremitäten des Mediums in untadeliger Obhut zu halten.
„Man bilde die Kette!“ schloß Dr. Krokowski, und so tat man, lachend, wenn im Dunkel die Hände der Nachbarn nicht gleich zu finden waren. Dr. Ting-Fu, Hermine Kleefeld zunächst sitzend, legte seine Rechte auf ihre Schulter und reichte die Linke Herrn Wehsal, der auf ihn folgte. Neben dem Doktor saßen Herr und Frau Magnus, an die A. K. Ferge sich schloß, welcher, wenn Hans Castorp sich nicht täuschte, die Hand der elfenbeinfarbenen Levi zu seiner Rechten hielt, – und so fort. „Musik!“ befahl Dr. Krokowski; und der Tscheche im Rücken des Doktors und seiner Nächsten, ließ laufen und setzte die Nadel auf. „Gespräch!“ kommandierte Krokowski wieder, während die ersten Takte einer Ouvertüre von Millöcker erschollen; und gehorsam rückte man sich auf, um eine Unterhaltung in Gang zu setzen, die von nichts und wieder nichts, hier von den Schneeverhältnissen dieses Winters, da von der letzten Speisenfolge, dort von einer Arrivée, einer wilden oder legitimen Abreise handelte und, halb zugedeckt von der Musik, abreißend und wieder anhebend, sich künstlich am Leben hielt. So vergingen einige Minuten.
Die Platte war noch nicht abgelaufen, als Elly heftig zusammenzuckte. Ein Zittern durchlief sie, sie seufzte, ihr Oberkörper sank nach vorn, so daß ihre Stirn diejenige Hans Castorps berührte, und gleichzeitig begannen ihre Arme mit denen der Aufseher sonderbar pumpende, vor- und rückwärts stoßende Bewegungen auszuführen.
„Trance!“ meldete kundig die Kleefeld. Die Musik verstummte. Das Gespräch brach ab. In die jähe Stille hinein hörte man des Doktors weich schleppenden Bariton die Frage tun:
„Ist Holger zur Stelle?“
Elly erzitterte aufs neue. Sie schwankte auf ihrem Stuhl. Dann spürte Hans Castorp, wie sie mit beiden Händen fest und kurz die seinen drückte.
„Sie drückt mir die Hände“, teilte er mit.
„Er“, verbesserte ihn der Doktor. „Er hat sie Ihnen gedrückt. Er ist also gegenwärtig. – Wir gdießen dich, Holger“, fuhr er mit Salbung fort. „Sei uns von Herzen willkommen, Gesell! Und laß dich erinnern! Als du das letztemal unter uns weiltest, versprachst du, jeden beliebigen Abgeschiedenen, sei es ein Menschenbduder oder eine Schwester, herbeizurufen und unseren sterblichen Augen sichtbar zu machen, der dir aus unserem Kreise genannt werden würde. Bist du gewillt und fühlst du dich vermögend, heut dieses Versprechen einzulösen?“
Wieder schauderte Elly. Sie seufzte und zögerte mit der Antwort. Langsam führte sie ihre Hände nebst denen der Beisitzer an ihre Stirn, wo sie sie eine Weile ruhen ließ. Dann flüsterte sie dicht an Hans Castorps Ohr ein heißes „Ja!“
Der Sprechhauch unmittelbar in sein Ohr hinein schuf unserem Freund jenes epidermale Gruseln, das man volkstümlich als „Gänsehaut“ bezeichnet, und dessen Wesen der Hofrat ihm eines Tages erläutert hatte. Wir sprechen von einem Gruselreiz, um das rein Körperliche vom Seelischen zu unterscheiden; denn von Grauen konnte nicht wohl die Rede sein. Was er dachte, war ungefähr: „Na, die vermißt sich ja weitgehend!“ Zugleich aber wandelte Rührung, ja Erschütterung ihn an, eine verwirrte Rührung und Erschütterung, ein Gefühl, geboren aus Verwirrung, aus dem täuschenden Umstande nämlich, daß ein junges Blut, dessen Hände er hielt, an seinem Ohre ein „Ja“ gehaucht hatte.
„Er hat Ja gesagt“, rapportierte er und schämte sich.
„Gut denn, Holger!“ sprach Dr. Krokowski. „Wir nehmen dich beim Wort. Wir alle vertrauen, daß du redlich das Deine tust. Der Name des Teuren, nach dessen Manifestation wir verlangen, wird dir sogleich genannt werden. Kameraden“, wandte er sich an die Gesellschaft, „heraus mit der Sprache! Wer ist es, der einen Wunsch in Bereitschaft hat? Wen soll uns Freund Holger zeigen?“
Ein Schweigen folgte. Es wartete jeder auf eine Äußerung des anderen. Der einzelne hatte sich wohl in den letzten Tagen geprüft, wohin, zu wem seine Gedanken gingen; doch bleibt die Rückkunft Verstorbener, das heißt: die Wünschbarkeit solcher Wiederkehr immer ein verwickeltes und heikles Ding. Im Grunde und gerade heraus gesprochen besteht sie nicht, diese Wünschbarkeit; sie ist ein Irrtum; sie ist, bei Lichte besehen, genau so unmöglich, wie die Sache selbst, was sich erweisen würde, höbe die Natur die Unmöglichkeit dieser nur einmal auf; und was wir Trauer nennen, ist vielleicht nicht sowohl der Schmerz über die Unmöglichkeit, unsere Toten ins Leben kehren zu sehen, als darüber, dies gar nicht wünschen zu können.
So empfanden dunkel alle, und wiewohl es sich hier um keine ernste und praktische Rückkehr ins Leben, sondern um eine rein sentimentale und theatralische Veranstaltung handelte, bei der man den Ausgeschiedenen eben nur sehen sollte, der Fall also lebensunbedenklich war, so fürchteten sie sich doch vor dem Angesichte dessen, an den sie dachten, und jeder hätte das Recht, einen Wunsch zu äußern, lieber dem Nächsten zugeschoben. Auch Hans Castorp, obgleich er das gutmütig liberale „Bitte – bitte!“ aus der Nacht vernahm, hielt sich zurück und war im letzten Augenblick ziemlich bereit, einem anderen den Vortritt zu lassen. Da es ihm aber zu lange dauerte, so sagte er denn, den Kopf gegen den Sitzungsleiter gewandt, mit belegter Stimme:
„Ich möchte meinen verstorbenen Vetter Joachim Ziemßen sehen.“
Das war Befreiung für alle. Von sämtlichen Anwesenden hatten nur Dr. Ting-Fu, der Tscheche Wenzel und das Medium selbst den Angeforderten nicht gekannt. Die übrigen, Ferge, Wehsal, Herr Albin, der Staatsanwalt, Herr und Frau Magnus, die Stöhr, die Levi, die Kleefeld, bekundeten laut und froh ihren Beifall, und selbst Dr. Krokowski nickte zufrieden, obgleich sein Verhältnis zu Joachim allezeit kühl gewesen war, da dieser im Punkte der Analyse sich wenig willfährig erwiesen hatte.
„Sehr wohl“, sagte der Doktor. „Du hörtest, Holger? Im Leben war der Genannte dir fremd. Erkennst du ihn im Jenseits der Dinge und bist du bereit, ihn uns herbeizuführen?“
Größte Erwartung. Die Schlafende schwankte, seufzte und schauderte. Sie schien zu suchen und zu kämpfen, während sie, hin und her sinkend, bald an Hans Castorps Ohr, bald an dem der Kleefeld Unverständliches flüsterte. Endlich empfing Hans Castorp von ihren beiden Händen den Druck, der „Ja“ bedeutete. Er erstattete Meldung, und –
„Gut denn!“ rief Dr. Krokowski. „An die Arbeit, Holger! Musik!“ rief er. „Gespräch!“ Und er wiederholte die Einschärfung, daß keinerlei Gedankenkrampf und gewaltsame Vorstellung des Erwarteten, sondern einzig eine zwanglos schwebende Achtsamkeit der Sache zu dienen vermöge.
Nun folgten die sonderbarsten Stunden, die unseres Helden junges Leben bis dahin aufzuweisen hatte; und obgleich uns sein späteres Schicksal nicht vollkommen deutlich ist, obgleich wir ihn an einem bestimmten Punkt unserer Geschichte aus den Augen verlieren werden, möchten wir annehmen, daß es die überhaupt sonderbarsten blieben, die er erlebte.
Es waren Stunden, mehr als zwei, wir sagen es gleich, eine kurze Unterbrechung der nun anhebenden „Arbeit“ Holgers oder eigentlich des Jungfräuleins Elly mit eingerechnet, – dieser Arbeit, die sich entsetzlich in die Länge zog, so daß man endlich an einem Ergebnis zu verzagen allgemein im Begriffe war und außerdem aus purem Mitleid oft genug sich versucht fühlte, sie verzichtend abzukürzen, denn sie schien wirklich erbarmungswürdig schwer und über die zarten Kräfte zu gehen, denen sie auferlegt war. Wir Männer, wenn wir dem Menschlichen nicht ausweichen, kennen aus einer bestimmten Lebenslage dies unerträgliche Erbarmen, das lächerlicherweise von niemandem angenommen wird und wahrscheinlich gar nicht am Platze ist, dies empörte „Genug!“, das sich unserer Brust entringen will, obgleich „es“ nicht genug sein will und darf und so oder so zu Ende geführt werden muß. Man versteht schon, daß wir von unserer Gatten- und Vaterschaft sprechen, vom Akt der Geburt, dem Ellys Ringen tatsächlich so unzweideutig und unverwechselbar glich, daß auch derjenige ihn wiedererkennen mußte, der ihn noch gar nicht kannte, wie der junge Hans Castorp, welcher also, da auch er dem Leben nicht ausgewichen war, diesen Akt voll organischer Mystik in solcher Gestalt kennen lernte, – in was für einer Gestalt! Und zu welchem Behufe! Und unter welchen Umständen! Unmöglich konnte man sie anders als skandalös bezeichnen, die Merkmale und Einzelheiten dieser animierten Wochenstube im Rotlicht, sowohl was die jungfräuliche Person der Wöchnerin in ihrem fließenden Schlafrock und mit ihren bloßen Ärmchen, wie auch was die weiteren Verhältnisse, die unaufhörliche leichtlebige Grammophon-Musik, das künstliche Geschwätz betraf, das der Halbkreis auf Befehl zu unterhalten suchte, die Zurufe fröhlich aufmunternder Art, die aus ihm immerfort an die Kämpfende ergingen: „Hallo, Holger! Mut! Es wird schon! Nicht nachlassen, Holger, und immer heraus damit, so wirst du’s schaffen!“ Und keineswegs nehmen wir hier die Person und Lage des „Gatten“ aus – wenn wir Hans Castorp, der ja den Wunsch getan, als den zugehörigen Gatten betrachten dürfen – des Gatten also, der die Knie der „Mutter“ zwischen den seinen, ihre Hände in seinen hielt: diese Händchen, die so naß waren, wie der kleinen Leila ihre einst gewesen, so daß er beständig seinen Zugriff erneuern mußte, damit sie ihm nicht entglitten.
Denn der Gaskamin im Rücken der hier Sitzenden strahlte Hitze.
Mystik und Weihe? Ach nein, es ging laut und abgeschmackt zu im Rotdunkel, an welches die Augen sich nachgerade soweit gewöhnt hatten, daß sie das Zimmer so ziemlich beherrschten. Die Musik, das Rufen erinnerten an Aufpulverungsmethoden der Heilsarmee, erinnerten auch denjenigen daran, der, wie Hans Castorp, einem Gottesfest dieser aufgeräumten Zeloten noch niemals beigewohnt hatte. Mystisch, geheimnisvoll, den Fühlenden zur Frömmigkeit anhaltend, wirkte die Szene in keinerlei gespenstischem Sinn, sondern einzig in einem natürlichen, organischen – und durch welche nähere und intime Verwandtschaft, das sagten wir schon. Ellys Anstrengungen kamen wehenartig, nach Ruhezuständen, während welcher sie seitlich schlaff vom Stuhle hing, in einer Verfassung von Unzugänglichkeit, die Dr. Krokowski als „Tief-Trance“ bezeichnete. Dann wieder fuhr sie auf, stöhnte, warf sich hin und her, drängte, rang mit ihren Aufsehern, flüsterte Heißes und Sinnloses an ihren Ohren, schien mit seitwärts schleudernden Bewegungen etwas aus sich hinausjagen zu wollen, knirschte mit den Zähnen und biß einmal sogar in Hans Castorps Ärmel.
Das ging so eine Stunde und länger. Dann fand der Sitzungsleiter es im allseitigen Interesse geraten, eine Pause eintreten zu lassen. Der Tscheche Wenzel, der erleichternder Abwechselung halber den Musikapparat zuletzt geschont und sehr gewandt die Gitarre hatte schollern und tönen lassen, stellte sein Instrument beiseite. Man löste aufseufzend die Hände. Dr. Krokowski schritt zur Wand, um das Deckenlicht einzuschalten. Blendend flammte die weiße Helligkeit auf, daß alle die Nachtaugen blöde verkniffen. Elly schlummerte weit vorgebeugt, das Gesicht fast in ihrem Schoß. Man sah sie eigentümlich beschäftigt, begriffen in einem Tun, das den anderen vertraut schien, dem aber Hans Castorp verwundert und aufmerksam zusah: Einige Minuten lang fuhr sie mit der hohlen Hand in der Gegend ihrer Hüfte hin und her, – führte die Hand von sich fort und mit schöpfender oder rechender Bewegung wieder an sich heran, so, als zöge und sammle sie etwas ein. – Dann kam sie in mehrmaligem Aufzucken zu sich, blinzelte, auch sie, mit blöden Schlafaugen ins Licht und lächelte.
Sie lächelte, – zierlich und etwas verschlossen. Das Erbarmen mit ihrer Mühsal schien in der Tat verschwendet. Es sah nicht aus, als sei sie besonders erschöpft davon. Vielleicht erinnerte sie sich gar nicht daran. Sie saß in des Doktors Besuchersessel an der rückwärtigen Breitseite des Schreibtisches am Fenster, zwischen ihm und der spanischen Wand, die die Chaiselongue umstand; hatte dem Stuhl eine Wendung gegeben, daß sie den Arm auf die Schreibtischplatte stützen konnte und ins Zimmer blickte. So saß sie, von gerührten Blicken gestreift, mit aufmunterndem Kopfnicken hie und da bedacht, schweigend während der ganzen Pause, die fünfzehn Minuten dauerte.
Es war eine richtige Pause, – gelöst und von sanfter Genugtuung im Hinblick auf die schon geleistete Arbeit erfüllt. Die Zigarettenbüchsen der Herren klappten. Man rauchte mit Behagen und besprach da und dort nahe beieinander stehend den Charakter der Sitzung. Viel fehlte, daß man an diesem Charakter verzagen, eine endgültige Ergebnislosigkeit hätte ins Auge fassen müssen. Es gab Anzeichen, geeignet, solchen Kleinmut völlig hintanzuhalten. Diejenigen, die am entgegengesetzten Ende des Halbkreises, beim Doktor, gesessen hatten, stimmten darin überein, mehrmals und deutlich jenen kühlen Hauch verspürt zu haben, der regelmäßig, wenn Phänomene sich vorbereiteten, von der Person des Mediums in eine bestimmte Richtung ausgehe. Andere wollten Lichterscheinungen bemerkt haben, weiße Flecken, wandernde Ballungen von Kraft, die sich vor der spanischen Wand verschiedentlich gezeigt hätten. Kurzum, kein Nachlassen! Keine Mattherzigkeit! Holger hatte sein Wort gegeben, und man hatte kein Recht, zu zweifeln, daß er es einlösen werde.
Dr. Krokowski gab das Zeichen zum Wiederbeginn der Sitzung. Er selbst geleitete Elly, während auch die übrigen ihre Plätze wieder aufsuchten, zu ihrem Marterstuhl zurück, wobei er ihr Haar streichelte. Alles ging wie vorhin; Hans Castorp beantragte zwar seine Ablösung vom Posten des ersten Kontrolleurs, wurde aber vom Sitzungsleiter abschlägig beschieden. Er lege Wert darauf, sagte dieser, demjenigen, der den Wunsch getan, die unmittelbar sinnliche Gewähr zu geben, daß jede irreführende Manipulation des Mediums praktisch ausgeschlossen sei. So nahm Hans Castorp seine sonderbare Stellung mit Elly wieder ein. Das Licht erlosch zum Rotdunkel. Die Musik begann wieder. Wieder folgten nach einigen Minuten das jähe Zusammenzucken, die Pumpbewegungen Ellys, und diesmal war es Hans Castorp, der „Trance“ meldete. Die skandalöse Niederkunft nahm ihren Fortgang.
Wie schrecklich schwer sie vonstatten ging! Sie schien nicht vonstatten gehen zu wollen, – und konnte sie denn? Welcher Wahnsinn! Woher hier Mutterschaft? Entbindung – wie und wovon? „Helft! Helft!“ stöhnte das Kind, während seine Wehen in jenen unförderlichen und gefährlichen Dauerkrampf überzugehen drohten, den gelehrte Geburtshelfer als Eklampsie bezeichnen. Sie rief nach dem Doktor zwischendurch, daß er ihr die Hände auflege. Er tat es unter kernigem Zureden. Die Magnetisierung, wenn es denn eine solche war, stärkte sie zu weiterem Ringen.
Also verging die zweite Stunde, während abwechselnd die Gitarre schollerte und das Grammophon die Weisen des leichten Albums in den Raum warf, dessen Lichtverhältnissen die tagentwöhnten Augen sich wieder leidlich angepaßt hatten. Da ereignete sich ein Zwischenfall, – Hans Castorp war es, der ihn herbeiführte. Er gab eine Anregung, sprach einen Wunsch und Gedanken aus, den er längst, eigentlich von allem Anbeginn, gehegt und mit dem er möglicherweise früher hätte hervortreten sollen. Eben lag Elly, das Gesicht auf ihren gehaltenen Händen, in „Tieftrance“, und Herr Wenzel war im Begriffe die Platte zu wechseln oder sie umzudrehen, als unser Freund mit Entschluß begann und sagte, er habe einen Vorschlag zu machen, – unbedeutend übrigens, und doch könne seine Annahme vielleicht von Nutzen sein. Er habe da ... das heiße: der Plattenschatz des Hauses enthalte eine Nummer: aus „Margarete“ von Gounod, Gebet des Valentin, Bariton mit Orchester, sehr ansprechend. Er, Redner, meine, daß man es einmal mit dieser Platte versuchen sollte.
„Und warum das?“ fragte der Doktor durch das Rotdunkel ...
„Stimmungssache, Gefühlsangelegenheit“, versetzte der junge Mann. Der Geist des fraglichen Stückes sei eigentümlich und speziell. Es komme auf einen Versuch damit an. Nicht ganz ausgeschlossen, seiner Meinung nach, daß dieser Geist und Charakter den Prozeß, um den es hier gehe, werde abkürzen können.
„Ist die Platte zur Stelle?“ erkundigte sich der Doktor.
Nein, das war sie nicht. Aber Hans Castorp konnte sie ohne weiteres holen.
„Wo denken Sie hin!“ Krokowski wies das unbedingt von der Hand. Wie? Hans Castorp wollte gehen und kommen, etwas holen und dann die unterbrochene Arbeit wieder aufnehmen? Unerfahrenheit rede aus ihm. Nein, das sei schlechthin unmöglich. Alles wäre zerstört, man könnte von vorn beginnen. Auch die wissenschaftliche Exaktheit verbiete, an solch willkürliches Aus- und Eingehen nur zu denken. Die Tür sei verschlossen. Er, der Doktor, trage den Schlüssel in der Tasche. Und kurz, wenn die Platte nicht ohne weiteres greifbar sei, so müsse man – Er redete noch, als der Tscheche vom Grammophon her dazwischen warf:
„Die Platte ist hier.“
„Hier?“ fragte Hans Castorp ...
Ja, hier. Margarete, Gebet des Valentin. Bitte sehr. Sie hatte ausnahmsweise im leichten Album gesteckt und nicht im grünen Arien-Album Nummer II, wohin sie nach der Organisation gehörte. Sie war zufälligerweise, außerordentlicherweise, schlampigerweise, erfreulicherweise unter die Allotria geraten und brauchte nur eingelegt zu werden.
Was sagte Hans Castorp dazu? Er sagte nichts. Der Doktor war es, der „Desto besser“ sagte, und mehrere wiederholten es. Die Nadel wetzte, der Deckel sank. Und männlich begann es zu choralhaften Klängen: „Da ich nun verlassen soll –“
Niemand sprach. Man lauschte. Elly hatte, sobald der Gesang begann, ihre Arbeit erneuert. Sie war aufgefahren, zitterte, ächzte, pumpte und führte wieder die gleitnassen Hände an ihre Stirn. Die Platte lief. Es kam der mittlere Teil, mit umspringendem Rhythmus, die Stelle von Kampf und Gefahr, keck, fromm und französisch. Sie ging vorüber, es folgte der Schluß, die orchestral verstärkte Reprise des Anfangs, mächtigen Klangs: „O, Herr des Himmels, hör’ mein Flehn –“
Hans Castorp hatte mit Elly zu tun. Sie bäumte sich, zog durch verengte Kehle die Luft ein, sank dann lang ausseufzend in sich zusammen und blieb still. Besorgt beugte er sich über sie, da hörte er die Stöhr mit piepender, winselnder Stimme sagen:
„Ziem – ßen –!“
Er richtete sich nicht auf. In seinen Mund trat ein bitterer Geschmack. Er hörte eine andere Stimme tief und kalt erwidern:
„Ich sehe ihn längst.“
Die Platte war abgelaufen, der letzte Bläserakkord verklungen. Aber niemand stoppte den Apparat. Leer kratzend in der Stille lief die Nadel inmitten der Scheibe weiter. Da hob denn Hans Castorp den Kopf, und seine Augen gingen, ohne suchen zu müssen, den richtigen Weg.
Es war einer mehr im Zimmer, als vordem. Dort, abseits von der Gesellschaft, im Hintergrund, wo die Reste des Rotlichtes sich fast in Nacht verloren, so daß die Augen kaum noch dahin drangen, zwischen Schreibtisch-Breitseite und spanischer Wand, auf dem gegen das Zimmer gedrehten Besucherstuhl des Doktors, wo während der Pause Elly gesessen, saß Joachim. Es war Joachim mit den schattigen Wangenhöhlen und dem Kriegsbart seiner letzten Tage, in dem die Lippen so voll und stolz sich wölbten. Angelehnt saß er und hielt ein Bein über das andere geschlagen. Auf seinem abgezehrten Gesicht erkannte man, obgleich es von einer Kopfbedeckung beschattet war, den Stempel des Leidens und auch den Ausdruck von Ernst und Strenge wieder, der es so männlich verschönt hatte. Zwei Falten standen auf seiner Stirn zwischen den Augen, die tief in knochigen Höhlen lagen, doch das beeinträchtigte nicht die Sanftmut des Blicks dieser schönen, groß-dunklen Augen, der still und freundlich spähend auf Hans Castorp, auf diesen allein, gerichtet war. Sein kleiner Kummer von ehedem, die abstehenden Ohren waren erkennbar auch unter der Kopfbedeckung, der sonderbaren Kopfbedeckung, auf die man sich nicht verstand. Vetter Joachim war nicht in Zivil; sein Säbel schien am übergeschlagenen Schenkel zu lehnen, er hielt die Hände am Griff, und etwas wie eine Pistolentasche glaubte man gleichfalls an seinem Gürtel zu unterscheiden. Doch war das auch kein richtiger Waffenrock, was er trug. Nichts Blankes noch Farbiges war daran zu bemerken, es hatte einen Litewkakragen und Seitentaschen, und irgendwo ziemlich tief saß ein Kreuz. Die Füße Joachims wirkten groß und die Beine sehr dünn; sie schienen eng eingewickelt, auf sportliche mehr, denn auf militärische Art. Und wie war das mit der Kopfbedeckung? Sie sah aus, als hätte Joachim sich ein Feldgeschirr, einen Kochtopf aufs Haupt gestülpt und ihn durch Sturmband unter dem Kinn befestigt. Doch wirkte das altertümlich und landsknechthaft und kriegerisch kleidsam, merkwürdigerweise.
Hans Castorp spürte den Atem Ellen Brands auf seinen Händen. Neben sich hörte er den der Kleefeld, der beschleunigt ging. Sonst war nichts zu vernehmen, als das unaufhörliche wetzende Geräusch der abgelaufenen, unter der Nadel weiter rotierenden Platte, die niemand stoppte. Er sah sich nach keinem seiner Kumpane um, wollte nichts von ihnen sehen und wissen. Schräg hin über die Hände, den Kopf auf seinen Knien, starrte er weit vorgebeugt durch das Rotdunkel auf den Besuch im Sessel. Einen Augenblick schien sein Magen sich umkehren zu wollen. Es zog ihm die Kehle zusammen, und ein vier- oder fünffaches Schluchzen stieß ihn innig-krampfhaft. „Verzeih!“ flüsterte er in sich hinein; und dann gingen die Augen ihm über, so daß er nichts mehr sah.
Er hörte raunen: „Reden Sie ihn an!“ – Er hörte Dr. Krokowskis baritonale Stimme feierlich und heiter seinen Namen nennen und die Aufforderung wiederholen. Statt ihr nachzukommen, zog er seine Hände unter Ellys Gesicht fort und stand auf.
Wieder rief Dr. Krokowski seinen Namen, diesmal in streng vermahnendem Ton. Aber Hans Castorp war mit wenigen Schritten bei den Stufen der Eingangstür und schaltete mit knappem Handgriff das Weißlicht ein.
Die Brand war in schwerem Chok zusammengefahren. Sie zuckte in den Armen der Kleefeld. Jener Sessel war leer.
Auf den im Stehen protestierenden Krokowski ging Hans Castorp zu, nahe vor ihn hin. Er wollte sprechen, aber von seinen Lippen kam kein Wort. Mit brüsk heischender Kopfbewegung streckte er die Hand aus. Da er den Schlüssel empfangen, nickte er dem Doktor mehrmals drohend ins Gesicht, machte kehrt und ging aus dem Zimmer.
Die große Gereiztheit
Wie so die Jährchen wechselten, begann etwas umzugehen im Hause Berghof, ein Geist, dessen unmittelbare Abstammung von dem Dämon, dessen bösartigen Namen wir genannt haben, Hans Castorp ahnte. Mit der unverantwortlichen Neugier des Bildungsreisenden hatte er diesen Dämon studiert, ja, bedenkliche Möglichkeiten in sich vorgefunden, an dem ungeheuerlichen Dienste, den die Mitwelt ihm widmete, ausgiebig teilzunehmen. Dem Wesen zu frönen, das jetzt um sich griff, nachdem es übrigens, genau wie das alte, keimweise und da und dort sich andeutend schon immer vorhanden gewesen, war er nach seiner Gemütsart wenig geschaffen. Trotzdem bemerkte er mit Schrecken, daß auch er, sobald er sich ein wenig gehen ließ, in Miene, Wort und Gehaben einer Infektion unterlag, der niemand in der Runde sich entzog.
Was gab es denn? Was lag in der Luft? – Zanksucht. Kriselnde Gereiztheit. Namenlose Ungeduld. Eine allgemeine Neigung zu giftigem Wortwechsel, zum Wutausbruch, ja zum Handgemenge. Erbitterter Streit, zügelloses Hin- und Hergeschrei entsprang alle Tage zwischen Einzelnen und ganzen Gruppen, und das Kennzeichnende war, daß die Nichtbeteiligten, statt von dem Zustande der gerade Ergriffenen abgestoßen zu sein oder sich ins Mittel zu legen, vielmehr sympathetischen Anteil daran nahmen und sich dem Taumel innerlich ebenfalls überließen. Man erblaßte und bebte. Die Augen blitzten ausfällig, die Münder verbogen sich leidenschaftlich. Man beneidete die eben Aktiven um das Recht, den Anlaß, zu schreien. Eine zerrende Lust, es ihnen gleichzutun, peinigte Seele und Leib, und wer nicht die Kraft zur Flucht in die Einsamkeit besaß, wurde unrettbar in den Strudel gezogen. Die müßigen Konflikte, die gegenseitigen Bezichtigungen vor dem Angesicht der schlichtungsbemühten, aber brüllender Grobheit selbst erschreckend leicht verfallenden Obrigkeit häuften sich im Hause Berghof, und wer es bei leidlich gesunder Seele verließ, konnte nicht wissen, in welcher Verfassung er zurückkehrte. Ein Mitglied des Guten Russentisches, eine recht elegante Provinzdame aus Minsk, noch jung und nur leichtkrank – drei Monate und nicht mehr waren ihr zudiktiert – begab sich eines Tages in den Ort hinunter zum französischen Blusenhaus, um Einkäufe zu machen. Hier zankte sie sich derart mit der Ladnerin, daß sie in letzter Erregung zu Hause wieder eintraf, einen Blutsturz erlitt und fortan unheilbar war. Ihrem herbeigerufenen Gatten wurde eröffnet, daß ihres Bleibens hier oben nun immer und ewig sein müsse.
Das war ein Beispiel dessen, was umging. Widerwillig führen wir weitere an. Dieser und jener wird sich des rund bebrillten Schülers oder ehemaligen Schülers am Tische Frau Salomons erinnern, dieses dürftigen jungen Menschen, der die Gewohnheit hatte, sich seine Speisen auf dem Teller zu einem Kleingemengsel zusammenzuschneiden und dieses, aufgestützt, in sich hineinzuschlingen, wobei er zuweilen mit der Serviette hinter die dicken Augengläser fuhr. So hatte er, immer noch ein Schüler oder ehemaliger Schüler, all die Zeit hier gesessen, geschlungen und sich die Augen gewischt, ohne Anlaß zu einer mehr als flüchtig hinstreifenden Beachtung seiner Person zu geben. Jetzt jedoch, eines Morgens, beim ersten Frühstück, ganz überraschend und sozusagen aus heiterem Himmel, erlitt er einen Zufall und Raptus, der allgemeines Aufsehen erregte, den ganzen Speisesaal auf die Beine brachte. Es wurde laut in der Gegend, wo er saß; bleich saß er dort und schrie, und es galt der Zwergin, die bei ihm stand. „Sie lügen!“ schrie er mit sich überschlagender Stimme. „Der Tee ist kalt! Eiskalt ist mein Tee, den Sie mir gebracht haben, ich will ihn nicht, versuchen Sie ihn doch selbst, bevor Sie lügen, ob er nicht lauwarmes Spülicht ist und von anständigen Menschen überhaupt nicht zu trinken! Wie können Sie es wagen, mir eiskalten Tee zu bringen, wie können Sie auf den Gedanken verfallen und sich einreden, Sie könnten mir solches laue Gesöff vorsetzen mit auch nur einiger Aussicht, daß ich es trinke?! Ich trinke es nicht! Ich will es nicht!“ kreischte er und fing an, mit beiden Fäusten auf den Tisch zu trommeln, daß alles Geschirr der Tafel klirrte und tanzte. „Ich will heißen Tee! Siedeheißen Tee will ich, das ist mein Recht vor Gott und den Menschen! Ich will es nicht, ich will brühheißen, ich will auf der Stelle sterben, wenn ich auch nur einen Schluck – – Verfluchter Krüppel!!“ gellte er auf einmal, indem er gleichsam mit einem Ruck den letzten Zügel abwarf und zur äußersten Freiheit der Raserei begeistert durchstieß. Er hob die Fäuste dabei gegen Emerenzia und zeigte ihr buchstäblich seine beschäumten Zähne. Dann fuhr er fort zu trommeln, zu stampfen und sein „Ich will“, „Ich will nicht“ zu heulen, – während es unterdessen im Saale wie immer ging. Furchtbare und angespannte Sympathie ruhte auf dem tobenden Schüler. Einige waren aufgesprungen und sahen ihm mit ebenfalls geballten Fäusten, zusammengebissenen Zähnen und glühenden Blicken zu. Andere saßen bleich, mit niedergeschlagenen Augen, und bebten. Dies taten sie noch, als der Schüler schon längst, in Erschöpfung versunken, vor seinem ausgewechselten Tee saß, ohne ihn zu trinken.
Was war das?
Ein Mann trat in die Berghofgemeinschaft ein, ein ehemaliger Kaufmann, dreißigjährig, schon lange febril, seit Jahren von Anstalt zu Anstalt gewandert. Der Mann war Judengegner, Antisemit, war es grundsätzlich und sportsmäßig, mit freudiger Versessenheit, – die aufgelesene Verneinung war Stolz und Inhalt seines Lebens. Er war ein Kaufmann gewesen, er war es nicht mehr, er war nichts in der Welt, aber ein Judenfeind war er geblieben. Er war sehr ernstlich krank, hustete schwer beladen und tat zwischendurch, als ob er mit der Lunge nieste, hoch, kurz, einmalig, unheimlich. Jedoch war er kein Jude, und das war das Positive an ihm. Sein Name war Wiedemann, ein christlicher Name, kein unreiner. Er hielt sich eine Zeitschrift, genannt „Die arische Leuchte“, und führte Reden wie diese:
„Ich komme ins Sanatorium X. in A.. Wie ich mich in der Liegehalle installieren will, – wer liegt links von mir im Stuhl? Der Herr Hirsch! Wer liegt rechts? Der Herr Wolf! Selbstverständlich bin ich sofort gereist“ usw.
„Du hast es nötig!“ dachte Hans Castorp mit Abneigung.
Wiedemann hatte einen kurzen, lauernden Blick. Es sah tatsächlich und unbildlich so aus, als hinge dicht vor seiner Nase eine Puschel, auf die er boshaft schielte, und hinter der er nichts mehr sah. Die Mißidee, die ihn ritt, war zu einem juckenden Mißtrauen, einer rastlosen Verfolgungsmanie geworden, die ihn trieb, Unreinheit, die sich in seiner Nähe versteckt oder verlarvt halten mochte, hervorzuziehen und der Schande zuzuführen. Er stichelte, verdächtigte und geiferte, wo er ging und stand. Und kurz, das Betreiben der Anprangerung alles Lebens, das nicht den Vorzug besaß, der sein einziger war, füllte seine Tage aus.
Die inneren Umstände nun, mit deren Andeutung wir eben befaßt sind, verschlimmerten das Leiden dieses Mannes außerordentlich; und da es nicht fehlen konnte, daß er auch hier auf Leben stieß, das den Nachteil aufwies, von dem er, Wiedemann, frei war, so kam es unter dem Einfluß jener Umstände zu einer Elendsszene, der Hans Castorp beizuwohnen hatte, und die uns als weiteres Beispiel für das zu Schildernde dienen muß.
Denn es war da ein anderer Mann, – zu entlarven gab es nichts, was ihn betraf, der Fall war klar. Dieser Mann hieß Sonnenschein, und da man nicht schmutziger heißen konnte, so bildete Sonnenscheins Person vom ersten Tage an die Puschel, die vor Wiedemanns Nase hing, auf die er kurz und boshaft schielte, und nach der er mit der Hand schlug, fast weniger, um sie zu verjagen, als um sie ins Pendeln zu versetzen, damit sie ihn desto besser reize.
Sonnenschein, Kaufmann, wie der andere, von Hause aus, war ebenfalls recht ernstlich krank und krankhaft empfindlich. Ein freundlicher Mann, nicht dumm und selbst scherzhaft von Natur, haßte er Wiedemann für seine Sticheleien und seine Puschelschläge auch seinerseits bald bis zum Leiden, und eines Nachmittags lief alles in der Halle zusammen, weil Wiedemann und Sonnenschein einander dort auf ausschweifende und tierische Weise in die Haare geraten waren.
Es war ein Anblick voll Grauen und Jammer. Sie katzbalgten sich wie kleine Jungen, aber mit der Verzweiflung erwachsener Männer, mit denen es dahin gekommen ist. Sie gingen einander mit den Krallen ins Gesicht, hielten sich an Nase und Kehle, während sie aufeinander losschlugen, umschlangen sich, wälzten sich in furchtbarem und radikalem Ernste am Boden, spieen nach einander, traten, stießen, zerrten, hieben und schäumten. Herbeigeeiltes Bureaupersonal trennte mit Mühe die Verbissenen und Verkrallten. Wiedemann, speichelnd und blutend, wutverblödeten Angesichts, zeigte das Phänomen der zu Berge stehenden Haare. Hans Castorp hatte das noch nie gesehen und nicht geglaubt, daß es eigentlich vorkomme. Die Haare standen Herrn Wiedemann starr und steif zu Berge, und so stürzte er davon, während Herr Sonnenschein, das eine Auge in Bläue verschwunden und eine blutende Lücke in dem Kranz lockigen schwarzen Haares, das seinen Schädel umgab, ins Bureau geführt wurde, wo er sich niederließ und bitterlich in seine Hände weinte.
So ging es mit Wiedemann und Sonnenschein. Alle, die es sahen, bebten noch stundenlang. Es ist vergleichsweise eine Wohltat, im Gegensatz zu solcher Misere von einem wahren Ehrenhandel zu erzählen, der ebenfalls dieser Periode angehört, und der seinen Namen allerdings, der formalen Feierlichkeit wegen, mit der er gehandhabt wurde, bis zur Lächerlichkeit verdiente. Hans Castorp wohnte ihm in seinen einzelnen Phasen nicht bei, sondern belehrte sich über den verwickelten und dramatischen Hergang nur an der Hand von Dokumenten, Erklärungen und Protokollen, die, diese Sache betreffend, im Hause Berghof und außerhalb seiner, nämlich nicht nur am Ort, im Kanton, im Lande, sondern auch im Auslande und in Amerika abschriftlich vertrieben und auch solchen zum Studium zugestellt wurden, von denen ohne weiteres sicher sein mußte, daß sie der Angelegenheit auch nicht einen Deut von Teilnahme widmen konnten und wollten.
Es war eine polnische Angelegenheit, ein Ehrentrubel, entstanden im Schoße der polnischen Gruppe, die sich kürzlich im Berghof zusammengefunden hatte, einer ganzen kleinen Kolonie, die den Guten Russentisch besetzt hielt – (Hans Castorp, dies hier einzuflechten, saß nicht mehr dort, sondern war mit der Zeit an den der Kleefeld, dann an den der Salomon und dann an den Fräulein Levis gewandert). Die Gesellschaft war dermaßen elegant und ritterlich gewichst, daß man nur die Brauen emporziehen und sich innerlich auf alles gefaßt machen konnte, – ein Ehepaar, ein Fräulein dazu, das mit einem der Herren in freundschaftlichen Beziehungen stand, und sonst lauter Kavaliere. Sie hießen von Zutawski, Cieszynski, von Rosinski, Michael Lodygowski, Leo von Asarapetian und noch anders. Im Restaurant des Berghofs nun, beim Champagner, hatte ein gewisser Japoll in Gegenwart zweier anderer Kavaliere über die Gattin des Herrn von Zutawski, wie auch über das dem Herrn Lodygowski nahestehende Fräulein namens Kryloff Unwiederholbares geäußert. Hieraus ergaben sich die Schritte, Taten und Formalien, die den Inhalt der zur Verteilung und Versendung gelangenden Schriftsätze bildeten. Hans Castorp las:
„Erklärung, übersetzt aus dem polnischen Original. – Am 27. März 19.. wandte sich Herr Stanislaw von Zutawski an die Herren Dr. Antoni Cieszynski und Stefan von Rosinski mit der Bitte, sich in seinem Namen zum Herrn Kasimir Japoll zu begeben, um von demselben auf dem durch das Ehrenrecht angezeigten Wege Satisfaktion zu verlangen für ‚die schwere Beleidigung und Verleumdung, welche Herr Kasimir Japoll dessen Frau Gemahlin Jadwiga von Zutawska im Gespräche mit den Herren Janusz Teofil Lenart und Leo von Asarapetian zugefügt hat‘.
„Als von diesem obenerwähnten Gespräch, das Ende November stattgehabt hat, vor einigen Tagen Herr von Zutawski mittelbar Kenntnis erhalten hat, unternahm er sofort Schritte, um völlige Sicherheit über den Tatbestand und das Wesen der geschehenen Beleidigung zu erlangen. Am gestrigen Tage, dem 27. März 19.., wurde durch den Mund des Herrn Leo von Asarapetian, dem unmittelbaren Zeugen des Gespräches, in welchem die beleidigenden Worte und die Insinuationen gefallen sind, die Verleumdung und Beleidigung festgestellt; hierdurch wurde Herr Stanislaw von Zutawski veranlaßt, sich ungesäumt an die Unterzeichneten zu wenden, um ihnen das Mandat zur Einleitung des ehrenrechtlichen Verfahrens gegen Herrn Kasimir Japoll zu erteilen.
„Die Unterzeichneten geben folgende Erklärung ab:
‚1. Unter Zugrundelegung des von einer Partei abgefaßten Protokolls vom 9. April 19.., welches in Lemberg von den Herren Zdzistaw Zygulski und Tadeusz Kadyj in der Angelegenheit des Herrn Ladislaw Goduleczny gegen Herrn Kasimir Japoll verfaßt worden ist, ferner unter Zugrundelegung der Erklärung des Ehrengerichtes vom 18. Juni 19.., die zu Lemberg in ebenderselben Angelegenheit abgefaßt worden ist, welch beide Schriftstücke in gemeinsamem Übereinklang stehend feststellen, daß Herr Kasimir Japoll ‚infolge seines wiederholten Verhaltens, welches nicht mit dem Begriff der Ehre in Einklang zu bringen ist, als Gentleman nicht angesehen werden kann‘,
‚2. ziehen die Unterzeichneten die aus Obigem sich ergebenden Konsequenzen in ihrer vollen Tragweite und stellen die absolute Unmöglichkeit fest, daß Herr Kasimir Japoll irgendwie noch satisfaktionsfähig wäre.
‚3. Dieselben erachten für ihre Person als unzulässig, gegen einen Mann, der außerhalb des Begriffes der Ehre steht, die Ehrenangelegenheit zu führen oder in derselben zu vermitteln.‘
„In Anbetracht dieser Sachlage machen die Unterzeichneten Herrn Stanislaw von Zutawski darauf aufmerksam, daß es zwecklos sei, seinem Recht auf dem Wege eines ehrenrechtlichen Verfahrens gegen Herrn Kasimir Japoll nachzugehen und raten ihm, den strafgerichtlichen Weg einzuschlagen, um zu verhindern, daß von seiten einer Persönlichkeit, die in dem Maße außerstande ist, Satisfaktion zu leisten, wie es beim Herrn Kasimir Japoll der Fall ist, weitere Schädigungen ergehen. – (Datiert und gezeichnet:) Dr. Antoni Cieszynski, Stefan von Rosinski.“
Ferner las Hans Castorp:
„Protokoll
„der Zeugen über den Vorgang zwischen Herrn Stanislaw von Zutawski, Herrn Michael Lodygowski
„und den Herren Kasimir Japoll und Janusz Teofil Lenart in der Bar des Kurhauses zu D., am 2. April 19.. zwischen 7½ und 7¾ h abends.
„Da Herr Stanislaw von Zutawski auf Grund der Erklärung seiner Vertreter, der Herren Dr. Antoni Cieszynski und Stefan Rosinski, in der Angelegenheit des Herrn Kasimir Japoll am 28. März 19.. nach reifer Überlegung zu der Überzeugung gekommen war, daß ihm die empfohlene strafgerichtliche Verfolgung des Herrn Kasimir Japoll für ‚die schwere Beleidigung und Verleumdung‘ seiner Gemahlin Jadwiga keine Satisfaktion wird geben können, da:
1. der berechtigte Verdacht bestand, daß Herr Kasimir Japoll im gegebenen Augenblick vor Gericht nicht erscheinen und seine weitere Verfolgung mit Rücksicht darauf, daß er österreichischer Staatsangehöriger ist, nicht nur erschwert, sondern geradezu unmöglich sein wird,
2. da außerdem eine gerichtliche Bestrafung des Herrn Kasimir Japoll die Beleidigung, durch die Herr Kasimir Japoll den Namen und das Haus des Herrn Stanislaw von Zutawski und seiner Gemahlin Jadwiga in verleumderischer Weise zu schänden versuchte, nicht zu sühnen vermöchte,
hat Herr Stanislaus von Zutawski den kürzesten, seiner Überzeugung nach gründlichsten und in Anbetracht der gegebenen Verhältnisse entsprechendsten Weg gewählt, nachdem er indirekt in Erfahrung gebracht hat, daß Herr Kasimir Japoll beabsichtigt, hiesigen Ort am nächsten Tage zu verlassen,
und hat am 2. April 19.. zwischen 7½ – 7¾ h abends in Gegenwart seiner Gemahlin Jadwiga und der Herren Michael Lodygowski und Ignaz von Mellin Herrn Kasimir Japoll, der in Gesellschaft des Herrn Janusz Teofil Lenart und zweier unbekannter Mädchen in der American Bar hiesigen Kurhauses bei alkoholischen Getränken saß, mehrfach geohrfeigt.
„Unmittelbar darauf hat Herr Michael Lodygowski Herrn Kasimir Japoll geohrfeigt, indem er hinzufügte, daß dies für die dem Fräulein Krylow und ihm zugefügten schweren Beleidigungen sei.
„Sofort danach ohrfeigte Herr Michael Lodygowski Herrn Janusz Teofil Lenart für das Herrn und Frau von Zutawski zugefügte unqualifizierbare Unrecht, worauf noch,
„ohne einen Augenblick zu verlieren, auch Herr Stanislaus von Zutawski Herrn Janusz Teofil Lenart für die verleumderische Besudelung seiner Gemahlin sowohl wie Fräulein Krylows wiederholt und mehrfach ohrfeigte.
„Die Herren Kasimir Japoll und Janusz Teofil Lenart verhielten sich während dieses ganzen Vorganges völlig passiv. (Datiert u. gezeichnet:) Michael Lodygowski, Ign. v. Mellin.“
Die inneren Umstände erlaubten Hans Castorp nicht, über dies Schnellfeuer offizieller Ohrfeigen zu lachen, wie er es sonst wohl getan haben würde. Er erbebte, indem er davon las, und der untadelige Komment der einen –, die bübische und schlaffe Ehrlosigkeit der anderen Seite, wie beides aus den Dokumenten dem Leser in die Augen sprang, erregten ihn in ihrer etwas unlebendigen, aber eindrucksvollen Gegensätzlichkeit aufs tiefste. So ging es allen. Weit und breit wurde der polnische Ehrenhandel leidenschaftlich studiert und mit zusammengebissenen Zähnen besprochen. Etwas ernüchternd wirkte ein Gegenflugblatt des Herrn Kasimir Japoll, dahingehend, dem von Zutawski sei ganz genau bekannt gewesen, daß er, Japoll, seinerzeit in Lemberg von irgendwelchen aufgeblasenen Laffen für satisfaktionsunfähig erklärt worden sei, und alle seine sofortigen und ungesäumten Schritte seien das reine Affentheater gewesen, da er von vornherein gewußt habe, daß er sich nicht werde schlagen müssen. Auch habe von Zutawski einzig und allein aus dem Grunde darauf verzichtet, ihn, Japoll, zu verklagen, weil, wie jedermann und er selbst ebenfalls recht gut wisse, seine Gemahlin Jadwiga ihn mit einer ganzen Geweihsammlung versehen habe, wofür er, Japoll, spielend den Wahrheitsbeweis hätte erbringen können, wie denn auch mit der allgemeinen Aufführung der Krylow vor Gericht wenig Ehre einzulegen gewesen wäre. Übrigens sei nur seine eigene, Japolls, Satisfaktionsunfähigkeit erhärtet, nicht auch bereits die seines Gesprächspartners Lenart, und von Zutawski habe sich hinter die erstere verschanzt, um keine Gefahr zu laufen. Von der Rolle, die Herr Asarapetian in der ganzen Sache gespielt habe, wolle er nicht reden. Was aber den Auftritt in der Kurhaus-Bar betreffe, so sei er, Japoll, ein wenn auch mundscharfer und zum Witz geneigter, so doch äußerst schwächlicher Mensch; von Zutawski habe sich mit seinen Freunden und der ungewöhnlich kräftigen Zutawska in physischer Überlegenheit befunden, zumal die beiden Dämchen, die sich in seiner, Japolls, und Lenarts Gesellschaft befunden, zwar lustige Geschöpfe, aber schreckhaft wie die Hühner gewesen seien; und so habe er, um eine wüste Schlägerei und öffentlichen Skandal zu vermeiden, Lenart, der sich habe zur Wehr setzen wollen, veranlaßt, sich ruhig zu verhalten und die flüchtigen gesellschaftlichen Berührungen der Herren von Zutawski und Lodygowski in Gottes Namen zu dulden, die nicht weh getan hätten und von den Umsitzenden als freundschaftliche Neckerei aufgefaßt worden seien.
So Japoll, für den natürlich nicht viel zu retten war. Seine Korrekturen vermochten den schönen Kontrast von Ehre und Misere, wie er aus den Feststellungen der Gegenseite hervorging, nur oberflächlich zu stören, zumal er nicht über die Vervielfältigungstechnik der Zutawskischen Partei verfügte, sondern nur ein paar Maschinendurchschläge seiner Replik unter die Leute zu bringen wußte. Jene Protokolle dagegen, wie gesagt, erhielt jedermann, auch völlig Fernstehende erhielten sie. Naphta und Settembrini z. B. hatten sie ebenfalls zugestellt bekommen, – Hans Castorp sah sie in ihren Händen, und zu seiner Überraschung bemerkte er, daß auch sie mit verbissenen und sonderbar hingerissenen Mienen darauf niederblickten. Den heiteren Spott, den er selbst vermöge der herrschenden inneren Umstände nicht aufbrachte, von Herrn Settembrini wenigstens hatte er ihn erwartet. Aber auch über den klaren Geist des Maurers übte die umlaufende Infektion, die Hans Castorp beobachtete, offenbar eine Gewalt, die ihm das Lachen verschlug, ihn für die aufpeitschenden Reize des Ohrfeigenhandels ernstlich empfänglich machte; und außerdem verdüsterte ihn, den Mann des Lebens, sein langsam und unter foppenden Rückschlägen zum Guten, aber unaufhaltsam sich verschlechternder Gesundheitszustand, den er verwünschte, und dessen er sich ingrimmig und mit Selbstverachtung schämte, der ihn aber um diese Zeit schon alle paar Tage zwang, das Bett zu hüten.
Naphta, seinem Hausgenossen und Widersacher, erging es nicht besser. Auch in seinem organischen Innern schritt die Krankheit fort, die der physische Grund – oder muß man sagen: Vorwand gewesen, weshalb seine Ordenslaufbahn ein so verfrühtes Ende genommen, und die hohen und dünnen Bedingungen, unter denen man lebte, konnten ihrer Ausbreitung nicht Einhalt tun. Auch er war oft bettlägerig; der Tellersprung seiner Stimme klapperte stärker, wenn er sprach, und er sprach bei erhöhtem Fieber mehr noch, schärfer und beißender als ehedem. Jene ideellen Widerstände gegen Krankheit und Tod, deren Niederlage vor der Übergewalt einer niederträchtigen Natur Herrn Settembrini so schmerzte, mußten dem kleinen Naphta fremd sein, und seine Art, die Verschlimmerung seines Körperzustandes aufzunehmen, war denn auch nicht Trauer und Gram, sondern eine höhnische Aufgeräumtheit und Angriffslust sondergleichen, eine Sucht nach geistiger Bezweifelung, Verneinung und Verwirrung, die die Melancholie des anderen aufs schwerste reizte und ihre intellektuellen Streitigkeiten täglich verschärfte. Hans Castorp, natürlich, konnte nur von denen reden, denen er beiwohnte. Aber er war so ziemlich gewiß, daß er keine versäumte, daß seine, des pädagogischen Objektes, Gegenwart vonnöten war, um bedeutende Kolloquien zu entzünden. Und wenn er Herrn Settembrini nicht den Kummer ersparte, Naphtas Bosheiten hörenswert zu finden, so mußte er doch zugeben, daß sie nachgerade alles Maß und häufig genug die Grenze des geistig Gesunden überschritten.
Dieser Kranke besaß nicht die Kraft oder den guten Willen, sich über die Krankheit zu erheben, sondern sah die Welt in ihrem Bilde und Zeichen. Zum Ingrimm Herrn Settembrinis, der den lauschenden Zögling am liebsten aus dem Zimmer gewiesen oder ihm die Ohren zugehalten hätte, erklärte er die Materie für ein bei weitem zu schlechtes Material, um den Geist darin verwirklichen zu können. Dies anzustreben, sei eine Narrheit. Was komme dabei heraus? Eine Fratze! Das Wirklichkeitsergebnis der gepriesenen französischen Revolution sei der kapitalistische Bourgeoisstaat – eine schöne Bescherung! die man in der Weise zu verbessern hoffe, daß man den Greuel universal mache. Die Weltrepublik, das werde das Glück sein, sicher! Fortschritt? Ach, es handele sich um den berühmten Kranken, der beständig die Lage wechsele, weil er sich Erleichterung davon verspreche. Der uneingestandene, aber heimlich ganz allgemein verbreitete Wunsch nach Krieg sei davon ein Ausdruck. Er werde kommen, dieser Krieg, und das sei gut, obgleich er anderes zeitigen werde, als seine Veranstalter sich davon versprächen. Naphta verachtete den bürgerlichen Sicherheitsstaat. Er nahm Veranlassung, sich darüber zu äußern, als man im Herbst auf der Hauptstraße spazieren ging und bei beginnendem Regen plötzlich und wie auf Kommando alle Welt Regenschirme über die Köpfe hielt. Das war ihm ein Symbol für die Feigheit und ordinäre Verweichlichung, die das Ergebnis der Zivilisation seien. Ein Zwischenfall und Menetekel wie der Untergang des Dampfers „Titanic“ wirke atavistisch, aber wahrhaft erquicklich. Danach großes Geschrei nach mehr Sicherheit des „Verkehrs“. Überhaupt immer die größte Empörung, sobald die „Sicherheit“ bedroht scheine. Das sei jämmerlich und reime sich in seiner humanitären Schlaffheit recht artig auf die wölfische Krudität und Niedertracht des wirtschaftlichen Schlachtfeldes, das der Bürgerstaat darstelle. Krieg, Krieg! Er sei einverstanden, und die allgemeine Lüsternheit danach scheine ihm vergleichsweise ehrenwert.
Sobald aber etwa Herr Settembrini das Wort „Gerechtigkeit“ ins Gespräch einführte, und dieses hohe Prinzip als vorbeugendes Mittel gegen innen- und außenpolitische Katastrophen empfahl, da zeigte es sich, daß Naphta, der kürzlich noch das Geistige für zu gut befunden hatte, als daß seine irdische Ausprägung je gelingen könne und solle, eben dies Geistige selbst unter Zweifel zu setzen und zu verunglimpfen bestrebt war. Gerechtigkeit! War sie ein anbetungswürdiger Begriff? Ein göttlicher? Ein Begriff ersten Ranges? Gott und Natur waren ungerecht, sie hatten Lieblinge, sie übten Gnadenwahl, schmückten den einen mit gefährlicher Auszeichnung und bereiteten dem anderen ein leichtes, gemeines Los. Und der wollende Mensch? Für ihn war Gerechtigkeit einerseits eine lähmende Schwäche, war der Zweifel selbst – und auf der anderen Seite eine Fanfare, die zu unbedenklichen Taten rief. Da also der Mensch, um im Sittlichen zu bleiben, stets „Gerechtigkeit“ in diesem Sinne durch „Gerechtigkeit“ in jenem Sinne korrigieren mußte, – wo blieben Unbedingtheit und Radikalismus des Begriffs? Übrigens war man „gerecht“ gegen den einen Standpunkt oder gegen den anderen. Der Rest war Liberalismus, und kein Hund war heutzutage mehr damit vom Ofen zu locken. Gerechtigkeit war selbstverständlich eine leere Worthülse der Bürgerrhetorik, und um zum Handeln zu kommen, müsse man vor allen Dingen wissen, welche Gerechtigkeit man meine: diejenige, die jedem das Seine, oder diejenige, die allen das Gleiche geben wolle.
Wir haben da nur auf gut Glück aus dem Uferlosen ein Beispiel herausgegriffen dafür, wie er es darauf anlegte, die Vernunft zu stören. Aber noch schlimmer wurde es, wenn er auf die Wissenschaft zu sprechen kam, – an die er nicht glaubte. Er glaube nicht an sie, sagte er, denn es stehe dem Menschen völlig frei, an sie zu glauben oder nicht. Sie sei ein Glaube, wie jeder andere, nur schlechter und dümmer als jeder andere, und das Wort „Wissenschaft“ selbst sei der Ausdruck des stupidesten Realismus, der sich nicht schäme, die mehr als fragwürdigen Spiegelungen der Objekte im menschlichen Intellekt für bare Münze zu nehmen oder auszugeben und die geist- und trostloseste Dogmatik daraus zu bereiten, die der Menschheit je zugemutet worden sei. Ob etwa nicht der Begriff einer an und für sich existierenden Sinnenwelt der lächerlichste aller Selbstwidersprüche sei? Aber die moderne Naturwissenschaft als Dogma lebe einzig und allein von der metaphysischen Voraussetzung, daß die Erkenntnisformen unserer Organisation, Raum, Zeit und Kausalität, in denen die Erscheinungswelt sich abspiele, reale Verhältnisse seien, die unabhängig von unserer Erkenntnis existierten. Diese monistische Behauptung sei die nackteste Unverschämtheit, die man dem Geiste je geboten. Raum, Zeit und Kausalität, das heiße auf monistisch: Entwicklung, – und da habe man das Zentraldogma der freidenkerisch-atheistischen Afterreligion, womit man das erste Buch Mosis außer Kraft zu setzen und einer verdummenden Fabel aufklärendes Wissen entgegenzustellen meine, als ob Haeckel bei der Entstehung der Erde zugegen gewesen sei. Empirie! Der Weltäther sei wohl exakt? Das Atom, dieser nette mathematische Scherz des „kleinsten, unteilbaren Teilchens“ – bewiesen? Die Lehre von der Unendlichkeit des Raumes und der Zeit fuße sicherlich auf Erfahrung? In der Tat, man werde, ein wenig Logik vorausgesetzt, zu lustigen Erfahrungen und Ergebnissen gelangen mit dem Dogma von der Unendlichkeit und Realität des Raumes und der Zeit: nämlich zum Ergebnis des Nichts. Nämlich zur Einsicht, daß Realismus der wahre Nihilismus sei. Warum? Aus dem einfachen Grunde, weil das Verhältnis jeder beliebigen Größe zum Unendlichen gleich null sei. Es gebe keine Größe im Unendlichen und weder Dauer noch Veränderung in der Ewigkeit. Im räumlich Unendlichen könne es, da jede Distanz dort mathematisch gleich null sei, nicht einmal zwei Punkte nebeneinander, geschweige denn Körper, geschweige denn gar Bewegung geben. Dies stelle er, Naphta, fest, um der Dreistigkeit zu begegnen, mit der die materialistische Wissenschaft ihre astronomischen Flausen, ihr windiges Geschwätz vom „Universum“ für absolute Erkenntnis ausgäbe. Beklagenswerte Menschheit, die sich durch ein prahlerisches Aufgebot nichtiger Zahlen ins Gefühl eigener Nichtigkeit habe drängen, um das Pathos der eigenen Wichtigkeit habe bringen lassen! Denn es möge noch leidlich heißen, wenn menschliche Vernunft und Erkenntnis sich im Irdischen hielten und in dieser Sphäre ihre Erlebnisse mit den Subjektiv-Objekten als real behandle. Greife sie aber darüber hinaus ins ewige Rätsel, indem sie sogenannte Kosmologie, Kosmogonie treibe, so höre der Spaß auf, und die Anmaßung komme auf den Gipfel ihrer Ungeheuerlichkeit. Welch ein lästerlicher Unsinn, im Grunde, die „Entfernung“ irgendeines Sternes von der Erde nach Trillionen Kilometern oder auch Lichtjahren zu berechnen und sich einzubilden, mit solchem Zifferngeflunker verschaffe man dem Menschengeist Einblick ins Wesen der Unendlichkeit und Ewigkeit, – während doch Unendlichkeit mit Größe und Ewigkeit mit Dauer und Zeitdistanzen überhaupt und schlechterdings nichts zu schaffen hätten, sondern, weit entfernt, naturwissenschaftliche Begriffe zu sein, vielmehr geradezu die Aufhebung dessen bedeuteten, was wir Natur nennten! Wahrhaftig, die Einfalt eines Kindes, das glaube, die Sterne seien Löcher im Himmelszelt, durch welche die ewige Klarheit scheine, sei ihm vieltausendmal lieber, als das ganze hohle, widersinnige und anmaßende Geschwätz, das die monistische Wissenschaft vom „Weltall“ verübe!
Settembrini fragte ihn, ob er, seinesteils, in betreff der Sterne jenen Glauben hege. Worauf er antwortete, er behalte sich jede Demut und Freiheit der Skepsis vor. Daraus war wieder einmal zu ersehen, was er unter „Freiheit“ verstand, und wohin ein solcher Begriff davon zu führen vermochte. Und wenn nur nicht Herr Settembrini Grund gehabt hätte, zu fürchten, Hans Castorp möchte das alles hörenswert finden!
Naphtas Bosheit lag auf der Lauer nach Gelegenheiten, die Schwächen des naturbezwingenden Fortschritts zu erspähen, seinen Trägern und Pionieren menschliche Rückfälle ins Irrationale nachzuweisen. Aviatiker, Flieger, sagte er, seien meist recht üble und verdächtige Individuen, vor allem sehr abergläubisch. Sie nähmen Glücksschweine, eine Krähe mit an Bord, sie spuckten dreimal dahin und dorthin, sie zögen die Handschuhe von glücklichen Fahrern an. Wie sich so primitive Unvernunft mit der ihrem Beruf zum Grunde liegenden Weltanschauung reime? – Der Widerspruch, den er aufzeigte, ergötzte ihn, bereitete ihm Genugtuung; er hielt sich lange darüber auf ... Aber wir greifen im Unerschöpflichen hin und her nach Proben von Naphtas Feindseligkeit, während es nur allzu Gegenständliches zu erzählen gibt.
Eines Nachmittags im Februar vereinigten sich die Herren, nach Monstein auszufliegen, einem Orte, anderthalb Stunden Schlittenfahrt von der Stätte ihres Alltags entfernt. Es waren Naphta und Settembrini, Hans Castorp, Ferge und Wehsal. In zwei einspännigen Schlitten fuhren sie, Hans Castorp mit dem Humanisten, Naphta mit Ferge und Wehsal, der neben dem Kutscher saß, um 3 Uhr, gut eingehüllt, vom Domizil der Auswärtigen ab und nahmen unter Schellengeläut, das so freundlich durch schneestille Landschaft geht, ihren Weg an der rechten Lehne hin, vorbei an Frauenkirch und Glaris, gegen Süden. Schneebedeckung rückte rasch aus dieser Himmelsrichtung vor, so daß bald nur noch hinten über der Rhätikonkette ein blaßblauer Streifen zu sehen war. Der Frost war stark, das Gebirge nebelig. Die Straße, die sie führte, schmale, geländerlose Plattform zwischen Wand und Abgrund, hob sich steil ins Tannenwilde. Es ging schrittweise. Abfahrende Rodler kamen oft auf sie zu, die bei der Begegnung absteigen mußten. Hinter Biegungen klang zart und warnend fremdes Geläute auf, Schlitten, mit zwei Pferden hintereinander bespannt, gingen vorbei, und das Ausweichen forderte Behutsamkeit. Nahe dem Ziele tat ein schöner Blick auf eine felsige Partie der Zügenstraße sich auf. Man stieg aus den Decken vor dem kleinen Gasthaus von Monstein, das sich „Kurhaus“ nannte, und, die Schlitten zurücklassend, ging man noch einige Schritte weiter, um gegen Südosten nach dem „Stulsergrat“ auszuschauen. Die Riesenwand, dreitausend Meter hoch, war nebelverhüllt. Nur irgendwo ragte eine himmelhohe Zacke, überirdisch, walhallmäßig fern und heilig unzugänglich aus dem Gedünst hervor. Hans Castorp bewunderte das sehr und forderte auch die andern auf, es zu tun. Er war es, der mit Unterwerfungsgefühlen das Wort „unzugänglich“ aussprach und damit Herrn Settembrini Anlaß gab, zu betonen, daß jener Fels natürlich sehr wohl betreten sei. Überhaupt gäbe es das kaum noch: Unzugänglichkeit und irgendwelche Natur, auf die der Mensch nicht schon seinen Fuß gesetzt habe. Eine kleine Übertreibung und Dicktuerei, erwiderte Naphta. Und er nannte den Mount Everest, der dem Vorwitz des Menschen bis dato eisige Ablehnung entgegengesetzt habe und in dieser Reserve dauernd verharren zu wollen scheine. Der Humanist ärgerte sich. Die Herren kehrten zum „Kurhaus“ zurück, vor dem neben den eigenen ein paar fremde, ausgespannte Schlitten standen.
Man konnte hier wohnen. Im Obergeschoß gab es Hotelzimmer mit Nummern. Dort lag auch das Eßzimmer, bäurisch und wohl geheizt. Die Ausflügler bestellten einen Imbiß bei der dienstwilligen Wirtin: Kaffee, Honig, Weißbrot und Birnenbrot, die Spezialität des Ortes. Den Kutschern ward Rotwein geschickt. Schweizerische und holländische Besucher saßen an anderen Tischen.
Wir hätten Lust zu sagen, daß an demjenigen unserer fünf Freunde die Erwärmung durch den heißen und sehr löblichen Kaffee ein höheres Gespräch gezeitigt habe. Doch wären wir ungenau damit, denn dies Gespräch war eigentlich ein Monolog Naphtas, der es nach wenigen Worten, die andere beigetragen, allein bestritt, – ein Monolog, geführt auf recht sonderbare und gesellschaftlich anstößige Art, da der Ex-Jesuit sich nämlich, liebenswürdig instruierend, ausschließlich an Hans Castorp damit wandte, Herrn Settembrini, der an seiner anderen Seite saß, den Rücken zukehrte und auch die beiden anderen Herren völlig unbeachtet ließ.
Es wäre schwer gewesen, das Thema seiner Improvisation, der Hans Castorp mit halb und halb zustimmendem Kopfnicken folgte, bei Namen zu nennen. Einheitlichen Gegenstandes war sie wohl eigentlich nicht, sondern bewegte sich locker im Geistigen, da und dort anstreifend und im wesentlichen darauf aus, die Zweideutigkeit der geistigen Lebenserscheinungen, die irisierende Natur und kämpferische Unbrauchbarkeit der daraus abgezogenen großen Begriffe auf eine entmutigende Art nachzuweisen und bemerklich zu machen, in wie schillerndem Gewande das Absolute auf Erden erscheine.
Allenfalls hätte man seinen Vortrag auf das Problem der Freiheit festlegen können, das er im Sinne der Verwirrung behandelte. Unter anderem sprach er von der Romantik und dem faszinierenden Doppelsinn dieser europäischen Bewegung vom Anfang des 19. Jahrhunderts, vor der die Begriffe der Reaktion und der Revolution zunichte würden, sofern sie sich nicht zu einem höheren vereinigten. Denn es sei selbstverständlich höchst lächerlich, den Begriff des Revolutionären ausschließlich mit dem Fortschritt und der siegreich anrennenden Aufklärung verbinden zu wollen. Die europäische Romantik sei vor allem eine Freiheitsbewegung gewesen: antiklassizistisch, antiakademisch, gerichtet gegen den altfranzösischen Geschmack, gegen die Alte Schule der Vernunft, deren Verteidiger sie als gepuderte Perückenköpfe verhöhnt habe.
Und Naphta fiel auf die Freiheitskriege, auf Fichte’sche Begeisterungen, auf jene rausch- und gesangvolle völkische Erhebung gegen eine unerträgliche Tyrannei, – als welche nur leider, he, he, die Freiheit, das heiße: die Ideen der Revolution verkörpert habe. Sehr lustig: Laut singend habe man ausgeholt, um die revolutionäre Tyrannei zugunsten der reaktionären Fürstenfuchtel zu zerschlagen, und das habe man für die Freiheit getan.
Der jugendliche Zuhörer werde da des Unterschiedes oder auch Gegensatzes von äußerer und innerer Freiheit gewahr – und zugleich der kitzlichen Frage, welche Unfreiheit mit der Ehre einer Nation am ehesten, he, he, am wenigsten verträglich sei.
Freiheit sei wohl eigentlich mehr noch ein romantischer, als ein aufklärerischer Begriff, denn mit der Romantik habe er die unentwirrbare Verschränkung menschheitlicher Ausdehnungstriebe und leidenschaftlich verengernder Ichbetonung gemeinsam. Individualistischer Freiheitstrieb habe den historisch-romantischen Kultus der Nationalen gezeitigt, der kriegerisch sei, und den der humanitäre Liberalismus finster nenne, wiewohl dieser doch ebenfalls den Individualismus lehre, nur eben ein wenig anders herum. Der Individualismus sei romantisch-mittelalterlich in seiner Überzeugung von der unendlichen, der kosmischen Wichtigkeit des Einzelwesens, woraus die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele, die geozentrische Lehre und die Astrologie sich ergäben. Andererseits sei Individualismus eine Angelegenheit des liberalisierenden Humanismus, welcher zur Anarchie neige und jedenfalls das liebe Individuum davor schützen wolle, der Allgemeinheit geopfert zu werden. Das sei Individualismus, eins und auch wieder das andere, ein Wort für manches.
Aber das müsse man einräumen, daß Freiheitspathos die glänzendsten Freiheitsfeinde, die geistreichsten Ritter des Vergangenen im Kampf mit dem andachtslos zersetzenden Fortschritt erzeugt habe. Und Naphta nannte Arndt, der den Industrialismus verflucht und den Adelsstand verherrlicht, nannte Görres, der die Christliche Mystik verfaßt habe. Und ob denn Mystik etwa nichts mit Freiheit zu tun habe? Ob sie etwa nicht anti-scholastisch, anti-dogmatisch, anti-priesterlich gewesen sei? Man sei freilich gezwungen, in der Hierarchie eine Freiheitsmacht zu erblicken, denn sie habe der schrankenlosen Monarchie einen Damm entgegengesetzt. Die Mystik des ausgehenden Mittelalters aber habe ihr freiheitliches Wesen als Vorläuferin der Reformation bewährt, – der Reformation, he, he, die ihrerseits ein unauflösliches Filzwerk von Freiheit und mittelalterlichem Rückschlag gewesen sei ...
Luthers Tat ... Ei ja, sie habe den Vorzug, mit derbster Anschaulichkeit das fragwürdige Wesen der Tat selbst, der Tat überhaupt zu demonstrieren. Ob Naphtas Zuhörer wisse, was eine Tat sei? Eine Tat sei beispielsweise die Ermordung des Staatsrats Kotzebue durch den Burschenschaftler Sand gewesen. Was habe dem jungen Sand, kriminalistisch zu reden, „die Waffe in die Hand gedrückt“? Freiheitsbegeisterung, selbstverständlich. Sehe man jedoch näher hin, so sei es eigentlich nicht diese, es seien vielmehr Moralfanatismus und der Haß auf unvölkische Frivolität gewesen. Allerdings nun wieder habe Kotzebue in russischen Diensten, im Dienste der Heiligen Allianz also, gestanden; und so habe Sand denn doch wohl für die Freiheit geschossen, – was freilich aufs neue der Unwahrscheinlichkeit verfalle kraft des Umstandes, daß sich unter seinen nächsten Freunden Jesuiten befunden hätten. Kurzum, was immer die Tat auch sein möge, auf jeden Fall sei sie ein schlechtes Mittel, sich deutlich zu machen, und zur Bereinigung geistiger Probleme trage sie auch nur wenig bei.
„Darf ich mir die Erkundigung erlauben, ob Sie mit Ihren Schlüpfrigkeiten bald zu Rande zu kommen gedenken?“
Herr Settembrini hatte es gefragt und zwar mit Schärfe. Er hatte gesessen, mit den Fingern auf dem Tisch getrommelt und den Schnurrbart gedreht. Jetzt war es genug. Seine Geduld war zu Ende. Aufrecht saß er, mehr als aufrecht: – sehr bleich, hatte er sich sozusagen im Sitzen auf die Zehen gestellt, so daß nur noch seine Schenkel den Stuhlsitz berührten, und so begegnete er blitzenden schwarzen Auges dem Feinde, der sich mit geheucheltem Erstaunen nach ihm umgewandt hatte.
„Wie beliebten Sie sich auszudrücken?“ lautete Naphtas Gegenfrage ...
„Ich beliebte“, sagte der Italiener und schluckte hinunter, „– ich beliebe mich dahin auszudrücken, daß ich entschlossen bin, Sie daran zu hindern, eine ungeschützte Jugend noch länger mit Ihren Zweideutigkeiten zu behelligen!“
„Mein Herr, ich fordere Sie auf, nach Ihren Worten zu sehen!“
„Einer solchen Aufforderung, mein Herr, bedarf es nicht. Ich bin gewohnt, nach meinen Worten zu sehen, und mein Wort wird präzis den Tatsachen gerecht, wenn ich ausspreche, daß Ihre Art, die ohnehin schwanke Jugend geistig zu verstören, zu verführen und sittlich zu entkräften, eine Infamie und mit Worten nicht streng genug zu züchtigen ist ...“
Bei dem Wort „Infamie“ schlug Settembrini mit der flachen Hand auf den Tisch und stand, seinen Stuhl zurückschiebend, nun vollends auf, – das Zeichen für alle übrigen, ein Gleiches zu tun. Von anderen Tischen blickte man aufhorchend herüber, – von einem eigentlich nur, die Schweizer Gäste waren schon aufgebrochen, und nur die Holländer lauschten mit verdutzten Mienen auf den ausbrechenden Wortwechsel.
Sie standen also alle steif aufrecht an unserem Tisch: Hans Castorp und die beiden Gegner und ihnen gegenüber Ferge und Wehsal. Alle fünf waren sie blaß, mit erweiterten Augen und zuckenden Mündern. Hätten nicht die drei Unbeteiligten den Versuch machen können, beschwichtigend einzuwirken, mit einem Scherzwort die Spannung zu lösen, durch irgendein menschliches Zureden alles zum Guten zu wenden? Sie unternahmen ihn nicht, diesen Versuch. Die inneren Umstände hinderten sie daran. Sie standen und bebten, und unwillkürlich ballten ihre Hände sich zu Fäusten. Selbst A. K. Ferge, dem alles Höhere erklärtermaßen völlig fern lag und der von vornherein gänzlich darauf verzichtete, die Tragweite des Streites zu ermessen, – auch er war überzeugt, daß es hier auf Biegen und Brechen gehe, und daß man, selbst mit hingerissen, nichts tun könne, als den Dingen ihren Lauf zu lassen. Sein gutmütiger Schnurrbartbausch wanderte heftig auf und nieder.
Es war still, und so hörte man Naphta mit den Zähnen knirschen. Das war für Hans Castorp eine ähnliche Erfahrung, wie die mit Wiedemanns gesträubtem Haar: Er hatte gedacht, es sei nur eine Redensart und komme in Wirklichkeit nicht vor. Nun aber knirschte Naphta tatsächlich in der Stille, ein furchtbar unangenehmes, wildes und abenteuerliches Geräusch, das sich aber immerhin als Zeichen einer gewissen fürchterlichen Beherrschung erwies, denn er schrie nicht, sondern sagte leise und nur mit einer Art von keuchendem Halblachen:
„Infamie? Züchtigen? Werden die Tugendesel stößig? Haben wir die pädagogische Schutzmannschaft der Zivilisation so weit, daß sie blank zieht? Das nenne ich einen Erfolg, für den Anfang, – leicht erzielt, wie ich mit Geringschätzung hinzufüge, denn eine wie gelinde Neckerei hat hingereicht, den wachhabenden Tugendsinn in Harnisch zu jagen! Das Weitere wird sich finden, mein Herr. Auch die ‚Züchtigung‘, auch diese. Ich hoffe, daß Ihre zivilen Grundsätze Sie nicht hindern, zu wissen, was Sie mir schuldig sind, sonst wäre ich gezwungen, diese Grundsätze durch Mittel auf die Probe zu stellen, die –“
Eine steile Bewegung Herrn Settembrinis ließ ihn fortfahren:
„Ah, ich sehe, das wird nicht nötig sein. Ich bin Ihnen im Wege, Sie sind es mir, – gut denn, wir werden den Austrag dieser kleinen Differenz an den gehörigen Ort verlegen. Für den Augenblick nur eines. Ihre frömmelnde Angst um den scholastischen Begriffsstaat der Jakobiner-Revolution sieht in meiner Art, die Jugend zweifeln zu lassen, die Kategorien über den Haufen zu werfen und die Ideen ihrer akademischen Tugendwürde zu berauben, ein pädagogisches Verbrechen. Diese Angst ist nur allzu berechtigt, denn es ist geschehen um Ihre Humanität, seien Sie dessen versichert, – geschehen und getan. Sie ist schon heute nur noch ein Zopf, eine klassizistische Abgeschmacktheit, ein geistiges Ennui, das Gähnkrampf erzeugt, und mit dem aufzuräumen die neue, unsere Revolution, mein Herr, sich anschickt. Wenn wir als Erzieher den Zweifel stiften, tiefer, als euere modeste Aufgeklärtheit sich je hat träumen lassen, so wissen wir wohl, was wir tun. Nur aus der radikalen Skepsis, dem moralischen Chaos geht das Unbedingte hervor, der heilige Terror, dessen die Zeit bedarf. Dies zu meiner Rechtfertigung und Ihrer Belehrung. Das Weitere steht auf einem anderen Blatt. Sie werden von mir hören.“
„Sie werden Gehör finden, mein Herr!“ rief Settembrini ihm nach, der den Tisch verließ und zum Kleiderständer eilte, um sich seines Pelzwerks zu bemächtigen. Dann ließ der Freimaurer sich hart auf seinen Stuhl zurücksinken und preßte sein Herz mit den Händen.
„Distruttore! Cane arrabbiato! Bisogna ammazzarlo!“ stieß er kurzen Atems hervor.
Die anderen standen noch immer am Tisch. Ferges Schnurrbart fuhr fort auf und ab zu wandern. Wehsal hatte den Unterkiefer schief gestellt. Hans Castorp ahmte die Kinnstütze seines Großvaters nach, denn ihm zitterte das Genick. Alle bedachten, wie wenig man sich bei der Ausfahrt solcher Dinge versehen habe. Alle, Herrn Settembrini nicht ausgenommen, bedachten gleichzeitig, welch ein Glück es sei, daß man in zwei Schlitten und nicht in einem gemeinsamen gekommen war. Dies erleichterte vorderhand einmal die Heimkehr. Aber was dann?
„Er hat Sie gefordert“, sagte Hans Castorp beklommen.
„Allerdings“, antwortete Settembrini und warf zu dem neben ihm Stehenden einen Blick empor, um sich gleich danach von ihm abzuwenden und den Kopf in die Hand zu stützen.
„Sie nehmen an?“ wollte Wehsal hören ...
„Sie fragen?“ antwortete Settembrini und betrachtete auch ihn einen Augenblick ... „Meine Herren“, fuhr er fort und erhob sich vollkommen gefaßt, „ich beklage den Ausgang unseres Vergnügens, allein mit solchen Zwischenfällen muß jeder Mann im Leben rechnen. Ich mißbillige theoretisch das Duell, ich denke gesetzlich. Mit der Praxis jedoch ist es eine andere Sache; und es gibt Lagen, wo, – Gegensätze, die – kurzum, ich stehe diesem Herrn zur Verfügung. Es ist gut, daß ich in meiner Jugend ein wenig gefochten habe. Ein paar Stunden Übung werden mir das Handgelenk wieder geläufig machen. Gehen wir! Das Nähere wird zu verabreden sein. Ich vermute, daß jener Herr bereits anzuspannen befohlen hat.“
Hans Castorp hatte Augenblicke, während der Heimfahrt und nachher, wo ihm vor der Ungeheuerlichkeit des Bevorstehenden schwindelte, namentlich, als sich herausstellte, daß Naphta von Hieb und Stich nichts wissen wollte, sondern auf einem Pistolenduell bestand, – und daß tatsächlich er die Waffe zu wählen hatte, da er nach ehrenrechtlichen Begriffen der Beleidigte war. Augenblicke, sagen wir, kamen dem jungen Mann, wo er seinen Geist aus der allgemeinen Verstrickung und Benebelung durch die inneren Umstände bis zu einem gewissen Grade befreien konnte und sich vorhielt, daß dies ja Wahnsinn sei, und daß man es verhindern müsse.
„Wenn eine wirkliche Beleidigung vorläge!“ rief er im Gespräch mit Settembrini, Ferge und Wehsal, den Naphta schon auf der Rückfahrt als Kartellträger gewonnen hatte, und der den Verkehr zwischen den Parteien vermittelte. „Eine Beschimpfung bürgerlicher, gesellschaftlicher Art! Wenn einer des anderen ehrlichen Namen in den Schmutz gezogen hätte, wenn es sich um eine Frau handelte, um irgendein solches handgreifliches Lebensverhängnis, bei dem man keine Möglichkeit des Ausgleichs sieht! Gut, für solche Fälle ist das Duell als letzter Ausweg da, und wenn dann der Ehre Genüge geschehen und die Sache glimpflich abgegangen ist, und es heißt: Die Gegner schieden versöhnt, so kann man sogar finden, daß es eine gute Einrichtung ist, heilsam und praktikabel in gewissen Verwicklungsfällen. Aber was hat er getan? Ich will ihn nicht etwa in Schutz nehmen, ich frage nur, was er zu Ihrer Beleidigung getan hat. Er hat die Kategorien über den Haufen geworfen. Er hat, wie er sich ausdrückt, den Begriffen ihre akademische Würde geraubt. Dadurch haben Sie sich beleidigt gefühlt, – mit Recht, wollen wir mal unterstellen –“
„Unterstellen?“ wiederholte Herr Settembrini und sah ihn an ...
„Mit Recht, mit Recht! Er hat Sie beleidigt damit. Aber er hat Sie nicht beschimpft! Das ist ein Unterschied, erlauben Sie mal! Es handelt sich um abstrakte Dinge, um geistige. Mit geistigen Dingen kann man beleidigen, aber man kann nicht damit beschimpfen. Das ist eine Maxime, die jedes Ehrengericht annehmen würde, ich kann es Ihnen bei Gott versichern. Und darum ist auch das, was Sie ihm von ‚Infamie‘ und ‚strenger Züchtigung‘ geantwortet haben, keine Beschimpfung, denn auch das war geistig gemeint, es hält sich alles im geistigen Bezirke und hat mit dem persönlichen überhaupt nichts zu tun, worin es einzig so etwas wie Beschimpfung gibt. Das Geistige kann niemals persönlich sein, das ist die Vervollständigung und die Erläuterung der Maxime, und deshalb –“
„Sie irren, mein Freund“, versetzte Herr Settembrini mit geschlossenen Augen. „Sie irren erstens in der Annahme, daß Geistiges nicht persönlichen Charakter gewinnen könne. Sie sollten das nicht meinen“, sagte er und lächelte eigentümlich fein und schmerzlich. „Sie gehen jedoch vor allem fehl in Ihrer Einschätzung des Geistigen überhaupt, das Sie offenbar für zu schwach halten, um Konflikte und Leidenschaften zu zeitigen von der Härte derjenigen, die das reale Leben mit sich bringt, und die keinen anderen Ausweg lassen, als den des Waffenganges. All’ incontro! Das Abstrakte, das Gereinigte, das Ideelle ist zugleich auch das Absolute, es ist damit das eigentlich Strenge, und es birgt viel tiefere und radikalere Möglichkeiten des Hasses, der unbedingten und unversöhnlichen Gegnerschaft, als das soziale Leben. Wundern Sie sich, daß es sogar direkter und unerbittlicher, als dieses, zur Situation des Du oder Ich, zur eigentlich radikalen Situation, zu der des Duells, des körperlichen Kampfes führt? Das Duell, mein Freund, ist keine ‚Einrichtung‘ wie eine andere. Es ist das Letzte, die Rückkehr zum Urstande der Natur, nur leicht gemildert durch eine gewisse Regelung ritterlicher Art, die sehr oberflächlich ist. Das Wesentliche der Lage bleibt das schlechthin Ursprüngliche, der körperliche Kampf, und es ist Sache jedes Mannes, sich in aller Entfernung vom Natürlichen dieser Lage gewachsen zu halten. Er kann täglich in sie geraten. Wer für das Ideelle nicht mit seiner Person, seinem Arm, seinem Blute einzutreten vermag, der ist seiner nicht wert, und es kommt darauf an, in aller Vergeistigung ein Mann zu bleiben.“
Da hatte Hans Castorp seine Zurechtweisung. Was gab es darauf zu erwidern? Er schwieg in bedrücktem Grübeln. Herrn Settembrinis Worte taten gefaßt und logisch, und dennoch klangen sie fremd und unnatürlich aus ihm hervor. Seine Gedanken waren nicht seine Gedanken, – wie er ja auch auf den des Zweikampfes gar nicht von selbst verfallen war, sondern ihn nur von dem terroristischen kleinen Naphta übernommen hatte –; sie waren Ausdruck der Umfangenheit durch die allgemeinen inneren Umstände, deren Knecht und Werkzeug Herrn Settembrinis schöner Verstand geworden war. Wie, das Geistige, weil es streng war, sollte unerbittlich zum Tierischen, zum Austrag durch den körperlichen Kampf führen? Hans Castorp lehnte sich auf dagegen, oder er versuchte doch, es zu tun, – um zu seinem Schrecken zu finden, daß er es auch nicht konnte. Sie waren stark auch in ihm, die inneren Umstände, er war nicht der Mann, er auch nicht, sich ihnen zu entwinden. Furchtbar und letztgültig wehte es ihn an aus jener Erinnerungsgegend, wo Wiedemann und Sonnenschein sich in ratlos tierischem Kampfe wälzten, und er begriff mit Grauen, daß am Ende aller Dinge nur das Körperliche blieb, die Nägel, die Zähne. Ja, ja, man mußte sich wohl schlagen, denn so war wenigstens jene Milderung des Urstandes durch ritterliche Regelung zu retten ... Hans Castorp bot sich Herrn Settembrini als Sekundanten an.
Das wurde abgelehnt. Nein, es passe nicht, es wolle sich nicht schicken, wurde ihm geantwortet, – zuerst von Herrn Settembrini mit einem Lächeln, das fein und schmerzlich war, dann auch, nach kurzer Überlegung, von Ferge und Wehsal, die ebenfalls ohne besondere Begründung fanden, es gehe nicht an, daß Hans Castorp sich an der Mensur in dieser Eigenschaft beteilige. Als Unparteiischer etwa – denn auch die Anwesenheit eines solchen gehörte ja zu den vorgeschriebenen ritterlichen Milderungen des Tierischen – möge er auf dem Kampfplatz zugegen sein. Selbst Naphta ließ sich durch den Mund seines Ehrengeschäftsträgers Wehsal in diesem Sinne vernehmen, und Hans Castorp war es zufrieden. Zeuge oder Unparteiischer, auf jeden Fall gewann er die Möglichkeit, Einfluß auf die Festsetzung der Modalitäten zu nehmen, was sich als bitter nötig erwies.
Denn Naphta war ja außer Rand und Band mit seinen Vorschlägen. Er verlangte fünf Schritt Distanz und dreimaligen Kugelwechsel, falls es nötig sein sollte. Diesen Wahnsinn ließ er noch am Abend des Zerwürfnisses durch Wehsal überbringen, der sich völlig zum Mundstück und Vertreter seiner wilden Interessen gemacht hatte und teils im Auftrage, teils gewiß auch nach eigenem Geschmack mit größter Zähigkeit auf solchen Bedingungen bestand. Natürlich fand Settembrini nichts daran auszusetzen, aber Ferge, als Sekundant, und der unparteiische Hans Castorp waren außer sich, und dieser wurde sogar grob mit dem elenden Wehsal. Ob er sich nicht schäme, fragte er, solche wüsten Unannehmlichkeiten auszukramen, wo es sich um ein rein abstraktes Duell handle, dem gar keine Realinjurie zugrunde liege! Pistolen seien schon kraß genug, aber nun diese mörderischen Einzelheiten. Da höre die Ritterlichkeit auf, und ob man sich nicht gleich übers Schnupftuch schießen wolle! Er, Wehsal, solle ja nicht auf sich feuern lassen auf solche Entfernung, darum gehe ihm der Blutdurst wohl so leicht von den Lippen – und so fort. Wehsal zuckte die Achseln, wortlos andeutend, daß eben die radikale Situation vorliege, wodurch er denn die Gegenseite, die dies zu vergessen geneigt war, gewissermaßen entwaffnete. Immerhin gelang es dieser beim Hin und Her des folgenden Tages, vor allem den dreimaligen Kugelwechsel auf einen zurückzuführen, dann aber die Distanzfrage so zu regeln, daß die Kombattanten sich auf fünfzehn Schritte gegenüberstehen und das Recht haben sollten, fünf Schritte vorzugehen, bevor sie schössen. Aber auch dies wurde nur erreicht gegen die Zusicherung, daß keine Versöhnungsversuche gemacht werden sollten. Übrigens hatte man keine Pistolen.
Herr Albin hatte welche. Außer dem blanken kleinen Revolver, mit dem er die Damen zu ängstigen liebte, besaß er noch ein Zwillingspaar in den Samt eines gemeinsamen Etuis gebetteter Offizierspistolen, die aus Belgien stammten: automatische Brownings mit Griffen aus braunem Holz, in denen sich die Magazine befanden, bläulich stählerner Geschützmaschinerie und blank gedrehten Rohren, auf deren Mündungen knapp und fein die Visiere saßen. Hans Castorp hatte sie irgendwann einmal bei dem Windbeutel gesehen und erbot sich gegen seine Überzeugung, aus reiner Umfangenheit, sie von ihm auszuleihen. So tat er, indem er aus dem Zwecke sachlich kein Hehl machte, ihn aber in persönliches Ehrengeheimnis hüllte und mit leichtem Erfolge sich an den Kavalierssinn des Windbeutels wandte. Herr Albin unterwies ihn sogar im Laden und gab mit ihm im Freien blinde Probeschüsse aus beiden Gewehren ab.
Das alles kostete Zeit, und so kam es, daß bis zum Stelldichein zwei Tage und drei Nächte vergingen. Der Treffpunkt war von Hans Castorps Erfindung: Es war der malerische, im Sommer blau blühende Ort seiner Regierungs-Zurückgezogenheit, den er in Vorschlag gebracht hatte. Hier sollte am dritten Morgen nach dem Streit, sobald es nur hell genug war, der Handel seine Erledigung finden. Erst am Vorabend, ziemlich spät, verfiel Hans Castorp, der sehr aufgeregt war, auf den Gedanken, daß es ja nötig sei, einen Arzt mit auf den Kampfplatz zu nehmen.
Er beriet sofort mit Ferge den Punkt, der sich als sehr schwierig erwies. Radamanth war zwar Korpsstudent gewesen, aber unmöglich konnte man den Chef der Anstalt um Unterstützung einer solchen Ungesetzlichkeit angehen, zumal es sich um Patienten handelte. Überhaupt bestand kaum Hoffnung, daß man hier einen Arzt werde ausfindig machen, der bereit sein würde, zu einem Pistolenduell zwischen zwei Schwerkranken die Hand zu bieten. Krokowski angehend, so war nicht einmal sicher, ob dieser spirituelle Kopf überhaupt sehr fest in der Wundbehandlung sei.
Wehsal, der zugezogen wurde, teilte mit, Naphta habe sich schon geäußert, nämlich dahin, er wolle keinen Arzt. Er gehe an jenen Ort nicht, um sich salben und wickeln zu lassen, sondern um sich zu schlagen und zwar sehr ernsthaft. Was nachher komme, sei ihm gleichgültig und werde sich finden. Das schien eine finstere Kundgebung, die aber Hans Castorp so zu deuten sich bemühte, als sei Naphta der stillen Meinung, ein Arzt werde nicht nötig sein. Hatte nicht auch Settembrini durch den zu ihm entsandten Ferge sagen lassen, man solle die Frage absetzen, sie interessiere ihn nicht? Es war nicht ganz unvernünftig, zu hoffen, die Gegner möchten im Grunde einig sein in dem Vorsatz, es zu keinem Blutvergießen kommen zu lassen. Man hatte zweimal geschlafen seit jenem Wortwechsel und würde es ein drittes Mal tun. Das kühlt, das klärt, dem Zuge der Stunden hält eine bestimmte Gemütsverfassung nicht ungewandelt stand. Morgen früh, das Schießzeug in der Hand, würde keiner der Streitbaren noch der Mann sein, der er am Abend des Zwistes gewesen. Höchstens mechanisch noch und ehrenzwangsweise, nicht nach gegenwärtigem freien Willen würden sie handeln, wie sie damals aus Lust und Überzeugung gehandelt hätten; und eine solche Verleugnung ihres aktuellen Selbst zugunsten dessen, was sie einmal gewesen, mußte sich irgendwie ja verhüten lassen!
Hans Castorp hatte nicht unrecht mit seiner Überlegung, – nicht unrecht nur leider auf eine Art, von der er sich nichts träumen lassen konnte. Er hatte sogar vollkommen recht damit, soweit Herr Settembrini in Frage kam. Hätte er aber geahnt, in welchem Sinn Leo Naphta bis zum entscheidenden Augenblick seine Vorsätze würde geändert haben oder in eben diesem Augenblick ändern würde, so hätten selbst die inneren Umstände, aus denen dies alles hervorging, ihn nicht vermocht, das Bevorstehende zuzulassen.
Um 7 Uhr war die Sonne weit entfernt, hinter ihrem Berge hervorzukommen, aber es tagte mühsam qualmend, als Hans Castorp nach unruhig verbrachter Nacht Haus Berghof verließ, um sich zum Rendezvous zu begeben. Dienstmägde, die die Halle putzten, sahen verwundert von der Arbeit nach ihm auf. Er fand jedoch das Haupttor nicht mehr verschlossen: Ferge und Wehsal, einzeln oder zu zweien, hatten es gewiß schon passiert, der eine, um Settembrini, der andere, um Naphta zum Kampfplatze abzuholen. Er, Hans, ging allein, da seine Eigenschaft als Unparteiischer ihm nicht gestattete, sich einer der beiden Parteien anzuschließen.
Er ging mechanisch und ehrenzwangsweise unter dem Druck der Umstände. Daß er dem Treffen beiwohnte, war selbstverständliche Notwendigkeit. Unmöglich, sich davon auszuschließen und das Ergebnis im Bette zu erwarten, erstens, weil – aber das Erstens führte er nicht aus, sondern fügte gleich das Zweitens hinzu, daß man die Dinge überhaupt nicht sich selbst überlassen dürfe. Noch war nichts Schlimmes geschehen, gottlob, und es brauchte nichts Schlimmes zu geschehen, es war sogar unwahrscheinlich. Man hatte bei künstlichem Licht aufstehen müssen und mußte nun ungefrühstückt, in bitterer Frostfrühe im Freien zusammenkommen, so war es einmal verabredet. Aber dann würde, unter der Einwirkung von seiner, Hans Castorps, Gegenwart sich zweifellos irgendwie alles zum Guten und Heiteren wenden, – auf eine Weise, die nicht vorauszusehen war, und die erraten zu wollen, man besser unterließ, da die Erfahrung lehrte, daß selbst der bescheidenste Vorgang anders verlief, als man vorwegnehmend ihn sich auszumalen versucht hatte.
Dennoch war es der unangenehmste Morgen seiner Erinnerung. Flau und übernächtig, neigte Hans Castorp zu nervösem Zähneklappern und war schon in geringer Tiefe seines Wesens sehr versucht, seinen Selbstbeschwichtigungen zu mißtrauen. Es waren so ganz besondere Zeiten ... Die zankzerstörte Dame aus Minsk, der tobende Schüler, Wiedemann und Sonnenschein, der polnische Ohrfeigenhandel gingen ihm wüst durch den Sinn. Er konnte sich nicht vorstellen, daß vor seinen Augen, wenn er zugegen war, zwei aufeinander schießen, sich blutig zurichten würden. Aber wenn er bedachte, was mit Wiedemann und Sonnenschein vor diesen seinen Augen zur Tatsache geworden war, so mißtraute er sich und seiner Welt und fröstelte in seiner Pelzjacke, – während übrigens immerhin und bei alldem ein Gefühl von der Außerordentlichkeit und Pathetik der Lage, zusammen mit den stärkenden Elementen der Frühluft ihn erhob und belebte.
Unter so gemischten und wechselnden Empfindungen und Gedanken stieg er im Halbhellen, langsam sich Erhellenden in „Dorf“ von der Mündung der Bobbahn auf schmalstem Pfade die Lehne hinan, erreichte den tief verschneiten Wald, überschritt die Holzbrücken, unter denen die Bahn hinablief, und stapfte auf einem Wege, der mehr ein Erzeugnis von Fußspuren, als der Schaufel war, zwischen den Stämmen weiter. Da er hastig ging, überholte er sehr bald Settembrini und Ferge, welcher mit einer Hand den Pistolenkasten unter seinem Radmantel festhielt. Hans Castorp nahm keinen Anstand, sich zu ihnen zu gesellen, und kaum war er an ihrer Seite, so erblickte er auch schon Naphta und Wehsal, die geringen Vorsprung hatten.
„Kalter Morgen, mindestens achtzehn Grad,“ sagte er in guter Absicht, erschrak aber selbst über die Frivolität seiner Worte und fügte hinzu: „Meine Herren, ich bin überzeugt ...“
Die anderen schwiegen. Ferge ließ seinen gutmütigen Schnurrbart auf und nieder wandern. Nach einer Weile blieb Settembrini stehen, nahm Hans Castorps Hand, legte auch noch seine andere darauf und sprach:
„Mein Freund, ich werde nicht töten. Ich werde es nicht. Ich werde mich seiner Kugel darstellen, das ist alles, was mir die Ehre gebieten kann. Aber ich werde nicht töten, verlassen Sie sich darauf!“
Er ließ los und ging weiter. Hans Castorp war tief ergriffen, sagte jedoch nach einigen Schritten:
„Das ist wunderbar schön von Ihnen, Herr Settembrini, nur, andererseits ... Wenn er für sein Teil ...“
Herr Settembrini schüttelte nur den Kopf. Und da Hans Castorp überlegte, daß, wenn einer nicht schösse, auch der andere sich dessen unmöglich würde unterwinden können, so fand er, daß alles sich glücklich anlasse und daß seine Annahmen sich zu bestätigen begönnen. Es wurde ihm leichter ums Herz.
Sie überschritten den Steg, der über die Schlucht führte, worin im Sommer der jetzt in Starre verstummte Wasserfall niederging, und der so sehr zu dem malerischen Charakter des Ortes beitrug. Naphta und Wehsal gingen im Schnee vor der mit dicken weißen Kissen gepolsterten Bank auf und ab, auf der Hans Castorp einst, unter ungewöhnlich lebendigen Erinnerungen, das Ende seines Nasenblutens hatte erwarten müssen. Naphta rauchte eine Zigarette, und Hans Castorp prüfte sich, ob er ebenfalls Lust hätte, das zu tun, fand aber nicht die geringste Neigung dazu in sich vor und schloß, daß es also bei jenem erst recht auf Affektation beruhen müsse. Mit dem Wohlgefallen, das er hier stets empfand, sah er sich in der kühnen Intimität seiner Stätte um, die unter diesen eisigen Umständen nicht weniger schön war, als zu Zeiten ihrer blauen Blüte. Stamm und Gezweig der schräg ins Bild ragenden Fichte waren mit Schnee beschwert.
„Guten Morgen!“ wünschte er mit heiterer Stimme, in dem Wunsch, einen natürlichen Ton sofort in die Versammlung einzuführen, der Böses zerstreuen helfen sollte, – hatte aber kein Glück damit, denn niemand antwortete ihm. Die gewechselten Grüße bestanden in stummen Verbeugungen, die bis zur Unsichtbarkeit steif waren. Dennoch blieb er entschlossen, seine Ankunftsbewegung, den herzlichen Hochgang seines Atems, die Wärme, die der rasche Gang durch den Wintermorgen ihm mitgeteilt, ohne Säumen zum guten Zweck zu verwenden und fing an:
„Meine Herren, ich bin überzeugt ...“
„Sie werden Ihre Überzeugungen ein andermal entwickeln,“ schnitt Naphta ihm kalt das Wort ab. „Die Waffen, wenn ich bitten darf,“ fügte er mit demselben Hochmut hinzu. Und Hans Castorp, auf den Mund geschlagen, mußte zusehen, wie Ferge das fatale Etui unter seinem Mantel hervorholte, und wie Wehsal, der zu ihm getreten war, eine der Pistolen von ihm empfing, um sie an Naphta weiterzugeben. Settembrini nahm aus Ferges Hand die andere. Dann mußte man Raum geben, Ferge ersuchte murmelnd darum und fing an, die Distanzen auszugehen und sichtbar zu machen: die äußere Begrenzung, indem er mit dem Absatz kurze Linien in den Schnee grub, die inneren Barrieren mit zwei Spazierstöcken, seinem eigenen und dem Settembrinis.
Der gutmütige Dulder, womit befaßte er sich da? Hans Castorp traute seinen Augen nicht. Ferge war langbeinig und griff gehörig aus, so daß wenigstens die fünfzehn Schritte eine stattliche Entfernung ergaben, wenn da auch noch die verdammten Barrieren waren, die wirklich nicht weit voneinander lagen. Gewiß, er meinte es redlich. Doch immerhin, im Zwange welcher Umnebelung handelte er, indem er Vorkehrungen so ungeheuerlichen Sinnes traf?
Naphta, der seinen Pelzmantel in den Schnee geworfen hatte, so daß man das Nerzfutter sah, trat, die Pistole in der Hand, auf einen der äußeren Absatzstriche, sobald er nur gezogen war und während Ferge an weiteren Markierungen noch arbeitete. Als er fertig war, bezog auch Settembrini, die schadhafte Pelzjacke offen, seine Stellung. Hans Castorp riß sich aus einer Lähmung und trat hastig noch einmal vor.
„Meine Herren,“ sagte er bedrängt, „keine Übereilungen! Es ist trotz allem meine Pflicht ...“
„Schweigen Sie!“ rief Naphta schneidend. „Ich wünsche das Zeichen.“
Aber niemand gab ein Zeichen. Das war nicht gut verabredet. Es sollte wohl „Los!“ ausgesprochen werden, allein daß es Sache des Unparteiischen sein werde, die furchtbare Aufforderung ergehen zu lassen, war nicht bedacht und jedenfalls nicht erwähnt worden. Hans Castorp blieb stumm und niemand sprang für ihn ein.
„Wir beginnen!“ erklärte Naphta. „Gehen Sie vor, mein Herr, und schießen Sie!“ rief er zu seinem Gegner hinüber und begann selbst vorzugehen, die Pistole mit gestrecktem Arm auf Settembrini, in Brusthöhe, gerichtet, – ein unglaubwürdiger Anblick. Auch Settembrini tat so. Beim dritten Schritt – der andere war, ohne zu feuern, schon bis zur Barriere gelangt – hob er die Pistole sehr hoch und drückte ab. Der scharfe Schuß weckte vielfaches Echo. Die Berge warfen einander Hall und Widerhall zu, das Tal lärmte davon, und Hans Castorp dachte, die Leute müßten zusammenlaufen.
„Sie haben in die Luft geschossen,“ sagte Naphta mit Selbstbeherrschung, indem er die Waffe sinken ließ.
Settembrini antwortete:
„Ich schieße, wohin es mir beliebt.“
„Sie werden noch einmal schießen!“
„Ich denke nicht daran. Die Reihe ist an Ihnen.“ Herr Settembrini, erhobenen Hauptes gen Himmel blickend, hatte sich etwas seitlich zum anderen gestellt, nicht ganz in Front, was rührend zu sehen war. Man merkte deutlich, daß er gehört hatte, man solle dem Gegner nicht gerade die volle Breitseite bieten, und daß er nach dieser Weisung handelte.
„Feigling!“ schrie Naphta, indem er mit diesem Aufschrei der Menschlichkeit das Zugeständnis machte, daß mehr Mut dazu gehöre, zu schießen, als auf sich schießen zu lassen, hob seine Pistole auf eine Weise, die nichts mehr mit Kampf zu tun hatte, und schoß sich in den Kopf.
Kläglicher, unvergeßlicher Anblick! Er taumelte oder stürzte, während die Berge mit dem scharfen Lärm seiner Untat Fangball spielten, ein paar Schritte rückwärts, indem er die Beine nach vorn warf, beschrieb mit dem ganzen Körper eine schleudernde Rechtsdrehung und fiel mit dem Gesicht in den Schnee.
Alle standen einen Augenblick starr. Settembrini, nachdem er sein Schießzeug weit von sich geworfen, war der erste bei ihm.
„Infelice!“ rief er. „Che cosa fai per l’amor di Dio!“
Hans Castorp war ihm behilflich, den Körper umzulegen. Sie sahen das schwarzrote Loch neben der Schläfe. Sie sahen in ein Gesicht, das man am besten mit dem seidenen Schnupftuch bedeckte, von dem ein Zipfel aus Naphtas Brusttasche hing.
Der Donnerschlag
Sieben Jahre blieb Hans Castorp bei Denen hier oben, – keine runde Zahl für Anhänger des Dezimalsystems, und doch eine gute, handliche Zahl in ihrer Art, ein mythisch-malerischer Zeitkörper, kann man wohl sagen, befriedigender für das Gemüt als etwa ein trockenes halbes Dutzend. Er hatte an allen sieben Tischen des Speisesaales gesessen, an jedem ungefähr ein Jahr. Zuletzt saß er am Schlechten Russentisch, zusammen mit zwei Armeniern, zwei Finnen, einem Bucharier und einem Kurden. Er saß dort mit einem kleinen Bärtchen, das er sich mittlerweile hatte stehen lassen, einem strohblonden Kinnbärtchen ziemlich unbestimmbarer Gestalt, das wir als Zeugnis einer gewissen philosophischen Gleichgültigkeit gegen sein Äußeres aufzufassen gezwungen sind. Ja, wir müssen weitergehen und diese Idee einer persönlichen Neigung zur Vernachlässigung seiner selbst in Verbindung bringen mit einer ebensolchen Neigung der Außenwelt in Beziehung zu ihm. Die Obrigkeit hatte aufgehört, Diversionen für ihn zu ersinnen. Außer der morgentlichen Frage, ob er „schön“ geschlafen habe, die aber rhetorischer Art war und summarisch gestellt wurde, richtete der Hofrat nicht mehr besonders oft das Wort an ihn, und auch Adriatica von Mylendonk (sie trug ein hochreifes Gerstenkorn um die Zeit, von der wir reden) tat es nicht alle paar Tage. Sehen wir die Dinge genauer an, so geschah es selten oder nie. Man ließ ihn in Ruhe – ein wenig wie einen Schüler, der des eigentümlich lustigen Vorzuges genießt, nicht mehr gefragt zu werden, nichts mehr zu tun zu brauchen, weil sein Sitzenbleiben beschlossene Sache ist und weil er nicht mehr in Betracht kommt, – eine orgiastische Form der Freiheit, wie wir hinzufügen, indem wir uns selber fragen, ob Freiheit je von anderer Form und Art sein könne, als ebendieser. Jedenfalls war hier einer, auf den die Obrigkeit fürder kein sorgendes Auge zu haben brauchte, weil es gewiß war, daß in seiner Brust keine wilden und trotzigen Entschlüsse mehr reifen würden, – ein Sicherer und Endgültiger, der längst gar nicht mehr gewußt hätte, wohin denn sonst, der den Gedanken der Rückkehr ins Flachland überhaupt nicht mehr zu fassen imstande war ... Drückte sich nicht eine gewisse Sorglosigkeit in betreff seiner Person allein in der Tatsache aus, daß er an den Schlechten Russentisch versetzt worden war? Womit übrigens gegen den sogenannten Schlechten Russentisch nicht das Allergeringste gesagt sein soll! Es gab keine irgendwie greifbaren Vor- oder Nachteile unter den sieben Tischen. Es war eine Demokratie von Ehrentischen, kühn gesagt. Dieselben übergewaltigen Mahlzeiten wurden an diesem gereicht, wie an allen anderen; Rhadamanthys selbst faltete dort zuweilen, im Turnus, die riesigen Hände vor seinem Teller; und die daran speisenden Völkerschaften waren ehrenwerte Mitglieder der Menschheit, wenn sie auch kein Latein verstanden und sich beim Essen nicht übertrieben zierlich benahmen.
Die Zeit, die nicht von der Art der Bahnhofsuhren ist, deren großer Zeiger ruckweise, von fünf zu fünf Minuten fällt, sondern eher von der jener ganz kleinen Uhren, deren Zeigerbewegung überhaupt untersichtig bleibt, oder wie das Gras, das kein Auge wachsen sieht, ob es gleich heimlich wächst, was denn auch eines Tages nicht mehr zu verkennen ist; die Zeit, eine Linie, die sich aus lauter ausdehnungslosen Punkten zusammensetzt (wobei der unselig verstorbene Naphta wahrscheinlich fragen würde, wie lauter Ausdehnungslosigkeiten es anfangen, eine Linie hervorzubringen): die Zeit also hatte in ihrer schleichend untersichtlichen, geheimen und dennoch betriebsamen Art fortgefahren, Veränderungen zu zeitigen. Der Knabe Teddy, um nur ein Beispiele zu nennen, war eines Tages – aber natürlich nicht „eines Tages“, sondern ganz unbestimmt von welchem Tage an – kein Knabe mehr. Die Damen konnten ihn nicht mehr auf den Schoß nehmen, wenn er zuweilen aufstand, den Pyjama mit dem Sportanzug vertauschte und herunterkam. Unmerklich hatte das Blättchen sich gewendet, er nahm sie selbst auf den Schoß bei solchen Gelegenheiten, und das machte beiden Teilen ebensoviel Vergnügen, sogar noch mehr. Er war zum Jüngling – wir wollen nicht sagen: erblüht, aber doch aufgeschossen: Hans Castorp hatte es nicht gesehen, aber er sah es. Übrigens bekamen die Zeit und das Aufschießen dem Jüngling Teddy nicht, er war nicht dafür geschaffen. Das Zeitliche segnete ihn nicht, – in seinem einundzwanzigsten Jahre starb er an der Krankheit, für die er aufnahmelustig gewesen, und in seinem Zimmer wurde gestöbert. Mit ruhiger Stimme erzählen wir es, da kein großer Unterschied war zwischen seinem neuen Zustande und dem bisherigen.
Aber gewichtigere Todesfälle ereigneten sich, flachländische Todesfälle, die unseren Helden näher angingen oder doch ehemals ihn näher angegangen hätten. Wir denken an das kürzlich erfolgte Ableben des alten Konsul Tienappel, Hansens Großonkel und Pflegevater verblaßten Angedenkens. Er hatte unzuträgliche Luftdruckverhältnisse sorgfältigst gemieden und es Onkel James überlassen, sich darin zu blamieren; aber der Apoplexie hatte er auf die Dauer doch nicht entgehen können, und die drahtlich knapp, aber zart und schonend abgefaßte Nachricht von seinem Hintritt – zart und schonend mehr mit Rücksicht auf den Verblichenen, als auf den Empfänger der Botschaft – war eines Tages herauf an Hans Castorps vorzüglichen Liegestuhl gelangt, worauf er sich schwarz gerändertes Papier gekauft und den Onkel-Cousins geschrieben hatte, er, die Doppelwaise, die sich nun als noch einmal, als dreifach verwaist zu betrachten habe, sei um so betrübter, als es ihm verwehrt und verboten sei, seinen hiesigen Aufenthalt zu unterbrechen, um dem Großonkel das letzte Geleite zu geben.
Von Trauer zu reden, wäre Schönfärberei, doch zeigten Hans Castorps Augen in jenen Tagen immerhin einen Ausdruck, der sinnender war als gewöhnlich. Dieser Sterbefall, dessen Gefühlsbedeutung niemals mächtig gewesen wäre und durch abenteuerliche Jährchen der Entfremdung auf fast nichts herabgemindert worden war, er kam doch dem Zerreißen noch einer Bindung, noch einer Beziehung zur unteren Sphäre gleich, gab dem, was Hans Castorp mit Recht die Freiheit nannte, letzte Vollständigkeit. Wirklich war in der späten Zeit, von der wir sprechen, jede Fühlung zwischen ihm und dem Flachlande restlos aufgehoben. Er schrieb keine Briefe dorthin und empfing keine. Er bezog Maria Mancini nicht mehr von dort. Er hatte hier oben eine Marke gefunden, die ihm zusagte, und der er nun ebenso Treue trug wie einst jener Freundin: ein Fabrikat, das selbst dem Polarforscher im Eise über die ärgsten Strapazen hinweggeholfen hätte, und mit dem versehen, man einfach wie am Meere lag und es aushalten konnte, – eine besonders gut gepflegte Sandblattzigarre, namens „Rütlischwur“, etwas gedrungener, als Maria, mausgrau von Farbe, mit einem bläulichen Leibring, sehr fügsam und mild im Charakter und zu schneeweißer, haltbarer Asche, in welcher die Adern des Deckblattes stehen blieben, so gleichmäßig sich verzehrend, daß sie dem Genießenden statt einer fließenden Sanduhr hätte dienen können und ihm nach seinen Bedürfnissen auch so diente, denn seine Taschenuhr trug er nicht mehr. Sie stand, sie war ihm eines Tages vom Nachttisch gefallen, und er hatte davon abgesehen, sie wieder in messenden Rundlauf setzen zu lassen, – aus denselben Gründen, weshalb er auch auf den Besitz von Kalendern, sei es zum täglichen Abreißen, sei es zur Vorbelehrung über den Fall der Tage und Feste, schon längst verzichtet hatte: aus Gründen der „Freiheit“ also, dem Strandspaziergange, dem stehenden Immer-und-Ewig zu Ehren, diesem hermetischen Zauber, für den der Entrückte sich aufnahmelustig erwiesen, und der das Grundabenteuer seiner Seele gewesen, dasjenige, worin alle alchymistischen Abenteuer dieses schlichten Stoffes sich abgespielt hatten.
So lag er, und so lief wieder einmal, im Hochsommer, der Zeit seiner Ankunft, zum siebentenmal – er wußte es nicht – das Jahr in sich selber.
Da erdröhnte –
Aber Scham und Scheu halten uns ab, erzählerisch den Mund vollzunehmen von dem, was da erscholl und geschah. Nur hier keine Prahlerei, kein Jägerlatein! Die Stimme gemäßigt zu der Aussage, daß also der Donnerschlag erdröhnte, von dem wir alle wissen, diese betäubende Detonation lang angesammelter Unheilsgemenge von Stumpfsinn und Gereiztheit, – ein historischer Donnerschlag, mit gedämpftem Respekt zu sagen, der die Grundfesten der Erde erschütterte, für uns aber der Donnerschlag, der den Zauberberg sprengt und den Siebenschläfer unsanft vor seine Tore setzt. Verdutzt sitzt er im Grase und reibt sich die Augen, wie ein Mann, der es trotz mancher Ermahnung versäumt hat, die Presse zu lesen.
Sein mittelländischer Freund und Mentor hatte dem immer ein wenig abzuhelfen gesucht und es sich angelegen sein lassen, das Sorgenkind seiner Erziehung über die unteren Vorgänge in großen Zügen zu unterrichten, hatte aber wenig Ohr bei einem Schüler gefunden, der sich zwar von den geistigen Schatten der Dinge regierungsweise das eine und andere träumen ließ, der Dinge selbst aber nicht geachtet hatte und zwar aus der Hochmutsneigung, die Schatten für die Dinge zu nehmen, in diesen aber nur Schatten zu sehen, – weswegen man ihn nicht einmal allzu hart schelten darf, da dies Verhältnis nicht letztgültig geklärt ist.
Es war nicht mehr so, wie einst, daß Herr Settembrini, nachdem er plötzliche Klarheit hergestellt hatte, an dem Bette des horizontalen Hans Castorp saß und in Dingen des Todes und des Lebens berichtigend auf ihn einzuwirken suchte. Umgekehrt saß nun dieser, die Hände zwischen den Knien, an dem Bette des Humanisten im kleinen Kabinett oder an seinem Tagesruhelager im separierten und traulichen Mansardenstudio mit den Carbanarostühlen und der Wasserflasche, leistete ihm Gesellschaft und lauschte höflich seinen Erörterungen der Weltlage, denn nicht oft mehr war Herr Lodovico auf den Beinen. Naphtas krasses Ende, die terroristische Tat des scharf verzweifelten Disputanten, hatte seiner empfindsamen Natur einen harten Stoß versetzt, er konnte sich nicht davon erholen, unterlag seither großer Schwäche und Hinfälligkeit. Seine Mitarbeit an der „Soziologischen Pathologie“ stockte, das Lexikon aller Werke des schönen Geistes, die das menschliche Leiden zum Gegenstande hatten, kam nicht mehr vom Fleck, jene Liga wartete vergebens auf den betreffenden Band ihrer Enzyklopädie, Herr Settembrini war gezwungen, seine Mitwirkung an der Organisation des Fortschritts aufs Mündliche zu beschränken, und dazu eben boten Hans Castorps freundschaftliche Besuche ihm eine Gelegenheit, die er ohne sie ebenfalls hätte entbehren müssen.
Er sprach mit schwacher Stimme, aber viel, schön und von Herzen über die Selbstvervollkommnung der Menschheit auf gesellschaftlichem Wege. Seine Rede ging wie auf Taubenfüßen, aber bald, wenn er etwa von der Vereinigung der befreiten Völker zum allgemeinen Glücke sprach, so mischte sich – er wollte und wußte es wohl selber nicht – etwas wie Rauschen von Adlersschwingen hinein, und das machte zweifellos die Politik, das großväterliche Erbe, das sich mit dem humanistischen Erbe des Vaters in ihm, Lodovico, zur schönen Literatur vereinigt hatte, – genau wie Humanität und Politik sich vereinigten in dem Hoch- und Toastgedanken der Zivilisation, diesem Gedanken voll Taubenmilde und Adlerskühnheit, der seinen Tag erwartete, den Völkermorgen, da das Prinzip der Beharrung würde aufs Haupt geschlagen und die heilige Allianz der bürgerlichen Demokratie in die Wege geleitet werden ... Kurzum, hier gab es Unstimmigkeiten. Herr Settembrini war humanitär, aber zugleich und eben damit, halb ausgesprochen, war er auch kriegerisch. Er hatte sich beim Duell mit dem krassen Naphta wie ein Mensch benommen, im großen aber, wo die Menschlichkeit sich begeisterungsvoll mit der Politik zur Sieges- und Herrschaftsidee der Zivilisation verband und man die Pike des Bürgers am Altar der Menschheit weihte, wurde es zweifelhaft, ob er, unpersönlich, gemeint blieb, seine Hand zurückzuhalten vom Blute; – ja die inneren Umstände bewirkten, daß in Herrn Settembrinis schöner Gesinnung das Element der Adlerskühnheit mehr und mehr gegen das der Taubenmilde durchschlug.
Nicht selten war sein Verhältnis zu den großen Konstellationen der Welt zwiespältig, von Skrupeln gestört und verlegen. Neulich, zwei oder anderthalb Jährchen zurück, hatte das diplomatische Zusammenwirken seines Landes mit Österreich in Albanien sein Gespräch beunruhigt, dies Zusammenwirken, das ihn erhob, da es gegen das lateinlose Halbasien, gegen Knute und Schlüsselburg gerichtet war, und das ihn quälte eben als Mißbündnis mit dem Erbfeinde, dem Prinzip der Beharrung und der Völkerknechtschaft. Vorigen Herbst hatte die große Leihgabe Frankreichs an Rußland zum Zwecke des Baues eines Bahnnetzes in Polen ihm ähnlich widerstreitende Gefühle geweckt. Denn Herr Settembrini gehörte der frankophilen Partei seines Landes an, was nicht wundernehmen kann, wenn man bedenkt, daß sein Großvater die Tage der Julirevolution denjenigen der Weltschöpfung gleichgesetzt hatte; aber das Einverständnis der erleuchteten Republik mit dem byzantinischen Skythentum schuf ihm moralische Verlegenheit, – eine Beklemmung seiner Brust, die doch auch wieder, beim Gedanken an den strategischen Sinn jenes Bahnnetzes, in rasch atmende Hoffnung und Freude sich umdeuten wollte. Dann fiel der Fürstenmord ein, der für jedermann, außer für deutsche Siebenschläfer, ein Sturmzeichen war, Bescheid für die Wissenden, zu denen wir Herrn Settembrini mit Fug zu rechnen haben. Hans Castorp sah ihn wohl privatmenschlich schaudern vor solcher Schreckenstat, sah aber auch seine Brust sich heben beim Gedanken daran, daß es eine Volks- und Befreiungstat war, die da geschehen, gerichtet gegen die Burg seines Hasses, wenn auch hinwiederum zu werten als Frucht moskowitischen Betreibens, was ihm Beklemmung schuf, ihn aber nicht hinderte, die äußerste Aufforderung der Monarchie an Serbien, drei Wochen später, als Beleidigung der Menschheit und grauenhaftes Verbrechen zu kennzeichnen, in Anbetracht ihrer Folgen, die zu sehen er eingeweiht war, und die er rasch atmend begrüßte ...
Kurzum, Herrn Settembrinis Empfindungen waren vielfach zusammengesetzt, wie das Verhängnis, das er mit großer Schnelle sich ballen sah, und für das er seinem Zögling mit halben Worten Augen zu machen suchte, während doch eine Art von nationaler Höflichkeit und Erbarmnis ihn abhielt, vollends darüber aus sich herauszugehen. In den Tagen der ersten Mobilisationen, der ersten Kriegserklärung, hatte er eine Gewohnheit angenommen, dem Besucher beide Hände entgegenzustrecken und ihm die seinen zu drücken, daß es dem Tölpel zu Herzen ging, wenn auch nicht recht zu Kopfe. „Mein Freund!“ sagte der Italiener. „Das Schießpulver, die Druckerpresse – unleugbar, Sie haben das einst erfunden! Allein wenn Sie glauben, daß wir gegen die Revolution marschieren werden ... Caro ...“
Während der Tage schwülster Erwartung, als eine wahre Streckfolter die Nerven Europas spannte, sah Hans Castorp Herrn Settembrini nicht. Die wüsten Zeitungen drangen nun unmittelbar aus der Tiefe zu seiner Balkonloge empor, durchzuckten das Haus, erfüllten mit ihrem die Brust beklemmenden Schwefelgeruch den Speisesaal und selbst die Zimmer der Schweren und Moribunden. Es waren jene Sekunden, wo der Siebenschläfer im Grase, nicht wissend, wie ihm geschah, sich langsam aufrichtete, bevor er saß und sich die Augen rieb ... Wir wollen aber das Bild zu Ende führen, um seiner Gemütsbewegung gerecht zu werden. Er zog die Beine unter sich, stand auf, blickte um sich. Er sah sich entzaubert, erlöst, befreit, – nicht aus eigener Kraft, wie er sich mit Beschämung gestehen mußte, sondern an die Luft gesetzt von elementaren Außenmächten, denen seine Befreiung sehr nebensächlich mit unterlief. Aber wenn auch sein kleines Schicksal vor dem allgemeinen verschwand, – drückte nicht dennoch etwas von persönlich gemeinter und also von göttlicher Güte und Gerechtigkeit sich darin aus? Nahm das Leben sein sündiges Sorgenkind noch einmal an, – nicht auf wohlfeile Art, sondern eben nur so, auf diese ernste und strenge Art, im Sinn einer Heimsuchung, die vielleicht nicht Leben, aber gerade in diesem Falle drei Ehrensalven für ihn, den Sünder, bedeutete, konnte es geschehen. Und so sank er denn auf seine Knie hin, Gesicht und Hände zu einem Himmel erhoben, der schweflig dunkel, aber nicht länger die Grottendecke des Sündenberges war.
In dieser Haltung traf ihn Herr Settembrini, – stark bildlich gesprochen, wie sich versteht; denn in Wirklichkeit, das wissen wir, schloß unseres Helden Sittensprödigkeit solches Theater aus. In spröder Wirklichkeit traf ihn der Mentor beim Kofferpacken, – denn seit dem Augenblick seines Erwachens sah Hans Castorp sich in den Trubel und Strudel von wilder Abreise gerissen, den der sprengende Donnerschlag im Tale angerichtet. Die „Heimat“ glich einem Ameisenhaufen in Panik. Fünftausend Fuß tief stürzte das Völkchen Derer hier oben sich kopfüber ins Flachland der Heimsuchung, die Trittbretter des gestürmten Zügleins belastend, ohne Gepäck, wenn es sein mußte, das in Stapelreihen die Steige des Bahnhofs bedeckte, – des wimmelnden Bahnhofs, in dessen Höhe brenzlige Schwüle von unten heraufzuschlagen schien, – und Hans stürzte mit. Im Tumult umarmte ihn Lodovico, – buchstäblich, er schloß ihn in seine Arme und küßte ihn wie ein Südländer (oder auch wie ein Russe) auf beide Wangen, was unseren wilden Reisenden in aller Bewegung nicht wenig genierte. Aber fast hätte er die Fassung verloren, als Herr Settembrini ihn im letzten Augenblick mit Vornamen, nämlich „Giovanni“ nannte und dabei die im gesitteten Abendland übliche Form der Anrede dahin fahren und das Du walten ließ!
„E così in giù,“ sagte er, – „in giù finalmente! Addio, Giovanni mio! Anders hatte ich dich reisen zu sehen gewünscht, aber sei es darum, die Götter haben es so bestimmt und nicht anders. Zur Arbeit hoffte ich dich zu entlassen, nun wirst du kämpfen inmitten der Deinen. Mein Gott, dir war es zugedacht und nicht unserm Leutnant. Wie spielt das Leben ... Kämpfe tapfer, dort, wo das Blut dich bindet! Mehr kann jetzt niemand tun. Mir aber verzeih’, wenn ich den Rest meiner Kräfte daransetze, um auch mein Land zum Kampfe hinzureißen, auf jener Seite, wohin der Geist und heiliger Eigennutz es weisen. Addio!“
Hans Castorp zwängte seinen Kopf zwischen zehn andere, die den Rahmen des Fensterchens füllten. Er winkte über sie hin. Auch Herr Settembrini winkte mit der Rechten, während er mit der Ringfingerspitze der Linken zart einen Augenwinkel berührte.
Wo sind wir? Was ist das? Wohin verschlug uns der Traum? Dämmerung, Regen und Schmutz, Brandröte des trüben Himmels, der unaufhörlich von schwerem Donner brüllt, die nassen Lüfte erfüllt, zerrissen von scharfem Singen, wütend höllenhundhaft daherfahrendem Heulen, das seine Bahn mit Splittern, Spritzen, Krachen und Lohen beendet, von Stöhnen und Schreien, von Zinkgeschmetter, das bersten will, und Trommeltakt, der schleuniger, schleuniger treibt ... Dort ist ein Wald, aus dem sich farblose Schwärme ergießen, die laufen, fallen und springen. Dort zieht eine Hügelzeile sich vor dem fernen Brande hin, dessen Glut sich manchmal zu wehenden Flammen sammelt. Um uns ist welliges Ackerland, zerwühlt, zerweicht. Eine Landstraße läuft kotig, mit gebrochenen Zweigen bedeckt, dem Walde gleich; ein Feldweg, zerfurcht und grundlos, schwingt sich von ihr im Bogen gegen die Hügel hin, Baumstöcke ragen im kalten Regen, nackt und entzweigt ... Hier ist ein Wegweiser, – unnütz ihn zu befragen; Halbdunkel würde uns seine Schrift verhüllen, auch wenn das Schild nicht von einem Durchschlage zackig zerrissen wäre. Ost oder West? Es ist das Flachland, es ist der Krieg. Und wir sind scheue Schatten am Wege, schamhaft in Schattensicherheit, und keineswegs gesonnen, uns in Prahlerei und Jägerlatein zu ergehen, aber dahergeführt vom Geist der Erzählung, um von den grauen, laufenden, stürzenden, vorwärts getrommelten Kameraden, die aus dem Walde schwärmen, einem, den wir kennen, dem Weggenossen so vieler Jährchen, dem gutmütigen Sünder, dessen Stimme wir so oft vernahmen, noch einmal ins einfache Angesicht zu blicken, bevor wir ihn aus den Augen verlieren.
Man hat sie herangeholt, die Kameraden, um dem Gefechte letzten Nachdruck zu geben, das schon den ganzen Tag gedauert hat, und das dem Wiedergewinn jener Hügelstellung und der dahinterliegenden brennenden Dörfer gilt, die vor zwei Tagen an den Feind verloren gingen. Es ist ein Regiment Freiwilliger, junges Blut, Studenten zumeist, nicht lange im Felde. Sie wurden alarmiert in der Nacht, sie fuhren mit der Bahn bis zum Morgen und marschierten im Regen bis zum Nachmittag auf schlimmen Wegen, – auf gar keinen Wegen, die Straßen waren verstopft, es ging durch Äcker und Moor, sieben Stunden lang, im schwergesogenen Mantel, mit Sturmgepäck, und das war kein Lustwandel; denn wollte man nicht die Stiefel verlieren, so mußte man fast bei jedem Schritte gebückt mit dem Finger in die Lasche greifen um den Fuß daran aus dem quatschenden Grunde ziehen. So haben sie eine Stunde gebraucht, um über eine kleine Wiese zu kommen. Nun sind sie da, ihr junges Blut hat alles geschafft, ihre erregten und schon erschöpften, aber aus tiefsten Lebensreserven in Spannung gehaltenen Körper fragen dem vorenthaltenen Schlaf, der Nahrung nicht nach. Ihre nassen, mit Schmutz bespritzten, vom Sturmband umrahmten Gesichter unter den grau bespannten, verschobenen Helmen glühen. Sie glühen von Anstrengung und von dem Anblick der Verluste, die sie beim Zuge durch den morastigen Wald erlitten haben. Denn der Feind, ihres Anrückens kundig, hat Sperrfeuer von Schrapnells und großkalibrigen Granaten auf ihren Weg gelegt, das schon durch den Wald splitternd in ihre Gruppen schlug und heulend, spritzend und flammend das weite Sturzackerland peitscht.
Sie müssen hindurch, die dreitausend fiebernden Knaben, sie müssen als Nachschub mit ihren Bajonetten den Sturm auf die Gräben vor und hinter der Hügelzeile, auf die brennenden Dörfer entscheiden und helfen, ihn vorzutragen bis zu einem bestimmten Punkt, der bezeichnet ist in dem Befehl, den ihr Führer in seiner Tasche trägt. Sie sind dreitausend, damit sie noch ihrer zweitausend sind, wenn sie bei den Hügeln, den Dörfern anlangen; das ist der Sinn ihrer Menge. Sie sind ein Körper, darauf berechnet, nach großen Ausfällen noch handeln und siegen, den Sieg noch immer mit tausendstimmigem Hurra begrüßen zu können, – ungeachtet derer, die sich vereinzelten, indem sie ausfielen. Manch einer schon hat sich vereinzelt, fiel aus beim Gewaltmarsch, für den er sich als zu jung und zart erwies. Er wurde blasser und wankte, forderte verbissen Mannheit von sich und blieb endlich doch zurück. Er schleppte sich noch eine Weile neben der Marschkolonne hin, Rotte um Rotte überholte ihn, und er verschwand, blieb liegen, wo es nicht gut war. Und dann war der splitternde Wald gekommen. Aber der Hervorschwärmenden sind immer noch viele; dreitausend können einen Aderlaß aushalten und sind auch dann noch ein wimmelnder Verband. Schon überfluten sie unser gepeitschtes Regenland, die Chaussee, den Feldweg, die verschlammten Äcker; wir schauenden Schatten am Wege sind mitten unter ihnen. Am Waldesrand wird immer das Seitengewehr aufgepflanzt, mit gedrillten Griffen, das Zink ruft dringend, die Trommel klopft und rollt im tieferen Donner, und vorwärts stürzen sie, wie es gehen will, mit sprödem Schreien und qualtraumschwer die Füße, da die Ackerklüten sich bleiern an ihre plumpen Stiefel hängen.
Sie werfen sich nieder vor anheulenden Projektilen, um wieder aufzuspringen und weiter zu hasten, mit jungsprödem Mutgeschrei, weil es sie nicht getroffen hat. Sie werden getroffen, sie fallen, mit den Armen fechtend, in die Stirn, in das Herz, ins Gedärm geschossen. Sie liegen, die Gesichter im Kot, und rühren sich nicht mehr. Sie liegen, den Rücken vom Tornister gehoben, den Hinterkopf in den Grund gebohrt und greifen krallend mit ihren Händen in die Luft. Aber der Wald sendet neue, die sich hinwerfen und springen und schreiend oder stumm zwischen den Ausgefallenen vorwärts stolpern.
Das junge Blut mit seinen Ranzen und Spießgewehren, seinen verschmutzten Mänteln und Stiefeln! Man könnte sich humanistisch-schönseliger Weise auch andere Bilder erträumen in seiner Betrachtung. Man könnte es sich denken: Rosse regend und schwemmend in einer Meeresbucht, mit der Geliebten am Strande wandelnd, die Lippen am Ohre der weichen Braut, auch wie es glücklich freundschaftlich einander im Bogenschuß unterweist. Statt dessen liegt es, die Nase im Feuerdreck. Daß es das freudig tut, wenn auch in grenzenlosen Ängsten und unaussprechlichem Mutterheimweh, ist eine erhabene und beschämende Sache für sich, sollte jedoch kein Grund sein, es in die Lage zu bringen.
Da ist unser Bekannter, da ist Hans Castorp! Schon ganz von weitem haben wir ihn erkannt an seinem Bärtchen, das er sich am Schlechten Russentisch hat stehen lassen. Er glüht durchnäßt, wie alle. Er läuft mit ackerschweren Füßen, das Spießgewehr in hängender Faust. Seht, er tritt einem ausgefallenen Kameraden auf die Hand, – tritt diese Hand mit seinem Nagelstiefel tief in den schlammigen, mit Splitterzweigen bedeckten Grund hinein. Er ist es trotzdem. Was denn, er singt! Wie man in stierer, gedankenloser Erregung vor sich hinsingt, ohne es zu wissen, so nutzt er seinen abgerissenen Atem, um halblaut für sich zu singen:
Er stürzt. Nein, er hat sich platt hingeworfen, da ein Höllenhund anheult, ein großes Brisanzgeschoß, ein ekelhafter Zuckerhut des Abgrunds. Er liegt, das Gesicht im kühlen Kot, die Beine gespreizt, die Füße gedreht, die Absätze erdwärts. Das Produkt einer verwilderten Wissenschaft, geladen mit dem Schlimmsten, fährt dreißig Schritte schräg vor ihm wie der Teufel selbst tief in den Grund, zerplatzt dort unten mit gräßlicher Übergewalt und reißt einen haushohen Springbrunnen von Erdreich, Feuer, Eisen, Blei und zerstückeltem Menschentum in die Lüfte empor. Denn dort lagen zwei, – es waren Freunde, sie hatten sich zusammengelegt in der Not: nun sind sie vermengt und verschwunden.
O Scham unserer Schattensicherheit! Hinweg! Wir erzählen das nicht! Ist unser Bekannter getroffen? Er meinte einen Augenblick, es zu sein. Ein großer Erdklumpen fuhr ihm gegen das Schienbein, das tat wohl weh, ist aber lächerlich. Er macht sich auf, er taumelt hinkend weiter mit erdschweren Füßen, bewußtlos singend:
Und so, im Getümmel, in dem Regen, der Dämmerung, kommt er uns aus den Augen.
Lebewohl, Hans Castorp, des Lebens treuherziges Sorgenkind! Deine Geschichte ist aus. Zu Ende haben wir sie erzählt; sie war weder kurzweilig noch langweilig, es war eine hermetische Geschichte. Wir haben sie erzählt um ihretwillen, nicht deinethalben, denn du warst simpel. Aber zuletzt war es deine Geschichte; da sie dir zustieß, mußtest du’s irgend wohl hinter den Ohren haben, und wir verleugnen nicht die pädagogische Neigung, die wir in ihrem Verlaufe für dich gefaßt, und die uns bestimmen könnte, zart mit der Fingerspitze den Augenwinkel zu tupfen bei dem Gedanken, daß wir dich weder sehen noch hören werden in Zukunft.
Fahr wohl – du lebest nun oder bleibest! Deine Aussichten sind schlecht; das arge Tanzvergnügen, worein du gerissen bist, dauert noch manches Sündenjährchen, und wir möchten nicht hoch wetten, daß du davonkommst. Ehrlich gestanden, lassen wir ziemlich unbekümmert die Frage offen. Abenteuer im Fleische und Geist, die deine Einfachheit steigerten, ließen dich im Geist überleben, was du im Fleische wohl kaum überleben sollst. Augenblicke kamen, wo dir aus Tod und Körperunzucht ahnungsvoll und regierungsweise ein Traum von Liebe erwuchs. Wird auch aus diesem Weltfest des Todes, auch aus der schlimmen Fieberbrunst, die rings den regnerischen Abendhimmel entzündet, einmal die Liebe steigen?
FINIS OPERIS
Von den Gesammelten Werken wurden 150 Exemplare auf Hadern-Velin-Papier abgezogen, numeriert und vom Verfasser signiert. Diese Exemplare werden nur in Subskription auf das Gesamtwerk abgegeben.
Druck vom Bibliographischen Institut in Leipzig