Sechstes Kapitel
Veränderungen
Was ist die Zeit? Ein Geheimnis, – wesenlos und allmächtig. Eine Bedingung der Erscheinungswelt, eine Bewegung, verkoppelt und vermengt dem Dasein der Körper im Raum und ihrer Bewegung. Wäre aber keine Zeit, wenn keine Bewegung wäre? Keine Bewegung, wenn keine Zeit? Frage nur! Ist die Zeit eine Funktion des Raumes? Oder umgekehrt? Oder sind beide identisch? Nur zu gefragt! Die Zeit ist tätig, sie hat verbale Beschaffenheit, sie „zeitigt“. Was zeitigt sie denn? Veränderung! Jetzt ist nicht damals, hier nicht dort, denn zwischen beiden liegt Bewegung. Da aber die Bewegung, an der man die Zeit mißt, kreisläufig ist, in sich selber beschlossen, so ist das eine Bewegung und Veränderung, die man fast ebensogut als Ruhe und Stillstand bezeichnen könnte; denn das Damals wiederholt sich beständig im Jetzt, das Dort im Hier. Da ferner eine endliche Zeit und ein begrenzter Raum auch mit der verzweifeltsten Anstrengung nicht vorgestellt werden können, so hat man sich entschlossen, Zeit und Raum als ewig und unendlich zu „denken“, – in der Meinung offenbar, dies gelinge, wenn nicht recht gut, so doch etwas besser. Bedeutet aber nicht die Statuierung des Ewigen und Unendlichen die logisch-rechnerische Vernichtung alles Begrenzten und Endlichen, seine verhältnismäßige Reduzierung auf null? Ist im Ewigen ein Nacheinander möglich, im Unendlichen ein Nebeneinander? Wie vertragen sich mit den Notannahmen des Ewigen und Unendlichen Begriffe wie Entfernung, Bewegung, Veränderung, auch nur das Vorhandensein begrenzter Körper im All? Das frage du nur immerhin!
Hans Castorp fragte so und ähnlich in seinem Hirn, das gleich bei seiner Ankunft hier oben zu solchen Indiskretionen und Quengeleien sich aufgelegt gezeigt hatte und durch eine schlimme, aber gewaltige Lust, die er seitdem gebüßt, vielleicht besonders dafür geschärft und zum Querulieren dreist gemacht worden war. Er fragte sich selbst danach und den guten Joachim und das seit undenklichen Zeiten dick verschneite Tal, obgleich er ja von keiner dieser Stellen irgend etwas einer Antwort ähnliches zu gewärtigen hatte, – schwer zu sagen, von welcher am wenigsten. Sich selbst legte er solche Fragen eben nur vor, weil er keine Antwort darauf wußte. Joachim seinerseits war zur Teilnahme daran fast gar nicht zu gewinnen, da er, wie Hans Castorp es eines Abends auf französisch gesagt hatte, an nichts dachte als daran, im Flachlande Soldat zu sein und mit der bald sich nähernden, bald foppend wieder ins Weite schwindenden Hoffnung darauf in einem nachgerade erbitterten Kampfe lag, den durch einen Gewaltstreich zu beenden er sich neuerdings geneigt zeigte. Ja, der gute, geduldige, rechtliche und so ganz auf Dienstlichkeit und Disziplin gestellte Joachim unterlag empörerischen Anwandlungen, er begehrte auf gegen die „Gaffky-Skala“, jenes Untersuchungssystem, wonach im Laboratorium drunten, oder dem „Labor“, wie man gewöhnlich sagte, der Grad erkundet und bezeichnet wurde, in welchem ein Patient mit Bazillen behaftet war: ob diese nur ganz vereinzelt oder unzählbar massenhaft in dem analysierten Probestoffe sich vorfanden, das bestimmte die Höhe der Gaffky-Nummer, und auf diese eben kam alles an. Denn völlig untrüglich drückte sie die Genesungschance aus, mit der ihr Träger zu rechnen hatte; die Zahl der Monate oder Jahre, die jemand noch würde zu verweilen haben, war unschwer danach zu bestimmen, angefangen von der halbjährigen Stippvisite bis hinauf zu dem Spruche „Lebenslänglich“, der zeitlich genommen oft genug nun wieder nur allzu wenig besagte. Gegen die Gaffky-Skala denn also empörte Joachim sich, offen kündigte er ihrer Autorität den Glauben, – nicht ganz offen, nicht gerade gegen die Oberen, aber doch gegen seinen Vetter und sogar bei Tisch. „Ich habe es satt, ich lasse mich nicht länger zum Narren haben“, sagte er laut, und das Blut stieg ihm in das tief gebräunte Gesicht. „Vor vierzehn Tagen hatte ich Gaffky Nr. 2, eine Bagatelle, die besten Aussichten, und heute Nr. 9, bevölkert geradezu, von der Ebene nicht mehr die Rede. Da soll doch der Teufel klug daraus werden, wie es mit einem steht, es ist nicht zum Aushalten. Oben auf Schatzalp liegt ein Mann, ein griechischer Bauer, sie haben ihn aus Arkadien hergeschickt, ein Agent hat ihn hergeschickt, – ein aussichtsloser Fall, es ist galoppierend bei ihm, jeden Tag kann man den Exitus erwarten, aber nie im Leben hat der Mann Bazillen im Sputum gehabt. Dagegen der dicke belgische Hauptmann, der gesund abging, als ich ankam, war Gaffky Nr. 10 gewesen, nur so gewimmelt hatte es bei ihm, und dabei hatte er bloß eine ganz kleine Kaverne gehabt. Gaffky kann mir gestohlen werden! Ich mache Schluß, ich reise nach Hause, und wenn es mein Tod ist!“ So Joachim; und alle waren schmerzlich betreten, den sanften, gesetzten jungen Menschen in solchem Aufruhr zu sehen. Hans Castorp konnte nicht umhin, bei Joachims Drohung, er werde alles hinwerfen und ins Flachland abreisen, an gewisse Äußerungen zu denken, die er auf französisch von dritter Seite vernommen. Aber er schwieg; denn sollte er dem Vetter seine eigene Geduld als Muster vorhalten, wie Frau Stöhr es tat, die Joachim wirklich ermahnte, nicht so lästerlich aufzutrotzen, sondern sich in Demut zu schicken und sich ein Beispiel an der Treue zu nehmen, mit welcher sie, Karoline, hier oben ausharre und es sich willenszäh versage, in ihrem Heim zu Cannstatt als Hausfrau zu schalten und zu walten, um dereinst ihrem Mann ein völlig und gründlich genesenes Eheweib in ihrer Person zurückzuerstatten? Nein, das mochte Hans Castorp denn doch nicht, zumal er seit dem Faschingsfest vor Joachim ein schlechtes Gewissen hatte, – das heißt: sein Gewissen sagte ihm, Joachim müsse in dem, worüber sie nicht sprachen, wovon Joachim aber zweifellos wußte, etwas wie Verrat, Desertion und Treulosigkeit sehen, und zwar in Hinsicht auf ein Paar runder brauner Augen, eine schwach begründete Lachlust und ein Apfelsinenparfüm, deren Einwirkungen er täglich fünfmal ausgesetzt war, vor denen er aber streng und anständig seine Augen auf den Teller niederschlug ... Ja, noch in dem stillen Widerstreben, mit dem Joachim seinen Spekulationen und Aspekten über die „Zeit“ begegnete, glaubte Hans Castorp etwas von dieser militärischen Sittsamkeit, die einen Vorwurf für sein Gewissen enthielt, zu spüren. Was aber das Tal, das dick verschneite Wintertal betraf, an das Hans Castorp von seinem vorzüglichen Liegestuhle aus ebenfalls seine übersinnlichen Fragen richtete, so standen seine Zinken, Kuppen, Wandlinien und braun-grün-rötlichen Wälder schweigend in der Zeit, umwoben von still fließender Erdenzeit bald leuchtend im tiefen Himmelsblau, bald qualmverhüllt, bald rötlich angeglüht in der Höhe von scheidender Sonne, bald diamanthart glitzernd in Mondnachtzauber, – aber immer im Schnee, seit sechs undenklichen, wenn auch huschartig vergangenen Monaten, und alle Gäste erklärten, sie könnten den Schnee nicht mehr sehen, er widere sie, schon der Sommer habe ihren Ansprüchen in dieser Richtung genügt, aber nun Schneemassen tagein, tagaus, Schneehaufen, Schneepolster, Schneehänge, das gehe über Menschenkraft, sei Mord für Geist und Gemüt. Und sie setzten farbige Brillen auf, grüne, gelbe und rote, wohl auch um die Augen zu schonen, doch mehr noch fürs Herz.
Tal und Berge im Schnee seit sechs Monaten schon? Seit sieben! Die Zeit schreitet fort, während wir erzählen, – unsere Zeit, die wir dieser Erzählung widmen, aber auch die tief vergangene Zeit Hans Castorps und seiner Schicksalsgenossen dort oben im Schnee, und sie zeitigt Veränderungen. Alles war auf dem besten Wege, sich zu erfüllen, wie Hans Castorp es am Faschingstage auf dem Heimwege von „Platz“ zum Zorne Herrn Settembrinis mit raschen Worten vorweggenommen hatte: nicht gerade, daß schon die Sonnenwende in unmittelbarer Aussicht gewesen wäre, aber Ostern war durch das weiße Tal gezogen, der April schritt vor, der Blick auf Pfingsten war frei, bald würde der Frühling anbrechen, die Schneeschmelze, – nicht aller Schnee würde schmelzen, auf den Häuptern im Süden, in den Felsschründen der Rätikonkette im Norden blieb immerdar welcher liegen, von dem zu schweigen, der auch allsommermonatlich einfallen, aber nicht liegen bleiben würde; doch unbedingt verhieß die Umwälzung des Jahres entscheidende Neuerungen binnen kurzem, denn seit jener Fastnacht, in der Hans Castorp sich von Frau Chauchat einen Bleistift geliehen, ihr später denselben auch wieder zurückgegeben und auf Wunsch etwas anderes dafür empfangen hatte, eine Erinnerungsgabe, die er in der Tasche trug, waren nun schon sechs Wochen verflossen, – doppelt so viele, als Hans Castorp ursprünglich hatte hier oben bleiben wollen.
Sechs Wochen verflossen in der Tat seit dem Abend, da Hans Castorp die Bekanntschaft Clawdia Chauchats gemacht hatte und dann so viel später auf sein Zimmer zurückgekehrt war, als der dienstfromme Joachim auf das seine; sechs Wochen seit dem folgenden Tage, der Frau Chauchats Abreise gebracht hatte, ihre Abreise für diesmal, ihre vorläufige Abreise nach Daghestan, ganz östlich über den Kaukasus hinaus. Daß diese Abreise vorläufiger Art, nur eine Abreise für diesmal sein solle, daß Frau Chauchat wiederzukehren beabsichtigte, – unbestimmt wann, aber daß sie einmal wiederkommen wolle oder auch müsse, des besaß Hans Castorp Versicherungen, direkte und mündliche, die nicht in dem mitgeteilten fremdsprachigen Dialog gefallen waren, sondern folglich in die unsererseits wortlose Zwischenzeit, während welcher wir den zeitgebundenen Fluß unserer Erzählung unterbrochen und nur sie, die reine Zeit, haben walten lassen. Jedenfalls hatte der junge Mann jene Versicherungen und tröstlichen Zusagen erhalten, bevor er auf Nr. 34 zurückgekehrt war; denn am folgenden Tage hatte er kein Wort mehr mit Frau Chauchat gewechselt, sie kaum gesehen, sie zweimal von weitem gesehen: beim Mittagessen, als sie in blauem Tuchrock und weißer Wolljacke, unter dem Schmettern der Glastür und lieblich schleichend noch einmal zu Tische gegangen war, wobei ihm das Herz im Halse geschlagen und nur die scharfe Bewachung, die Fräulein Engelhart ihm zugewandt, ihn gehindert hatte, das Gesicht mit den Händen zu bedecken; – und dann nachmittags 3 Uhr, bei ihrer Abreise, der er nicht eigentlich beigewohnt, sondern der er von einem Korridorfenster aus, das den Blick auf die Anfahrt gewährte, zugesehen hatte.
Der Vorgang hatte sich abgespielt, wie Hans Castorp ihn während seines Aufenthaltes hier oben schon manchmal sich hatte abspielen sehen: der Schlitten oder Wagen hielt an der Rampe, Kutscher und Hausknecht schnürten die Koffer auf, Sanatoriumsgäste, Freunde dessen, der, genesen oder nicht, um zu leben oder zu sterben, die Rückreise ins Flachland antrat, oder auch nur solche, die den Dienst schwänzten, um das Ereignis auf sich wirken zu lassen, versammelten sich vorm Portal; ein Herr im Gehrock von der Verwaltung, vielleicht sogar die Ärzte stellten sich ein, und dann kam der Abreisende heraus, – strahlenden Angesichtes meist und huldvoll die neugierig Umstehenden und Zurückbleibenden grüßend, mächtig belebt für den Augenblick durch das Abenteuer ... Diesmal nun war es Frau Chauchat gewesen, die herausgekommen war, lächelnd, den Arm voller Blumen, in langem, rauhem, mit Pelz besetztem Reisemantel und großem Hut, begleitet von Herrn Buligin, ihrem konkaven Landsmann, der ein Stück Weges mit ihr reiste. Auch sie schien freudig erregt, wie jeder Abreisende es war, – nur durch den Lebenswechsel, ganz unabhängig davon, ob man mit ärztlicher Einwilligung reiste oder nur aus verzweifeltem Überdruß, auf eigene Gefahr und mit schlechtem Gewissen den Aufenthalt unterbrach. Ihre Wangen waren gerötet, sie plauderte beständig, wahrscheinlich auf russisch, während man ihre Knie mit einer Pelzdecke umwickelte ... Nicht nur Frau Chauchats Landsleute und Tischgenossen, sondern auch zahlreiche andere Gäste waren zur Stelle gewesen, Dr. Krokowski hatte kernig lächelnd seine gelben Zähne im Barte gezeigt, noch mehr Blumen hatte es gegeben, die Großtante hatte Konfekt, „Konfäktchen“, wie sie zu sagen pflegte, das heißt russische Marmelade, gespendet, die Lehrerin hatte dort gestanden, der Mannheimer, – dieser in einiger Entfernung, trübe spähend, und seine leidvollen Augen waren am Hause emporgeglitten, wo sie Hans Castorp am Korridorfenster gewahrt und trübe auf ihm verweilt hatten ... Hofrat Behrens hatte sich nicht gezeigt; offenbar hatte er sich von der Reisenden schon bei anderer, privater Gelegenheit verabschiedet ... Dann hatten unter dem Winken und Rufen der Umstehenden die Pferde angezogen, und auch Frau Chauchats schräge Augen hatten nun, während die Vorwärtsbewegung des Schlittens ein Zurücksinken ihres Oberkörpers gegen das Polster bewirkt hatte, noch einmal lächelnd die Front des Berghof-Hauses überflogen und während des Bruchteils einer Sekunde auf Hans Castorps Antlitz verweilt ... Bleich war der Zurückbleibende auf sein Zimmer geeilt, in seine Loggia, um den Schlitten von hier aus noch einmal zu sehen, der mit Geklingel die Anfahrtstraße hinab gegen „Dorf“ hingeglitten war, hatte sich dann in seinen Stuhl geworfen und aus der Brusttasche die Erinnerungsgabe gezogen, das Pfand, das diesmal nicht in bräunlichroten Holzschnitzeln, sondern in einem dünn gerahmten Plättchen, einer Glasplatte bestand, die man gegen das Licht halten mußte, um etwas an ihr zu finden, – Clawdias Innenporträt, das ohne Antlitz war, aber das zarte Gebein ihres Oberkörpers, von den weichen Formen des Fleisches licht und geisterhaft umgeben, nebst den Organen der Brusthöhle erkennen ließ ...
Wie oft hatte er es betrachtet und an die Lippen gedrückt in der Zeit, die seitdem verflossen war, indem sie Veränderung gezeitigt hatte! Gewöhnung zum Beispiel an ein Leben hier oben in räumlich weiter Abwesenheit Clawdia Chauchats hatte sie gezeitigt, und zwar geschwinder, als man hätte denken sollen: die hiesige Zeit war ja besonders danach geartet und außerdem zu dem Zwecke organisiert, Gewöhnung zu zeitigen, wenn auch nur Gewöhnung daran, daß man sich nicht gewöhnte. Der klirrende Knall zu Beginn der fünf übergewaltigen Mahlzeiten war nicht mehr zu gewärtigen und trat nicht mehr ein; anderswo, in ungeheuerer Entfernung, ließ Frau Chauchat nun Türen zufallen, – eine Wesensäußerung, die mit ihrem Dasein, ihrer Krankheit auf ähnliche Art vermengt und verbunden war wie die Zeit mit den Körpern im Raum: vielleicht war das ihre Krankheit, und nichts weiter ... Aber war sie unsichtbar-abwesend, so war sie doch zugleich auch unsichtbar-anwesend für Hans Castorps Sinn, – der Genius des Ortes, den er in schlimmer, in ausschreitungsvoll süßer Stunde, in einer Stunde, auf die kein friedliches kleines Lied des Flachlandes paßte, erkannt und besessen hatte, und dessen inneres Schattenbild er auf seinem seit neun Monaten so heftig in Anspruch genommenen Herzen trug.
In jener Stunde hatte sein zuckender Mund in fremder Sprache und in der angeborenen so manches Ausschreitungsvolle halb unbewußt und halb erstickt gestammelt: Vorschläge, Anerbietungen, tolle Entwürfe und Willensvorsätze, denen alle Billigung mit Fug und Recht versagt geblieben war, – so, daß er den Genius über den Kaukasus begleiten, ihm nachreisen, ihn an dem Orte, den die freizügige Laune des Genius sich zum nächsten Domizil erwählen werde, erwarten wolle, um sich niemals mehr von ihm zu trennen, und andere Unverantwortlichkeiten mehr. Was der schlichte junge Mann mitgenommen hatte aus dieser Stunde tiefen Abenteuers, war eben nur das Schattenpfand gewesen und die dem Range des Wahrscheinlichen sich nähernde Möglichkeit, daß Frau Chauchat zu einem vierten Aufenthalt hierher zurückkehren werde, früher oder später, wie die Krankheit, die ihr Freiheit gab, es fügen würde. Aber ob früher oder später, – Hans Castorp, so hatte es auch beim Abschied wieder geheißen, werde dann unbedingt „längst weit fort“ sein; und der geringschätzige Sinn dieser Prophezeiung wäre noch schwerer erträglich gewesen, wenn man nicht hätte bedenken können, daß gewisse Dinge nicht prophezeit werden, damit sie eintreten, sondern damit sie nicht eintreten, gleichsam im Sinn der Beschwörung. Propheten dieser Art verhöhnen die Zukunft, indem sie ihr sagen, wie sie sich gestalten werde, damit sie sich schäme, sich wirklich so zu gestalten. Und wenn der Genius ihn, Hans Castorp, im Laufe des mitgeteilten Gesprächs und außerhalb seiner einen „joli bourgeois au petit endroit humide“ genannt hatte, was etwas wie die Übersetzung der Redensart Settembrinis vom „Sorgenkind des Lebens“ gewesen war, so fragte es sich eben, welcher Bestandteil dieser Wesensmischung sich als stärker erweisen würde: der bourgeois oder das andere ... Auch hatte der Genius nicht in Betracht gezogen, daß er selbst ja verschiedentlich abgereist und wiedergekommen war, und daß auch Hans Castorp im rechten Augenblick würde wiederkommen können, – obgleich er ja freilich überhaupt nur deshalb noch immer hier oben saß, damit er nicht wiederzukommen brauchte: das war ausdrücklich, wie bei so vielen, der Sinn seines Verweilens.
Eine spöttische Prophezeiung vom Faschingsabend war eingetroffen: Hans Castorp hatte eine schlechte Fieberlinie gehabt, in steiler Zacke, die er mit einem Gefühl von Festlichkeit eingezeichnet, war seine Kurve damals emporgestiegen und, nach einigem Absinken, als Hochplateau fortgelaufen, das sich, nur leicht gewellt, dauernd über der Ebene des bisher Gewohnten hielt. Es war eine Übertemperatur, deren Höhe und Hartnäckigkeit nach des Hofrats Aussage zu dem lokalen Befund in keinem rechten Verhältnis stand. „Sind eben doch vergifteter, als man Ihnen zutrauen sollte, Freundchen“, sagte er. „Na, greifen wir mal zu den Injektionen! Das wird Ihnen anschlagen. In drei, vier Monaten sind Sie wie der Fisch im Wasser, wenn es nach dem Unterfertigten geht.“ So kam es, daß Hans Castorp nun zweimal die Woche, am Mittwoch und Sonnabend gleich nach der Morgenmotion, sich im „Labor“ drunten einzufinden hatte, um seine Einspritzung entgegenzunehmen.
Beide Ärzte verabfolgten dies Heilmittel, bald dieser, bald jener, aber der Hofrat tat es als Virtuos, mit einem Schwung, indem er beim Einstich zugleich abdrückte. Übrigens kümmerte er sich nicht um die Stelle, wohin er stach, so daß der Schmerz zuweilen des Teufels war und der Punkt noch lange brennend verhärtet blieb. Ferner wirkte die Injektion stark angreifend auf den Gesamtorganismus, erschütterte das Nervensystem wie eine Gewaltleistung sportlicher Art, und das zeugte für die ihr innewohnende Kraft, die sich auch darin bekundete, daß sie unmittelbar, für den Augenblick, die Temperatur sogar erhöhte: so hatte der Hofrat es vorausgesagt, und so geschah es denn auch, gesetzmäßig und ohne daß es an der vorausgesagten Erscheinung etwas zu beanstanden gab. Die Prozedur war rasch abgetan, war man nur erst einmal an der Reihe; im Handumdrehen hatte man sein Gegengift unter der Haut, sei es des Schenkels oder Armes. Ein paarmal aber, wenn der Hofrat sich eben aufgelegt und vom Tabak nicht getrübt zeigte, kam es anläßlich der Injektion doch zu einem kleinen Gespräch mit ihm, das Hans Castorp etwa wie folgt zu lenken wußte:
„Ich denke noch immer gern an unsere gemütliche Kaffeestunde damals bei Ihnen, Herr Hofrat, voriges Jahr im Herbst, wie sich das zufällig so machte. Gerade noch gestern, oder ist es schon etwas länger her, habe ich meinen Vetter daran erinnert ...“
„Gaffky sieben“, sagte der Hofrat. „Letztes Ergebnis. Der Junge will und will sich nun mal nicht entgiften. Und dabei hat er mich noch nie so getirrt und geplagt wie neuerdings, daß er weg will und einen Schleppsäbel haben, der Kindskopf. Zetert mir über seine fünf Vierteljährchen vor, als ob es Äonen wären, die er sich um die Ohren geschlagen. Weg will er, so oder so, – sagt er es zu Ihnen auch? Sie sollten ihm mal ins Gewissen reden, von Ihnen aus, und das mit Nachdruck! Das Mannsbild geht Ihnen in die Binsen, wenn es vorzeitig Ihren gemütvollen Nebel schluckt, da oben rechts. So ein Eisenfresser braucht nicht viel Hirnschmalz zu haben, aber Sie als der Gesetztere, der Zivilist, der Mann bürgerlicher Bildung, Sie sollten ihm den Kopf zurechtsetzen, bevor er Dummheiten macht.“
„Tu ich, Herr Hofrat“, antwortete Hans Castorp, ohne die Führung fahren zu lassen. „Tu ich öfters, wenn er so aufmuckt, und denke ja auch, er wird Räson annehmen. Aber die Beispiele, die man vor Augen hat, sind ja nicht immer die besten, das ist das Schädliche. Immer kommen Abreisen vor, – Abreisen ins Flachland, eigenmächtig und ohne wahre Befugnis, aber es ist eine Festivität, als ob es eine echte Abreise wäre, und hat was Verführerisches für schwächere Charaktere. Zum Beispiel neulich ... wer ist denn neulich noch abgereist? Eine Dame, vom Guten Russentisch, Madame Chauchat. Nach Daghestan, wie erzählt wurde. Nun, Daghestan, ich kenne das Klima nicht, es ist am Ende weniger ungünstig als oben am Wasser. Aber Flachland ist es doch in unserem Sinn, wenn es vielleicht auch gebirgig ist, geographisch genommen, ich bin da nicht so beschlagen. Wie will man denn da nun leben, unausgeheilt, wo die Grundbegriffe fehlen und niemand von unserer Ordnung hier oben weiß und wie es zu halten ist mit Liegen und Messen? Übrigens will sie ja ohnedies wiederkommen, hat sie mir gelegentlich mitgeteilt, – wie kamen wir überhaupt auf sie? – Ja, damals trafen wir Sie im Garten, Herr Hofrat, wenn Sie sich erinnern, das heißt Sie trafen uns, denn wir saßen auf einer Bank, ich weiß noch auf welcher, genau könnt’ ich sie Ihnen bezeichnen, auf der wir saßen und rauchten. Will sagen, ich rauchte, denn mein Vetter raucht ja unbegreiflicherweise nicht. Und Sie rauchten auch gerade, und wir offerierten uns gegenseitig noch unsere Marken, wie mir eben wieder einfällt, – Ihre Brasil hat mir ausgezeichnet geschmeckt, aber man muß damit umgehen wie mit jungen Pferden, glaub ich, sonst stößt einem was zu, wie Ihnen damals nach den beiden kleinen Importen, als Sie mit wogendem Busen abtanzen wollten, – da es gut gegangen ist, kann man ja lachen. Von Maria Mancini hab ich mir übrigens neulich wieder einmal ein paar hundert Stück aus Bremen verschrieben, ich hänge doch sehr an dem Erzeugnis, es ist mir nach jeder Richtung sympathisch. Nur allerdings, die Verteuerung durch Zoll und Porto ist ziemlich empfindlich, und wenn Sie mir nächstens noch was Beträchtliches zulegen, Herr Hofrat, so bin ich imstande und bekehre mich schließlich zu einem hiesigen Kraut, – man sieht in den Fenstern ganz schöne Sachen. Und dann durften wir Ihre Bilder sehen, ich weiß es wie heute und hatte den größten Genuß davon, – geradezu perplex war ich, was Sie mit der Ölfarbe riskieren, ich würd es mich nie unterstehen. Da sahen wir ja auch Frau Chauchats Porträt mit seiner erstrangig gemalten Haut, – ich darf wohl sagen, ich war begeistert. Damals kannte ich das Modell noch nicht, nur vom Ansehen, dem Namen nach. Seitdem, ganz kurz vor ihrer diesmaligen Abreise, habe ich sie ja noch persönlich kennen gelernt.“
„Was Sie sagen!“ erwiderte der Hofrat, – ebenso, wenn die Rückbeziehung erlaubt ist, wie er erwidert hatte, als Hans Castorp ihm vor seiner ersten Untersuchung mitgeteilt, daß er übrigens auch etwas Fieber habe. Und weiter sagte er nichts.
„Doch, ja, das habe ich“, bestätigte Hans Castorp. „Erfahrungsgemäß ist es gar nicht so leicht, hier oben Bekanntschaften zu machen, aber mit Frau Chauchat und mir hat es sich in letzter Stunde doch noch getroffen und arrangiert, gesprächsweise sind wir uns ...“ Hans Castorp zog die Luft durch die Zähne ein. Er hatte die Spritze empfangen. „Fff!“ machte er rückwärts. „Das war sicher ein hochwichtiger Nerv, den Sie da zufällig getroffen haben, Herr Hofrat. Oh, ja, ja, es schmerzt höllenmäßig. Danke, etwas Massage verbessert die Sache ... Gesprächsweise sind wir uns näher gekommen.“
„So! – Na?“ machte der Hofrat. Er fragte kopfnickend, mit jemandes Miene, der eine sehr lobende Antwort erwartet und in die Frage zugleich die Bestätigung des zu erwartenden Lobes aus eigener Erfahrung legt.
„Ich nehme an, daß es mit meinem Französisch etwas gehapert hat“, wich Hans Castorp aus. „Woher soll ichs am Ende auch haben. Aber im rechten Augenblick fliegt einen ja manches an, und so ging es denn mit der Verständigung doch ganz leidlich.“
„Glaub’ ich. Na?“ wiederholte der Hofrat seine Aufforderung. Von sich aus fügte er hinzu: „Niedlich, was?“
Hans Castorp, den Hemdkragen knüpfend, stand mit gespreizten Beinen und Ellbogen, das Gesicht zur Decke gewandt.
„Es ist am Ende nichts Neues“, sagte er. „An einem Badeort leben zwei Personen oder auch Familien wochenlang unter demselben Dach, in Distanz. Eines Tages machen sie Bekanntschaft, finden aufrichtiges Gefallen aneinander, und zugleich stellt sich heraus, daß der eine Teil im Begriffe ist, abzureisen. So ein Bedauern kommt häufig vor, kann ich mir denken. Und da möchte man nun doch wenigstens Fühlung wahren im Leben, voneinander hören, das heißt per Post. Aber Frau Chauchat ...“
„Tja, die will wohl nicht?“ lachte der Hofrat gemütlich.
„Nein, sie wollte nichts davon wissen. Schreibt sie Ihnen denn auch nie zwischendurch, von ihren Aufenthaltsorten?“
„I, Gott bewahre“, antwortete Behrens. „Das fällt doch der nicht ein. Erstens aus Faulheit nicht, und dann, wie soll sie denn schreiben? Russisch kann ich nicht lesen, – ich kauderwelsche es wohl mal, wenn Not an den Mann kommt, aber lesen kann ich kein Wort. Und Sie doch auch nicht. Na, und Französisch oder auch Neuhochdeutsch miaut das Kätzchen ja allerliebst, aber schreiben, – da käme sie in die größte Verlegenheit. Die Orthographie, lieber Freund! Nein, da müssen wir uns schon trösten, mein Junge. Sie kommt ja immer mal wieder, von Zeit zu Zeit. Frage der Technik, Temperamentssache, wie gesagt. Der eine hält dann und wann Abreise und muß immer wiederkommen, und der andere bleibt gleich so lange, daß er nie wiederzukommen braucht. Wenn Ihr Vetter jetzt abreist, das sagen Sie ihm nur, so kann es leicht sein, daß Sie seinen solennen Wiedereinzug noch hier erleben.“
„Aber Herr Hofrat, wie lange meinen Sie denn, daß ich ...“
„Daß Sie? Daß er! Daß er nicht so lange untenbleiben wird, wie er hier oben war. Das meine ich für meine treuherzige Person, und das ist mein Auftrag an Sie für ihn, wenn Sie so freundlich sein wollen.“
Ähnlich mochte wohl so ein Gespräch verlaufen, pfiffig gelenkt von Hans Castorp, wenn das Ergebnis auch nichtig bis zweideutig gewesen war. Denn was das betraf, wie lange man bleiben müsse, um die Wiederkehr eines vor der Zeit Abgereisten zu erleben, war es zweideutig gewesen, in Hinsicht auf die Entschwundene aber gleich null. Hans Castorp würde nichts von ihr hören, solange das Geheimnis von Raum und Zeit sie trennte; sie würde nicht schreiben, und auch ihm würde keine Gelegenheit gegeben sein, es zu tun ... Warum denn auch übrigens, hätte es sich anders verhalten sollen, wenn er es wohl überlegte? War es nicht eine recht bürgerliche und pedantische Vorstellung von ihm gewesen, daß sie einander schreiben müßten, während ihm doch ehemals zumute gewesen war, als sei es nicht einmal nötig oder nur wünschenswert, daß sie miteinander sprächen? Und hatte er denn auch etwa mit ihr „gesprochen“, im Sinne des gebildeten Abendlandes, an ihrer Seite am Faschingsabend, oder nicht vielmehr fremdsprachig im Traum geredet, auf wenig zivilisierte Weise? Wozu denn also nun schreiben, auf Briefpapier oder Ansichtskarten, wie er sie manchmal nach Hause ins Flachland richtete, um über die Schwankungen der Untersuchungsergebnisse zu berichten? Hatte Clawdia nicht recht, sich vom Schreiben entbunden zu fühlen, kraft der Freiheit, welche die Krankheit ihr gab? Sprechen, schreiben, – eine hervorragend humanistisch-republikanische Angelegenheit in der Tat, Angelegenheit des Herrn Brunetto Latini, der das Buch von den Tugenden und Lastern schrieb und den Florentinern Schliff gab, sie das Sprechen lehrte und die Kunst, ihre Republik nach den Regeln der Politik zu lenken ...
Damit fielen Hans Castorps Gedanken denn auf Lodovico Settembrini, und er errötete, wie er damals errötet war, als der Schriftsteller unvermutet sein Krankenzimmer betreten hatte, unter plötzlicher Erleuchtung desselben. An Herrn Settembrini hätte Hans Castorp ja ebenfalls seine Fragen, die übersinnlichen Rätsel betreffend, richten können, wenn auch nur im Sinne der Herausforderung und der Quengelei, nicht in der Erwartung, von dem Humanisten, dessen Trachten den irdischen Lebensinteressen galt, Antwort darauf zu erhalten. Aber seit der Faschingsgeselligkeit und Settembrinis bewegtem Abgang aus dem Klaviersalon waltete zwischen Hans Castorp und dem Italiener eine Entfremdung, die auf das schlechte Gewissen des einen, sowie auf die tiefe pädagogische Verstimmung des andern zurückzuführen war und dahin wirkte, daß sie einander mieden und wochenlang kein Wort zwischen ihnen gewechselt wurde. War Hans Castorp noch ein „Sorgenkind des Lebens“ in Herrn Settembrinis Augen? Nein, er war wohl ein Aufgegebener in den Augen dessen, der die Moral in der Vernunft und der Tugend suchte ... Und Hans Castorp verstockte sich gegen Herrn Settembrini, er zog die Brauen zusammen und warf die Lippen auf, wenn sie einander begegneten, während Herrn Settembrinis schwarz glänzender Blick mit schweigendem Vorwurf auf ihm ruhte. Dennoch löste diese Verstocktheit sich sofort, als der Literat nach Wochen, wie gesagt, zum erstenmal wieder das Wort an ihn richtete, wenn auch nur im Vorüberstreifen und in Form mythologischer Anspielungen, zu deren Verständnis abendländische Bildung gehörte. Es war nach dem Diner; sie trafen in der nicht mehr zufallenden Glastür zusammen. Settembrini sagte, den jungen Mann überholend und von vornherein im Begriff, sich gleich wieder von ihm zu lösen:
„Nun, Ingenieur, wie hat der Granatapfel gemundet?“
Hans Castorp lächelte erfreut und verwirrt.
„Das heißt ... Wie meinen Sie, Herr Settembrini? Granatapfel? Es gab doch keine? Ich habe nie im Leben ... Doch, einmal habe ich Granatapfelsaft mit Selters getrunken. Es schmeckte zu süßlich.“
Der Italiener, schon vorüber, wandte den Kopf zurück und artikulierte:
„Götter und Sterbliche haben zuweilen das Schattenreich besucht und den Rückweg gefunden. Aber die Unterirdischen wissen, daß, wer von den Früchten ihres Reiches kostet, ihnen verfallen bleibt.“
Und er ging weiter, in seinen ewig hell gewürfelten Hosen, und ließ im Rücken Hans Castorp, der „durchbohrt“ sein sollte von so viel Bedeutung und es gewissermaßen auch war, obgleich er, ärgerlich erheitert über die Zumutung, es zu sein, vor sich hin murmelte:
„Latini, Carducci, Ratzi-Mausi-Falli, laß mich in Frieden!“
Gleichwohl war er sehr glücklich bewegt über diese erste Anrede; denn trotz der Trophäe, dem makabren Angebinde, das er auf dem Herzen trug, hing er an Herrn Settembrini, legte großes Gewicht auf sein Dasein, und der Gedanke, gänzlich und auf immer von ihm verworfen und aufgegeben zu sein, wäre denn doch beschwerender und schrecklicher für seine Seele gewesen, als das Gefühl des Knaben, der in der Schule nicht mehr in Betracht gekommen war und die Vorteile der Schande genossen hatte, wie Herr Albin ... Doch wagte er nicht, von seiner Seite das Wort an den Mentor zu richten, und dieser ließ abermals Wochen vergehen, bis er sich dem Sorgenzögling wieder einmal näherte.
Das geschah, als auf den in ewig eintönigem Rhythmus anrollenden Meereswogen der Zeit Ostern herangetrieben war und auf „Berghof“ begangen wurde, wie man alle Etappen und Einschnitte dort aufmerksam beging, um ein ungegliedertes Einerlei zu vermeiden. Beim ersten Frühstück fand jeder Gast neben seinem Gedecke ein Veilchensträußchen, beim zweiten Frühstück erhielt jedermann ein gefärbtes Ei, und die festliche Mittagstafel war mit Häschen geschmückt aus Zucker und Schokolade.
„Haben Sie je eine Schiffsreise gemacht, Tenente, oder Sie, Ingenieur?“ fragte Herr Settembrini, als er nach Tische in der Halle mit seinem Zahnstocher an das Tischchen der Vettern herantrat ... Wie die Mehrzahl der Gäste kürzten sie heute den Hauptliegedienst um eine Viertelstunde, indem sie sich hier zu einem Kaffee mit Kognak niedergelassen hatten. „Ich bin erinnert durch diese Häschen, diese gefärbten Eier an das Leben auf so einem großen Dampfer, bei leerem Horizont seit Wochen, in salziger Wüstenei, unter Umständen, deren vollkommene Bequemlichkeit ihre Ungeheuerlichkeit nur oberflächlich vergessen läßt, während in den tieferen Gegenden des Gemütes das Bewußtsein davon als ein geheimes Grauen leise fortnagt ... Ich erkenne den Geist wieder, in dem man an Bord einer solchen Arche die Feste der terraferma pietätvoll andeutet. Es ist das Gedenken von Außerweltlichen, empfindsame Erinnerung nach dem Kalender ... Auf dem Festlande wäre heut Ostern, nicht wahr? Auf dem Festlande begeht man heut Königs Geburtstag, – und wir tun es auch, so gut wir können, wir sind auch Menschen ... Ist es nicht so?“
Die Vettern stimmten zu. Wahrhaftig, so sei es. Hans Castorp, gerührt von der Anrede und vom schlechten Gewissen gespornt, lobte die Äußerung in hohen Tönen, fand sie geistreich, vorzüglich und schriftstellerisch und redete Herrn Settembrini aus allen Kräften nach dem Munde. Gewiß, nur oberflächlich, ganz wie Herr Settembrini es so plastisch gesagt habe, lasse der Komfort auf dem Ozean-Steamer die Umstände und ihre Gewagtheit vergessen, und es liege, wenn er auf eigene Hand das hinzufügen dürfe, sogar eine gewisse Frivolität und Herausforderung in diesem vollendeten Komfort, etwas dem ähnliches, was die Alten Hybris genannt hätten (sogar die Alten zitierte er aus Gefallsucht), oder dergleichen, wie „Ich bin der König von Babylon!“, kurz Frevelhaftes. Auf der anderen Seite aber involviere („involviere“!) der Luxus an Bord doch auch einen großen Triumph des Menschengeistes und der Menschenehre, – indem er diesen Luxus und Komfort auf die salzigen Schäume hinaustrage und dort kühnlich aufrecht erhalte, setze der Mensch gleichsam den Elementen den Fuß auf den Nacken, den wilden Gewalten, und das involviere den Sieg der menschlichen Zivilisation über das Chaos, wenn er auf eigene Hand diesen Ausdruck gebrauchen dürfe ...
Herr Settembrini hörte ihm aufmerksam zu, die Füße gekreuzt und die Arme ebenfalls, wobei er sich auf zierliche Art mit dem Zahnstocher den geschwungenen Schnurrbart strich.
„Es ist bemerkenswert“, sagte er. „Der Mensch tut keine nur einigermaßen gesammelte Äußerung allgemeiner Natur, ohne sich ganz zu verraten, unversehens sein ganzes Ich hineinzulegen, das Grundthema und Urproblem seines Lebens irgendwie im Gleichnis darzustellen. So ist es Ihnen soeben ergangen, Ingenieur. Was Sie da sagten, kam in der Tat aus dem Grunde Ihrer Persönlichkeit, und auch den zeitlichen Zustand dieser Persönlichkeit drückte es auf dichterische Weise aus: es ist immer noch der Zustand des Experimentes ...“
„Placet experiri!“ sagte Hans Castorp nickend und lachend, mit italienischem c.
„Sicuro, – wenn es sich dabei um die respektable Leidenschaft der Welterprobung handelt und nicht um Liederlichkeit. Sie sprachen von ‚Hybris‘, Sie bedienten sich dieses Ausdrucks. Aber die Hybris der Vernunft gegen die dunklen Gewalten ist höchste Menschlichkeit, und beschwört sie die Rache neidischer Götter herauf, per esempio, indem die Luxusarche scheitert und senkrecht in die Tiefe geht, so ist das ein Untergang in Ehren. Auch die Tat des Prometheus war Hybris, und seine Qual am skythischen Felsen gilt uns als heiligstes Martyrium. Wie steht es dagegen um jene andere Hybris, um den Untergang im buhlerischen Experiment mit den Mächten der Widervernunft und der Feindschaft gegen das Menschengeschlecht? Hat das Ehre? Kann das Ehre haben? Sì o no!“
Hans Castorp rührte in seinem Täßchen, obgleich nichts mehr darin war.
„Ingenieur, Ingenieur,“ sagte der Italiener mit dem Kopfe nickend, und seine schwarzen Augen hatten sich sinnend „festgesehen“, „fürchten Sie nicht den Wirbelsturm des zweiten Höllenkreises, der die Fleischessünder prellt und schwenkt, die Unseligen, die die Vernunft der Lust zum Opfer brachten? Gran Dio, wenn ich mir einbilde, wie Sie kopfüber, kopfunter umhergepustet flattern werden, so möchte ich vor Kummer umfallen wie eine Leiche fällt ...“
Sie lachten, froh, daß er scherzte und Poetisches redete. Aber Settembrini setzte hinzu:
„Am Faschingsabend beim Wein, Sie erinnern sich, Ingenieur, nahmen Sie gewissermaßen Abschied von mir, doch, es war etwas dem ähnliches. Nun, heute bin ich an der Reihe. Wie Sie mich hier sehen, meine Herren, bin ich im Begriff, Ihnen Lebewohl zu sagen. Ich verlasse dies Haus.“
Beide verwunderten sich aufs höchste.
„Nicht möglich! Das ist nur Scherz!“ rief Hans Castorp, wie er bei anderer Gelegenheit auch gerufen hatte. Er war fast ebenso erschrocken wie damals. Aber auch Settembrini erwiderte:
„Durchaus nicht. Es ist, wie ich Ihnen sage. Und übrigens trifft Sie diese Nachricht nicht unvorbereitet. Ich habe Ihnen erklärt, daß in dem Augenblick, wo sich meine Hoffnung, in irgendwie absehbarer Zeit in die Welt der Arbeit zurückkehren zu können, als unhaltbar erweisen werde, ich hier meine Zelte abzubrechen und irgendwo im Orte mich für die Dauer einzurichten entschlossen sei. Was wollen Sie nun, – dieser Augenblick ist eingetreten. Ich kann nicht genesen, es ist ausgemacht. Ich kann mein Leben fristen, aber nur hier. Das Urteil, das endgültige Urteil, lautet auf lebenslänglich, – mit der ihm eigenen Aufgeräumtheit hat Hofrat Behrens es mir verkündet. Gut denn, ich ziehe die Folgerungen. Ein Logis ist gemietet, ich bin im Begriffe, meine geringe irdische Habe, mein literarisches Handwerkszeug dorthin zu schaffen ... Es ist nicht einmal weit von hier, in „Dorf“, wir werden einander begegnen, gewiß, ich werde Sie nicht aus den Augen verlieren, als Hausgenosse aber habe ich die Ehre, mich von Ihnen zu verabschieden.“
So Settembrinis Eröffnung am Ostersonntag. Die Vettern hatten sich außerordentlich bewegt darüber gezeigt. Des längeren noch, und wiederholt, hatten sie mit dem Literaten über seinen Entschluß gesprochen: darüber, wie er auch privatim den Kurdienst weiter werde ausüben können, über die Mitnahme und Fortführung ferner der weitläufigen enzyklopädischen Arbeit, die er auf sich genommen, jener Übersicht aller schöngeistigen Meisterwerke, unter dem Gesichtspunkt der Leidenskonflikte und ihrer Ausmerzung; endlich auch über sein zukünftiges Quartier im Hause eines „Gewürzkrämers“, wie Herr Settembrini sich ausdrückte. Der Gewürzkrämer, berichtete er, habe den oberen Teil seines Eigentums an einen böhmischen Damenschneider vermietet, der seinerseits Aftermieter aufnehme ... Diese Gespräche also lagen zurück. Die Zeit schritt fort, und mehr als eine Veränderung hatte sie bereits gezeitigt. Settembrini wohnte wirklich nicht mehr im internationalen Sanatorium „Berghof“, sondern bei Lukaček, dem Damenschneider, – schon seit einigen Wochen. Nicht in Form einer Schlittenabreise hatte sein Auszug sich abgespielt, sondern zu Fuß, in kurzem, gelbem Paletot, der am Kragen und an den Ärmeln ein wenig mit Pelz besetzt war, und begleitet von einem Mann, der auf einem Schubkarren das literarische und das irdische Handgepäck des Schriftstellers beförderte, hatte man ihn stockschwingend davongehen sehen, nachdem er noch unterm Portal eine Saaltochter mit den Rücken zweier Finger in die Wange gezwickt ... Der April, wie wir sagten, lag schon zu einem guten Teil, zu drei Vierteln, im Schatten der Vergangenheit, noch war es tiefer Winter, gewiß, im Zimmer hatte man knappe sechs Wärmegrade am Morgen, draußen war neungradige Kälte, die Tinte im Glase, wenn man es in der Loggia ließ, gefror über Nacht noch immer zu einem Eisklumpen, einem Stück Steinkohle. Aber der Frühling nahte, das wußte man; am Tage, wenn die Sonne schien, spürte man hie und da bereits eine ganz leise, ganz zarte Ahnung von ihm in der Luft; die Periode der Schneeschmelze stand in naher Aussicht, und damit hingen die Veränderungen zusammen, die sich auf „Berghof“ unaufhaltsam vollzogen, – nicht aufzuhalten selbst durch die Autorität, das lebendige Wort des Hofrats, der in Zimmer und Saal, bei jeder Untersuchung, jeder Visite, jeder Mahlzeit das populäre Vorurteil gegen die Schneeschmelze bekämpfte.
Ob es Wintersportsleute seien, fragte er, mit denen er es zu tun habe, oder Kranke, Patienten? Wozu in aller Welt sie denn Schnee, gefrorenen Schnee brauchten? Eine ungünstige Zeit, – die Schneeschmelze? Die allergünstigste sei es! Nachweislich gäbe es im ganzen Tal um diese Zeit verhältnismäßig weniger Bettlägrige, als irgendwann sonst im Jahre! Überall in der weiten Welt seien die Wetterbedingungen für Lungenkranke zu dieser Frist schlechter als gerade hier! Wer einen Funken Verstand habe, der harre aus und nutze die abhärtende Wirkung der hiesigen Witterungsverhältnisse. Danach dann sei er fest gegen Hieb und Stich, gefeit gegen jedes Klima der Welt, vorausgesetzt nur, daß der volle Eintritt der Heilung abgewartet worden sei – und so fort. Aber der Hofrat hatte gut reden, – die Voreingenommenheit gegen die Schneeschmelze saß fest in den Köpfen, der Kurort leerte sich; wohl möglich, daß es der sich nähernde Frühling war, der den Leuten im Leibe rumorte und seßhafte Leute unruhig und veränderungssüchtig machte, – jedenfalls mehrten die „wilden“ und „falschen“ Abreisen sich auch im Hause Berghof bis zur Bedenklichkeit. Frau Salomon aus Amsterdam zum Beispiel, trotz dem Vergnügen, das die Untersuchungen und das damit verbundene Zurschaustellen feinster Spitzenwäsche ihr bereiteten, reiste vollständig wilder- und falscherweise ab, ohne jede Erlaubnis und nicht, weil es ihr besser, sondern weil es ihr immer schlechter ging. Ihr Aufenthalt hier oben verlor sich weit zurück hinter Hans Castorps Ankunft; länger als ein Jahr war es her, daß sie eingetroffen war, – mit einer ganz leichten Affektion, für die ihr drei Monate zudiktiert worden waren. Nach vier Monaten hatte sie „in vier Wochen sicher gesund“ sein sollen, aber sechs Wochen später hatte von Heilung überhaupt nicht die Rede sein können: sie müsse, hatte es geheißen, mindestens noch vier Monate bleiben. So war es fortgegangen, und es war ja kein Bagno und kein sibirisches Bergwerk hier, – Frau Salomon war geblieben und hatte feinstes Unterzeug an den Tag gelegt. Da sie nun aber nach der letzten Untersuchung, im Angesicht der Schneeschmelze, eine neue Zulage von fünf Monaten erhalten hatte, wegen Pfeifens links oben und unverkennbarer Mißtöne unter der linken Achsel, war ihr die Geduld gerissen, und mit Protest, unter Schmähungen auf „Dorf“ und „Platz“, auf die berühmte Luft, das internationale Haus Berghof und die Ärzte reiste sie ab, nach Hause, nach Amsterdam, einer zugigen Wasserstadt.
War das klug gehandelt? Hofrat Behrens hob Schultern und Arme auf und ließ die letzteren geräuschvoll gegen die Schenkel zurückfallen. Spätestens im Herbst, sagte er, werde Frau Salomon wieder da sein, – dann aber auf immer. Würde er recht behalten? Wir werden sehen, wir sind noch auf längere Erdenzeit an diesen Lustort gebunden. Aber der Fall Salomon war also durchaus nicht der einzige seiner Art. Die Zeit zeitigte Veränderungen, – sie hatte das ja immer getan, aber allmählicher, nicht so auffallend. Der Speisesaal wies Lücken auf, Lücken an allen sieben Tischen, am Guten Russentisch wie am Schlechten, an den längs- wie an den querstehenden. Nicht gerade, daß dies von der Frequenz des Hauses ein zuverlässiges Bild gegeben hätte; auch Ankünfte, wie jederzeit, hatten stattgefunden; die Zimmer mochten besetzt sein, aber da handelte es sich eben um Gäste, die durch finalen Zustand in ihrer Freizügigkeit eingeschränkt waren. Im Speisesaal, wie wir sagten, fehlte manch einer dank noch bestehender Freizügigkeit; manch einer aber tat es sogar auf eine besonders tiefe und hohle Weise, wie Dr. Blumenkohl, der tot war. Immer stärker hatte sein Gesicht den Ausdruck angenommen, als habe er etwas schlecht Schmeckendes im Munde; dann war er dauernd bettlägrig geworden und dann gestorben, – niemand wußte genau zu sagen, wann; mit aller gewohnten Rücksicht und Diskretion war die Sache behandelt worden. Eine Lücke. Frau Stöhr saß neben der Lücke, und sie graute sich vor ihr. Darum siedelte sie an des jungen Ziemßen andere Seite über, an den Platz Miß Robinsons, die als geheilt entlassen worden, gegenüber der Lehrerin, Hans Castorps linksseitiger Nachbarin, die fest auf ihrem Posten geblieben war. Ganz allein saß sie derzeit an dieser Tischseite, die übrigen drei Plätze waren frei. Student Rasmussen, der täglich dümmer und schlaffer geworden, war bettlägrig und galt für moribund; und die Großtante war mit ihrer Nichte und der hochbrüstigen Marusja verreist, – wir sagen „verreist“, wie alle es sagten, weil ihre Rückkehr in naher Zeit eine ausgemachte Sache war. Zum Herbst schon würden sie wieder eintreffen, – war das eine Abreise zu nennen? Wie nah war nicht Sommersonnenwende, wenn erst einmal Pfingsten gewesen war, das vor der Türe stand; und kam der längste Tag, so gings ja rapide bergab, auf den Winter zu, – kurzum, die Großtante und Marusja waren beinahe schon wieder da, und das war gut, denn die lachlustige Marusja war keineswegs ausgeheilt und entgiftet; die Lehrerin wußte etwas von tuberkulösen Geschwüren, die die braunäugige Marusja an ihrer üppigen Brust haben sollte, und die schon mehrmals hatten operiert werden müssen. Hans Castorp hatte, als die Lehrerin davon sprach, hastig auf Joachim geblickt, der sein fleckig gewordenes Gesicht über seinen Teller geneigt hatte.
Die muntere Großtante hatte den Tischgenossen, also den Vettern, der Lehrerin und Frau Stöhr ein Abschiedssouper im Restaurant gegeben, eine Schmauserei mit Kaviar, Champagner und Likören, bei der Joachim sich sehr still verhalten, ja, nur einzelnes mit fast tonloser Stimme gesprochen hatte, so daß die Großtante in ihrer Menschenfreundlichkeit ihm Mut zugesprochen und ihn dabei, unter Ausschaltung zivilisierter Sittengesetze, sogar geduzt hatte. „Hat nichts auf sich, Väterchen, mach dir nichts draus, sondern trink, iß und sprich, wir kommen bald wieder!“ hatte sie gesagt. „Wollen wir alle essen, trinken und schwatzen und den Gram – Gram sein lassen, Gott läßt Herbst werden, eh wirs gedacht, urteile selbst, ob Grund ist zum Kummer!“ Am nächsten Morgen hatte sie zur Erinnerung bunte Schachteln mit „Konfäktchen“ an fast alle Besucher des Speisesaales verteilt und war dann mit ihren beiden jungen Mädchen etwas verreist.
Und Joachim, wie stand es um ihn? War er befreit und erleichtert seitdem, oder litt seine Seele schwere Entbehrung angesichts der leeren Tischseite? Hing seine ungewohnte und empörerische Ungeduld, seine Drohung, wilde Abreise halten zu wollen, wenn man ihn länger an der Nase führe, mit der Abreise Marusjas zusammen? Oder war vielmehr die Tatsache, daß er vorderhand eben doch noch nicht reiste, sondern der hofrätlichen Verherrlichung der Schneeschmelze sein Ohr lieh, auf jene andere zurückzuführen, daß die hochbusige Marusja nicht ernstlich abgereist, sondern nur etwas verreist war und in fünf kleinsten Teileinheiten hiesiger Zeit wieder eintreffen würde? Ach, das war wohl alles auf einmal der Fall, alles in gleichem Maße; Hans Castorp konnte es sich denken, auch ohne je mit Joachim über die Sache zu sprechen. Denn dessen enthielt er sich ebenso streng, wie Joachim es vermied, den Namen einer anderen etwas Verreisten zu nennen.
Unterdessen aber, an Settembrinis Tisch, an des Italieners Platz, – wer saß dort seit kurzem, in Gesellschaft holländischer Gäste, deren Appetit so ungeheuer war, daß jeder von ihnen sich zu Anfang des täglichen Fünf-Gänge-Diners, noch vor der Suppe, drei Spiegeleier servieren ließ? Es war Anton Karlowitsch Ferge, er, der das höllische Abenteuer des Pleura-Choks erprobt hatte! Ja, Herr Ferge war außer Bett; auch ohne Pneumothorax hatte sein Zustand sich so gebessert, daß er den größten Teil des Tages mobil und angekleidet verbrachte und mit seinem gutmütig-bauschigen Schnurrbart und seinem ebenfalls gutmütig wirkenden großen Kehlkopf an den Mahlzeiten teilnahm. Die Vettern plauderten manchmal mit ihm in Saal und Halle, und auch für die Dienstpromenaden taten sie sich dann und wann, wenn es sich eben so traf, mit ihm zusammen, Neigung im Herzen für den schlichten Dulder, der von hohen Dingen gar nichts zu verstehen erklärte und, dies vorausgesandt, überaus behaglich von Gummischuhfabrikation und fernen Gebieten des russischen Reiches, Samara, Georgien, erzählte, während sie im Nebel durch den Schneewasserbrei stapften.
Denn die Wege waren wirklich kaum gangbar jetzt, sie befanden sich in voller Auflösung, und die Nebel brauten. Der Hofrat sagte zwar, es seien keine Nebel, es seien Wolken; aber das war Wortfuchserei nach Hans Castorps Urteil. Der Frühling focht einen schweren Kampf, der sich, unter hundert Rückfällen ins Bitter-Winterliche, durch Monate, bis in den Juni hinein, erstreckte. Schon im März, wenn die Sonne schien, war es auf dem Balkon und im Liegestuhl, trotz leichtester Kleidung und Sonnenschirm, vor Hitze kaum auszuhalten gewesen, und es gab Damen, die schon damals Sommer gemacht und bereits beim ersten Frühstück Musselinkleider vorgeführt hatten. Sie waren in einem Grade entschuldigt durch die Eigenart des Klimas hier oben, das Verwirrung begünstigte, indem es die Jahreszeiten meteorologisch durcheinander warf; aber es war auch bei ihrem Vorwitz viel Kurzsicht und Phantasielosigkeit im Spiel, jene Dummheit von Augenblickswesen, die nicht zu denken vermag, daß es noch wieder anders kommen kann, sowie vor allem Gier nach Abwechslung und zeitverschlingende Ungeduld: man schrieb März, das war Frühling, das war so gut wie Sommer, und man zog die Musselinkleider hervor, um sich darin zu zeigen, ehe der Herbst einfiel. Und das tat er, gewissermaßen. Im April fielen trübe, naßkalte Tage ein, deren Dauerregen in Schnee, in wirbelnden Neuschnee überging. Die Finger erstarrten in der Loggia, die beiden Kamelhaardecken traten ihren Dienst wieder an, es fehlte nicht viel, daß man zum Pelzsack gegriffen hätte, die Verwaltung entschloß sich, zu heizen, und jedermann klagte, man werde um seinen Frühling betrogen. Alles war dick verschneit gegen Ende des Monats; aber dann kam Föhn auf, vorausgesagt, vorausgewittert von erfahrenen und empfindlichen Gästen: Frau Stöhr sowohl, wie die elfenbeinfarbene Levi, wie nicht minder die Witwe Hessenfeld spürten ihn einstimmig schon, bevor noch das kleinste Wölkchen über dem Gipfel des Granitbergs im Süden sich zeigte. Frau Hessenfeld neigte alsbald zu Weinkrämpfen, die Levi wurde bettlägrig, und Frau Stöhr, die Hasenzähne störrisch entblößt, bekundete stündlich die abergläubische Befürchtung, ein Blutsturz möchte sie ereilen; denn die Rede ging, daß Föhnwind dergleichen befördere und bewirke. Unglaubliche Wärme herrschte, die Heizung erlosch, man ließ über Nacht die Balkontür offen und hatte trotzdem morgens elf Grad im Zimmer; der Schnee schmolz gewaltig, er wurde eisfarben, porös und löcherig, sackte zusammen, wo er zu Hauf lag, schien sich in die Erde zu verkriechen. Ein Sickern, Sintern und Rieseln war überall, ein Tropfen und Stürzen im Walde, und die geschaufelten Schranken an den Straßen, die bleichen Teppiche der Wiesen verschwanden, wenn auch die Massen allzu reichlich gelegen hatten, um rasch zu verschwinden. Da gab es wundersame Erscheinungen, Frühlingsüberraschungen auf Dienstwegen im Tal, märchenhaft, nie gesehen. Ein Wiesengebreite lag da, – im Hintergrunde ragte der Schwarzhornkegel, noch ganz im Schnee, mit dem ebenfalls noch tief verschneiten Scalettagletscher rechts in der Nähe, und auch das Gelände mit seinem Heuschober irgendwo lag noch im Schnee, wenn auch die Decke schon dünn und schütter war, von rauhen und dunklen Bodenerhebungen da und dort unterbrochen, von trockenem Grase überall durchstochen. Das war jedoch, wie die Wanderer fanden, eine unregelmäßige Art von Verschneitheit, die diese Wiese da aufwies, – in der Ferne, gegen die waldigen Lehnen hin, war sie dichter, im Vordergrund aber, vor den Augen der Prüfenden, war das noch winterlich dürre und mißfarbene Gras mit Schnee nur noch gesprenkelt, betupft, beblümt ... Sie sahen es näher an, sie beugten sich staunend darüber, – das war kein Schnee, es waren Blumen, Schneeblumen, Blumenschnee, kurzstielige kleine Kelche, weiß und weißbläulich, es war Krokus, bei ihrer Ehre, millionenweise dem sickernden Wiesengrunde entsprossen, so dicht, daß man ihn gut und gern hatte für Schnee halten können, in den er weiterhin denn auch ununterscheidbar überging.
Sie lachten über ihren Irrtum, lachten vor Freude über das Wunder vor ihren Augen, diese lieblich zaghafte und nachahmende Anpassung des zuerst sich wieder hervorgetrauenden organischen Lebens. Sie pflückten davon, betrachteten und untersuchten die zarten Bechergebilde, schmückten ihre Knopflöcher damit, trugen sie heim, stellten sie in die Wassergläser auf ihren Zimmern; denn die unorganische Starre des Tales war lang gewesen, – lang, wenn auch kurzweilig.
Aber der Blumenschnee wurde mit wirklichem zugedeckt, und auch den blauen Soldanellen, den gelben und roten Primeln erging es so, die ihm folgten. Ja, wie schwer der Frühling es hatte, sich durchzuringen und den hiesigen Winter zu überwältigen! Zehnmal ward er zurückgeworfen, bevor er Fuß fassen konnte hier oben, – bis zum nächsten Einbruch des Winters, mit weißem Gestöber, Eiswind und Heizungsbetrieb. Anfang Mai (denn nun ist es gar schon Mai geworden, während wir von den Schneeblumen erzählten), Anfang Mai war es schlechthin eine Qual, in der Loggia nur eine Postkarte ins Flachland zu schreiben, so schmerzten die Finger vor rauher Novembernässe; und die fünfeinhalb Laubbäume der Gegend waren kahl wie die Bäume der Ebene im Januar. Tagelang währte der Regen, eine Woche lang stürzte er nieder, und ohne die versöhnenden Eigenschaften des hiesigen Liegestuhltyps wäre es überaus hart gewesen, im Wolkenqualm, mit nassem, starrem Gesicht, so viele Ruhestunden im Freien zu verbringen. Insgeheim aber war es ein Frühlingsregen, um den es sich handelte, und mehr und mehr, je länger er dauerte, gab er als solcher sich auch zu erkennen. Fast aller Schnee schmolz unter ihm weg; es gab kein Weiß mehr, nur hie und da noch ein schmutziges Eisgrau, und nun begannen wahrhaftig die Wiesen zu grünen!
Welch milde Wohltat fürs Auge, das Wiesengrün, nach dem unendlichen Weiß! Und noch ein anderes Grün war da, an Zartheit und lieblicher Weiche das Grün des neuen Grases noch weit übertreffend. Das waren die jungen Nadelbüschel der Lärchen, – Hans Castorp konnte auf Dienstwegen selten umhin, sie mit der Hand zu liebkosen und sich die Wange damit zu streicheln, so unwiderstehlich lieblich waren sie in ihrer Weichheit und Frische. „Man könnte zum Botaniker werden,“ sagte der junge Mann zu seinem Begleiter, „man könnte wahr und wahrhaftig Lust bekommen zu dieser Wissenschaft vor lauter Spaß an dem Wiedererwachen der Natur nach einem Winter bei uns hier oben! Das ist ja Enzian, Mensch, was du da am Abhange siehst, und dies hier ist eine gewisse Sorte von kleinen gelben Veilchen, mir unbekannt. Aber hier haben wir Ranunkeln, sie sehen unten ja auch nicht anders aus, aus der Familie der Ranunkulazeen, gefüllt, wie mir auffällt, eine besonders reizende Pflanze, zwittrig übrigens, du siehst da eine Menge Staubgefäße und eine Anzahl Fruchtknoten, ein Andrözeum und ein Gynäzeum, soviel ich behalten habe. Ich glaube bestimmt, ich werde mir einen oder den anderen botanischen Schmöker zulegen, um mich etwas besser zu informieren auf diesem Lebens- und Wissensgebiet. Ja, wie es nun bunt wird auf der Welt!“
„Das kommt noch besser im Juni“, sagte Joachim. „Die Wiesenblüte hier ist ja berühmt. Aber ich glaube doch nicht, daß ich sie abwarte. – Das hast du wohl von Krokowski, daß du Botanik studieren willst?“
Krokowski? Wie meinte er das? Ach so, er kam darauf, weil Dr. Krokowski sich neulich botanisch gebärdet hatte bei einer seiner Konferenzen. Denn der ginge freilich fehl, der meinte, die durch die Zeit gezeitigten Veränderungen wären so weit gegangen, daß Dr. Krokowski keine Vorträge mehr gehalten hätte! Vierzehntägig hielt er sie, nach wie vor, im Gehrock, wenn auch nicht mehr in Sandalen, die er nur sommers trug und also nun bald wieder tragen würde, – jeden zweiten Montag im Speisesaal, wie damals, als Hans Castorp, mit Blut beschmiert, zu spät gekommen war, in seinen ersten Tagen. Drei Vierteljahre lang hatte der Analytiker über Liebe und Krankheit gesprochen, – nie viel auf einmal, in kleinen Portionen, in halb- bis dreiviertelstündigen Plaudereien, breitete er seine Wissens- und Gedankenschätze aus, und jedermann hatte den Eindruck, daß er nie werde aufzuhören brauchen, daß es immer und ewig so weitergehen könne. Das war eine Art von halbmonatlicher „Tausendundeine Nacht“, sich hinspinnend von Mal zu Mal ins Beliebige und wohlgeeignet, wie die Märchen der Scheherezade, einen neugierigen Fürsten zu befrieden und von Gewalttaten abzuhalten. In seiner Uferlosigkeit erinnerte Dr. Krokowskis Thema an das Unternehmen, dem Settembrini seine Mitarbeit geschenkt, die Enzyklopädie der Leiden; und als wie abwandlungsfähig es sich erwies, möge man daraus ersehen, daß der Vortragende neulich sogar von Botanik gesprochen hatte, genauer: von Pilzen ... Übrigens hatte er den Gegenstand vielleicht ein wenig gewechselt; es war jetzt eher die Rede von Liebe und Tod, was denn zu mancher Betrachtung teils zart poetischen, teils aber unerbittlich wissenschaftlichen Gepräges Anlaß gab. In diesem Zusammenhang also war der Gelehrte in seinem östlich schleppenden Tonfall und mit seinem nur einmal anschlagenden Zungen-R auf Botanik gekommen, das heißt auf die Pilze, – diese üppigen und phantastischen Schattengeschöpfe des organischen Lebens, fleischlich von Natur, dem Tierreich sehr nahe stehend, – Produkte tierischen Stoffwechsels, Eiweiß, Glykogen, animalische Stärke also, fanden sich in ihrem Aufbau. Und Dr. Krokowski hatte von einem Pilz gesprochen, berühmt schon seit dem klassischen Altertum seiner Form und der ihm zugeschriebenen Kräfte wegen, – einer Morchel, in deren lateinischem Namen das Beiwort impudicus vorkam, und dessen Gestalt an die Liebe, dessen Geruch jedoch an den Tod erinnerte. Denn das war auffallenderweise Leichengeruch, den der Impudicus verbreitete, wenn von seinem glockenförmigen Hute der grünliche, zähe Schleim abtropfte, der ihn bedeckte, und der Träger der Sporen war. Aber bei Unbelehrten galt der Pilz noch heute als aphrodisisches Mittel.
Na, etwas stark war das ja gewesen für die Damen, hatte Staatsanwalt Paravant gefunden, der, moralisch gestützt durch des Hofrats Propaganda, die Schneeschmelze hier überdauerte. Und auch Frau Stöhr, die ebenfalls charaktervoll standhielt und jeder Versuchung zu wilder Abreise die Stirne bot, hatte bei Tische geäußert, heute sei Krokowski denn aber doch „obskur“ gewesen mit seinem klassischen Pilz. „Obskur“, sagte die Unselige und schändete ihre Krankheit durch namenlose Bildungsschnitzer. Worüber aber Hans Castorp sich wunderte, war, daß Joachim auf Dr. Krokowski und seine Botanik anspielte; denn eigentlich war zwischen ihnen von dem Analytiker ebensowenig die Rede, wie von der Person Clawdia Chauchats oder der Marusjas, – sie erwähnten ihn nicht, sie übergingen sein Wesen und Wirken lieber mit Stillschweigen. Jetzt aber also hatte Joachim den Assistenten genannt, – in mißlaunigem Tone, wie übrigens auch schon seine Bemerkung, daß er die volle Wiesenblüte nicht abwarten wolle, recht mißlaunig geklungen hatte. Der gute Joachim, nachgerade schien er im Begriff, sein Gleichgewicht einzubüßen; seine Stimme schwankte beim Sprechen vor Gereiztheit, er war an Sanftmut und Besonnenheit durchaus nicht mehr der alte. Entbehrte er das Apfelsinenparfüm? Brachte die Fopperei mit der Gaffky-Nummer ihn zur Verzweiflung? Konnte er nicht mit sich selber ins Reine darüber kommen, ob er den Herbst hier erwarten oder falsche Abreise halten sollte?
In Wirklichkeit war es noch etwas anderes, wodurch dies gereizte Beben in Joachims Stimme kam und weshalb er des botanischen Kollegs von neulich in fast höhnischem Tone erwähnt hatte. Von diesem Etwas wußte Hans Castorp nichts, oder vielmehr, er wußte nicht, daß Joachim davon wußte, denn er selbst, dieser Durchgänger, dies Sorgenkind des Lebens und der Pädagogik, er wußte nur zu gut davon. Mit einem Worte, Joachim war seinem Vetter auf gewisse Schliche gekommen, er hatte ihn unversehens bei einer Verräterei belauscht, ähnlich derjenigen, deren er sich am Faschingsdienstag schuldig gemacht, – einer neuen Treulosigkeit, verschärft durch den Umstand, an dem nicht zu zweifeln war, daß Hans Castorp sie dauernd verübte.
Zum ewig eintönigen Rhythmus des Zeitablaufs, zur kurzweilig feststehenden Gliederung des Normaltages, der immer derselbe, der sich selbst zum Verwechseln und bis zur Verwirrung ähnlich war, identisch mit sich, die stehende Ewigkeit, so daß schwer zu begreifen war, wie er Veränderung zu zeitigen vermochte, – zur unverbrüchlichen Alltagsordnung also gehörte, wie jedermann sich erinnert, der Rundgang Dr. Krokowskis zwischen halb vier und vier Uhr nachmittags durch alle Zimmer, das ist über alle Balkons, von Liegestuhl zu Liegestuhl. Wie oft hatte nicht der Berghof-Normaltag sich erneut, seit damals, als Hans Castorp in seiner horizontalen Lebenslage sich geärgert hatte, weil der Assistent einen Bogen um ihn beschrieb und ihn nicht in Betracht zog! Längst war aus dem Gaste von damals ein Kamerad geworden, – Dr. Krokowski redete ihn sogar häufig mit diesem Namen an bei seiner Kontrollvisite, und wenn das militärische Wort, dessen r-Laut er auf exotische Weise durch nur einmaliges Anschlagen der Zunge am vorderen Gaumen hervorbrachte, ihm auch scheußlich zu Gesichte stand, wie Hans Castorp gegen Joachim geurteilt hatte, so paßte es doch nicht schlecht zu seiner stämmigen, mannhaft heiteren und zu fröhlichem Vertrauen auffordernden Art, die freilich wiederum durch seine Schwarzbleichheit in gewisser Weise Lügen gestraft wurde, und der denn doch etwas Bedenkliches jederzeit anhaftete.
„Nun, Kamerad, wie gehts, wie stehts!“ sagte Dr. Krokowski, indem er, vom russischen Barbarenpaare kommend, an das Kopfende von Hans Castorps Lager trat; und der so frischerweise Angeredete, die Hände auf der Brust gefaltet, lächelte täglich wieder gepeinigt-freundlich über die scheußliche Anrede, indem er des Doktors gelbe Zähne betrachtete, die sich in seinem schwarzen Barte zeigten. „Recht wohl geruht?“ fuhr Dr. Krokowski dann wohl fort. „Fallende Kurve? Steigende heut? Nun, hat nichts auf sich, kommt bis zur Hochzeit schon wieder in Ordnung. Ich grüße Sie.“ Und mit diesem Wort, das ebenfalls scheußlich klang, da er es wie „gdieße“ sprach, ging er schon weiter, zu Joachim hinüber – es handelte sich um einen Rundgang, einen kurzen Blick nach dem Rechten und um nichts weiter.
Manchmal freilich auch verweilte Dr. Krokowski sich länger, plauderte, breitschultrig dastehend und immer mannhaft lächelnd, mit dem Kameraden über dies und jenes, über die Witterung, über Abreisen und Ankünfte, über des Patienten Stimmung, seine gute oder schlechte Laune, seine persönlichen Verhältnisse auch wohl, seine Herkunft und seine Aussichten, bis er „ich gdieße Sie“ sagte und weiterging; und Hans Castorp, die Hände zur Abwechslung hinter dem Kopf gefaltet, antwortete ihm, ebenfalls lächelnd, auf all das, – mit dem durchdringenden Gefühle der Scheußlichkeit, gewiß, aber er antwortete ihm. Sie plauderten gedämpft, – obgleich die gläserne Scheidewand die Loggien nicht völlig trennte, konnte Joachim die Unterhaltung nebenan nicht verstehen und machte übrigens auch nicht den leisesten Versuch dazu. Er hörte seinen Vetter sogar vom Liegestuhl aufstehen und mit Dr. Krokowski ins Zimmer gehen, vermutlich um ihm seine Fieberkurve zu zeigen; und dort setzte dann das Gespräch sich wohl noch eine längere Weile fort, der Verzögerung nach zu urteilen, womit der Assistent auf dem inneren Wege bei Joachim eintraf.
Worüber plauderten die Kameraden? Joachim fragte nicht; aber sollte jemand aus unserer Mitte sich an ihm kein Beispiel nehmen und die Frage aufwerfen, so ist allgemein darauf hinzuweisen, wieviel Stoff und Anlaß zu geistigem Austausch vorhanden ist zwischen Männern und Kameraden, deren Grundanschauungen idealistisches Gepräge tragen, und von denen der eine auf seinem Bildungswege dazu gelangt ist, die Materie als den Sündenfall des Geistes, als eine schlimme Reizwucherung desselben aufzufassen, während der andere, als Arzt, den sekundären Charakter organischer Krankheit zu lehren gewohnt ist. Wie manches, meinen wir, ließ sich da nicht erörtern und austauschen über die Materie als unehrbare Ausartung des Immateriellen, über das Leben als Impudizität der Materie, über die Krankheit als unzüchtige Form des Lebens! Da konnte, unter Anlehnung an laufende Konferenzen, die Rede gehen von der Liebe als krankheitbildender Macht, vom übersinnlichen Wesen des Merkmals, über „alte“ und „frische“ Stellen, über lösliche Gifte und Liebestränke, über die Durchleuchtung des Unbewußten, den Segen der Seelenzergliederung, die Rückverwandlung des Symptoms – und was wissen wir, – von deren Seite dies alles nur Vorschläge und Vermutungen sind, wenn die Frage aufgeworfen wird, was Dr. Krokowski und der junge Hans Castorp miteinander zu plaudern hatten!
Übrigens plauderten sie nicht mehr, das lag zurück, nur eine Weile, einige Wochen lang war es so gewesen; in letzter Zeit hielt Dr. Krokowski sich bei diesem Patienten wieder nicht länger auf als bei allen anderen, – „Nun, Kamerad?“ und „Ich gdieße Sie“, darauf beschränkte sich nun die Visite meistens wieder. Dafür hatte Joachim eine andere Entdeckung gemacht, eben die, die er als Verräterei von seiten Hans Castorps empfand, und gemacht hatte er sie völlig unwillkürlich, ohne in seiner militärischen Arglosigkeit im mindesten auf Späherwegen gegangen zu sein, das darf man glauben. Er war ganz einfach an einem Mittwoch aus der ersten Liegekur abgerufen worden, hinunterbeordert ins Souterrain, um sich vom Bademeister wiegen zu lassen, – und da sah er es also. Er kam die Treppe hinunter, die reinlich linoleumbelegte Treppe mit Aussicht auf die Tür zum Ordinationszimmer, zu dessen beiden Seiten die Durchleuchtungskabinette gelegen waren, links das organische und rechts um die Ecke das um eine Stufe vertiefte psychische, mit Dr. Krokowskis Besuchskarte an der Tür. Auf halber Höhe der Treppe aber blieb Joachim stehen, denn eben verließ Hans Castorp, von der Injektion kommend, das Ordinationszimmer. Mit beiden Händen schloß er die Tür, durch die er rasch getreten war, und wandte sich, ohne um sich zu blicken, nach rechts, gegen die Tür, an der die Karte auf Reißnägeln saß, und die er mit wenigen, lautlos vorwärtswiegenden Schritten erreichte. Er klopfte, neigte sich hin beim Klopfen und hielt das Ohr zu dem pochenden Finger. Und da des Bewohners baritonales „Herein!“ mit dem exotisch anschlagenden r-Laut und dem verzerrten Diphthong aus dem Gelasse erschollen war, sah Joachim seinen Vetter im Halbdunkel von Dr. Krokowskis analytischer Grube verschwinden.
Noch jemand
Lange Tage, die längsten, sachlich gesprochen und mit Bezug auf die Anzahl ihrer Sonnenstunden; denn ihrer Kurzweiligkeit vermochte astronomische Ausdehnung nichts anzuhaben, weder was jeden einzelnen betraf, noch ihre einförmige Flucht. Frühlings-Nachtgleiche lag fast drei Monate zurück, Sommersonnenwende war da. Aber das natürliche Jahr bei uns hier oben folgte dem Kalender zurückhaltend: erst jetzt, erst dieser Tage war endgültig Frühling geworden, ein Frühling noch ohne alle Sommerschwere, würzig, dünnluftig und leicht, mit silbrig strahlender Himmelsbläue und kindlich kunterbunter Wiesenblüte.
Hans Castorp fand an den Hängen dieselben Blumen wieder, von denen Joachim freundlicherweise ihm einige letzte einst zur Begrüßung ins Zimmer gestellt: Schafsgarbe und Glockenblumen, – ein Zeichen für ihn, daß das Jahr in sich selber lief. Allein was hatte sich nun nicht alles aus dem jungen, smaragdenen Grase der Schrägen und Wiesengebreite des Grundes an organischem Leben als Stern, Kelch und Glocke oder von unregelmäßigerer Gestalt, die sonnige Luft mit trockener Würze erfüllend, hervorgebildet: Pechnelken und wilde Stiefmütterchen in ganzen Massen, Gänseblümchen, Margueriten, Primeln in gelb und rot, viel schöner und größer, als Hans Castorp sie im Flachlande je erblickt zu haben meinte, soweit er dort unten darauf achtgegeben; dazu die nickenden Soldanellen mit ihren gewimperten Glöckchen, blau, purpurn und rosig, eine Spezialität dieser Sphäre.
Er pflückte von all der Lieblichkeit, trug Sträuße heim, ernsten Sinnes und nicht sowohl zum Schmuck seines Zimmers, als zur streng wissenschaftlichen Bearbeitung, wie er es sich vorgesetzt. Einiges floristische Rüstzeug war angeschafft, ein Lehrbuch der allgemeinen Botanik, ein handlicher kleiner Spaten zum Ausheben der Pflanzen, ein Herbarium, eine kräftige Lupe; und damit wirtschaftete der junge Mann in seiner Loggia, – sommerlich gekleidet nun wieder, in einen der Anzüge, die er damals gleich mit sich heraufgebracht, – auch dies ein Merkmal der Jahresrundung.
Frische Blumen standen in mehreren Wassergläsern auf den Möbelplatten des inneren Zimmers, auf dem Lampentischchen zur Seite seines vorzüglichen Liegestuhls. Blumen, halb welk, schon matt, aber noch in Saft, fanden sich lose auf der Balkonbrüstung, am Boden der Loggia verstreut, während andere, wohlausgebreitet, zwischen Löschpapierbogen, die ihre Feuchtigkeit tranken, der Presse von Steinen unterlagen, damit Hans Castorp die flachen Trockenpräparate mit gummierten Papierstreifen in sein Album kleben könnte. Er lag, die Knie hochgezogen, dazu noch eins über das andere geschlagen, und während der Rücken des offen umgelegten Leitfadens auf seiner Brust einen Dachfirst bildete, hielt er das dickgeschliffene Rund des Vergrößerungsglases zwischen seine einfachen blauen Augen und eine Blüte, deren Krone er teilweise mit dem Taschenmesser entfernt hatte, um besser den Fruchtboden studieren zu können, und die hinter der starken Linse zum abenteuerlich fleischigen Gebilde schwoll. Da schütteten die Staubbeutel, an der Spitze der Filamente, ihren gelben Pollen aus, vom Ovarium starrte der narbige Griffel, und legte man einen Schnitt durch ihn, so konnte man den zarten Kanal betrachten, durch den die Pollenkörner und -schläuche von zuckriger Ausscheidung in die Fruchtknotenhöhle geschwemmt wurden. Hans Castorp zählte, prüfte und verglich; er untersuchte Bau und Stellung der Kelch- und Blumenblätter wie der männlichen und weiblichen Geschlechtsorgane, beaufsichtigte die Übereinstimmung dessen, was er sah, mit schematischen und natürlichen Abbildungen, stellte die wissenschaftliche Richtigkeit in dem Bau ihm bekannter Pflanzen mit Befriedigung fest und ging dazu über, solche, die er nicht zu nennen gewußt hätte, an der Hand des Linné nach Abteilung, Gruppe, Ordnung, Art, Familie und Gattung zu bestimmen. Da er viel Zeit hatte, gelangen ihm einige Fortschritte in botanischer Systematik auf Grund vergleichender Morphologie. Unter die getrocknete Pflanze ins Herbarium schrieb er kalligraphisch den lateinischen Namen, den die humanistische Wissenschaft ihr galanterweise beigelegt, schrieb ihre kennzeichnenden Eigenschaften dazu und zeigte es dem guten Joachim, der sich wunderte.
Am Abend betrachtete er die Gestirne. Ein Interesse für das in sich laufende Jahr hatte ihn überkommen, – der doch schon einige zwanzig Sonnenumläufe auf Erden verbracht und sich noch niemals um dergleichen gekümmert hatte. Wenn wir selbst uns unwillkürlich in Ausdrücken wie „Frühlings-Nachtgleiche“ bewegten, so geschah es in seinem Geist und schon in Hinsicht auf Gegenwärtiges. Denn dieser Art waren die Termini, die er neuerdings um sich zu streuen liebte, und auch durch hier einschlagende Kenntnisse setzte er seinen Vetter in Erstaunen.
„Jetzt ist die Sonne nahe daran, ins Zeichen des Krebses zu treten,“ mochte er auf einem Spaziergang beginnen, „bist du dir darüber im Klaren? Das ist das erste Sommerzeichen des Tierkreises, verstehst du? Es geht nun über den Löwen und die Jungfrau auf den Herbstpunkt zu, den einen Äquinoktialpunkt, gegen Ende September, wenn wieder der Sonnenort auf den Himmelsäquator fällt, wie neulich im März, als die Sonne in den Widderpunkt trat.“
„Das ist mir entgangen“, sagte Joachim mürrisch. „Was redest denn du dir da so geläufig zusammen? Widderpunkt? Tierkreis?“
„Allerdings, der Tierkreis; zodiacus. Die uralten Himmelszeichen, – Skorpion, Schütze, Steinbock, aquarius und wie sie heißen, wie soll man sich dafür nicht interessieren! Es sind zwölf, das wirst du wenigstens wissen, drei für jede Jahreszeit, die aufsteigenden und die niedersteigenden, der Kreis der Sternbilder, durch die die Sonne wandert, – großartig meiner Ansicht nach! Stelle dir vor, daß man sie in einem ägyptischen Tempel als Deckenbild gefunden hat, – einem Tempel der Aphrodite noch dazu, nicht weit von Theben. Die Chaldäer kannten sie auch schon, – die Chaldäer, ich bitte dich, dies alte Zauberervolk, arabisch-semitisch, hochgelehrt in Astrologie und Wahrsagerei. Die haben auch schon den Himmelsgürtel studiert, in dem die Planeten laufen, und ihn in die zwölf Sternbildzeichen eingeteilt, die Dodekatemoria, wie sie auf uns gekommen sind. Das ist großartig. Es ist die Menschheit!“
„Nun sagst du ‚Menschheit‘, wie Settembrini.“
„Ja, wie er, oder etwas anders. Man muß sie nehmen, wie sie ist, aber großartig ist es schon damit. Ich denke viel mit Sympathie an die Chaldäer, wenn ich so liege und den Planeten zusehe, die sie auch schon kannten, denn alle kannten sie nicht, so gescheit sie waren. Aber die sie nicht kannten, kann ich auch nicht sehen, Uranus ist ja erst neulich mit dem Fernrohr entdeckt worden, vor hundertzwanzig Jahren.“
„Neulich?“
„Das nenne ich ‚neulich‘, wenn du erlaubst, im Vergleich mit den dreitausend Jahren bis damals. Aber wenn ich so liege und mir die Planeten besehe, dann werden die dreitausend Jahre auch zu ‚neulich‘, und ich denke intim an die Chaldäer, die sie auch sahen und sich ihren Vers darauf machten, und das ist die Menschheit.“
„Na, gut; du hast ja großzügige Entwürfe in deinem Kopf.“
„Du sagst ‚großzügig‘, und ich sage ‚intim‘, – wie man es nun nennen will. Aber wenn nun also die Sonne in die Wage tritt, in zirka drei Monaten, dann haben die Tage wieder so weit abgenommen, daß Tag und Nacht gleich sind, und dann nehmen sie weiter ab bis gegen Weihnachten, das ist dir bekannt. Willst du aber, bitte, bedenken, daß, während die Sonne durch die Winterzeichen geht, den Steinbock, den Wassermann und die Fische, die Tage schon wieder zunehmen! Denn dann kommt neuerdings der Frühlingspunkt, zum dreitausendstenmal seit den Chaldäern, und die Tage wachsen weiter bis übers Jahr, wenn wieder Sommersanfang ist.“
„Selbstverständlich.“
„Nein, das ist eine Eulenspiegelei! Im Winter wachsen die Tage, und wenn der längste kommt, 21. Juni, Sommersanfang, dann geht es schon wieder bergab, sie werden schon wieder kürzer, und es geht gegen den Winter. Du nennst das selbstverständlich, aber wenn man einmal davon absieht, daß es selbstverständlich ist, dann kann einem angst und bange werden, momentweise, und man möchte krampfhaft nach etwas greifen. Es ist, als ob Eulenspiegel es so eingerichtet hätte, daß zu Wintersanfang eigentlich der Frühling beginnt und zu Sommersanfang eigentlich der Herbst ... Man wird ja an der Nase herumgezogen, im Kreise herumgelockt mit der Aussicht auf etwas, was schon wieder Wendepunkt ist ... Wendepunkt im Kreise. Denn das sind lauter ausdehnungslose Wendepunkte, woraus der Kreis besteht, die Biegung ist unmeßbar, es gibt keine Richtungsdauer, und die Ewigkeit ist nicht ‚geradeaus, geradeaus‘, sondern ‚Karussell, Karussell‘.“
„Hör’ auf!“
„Sonnwendfeier!“ sagte Hans Castorp, „Sommersonnenwende! Bergfeuer und Ringelreihn rund um die lodernde Flamme herum mit angefaßten Händen! Ich habe es nie gesehen, aber ich höre, so wird es gemacht von urwüchsigen Menschen, so feiern sie die erste Sommernacht, mit der der Herbst beginnt, die Mittagsstunde und Scheitelhöhe des Jahres, von wo es abwärts geht, – sie tanzen und drehen sich und jauchzen. Worüber jauchzen sie in ihrer Urwüchsigkeit, – kannst du dir das begreiflich machen? Worüber sind sie so ausgelassen lustig? Weil es nun abwärts geht ins Dunkel, oder vielleicht, weil es bisher aufwärts ging und nun die Wende gekommen ist, der unhaltbare Wendepunkt, Mittsommernacht, die volle Höhe, mit Wehmut im Übermut? Ich sage es, wie es ist, mit den Worten, die mir dafür einfallen. Es ist melancholischer Übermut und übermütige Melancholie, weshalb die Urwüchsigen jauchzen und um die Flamme tanzen, sie tun es aus positiver Verzweiflung, wenn du so sagen willst, zu Ehren der Eulenspiegelei des Kreises und der Ewigkeit ohne Richtungsdauer, in der alles wiederkehrt.“
„Ich will nicht so sagen,“ murmelte Joachim, „bitte, schiebe es nicht auf mich. Es sind ja weitläufige Dinge, mit denen du dich beschäftigst des Abends, wenn du liegst.“
„Ja, ich will nicht leugnen, daß du dich nützlicher beschäftigst mit deiner russischen Grammatik. Du mußt die Sprache nächstens ja fließend beherrschen, Mensch, natürlich ein großer Vorteil für dich, wenn es Krieg gibt, was Gott verhüte.“
„Verhüte? Du sprichst wie ein Zivilist. Krieg ist notwendig. Ohne Kriege würde bald die Welt verfaulen, hat Moltke gesagt.“
„Ja, dazu hat sie wohl eine Neigung. Und so viel kann ich dir zugeben“, setzte Hans Castorp an und wollte eben auf die Chaldäer zurückkommen, die ebenfalls Krieg geführt und Babylonien erobert hätten, obgleich sie Semiten und also beinahe Juden gewesen seien, – als beide gleichzeitig gewahr wurden, daß zwei Herren, die dicht vor ihnen gingen, die Köpfe nach ihnen wandten, aufmerksam gemacht durch ihre Reden, gestört in eigener Unterhaltung.
Es war auf der Hauptstraße, zwischen dem Kurhaus und dem Hotel Belvedere, auf dem Rückweg nach Davos-Dorf. Das Tal lag im Festkleide, in zarten, lichten und frohen Farben. Die Luft war köstlich. Eine Sinfonie von heiteren Wiesenblumendüften erfüllte die reine, trockene, klar durchsonnte Atmosphäre.
Sie erkannten Lodovico Settembrini zur Seite eines Fremden; doch schien es, als erkenne er seinerseits sie nicht oder als wünsche er kein Zusammentreffen, denn er wandte rasch den Kopf wieder ab und vertiefte sich gestikulierend in die Unterhaltung mit seinem Begleiter, wobei er sogar rascher vorwärts zu kommen suchte. Als freilich die Vettern, rechts neben ihm, durch heitere Verbeugung grüßten, stellte er sich wunder wie angenehm überrascht, mit „Sapristi!“ und „Teufel noch einmal!“, wollte aber nun wieder zurückhalten, die beiden vorüber- und vorangehen lassen, was sie jedoch nicht verstanden, das heißt: nicht bemerkten, weil sie keine Vernunft darin sahen. Ehrlich erfreut vielmehr, ihm nach längerer Trennung wieder zu begegnen, hielten sie sich bei ihm und schüttelten ihm die Hand, indem sie nach seinem Ergehen fragten und in höflicher Erwartung dabei zu seinem Gefährten hinüberblickten. So zwangen sie ihn, zu tun, was er offenbar lieber nicht getan hätte, was aber ihnen als die natürlichste und zu gewärtigendste Sache von der Welt erschien: nämlich sie mit jenem bekannt zu machen, – was denn also im Gehen und halben Stehenbleiben derart geschah, daß Settembrini, vor sich, mit verbindenden Handbewegungen und lustigen Reden die Herren miteinander in Beziehung setzte, sie vor seiner Brust sich die Hände reichen ließ.
Es stellte sich heraus, daß der Fremde, der Settembrinis Jahre haben mochte, dessen Hausgenosse war: der andere Aftermieter Lukačeks, des Damenschneiders, Naphta mit Namen, soviel die jungen Leute verstanden. Er war ein kleiner, magerer Mann, rasiert und von so scharfer, man möchte sagen: ätzender Häßlichkeit, daß die Vettern sich geradezu wunderten. Alles war scharf an ihm: die gebogene Nase, die sein Gesicht beherrschte, der schmal zusammengenommene Mund, die dickgeschliffenen Gläser der im übrigen leicht gebauten Brille, die er vor seinen hellgrauen Augen trug, und selbst das Schweigen, das er bewahrte, und dem zu entnehmen war, daß seine Rede scharf und folgerecht sein werde. Er war barhaupt, wie es sich gehörte, und im bloßen Anzug, – sehr wohlgekleidet dabei: sein dunkelblauer Flanellanzug mit weißen Streifen zeigte guten, gehalten modischen Schnitt, wie der weltkindlich prüfende Blick der Vettern feststellte, die übrigens einem ebensolchen, nur rascheren und schärferen, an ihren Personen hinabgleitenden Blick von seiner, des kleinen Naphta Seite, begegneten. Hätte Lodovico Settembrini seinen faserigen Flaus und seine gewürfelten Hosen nicht mit so viel Anmut und Würde zu tragen gewußt, – seine Erscheinung hätte unvorteilhaft abstechen müssen von der feinen Gesellschaft. Sie tat es jedoch um so weniger, als die Gewürfelten frisch aufgebügelt waren, so daß man sie auf den ersten Blick fast für neu hätte halten können, – ein Werk seines Quartiergebers zweifellos, nach beiläufiger Überlegung der jungen Leute. Wenn aber der häßliche Naphta nach der Güte und Weltlichkeit seiner Kleidung den Vettern näher stand als seinem Hausgenossen, so ordneten doch nicht allein seine vorgerückteren Jahre ihn mit diesem gegen die Jünglinge zusammen, sondern entschieden noch etwas anderes, was sich am bequemsten auf die Gesichtsfarbe der beiden Paare zurückführen ließ, nämlich darauf, daß die einen braun und rotgebrannt, die anderen aber bleich waren: Joachims Gesicht war im Laufe des Winters noch bronzefarbener nachgedunkelt, und dasjenige Hans Castorps glühte rosenrot unter seinem blonden Scheitel; aber Herrn Settembrinis welscher Blässe, die gar edel zu seinem schwarzen Schnurrbart stand, hatte die Strahlung nichts anzuhaben vermocht, und sein Genosse, obgleich blonden Haares – es war übrigens aschblond, metallisch-farblos, und er trug es glatt aus der fliehenden Stirn über den ganzen Kopf zurückgestrichen –, zeigte gleichfalls die mattweiße Gesichtshaut brünetter Rassen. Zwei von den vieren trugen Spazierstöcke, nämlich Hans Castorp und Settembrini; denn Joachim ging aus militärischen Gründen ohne einen solchen, und Naphta legte nach erfolgter Vorstellung sogleich wieder die Hände auf dem Rücken zusammen. Sie waren klein und zart, wie auch seine Füße sehr zierlich waren, übrigens seiner Figur entsprechend. Daß er erkältet wirkte und auf eine gewisse schwächliche und unförderliche Art hustete, fiel nicht auf.
Jenen Anflug von Betroffenheit oder Verstimmung beim Gewahrwerden der jungen Leute hatte Settembrini sofort mit Eleganz überwunden. Er zeigte sich in der besten Laune und machte die drei unter Scherzreden bekannt, – zum Beispiel bezeichnete er Naphta als „Princeps scholasticorum“. Die Fröhlichkeit, sagte er, „halte glanzvoll Hof im Saale seiner Brust“, wie Aretino sich ausgedrückt habe, und das sei des Frühlings Verdienst, eines Frühlings, den er sich lobe. Die Herren wüßten, daß er gegen die Welt hier oben manches auf dem Herzen habe, sooft er es sich bereits davon heruntergeredet. Ehre jedoch dem Hochgebirgsfrühling! – vorübergehend vermöge er ihn mit allen Greueln dieser Sphäre zu versöhnen. Da fehle alles Verwirrende und Aufreizende des Frühlings der Ebene. Kein Gebrodel in der Tiefe! Keine feuchten Düfte, kein schwüler Dunst! Sondern Klarheit, Trockenheit, Heiterkeit und herbe Anmut. Es sei nach seinem Herzen, es sei süperb!
Sie gingen in unregelmäßiger Reihe, nebeneinander alle vier, so weit es möglich war, aber bald, wenn Entgegenkommende vorbeigingen, mußte Settembrini, der den rechten Flügel hielt, auf die Fahrstraße treten, bald löste ihre Front durch das Zurückbleiben und Einlenken einzelner Glieder, Naphtas etwa, linkerseits, oder Hans Castorps, der den Platz zwischen dem Humanisten und Vetter Joachim hatte, sich vorübergehend auf. Naphta lachte kurz, mit einer vom Schnupfen sordinierten Stimme, die beim Sprechen an den Klang eines gesprungenen Tellers erinnerte, an den man mit dem Knöchel klopft. Indem er mit dem Kopf seitlich zu dem Italiener hinüberwies, sagte er mit schleppendem Akzent:
„Man höre den Voltairianer, den Rationalisten. Er lobt die Natur, weil sie uns auch bei fertilster Gelegenheit nicht mit mystischen Dämpfen verwirrt, sondern klassische Trockenheit wahrt. Wie hieß doch die Feuchtigkeit auf lateinisch?“
„Der Humor,“ rief Settembrini über die linke Schulter, „der Humor in der Naturbetrachtung unseres Professors besteht darin, daß er, wie die heilige Katharina von Siena, an die Wunden Christi denkt, wenn er rote Primeln sieht.“
Naphta erwiderte:
„Das wäre eher witzig als humoristisch. Aber es hieße immerhin Geist in die Natur tragen. Sie hat es nötig.“
„Die Natur,“ sagte Settembrini mit gesenkter Stimme und nicht mehr völlig über die Schulter hinweg, sondern nur noch an ihr hinunter, „hat Ihren Geist durchaus nicht nötig. Sie ist selber Geist.“
„Sie langweilen sich nicht mit Ihrem Monismus?“
„Ah, Sie geben also zu, daß es Vergnügungssucht ist, wenn Sie die Welt feindlich entzweien, Gott und Natur auseinanderreißen!“
„Es interessiert mich, daß Sie Vergnügungssucht nennen, was ich im Sinne habe, wenn ich Passion und Geist sage.“
„Zu denken, daß Sie, der so große Worte für so frivole Bedürfnisse setzt, mich manchmal einen Redner nennen!“
„Sie bleiben dabei, daß Geist Frivolität bedeutet. Aber er kann nichts dafür, daß er von Hause aus dualistisch ist. Der Dualismus, die Antithese, das ist das bewegende, das leidenschaftliche, das dialektische, das geistreiche Prinzip. Die Welt feindlich gespalten sehen, das ist Geist. Aller Monismus ist langweilig. Solet Aristoteles quaerere pugnam.“
„Aristoteles? Aristoteles hat die Wirklichkeit der allgemeinen Ideen in die Individuen verlegt. Das ist Pantheismus.“
„Falsch. Geben Sie den Individuen substantiellen Charakter, denken Sie das Wesen der Dinge aus dem Allgemeinen fort in die Einzelerscheinung, wie Thomas und Bonaventura es als Aristoteliker taten, so haben Sie die Welt aus jeder Einheit mit der höchsten Idee gelöst, sie ist außergöttlich und Gott transzendent. Das ist klassisches Mittelalter, mein Herr.“
„Klassisches Mittelalter ist eine köstliche Wortverbindung!“
„Ich bitte um Entschuldigung, aber ich lasse den Begriff des Klassischen statthaben, wo er am Platze ist, das heißt, wo immer eine Idee auf ihren Gipfel kommt. Die Antike war nicht immer klassisch. Ich stelle eine Abneigung gegen die ... Freizügigkeit der Kategorien bei Ihnen fest, gegen das Absolute. Sie wollen auch nicht den absoluten Geist. Sie wollen, der Geist, das sei der demokratische Fortschritt.“
„Ich hoffe uns einig in der Überzeugung, daß der Geist, so absolut er sei, niemals den Anwalt der Reaktion wird machen können.“
„Er ist jedoch immer der Anwalt der Freiheit!“
„Jedoch? Freiheit ist das Gesetz der Menschenliebe, nicht Nihilismus und Bosheit.“
„Wovor Sie offenbar Angst haben.“
Settembrini warf den Arm über den Kopf. Das Geplänkel brach ab. Joachim blickte verwundert von einem zum andern, während Hans Castorp mit hochgezogenen Brauen auf seinen Weg niedersah. Naphta hatte scharf und apodiktisch gesprochen, wiewohl er es gewesen war, der die weitere Freiheit verfochten hatte. Besonders seine Art, mit „Falsch!“ zu widersprechen, bei dem „sch“-Laut die Lippen vorzuschieben und dann den Mund zu verkneifen, war unangenehm. Settembrini hatte ihm teils auf heiterere Weise Widerpart gehalten, teils auch eine schöne Wärme in seine Worte gelegt, etwa dort, wo er zur Einigkeit in gewissen Grundgesinnungen gemahnt hatte. Jetzt, während Naphta schwieg, begann er, den Vettern die Existenz des ihnen Fremden zu erläutern, womit er dem Bedürfnis nach Aufklärung entgegenkam, das er nach seinem Wortwechsel mit Naphta bei ihnen voraussetzte. Dieser ließ es geschehen, ohne sich darum zu kümmern. Er sei Professor der alten Sprachen in den obersten Klassen des Fridericianums, erklärte Settembrini, indem er den Stand des Vorzustellenden nach italienischer Art möglichst pomphaft herausstrich. Sein Schicksal sei dem seinen, Settembrinis eigenem, gleich. Durch seinen Gesundheitszustand vor fünf Jahren heraufgeführt, habe er sich überzeugen müssen, daß er des Aufenthaltes für lange Frist bedürftig sei, habe sein Sanatorium verlassen und sich privat-ansässig gemacht, bei Lukaček, dem Damenschneider. Des hervorragenden Latinisten, Zöglings einer Ordensschule, wie er sich etwas unbestimmt ausdrückte, habe sich klugerweise die höhere Lehranstalt des Ortes als eines Dozenten versichert, der ihr zur Zierde gereiche ... Kurz, Settembrini erhob den häßlichen Naphta nicht wenig, obgleich er doch eben noch etwas wie einen abstrakten Streit mit ihm gehabt, und obgleich dieser streitähnliche Wortwechsel sich sogleich fortsetzen sollte.
Settembrini ging nämlich jetzt dazu über, Herrn Naphta Erläuterungen über die Vettern zu geben, wobei sich übrigens zeigte, daß er ihm schon früher von ihnen erzählt hatte. Dies sei also der junge Ingenieur mit den drei Wochen, bei dem Hofrat Behrens eine feuchte Stelle gefunden habe, sagte er, und dies hier jene Hoffnung der preußischen Heeresorganisation, Leutnant Ziemßen. Und er sprach von Joachims Gemütsempörung und Reiseplänen, um hinzuzufügen, daß man dem Ingenieur zweifellos zu nahe treten würde, wenn man ihm nicht dieselbe Ungeduld zuschriebe, zur Arbeit zurückzukehren.
Naphta verzog das Gesicht. Er sagte:
„Die Herren haben da einen beredten Vormund. Ich hüte mich, zu bezweifeln, daß er Ihre Gedanken und Wünsche zutreffend verdolmetscht. Arbeit, Arbeit –, ich bitte, gleich wird er mich einen Feind der Menschheit schelten, einen inimicus humanae naturae, wenn ich es wage, an Zeiten zu erinnern, wo er mit dieser Fanfare den gewohnten Effekt durchaus nicht erzielt hätte, nämlich an Zeiten, wo das Gegenteil seines Ideals in unvergleichlich höheren Ehren stand. Bernhard von Clairvaux etwa lehrte eine andere Stufenfolge der Vollkommenheit, als Herr Lodovico sie sich je hat träumen lassen. Wollen Sie wissen, welche? Sein unterster Stand befindet sich in der ‚Mühle‘, der zweite auf dem ‚Acker‘, der dritte und lobenswerteste aber – hören Sie nicht zu, Settembrini –, ‚auf dem Ruhebett‘. Die Mühle, das ist das Sinnbild des Weltlebens, – nicht schlecht gewählt. Der Acker bedeutet die Seele des weltlichen Menschen, darauf der Prediger und geistliche Lehrer wirkt. Diese Stufe ist schon würdiger. Auf dem Bette aber –“
„Genug! Wir wissen!“ rief Settembrini. „Meine Herren, jetzt wird er Ihnen Zweck und Gebrauch des Lotterbettes vor Augen führen!“
„Ich wußte nicht, daß Sie prüde sind, Lodovico. Wenn man Sie den Mädchen zuzwinkern sieht ... Wo bleibt die heidnische Unbefangenheit? Das Bett also ist der Ort der Beiwohnung des Minnenden mit dem Gemeinten und als Symbolum die beschauliche Abgeschiedenheit von Welt und Kreatur zum Zwecke der Beiwohnung mit Gott.“
„Puh! Andate, andate!“ wehrte der Italiener fast weinend ab. Man lachte. Dann aber fuhr Settembrini mit Würde fort:
„Ah, nein, ich bin Europäer, Okzidentale. Ihre Rangordnung da ist reiner Orient. Der Osten verabscheut die Tätigkeit. Lao-Tse lehrte, daß Nichtstun förderlicher sei, als jedes Ding zwischen Himmel und Erde. Wenn alle Menschen aufgehört haben würden, zu tun, werde vollkommene Ruhe und Glückseligkeit auf Erden herrschen. Da haben Sie Ihre Beiwohnung.“
„Was Sie nicht sagen. Und die abendländische Mystik? Und der Quietismus, der Fénelon zu den Seinen zählen darf, und der lehrte, daß jedes Handeln fehlerhaft sei, da tätig sein zu wollen, Gott beleidigen heiße, der allein handeln wolle? Ich zitiere die Propositionen von Molinos. Es scheint doch, daß die geistige Möglichkeit, das Heil in der Ruhe zu finden, allgemeine menschliche Verbreitung besitzt.“
Hier griff Hans Castorp ein. Mit dem Mut der Einfalt mischte er sich ins Gespräch und äußerte ins Leere blickend:
„Beschaulichkeit, Abgeschiedenheit. Es hat was für sich, es läßt sich hören. Wir leben ja ziemlich hochgradig abgeschieden, wir hier oben, das kann man sagen. Fünftausend Fuß hoch liegen wir auf unseren Stühlen, die auffallend bequem sind, und sehen auf Welt und Kreatur hinunter und machen uns unsere Gedanken. Wenn ich mir’s überlege und soll die Wahrheit sagen, so hat das Bett, ich meine damit den Liegestuhl, verstehen Sie wohl, mich in zehn Monaten mehr gefördert und mich auf mehr Gedanken gebracht, als die Mühle im Flachlande all die Jahre her, das ist nicht zu leugnen.“
Settembrini sah ihn mit traurig schimmernden schwarzen Augen an. „Ingenieur,“ sagte er gepreßt, „Ingenieur!“ Und er nahm Hans Castorp am Arm und hielt ihn ein wenig zurück, gleichsam um hinter dem Rücken der anderen privatim auf ihn einzureden.
„Wie oft habe ich Ihnen gesagt, daß man wissen sollte, was man ist, und denken, wie es einem zukommt! Sache des Abendländers, trotz aller Propositionen, ist die Vernunft, die Analyse, die Tat und der Fortschritt, – nicht das Faulbett des Mönches!“
Naphta hatte zugehört. Er sprach nach hinten:
„Des Mönchs! Man dankt den Mönchen die Kultur des europäischen Bodens! Man dankt ihnen, daß Deutschland, Frankreich und Italien nicht mit Wildwald und Ursümpfen bedeckt sind, sondern uns Korn, Obst und Wein bescheren! Die Mönche, mein Herr, haben sehr wohl gearbeitet ...“
„Ebbè, nun also!“
„Ich bitte. Die Arbeit des Religiösen war weder Selbstzweck, das heißt: Betäubungsmittel, noch lag ihr Sinn darin, die Welt zu fördern oder geschäftliche Vorteile zu erlangen. Sie war reine asketische Übung, Bestandteil der Bußdisziplin, Heilsmittel. Sie gewährte Schutz gegen das Fleisch, diente der Abtötung der Sinnlichkeit. Sie trug also – erlauben Sie mir, das festzustellen – völlig unsozialen Charakter. Sie war ungetrübtester religiöser Egoismus.“
„Ich bin Ihnen für die Aufklärung sehr verbunden und freue mich, den Segen der Arbeit auch gegen den Willen des Menschen sich bewähren zu sehen.“
„Ja, gegen seine Absicht. Wir bemerken da nichts Geringeres, als den Unterschied zwischen dem Nützlichen und dem Humanen.“
„Ich bemerke vor allem mit Unmut, daß Sie schon wieder Weltentzweiung treiben.“
„Ich bedauere, mir Ihr Mißfallen zugezogen zu haben, aber man muß die Dinge scheiden und ordnen und die Idee des Homo Dei von unreinen Bestandteilen freihalten. Ihr Italiener habt das Wechslergeschäft und die Banken erfunden; das verzeih’ euch Gott. Aber die Engländer erfanden die ökonomistische Gesellschaftslehre, und das wird der Genius des Menschen ihnen niemals verzeihen.“
„Ah, der Genius der Menschheit war auch in den großen ökonomischen Denkern jener Inseln lebendig! – Sie wollten sprechen, Ingenieur?“
Das leugnete Hans Castorp, sagte aber dennoch – und Naphta sowohl wie Settembrini hörten ihm mit einer gewissen Spannung zu:
„An dem Beruf meines Vetters müssen Sie demnach Gefallen haben, Herr Naphta, und einverstanden sein mit seiner Ungeduld, ihn zu ergreifen ... Ich bin ja Zivilist durch und durch, mein Vetter macht es mir öfters zum Vorwurf. Ich habe nicht mal gedient und bin ganz ausgesprochen ein Kind des Friedens und habe sogar schon manchmal gedacht, daß ich sehr gut auch Geistlicher hätte werden können, – fragen Sie meinen Vetter, ich habe verschiedentlich sowas geäußert. Aber wenn ich von meinen persönlichen Neigungen mal absehe – und vielleicht brauch’ ich, genau genommen, gar nicht so ganz davon abzusehen –, so habe ich eine Menge Verständnis und Neigung für den militärischen Stand. Es hat ja eine verteufelt ernsthafte Bewandtnis damit, eine ‚asketische‘, wenn Sie wollen – Sie waren vorhin so freundlich, den Ausdruck irgendwie zu gebrauchen –, und immer muß er damit rechnen, es mit dem Tode zu tun zu bekommen, – mit dem ja letzten Endes auch der geistliche Stand es zu tun hat, – womit denn sonst. Daher hat der Soldatenstand die bienséance und die Rangordnung und den Gehorsam und die spanische Ehre, wenn ich so sagen darf, und es ist ziemlich gleich, ob einer einen steifen Uniformkragen trägt oder eine gestärkte Halskrause, es kommt auf dasselbe hinaus, auf das ‚Asketische‘, wie Sie vorhin so hervorragend sich ausdrückten ... Ich weiß nicht, ob es mir gelingt, Ihnen meinen Gedankengang ...“
„Doch, doch“, sagte Naphta und warf einen Blick zu Settembrini hinüber, der seinen Stock drehte und den Himmel betrachtete.
„Und darum meine ich,“ fuhr Hans Castorp fort, „daß die Neigungen meines Vetters Ziemßen Ihnen sympathisch sein müßten, nach allem, was Sie sagen. Ich denke da nicht an ‚Thron und Altar‘ und solche Verbindungen, womit manche Leute, so schlechthin ordnungsliebende und einfach bloß wohlgesinnte Leute, die Zusammengehörigkeit manchmal rechtfertigen. Sondern ich denke daran, daß die Arbeit des Soldatenstandes, das heißt der Dienst – in diesem Falle spricht man von Dienst – absolut nicht um geschäftlicher Vorteile willen geschieht und zur ‚ökonomischen Gesellschaftslehre‘, wie Sie sagten, gar keine Beziehungen hat, weshalb denn auch die Engländer nur wenig Soldaten haben, ein paar für Indien und ein paar zu Hause für die Parade ...“
„Es ist zwecklos, daß Sie fortfahren, Ingenieur“, unterbrach ihn Settembrini. „Die soldatische Existenz – ich sage das, ohne unserm Leutnant zu nahe treten zu wollen – ist geistig indiskutabel, denn sie ist rein formal, an und für sich ohne Inhalt, der Grundtypus des Soldaten ist der Landsknecht, der sich für diese oder auch jene Sache anwerben ließ, – kurzum, es gab den Soldaten der spanischen Gegenreformation, den Soldaten der Revolutionsheere, den napoleonischen, den Garibaldis, es gibt den preußischen. Lassen Sie mich über den Soldaten reden, wenn ich weiß, wofür er sich schlägt!“
„Daß er sich schlägt,“ versetzte Naphta, „bleibt immerhin eine greifbare Eigentümlichkeit seines Standes, lassen wir das gut sein. Es ist möglich, daß sie nicht hinreicht, diesen Stand in Ihrem Sinne ‚geistig diskutabel‘ zu machen, aber sie rückt ihn in eine Sphäre, worein bürgerlicher Lebensbejahung jeder Einblick verwehrt ist.“
„Was Sie bürgerliche Lebensbejahung zu nennen belieben,“ entgegnete Herr Settembrini mit dem vorderen Teil der Lippen, während seine Mundwinkel unter dem geschwungenen Schnurrbart sich straff in die Breite zogen und sein Hals sich auf ganz eigentümliche Art schräg und ruckweise aus dem Kragen herausschraubte, „wird immer bereit gefunden werden, für die Ideen der Vernunft und der Sittlichkeit und für ihren rechtmäßigen Einfluß auf junge schwankende Seelen in jeder beliebigen Form einzutreten.“
Ein Schweigen folgte. Die jungen Leute blickten betroffen vor sich hin. Nach einigen Schritten sagte Settembrini, der Kopf und Hals wieder in natürliche Stellung gebracht hatte:
„Sie dürfen sich nicht wundern, dieser Herr und ich, wir zanken uns oft, aber es geschieht in aller Freundschaft und auf Grund manchen Einverständnisses.“
Das tat wohl. Es war ritterlich und human von Herrn Settembrini. Aber Joachim, der es ebenfalls gut meinte und das Gespräch harmlos fortzuführen gedachte, sagte trotzdem, als stünde er unter irgendeinem Druck und Zwang, und gleichsam gegen seinen Willen:
„Zufällig sprachen wir vom Kriege, mein Vetter und ich, vorhin, als wir hinter Ihnen gingen.“
„Das hörte ich“, antwortete Naphta. „Ich fing das Wort auf und sah mich um. Politisierten Sie? Erörterten Sie die Weltlage?“
„Oh, nein“, lachte Hans Castorp. „Wie sollten wir dazu wohl kommen! Für meinen Vetter hier wäre es von Berufs wegen geradezu unpassend, sich um Politik zu kümmern, und ich verzichte freiwillig darauf, verstehe garnichts davon. Seit ich hier bin, habe ich noch nicht einmal eine Zeitung in der Hand gehabt ...“
Settembrini fand das, wie früher schon einmal, tadelnswert. Er zeigte sich sofort aufs beste unterrichtet über die großen Verhältnisse und beurteilte sie beifällig insofern, als die Dinge einen der Zivilisation günstigen Verlauf nähmen. Die europäische Gesamtatmosphäre sei von Friedensgedanken, von Abrüstungsplänen erfüllt. Die demokratische Idee marschiere. Er erklärte, vertrauliche Informationen zu besitzen, dahingehend, das Jungtürkentum beende soeben seine Vorbereitungen zu grundstürzenden Unternehmungen. Die Türkei als National- und Verfassungsstaat, – welch ein Triumph der Menschlichkeit!
„Liberalisierung des Islam“, spottete Naphta. „Vorzüglich. Der aufgeklärte Fanatismus, – sehr gut. Übrigens geht das Sie an“, wandte er sich an Joachim. „Wenn Abdul Hamid fällt, ist es mit Ihrem Einfluß in der Türkei zu Ende, und England wirft sich zum Protektor auf ... Sie müssen die Verbindungen und Informationen unseres Settembrini durchaus ernst nehmen“, sagte er zu beiden Vettern, und auch dies klang impertinent, da er sie für geneigt zu halten schien, Herrn Settembrini nicht ernst zu nehmen. „In national-revolutionären Dingen weiß er Bescheid. Bei ihm zu Hause unterhält man gute Beziehungen zum englischen Balkankomitee. Was wird aber aus den Abmachungen von Reval, Lodovico, wenn Ihre Fortschrittstürken Glück haben? Eduard der Siebente wird den Russen die Öffnung der Dardanellen nicht mehr zugestehen können, und wenn Österreich sich trotzdem zu einer aktiven Balkanpolitik aufrafft, so ...“
„Mit Ihrer Katastrophenprophetie!“ wehrte Settembrini ab. „Nikolaus liebt den Frieden. Man verdankt ihm die Konferenzen im Haag, die moralische Tatsachen ersten Ranges bleiben.“
„Ei, Rußland mußte sich nach seinem kleinen Mißgeschick im Osten noch etwas Erholung gönnen!“
„Pfui, mein Herr. Sie sollten die Sehnsucht der Menschheit nach ihrer gesellschaftlichen Vervollkommnung nicht verhöhnen. Das Volk, das solche Bestrebungen durchkreuzt, wird sich unzweifelhaft der moralischen Ächtung aussetzen.“
„Wozu wäre die Politik auch da, als einander Gelegenheit zu geben, sich moralisch zu kompromittieren!“
„Sie huldigen dem Pangermanismus?“
Naphta zuckte die Schultern, die nicht ganz gleichmäßig standen. Er war wohl eigentlich etwas schief, zu seiner sonstigen Häßlichkeit. Er verschmähte es, zu antworten. Settembrini urteilte:
„Jedenfalls ist es zynisch, was Sie da sagen. In den hochherzigen Anstrengungen der Demokratie, sich international durchzusetzen, wollen Sie nichts erblicken, als politische List ...“
„Sie verlangen wohl, daß ich Idealismus oder gar Religiosität darin erblicke? Es handelt sich um letzte, schwächliche Regungen des Restes von Selbsterhaltungsinstinkt, über den ein verurteiltes Weltsystem noch verfügt. Die Katastrophe soll und muß kommen, sie kommt auf allen Wegen und auf alle Weise. Nehmen Sie die britische Staatskunst. Englands Bedürfnis, das indische Glacis zu sichern, ist legitim. Aber die Folgen? Eduard weiß so gut wie Sie und ich, daß die Machthaber von Petersburg die mandschurische Scharte auswetzen müssen und die Ableitung der Revolution so notwendig brauchen wie das liebe Brot. Trotzdem lenkt er – er muß es wohl! – den russischen Ausdehnungsdrang nach Europa, weckt eingeschlummerte Rivalitäten zwischen Petersburg und Wien –“
„Ach, Wien! Sie sorgen sich um dieses Welthindernis, vermutlich, weil Sie in dem morschen Imperium, dessen Haupt es ist, die Mumie des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation erkennen!“
„Und Sie finde ich russophil, vermutlich aus humanistischer Sympathie mit dem Cäsaro-Papismus.“
„Mein Herr, die Demokratie hat selbst vom Kreml mehr zu hoffen, als von der Hofburg, und es ist eine Schande für das Land Luthers und Gutenbergs –“
„Es ist außerdem wahrscheinlich eine Dummheit. Aber auch diese Dummheit ist ein Werkzeug der Fatalität –“
„Ach, gehen Sie mir mit der Fatalität! Die menschliche Vernunft braucht sich nur stärker zu wollen als die Fatalität, und sie ist es!“
„Gewollt wird immer nur das Schicksal. Das kapitalistische Europa will das seine.“
„Man glaubt an das Kommen des Krieges, wenn man ihn nicht hinlänglich verabscheut!“
„Ihr Abscheu ist logisch abrupt, solange Sie ihn nicht beim Staate selbst beginnen lassen.“
„Der nationale Staat ist das Prinzip des Diesseits, das Sie dem Teufel zuschreiben möchten. Machen Sie aber die Nationen frei und gleich, schützen Sie die kleinen und schwachen vor Unterdrückung, schaffen Sie Gerechtigkeit, schaffen Sie nationale Grenzen ...“
„Die Brennergrenze, ich weiß. Die Liquidation Österreichs. Wenn ich nur wüßte, wie Sie sie ohne Krieg zu bewerkstelligen gedenken!“
„Und ich wüßte wahrhaftig gern, wann jemals ich den nationalen Krieg verdammt haben soll.“
„Ich höre doch wohl –“
„Nein, das muß ich Herrn Settembrini bestätigen“, mischte sich Hans Castorp in den Disput, dem er im Gehen gefolgt war, indem er den jeweils Sprechenden mit schrägem Kopfe aufmerksam von der Seite betrachtet hatte. „Mein Vetter und ich haben ja schon manchmal den Vorzug gehabt, uns mit ihm über diese und ähnliche Dinge zu unterhalten, das heißt, natürlich lief es darauf hinaus, daß wir ihm zuhörten, wie er seine Meinungen entwickelte und alles klarstellte. Und da kann ich denn bestätigen, und auch mein Vetter hier wird sich daran erinnern, daß Herr Settembrini mehr als einmal mit großer Begeisterung von dem Prinzip der Bewegung und der Rebellion und der Weltverbesserung sprach, das ja an sich kein so ganz friedliches Prinzip ist, sollte ich meinen, und daß diesem Prinzip noch große Anstrengungen bevorständen, ehe es überall gesiegt haben werde und die allgemeine glückliche Weltrepublik stattfinden könne. Das waren seine Worte, wenn sie auch natürlich viel plastischer und schriftstellerischer waren als meine, das versteht sich von selbst. Was ich aber ganz genau weiß und wörtlich behalten habe, weil ich als ausgepichter Zivilist direkt etwas darüber erschrak, das war, daß er sagte, dieser Tag werde, wenn nicht auf Taubenfüßen, so auf Adlerschwingen kommen (über die Adlerschwingen erschrak ich, wie ich mich erinnere), und Wien müsse aufs Haupt geschlagen sein, wenn man das Glück in die Wege leiten wolle. Man kann also nicht sagen, daß Herr Settembrini den Krieg überhaupt verworfen hat. Habe ich recht, Herr Settembrini?“
„Ungefähr“, sagte der Italiener kurz, indem er abgewandten Kopfes seinen Stock schwenkte.
„Schlimm“, lächelte Naphta häßlich. „Da sind Sie von Ihrem eigenen Schüler kriegerischer Neigungen überführt. Assument pennas ut aquilae ...“
„Voltaire selbst hat den Zivilisationskrieg bejaht und Friedrich dem Zweiten den Krieg gegen die Türken empfohlen.“
„Statt dessen verbündete er sich mit ihnen, he, he. Und dann die Weltrepublik! Ich unterlasse es, mich zu erkundigen, was aus dem Prinzip der Bewegung und der Rebellion wird, wenn das Glück und die Vereinigung hergestellt sind. In diesem Augenblick würde die Rebellion zum Verbrechen ...“
„Sie wissen sehr wohl, und auch diese jungen Herren wissen es, daß es sich um einen als unendlich gedachten Fortschritt der Menschheit handelt.“
„Alle Bewegung ist aber kreisförmig“, sagte Hans Castorp. „Im Raume und in der Zeit, das lehren die Gesetze von der Erhaltung der Masse und von der Periodizität. Mein Vetter und ich sprachen vorhin noch davon. Kann denn bei geschlossener Bewegung ohne Richtungsdauer von Fortschritt die Rede sein? Wenn ich abends so liege und den Zodiakus betrachte, das heißt: die Hälfte, die zu sehen ist, und an die alten weisen Völker denke ...“
„Sie sollten nicht grübeln und träumen, Ingenieur,“ unterbrach ihn Settembrini, „sondern sich entschlossen den Instinkten Ihrer Jahre und Ihrer Rasse anvertrauen, die Sie zur Tätigkeit drängen müssen. Auch Ihre naturwissenschaftliche Bildung muß Sie der Fortschrittsidee verbinden. Sie sehen in ungemessenen Zeiträumen das Leben vom Infusor zum Menschen sich fort- und emporentwickeln, Sie können nicht zweifeln, daß dem Menschen noch unendliche Vervollkommnungsmöglichkeiten offen stehen. Versteifen Sie sich denn aber auf die Mathematik, so führen Sie Ihren Kreislauf von Vollkommenheit zu Vollkommenheit und erquicken Sie sich an der Lehre unseres achtzehnten Jahrhunderts, daß der Mensch ursprünglich gut, glücklich und vollkommen war, daß nur die gesellschaftlichen Irrtümer ihn entstellt und verdorben haben, und daß er auf dem Wege kritischer Arbeit am Gesellschaftsbau wieder gut, glücklich und vollkommen werden soll, werden wird –“
„Herr Settembrini versäumt, hinzuzufügen,“ fiel Naphta ein, „daß das Rousseausche Idyll eine vernünftlerische Verballhornung der kirchlichen Doktrin von der ehemaligen Staat- und Sündlosigkeit des Menschen ist, seiner ursprünglichen Gottesunmittelbarkeit und Gotteskindschaft, zu der er zurückkehren soll. Die Wiederherstellung des Gottesstaates nach Auflösung aller irdischen Formen liegt aber dort, wo Erde und Himmel, Sinnliches und Übersinnliches sich berühren, das Heil ist transzendent, und was Ihre kapitalistische Weltrepublik anbelangt, lieber Doktor, so ist es recht sonderbar, Sie in diesem Zusammenhang vom „Instinkt“ reden zu hören. Das Instinktive ist durchaus auf seiten des Nationalen, und Gott selbst hat den Menschen den natürlichen Instinkt eingepflanzt, der die Völker veranlaßt hat, sich in verschiedenen Staaten voneinander zu sondern. Der Krieg ...“
„Der Krieg,“ rief Settembrini, „selbst der Krieg, mein Herr, hat schon dem Fortschritt dienen müssen, wie Sie mir einräumen werden, wenn Sie sich gewisser Ereignisse aus Ihrer Lieblingsepoche, ich meine: wenn Sie sich der Kreuzzüge erinnern! Diese Zivilisationskriege haben die Beziehungen der Völker im wirtschaftlichen und handelspolitischen Verkehr aufs glücklichste begünstigt und die abendländische Menschheit im Zeichen einer Idee vereinigt.“
„Sie sind sehr duldsam gegen die Idee. Desto höflicher will ich Sie dahin berichtigen, daß die Kreuzzüge nebst der Verkehrsbelebung, die sie zeitigten, nichts weniger als international ausgleichend gewirkt haben, sondern im Gegenteil die Völker lehrten, sich voneinander zu unterscheiden und die Ausbildung der nationalen Staatsidee kräftig förderten.“
„Sehr zutreffend, soweit das Verhältnis der Völker zur Klerisei in Frage kommt. Ja! damals begann das Gefühl staatlich nationaler Ehre sich gegen hierarchische Anmaßung zu festigen ...“
„Und dabei ist, was Sie hierarchische Anmaßung nennen, nichts als die Idee menschlicher Vereinigung im Zeichen des Geistes!“
„Man kennt diesen Geist, und man bedankt sich.“
„Es ist klar, daß Ihre nationale Manie den weltüberwindenden Kosmopolitismus der Kirche verabscheut. Wenn ich nur wüßte, wie Sie den Abscheu vor dem Kriege damit zu vereinigen gedenken. Ihr antikisierender Staatskult muß Sie zum Verfechter positiver Rechtsauffassung machen, und als solcher ...“
„Sind wir beim Recht? Im Völkerrecht, mein Herr, bleibt der Gedanke des Naturrechtes und allmenschlicher Vernunft lebendig ...“
„Pah, Ihr Völkerrecht ist abermals nichts als eine Rousseausche Verballhornung des ius divinum, das weder mit Natur noch Vernunft etwas zu schaffen hat, sondern auf Offenbarung beruht ...“
„Streiten wir uns nicht um Namen, Professor! Nennen Sie ungehindert ius divinum, was ich als Natur- und Völkerrecht verehre. Die Hauptsache ist, daß über den positiven Rechten der Nationalstaaten ein höher-gültiges, allgemeines sich erhebt und die Schlichtung strittiger Interessenfragen durch Schiedsgerichte ermöglicht.“
„Durch Schiedsgerichte! Wenn ich das Wort höre! Durch ein bürgerliches Schiedsgericht, das über Fragen des Lebens entscheidet, Gottes Willen ermittelt und die Geschichte bestimmt! Gut, soviel von den Taubenfüßen. Und wo bleiben die Adlersschwingen?“
„Die bürgerliche Gesittung –“
„Ei, die bürgerliche Gesittung weiß nicht, was sie will! Da schreien sie nach Bekämpfung des Geburtenrückganges, fordern, daß die Kosten der Kinderaufzucht und der Berufsvorbereitung verbilligt werden. Und dabei erstickt man im Gedränge, und alle Berufe sind so überfüllt, daß der Kampf um den Eßnapf an Schrecken alle Kriege der Vergangenheit in den Schatten stellt. Freie Plätze und Gartenstädte! Ertüchtigung der Rasse! Aber wozu Ertüchtigung, wenn die Zivilisation und der Fortschritt wollen, daß kein Krieg mehr sei? Der Krieg wäre das Mittel gegen alles und für alles. Für die Ertüchtigung und sogar gegen den Geburtenrückgang.“
„Sie scherzen. Das ist nicht mehr ernst. Unser Gespräch löst sich auf und tut es im rechten Augenblick. Wir sind zur Stelle“, sagte Settembrini und zeigte den Vettern das Häuschen, vor dessen Zaunpforte sie hielten, mit dem Stock. Es lag nahe dem Eingang von „Dorf“ an der Straße, von der nur ein schmales Vorgärtchen es trennte, und war bescheiden. Wilder Wein schwang sich aus bloßliegenden Wurzeln um die Haustür und streckte einen gebogenen, an die Mauer geschmiegten Arm gegen das ebenerdige Fenster zur Rechten hin, das Schaufenster eines kleinen Kramladens. Das Erdgeschoß sei des Krämers, erklärte Settembrini. Naphtas Logis befinde sich eine Treppe hoch in der Schneiderei, und er selbst domiziliere im Dach. Es sei ein friedlicher Studio.
Mit überraschend hervorgekehrter Liebenswürdigkeit gab Naphta der Hoffnung Ausdruck, daß weitere Begegnungen aus dieser folgen möchten. „Besuchen Sie uns“, sagte er. „Ich würde sagen: Besuchen Sie mich, wenn Dr. Settembrini hier nicht ältere Rechte auf Ihre Freundschaft hätte. Kommen Sie, wann Sie wollen, sobald Sie Lust zu einem kleinen Kolloquium haben. Ich schätze den Austausch mit der Jugend, bin auch vielleicht nicht ohne alle pädagogische Überlieferung ... Wenn unser Meister vom Stuhl“ (er deutete auf Settembrini) „alle pädagogische Aufgelegtheit und Berufung dem bürgerlichen Humanismus vorbehalten will, so muß man ihm widersprechen. Auf bald also!“
Settembrini machte Schwierigkeiten. Es bestünden solche, sagte er. Die Tage des Leutnants hier oben seien gezählt, und der Ingenieur werde seinen Eifer im Kurdienst verdoppeln wollen, um ihm sehr bald in die Ebene nachfolgen zu können.
Die jungen Leute stimmten beiden zu, dem einen nach dem andern. Sie hatten Naphtas Einladung mit Verbeugungen aufgenommen und erkannten im nächsten Augenblick die Bedenken Settembrinis mit Kopf und Schultern als berechtigt an. So blieb alles offen.
„Wie hat er ihn genannt?“ fragte Joachim, als sie die Wegschleife zum „Berghof“ emporstiegen ...
„Ich habe ‚Meister vom Stuhl‘ verstanden,“ sagte Hans Castorp, „und denke auch eben darüber nach. Es ist wohl irgend so ein Witz; sie haben ja sonderbare Namen füreinander. Settembrini nannte Naphta ‚princeps scholasticorum‘, – auch nicht übel. Die Scholastiker, das waren ja wohl die Schriftgelehrten des Mittelalters, dogmatische Philosophen, wenn du willst. Hm. Vom Mittelalter war ja denn auch verschiedentlich die Rede, – wobei mir einfiel, wie Settembrini gleich am ersten Tage sagte, es mute manches mittelalterlich an bei uns hier oben: wir kamen darauf durch Adriatica von Mylendonk, durch den Namen. – Wie hat er dir gefallen?“
„Der Kleine? Nicht gut. Er sagte manches, was mir gefiel. Schiedsgerichte sind natürlich eine Duckmäuserei. Aber er selbst hat mir wenig gefallen, und da kann einer noch so viel Gutes sagen, was habe ich davon, wenn er selbst ein zweifelhafter Kerl ist. Und zweifelhaft ist er, das kannst du nicht leugnen. Allein schon die Geschichte mit dem ‚Orte der Beiwohnung‘ war entschieden bedenklich. Und dabei hat er ja eine Judennase, sieh ihn dir doch an! So miekrig von Figur sind auch immer nur die Semiten. Hast du denn ernstlich vor, den Mann zu besuchen?“
„Selbstverständlich werden wir ihn besuchen!“ erklärte Hans Castorp. „Die Miekrigkeit, – das ist nur das Militär, das da aus dir spricht. Aber die Chaldäer hatten auch solche Nasen und waren doch höllisch auf dem Posten, nicht bloß in den Geheimwissenschaften. Naphta hat auch was von Geheimwissenschaft, er interessiert mich nicht wenig. Ich will auch nicht behaupten, daß ich heute schon klug aus ihm geworden bin, aber wenn wir öfter mit ihm zusammenkommen, so werden wir es vielleicht, und ich halte es gar nicht für ausgeschlossen, daß wir überhaupt klüger werden bei dieser Gelegenheit.“
„Ach, Mensch, du wirst ja immer klüger hier oben, mit deiner Biologie und Botanik und deinen unhaltbaren Wendepunkten. Und mit der ‚Zeit‘ hattest du es gleich am ersten Tage zu tun. Und dabei sind wir doch hier, um gesünder, und nicht um gescheuter zu werden, – gesünder und ganz gesund, damit sie uns endlich in Freiheit setzen und als geheilt ins Flachland entlassen können!“
„Auf den Bergen wohnt die Freiheit!“ sang Hans Castorp leichtsinnig. „Sage mir erst mal, was Freiheit ist“, fuhr er sprechend fort. „Naphta und Settembrini stritten vorhin ja auch darüber und kamen zu keiner Einigung. ‚Freiheit ist das Gesetz der Menschenliebe!‘ sagt Settembrini, und das klingt nach seinem Vorfahren, dem Carbonaro. Aber so tapfer der Carbonaro war, und so tapfer unser Settembrini selber ist, ...“
„Ja, er wurde ungemütlich, als auf persönlichen Mut die Rede kam.“
„... so glaube ich doch, daß er vor manchem Angst hat, wovor der kleine Naphta nicht Angst hat, verstehst du, und daß seine Freiheit und Tapferkeit ziemlich ete-pe-tete sind. Meinst du, daß er Mut genug hätte, de se perdre ou même de se laisser dépérir?“
„Was fängst du an, französisch zu sprechen?“
„Nur so ... Die Atmosphäre hier ist ja so international. Ich weiß nicht, wer mehr Gefallen daran finden müßte: Settembrini, von wegen der bürgerlichen Weltrepublik, oder Naphta mit seinem hierarchischen Kosmopolis. Ich habe scharf aufgepaßt, wie du siehst, aber klar ist die Sache mir nicht geworden, ich fand im Gegenteil, die Konfusion war groß, die herauskam bei ihren Reden.“
„Das ist immer so. Das wirst du immer so finden, daß bloß Konfusion herauskommt beim Reden und Meinungen haben. Ich sage dir ja, es kommt überhaupt nicht drauf an, was für Meinungen einer hat, sondern darauf, ob einer ein rechter Kerl ist. Am besten ist, man hat gleich gar keine Meinung, sondern tut seinen Dienst.“
„Ja, so kannst du sagen, als Landsknecht und rein formale Existenz, die du bist. Bei mir ist es was andres, ich bin Zivilist, ich bin gewissermaßen verantwortlich. Und mich regt es auf, solche Konfusion zu sehen, wie daß der eine die internationale Weltrepublik predigt und den Krieg grundsätzlich verabscheut, dabei aber so patriotisch ist, daß er partout die Brennergrenze verlangt und dafür einen Zivilisationskrieg führen will, – und daß der andere den Staat für Teufelswerk hält und von der allgemeinen Vereinigung am Horizonte flötet, aber im nächsten Augenblick das Recht des natürlichen Instinktes verteidigt und sich über Friedenskonferenzen lustig macht. Unbedingt müssen wir hingehen, um klug daraus zu werden. Du sagst zwar, wir sollen hier nicht klüger werden, sondern gesünder. Aber das muß sich vereinigen lassen, Mann, und wenn du das nicht glaubst, dann treibst du Weltentzweiung, und so was zu treiben, ist immer ein großer Fehler, will ich dir mal bemerken.“
Vom Gottesstaat und von übler Erlösung
Hans Castorp bestimmte in seiner Loge ein Pflanzengewächs, das jetzt, da der astronomische Sommer begonnen hatte und die Tage kürzer zu werden begannen, an vielen Stellen wucherte: die Akelei oder Aquilegia, eine Ranunkulazeenart, die staudenartig wuchs, hochgestielt, mit blauen und veilchenfarbnen, auch rotbraunen Blüten und krautartigen Blättern von geräumiger Fläche. Die Pflanze wuchs da und dort, massenweis aber namentlich in dem stillen Grunde, wo er sie vor nun bald einem Jahre zuerst gesehen: der abgeschiedenen, wildwasserdurchrauschten Waldschlucht mit Steg und Ruhebank, wo sein voreilig-freizügiger und unbekömmlicher Spaziergang von damals geendigt hatte, und die er nun manchmal wieder besuchte.
Es war, wenn man es weniger unternehmend anfing, als er damals getan, nicht gar so weit dorthin. Stieg man vom Ziel der Schlittlrennen in „Dorf“ ein wenig die Lehne hinan, so war der malerische Ort auf dem Waldwege, dessen Holzbrücken die von der Schatzalp kommende Bobbahn überkreuzten, ohne Umwege, Operngesang und Erschöpfungspausen in zwanzig Minuten zu erreichen, und wenn Joachim durch dienstliche Pflichten, durch Untersuchung, Innenphotographie, Blutprobe, Injektion oder Gewichtsfeststellung ans Haus gefesselt war, so wanderte Hans Castorp wohl bei heiterer Witterung nach dem zweiten Frühstück, zuweilen auch schon nach dem ersten dorthin, und auch die Stunden zwischen Tee und Abendessen benutzte er wohl zu einem Besuch seines Lieblingsortes, um auf der Bank zu sitzen, wo ihn einst das mächtige Nasenbluten überkommen, dem Geräusche des Gießbachs mit schrägem Kopfe zu lauschen und das geschlossene Landschaftsbild um sich her zu betrachten, sowie die Menge von blauer Akelei, die nun wieder in ihrem Grunde blühte.
Kam er nur dazu? Nein, er saß dort, um allein zu sein, um sich zu erinnern, die Eindrücke und Abenteuer so vieler Monate zu überschlagen und alles zu bedenken. Es waren ihrer viele und mannigfaltige, – nicht leicht zu ordnen dabei, denn sie erschienen ihm vielfach verschränkt und ineinanderfließend, so daß das Handgreifliche kaum vom bloß Gedachten, Geträumten und Vorgestellten zu sondern war. Nur abenteuerlichen Wesens waren sie alle, in dem Grade, daß sein Herz, beweglich, wie es hier oben vom ersten Tage an gewesen und geblieben war, stockte und hämmerte, wenn er ihrer gedachte. Oder genügte bereits die Vernunftüberlegung, daß die Aquilegia hier, wo ihm einst in einem Zustand herabgesetzter Lebenstätigkeit Pribislav Hippe leibhaftig erschienen war, nicht immer noch, sondern schon wieder blühte, und daß aus den „drei Wochen“ demallernächst ein rundes Jahr geworden sein würde, um sein bewegliches Herz so abenteuerlich zu erschrecken?
Übrigens bekam er kein Nasenbluten mehr auf seiner Bank am Wildwasser, das war vorbei. Seine Akklimatisation, die Joachim ihm sogleich als schwierig hingestellt und die ihre Schwierigkeit denn auch bewährt hatte, war vorgeschritten, sie mußte nach elf Monaten als vollendet gelten, und Weitergehendes in dieser Richtung war kaum zu gewärtigen. Der Chemismus seines Magens hatte sich geregelt und angepaßt, Maria Mancini schmeckte, die Nerven seiner ausgetrockneten Schleimhäute kosteten längst wieder empfänglich die Blume dieses preiswerten Fabrikats, das er sich nach wie vor, wenn der Vorrat zur Neige ging, mit einer Art von Pietätsgefühl aus Bremen verschrieb, obgleich sehr einladende Ware sich in den Schaufenstern des internationalen Kurortes empfahl. Bildete Maria nicht eine Art von Verbindung zwischen ihm, dem Entrückten, und dem Flachlande, der alten Heimat? Unterhielt und bewahrte sie dergleichen Beziehungen nicht wirksamer, als etwa die Postkarten, die er dann und wann nach unten an die Onkel richtete, und deren Abstände voneinander in demselben Maße größer geworden waren, als er sich unter Annahme hiesiger Begriffe eine großartigere Zeitbewirtschaftung zu eigen gemacht hatte? Es waren meistens Ansichtskarten, der größeren Gefälligkeit halber, mit hübschen Bildern des Tales im Schnee wie in sommerlicher Verfassung, und sie boten für Schriftliches nur eben soviel Raum, als nötig war, um die neueste ärztliche Verlautbarung zu überliefern, das Ergebnis einer Monats- oder Generaluntersuchung verwandtschaftlich zu melden, das heißt also: etwa mitzuteilen, daß akustisch wie optisch eine unverkennbare Besserung zu verzeichnen gewesen, daß er aber noch nicht entgiftet sei, und daß die leichte Übertemperatur, in der er immer noch stehe, von den kleinen Stellen komme, die eben noch vorhanden seien, aber bestimmt ohne Rest verschwinden würden, wenn er Geduld übe, so daß er dann keinesfalls wiederzukommen brauche. Er durfte sicher sein, daß darüber hinausgehende briefstellerische Leistungen von ihm nicht verlangt und erwartet wurden; es war keine humanistisch rednerische Sphäre, an die er sich wandte; die Antworten, die er erhielt, waren ebensowenig ergußhafter Art. Sie begleiteten meistens die geldlichen Subsistenzmittel, die ihm von zu Hause zukamen, die Zinsen seines väterlichen Erbes, die sich in hiesiger Münze so vorteilhaft ausnahmen, daß er sie niemals verzehrt hatte, wenn eine neue Lieferung eintraf, und bestanden in einigen Zeilen Maschinenschrift, gezeichnet James Tienappel, mit Grüßen und Genesungswünschen vom Großonkel und manchmal auch von dem seefahrenden Peter.
Die Verabfolgung der Injektionen, so meldete Hans Castorp nach Hause, hatte der Hofrat neuestens unterbrochen. Sie bekamen diesem jungen Patienten nicht, verursachten ihm Kopfschmerzen, Appetitlosigkeit, Gewichtsabnahme und Müdigkeit, hatten die „Temperatur“ zunächst erhöht und dann nicht beseitigt. Sie glühte als trockene Hitze subjektiv fort in seiner rosenroten Miene, als Mahnung daran, daß die Akklimatisation für diesen Sprößling der Tiefebene und ihrer feuchtfröhlichen Meteorologie doch eben wohl hauptsächlich in der Gewöhnung daran bestand, daß er sich nicht gewöhnte, – was übrigens Rhadamanthys ja selber nicht tat, der immer blaue Backen hatte. „Manche gewöhnen sich nie“, hatte Joachim gleich gesagt, und dies schien Hans Castorps Fall. Denn auch das Genickzittern, das ihn hier oben bald nach der Ankunft zu belästigen begonnen, hatte sich nicht wieder verlieren wollen, sondern stellte sich im Gehen, im Gespräch, ja selbst hier oben am blau blühenden Orte seines Nachdenkens über den Komplex seiner Abenteuer unvermeidlich ein, so daß ihm die würdige Kinnstütze Hans Lorenz Castorps beinahe schon zur festen Gewohnheit geworden war, – nicht ohne ihn selbst, wenn er sie benützte, an die Vatermörder des Alten, die Interimsform der Ehrenkrause, an das blaßgoldene Rund der Taufschale, an den frommen Ur-Ur-Laut und ähnliche Verwandtschaften unter der Hand zu erinnern und ihn so zum Überdenken seines Lebenskomplexes neuerdings hinzuleiten.
Pribislav Hippe erschien ihm nicht mehr leibhaftig, wie vor elf Monaten. Seine Akklimatisation war vollendet, er hatte keine Visionen mehr, lag nicht mit stillgestelltem Leibe auf seiner Bank, während sein Ich in ferner Gegenwart weilte – nichts mehr von solchen Zufällen. Deutlichkeit und Lebendigkeit dieses Erinnerungsbildes, wenn es ihm denn vorschwebte, hielten sich in normalen, gesunden Grenzen; und im Zusammenhange damit zog dann Hans Castorp wohl aus seiner Brusttasche das gläserne Angebinde, das er dort in einem gefütterten Briefumschlag und hierauf in der Brieftasche verwahrt hielt: ein Täfelchen, das, wenn man es in gleicher Ebene mit dem Erdboden hielt, schwarz-spiegelnd und undurchsichtig schien, aber, gegen das Himmelslicht aufgehoben, sich erhellte und humanistische Dinge vorwies: das transparente Bild des Menschenleibes, Rippenwerk, Herzfigur, Zwerchfellbogen und Lungengebläse, dazu das Schlüssel- und Oberarmgebein, umgeben dies alles von blaß-dunstiger Hülle, dem Fleische, von dem Hans Castorp in der Faschingswoche vernunftwidriger Weise gekostet hatte. Was Wunder, daß sein bewegliches Herz stockte und stürzte, wenn er das Angebinde betrachtete und dann fortfuhr, „alles“ zu überschlagen und zu bedenken, gelehnt an die schlicht gezimmerte Lehne der Ruhebank, die Arme gekreuzt, den Kopf zur Schulter geneigt, im Geräusche des Gießwassers und angesichts der blaublühenden Akelei?
Das Hochgebild organischen Lebens, die Menschengestalt schwebte ihm vor, wie in jener Frost- und Sternennacht anläßlich gelehrter Studien, und an ihre innere Anschauung knüpften sich für den jungen Hans Castorp so manche Fragen und Unterscheidungen, mit denen sich abzugeben der gute Joachim nicht verpflichtet sein mochte, für die aber er als Zivilist sich verantwortlich zu fühlen begonnen hatte, obwohl auch er im Flachlande drunten ihrer niemals ansichtig geworden war und vermutlich nie ansichtig würde geworden sein, wohl aber hier, wo man aus der beschaulichen Abgeschiedenheit von fünftausend Fuß auf Welt und Kreatur hinabblickte und sich seine Gedanken machte, – vermöge einer durch lösliche Gifte erzeugten Steigerung des Körpers auch wohl, die als trockene Hitze im Antlitz brannte. Er dachte an Settembrini im Zusammenhang mit jener Anschauung, an den pädagogischen Drehorgelmann, dessen Vater in Hellas zur Welt gekommen, und der die Liebe zum Hochgebild als Politik, Rebellion und Eloquenz erläuterte, indem er die Pike des Bürgers am Altar der Menschheit weihte; dachte auch an den Kameraden Krokowski und an das, was er seit einiger Zeit im verdunkelten Zimmergelaß mit ihm trieb, besann sich über das doppelte Wesen der Analyse und wie weit sie der Tat und dem Fortschritte förderlich sei, wie weit dem Grabe verwandt und seiner anrüchigen Anatomie. Er rief die Bilder der beiden Großväter neben- und gegeneinander herauf, des rebellischen und des getreuen, die Schwarz trugen aus unterschiedlichen Gründen, und erwog ihre Würde; ging ferner mit sich zu Rate über so weitläufige Komplexe wie Form und Freiheit, Geist und Körper, Ehre und Schande, Zeit und Ewigkeit, – und unterlag einem kurzen, aber stürmischen Schwindel bei dem Gedanken, daß die Akelei wieder blühte und das Jahr in sich selber lief.
Er hatte ein sonderbares Wort für diese seine verantwortliche Gedankenbeschäftigung am malerischen Orte seiner Zurückgezogenheit: er nannte sie „Regieren“, – gebrauchte dies Spiel- und Knabenwort, diesen Kinderausdruck dafür, als für eine Unterhaltung, die er liebte, obwohl sie mit Schrecken, Schwindel und allerlei Herztumulten verbunden war und seine Gesichtshitze übermäßig verstärkte. Doch fand er es nicht unschicklich, daß die mit dieser Tätigkeit verbundene Anstrengung ihn nötigte, sich der Kinnstütze zu bedienen; denn diese Haltung stimmte wohl mit der Würde überein, die das „Regieren“ angesichts des vorschwebenden Hochgebildes ihm innerlich verlieh.
„Homo Dei“ hatte der häßliche Naphta das Hochgebild genannt, als er es gegen die englische Gesellschaftslehre verteidigte. Was Wunder, daß Hans Castorp um seiner zivilistischen Verantwortlichkeit willen und im Regierungsinteresse sich gehalten fand, mit Joachim bei dem Kleinen Besuch zu machen? Settembrini sah es ungern, – dies deutlich zu spüren, war Hans Castorp schlau und dünnhäutig genug. Schon die erste Begegnung war dem Humanisten unangenehm gewesen, er hatte sie offensichtlich zu verhindern gestrebt und die jungen Leute, namentlich aber ihn selbst – so sagte sich das durchtriebene Sorgenkind – vor der Bekanntschaft mit Naphta pädagogisch hüten wollen, obgleich ja er für seine Person mit ihm verkehrte und disputierte. So sind die Erzieher. Sich selber gönnen sie das Interessante, indem sie sich ihm „gewachsen“ nennen; der Jugend aber verbieten sie es und verlangen, daß sie sich dem Interessanten nicht „gewachsen“ fühle. Ein Glück nur, daß es dem Drehorgelmann im Ernst überhaupt nicht zustand, dem jungen Hans Castorp etwas zu verbieten, und daß er ja auch gar nicht den Versuch dazu gemacht hatte. Der Sorgenzögling brauchte seine Dünnhäutigkeit nur zu verleugnen und Unschuld vorzuschützen, so hinderte nichts ihn, der Einladung des kleinen Naphta freundlich zu folgen, – was er denn auch getan hatte, mit dem wohl oder übel sich anschließenden Joachim, wenige Tage nach dem ersten Zusammentreffen, an einem Sonntagnachmittag, nach dem Hauptliegedienst.
Es waren wenige Minuten Wegs vom Berghof hinunter zum Häuschen mit der weinumkränzten Haustür. Sie traten ein, ließen den Zugang zum Krämerladen zur Rechten liegen und erklommen die schmale braune Stiege, die sie vor eine Etagentür führte, neben deren Klingel lediglich das Namensschild Lukačeks, des Damenschneiders, angebracht war. Die Person, die ihnen öffnete, war ein halbwüchsiger Knabe in einer Art von Livree, gestreifter Jacke und Gamaschen, ein Dienerchen, kurzgeschoren und rotbackig. Ihn fragten sie nach Herrn Professor Naphta und prägten ihm, da sie mit Karten nicht ausgestattet waren, ihre Namen ein, die er Herrn Naphta – er gebrauchte keinen Titel – zu nennen ging. Die dem Eingang gegenüberliegende Zimmertür stand offen und gewährte Einblick in die Schneiderei, wo des Feiertags ungeachtet Lukaček mit untergeschlagenen Beinen auf einem Tische saß und nähte. Er war bleich und kahlköpfig; von einer übergroßen, abfallenden Nase hing ihm der schwarze Schnurrbart mit saurem Ausdruck zu seiten des Mundes herab.
„Guten Tag!“ wünschte Hans Castorp.
„Grütsi“, antwortete der Schneider mundartlich, obgleich das Schweizerische weder zu seinem Namen noch zu seinem Äußeren paßte und etwas falsch und sonderbar klang.
„So fleißig?“ fuhr Hans Castorp nickend fort ... „Es ist ja Sonntag!“
„Eilige Arbeit“, versetzte Lukaček kurz und stichelte.
„Ist wohl was Feines,“ vermutete Hans Castorp, „was rasch gebraucht wird, für eine Reunion oder so?“
Der Schneider ließ diese Frage eine Weile unbeantwortet, biß den Faden ab und fädelte neu ein. Nachträglich nickte er.
„Wird es hübsch?“ fragte Hans Castorp noch. „Machen Sie Ärmel daran?“
„Ja, Ärmel, es ist für eine Olte“, antwortete Lukaček mit stark böhmischem Akzent. Die Rückkehr des Dienerchens unterbrach dies durch die Tür geführte Gespräch. Herr Naphta lasse bitten, näher zu treten, meldete er und öffnete den jungen Leuten eine Tür, zwei oder drei Schritte weiter rechts, wobei er auch noch eine zusammenfallende Portiere vor ihnen aufzuheben hatte. Die Eintretenden empfing Naphta, in Schleifenschuhen auf moosgrünem Teppich stehend.
Beide Vettern waren überrascht durch den Luxus des zweifenstrigen Arbeitszimmers, das sie aufgenommen hatte, ja geblendet durch Überraschung; denn die Dürftigkeit des Häuschens, seiner Treppe, seines armseligen Korridors ließ dergleichen nicht entfernt erwarten und verlieh der Eleganz von Naphtas Einrichtung durch Kontrastwirkung etwas Märchenhaftes, was sie an und für sich kaum besaß und auch in den Augen Hans Castorps und Joachim Ziemßens nicht besessen hätte. Immerhin, sie war fein, ja glänzend, und zwar so, daß sie trotz Schreibtisch und Bücherschränken den Charakter des Herrenzimmers eigentlich nicht wahrte. Es war zuviel Seide darin, weinrote, purpurrote Seide: die Vorhänge, die die schlechten Türen verbargen, waren daraus, die Fenster-Überfälle und ebenso die Bezüge der Meubles-Gruppe, die an einer Schmalseite, der zweiten Tür gegenüber, vor einem die Wand fast ganz bespannenden Gobelin angeordnet war. Es waren Barockarmstühle mit kleinen Polstern auf den Seitenlehnen, um einen runden, metallbeschlagenen Tisch gruppiert, hinter dem ein mit Seidenplüschkissen ausgestattetes Sofa desselben Stiles stand. Die Bücherspinde nahmen die Wandpartien neben den beiden Türen ein. Sie waren, wie der Schreibtisch, oder vielmehr der mit einem gewölbten Rolldeckel versehene Sekretär, der zwischen den Fenstern Platz gefunden hatte, in Mahagoni gearbeitet, mit Glastüren, hinter die grüne Seide gespannt war. Aber in dem Winkel links von der Sofagruppe war ein Kunstwerk zu sehen, eine große, auf rot verkleidetem Sockel erhöhte bemalte Holzplastik, – etwas innig Schreckhaftes, eine Pietà, einfältig und wirkungsvoll bis zum Grotesken: die Gottesmutter in der Haube, mit zusammengezogenen Brauen und jammernd schief geöffnetem Munde, den Schmerzensmann auf ihrem Schoß, eine im Größenverhältnis primitiv verfehlte Figur mit kraß herausgearbeiteter Anatomie, die jedoch von Unwissenheit zeugte, das hängende Haupt von Dornen starrend, Gesicht und Glieder mit Blut befleckt und berieselt, dicke Trauben geronnenen Blutes an der Seitenwunde und den Nägelmalen der Hände und Füße. Dies Schaustück verlieh dem seidenen Zimmer nun freilich einen besonderen Akzent. Auch die Tapete, über den Bücherschränken und an der Fensterwand sichtbar, war übrigens offenbar eine Leistung des Mieters: das Grün ihrer Längsstreifen war das des weichen Teppichs, der über die rote Bodenbespannung gebreitet war. Nur der niedrigen Decke war wenig zu helfen gewesen. Sie war kahl und rissig. Doch hing ein kleiner venezianischer Lüster daran herab. Die Fenster waren mit cremefarbenen Stores verhüllt, die bis zum Boden reichten.
„Da haben wir uns zu einem Kolloquium eingefunden!“ sagte Hans Castorp, während seine Augen mehr an dem frommen Schrecknis im Winkel, als an dem Bewohner des überraschenden Zimmers hafteten, der es anerkannte, daß die Vettern Wort gehalten hätten. Er wollte sie mit gastlichen Bewegungen seiner kleinen Rechten zu den seidenen Sitzen leiten, aber Hans Castorp ging geradeswegs und gebannt auf die Holzgruppe zu und blieb, Arme in die Hüften gestemmt, mit seitwärts geneigtem Kopf davor stehen.
„Was haben Sie denn da!“ sagte er leise. „Das ist ja schrecklich gut. Hat man je so ein Leiden gesehn. Etwas Altes, natürlich?“
„Vierzehntes Jahrhundert“, antwortete Naphta. „Wahrscheinlich rheinischer Herkunft. Es macht Ihnen Eindruck?“
„Enormen“, sagte Hans Castorp. „Das kann seinen Eindruck auf den Beschauer denn doch wohl gar nicht verfehlen. Ich hätte nicht gedacht, daß etwas zugleich so häßlich – entschuldigen Sie – und so schön sein könnte.“
„Erzeugnisse einer Welt der Seele und des Ausdrucks,“ versetzte Naphta, „sind immer häßlich vor Schönheit und schön vor Häßlichkeit, das ist die Regel. Es handelt sich um geistige Schönheit, nicht um die des Fleisches, die absolut dumm ist. Übrigens auch abstrakt ist sie“, fügte er hinzu. „Die Schönheit des Leibes ist abstrakt. Wirklichkeit hat nur die innere, die des religiösen Ausdrucks.“
„Das haben Sie dankenswert richtig unterschieden und angeordnet“, sagte Hans Castorp. „Vierzehntes?“ versicherte er sich ... „Dreizehnhundertsoundso? Ja, das ist das Mittelalter, wie es im Buche steht, ich erkenne gewissermaßen die Vorstellung darin wieder, die ich mir in letzter Zeit vom Mittelalter gemacht habe. Ich wußte eigentlich nichts davon, ich bin ja ein Mann des technischen Fortschritts, soweit ich überhaupt in Frage komme. Aber hier oben ist mir die Vorstellung des Mittelalters verschiedentlich nahe gebracht worden. Die ökonomistische Gesellschaftslehre gab es damals noch nicht, soviel ist klar. Wie hieß der Künstler denn wohl?“
Naphta zuckte die Achseln.
„Was liegt daran?“ sagte er. „Wir sollten danach nicht fragen, da man auch damals, als es entstand, nicht danach fragte. Das hat keinen wunderwie individuellen Monsieur zum Autor, es ist anonym und gemeinsam. Es ist übrigens sehr vorgeschrittenes Mittelalter, Gotik, Signum mortificationis. Sie finden da nichts mehr von der Schonung und Beschönigung, mit der noch die romanische Epoche den Gekreuzigten darstellen zu müssen glaubte, keine Königskrone, keinen majestätischen Triumph über Welt und Martertod. Alles ist radikale Verkündigung des Leidens und der Fleischesschwäche. Erst der gotische Geschmack ist der eigentlich pessimistisch-asketische. Sie werden die Schrift Innozenz des Dritten, ‚De miseria humanae conditionis‘, nicht kennen, – ein äußerst witziges Stück Literatur. Sie stammt vom Ende des zwölften Jahrhunderts, aber erst diese Kunst liefert die Illustrationen dazu.“
„Herr Naphta,“ sagte Hans Castorp nach einem Aufseufzen, „mich interessiert jedes Wort von dem, was Sie da hervorheben. ‚Signum mortificationis‘ sagten Sie? Das werde ich mir merken. Vorher sagten Sie etwas von ‚anonym und gemeinsam‘, was auch der Mühe wert scheint, darüber nachzudenken. Sie vermuten leider richtig, daß ich die Schrift des Papstes – ich nehme an, daß Innozenz der Dritte ein Papst war – nicht kenne. Habe ich richtig verstanden, daß sie asketisch und witzig ist? Ich muß gestehen, ich habe mir nie vorgestellt, daß das so Hand in Hand gehen könnte, aber wenn ich es ins Auge fasse, so leuchtet es mir ein, natürlich, eine Abhandlung über das menschliche Elend bietet zum Witz schon Gelegenheit, auf Kosten des Fleisches. Ist die Schrift denn erhältlich? Wenn ich mein Latein zusammennähme, vielleicht könnte ich sie lesen.“
„Ich besitze das Buch“, antwortete Naphta, mit dem Kopf nach einem der Schränke weisend. „Es steht Ihnen zur Verfügung. Aber wollen wir uns nicht setzen? Sie sehen die Pietà auch vom Sofa aus. Eben kommt unser kleines Vespermahl ...“
Es war das Dienerchen, das Tee brachte, dazu einen hübschen silberbeschlagenen Korb, worin in Stücke geschnittener Baumkuchen lag. Hinter ihm aber, durch die offene Tür, wer trat beschwingten Schrittes mit „Sapperlot!“ „Accidenti!“ und feinem Lächeln herein? Das war Herr Settembrini, wohnhaft eine Treppe höher, der sich einfand, in der Absicht, den Herren Gesellschaft zu leisten. Durch sein Fensterchen, sagte er, habe er die Vettern kommen sehen und rasch noch eine enzyklopädische Seite heruntergeschrieben, die er eben unter der Feder gehabt, um sich dann ebenfalls hier zu Gaste zu bitten. Nichts war natürlicher, als daß er kam. Seine alte Bekanntschaft mit den Berghofbewohnern berechtigte ihn dazu, und dann war auch sein Verkehr und Austausch mit Naphta, trotz tiefgehender Meinungsverschiedenheiten, ja offenbar überhaupt sehr lebhaft, – wie denn der Gastgeber ihn leichthin und ohne Überraschung als Zugehörigen begrüßte. Das hinderte nicht, daß Hans Castorp von seinem Kommen sehr deutlich einen doppelten Eindruck gewann. Erstens, so empfand er, stellte Herr Settembrini sich ein, um ihn und Joachim, oder eigentlich kurzweg ihn, nicht mit dem häßlichen kleinen Naphta allein zu lassen, sondern durch seine Anwesenheit ein pädagogisches Gegengewicht zu schaffen; und zweitens war klar ersichtlich, daß er gar nichts dagegen hatte, sondern die Gelegenheit recht gern benutzte, den Aufenthalt in seinem Dach auf eine Weile mit dem in Naphtas seidenfeinem Zimmer zu vertauschen und einen wohlservierten Tee einzunehmen: er rieb sich die gelblichen, an der Kleinfingerseite des Rückens mit schwarzen Haaren bewachsenen Hände, bevor er zugriff, und speiste mit unverkennbarem, auch lobend ausgesprochenem Genuß von dem Baumkuchen, dessen schmale, gebogene Scheiben von Schokoladeadern durchzogen waren.
Das Gespräch fuhr noch fort, sich mit der Pietà zu beschäftigen, da Hans Castorp mit Blick und Wort an dem Gegenstand festhielt, wobei er sich an Herrn Settembrini wandte und diesen gleichsam mit dem Kunstwerk in kritischen Kontakt zu setzen suchte, – während ja der Abscheu des Humanisten gegen diesen Zimmerschmuck deutlich genug in der Miene zu lesen war, mit der er sich danach umwandte: denn er hatte sich mit dem Rücken gegen jenen Winkel gesetzt. Zu höflich, um alles zu sagen, was er dachte, beschränkte er sich darauf, Fehlerhaftigkeiten in den Verhältnissen und den Körperformen der Gruppe zu beanstanden, Verstöße gegen die Naturwahrheit, die weit entfernt seien, rührend auf ihn zu wirken, da sie nicht frühzeitlichem Unvermögen, sondern bösem Willen, einem grundfeindlichen Prinzip entsprängen, – worin Naphta ihm boshaft zustimmte. Gewiß, von technischem Ungeschick könne nicht entfernt die Rede sein. Es handle sich um bewußte Emanzipation des Geistes vom Natürlichen, dessen Verächtlichkeit durch die Verweigerung jeder Demut davor religiös verkündet werde. Als aber Settembrini die Vernachlässigung der Natur und ihres Studiums für menschlich abwegig erklärte und gegen die absurde Formlosigkeit, der das Mittelalter und die ihm nachahmenden Epochen gefrönt hätten, das griechisch-römische Erbe, den Klassizismus, Form, Schönheit, Vernunft und naturfromme Heiterkeit, die allein die Sache des Menschen zu fördern berufen seien, in prallen Worten zu erheben begann, mischte Hans Castorp sich ein und fragte, was denn aber bei solcher Bewandtnis mit Plotinus los sei, der sich nachweislich seines Körpers geschämt, und mit Voltaire, der im Namen der Vernunft gegen das skandalöse Erdbeben von Lissabon revoltiert habe? Absurd? Das sei auch absurd gewesen, aber wenn man alles recht überlege, so könne man seiner Ansicht nach das Absurde recht wohl als das geistig Ehrenhafte bezeichnen, und die absurde Naturfeindschaft der gotischen Kunst sei am Ende ebenso ehrenhaft gewesen wie das Gebaren der Plotinus und Voltaire, denn es drücke sich dieselbe Emanzipation von Fatum und Faktum darin aus, derselbe unknechtische Stolz, der sich weigere, vor der dummen Macht, nämlich vor der Natur, abzudanken ...
Naphta brach in Lachen aus, das sehr an den bewußten Teller erinnerte und in Husten endigte. Settembrini sagte vornehm:
„Sie schädigen unseren Wirt, indem Sie so witzig sind und erweisen sich also undankbar für dies köstliche Gebäck. Ist Dankbarkeit überhaupt Ihre Sache? Wobei ich voraussetze, daß Dankbarkeit darin besteht, von empfangenen Geschenken einen guten Gebrauch zu machen ...“
Da Hans Castorp sich schämte, setzte er scharmant hinzu:
„Man kennt Sie als Schalk, Ingenieur. Ihre Art, das Gute freundschaftlich zu necken, läßt mich keineswegs an Ihrer Liebe zu ihm verzweifeln. Sie wissen selbstverständlich, daß nur diejenige Auflehnung des Geistes gegen das Natürliche ehrenhaft zu nennen ist, die die Würde und Schönheit des Menschen im Auge hat, nicht diejenige, welche, wenn sie seine Entwürdigung und Erniedrigung nicht bezweckt, sie doch jedenfalls nach sich zieht. Sie wissen auch, welche entmenschte Greuel, welche mordgierige Unduldsamkeit die Epoche, der das Artefakt da hinter mir sein Dasein verdankt, gezeitigt hat. Ich brauche Sie nur an den entsetzlichen Typ der Ketzerrichter, an die blutige Figur eines Konrad von Marburg etwa, zu erinnern und an seine infame Priesterwut gegen alles, was der Herrschaft des Übernatürlichen entgegenstand. Sie sind weit entfernt, Schwert und Scheiterhaufen als Instrumente der Menschenliebe anzuerkennen ...“
„In deren Dienst dagegen,“ äußerte Naphta, „arbeitete die Maschinerie, mit der der Konvent die Welt von schlechten Bürgern reinigte. Alle Kirchenstrafen, auch der Scheiterhaufen, auch die Exkommunikation, wurden verhängt, um die Seele vor ewiger Verdammnis zu retten, was man von der Vertilgungslust der Jakobiner nicht sagen kann. Ich erlaube mir, zu bemerken, daß jede Pein- und Blutjustiz, die nicht dem Glauben an ein Jenseits entspringt, viehischer Unsinn ist. Und was die Entwürdigung des Menschen betrifft, so fällt ihre Geschichte exakt mit der des bürgerlichen Geistes zusammen. Renaissance, Aufklärung und die Naturwissenschaft und Ökonomistik des neunzehnten Jahrhunderts haben nichts, aber auch nichts zu lehren unterlassen, was irgend tauglich schien, diese Entwürdigung zu fördern, angefangen mit der neuen Astronomie, die aus dem Zentrum des Alls, dem erlauchten Schauplatz, wo Gott und Teufel um den Besitz des beiderseits heiß begehrten Geschöpfes kämpften, einen gleichgültigen kleinen Wandelstern machte und der großartigen kosmischen Stellung des Menschen, auf der übrigens die Astrologie beruhte, vorderhand ein Ende bereitete.“
„Vorderhand?“ Herrn Settembrinis Miene hatte, wie er es lauernd fragte, selber etwas von der eines Ketzerrichters und Inquisitors, der darauf wartet, daß der Aussagende sich im unzweifelhaft Sträflichen verfange.
„Allerdings. Für ein paar hundert Jahre“, bestätigte Naphta kalt. „Eine Ehrenrettung der Scholastik steht, wenn nicht alles täuscht, auch in dieser Beziehung bevor, sie ist schon im vollen Gange. Kopernikus wird von Ptolemäus geschlagen werden. Die heliozentrische These begegnet nachgerade einem geistigen Widerstand, dessen Unternehmungen wahrscheinlich zum Ziele führen werden. Die Wissenschaft wird sich philosophisch genötigt sehen, die Erde in alle Würden wieder einzusetzen, die das kirchliche Dogma ihr wahren wollte.“
„Wie? Wie? Geistiger Widerstand? Philosophisch genötigt sehen? Zum Ziele führen? Welche Art von Voluntarismus spricht aus Ihnen? Und die voraussetzungslose Forschung? Die reine Erkenntnis? Die Wahrheit, mein Herr, die mit der Freiheit so innig verbunden ist, und deren Blutzeugen, aus denen Sie Beleidiger der Erde machen wollen, diesem Stern vielmehr zur ewigen Zierde gereichen??“
Herr Settembrini hatte eine gewaltige Art, zu fragen. Hochaufgerichtet saß er und ließ seine ehrenhaften Worte auf den kleinen Herrn Naphta niedersausen, am Ende die Stimme so mächtig hochziehend, daß man wohl hörte, wie sicher er war, daß des Gegners Antwort hierauf nur in beschämtem Schweigen bestehen könne. Er hatte ein Stück Baumkuchen zwischen den Fingern gehalten, während er sprach, legte es aber nun auf den Teller zurück, da er nach dieser Fragestellung nicht hineinbeißen mochte.
Naphta erwiderte mit unangenehmer Ruhe:
„Guter Freund, es gibt keine reine Erkenntnis. Die Rechtmäßigkeit der kirchlichen Wissenschaftslehre, die sich in Augustins Satz ‚Ich glaube, damit ich erkenne‘ zusammenfassen läßt, ist völlig unbestreitbar. Der Glaube ist das Organ der Erkenntnis und der Intellekt sekundär. Ihre voraussetzungslose Wissenschaft ist eine Mythe. Ein Glaube, eine Weltanschauung, eine Idee, kurz: ein Wille ist regelmäßig vorhanden, und Sache der Vernunft ist es, ihn zu erörtern, ihn zu beweisen. Es läuft immer und in allen Fällen auf das ‚Quod erat demonstrandum‘ hinaus. Schon der Begriff des Beweises enthält, psychologisch genommen, ein stark voluntaristisches Element. Die großen Scholastiker des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts waren einig in der Überzeugung, daß in der Philosophie nicht wahr sein könne, was vor der Theologie falsch sei. Lassen wir die Theologie aus dem Spiel, wenn Sie wollen, aber eine Humanität, die nicht anerkennt, daß in der Naturwissenschaft nicht wahr sein kann, was vor der Philosophie falsch ist, das ist keine Humanität. Die Argumentation des heiligen Offiziums gegen Galilei lautete dahin, daß seine Sätze philosophisch absurd seien. Eine schlagendere Argumentation gibt es nicht.“
„Eh, eh, die Argumente unseres armen, großen Galilei haben sich als stichhaltiger erwiesen! Nein, lassen Sie uns ernsthaft reden, Professore! Beantworten Sie mir vor diesen beiden aufmerksamen jungen Leuten die Frage: Glauben Sie an eine Wahrheit, an die objektive, die wissenschaftliche Wahrheit, der nachzustreben oberstes Gesetz aller Sittlichkeit ist, und deren Triumphe über die Autorität die Ruhmesgeschichte des Menschengeistes bilden?!“
Hans Castorp und Joachim wandten die Köpfe von Settembrini zu Naphta, der erstere schneller, als der andere. Naphta antwortete:
„Ein solcher Triumph ist nicht möglich, denn die Autorität ist der Mensch, sein Interesse, seine Würde, sein Heil, und zwischen ihr und der Wahrheit kann es keinen Widerstreit geben. Sie fallen zusammen.“
„Die Wahrheit wäre demnach –“
„Wahr ist, was dem Menschen frommt. In ihm ist die Natur zusammengefaßt, in aller Natur ist nur er geschaffen und alle Natur nur für ihn. Er ist das Maß der Dinge und sein Heil das Kriterium der Wahrheit. Eine theoretische Erkenntnis, die des praktischen Bezuges auf die Heilsidee des Menschen entbehrt, ist dermaßen uninteressant, daß jeder Wahrheitswert ihr abzusprechen und ihre Nichtzulassung geboten ist. Die christlichen Jahrhunderte waren völlig einig über die menschliche Unerheblichkeit der Naturwissenschaft. Lactantius, den Konstantin der Große zum Lehrer seines Sohnes wählte, fragte gerade heraus, welche Seligkeit er denn gewinnen werde, wenn er wisse, wo der Nil entspringt, oder was die Physiker vom Himmel faseln. Das beantworten Sie ihm einmal! Wenn man die platonische Philosophie jeder anderen vorzog, so darum, weil sie sich nicht mit Naturerkenntnis, sondern mit der Erkenntnis Gottes abgab. Ich kann Sie versichern, die Menschheit ist im Begriff, zu diesem Gesichtspunkt zurückzufinden und einzusehen, daß es nicht Aufgabe wahrer Wissenschaft ist, heillosen Erkenntnissen nachzulaufen, sondern das Schädliche oder auch nur ideell Bedeutungslose grundsätzlich auszuscheiden und mit einem Worte Instinkt, Maß, Wahl zu bekunden. Es ist kindisch, zu meinen, die Kirche habe die Finsternis gegen das Licht verteidigt. Sie tat dreimal wohl daran, ein ‚voraussetzungsloses‘ Streben nach Erkenntnis der Dinge, das heißt: ein solches, das sich der Rücksicht auf das Geistige, auf den Zweck der Heilserwerbung entschlägt, für strafbar zu erklären, und was den Menschen in Finsternis geführt hat und immer tiefer führen wird, ist vielmehr die ‚voraussetzungslose‘, die aphilosophische Naturwissenschaft.“
„Sie lehren da einen Pragmatismus,“ erwiderte Settembrini, „den Sie nur ins Politische zu übertragen brauchen, um seiner ganzen Verderblichkeit ansichtig zu werden. Gut, wahr und gerecht ist, was dem Staate frommt. Sein Heil, seine Würde, seine Macht ist das Kriterium des Sittlichen. Schön! Damit ist jedem Verbrechen Tür und Tor geöffnet, und die menschliche Wahrheit, die individuelle Gerechtigkeit, die Demokratie – sie mögen sehen, wo sie bleiben ...“
„Ich bringe ein wenig Logik in Vorschlag“, versetzte Naphta. „Entweder Ptolemäus und die Scholastik behalten recht, und die Welt ist endlich in Zeit und Raum. Dann ist die Gottheit transzendent, der Gegensatz von Gott und Welt bleibt aufrecht, und auch der Mensch ist eine dualistische Existenz: das Problem seiner Seele besteht in dem Widerstreit des Sinnlichen und des Übersinnlichen, und alles Gesellschaftliche ist mit Abstand zweiten Ranges. Nur diesen Individualismus kann ich als konsequent anerkennen. Oder aber Ihre Renaissance-Astronomen fanden die Wahrheit, und der Kosmos ist unendlich. Dann gibt es keine übersinnliche Welt, keinen Dualismus; das Jenseits ist ins Diesseits aufgenommen, der Gegensatz von Gott und Natur hinfällig, und da in diesem Falle auch die menschliche Persönlichkeit nicht mehr Kriegsschauplatz zweier feindlicher Prinzipien, sondern harmonisch, sondern einheitlich ist, so beruht der innermenschliche Konflikt lediglich auf dem der Einzel- und der gesamtheitlichen Interessen, und der Zweck des Staates wird, wie es gut heidnisch ist, zum Gesetz des Sittlichen. Eines oder das andere.“
„Ich protestiere!“ rief Settembrini, indem er seine Teetasse dem Gastgeber mit ausgestrecktem Arm entgegenhielt. „Ich protestiere gegen die Unterstellung, daß der moderne Staat die Teufelsknechtschaft des Individuums bedeute! Ich protestiere zum drittenmal, und zwar gegen die vexatorische Alternative von Preußentum und gotischer Reaktion, vor die Sie uns stellen wollen! Die Demokratie hat keinen anderen Sinn, als den einer individualistischen Korrektur jedes Staatsabsolutismus. Wahrheit und Gerechtigkeit sind Kronjuwelen individueller Sittlichkeit, und im Falle des Konflikts mit dem Staatsinteresse mögen sie wohl sogar den Anschein staatsfeindlicher Mächte gewinnen, während sie in der Tat das höhere, sagen wir es doch: das überirdische Wohl des Staates im Auge haben. Die Renaissance der Ursprung der Staatsvergottung! Welche Afterlogik! Die Errungenschaften – ich sage mit etymologischer Betonung: die Errungenschaften von Renaissance und Aufklärung, mein Herr, heißen Persönlichkeit, Menschenrecht, Freiheit!“
Die Zuhörer atmeten aus, denn sie hatten die Luft angehalten bei Herrn Settembrinis großer Replik. Hans Castorp konnte sogar nicht umhin, mit der Hand, wenn auch zurückhaltenderweise, auf den Tischrand zu schlagen. „Brillant!“ sagte er zwischen den Zähnen, und auch Joachim zeigte starke Befriedigung, obgleich ein Wort gegen das Preußentum gefallen war. Dann aber wandten sich beide dem eben zurückgeschlagenen Interlokutor zu, Hans Castorp mit solchem Eifer, daß er den Ellbogen auf den Tisch und das Kinn in die Faust stützte, ungefähr wie beim Schweinchen-Zeichnen, und Herrn Naphta aus nächster Nähe gespannt ins Gesicht blickte.
Dieser saß still und scharf, die mageren Hände im Schoß. Er sagte:
„Ich suchte Logik in unser Gespräch einzuführen, und Sie antworten mir mit Hochherzigkeiten. Daß die Renaissance all das zur Welt gebracht hat, was man Liberalismus, Individualismus, humanistische Bürgerlichkeit nennt, war mir leidlich bekannt; aber Ihre ‚etymologischen Betonungen‘ lassen mich kühl, denn das ‚ringende‘, das heroische Lebensalter Ihrer Ideale ist längst vorüber, diese Ideale sind tot, sie liegen heute zum mindesten in den letzten Zügen, und die Füße derer, die ihnen den Garaus machen werden, stehen schon vor der Tür. Sie nennen sich, wenn ich nicht irre, einen Revolutionär. Aber wenn Sie glauben, daß das Ergebnis künftiger Revolutionen – Freiheit sein wird, so sind Sie im Irrtum. Das Prinzip der Freiheit hat sich in fünfhundert Jahren erfüllt und überlebt. Eine Pädagogik, die sich heute noch als Tochter der Aufklärung versteht und in der Kritik, der Befreiung und Pflege des Ich, der Auflösung absolut bestimmter Lebensformen ihre Bildungsmittel erblickt, – eine solche Pädagogik mag noch rhetorische Augenblickserfolge davontragen, aber ihre Rückständigkeit ist für den Wissenden über jeden Zweifel erhaben. Alle wahrhaft erzieherischen Verbände haben von jeher gewußt, um was es sich in Wahrheit bei aller Pädagogik immer nur handeln kann: nämlich um den absoluten Befehl, die eiserne Bindung, um Disziplin, Opfer, Verleugnung des Ich, Vergewaltigung der Persönlichkeit. Zuletzt bedeutet es ein liebloses Mißverstehen der Jugend, zu glauben, sie finde ihre Lust in der Freiheit. Ihre tiefste Lust ist der Gehorsam.“
Joachim richtete sich gerade auf. Hans Castorp errötete. Herr Settembrini drehte erregt an seinem schönen Schnurrbart.
„Nein!“ fuhr Naphta fort. „Nicht Befreiung und Entfaltung des Ich sind das Geheimnis und das Gebot der Zeit. Was sie braucht, wonach sie verlangt, was sie sich schaffen wird, das ist – der Terror.“
Er hatte das letzte Wort leiser als alles Vorhergehende gesprochen, ohne eine Körperbewegung; nur seine Brillengläser hatten kurz aufgeblitzt. Alle drei, die ihn hörten, waren zusammengezuckt, auch Settembrini, der sich aber bald lächelnd wieder faßte.
„Und darf man sich erkundigen,“ fragte er, „wen oder was – Sie sehen, ich bin ganz Frage, ich weiß nicht einmal, wie ich fragen soll – wen oder was Sie sich als Träger dieses – ich wiederhole ungern das Wort – dieses Terrors denken?“
Naphta saß stille, scharf und blitzend. Er sagte:
„Ich stehe zu Diensten. Ich glaube nicht fehlzugehen, wenn ich unsere Übereinstimmung voraussetze in der Annahme eines idealen Urzustandes der Menschheit, eines Zustandes der Staat- und Gewaltlosigkeit, der unmittelbaren Gotteskindschaft, worin es weder Herrschaft noch Dienst gab, nicht Gesetz noch Strafe, kein Unrecht, keine fleischliche Verbindung, keine Klassenunterschiede, keine Arbeit, kein Eigentum, sondern Gleichheit, Brüderlichkeit, sittliche Vollkommenheit.“
„Sehr gut. Ich stimme zu“, erklärte Settembrini. „Ich stimme zu bis auf den Punkt der fleischlichen Verbindung, die offenbar jederzeit stattgehabt haben muß, da der Mensch ein höchstentwickeltes Wirbeltier ist und nicht anders, als andere Wesen –“
„Wie Sie meinen. Ich konstatiere unser grundsätzliches Einverständnis, was den anfänglichen paradiesisch justizlosen und gottesunmittelbaren Zustand betrifft, der durch den Sündenfall verloren ging. Ich glaube, daß wir noch ein weiteres Stück Weges Seite an Seite bleiben können, nämlich indem wir den Staat auf einen der Sünde Rechnung tragenden, zum Schutz gegen das Unrecht geschlossenen Gesellschaftsvertrag zurückführen und darin den Ursprung der herrschaftlichen Gewalt erblicken.“
„Benissimo!“ rief Settembrini. „Gesellschaftsvertrag ... das ist die Aufklärung, das ist Rousseau. Ich hätte nicht gedacht –“
„Ich bitte. Unsere Wege scheiden sich hier. Aus der Tatsache, daß alle Herrschaft und Gewalt ursprünglich beim Volke war, und daß dieses sein Recht an der Gesetzgebung und seine ganze Gewalt dem Staate, dem Fürsten übertrug, folgert Ihre Schule vor allem das revolutionäre Recht des Volkes vor dem Königtum. Wir dagegen –“
„Wir?“ dachte Hans Castorp gespannt ... Wer sind „wir“? Ich muß unbedingt nachher Settembrini danach fragen, wen er mit „wir“ meint.
„Wir unsererseits,“ sprach Naphta, „vielleicht nicht weniger revolutionär als Sie, haben daraus von jeher in erster Linie den Vorrang der Kirche vor dem weltlichen Staat gefolgert. Denn wenn die Ungöttlichkeit des Staates ihm nicht an der Stirn geschrieben stände, würde ein Hinweis auf eben dieses historische Faktum, daß er auf den Willen des Volkes und nicht, wie die Kirche, auf göttliche Stiftung zurückzuführen ist, genügen, um ihn, wenn nicht geradezu als eine Veranstaltung der Bosheit, so doch jedenfalls als eine solche der Notdurft und der sündhaften Unzulänglichkeit zu erweisen.“
„Der Staat, mein Herr –“
„Ich weiß, wie Sie über den nationalen Staat denken. ‚Über alles geht die Vaterlandsliebe und grenzenlose Ruhmesbegier.‘ Das ist Vergil. Sie korrigieren ihn durch etwas liberalen Individualismus, und das ist die Demokratie; aber Ihr grundsätzliches Verhältnis zum Staat bleibt dadurch völlig unberührt. Daß seine Seele das Geld ist, ficht Sie offenbar nicht an. Oder wollen Sie es bestreiten? Die Antike war kapitalistisch, weil sie staatsfromm war. Das christliche Mittelalter hat den immanenten Kapitalismus des weltlichen Staates klar erkannt. ‚Das Geld wird Kaiser sein‘, – das ist eine Prophezeiung aus dem elften Jahrhundert. Leugnen Sie, daß das wörtlich eingetroffen, und daß die Verteufelung des Lebens damit restlos erreicht ist?“
„Lieber Freund, Sie haben das Wort. Ich bin ungeduldig, mit dem großen Unbekannten, dem Träger des Schreckens, bekannt gemacht zu werden.“
„Eine gewagte Neugier bei dem Sprecher einer Gesellschaftsklasse, welche Träger der Freiheit ist, die die Welt zugrunde gerichtet hat. Ich kann auf Ihre Widerrede zur Not verzichten, denn die politische Ideologie der Bürgerlichkeit ist mir bekannt. Ihr Ziel ist das demokratische Imperium, die Selbstübersteigerung des nationalen Staatsprinzips ins Universelle, der Weltstaat. Der Kaiser dieses Imperiums? Wir kennen ihn. Ihre Utopie ist gräßlich, und doch, – wir finden uns an diesem Punkt gewissermaßen wieder zusammen. Denn Ihre kapitalistische Weltrepublik hat etwas Transzendentes, tatsächlich, der Weltstaat ist die Transzendenz des weltlichen Staates, und wir stimmen überein in dem Glauben, daß einem vollkommenen Anfangszustande der Menschheit ein in Horizontferne liegender vollkommener Endzustand entsprechen soll. Seit den Tagen Gregors des Großen, Gründers des Gottesstaates, hat die Kirche es als ihre Aufgabe betrachtet, den Menschen unter die Leitung Gottes zurückzuführen. Der Herrschaftsanspruch des Papstes wurde nicht um seiner selbst willen erhoben, sondern seine stellvertretende Diktatur war Mittel und Weg zum Erlösungsziel, Übergangsform vom heidnischen Staat zum himmlischen Reich. Sie haben diesen Lernenden hier von Bluttaten der Kirche, ihrer strafenden Unduldsamkeit gesprochen, – höchst törichterweise, denn Gotteseifer kann selbstverständlich nicht pazifistisch sein, und Gregor hat das Wort gesprochen: ‚Verflucht sei der Mensch, der sein Schwert zurückhält vom Blute!‘ Daß die Macht böse ist, wissen wir. Aber der Dualismus von Gut und Böse, von Jenseits und Diesseits, Geist und Macht muß, wenn das Reich kommen soll, vorübergehend aufgehoben werden in einem Prinzip, das Askese und Herrschaft vereinigt. Das ist es, was ich die Notwendigkeit des Terrors nenne.“
„Der Träger! Der Träger!“
„Sie fragen? Sollte Ihrem Manchestertum die Existenz einer Gesellschaftslehre entgangen sein, die die menschliche Überwindung des Ökonomismus bedeutet, und deren Grundsätze und Ziele mit denen des christlichen Gottesstaates genau zusammenfallen? Die Väter der Kirche haben Mein und Dein verderbliche Worte und das Privateigentum Usurpation und Diebstahl genannt. Sie haben den Güterbesitz verworfen, weil nach dem göttlichen Naturrecht die Erde allen Menschen gemeinsam sei und daher auch ihre Früchte für den gemeinschaftlichen Gebrauch aller hervorbringe. Sie lehrten, daß nur die Habgier, eine Folge des Sündenfalls, die Besitzrechte vertritt und das Sondereigentum geschaffen habe. Sie waren human genug, antihändlerisch genug, wirtschaftliche Tätigkeit überhaupt eine Gefahr für das Seelenheil, das heißt: für die Menschlichkeit zu nennen. Sie haben das Geld und die Geldgeschäfte gehaßt und den kapitalistischen Reichtum den Brennstoff des höllischen Feuers genannt. Das ökonomische Grundgesetz, daß der Preis das Ergebnis des Verhältnisses von Angebot und Nachfrage ist, haben sie von ganzem Herzen verachtet und das Ausnutzen der Konjunktur als zynische Ausbeutung einer Notlage des Nächsten verdammt. Es gab eine noch frevelhaftere Ausbeutung in ihren Augen: die der Zeit, das Unwesen, sich für den bloßen Zeitverlauf eine Prämie zahlen zu lassen, nämlich den Zins, und auf diese Weise eine allgemein göttliche Einrichtung, die Zeit, zum Vorteil des einen und Schaden des anderen zu mißbrauchen.“
„Benissimo!“ rief Hans Castorp, indem er sich vor Eifer der Zustimmungsformel Herrn Settembrinis bediente. „Die Zeit ... Eine allgemein göttliche Einrichtung ... Das ist hochwichtig ...!“
„Allerdings“, fuhr Naphta fort. „Diese menschlichen Geister haben den Gedanken einer selbsttätigen Vermehrung des Geldes als ekelhaft empfunden, alle Zins- und Spekulationsgeschäfte unter den Begriff des Wuchers fallen lassen und erklärt, daß jeder Reiche entweder ein Dieb oder eines Diebes Erbe sei. Sie sind weiter gegangen. Sie betrachteten, wie Thomas von Aquino, den Handel überhaupt, das reine Handelsgeschäft, das Kaufen und Verkaufen unter Einziehung eines Nutzens, aber ohne Bearbeitung, Verbesserung des wirtschaftlichen Gutes, als ein schimpfliches Gewerbe. Sie waren nicht geneigt, die Arbeit an und für sich sehr hoch zu schätzen, denn sie ist nur eine ethische Angelegenheit, keine religiöse, sie geschieht im Dienste des Lebens, nicht Gottes. Und wenn es sich denn bloß um das Leben handeln sollte und um Wirtschaft, so verlangten sie, daß produktive Werktätigkeit als Bedingung wirtschaftlichen Vorteils und als Maßstab der Achtbarkeit gelte. Ehrenwert war ihnen der Ackerbauer, der Handwerker, nicht der Händler, nicht der Industrielle. Denn sie wollten, daß die Produktion sich nach dem Bedürfnis richte, und verabscheuten die Massengütererzeugung. Nun denn, – alle diese wirtschaftlichen Grundsätze und Maßstäbe halten nach jahrhundertelanger Verschüttung ihre Auferstehung in der modernen Bewegung des Kommunismus. Die Übereinstimmung ist vollkommen bis hinein in den Sinn des Herrschaftsanspruchs, den die internationale Arbeit gegen das internationale Händler- und Spekulantentum erhebt, das Weltproletariat, das heute die Humanität und die Kriterien des Gottesstaates der bürgerlich-kapitalistischen Verrottung entgegenstellt. Die Diktatur des Proletariats, diese politisch-wirtschaftliche Heilsforderung der Zeit, hat nicht den Sinn der Herrschaft um ihrer selbst willen und in Ewigkeit, sondern den einer zeitweiligen Aufhebung des Gegensatzes von Geist und Macht im Zeichen des Kreuzes, den Sinn der Weltüberwindung durch das Mittel der Weltherrschaft, den Sinn des Überganges, der Transzendenz, den Sinn des Reiches. Das Proletariat hat das Werk Gregors aufgenommen, sein Gotteseifer ist in ihm, und so wenig wie er wird es seine Hand zurückhalten dürfen vom Blute. Seine Aufgabe ist der Schrecken zum Heile der Welt und zur Gewinnung des Erlösungsziels, der staats- und klassenlosen Gotteskindschaft.“
So Naphtas scharfe Rede. Die kleine Versammlung schwieg. Die jungen Leute blickten Herrn Settembrini an. An ihm war es, sich irgendwie zu verhalten. Er sagte:
„Erstaunlich. Gewiß, ich gestehe meine Erschütterung, ich hätte das nicht erwartet. Roma locuta. Und wie, – und wie hat es gesprochen! Vor unseren Augen hat er ein hieratisches Saltomortale vollführt, – wenn das ein Widerspruch im Beiwort ist, so hat er ihn ‚zeitweilig aufgehoben‘, ah, ja! Ich wiederhole: es ist erstaunlich. Halten Sie Einwendungen für denkbar, Professor, – Einwendungen lediglich vom Standpunkt der Konsequenz? Sie bemühten sich vorhin, uns einen christlichen, auf der Zweiheit von Gott und Welt beruhenden Individualismus begreiflich zu machen und uns seinen Vorrang vor aller politisch bestimmten Sittlichkeit zu beweisen. Wenige Minuten später treiben Sie den Sozialismus bis zur Diktatur und zum Schrecken. Wie reimt sich das?“
„Gegensätze,“ sagte Naphta, „mögen sich reimen. Ungereimt ist nur das Halbe und Mediokre. Ihr Individualismus, wie ich mir schon anzumerken erlaubte, ist eine Halbheit, ein Zugeständnis. Er korrigiert Ihre heidnische Staatssittlichkeit durch ein wenig Christentum, ein wenig ‚Recht des Individuums‘, ein wenig sogenannte Freiheit, das ist alles. Ein Individualismus dagegen, der von der kosmischen, der astrologischen Wichtigkeit der Einzelseele ausgeht, ein nicht sozialer, sondern religiöser Individualismus, der das Menschliche nicht als Widerstreit von Ich und Gesellschaft, sondern als den von Ich und Gott, von Fleisch und Geist erlebt, – ein solcher, eigentlicher Individualismus verträgt sich mit bindungsvollster Gemeinschaft recht wohl ...“
„Anonym und gemeinsam ist er“, sagte Hans Castorp.
Settembrini sah ihn mit großen Augen an.
„Schweigen Sie, Ingenieur!“ befahl er mit einer Strenge, die auf Rechnung seiner Nervosität und Anspannung zu setzen war. „Unterrichten Sie sich, aber produzieren Sie nicht! – Das ist eine Antwort“, sagte er, wieder zu Naphta gewandt. „Sie tröstet mich wenig, aber es ist eine. Blicken wir allen Konsequenzen ins Auge ... Mit der Industrie verneint der christliche Kommunismus die Technik, die Maschine, den Fortschritt. Mit dem, was Sie Händlertum nennen, dem Gelde und Geldgeschäft, das der Antike weit höher als Landwirtschaft und Handwerk galt, verneint er die Freiheit. Denn es ist ja klar, es beißt in die Augen, daß dadurch, wie im Mittelalter, alle privaten und öffentlichen Verhältnisse an den Grund und Boden gebunden werden, auch die – es fällt mir nicht eben ganz leicht, es auszusprechen – auch die Persönlichkeit. Kann nur der Boden ernähren, so ist er es allein, der Freiheit verleiht. Handwerker und Bauern, als so ehrenwert sie immer gelten mögen, – besitzen sie keinen Boden, so sind sie Hörige dessen, der welchen besitzt. Tatsächlich bestand bis tief ins Mittelalter hinein die große Menge selbst der Städte aus Hörigen. Sie haben im Gange des Gesprächs dies und das von menschlicher Würde verlauten lassen. Unterdessen verfechten Sie eine Wirtschaftsmoral, an der die Unfreiheit und Würdelosigkeit der menschlichen Persönlichkeit hängt.“
„Über Würde und Würdelosigkeit,“ erwiderte Naphta, „ließe sich reden. Vorderhand wäre es mir eine Genugtuung, wenn diese Zusammenhänge Ihnen Veranlassung gäben, die Freiheit nicht so sehr als schöne Geste, denn als ein Problem zu begreifen. Sie stellen fest, daß die christliche Wirtschaftsmoral in ihrer Schönheit und Menschlichkeit Unfreie schafft. Ich stelle dagegen, daß die Sache der Freiheit, die Sache der Städte, wie man konkreter sagen darf, – daß diese Sache, höchst sittlich, wie sie immer sei, historisch verbunden ist mit der unmenschlichsten Entartung der Wirtschaftsmoral, mit allen Greueln des modernen Händler- und Spekulantentums, mit der Satansherrschaft des Geldes, des Geschäftes.“
„Ich muß darauf bestehen, daß Sie sich nicht hinter Zweifel und Antinomien zurückziehen, sondern sich klar und unzweideutig zur schwärzesten Reaktion bekennen!“
„Der erste Schritt zu wahrer Freiheit und Humanität wäre, sich der schlotternden Furcht vor dem Begriff ‚Reaktion‘ zu entschlagen.“
„Nun, es ist genug“, erklärte Herr Settembrini mit leicht bebender Stimme, indem er Tasse und Teller von sich schob, die übrigens leer waren, und sich vom seidenen Sofa erhob. „Es ist genug für heute, genug für einen Tag, wie mir scheint. Professor, wir danken für die schmackhafte Bewirtung, für das sehr spirituelle Gespräch. Meine Freunde vom Berghof hier ruft die Kur, und ich habe den Wunsch, ihnen, bevor sie gehen, meine Klause droben zu zeigen. Kommen Sie, meine Herren! Addio, Padre!“
Jetzt hatte er Naphta gar „Padre“ genannt! Hans Castorp vermerkte es mit hohen Augenbrauen. Man ließ es geschehen, daß Settembrini den Aufbruch leitete, über die Vettern verfügte und nicht in Frage kommen ließ, ob Naphta vielleicht sich anzuschließen wünsche. Die jungen Leute verabschiedeten sich, ebenfalls dankend, und wurden wiederzukommen ermutigt. Sie gingen mit dem Italiener, nicht ohne daß Hans Castorp das Buch „De miseria humanae conditionis“, einen morschen Pappband, leihweise mit auf den Weg bekam. Noch immer saß der sauerbärtige Lukaček auf seinem Tisch, das Ärmelkleid für die Alte fertigend, als sie an seiner offenen Tür vorüberschritten, um die fast leiterartige Stiege zum Dachgeschoß zu gewinnen. Das war übrigens, klar geschaut, gar kein Geschoß. Es war einfach der Dachstuhl, mit nacktem Gebälk unter der Innenseite der Schindeln und mit der sommerlichen Atmosphäre des Speichers, dem Geruch warmen Holzes. Aber der Dachstuhl enthielt zwei Kammern, und diese bewohnte der republikanische Kapitalist, sie dienten dem schöngeistigen Mitarbeiter an der „Soziologie der Leiden“ als Studio und Schlafkabinett. Mit Heiterkeit zeigte er sie den jungen Freunden, nannte das Kompartiment separiert und traulich, um ihnen die richtigen Worte an die Hand zu geben, deren sie sich zum Lobe bedienen mochten, – was sie denn einstimmig taten. Es sei ganz reizend, fanden sie beide, separiert und traulich, genau wie er sage. Sie taten einen Blick ins Schlafzimmerchen, wo vor der schmalen und kurzen Bettstatt im Mansardenwinkel ein kleiner Flickenteppich lag, und wandten sich dann dem Arbeitsraum wieder zu, der nicht weniger notdürftig ausgestattet war, dabei aber eine gewisse parademäßige und sogar frostige Ordnung aufwies. Plumpe und altmodische Stühle, vier an der Zahl, mit Sitzflächen aus Stroh, waren symmetrisch zu seiten der Türen aufgestellt, und auch der Diwan war an die Wand gerückt, so daß der grüngedeckte Rundtisch, auf dem zum Schmuck oder zur Erquickung und jedenfalls nüchternerweise eine Wasserflasche mit über den Hals gestülptem Glase stand, einsam die Mitte des Zimmers hielt. Bücher, gebunden und broschiert, lehnten auf einem kleinen Wandbort schräg aneinander, und bei dem offenen Fensterchen ragte hochbeinig ein leichtgezimmertes Klapp-Pult mit einem kleinen, dicken Bodenbelag aus Filz davor, eben groß genug, um darauf stehen zu können. Hans Castorp nahm einen Augenblick probeweise hier Aufstellung, – an Herrn Settembrinis Arbeitsstätte, wo er die schöne Literatur zu enzyklopädischen Zwecken unter dem Gesichtspunkt der menschlichen Leiden behandelte, – stützte die Ellbogen auf die schräge Platte und urteilte, daß es sich hier separiert und traulich stehe. So, meinte er, mochte Lodovicos Vater einst zu Padua an seinem Pulte gestanden haben, mit seiner Nase so lang und fein, – und erfuhr, daß es wirklich das Arbeitspult des verstorbenen Gelehrten sei, vor dem er stehe, ja, auch die Strohstühle, der Tisch und selbst die Wasserflasche stammten aus dessen Besitz, und mehr noch: die Strohstühle hatten sogar schon dem Großvater Carbonaro gehört, zu Mailand hatten sie die Wände seines Advokatenbureaus geschmückt. Das war eindrucksvoll. Die Physiognomie der Stühle gewann etwas politisch Wühlerisches in den Augen der jungen Leute, und Joachim verließ den seinen, auf dem er nichtsahnend mit übergeschlagenem Beine gesessen hatte, betrachtete ihn mißtrauisch und nahm ihn nicht wieder ein. Hans Castorp aber, am Stehpult Settembrinis des Älteren, bedachte, wie nun der Sohn daran wirke, indem er die Politik des Großvaters mit dem Humanismus des Vaters zur schönen Literatur vereinige. Dann gingen sie alle drei. Der Schriftsteller hatte sich erboten, die Vettern heimzugeleiten.
Sie schwiegen ein Stück Weges, aber ihr Schweigen handelte von Naphta, und Hans Castorp konnte warten: es war gewiß, daß Herr Settembrini auf seinen Hausgenossen zu sprechen kommen werde, ja, daß er zu diesem Zwecke mit ihnen gegangen sei. Er täuschte sich nicht. Nach einem Aufatmen, das einem Anlauf gleichkam, begann der Italiener:
„Meine Herren – ich möchte Sie warnen.“
Da er eine Pause eintreten ließ, so fragte Hans Castorp natürlich mit falscher Verwunderung: „Wovor?“ Er hätte wenigstens fragen können: „Vor wem?“ aber er faßte sich unpersönlich, um seine ganze Unschuld zu bekunden, während doch sogar Joachim genau Bescheid wußte.
„Vor der Persönlichkeit, deren Gäste wir soeben waren,“ antwortete Settembrini, „und deren Bekanntschaft ich Ihnen gegen Wunsch und Absicht vermittelt habe. Sie wissen, der Zufall wollte es, ich konnte nicht umhin; aber ich trage die Verantwortung und trage schwer daran. Es ist meine Pflicht, Ihre Jugend wenigstens auf die geistigen Gefahren hinzuweisen, die sie im Umgang mit diesem Manne läuft, und Sie übrigens zu bitten, den Verkehr mit ihm in weisen Grenzen zu halten. Seine Form ist Logik, aber sein Wesen ist Verwirrung.“
„Na, allerdings,“ meinte Hans Castorp, so ganz geheuer sei es ja wohl gerade nicht mit Naphta, ein bißchen sonderbar muteten seine Reden wohl manchmal an; es hätte ja geradezu geklungen, als wollte er wahrhaben, daß die Sonne sich um die Erde drehe. Doch schließlich, wie hätten sie, die Vettern, auf den Gedanken kommen sollen, es könne unratsam sein, mit einem Freunde von ihm, Settembrini, in gesellschaftlichen Verkehr zu treten? Er sage es selbst: durch ihn hätten sie Naphta kennengelernt, mit ihm hätten sie ihn getroffen, er gehe mit ihm spazieren, er komme zwanglos zu ihm zum Tee herunter; das beweise doch –
„Gewiß, Ingenieur, gewiß.“ Herrn Settembrinis Stimme klang sanft, resigniert und enthielt doch ein leises Beben. „Dies läßt sich mir erwidern, und darum erwidern Sie es mir. Gut, ich verantworte mich bereitwillig. Ich lebe mit diesem Herrn unter einem Dach, Begegnungen sind unvermeidlich, ein Wort gibt das andere, man macht Bekanntschaft. Herr Naphta ist ein Mann von Kopf – das ist selten. Er ist eine diskursive Natur – ich bin es auch. Verurteile mich, wer will, aber ich mache Gebrauch von der Möglichkeit, mit einem immerhin ebenbürtigen Gegner die Klinge der Idee zu kreuzen. Ich habe niemanden weit und breit ... Kurz, es ist wahr, ich komme zu ihm, er kommt zu mir, wir promenieren auch miteinander. Wir streiten. Wir streiten uns aufs Blut, fast jeden Tag, aber ich gestehe, die Gegensätzlichkeit und Feindseligkeit seiner Gedanken bildet einen Reiz mehr für mich, mit ihm zusammenzutreffen. Ich brauche die Friktion. Gesinnungen leben nicht, wenn sie keine Gelegenheit haben, zu kämpfen, und – ich bin in den meinen gefestigt. Wie könnten Sie von sich dasselbe behaupten – Sie, Leutnant, oder auch Sie, Ingenieur? Sie sind ungewappnet gegen intellektuelles Blendwerk, Sie sind der Gefahr ausgesetzt, unter den Einwirkungen dieser halb fanatischen und halb boshaften Rabulistik Schaden zu nehmen an Geist und Seele.“
Ja, ja, sagte Hans Castorp, wohl wahr, sein Vetter und er, sie seien wohl mehr oder weniger bedrohte Naturen. Es sei die Geschichte mit den Sorgenkindern des Lebens, er verstehe. Aber demgegenüber könne man ja Petrarca anführen mit seinem Wahlspruch, Herr Settembrini wisse schon, und hörenswert sei es doch unter allen Umständen, was Naphta so vorbringe: man müsse gerecht sein, das mit der kommunistischen Zeit, für deren Ablauf niemand eine Prämie bekommen dürfe, sei vorzüglich gewesen, und dann habe es ihn auch sehr interessiert, einiges über Pädagogik zu hören, was er ohne Naphta wohl nie zu hören bekommen hätte ...
Herr Settembrini preßte die Lippen zusammen, und so beeilte sich Hans Castorp hinzuzufügen, daß er selbst sich natürlich jeder Partei- und Stellungnahme enthalte, nur eben hörenswert habe er es gefunden, was Naphta über die Lust der Jugend gesagt habe. „Erklären Sie mir aber nun erst einmal eines!“ fuhr er fort. „Da hat nun dieser Herr Naphta – ich sage ‚dieser Herr‘, um anzudeuten, daß ich durchaus nicht unbedingt mit ihm sympathisiere, sondern mich im Gegenteil innerlich höchst reserviert verhalte –“
„Woran Sie wohltun!“ rief Settembrini dankbar.
„– Da hat er nun also eine Menge gegen das Geld geredet, die Seele des Staates, wie er sich ausdrückt, und gegen das Eigentum, weil es Diebstahl sei, kurz, gegen den kapitalistischen Reichtum, von dem er, glaube ich, sagte, er sei der Brennstoff des höllischen Feuers – so drückte er sich annähernd einmal aus, wenn ich nicht irre, und lobte das mittelalterliche Zinsverbot in allen Tönen. Und dabei, er selbst ... Entschuldigen Sie, aber er muß doch ... Es ist ja eine Überraschung sondergleichen, wenn man so bei ihm eintritt. All die Seide ...“
„Ei, ja,“ lächelte Settembrini, „das ist eine charakteristische Geschmacksrichtung.“
„... die schönen alten Meubles,“ erinnerte sich Hans Castorp weiter, „die Pietà aus dem vierzehnten Jahrhundert ... Der venezianische Kronleuchter ... der kleine Heiduck in Livree ... und beliebig viel Schokoladebaumkuchen gab es auch ... Er muß doch für seine Person –“
„Herr Naphta,“ antwortete Settembrini, „ist für seine Person so wenig Kapitalist wie ich.“
„Aber?“ fragte Hans Castorp ... „Es ist nun ein Aber fällig in Ihrer Rede, Herr Settembrini.“
„Nun, die dort lassen keinen darben, der zu ihnen gehört.“
„Wer, ‚die dort‘?“
„Jene Väter.“
„Väter? Väter?“
„Aber, Ingenieur, ich meine die Jesuiten!“
Das gab eine Pause. Die Vettern zeigten größte Betroffenheit. Hans Castorp rief:
„Was, Himmel, Kreuz, verflucht nochmal – der Mann ist ein Jesuit?!“
„Sie haben es erraten“, sprach Herr Settembrini fein.
„Nein, nie im Leben hätte ich ... Wer kommt denn auf so was! Darum also haben Sie ihn Padre tituliert?“
„Das war eine kleine Höflichkeitsübertreibung“, entgegnete Settembrini. „Herr Naphta ist nicht Pater. Die Krankheit ist schuld daran, daß er es vorderhand nicht soweit gebracht hat. Aber er hat das Noviziat absolviert und die ersten Gelübde getan. Die Krankheit zwang ihn, seine theologischen Studien zu unterbrechen. Er hat dann noch einige Jahre als Präfekt in einem Ordensinstitut Dienst verrichtet, das heißt: als Aufseher, Präceptor, Gouverneur der jungen Zöglinge. Das kam seinen pädagogischen Neigungen entgegen. Hier kann er ihnen weiter nachhängen, indem er am Fridericianum Lateinisch lehrt. Er ist seit fünf Jahren hier. Es ist unsicher geworden, ob und wann er diesen Ort wird verlassen dürfen. Aber er ist Angehöriger des Ordens, und wäre er ihm selbst lockerer verbunden, es könnte ihm nirgends fehlen. Ich sagte Ihnen, daß er für seine Person arm, will sagen: besitzlos ist. Natürlich, das ist Vorschrift. Aber der Orden verfügt über ungemessene Reichtümer, und er sorgt für die Seinen, wie Sie sahen.“
„Donner – Keil“, murmelte Hans Castorp. „Und ich habe überhaupt nicht gewußt und gedacht, daß es sowas in allem Ernste noch gäbe! Ein Jesuit. Ja so! ... Aber sagen Sie mir eins: Wenn er nun also von dorther so wohl versorgt und versehen ist – warum in aller Welt wohnt er dann ... Ich will gewiß Ihrem Logis nicht zu nahe treten, Herr Settembrini, Sie haben es reizend bei Lukaček, so angenehm separiert und außerdem besonders traulich. Ich meine aber: wenn Naphta es nun doch so dicke hat, um mich gewöhnlich auszudrücken – warum nimmt er sich nicht eine andere Wohnung, statiöser, mit ordentlichem Aufgang und großen Zimmern, in einem feinen Haus? Es hat ja direkt was Verstecktes und Abenteuerliches, wie er da in dem Loch mit all seiner Seide ...“
Settembrini zuckte die Achseln.
„Es müssen wohl Takt- und Geschmacksgründe sein,“ sagte er, „die ihn dazu bestimmen. Ich nehme an, er verbessert sein antikapitalistisches Gewissen, indem er die Zimmer eines Armen bewohnt, und sich schadlos hält durch die Art, wie er sie bewohnt. Auch Diskretion wird im Spiele sein. Man bindet es den Leuten nicht auf die Nase, wie gut einen der Teufel von hinten versorgt. Man schützt eine recht unscheinbare Fassade vor und entfaltet dahinter seinen seidenen Priestergeschmack ...“
„Hochmerkwürdig!“ sagte Hans Castorp. „Absolut neu und geradezu aufregend für mich, wie ich gestehe. Nein, wir sind Ihnen wirklich zu Dank verbunden, Herr Settembrini, für diese Bekanntschaft. Wollen Sie glauben, daß wir noch manches liebe Mal hingehen werden und ihn besuchen? Das ist ausgemacht. So ein Umgang erweitert ja den Horizont in ganz unverhofftem Grade und gibt Einblick in eine Welt, von deren Existenz man keine blasse Ahnung hatte. Ein richtiger Jesuit! Und wenn ich sage: ‚richtig‘, so gebe ich mir selbst das Stichwort, für das, was mir durch den Kopf geht, und was ich denn doch noch bemerken muß. Ich frage: Ist er denn richtig? Ich weiß wohl, Sie meinen, daß es überhaupt nicht richtig ist mit einem, den der Teufel von hinten versorgt. Was ich aber meine, läuft auf die Fragestellung hinaus: Ist er richtig als Jesuit – das geht mir im Kopf herum. Er hat da Dinge geäußert – Sie wissen, welche ich meine – über den modernen Kommunismus und über den Gotteseifer des Proletariats, das seine Hand nicht zurückhalten soll vom Blute – kurzum, Dinge, ich sage nichts weiter darüber, aber Ihr Großvater mit seiner Bürgerpike war ja das reine Lämmlein dagegen, entschuldigen Sie meine Ausdrucksweise. Geht denn das? Hat das die Zustimmung seiner Vorgesetzten? Verträgt es sich mit der römischen Lehre, für die doch der Orden in aller Welt intrigieren soll, soviel ich weiß? Ist es nicht – wie heißt das Wort – häretisch, abweichend, inkorrekt? Das überlege ich mir bezüglich Naphtas und hörte gern, was Sie denken.“
Settembrini lächelte.
„Sehr einfach. Herr Naphta ist allerdings in erster Linie Jesuit, ist es recht und ganz. Zum zweiten aber ist er ein Mann von Geist – ich würde sonst nicht seine Gesellschaft suchen –, und als solcher trachtet er nach neuen Kombinationen, Anpassungen, Anknüpfungen, zeitgemäßen Abwandlungen. Sie sahen mich selbst überrascht durch seine Theorien. Er hatte sich mir so weitgehend noch nicht offenbart. Ich benutzte die Anregung, die ihm sichtlich Ihre Gegenwart gewährte, um ihn zu reizen, in gewisser Beziehung sein letztes Wort zu sagen. Es lautete schnurrig genug, gräßlich genug ...“
„Ja, ja; aber warum ist er nicht Pater geworden? Er hätte doch wohl das Alter dazu.“
„Ich sagte Ihnen ja, daß die Krankheit es war, die ihn vorläufig daran gehindert hat.“
„Gut, aber meinen Sie nicht: wenn er erstens Jesuit ist und zweitens ein Mann von Geist, mit Kombinationen – daß dies zweite, hinzukommende, mit der Krankheit zu tun hat?“
„Was wollen Sie damit sagen?“
„Nein, nein, Herr Settembrini. Ich meine nur: er hat eine feuchte Stelle, und die hinderte ihn, Pater zu werden. Aber seine Kombinationen hätten ihn auch wohl daran gehindert, und insofern – gewissermaßen, gehören die Kombinationen und die feuchte Stelle zusammen. Er ist auf seine Art auch so was wie ein Sorgenkind des Lebens, ein joli jésuite mit einem petite tache humide.“
Sie hatten das Sanatorium erreicht. Auf der Plattform vorm Hause blieben sie noch etwas stehen, bevor sie sich trennten, traten zu einer kleinen Gruppe zusammen, während ein paar Patienten, die am Portal herumlungerten, ihrem Gespräche zusahen. Herr Settembrini sagte:
„Um es zu wiederholen, meine jungen Freunde, ich warne Sie. Ich kann Ihnen nicht verwehren, die einmal gemachte Bekanntschaft zu kultivieren, wenn die Neugier Sie dazu treibt. Aber wappnen Sie Herz und Geist dabei mit Mißtrauen, lassen Sie es niemals fehlen an kritischem Widerstand. Ich werde Ihnen diesen Mann mit einem Worte kennzeichnen. Er ist ein Wollüstiger.“
Die Gesichter der Vettern verzogen sich. Dann fragte Hans Castorp:
„Ein ... wie? Erlauben Sie, er ist doch Ordensmann. Da sind ja bestimmte Gelübde zu leisten, soviel ich weiß, und außerdem ist er so miekerig und leibarm ...“
„Sie reden töricht, Ingenieur“, erwiderte Herr Settembrini. „Das hat mit Leibarmut gar nichts zu tun, und was die Gelübde betrifft, so gibt es da Vorbehalte. Ich sprach jedoch in einem weiteren und geistigeren Sinn, für den ich nachgerade Verständnis bei Ihnen sollte voraussetzen dürfen. Erinnern Sie sich wohl noch, wie ich Sie eines Tages auf Ihrem Zimmer besuchte – es ist lange her, furchtbar lange –, Sie absolvierten eben die Bettruhe nach erfolgter Aufnahme ...“
„Selbstverständlich! Sie traten in der Dämmerung ein und machten Licht, ich weiß es wie heute ...“
„Gut, damals kamen wir im Plaudern, wie es gottlob des öfteren geschieht, auf höhere Gegenstände. Ich glaube gar, wir sprachen von Tod und Leben, von den Würden des Todes, insofern er Bedingung und Zubehör des Lebens ist, und von der Fratzenhaftigkeit, der er verfällt, wenn der Geist ihn abscheulicherweise als Prinzip isoliert. Meine Herren!“ fuhr Herr Settembrini fort, indem er dicht vor die beiden jungen Leute hintrat, Daumen und Mittelfinger der Linken gabelförmig gegen sie spreizte, gleichsam, um sie zur Aufmerksamkeit zusammenzufassen, und den Zeigefinger der Rechten mahnend erhob ... „Prägen Sie sich ein, daß der Geist souverän ist, sein Wille ist frei, er bestimmt die sittliche Welt. Isoliert er dualistisch den Tod, so wird derselbe durch diesen geistigen Willen wirklich und in der Tat, actu, Sie verstehen mich, zur eigenen, dem Leben entgegengesetzten Macht, zum widersacherischen Prinzip, zur großen Verführung, und sein Reich ist das der Wollust. Sie fragen mich, warum der Wollust? Ich antworte Ihnen: weil er löst und erlöst, weil er die Erlösung ist, aber nicht die Erlösung vom Übel, sondern die üble Erlösung. Er löst Sitte und Sittlichkeit, er erlöst von Zucht und Haltung, er macht frei zur Wollust. Wenn ich Sie warne vor dem Manne, dessen Bekanntschaft ich Ihnen ungern vermittelte, wenn ich Sie auffordere, im Verkehr und Diskurs mit ihm Ihre Herzen dreimal mit Kritik zu umgürten, so geschieht es, weil alle seine Gedanken wollüstiger Art sind, denn sie stehen unter dem Schutze des Todes, – einer höchst liederlichen Macht, wie ich Ihnen damals sagte, Ingenieur, – ich erinnere mich wohl meines Ausdrucks, ich behalte tüchtige und treffliche Äußerungen, die zu tun ich Gelegenheit fand, stets im Gedächtnis –, einer gegen Gesittung, Fortschritt, Arbeit und Leben gerichteten Macht, vor deren mephitischem Hauch junge Seelen zu schützen des Erziehers vornehmste Pflicht ist.“
Man konnte nicht besser sprechen als Herr Settembrini, nicht klarer und gerundeter. Hans Castorp und Joachim Ziemßen bedankten sich recht schön bei ihm für das Gehörte, empfahlen sich und erstiegen das Berghofportal, während Herr Settembrini, eine Treppe über Naphtas seidene Zelle hinaus, an sein Humanistenpult zurückkehrte.
Es war der erste Besuch der Vettern bei Naphta, dessen Verlauf wir hier festhielten. Seither waren demselben zwei oder drei weitere gefolgt, einer sogar in Abwesenheit Herrn Settembrinis; und auch sie lieferten dem jungen Hans Castorp Stoff zur Betrachtung, wenn er, indes das Hochgebild, genannt Homo Dei, seinem inneren Auge vorschwebte, an dem blaublühenden Ort seiner Zurückgezogenheit saß und „regierte“.
Jähzorn. Und noch etwas ganz Peinliches
So kam der August, und glücklich war unter seinen ersten Tagen der Jahrestag von unseres Helden Ankunft bei uns hier oben vorübergeschlüpft. Nur gut, daß er vorüber war, – er hatte dem jungen Hans Castorp etwas unangenehm vorgestanden. So war es die Regel. Der Tag der Ankunft war nicht beliebt, es wurde seiner unter den Voll- und Mehrjährigen nicht gedacht, und während doch sonst kein Vorwand zu Festivität und Becherklang unbenutzt blieb, die allgemeinen und großen Betonungen im Jahresrhythmus und -pulslauf durch möglichst viele private und irreguläre vermehrt und Geburtstage, Generaluntersuchungen, bevorstehende wilde oder echte Abreisen und dergleichen Anlässe mehr mit Schmaus und Pfropfenknall im Restaurant begangen wurden, – widmete man diesem Gedenktage nichts als Stillschweigen, ließ sich darüber hinweggleiten, vergaß auch wohl wirklich, auf ihn zu achten und durfte vertrauen, daß die andern ihn überhaupt nicht so genau im Sinne hatten. Auf Gliederung hielt man wohl; man beobachtete den Kalender, den Turnus, die äußere Wiederkehr. Aber die Zeit, die sich für den einzelnen mit dem Raum hier oben verband, die persönliche und individuelle Zeit also zu messen und zu zählen war Sache der Kurzfristigen und Anfänger; die Eingesessenen lobten sich in dieser Hinsicht das Ungemessene und Achtlos-Ewige, den Tag, der immer derselbe war, und einer setzte mit Zartgefühl beim anderen einen Wunsch voraus, den er selber hegte. Es hätte für ganz und gar ungeschickt und brutal gegolten, jemandem zu sagen, heut sei er drei Jahre hier, – das kam nicht vor. Frau Stöhr selbst, so weit es ihr sonst immer fehlen mochte, in diesem Punkt war sie taktfest und abgeschliffen, nie wäre ein solcher Verstoß ihr untergelaufen. Ihr Kranksein, der Fieberstand ihres Körpers war mit großer Unbildung verbunden, gewiß. Noch kürzlich hatte sie bei Tische von der „Affektation“ ihrer Lungenspitzen gesprochen und, als das Gespräch auf historische Dinge gekommen war, erklärt, Geschichtszahlen seien nun einmal ihr „Ring des Polykrates“, was ebenfalls eine gewisse Erstarrung der Umsitzenden hervorgerufen hatte. Aber daß sie etwa im Februar den jungen Ziemßen an sein Jubiläum hätte erinnern sollen, wäre undenkbar gewesen, obgleich sie wahrscheinlich daran gedacht hatte. Denn ihr unseliger Kopf war natürlich voll unnützer Daten und Dinge, und sie liebte es, anderen nachzurechnen; aber die Sitte hielt sie im Zaum.
So denn auch an Hans Castorps Tage. Sie hatte ihm wohl beim Essen einmal bedeutlich zuzuzwinkern versucht, aber da er dem Zeichen mit leerer Miene begegnet war, hatte sie sich schleunig zurückgezogen. Auch Joachim hatte gegen den Vetter geschwiegen, und doch war er des Datums wohl eingedenk gewesen, an dem er den Zu-Besuch-Kommenden von Station „Dorf“ abgeholt hatte. Aber Joachim, zum Reden von Natur schon nicht sehr geneigt, bei weitem nicht so, wie Hans Castorp es wenigstens hier oben geworden, von Humanisten und Rabulisten ihrer Bekanntschaft ganz zu schweigen, – Joachim hatte sich in letzter Zeit eine besondere und auffallende Schweigsamkeit angeeignet, nur Einsilbigkeiten kamen noch über seine Lippen, aber in seiner Miene arbeitete es. Es war klar, daß sich für ihn mit Station „Dorf“ andere Vorstellungen verbanden als die des Abholens und der Ankunft ... Er stand in regem Briefwechsel mit dem Flachlande. Entschlüsse reiften in ihm. Vorbereitungen, die er traf, näherten sich ihrem Abschluß.
Der Juli war warm und heiter gewesen. Aber mit Anbruch des neuen Monats fiel schlechtes Wetter ein, trübe Nässe, Schneeregen, dann unzweideutiger Schneefall, und mit Einschaltung einzelner prangender Sommertage dauerte das an, über das Monatsende hin, in den September hinein. Anfangs hielten die Zimmer sich noch warm von der vorhergegangenen Sommerperiode; man hatte zehn Grad darin, das galt für behaglich. Aber rasch wurde es kälter und kälter, und man war froh über den Schnee, der das Tal bedeckte, denn sein Anblick – nur dieser, der Tiefstand der Temperatur allein wäre ohne Folge geblieben – bewog die Verwaltung, zu heizen, zuerst nur den Speisesaal, dann auch die Zimmer, und man konnte, wenn man, nach geleistetem Liegedienst aus seinen zwei Decken gewickelt, von der Loggia hereinkam, mit den feuchtstarren Händen die belebten Röhren betasten, deren trockener Hauch freilich das Brennen der Wangen verstärkte.
War das der Winter? Die Sinne konnten sich diesem Eindruck nicht entziehen, und man klagte, man sei „um den Sommer betrogen“, obgleich man, unterstützt von natürlichen und künstlichen Umständen, durch einen innerlich wie äußerlich verschwenderischen Zeitverbrauch sich selber um ihn betrogen hatte. Die Vernunft wollte wissen, daß noch schöne Herbsttage folgen würden; vielleicht sogar serienweise würden sie erscheinen und in so warmer Pracht, daß ihnen mit dem Namen des Sommers nicht zuviel Ehre würde angetan werden, vorausgesetzt, daß man sich den schon flacheren Tageslauf der Sonne, ihren schon zeitigen Abschied aus dem Sinne schlug. Aber die Wirkung auf das Gemüt, die der Anblick der Winterlandschaft draußen hervorbrachte, war stärker als solche Tröstungen. Man stand an seiner geschlossenen Balkontür und starrte mit Ekel hinaus in das Gestöber, – Joachim war es, der so stand, und mit gepreßter Stimme sagte er:
„Soll nun das wieder losgehen?“
Hans Castorp, hinter ihm im Zimmer, erwiderte:
„Das wäre etwas früh, es kann nicht endgültig sein, aber es gibt sich allerdings eine schauderhaft endgültige Miene. Wenn Winter in Dunkelheit, Schnee und Kälte und warmen Röhren besteht, dann ist wieder Winter, da gibt es nichts zu leugnen. Und wenn man bedenkt, daß ja eben erst Winter war und kaum die Schneeschmelze vorüber ist – jedenfalls scheint es uns so, nicht wahr, als ob doch gerade erst Frühling gewesen wäre, – dann kann einem momentweise schlecht werden, das gebe ich zu. Es ist gefährlich für die menschliche Lebenslust, – laß dir erläutern, wie ich das meine. Ich meine es so, daß die Welt normaler Weise so eingerichtet ist, wie es den Bedürfnissen des Menschen entspricht und der Lebenslust zukömmlich ist, das muß man anerkennen. Ich will nicht so weit gehen, zu sagen, daß die Naturordnung, zum Beispiel also gleich mal die Größe der Erde, die Zeit, die sie zur Umdrehung um sich selbst und um die Sonne braucht, der Wechsel der Tages- und Jahreszeiten, der kosmische Rhythmus, wenn du willst, – nach unserem Bedürfnis bemessen ist, – das wäre wohl frech und einfältig, es wäre Teleologie, wie der Denker sagt. Aber die Sache ist einfach so, daß unser Bedürfnis und die allgemeinen, grundlegenden Naturtatsachen gottlob miteinander in Einklang stehen – gottlob, sage ich, denn es ist wirklich ein Anlaß, Gott zu loben –, und wenn im Flachland der Sommer kommt oder der Winter, dann ist der vorige Sommer oder Winter genau so lange her, daß Sommer und Winter uns wieder neu und willkommen sind, und darauf beruht die Lebenslust. Bei uns hier oben nun aber ist diese Ordnung und dieser Einklang gestört, erstens weil es hier eigentlich gar keine richtigen Jahreszeiten gibt, wie du selbst mal bemerktest, sondern bloß Sommertage und Wintertage pêle-mêle durcheinander, und außerdem, weil es überhaupt keine Zeit ist, was einem hier vergeht, so daß der neue Winter, wenn er kommt, gar nicht neu ist, sondern wieder der alte; und daraus erklärt sich das Mißvergnügen, mit dem du da durch die Scheibe guckst.“
„Danke sehr“, sagte Joachim. „Und nun, wo du es erklärt hast, da bist du, glaub’ ich, so zufrieden, daß du unter anderm auch mit der Sache selbst zufrieden bist, obgleich sie doch ... Nein!“ sagte Joachim. „Schluß!“ sagte er. „Es ist eine Schweinerei. Das Ganze ist eine ungeheuere, ekelhafte Schweinerei, und wenn du für dein Teil ... Ich ...“ Und er verließ raschen Schrittes das Zimmer, zog zornig die Tür hinter sich zu, und wenn nicht alles täuschte, so hatten Tränen in seinen schönen, sanften Augen gestanden.
Der andere blieb betreten zurück. Er hatte gewisse Entschlüsse des Vetters nicht sehr ernst genommen, solange dieser sich in lauten Ankündigungen ergangen hatte. Nun aber, da es nur noch schweigend in Joachims Miene arbeitete und er sich benahm wie eben, erschrak Hans Castorp, weil er begriff, daß dieser Militär der Mann war, zu Taten überzugehen, – erschrak bis zum Erblassen und zwar für sie beide, für sich und ihn. Fort possible qu’il va mourir, dachte er, und da das sicherlich eine Wissenschaft aus dritter Hand war, so mischte sich auch noch die Pein alten, nie gestillten Verdachtes hinein, während er gleichzeitig dachte: Ist es möglich, daß er mich allein hier oben läßt, – mich, der ich doch nur gekommen bin, ihn zu besuchen?! um hinzuzufügen: das wäre doch toll und schrecklich, – es wäre dermaßen toll und schrecklich, daß ich fühle, wie ich ganz kalt im Gesicht werde und mein Herz sich regellos aufführt, denn wenn ich allein hier oben zurückbleibe – und das tue ich, wenn er abreist; daß ich mit ihm fahre, ist platterdings ausgeschlossen –, dann ist es ja – aber nun steht mein Herz überhaupt still – dann ist es ja für immer und ewig, denn allein finde ich nie und nimmermehr den Weg ins Flachland zurück ...
Soweit Hans Castorps schreckhafter Gedankengang. Noch am selben Nachmittag sollte er über den Lauf der Dinge Gewißheit erlangen: Joachim erklärte sich, die Würfel fielen, es kam zu Schlag und Entscheidung.
Nach dem Tee stiegen sie ins helle Souterrain hinab zur Monatsuntersuchung. Es war Anfang September. Beim Eintritt ins trocken durchhauchte Ordinationszimmer fanden sie Dr. Krokowski an seinem Schreibtischplatz, während der Hofrat, sehr blau im Gesicht, mit untergeschlagenen Armen an der Wand lehnte, in der einen Hand das Hörrohr, mit dem er sich gegen die Schulter klopfte. Er gähnte zur Decke empor. „Mahlzeit, Kinder!“ sagte er matt und ließ auch fernerhin eine recht schlaffe Laune merken, Melancholie, allgemeinen Verzicht. Wahrscheinlich hatte er geraucht. Es lagen aber auch sachliche Ärgernisse vor, von denen die Vettern schon gehört hatten, Anstaltsinterna von sattsam bekannter Art: ein junges Mädchen, Ammy Nölting mit Namen, welches, eingetreten zuerst im Herbst vorvorigen Jahres und nach neun Monaten, im August, als gesund entlassen, sich vor Ablauf des September schon wieder eingefunden hatte, weil sie sich zu Hause „nicht wohlgefühlt“ habe, zum Februar abermals völlig geräuschlos befunden und dem Flachlande zurückgegeben worden war, aber seit Mitte Juli schon wieder ihren Platz am Tische der Iltis einnahm, – diese Ammy war 1 Uhr nachts mit einem Leidenden namens Polypraxios, demselben Griechen, der beim Faschingsfest durch die Wohlgestalt seiner Beine berechtigtes Aufsehen erregt hatte, einem jungen Chemiker, dessen Vater am Piräus Farbwerke besaß, in ihrem Zimmer ertappt worden und zwar durch eine von Eifersucht verstörte Freundin, die auf demselben Wege in Ammys Zimmer gelangt war wie Polypraxios, nämlich über die Balkons, und, zerrissen von Schmerz und Wut über das Wahrgenommene, ein furchtbares Geschrei erhoben, alles in Bewegung gesetzt und die Sache an die große Glocke gehängt hatte. Behrens hatte allen dreien, dem Athener, der Nölting und ihrer Freundin, die vor Leidenschaft der eigenen Ehre wenig geachtet hatte, den Laufpaß geben müssen und eben jetzt mit seinem Assistenten, bei dem übrigens Ammy sowohl wie die Verräterin in Privatbehandlung gestanden hatten, die widrige Sache durchgesprochen. Auch während der Untersuchung der Vettern fuhr er noch fort, im Tone der Schwermut und der Resignation sich darüber auszulassen; denn er war ein so fertiger Künstler der Auskultation, daß er zugleich eines Menschen Inneres belauschen, von etwas anderem reden und dem Assistenten das Erhorchte diktieren konnte.
„Ja, ja, gentlemen, die verfluchte libido!“ sagte er. „Sie haben natürlich noch Ihr Vergnügen an der Chose, Ihnen kann’s recht sein. – Vesikulär. – Aber so ein Anstaltschef, der hat davon die Neese plein, das können Sie mir – Dämpfung – das können Sie mir glauben. Kann ich dafür, daß die Phthise nun mal mit besonderer Konkupiszenz verbunden ist – leichte Rauhigkeit? Ich habe es nicht so eingerichtet, aber eh’ man sich’s versieht, steht man da wie ein Hüttchenbesitzer, – verkürzt hier unter der linken Achsel. Wir haben die Analyse, wir haben die Aussprache, – ja Mahlzeit! Je mehr die Rasselbande sich ausspricht, desto lüsterner wird sie. Ich predige die Mathematik. – Besser hier, das Geräusch ist weg. – Die Beschäftigung mit der Mathematik, sage ich, ist das beste Mittel gegen die Kupidität. Staatsanwalt Paravant, der stark angefochten war, hat sich drauf geworfen, er hat es jetzt mit der Quadratur des Kreises und spürt große Erleichterung. Aber die meisten sind ja zu dumm und zu faul dazu, daß Gott erbarm’. – Vesikulär. – Sehen Sie, ich weiß ganz gut, daß junges Volk hier gar nicht ganz unschwer verlumpt und verkommt, und früher habe ich manchmal einzuschreiten versucht gegen die Debauchen. Aber dann ist es mir passiert, daß irgendein Bruder oder Bräutigam mich ins Gesicht hinein gefragt hat, was es mich eigentlich angehe. Seitdem bin ich nur noch Arzt – schwaches Rasseln rechts oben.“
Er war fertig mit Joachim, steckte sein Hörrohr in die Kitteltasche und rieb sich mit der riesigen Linken die beiden Augen, wie er zu tun pflegte, wenn er „abfiel“ und melancholisch war. Halb mechanisch und zwischendurch gähnend vor Mißlaune sagte er sein Sprüchlein her:
„Na, Ziemßen, nur immer munter. Ist ja noch immer nicht alles genau so, wie es im Physiologiebuche steht, hapert noch da und da, und mit Gaffky haben Sie Ihre Angelegenheiten auch noch nicht restlos bereinigt, sind sogar in der Skala gegen neulich um eine Nummer aufgerückt, – sechs ist es diesmal, aber darum nur keinen Weltschmerz geblasen. Als Sie herkamen, waren Sie kränker, das kann ich Ihnen schriftlich geben, und wenn Sie noch fünf, sechs Manote – wissen Sie, daß man früher ‚mânôt‘ sagte und nicht ‚Monat‘? War eigentlich viel volltöniger. Ich habe mir vorgenommen, nur noch ‚Manot‘ zu sagen –“
„Herr Hofrat“, setzte Joachim an ... Er stand, mit bloßem Oberkörper, in geschlossener Haltung, Brust heraus, die Absätze zusammengenommen, und war so fleckig im Gesicht wie damals, als Hans Castorp bei bestimmter Gelegenheit erstmals bemerkt hatte, daß dies die Art des tief Gebräunten sei, blaß zu werden.
„Wenn Sie,“ redete Behrens über seinen Anlauf hin, „noch rund ein halbes Jährchen hier stramm Gamaschendienst tun, dann sind Sie ein gemachter Mann, dann können Sie Konstantinopel erobern, dann können Sie vor lauter Markigkeit Oberbefehlshaber in den Marken werden –“
Wer weiß, was er in seiner Verdüsterung noch alles gekohlt haben würde, wenn Joachims unbeirrte Haltung, seine unverkennbare Gewilltheit, zu sprechen, und zwar mutig zu sprechen, ihn nicht aus dem Konzept gebracht hätte.
„Herr Hofrat,“ sagte der junge Mann, „ich wollte gehorsamst melden, daß ich mich entschlossen habe, zu reisen.“
„Nanu? Wollen Sie Reisender werden? Ich dachte, Sie wollten später mal, als gesunder Mensch, zum Militär?“
„Nein, ich muß jetzt abreisen, Herr Hofrat, in acht Tagen.“
„Sagen Sie mal, hör’ ich recht? Sie werfen die Flinte hin, Sie wollen durchbrennen? Wissen Sie, daß das Desertion ist?“
„Nein, das ist nicht meine Auffassung, Herr Hofrat. Ich muß nun zum Regiment.“
„Obgleich ich Ihnen sage, daß ich Sie in einem halben Jahr bestimmt entlassen kann, daß ich Sie aber vor einem halben Jahr nicht entlassen kann?“
Joachims Haltung wurde immer dienstlicher. Er nahm den Magen herein und sagte kurz und gepreßt:
„Ich bin über anderthalb Jahre hier, Herr Hofrat. Ich kann nicht länger warten. Herr Hofrat haben ursprünglich gesagt: ein Vierteljahr. Dann ist meine Kur immer wieder viertel- und halbjahrsweise verlängert worden, und ich bin immer noch nicht gesund.“
„Ist das mein Fehler?“
„Nein, Herr Hofrat. Aber ich kann nicht länger warten. Wenn ich nicht ganz den Anschluß verpassen will, so kann ich meine richtige Genesung hier oben nicht abwarten. Ich muß jetzt hinunter. Ich brauche noch etwas Zeit für meine Equipierung und andere Vorbereitungen.“
„Sie handeln im Einverständnis mit Ihrer Familie?“
„Meine Mutter ist einverstanden. Es ist alles abgemacht. Ich trete ersten Oktober als Fahnenjunker bei den Sechsundsiebzigern ein.“
„Auf jede Gefahr?“ fragte Behrens und sah ihn aus blutunterlaufenen Augen an ...
„Zu Befehl, Herr Hofrat“, antwortete Joachim mit zuckenden Lippen.
„Na, dann is gut, Ziemßen.“ Der Hofrat wechselte die Miene, gab nach in seiner Haltung und ließ in jeder Weise locker. „Is gut, Ziemßen. Rühren Sie! Reisen Sie mit Gott. Ich sehe, Sie wissen, was Sie wollen, Sie nehmen die Sache auf sich, und soviel stimmt, daß es Ihre Sache ist, nicht meine, von dem Augenblick an, wo Sie sie auf sich nehmen. Selbst ist der Mann. Sie reisen ohne Garantie, ich stehe für nichts. Aber bewahre, es kann ganz gut gehen. Ist ja ein luftiger Beruf, den Sie ergreifen. Kann durchaus sein, daß es Ihnen bekommt und daß Sie sich herausbeißen.“
„Jawohl, Herr Hofrat.“
„Na, und Sie, junger Mann aus dem Zivilpublikum? Sie wallen wohl mit?“
Das war Hans Castorp, der antworten sollte. Er stand da, ebenso bleich wie vor Jahresfrist bei jener Untersuchung, die seine Aufnahme herbeigeführt hatte, stand auf demselben Fleck wie damals, und wieder war deutlich das Pulsen seines Herzens gegen die Rippen zu sehen. Er sagte:
„Ich möchte es von Ihrem Votum abhängig machen, Herr Hofrat.“
„Meinem Votum. Schön!“ Und er zog ihn am Arme an sich, horchte und klopfte. Er diktierte nicht. Es ging ziemlich schnell. Als er fertig war, sagte er:
„Sie können reisen.“
Hans Castorp stotterte:
„Das heißt ... wieso. Bin ich denn gesund?“
„Ja, Sie sind gesund. Die Stelle links oben ist nicht mehr der Rede wert. Ihre Temperatur paßt nicht zu der Stelle. Woher sie kommt, kann ich Ihnen nicht sagen. Ich nehme an, daß sie weiter nichts zu bedeuten hat. Meinetwegen können Sie reisen.“
„Aber ... Herr Hofrat ... Das ist vielleicht im Augenblick nicht Ihr voller Ernst?“
„Nicht mein Ernst? Wieso denn? Was denken Sie denn? Was denken Sie überhaupt so beiläufig von mir, möchte ich wissen? Wofür halten Sie mich? Für einen Hüttchenbesitzer?!“
Es war Jähzorn. Die Bläue in des Hofrats Gesicht hatte sich ins Veilchenfarbene vertieft durch lodernden Zudrang, die einseitige Schürzung seiner Lippe mit dem Schnurrbärtchen sich heftig verstärkt, so daß die seitlichen Oberzähne sichtbar wurden, er schob den Kopf vor, wie ein Stier, seine Augen quollen tränend und blutig.
„Das verbitte ich mir!“ schrie er. „Ich bin erstens überhaupt kein Besitzer! Ich bin ein Angestellter hier! Ich bin Arzt! Ich bin nur Arzt, verstehen Sie mich?! Ich bin kein Kuppelonkel! Ich bin kein Signor Amoroso auf dem Toledo im schönen Neapel, verstehen Sie mich wohl?! Ich bin ein Diener der leidenden Menschheit! Und sollten Sie sich eine andere Auffassung gebildet haben von meiner Person, dann können Sie beide zum Kuckuck gehen, in die Binsen oder vor die Hunde, ganz nach beliebiger Auswahl! Glückliche Reise!“
Mit langen und breiten Schritten ging er zur Tür hinaus, durch die Tür, die ins Vorzimmer des Durchleuchtungsraumes führte, und ließ sie hinter sich zukrachen.
Rat suchend blickten die Vettern auf Dr. Krokowski, der sich jedoch in seine Papiere vertieft und vergraben zeigte. Sie sputeten sich, in ihre Kleider zu kommen. Auf der Treppe sagte Hans Castorp:
„Das war ja schrecklich. Hast du ihn schon mal so gesehen?“
„Nein, so noch nicht. Das sind so Vorgesetzten-Anfälle. Das einzig Richtige ist, daß man sie in einwandfreier Haltung über sich ergehen läßt. Er war ja natürlich gereizt durch die Geschichte mit Polypraxios und der Nölting. Aber hast du gesehen,“ fuhr Joachim fort, und man merkte, wie die Freude darüber, daß er seine Sache durchgefochten, in ihm aufstieg und ihm die Brust beengte, „hast du gesehen, wie er klein beigab und kapitulierte, als er einsah, daß es mein Ernst war? Man muß nur Schneid zeigen, sich nur nicht zudecken lassen. Nun habe ich sozusagen Erlaubnis, – er selbst hat gesagt, daß ich mich wahrscheinlich herausbeißen werde, – und über acht Tage reisen ... in drei Wochen bin ich beim Regiment“, verbesserte er sich, indem er Hans Castorp aus dem Spiele ließ und seine freudebebende Aussage auf die eigene Person beschränkte.
Hans Castorp schwieg. Er sagte nichts über Joachims „Erlaubnis“, noch über seine eigene, von der ja allenfalls auch zu reden gewesen wäre. Er machte Toilette zur Liegekur, steckte das Thermometer in den Mund, schlug mit kurzen und sicheren Griffen, mit voll ausgebildeter Kunst, jener geheiligten Praktik gemäß, von der im Flachlande niemand eine Ahnung hatte, die beiden Kamelhaardecken um sich und lag dann still, als ebenmäßige Walze, auf seinem vorzüglichen Liegestuhl in der kalten Feuchte des Frühherbstnachmittags.
Die Regenwolken hingen tief, die Phantasiefahne drunten war eingezogen, Schneereste lagen auf den nassen Zweigen der Edeltanne. Aus der unteren Liegehalle, von wo vor Jahr und Tag zuerst Herrn Albins Stimme an sein Ohr geschlagen, drang leises Gespräch zu dem Diensttuenden herauf, dessen Finger und Angesicht sich in Kürze naßkalt versteiften. Er war es gewohnt und wußte der hiesigen, ihm längst zur einzig denkbaren gewordenen Lebenshaltung Dank für die Gunst, in Geborgenheit liegen und alles bedenken zu dürfen.
Es war entschieden, Joachim würde reisen. Radamanth hatte ihn entlassen, – nicht rite, nicht als gesund, aber mit halber Billigung entlassen eben doch, auf Grund und in Anerkennung seiner Standhaftigkeit. Er würde hinunterfahren, mit der Schmalspurbahn in die Tiefe nach Landquart, nach Romanshorn, dann über den weiten, abgründigen See, über den im Gedichte der Reiter ritt, und durch ganz Deutschland nach Hause. Er würde dort leben, in der Welt des Flachlandes, unter lauter Menschen, die keine Ahnung hatten, wie man leben mußte, die nichts wußten vom Thermometer, von der Kunst des Sicheinwickelns, vom Pelzsack, vom dreimaligen Lustwandel, von ... es war schwer zu sagen, schwer aufzuzählen, wovon alles sie drunten nichts wußten, aber die Vorstellung, daß Joachim, nachdem er länger als anderthalb Jahre hier oben verbracht, unter den Unwissenden leben sollte, – diese Vorstellung, die nur Joachim betraf, und nur ganz von fern und versuchsweise auch ihn, Hans Castorp, – verwirrte ihn so, daß er die Augen schloß und eine abwehrende Handbewegung machte. „Unmöglich, unmöglich“, murmelte er.
Da es denn aber unmöglich war, so würde er also allein und ohne Joachim hier oben weiter leben? Ja. Wie lange? Bis Behrens ihn als geheilt entließ, und zwar im Ernst, nicht so wie heute. Aber erstens war das ein Zeitpunkt, zu dessen Bestimmung man nur, wie Joachim einst bei irgendeiner Gelegenheit, in die Luft hinein die Gebärde des Unabsehbaren machen konnte, und zweitens: würde das Unmögliche dann möglicher geworden sein? Im Gegenteil eher. Und soviel war loyalerweise zuzugeben, daß eine Hand ihm geboten war, jetzt, wo das Unmögliche vielleicht noch nicht ganz so unmöglich war, wie es später sein würde, – eine Stütze und Führung für ihn, durch Joachims wilde Abreise, auf dem Wege ins Flachland, den er von sich aus in Ewigkeit nie zurückfinden würde. Wie würde humanistische Pädagogik ihn mahnen, die Hand zu ergreifen und die Führung anzunehmen, wenn die humanistische Pädagogik von der Gelegenheit erfuhr! Aber Herr Settembrini war nur ein Vertreter – von Dingen und Mächten, die hörenswert waren, aber nicht allein, nicht unbedingt; und auch mit Joachim stand es so. Er war Militär, jawohl. Er reiste ab – beinahe in dem Augenblick, wo die hochbrüstige Marusja zurückkehren sollte (am ersten Oktober kehrte sie bekanntlich zurück), während ihm, dem zivilistischen Hans Castorp, die Abreise namentlich und abgekürzt gesprochen darum unmöglich schien, weil er auf Clawdia Chauchat warten mußte, von deren Rückkehr bei weitem noch nichts verlautete. „Das ist nicht meine Auffassung“, hatte Joachim gesagt, als Radamanth ihm von Desertion gesprochen hatte, was zweifellos in Hinsicht auf Joachim nur Kohl und Geschwafel gewesen war von des verdüsterten Hofrats Seite. Aber für ihn, den Zivilisten, lagen die Dinge denn doch wohl anders. Für ihn (ja, ganz ohne Zweifel, so war es! Um diesen entscheidenden Gedanken aus seinem Gefühle emporzuarbeiten, hatte er sich heute hier ins Naßkalte gelegt) – für ihn wäre es wirklich Desertion gewesen, die Gelegenheit zu ergreifen und wilde oder halbwilde Abreise ins Flachland zu halten, Desertion von ausgebreiteten Verantwortlichkeiten, die ihm aus der Anschauung des Hochgebildes, genannt Homo Dei, hier oben erwachsen, Verrat an schweren und erhitzenden, ja seine natürlichen Kräfte übersteigenden, doch abenteuerlich beglückenden Regierungspflichten, denen er hier in der Loge und am blau blühenden Orte oblag.
Er riß das Thermometer aus dem Munde, so heftig, wie vorher nur einmal: nach erster Benutzung, nachdem die Oberin ihm eben das zierliche Werkzeug verkauft, und blickte mit ebensolcher Begierde wie damals darauf nieder. Merkurius war kräftig emporgewandert, er zeigte siebenunddreißig-acht, fast -neun.
Hans Castorp warf die Decken von sich, sprang auf und tat einen schnellen Gang ins Zimmer, zur Korridortür und zurück. Dann, wieder in horizontaler Lage, rief er leise Joachim an und fragte nach dessen Kurve.
„Ich messe nicht mehr“, antwortete Joachim.
„Na, ich habe Tempus“, sagte Hans Castorp, das Wort in Nachfolge Frau Stöhrs nach Analogie von „Schampus“ behandelnd; worauf Joachim hinter der Glaswand sich schweigend verhielt.
Auch später sagte er nichts, an diesem Tag und den folgenden, forschte mit Worten nicht nach des Vetters Plänen und Entschlüssen, die sich ganz von selbst, bei knapp gesetzter Frist, offenbaren mußten: durch Handlungen oder das Unterlassen von Handlungen, und das taten sie, nämlich durch letzteres. Er schien es mit dem Quietismus zu halten, der hatte wissen wollen, daß Handeln Gott beleidigen heiße, der es allein tun wolle. Jedenfalls hatte Hans Castorps Aktivität in diesen Tagen sich auf einen Besuch bei Behrens beschränkt, eine Rücksprache, von der Joachim wußte, und deren Verlauf und Ergebnis er sich an fünf Fingern ausrechnen konnte. Sein Vetter hatte erklärt, er erlaube sich, auf des Hofrats frühere vielfältige Ermahnungen, seinen Fall hier gründlich auszuheilen, damit er niemals wiederkommen müsse, mehr Gewicht zu legen, als auf das rasche Wort einer unwilligen Minute; er habe 37,8, er könne sich nicht als rite entlassen fühlen, und wenn des Hofrats Äußerung von neulich nicht etwa als Relegation zu verstehen gewesen sei, zu welcher Maßregel Anlaß gegeben zu haben er, Sprecher, sich nicht bewußt sei, so habe er, nach ruhiger Überlegung und in bewußtem Gegensatz zu Joachim Ziemßen, beschlossen, noch hier zu bleiben und seine völlige Entgiftung abzuwarten. Worauf der Hofrat ziemlich wörtlich erwidert hatte: „Bon und schön!“ und: „Nichts für ungut!“ und: das heiße er wie ein vernünftiger Kerl reden, und: er habe es doch gleich gesehen, daß Hans Castorp mehr Talent zum Patienten habe, als dieser Durchgänger und Haudegen da. Und so fort.
Dies also war, nach Joachims annähernd genauer Kalkulation, der Hergang des Gespräches gewesen, und so sagte er nichts und stellte eben nur schweigend fest, daß Hans Castorp sich seinen die Abreise vorbereitenden Schritten nicht anschloß. Wieviel hatte aber auch der gute Joachim mit sich selber zu tun! Er konnte sich wirklich um Schicksal und Verbleib des Vetters nicht weiter kümmern. Ein Sturm wogte in seiner Brust, – man kann es sich denken. Nur gut, vielleicht, daß er sich nicht mehr maß, sondern sein Instrument, angeblich, indem er es hatte fallen lassen, zerbrochen hatte: Messungen hätten beirrende Ergebnisse zeitigen mögen, – so furchtbar aufgeregt, bald dunkel glühend, bald bleich vor Freude und Spannung, wie Joachim war. Er konnte nicht mehr liegen; den ganzen Tag ging er in seinem Zimmer auf und ab, wie Hans Castorp hörte: zu all den Stunden, viermal am Tage, in welchen auf „Berghof“ die Horizontale herrschte. Anderthalb Jahre! Und nun hinunter ins Flachland, nach Hause, nun wirklich zum Regiment, wenn auch nur mit halber Erlaubnis! Das war keine Kleinigkeit, in keinem Sinne, Hans Castorp fühlte es dem ruhelos wandernden Vetter nach. Achtzehn Monate, den vollen Jahreszirkel und dann die Hälfte noch einmal durchlaufen hier oben, tief eingelebt, eingefahren in dieses Ordnungsgeleis, diesen unverbrüchlichen Lebensgang, den er in siebenmal siebenzig Tagen zu allen Gezeiten erprobt, – und nun nach Haus in die Fremde, zu den Unwissenden! Welche Akklimatisationsschwierigkeiten mochten da drohen? Und durfte man sich wundern, wenn Joachims große Aufregung nicht nur aus Freude bestand, sondern auch Bangigkeit, Weh des Abschieds vom durch und durch Gewohnten ihn durch sein Zimmer trieb? – Von Marusja hier ganz zu schweigen.
Aber die Freude überwog. Herz und Mund gingen dem guten Joachim über davon; er sprach von sich, er ließ des Vetters Zukunft auf sich beruhen. Er sprach davon, wie neu und erfrischt alles sein werde, das Leben, er selbst, die Zeit – jeder Tag, jede Stunde. Solide Zeit werde er wieder haben, langsam gewichtige Jugendjahre. Er sprach von seiner Mutter, Hans Castorps Stieftante Ziemßen, die ebenso sanfte, schwarze Augen hatte, wie Joachim, und die dieser all die Bergzeit her nicht gesehen, da sie, hingehalten von Monat zu Monat, von Halbjahr zu Halbjahr gleich ihm, zu einem Besuche des Sohnes sich nie entschlossen hatte. Er sprach mit begeistertem Lächeln vom Fahneneid, den er nun baldigst ablegen würde –: in Gegenwart der Fahne wurde er unter feierlichen Umständen geleistet, ihr selbst, der Standarte wurde er zugeschworen. „Nanu?“ fragte Hans Castorp. „Ernstlich? Der Stange? Dem Fetzen Tuch?“ – Ja, allerdings; und bei der Artillerie dem Geschütz, symbolischer Weise. – Das seien ja schwärmerische Sitten, meinte der Zivilist, empfindsam-fanatische, könne man sagen; wozu Joachim stolz und glücklich mit dem Kopfe nickte.
Er ging auf in Vorbereitungen, er beglich seine Schlußnota auf der Verwaltung, begann schon Tage vor dem selbstgesetzten Termin mit dem Kofferpacken. Sommer- und Winterzeug packte er ein und ließ den Pelzsack nebst den Kamelhaardecken vom Hausdiener in Sackleinen nähen: vielleicht, daß er sie im Manöver einmal gebrauchen konnte. Er fing an, Lebewohl zu sagen. Er machte Abschiedsvisite bei Naphta und Settembrini – allein, denn sein Vetter schloß sich nicht an bei diesem Gange und fragte auch nicht, was Settembrini zu Joachims bevorstehender Abreise und Hans Castorps bevorstehender Nicht-Abreise gemeint und geäußert: ob er nun „Szieh, szieh“ oder „Szo, szo“ gesagt hatte, oder beides, oder „Poveretto“, das mußte ihm gleichgültig bleiben.
Dann kam der Vorabend der Abreise, wo Joachim alles zum letztenmal absolvierte, jede Mahlzeit, jede Liegekur, jeden Lustwandel, und von den Ärzten, der Oberin Urlaub nahm. Und es tagte der Morgen selbst: heißäugig und mit kalten Händen kam Joachim zum Frühstück, denn er hatte die ganze Nacht nicht geschlafen, nahm auch kaum einen Bissen zu sich und schnellte, als die Zwergin meldete, das Gepäck sei aufgeschnallt, hastig vom Stuhl, um von den Tischgenossen zu scheiden. Frau Stöhr vergoß Tränen, die leicht fließenden, salzlosen Tränen der Ungebildeten, beim Lebewohl und zeigte gleich darauf hinter Joachims Rücken der Lehrerin mit Kopfschütteln und gespreizt hin und her gedrehter Hand eine faule Miene voll überaus ordinärer Zweifelsucht in Hinsicht auf Joachims Befugnis zur Abreise und auf sein Wohlergehen. Hans Castorp sah es, indem er im Stehen seine Tasse austrank, um dem Vetter auf dem Fuße zu folgen. Noch gab es Trinkgelder zu reichen, den amtlichen Abschiedsgruß eines Gesandten der Verwaltung im Vestibül zu erwidern. Wie immer standen Patienten bereit, der Abfahrt zuzusehen: Frau Iltis mit dem „Sterilett“, die elfenbeinfarbene Levi, der ausschweifende Popów mit seiner Braut. Sie winkten mit Tüchern, während der Wagen, am Hinterrad gebremst, die Anfahrt hinabschurrte. Joachim hatte Rosen erhalten. Er trug einen Hut auf dem Kopf. Hans Castorp nicht.
Der Morgen war prächtig, der erste sonnige nach langer Trübe. Das Schiahorn, die Grünen Türme, die Kuppe des Dorfberges standen unveränderlich wahrzeichenhaft vor der Bläue, und Joachims Augen ruhten darauf. Fast schade, meinte Hans Castorp, daß gerade zur Abreise so schönes Wetter geworden. Es läge Bosheit darin, und ein recht unwirtlicher Schlußeindruck erleichtere jede Trennung. Worauf Joachim: der Erleichterung bedürfe er nicht, und das sei vorzügliches Ausbildungswetter, er könne es drunten wohl brauchen. Sonst sprachen sie wenig. Wie alles lag für jeden von beiden und zwischen ihnen, gab es freilich nichts Rechtes zu sagen. Auch hatten sie vor sich den Hinkenden auf dem Bock neben dem Kutscher.
Hochsitzend, gestoßen auf den harten Kissen des Kabrioletts, hatten sie den Wasserlauf, das schmale Geleise zurückgelassen, fuhren sie hin auf der unregelmäßig bebauten, der Eisenbahn gleichlaufenden Straße und hielten auf steinigem Platz vorm Bahnhofsgebäude von „Dorf“, das nicht viel mehr als ein Schuppen war. Hans Castorp erkannte alles mit Schrecken wieder. Seit seiner Ankunft vor dreizehn Monaten, bei einfallender Dämmerung, hatte er die Station nicht wieder gesehen. „Hier bin ich ja angekommen“, sagte er überflüssigerweise, und Joachim antwortete nur: „Tja, das bist du“, und entlohnte den Kutscher.
Der rührige Hinkende besorgte alles, den Fahrschein, das Gepäck. Sie standen beieinander auf dem Perron, am Miniaturzuge, neben dem kleinen, grau gepolsterten Wagenabteil, worin Joachim mit Mantel, Plaidrolle und Rosen einen Platz belegt hatte. „Na, dann schwöre du nur deinen schwärmerischen Eid!“ sagte Hans Castorp, und Joachim erwiderte: „Wird gemacht.“ Was noch? Letzte Grüße trugen sie einander auf, Grüße an die dort unten, an die hier oben. Dann zeichnete Hans Castorp nur noch mit seinem Stock auf dem Asphalt. Als zum Einsteigen gerufen wurde, fuhr er auf, sah Joachim an und dieser ihn. Sie gaben einander die Hand. Hans Castorp lächelte unbestimmt; des andren Augen waren ernst und traurig dringlich. „Hans!“ sagte er – allmächtiger Gott! hatte sich etwas so Peinliches schon je in der Welt ereignet? Er redete Hans Castorp mit Vornamen an! Nicht mit „Du“ oder „Mensch“, wie sie es ihrer Lebtag gehalten hatten, sondern aller Sittensprödigkeit zum Trotz und peinlichst überschwänglicher Weise mit Vornamen! „Hans“, sagte er und drückte mit dringlicher Angst dem Vetter die Hand, während dieser bemerken mußte, daß dem Übernächtigen, Reisefiebrigen, Erschütterten das Genick zitterte, wie ihm beim „Regieren“ – „Hans“, sagte er inständig, „komm bald nach!“ Dann schwang er sich aufs Trittbrett. Die Tür schlug zu, es pfiff, die Wagen stießen aneinander, die kleine Lokomotive zog an, der Zug entglitt. Der Reisende winkte durchs Fenster mit dem Hut, der Zurückbleibende mit der Hand. Zerwühlten Herzens stand er noch lange, allein. Dann ging er langsam den Weg zurück, den Joachim ihn vor Jahr und Tag geführt.
Abgewiesener Angriff
Das Rad schwang. Der Weiser rückte. Knabenkraut und Akelei waren verblüht, die wilde Nelke ebenfalls. Die tiefblauen Sterne des Enzian, die Herbstzeitlose, blaß und giftig, zeigten sich wieder im feuchten Grase, und über den Waldungen lag es rötlich. Herbstnachtgleiche war vorüber, Allerseelen in Sicht und für geübtere Zeitverbraucher wohl auch der erste Advent, der kürzeste Tag und das Weihnachtsfest. Noch aber reihten sich schöne Oktobertage – Tage von der Art dessen, an dem die Vettern des Hofrats Ölgemälde besichtigt hatten.
Seit Joachims Weggang saß Hans Castorp nicht mehr am Tische der Stöhr, nicht mehr an demjenigen, von dem Dr. Blumenkohl weggestorben war, und an dem Marusja ihre unbegründete Heiterkeit im Apfelsinentüchlein erstickt hatte. Neue Gäste saßen jetzt dort, völlig fremde. Unser Freund aber hatte, zweieinhalb Monate tief in sein zweites Jahr eingerückt, von der Verwaltung einen anderen Platz zugewiesen bekommen, an einem Nachbartische, der schräg vor dem alten stand, weiter gegen die linke Verandatür, zwischen seinem ehemaligen und dem Guten Russentisch, kurzum am Tisch Settembrinis. Ja, an des Humanisten verwaistem Platze saß Hans Castorp jetzt, am Tischende wiederum, gegenüber dem Doktor-Sitz, der an jeder der sieben Tafeln dem Hofrat und seinem Famulus zum Hospitieren aufgespart blieb.
Dort oben, links von dem medizinischen Präsidium, hockte auf mehreren Kissen der bucklige Amateur-Photograph aus Mexiko, dessen Gesichtsausdruck vermöge sprachlicher Einsamkeit der eines Tauben war, und ihm zur Seite hatte das ältliche Fräulein aus Siebenbürgen ihren Platz, das, wie schon Herr Settembrini geklagt hatte, das Interesse aller Welt für ihren Schwager in Anspruch nahm, obgleich niemand etwas von diesem Menschen wußte, noch wissen wollte. Ein Stöckchen mit Tulasilberkrücke, dessen sie sich auch bei ihren Dienstpromenaden bediente, quer im Nacken, sah man sie zu bestimmten Stunden des Tages an der Brüstung ihrer Balkonloge ihre tellerflache Brust in hygienischen Tiefatmungen dehnen. Ein tschechischer Mann saß ihr gegenüber, den man Herr Wenzel nannte, da niemand seinen Familiennamen auszusprechen verstand. Herr Settembrini hatte sich seinerzeit zuweilen darin versucht, die krause Konsonantenfolge hervorzustoßen, aus der dieser Name bestand, – gewiß nicht in ehrlichem Bemühen, sondern nur um die vornehme Hilflosigkeit seiner Latinität an dem wilden Lautgestrüpp heiter zu erproben. Obwohl feist wie ein Dachs und von einer selbst unter Denen hier oben erstaunlich sich hervortuenden Eßlust, versicherte der Böhme seit vier Jahren, daß er sterben müsse. Bei der Abendgeselligkeit klimperte er zuweilen auf einer bebänderten Mandoline die Lieder seiner Heimat und erzählte von seiner Zuckerrübenplantage, auf der lauter hübsche Mädchen arbeiteten. Schon in Hans Castorps Nähe folgten dann zu beiden Seiten des Tisches Herr und Frau Magnus, die Bierbrauersehegatten aus Halle. Melancholie umgab dieses Paar atmosphärisch, da beide lebenswichtige Stoffwechselprodukte, Herr Magnus Zucker, Frau Magnus dagegen Eiweiß, verloren. Die Gemütsverfassung, namentlich der bleichen Frau Magnus, schien jedes Einschlages von Hoffnung zu entbehren; Geistesöde ging wie ein kelleriger Hauch von ihr aus, und fast noch ausdrücklicher als die ungebildete Stöhr stellte sie jene Vereinigung von Krankheit und Dummheit dar, an der Hans Castorp, getadelt deswegen von Herrn Settembrini, geistigen Anstoß genommen hatte. Herr Magnus war regeren Sinnes und gesprächiger, wenn auch nur in der Art, die ehemals Settembrinis literarische Ungeduld erregt hatte. Auch neigte er zum Jähzorn und stieß öfters mit Herrn Wenzel aus politischen und sonstigen Anlässen feindlich zusammen. Denn ihn erbitterten die nationalen Aspirationen des Böhmen, der sich überdies zum Antialkoholismus bekannte und über den Erwerbszweig des Brauers moralisch Absprechendes äußerte, wogegen dieser mit rotem Kopf die sanitäre Unanfechtbarkeit des Getränkes vertrat, mit dem seine Interessen so innig verbunden waren. Bei solchen Gelegenheiten hatte früher Herr Settembrini humoristisch ausgleichend gewirkt; Hans Castorp aber, an seiner Statt, fand sich wenig geschickt und konnte nicht hinreichende Autorität in Anspruch nehmen, ihn darin zu ersetzen.
Nur mit zwei Tischgenossen verbanden ihn persönlichere Beziehungen: A. K. Ferge aus Petersburg, sein Nachbar zur Linken, war der eine, dieser gutmütige Dulder, der unter dem Gebüsch seines rotbraunen Schnurrbarts hervor von Gummischuhfabrikation und fernen Gegenden, dem Polarkreis, dem ewigen Winter am Nordkap erzählte, und mit dem Hans Castorp sogar zuweilen einen dienstlichen Lustwandel gemeinsam zurücklegte. Der andere aber, der sich ihnen dabei, so oft es sich treffen wollte, als Dritter anschloß, und der am oberen Tafelende, gegenüber dem mexikanischen Buckligen, seinen Platz hatte, war der dünnhaarige Mannheimer mit schlechten Zähnen, Wehsal mit Namen, Ferdinand Wehsal und Kaufmann seines Zeichens, er, dessen Augen stets mit so trüber Begierde an Frau Chauchats anmutiger Person gehangen hatten, und der seit Fastnacht Hans Castorps Freundschaft suchte.
Er tat es mit Zähigkeit und Demut, einer von unten blickenden Hingebung, die für den Betroffenen viel Widrig-Schauerliches hatte, da er ihren komplizierten Sinn begriff, der aber menschlich zu begegnen er sich anhielt. Ruhig blickend, da er wußte, daß ein leichtes Zusammenziehen der Brauen genügte, um den elend Empfindenden sich ducken und zurückschrecken zu lassen, duldete er das dienerische Wesen Wehsals, der jede Gelegenheit wahrnahm, sich vor ihm zu verneigen und ihm schön zu tun, duldete sogar, daß jener ihm zuweilen beim Lustwandel den Überzieher trug – mit einer gewissen Andacht trug er ihn über dem Arm –, duldete endlich des Mannheimers Gespräch, das trübe war. Wehsal war erpicht, Fragen aufzuwerfen, wie die, ob es Sinn und Verstand habe, einer Frau, die man liebe, die aber nichts von einem wissen wolle, seine Liebe zu erklären – die aussichtslose Liebeserklärung, was die Herren davon hielten. Er für sein Teil halte Höchstes davon, sei der Meinung, daß sich unendliches Glück damit verbinde. Wenn nämlich der Akt des Geständnisses zwar Ekel errege und viel Selbsterniedrigung berge, so stelle er doch für den Augenblick die volle Liebesnähe des begehrten Gegenstandes her, reiße diesen ins Vertrauen, in das Element der eigenen Leidenschaft, und wenn damit freilich alles zu Ende sei, so sei der ewige Verlust mit der Verzweiflungswonne eines Augenblicks nicht überzahlt; denn das Bekenntnis bedeute Gewalt, und je größer der widerstehende Abscheu dagegen sei, desto genußreicher –. Hier scheuchte eine Verfinsterung von Hans Castorps Miene Wehsal zurück, was aber mehr in Hinsicht auf die Gegenwart des gutmütigen Ferge geschah, dem, wie er oft betonte, alle höheren und schwierigeren Gegenstände völlig fern lagen, als aus sittenrichterlicher Steifigkeit auf Seiten unseres Helden. Denn, da wir immer gleich weit entfernt bleiben, diesen besser oder schlechter machen zu wollen, als er war, so sei mitgeteilt, daß, als der arme Wehsal eines abends unter vier Augen mit bleichen Worten in ihn drang, ihm von den Erlebnissen und Erfahrungen der nachgesellschaftlichen Fastnacht doch um Gottes willen Näheres zu vertrauen, Hans Castorp ihm mit ruhiger Güte willfahrte, ohne daß, wie der Leser glauben mag, dieser gedämpften Szene irgend etwas niedrig Leichtfertiges angehaftet hätte. Dennoch haben wir Gründe, ihn und uns davon auszuschließen und fügen nur noch an, daß Wehsal danach mit verdoppelter Hingabe den Paletot des freundlichen Hans Castorp trug.
Soviel von Hansens neuer Tischgenossenschaft. Der Platz zu seiner Rechten war frei, war nur vorübergehend besetzt, nur einige Tage lang: von einem Hospitanten, wie er es einst gewesen, einem Verwandtenbesuch, Gast aus dem Flachlande und Sendboten von dort, wie man sagen mochte, – mit einem Worte von Hansens Onkel James Tienappel.
Das war abenteuerlich, daß plötzlich ein Vertreter und Abgesandter der Heimat neben ihm saß, die Atmosphäre des Alten, Versunkenen, des früheren Lebens, einer tiefliegenden „Oberwelt“ noch frisch im Gewebe seines englischen Anzugs tragend. Aber es hatte kommen müssen. Längst hatte Hans Castorp im stillen mit einem solchen Vorstoß des Flachlandes gerechnet und sogar die Persönlichkeit, die sich nun wirklich mit der Erkundung betraut zeigte, ganz zutreffend dafür in Aussicht genommen, – was eben nicht schwer gewesen war; denn Peter, der seefahrende, kam wenig dafür in Frage, und vom Großonkel Tienappel selbst stand fest, daß keine zehn Pferde ihn je in diese Gegenden schleppen würden, von deren Luftdruckverhältnissen er alles zu fürchten hatte. Nein, James mußte es sein, der sich nach dem Abhandengekommenen im heimatlichen Auftrage umsehen würde; schon früher war er erwartet. Seit aber Joachim allein zurückgekehrt war und im Verwandtenkreis von der hiesigen Sachlage Nachricht gegeben hatte, war der Angriff fällig und überfällig, und so war denn Hans Castorp nicht im geringsten verblüfft, als, knappe vierzehn Tage nach Joachims Abreise, der Concierge ihm ein Telegramm überhändigte, das, ahnungsvoll geöffnet, sich als James Tienappels kurzfristige Anmeldung erwies. Er hatte auf Schweizer Boden zu tun und sich zu dem Gelegenheitsausflug in Hansens Höhe entschlossen. Übermorgen war er zu erwarten.
„Gut“, dachte Hans Castorp. „Schön“, dachte er. Und sogar etwas wie „Bitte sehr!“ fügte er innerlich hinzu. „Wenn du eine Ahnung hättest!“ sagte er in Gedanken zu dem sich Nähernden. Mit einem Worte, er nahm die Meldung mit großer Ruhe auf, gab sie übrigens an Hofrat Behrens und an die Verwaltung weiter, ließ ein Zimmer bereitstellen – das Zimmer Joachims war noch zur Verfügung – und fuhr am übernächsten Tage, um die Stunde seiner eigenen Ankunft, abends gegen acht also, es war schon dunkel, mit demselben harten Vehikel, in dem er Joachim fortgeleitet, zum Bahnhof „Dorf“, um den Sendboten des Flachlandes abzuholen, der nach dem Rechten sehen wollte.
Zinnoberrot, ohne Hut, im bloßen Anzug, stand er am Rande des Bahnsteiges, als das Züglein einrollte, stand unter dem Fenster seines Verwandten und forderte ihn auf, nur immer herauszukommen, denn er sei da. Konsul Tienappel – er war Vizekonsul, entlastete den Alten auch auf diesem ehrenamtlichen Gebiete sehr dankenswert –, verfroren in seinen Wintermantel gehüllt, denn wirklich war der Oktoberabend empfindlich kalt, nicht viel fehlte und es hätte von klarem Frost die Rede sein können, ja, gegen Morgen würde es sicher frieren, entstieg dem Abteil in überraschter Heiterkeit, die er in den etwas dünnen, sehr zivilisierten Formen des feinen nordwestdeutschen Herrn verlautbarte, begrüßte den vetterlichen Neffen unter betonten Ausdrücken der Genugtuung über sein vorzügliches Aussehen, sah sich vom Hinkenden aller Sorge um sein Gepäck überhoben und erkletterte draußen mit Hans Castorp den hohen und harten Sitz ihres Gefährtes. Unter reichem Sternenhimmel fuhren sie dahin, und Hans Castorp, den Kopf zurückgelegt und den Zeigefinger in der Luft, erläuterte dem Onkel-Cousin die oberen Gefilde, faßte mit Wort und Gebärde ein und das andere funkelnde Sternbild zusammen und nannte Planeten bei Namen, – während jener, aufmerksam mehr auf die Person seines Begleiters als auf den Kosmos, sich innerlich sagte, daß es zwar möglich sei und nicht geradezu verrückt anmute, jetzt, hier und sofort gerade von Sternen zu sprechen, daß aber doch manches andere näher gelegen hätte. Seit wann er denn da oben so sicher Bescheid wisse, fragte er Hans Castorp; worauf dieser erwiderte, das sei ein Erwerb der abendlichen Liegekur auf dem Balkon im Frühling, Sommer, Herbst und Winter. – Wie? bei Nacht liege er auf dem Balkon? – O ja. Und der Konsul werde es auch tun. Es werde ihm nichts anderes übrigbleiben.
„Gewiß, selbstvers-tändlich“, sagte James Tienappel entgegenkommend und etwas eingeschüchtert. Sein Pflegebruder sprach ruhig und eintönig. Ohne Hut, ohne Paletot saß er neben ihm in der frostnahen Frische des Herbstabends. „Dich friert wohl gar nicht?“ fragte ihn James; denn er selbst zitterte unter dem zolldicken Tuch seines Mantels, und seine Sprechweise hatte etwas zugleich Hastiges und Lahmes, da seine Zähne eine Neigung bekundeten, aneinanderzuschlagen. „Uns friert nicht“, antwortete Hans Castorp ruhig und kurz.
Der Konsul konnte ihn nicht genug von der Seite betrachten. Hans Castorp erkundigte sich nicht nach den Verwandten und Bekannten zu Hause. Grüße von dort, die James übermittelte, auch diejenigen Joachims, der bereits beim Regiment sei und vor Glück und Stolz leuchte, empfing er ruhig dankend, ohne auf die Umstände der Heimat weiter einzugehen. Beunruhigt durch ein unbestimmtes Etwas, von dem er sich nicht zu sagen wußte, ob es von dem Neffen ausging oder etwa in ihm selbst, dem physischen Befinden des Reisenden, seinen Ursprung habe, blickte James umher, ohne von der Hochtallandschaft viel erkennen zu können, und zog tief die Luft ein, die er ausatmend für herrlich erklärte. Gewiß, antwortete der andere, nicht umsonst sei sie ja weit berühmt. Sie habe starke Eigenschaften. Obgleich sie die Allgemeinverbrennung beschleunige, setze der Körper in ihr doch Eiweiß an. Krankheiten, die jeder Mensch latent in sich trage, sei sie zu heilen imstande, doch befördere sie sie zunächst einmal kräftig, bringe sie vermöge eines allgemeinen organischen An- und Auftriebes sozusagen zu festlichem Ausbruch. – Er möge erlauben, – festlich? – Allerdings. Ob jener nie bemerkt habe, daß der Ausbruch einer Krankheit etwas Festliches habe, eine Art Körperlustbarkeit darstelle. – „Gewiß, selbstvers-tändlich“, hastete der Onkel mit unbeherrschtem Unterkiefer und teilte dann mit, daß er acht Tage bleiben könne, das heiße: eine Woche, sieben Tage also, vielleicht auch nur sechs. Da er, wie gesagt, Hans Castorps Aussehen, dank einem Kuraufenthalt, der sich ja über alles Erwarten in die Länge gezogen habe, hervorragend gut und gekräftigt finde, nehme er an, daß der Neffe gleich mit ihm hinunter nach Hause fahren werde.
„Na, na, nur nicht gleich mit dem Kopf durch die Wand“, sagte Hans Castorp. Onkel James rede recht wie einer von unten. Er solle sich hier bei uns nur erst mal ein bißchen umsehen und einleben, dann werde er seine Ideen schon ändern. Es komme auf restlose Heilung an, die Restlosigkeit sei das Entscheidende, und ein halbes Jahr habe Behrens ihm neulich noch aufgebrummt. Hier redete der Onkel ihn mit „Junge“ an und fragte, ob er verrückt sei. „Bist du denn ganz verrückt?“ fragte er. Ein Ferienaufenthalt von fünf Vierteljahren sei das nachgerade, und nun noch ein halbes! Man habe in des allmächtigen Gottes Namen doch nicht soviel Zeit! – Da lachte Hans Castorp ruhig und kurz zu den Sternen empor. Ja Zeit! Was nun gerade diese betreffe, die menschliche Zeit, so werde James seine mitgebrachten Begriffe zu allererst revidieren müssen, bevor er hier oben darüber mitrede. – Er werde in Hansens Interesse schon morgen ein ernstes Wörtchen mit dem Herrn Hofrat reden, versprach Tienappel. – „Das tu’!“ sagte Hans Castorp. „Er wird dir gefallen. Ein interessanter Charakter, forsch und melancholisch zugleich.“ Und dann wies er auf die Lichter von Sanatorium Schatzalp hin und erzählte beiläufig von den Leichen, die man die Bob-Bahn hinunterbefördere.
Die Herren speisten zusammen im Berghof-Restaurant, nachdem Hans Castorp den Gast in Joachims Zimmer eingeführt und ihm Gelegenheit gegeben hatte, sich etwas zu erfrischen. Mit H₂CO sei das Zimmer geräuchert worden, sagte Hans Castorp, – ebenso gründlich, wie wenn nicht wilde Abreise von dort gehalten worden wäre, sondern eine ganz andere, kein exodus, sondern ein exitus. Und da der Onkel sich nach dem Sinn erkundigte: „Jargon!“ sagte der Neffe. „Ausdrucksweise!“ sagte er. „Joachim ist desertiert, – zur Fahne desertiert, das gibt es auch. Aber mach’, damit du noch warmes Essen bekommst!“ Und so saßen sie denn im behaglich erwärmten Restaurant einander gegenüber, an erhöhtem Platz. Die Zwergin bediente sie hurtig, und James ließ eine Flasche Burgunder kommen, die, in einem Körbchen liegend, aufgestellt wurde. Sie stießen an und ließen sich von der milden Glut durchrinnen. Der Jüngere sprach von dem Leben hier oben im Wandel der Jahreszeiten, von einzelnen Erscheinungen des Speisesaals, vom Pneumothorax, dessen Wesen er erklärte, indem er den Fall des gutmütigen Ferge heranzog und sich über die grasse Natur des Pleura-Choks verbreitete, auch der drei farbigen Ohnmachten gedachte, in die Herr Ferge gefallen sein wollte, der Geruchshalluzination, die beim Chok eine Rolle gespielt und des Gelächters, das er im Abschnappen ausgestoßen. Er bestritt die Kosten der Unterhaltung. James aß und trank stark, wie er es gewohnt war und mit überdies noch durch Reise und Luftwechsel geschärftem Appetit. Dennoch unterbrach er sich zuweilen in der Nahrungsaufnahme, – saß, den Mund voller Speisen, die er zu kauen vergaß, Messer und Gabel im stumpfen Winkel über dem Teller stillgestellt, und betrachtete Hans Castorp unverwandt, scheinbar ohne es zu wissen, auch ohne daß jener sich weiter empfindlich dafür gezeigt hätte. Geschwollene Adern zeichneten sich an Konsul Tienappels mit dünnem blonden Haar bedeckten Schläfen ab.
Von heimatlichen Dingen war nicht die Rede, weder von persönlich-familiären, noch städtischen, noch geschäftlichen, noch von der Firma Tunder & Wilms, Schiffswerft, Maschinenfabrik und Kesselschmiede, die immer noch auf den Eintritt des jungen Praktikanten wartete, was aber natürlich so wenig ihre einzige Beschäftigung war, daß man sich fragen mochte, ob sie überhaupt noch wartete. James Tienappel hatte wohl alle diese Gegenstände während der Wagenfahrt und später berührt, aber sie waren zu Boden gefallen und tot liegen geblieben, – abgeprallt von Hans Castorps ruhiger, bestimmter und ungekünstelter Gleichgültigkeit, einer Art von Unberührbarkeit oder Gefeitheit, die an sein Unempfindlichsein gegen die herbstliche Abendkühle, an sein Wort „Uns friert nicht“, erinnerte und vielleicht Ursache war, weshalb sein Onkel ihn manchmal so unverwandt betrachtete. Auch von der Oberin, den Ärzten ging die Unterhaltung, von den Konferenzen Dr. Krokowskis – es traf sich, daß James einer davon beiwohnen würde, wenn er acht Tage blieb. Wer sagte dem Neffen, daß der Onkel gewillt sei, den Vortrag zu besuchen? Niemand. Er nahm es an, setzte es mit so ruhiger Bestimmtheit als ausgemacht voraus, daß jenem selbst der Gedanke, er könne etwa nicht daran teilnehmen, in unnatürlichem Lichte erscheinen mußte, und daß er mit eiligem „Gewiß, selbstvers-tändlich“ jedem Verdachte zuvorzukommen suchte, als habe er einen Augenblick Unmögliches geplant. Dies eben war die Macht, deren unbestimmte, aber zwingende Empfindung Herrn Tienappel unbewußt anhielt, den Vetter zu betrachten, – jetzt übrigens mit offenem Munde, denn der Atmungsweg der Nase hatte sich ihm verschlossen, obgleich seines Wissens der Konsul keinen Schnupfen hatte. Er hörte seinen Verwandten von der Krankheit sprechen, die hier das gemeinsame Berufsinteresse aller bildete, und von der Aufnahmelustigkeit für sie; von Hans Castorps eigenem bescheidenen, aber langwierigen Fall, dem Reiz, den die Bazillen auf die Gewebszellen der Luftröhrenverästelungen und der Lungenbläschen ausübten, der Tuberkelbildung und Erzeugung löslicher Beschwipsungsgifte, dem Zellenzerfall und Verkäsungsprozeß, von dem dann die Frage sei, ob er durch kalkige Petrifizierung und bindegewebige Vernarbung zu heilsamem Stillstand gelange oder zu größeren Erweichungsherden sich fortbilde, umsichgreifende Löcher fresse und das Organ zerstöre. Er hörte von der wild beschleunigten, galoppierenden Form dieses Vorganges, die in ein paar Monaten schon, ja in Wochen zum Exitus führe, hörte von Pneumotomie, des Hofrats meisterlich geübtem Handwerk, von Lungenresektion, wie sie morgen oder demnächst bei einer neueingetroffenen Schweren, einer ursprünglich reizenden Schottin, vorgenommen werden sollte, die von Gangraena pulmonum, vom Lungenbrande ergriffen worden sei, so daß eine schwärzlich-grüne Verpestung in ihr walte und sie den ganzen Tag zerstäubte Karbolsäurelösung einatme, um nicht aus Ekel vor sich selber den Verstand zu verlieren: – und plötzlich geschah es dem Konsul, völlig unerwartet für ihn selbst und zu seiner größten Beschämung, daß er herausplatzte. Prustend lachte er los, besann und beherrschte sich freilich sofort mit Schrecken, hustete und suchte das sinnlos Geschehene auf alle Weise zu vertuschen, – wobei er übrigens zu seiner Beruhigung, die aber neue Beunruhigung in sich trug, wahrnahm, daß Hans Castorp sich um den Unfall, der ihm unmöglich entgangen sein konnte, gar nicht kümmerte, vielmehr mit einer Achtlosigkeit darüber hinwegging, die sich nicht etwa als Takt, Rücksicht, Höflichkeit, sondern als reine Gleichgültigkeit und Unberührbarkeit, als eine Duldsamkeit unheimlichen Grades kennzeichnete, wie wenn er es längst verlernt hätte, sich durch solche Vorkommnisse befremdet zu fühlen. Sei es aber, daß der Konsul seinem Heiterkeitsausbruch nachträglich ein Mäntelchen von Vernunft und Sinn umzuhängen wünschte oder in welchem Zusammenhange sonst, – plötzlich brach er ein Männer- und Klubgespräch vom Zaun, fing mit hochgeschwollenen Kopfadern an, von einer sogenannten „Chansonette“, einer Bänkelsängerin zu reden, einem ganz tollen Weibsstück, das zurzeit in St. Pauli ihr Wesen treibe und mit ihren temperamentgeladenen Reizen, die er dem Vetter schilderte, die Herrenwelt der Heimatrepublik in Atem halte. Seine Zunge lallte etwas bei diesen Erzählungen, doch brauchte er sich davon nicht anfechten zu lassen, da sich die nicht zu befremdende Duldsamkeit seines Gegenübers offenbar auch auf diese Erscheinung erstreckte. Immerhin wurde ihm die übermächtige Reisemüdigkeit, deren Opfer er war, allmählich so deutlich, daß er schon gegen halb 11 Uhr die Beendigung des Beisammenseins befürwortete und es innerlich wenig begrüßte, daß es in der Halle noch zu einer Begegnung mit dem mehrfach erwähnten Dr. Krokowski kam, der zeitunglesend an der Tür eines Salons gesessen hatte, und mit dem sein Neffe ihn bekannt machte. Auf die stämmig-heitere Anrede des Doktors wußte er fast nichts anderes mehr als „Gewiß, selbstvers-tändlich“, zu erwidern und war froh, als sein Neffe sich mit der Ankündigung, er werde ihn morgen um 8 Uhr zum Frühstück abholen, auf dem Balkonwege aus Joachims desinfiziertem Zimmer in sein eigenes begeben hatte und er mit der gewohnten Gute-Nacht-Zigarette sich ins Bett des Fahnenflüchtlings fallen lassen konnte. Um ein Haar hätte er Feuersbrunst gestiftet, da er zweimal, das glimmende Räucherwerk zwischen den Lippen, in Schlaf verfiel.
James Tienappel, den Hans Castorp abwechselnd „Onkel James“ und einfach nur „James“ anredete, war ein langbeiniger Herr von gegen Vierzig, gekleidet in englische Stoffe und blütenhafte Wäsche, mit kanariengelbem, gelichtetem Haar, nahe beisammenliegenden blauen Augen, einem strohigen, gestutzten, halb wegrasierten Schnurrbärtchen und bestens gepflegten Händen. Gatte und Vater seit einigen Jahren, ohne darum genötigt gewesen zu sein, die geräumige Villa des alten Konsuls am Harvestehuder Weg zu verlassen, – vermählt mit einer Angehörigen seines Gesellschaftskreises, die ebenso zivilisiert und fein, von ebenso leiser, rascher und spitzig-höflicher Sprechweise war wie er selbst, gab er zu Hause einen sehr energischen, umsichtigen und bei aller Eleganz kalt sachlichen Geschäftsmann ab, nahm aber in fremdem Sittenbereich, auf Reisen, etwa im Süden des Landes, ein gewisses überstürztes Entgegenkommen in sein Wesen auf, eine höflich eilfertige Bereitwilligkeit zur Selbstverleugnung, in der sich nichts weniger als eine Unsicherheit der eigenen Kultur, sondern im Gegenteil das Bewußtsein ihrer starken Geschlossenheit bekundete, nebst dem Wunsche, seine aristokratische Bedingtheit zu korrigieren und selbst inmitten von Lebensformen, die er unglaublich fand, nichts von Befremdung merken zu lassen. „Natürlich, gewiß, selbstvers-tändlich!“ beeilte er sich zu sagen, damit niemand denke, er sei zwar fein, aber beschränkt. Hierher gekommen nun freilich in einer bestimmten sachlichen Sendung, nämlich mit dem Auftrage und der Absicht, energisch nach dem Rechten zu sehen, den säumigen jungen Verwandten, wie er sich innerlich ausdrückte, „loszueisen“ und daheim wieder einzuliefern, war er sich doch wohl bewußt, auf fremdem Boden zu operieren, – schon im ersten Augenblicke empfindlich von der Ahnung berührt, daß eine Welt und Sittensphäre ihn als Gast aufgenommen habe, die an geschlossener Selbstsicherheit seiner eigenen nicht nur nicht nachstand, sondern sie sogar noch darin übertraf, so daß seine Geschäftsenergie sofort in Zwiespalt mit seiner Wohlerzogenheit geriet und zwar in einen sehr schweren; denn die Selbstgewißheit der Wirtssphäre erwies sich als wahrhaft erdrückend.
Dies eben hatte Hans Castorp vorausgesehen, als er des Konsuls Telegramm innerlich mit gelassenem „Bitte sehr!“ beantwortet hatte; aber man muß nicht denken, daß er bewußt die Charakterstärke der Umwelt gegen seinen Onkel ausgenutzt hätte. Dazu war er längst zu sehr ein Teil von ihr, und nicht er bediente sich ihrer gegen den Angreifer, sondern umgekehrt, so daß alles sich in sachlicher Einfalt vollzog, von dem Augenblick an, wo eine erste Ahnung der Aussichtslosigkeit seines Unternehmens den Konsul von seines Neffen Person her unbestimmt angeweht hatte, bis zum Ende und Ausgang, das mit einem melancholischen Lächeln zu begleiten Hans Castorp denn freilich doch nicht umhin konnte.
Am ersten Morgen nach dem Frühstück, bei welchem der Eingesessene den Hospitanten mit der Korona der Tischgenossenschaft bekannt gemacht hatte, erfuhr Tienappel von Hofrat Behrens, der lang und bunt, gefolgt von dem schwarzbleichen Assistenten, in den Saal gerudert kam, um mit seiner rhetorischen Morgenfrage „Fein geschlafen?“ flüchtig darin herumzustreichen, – erfuhr er, sagen wir, vom Hofrate nicht nur, daß es eine glanzvolle Bieridee von ihm gewesen sei, dem vereinsamten Neveu hier oben ein bißchen Gesellschaft zu leisten, sondern daß er auch im ureigensten Interesse sehr recht daran tue, da er ja offenbar total anämisch sei. – Anämisch, er, Tienappel? – Na, und ob! sagte Behrens und zog ihm mit dem Zeigefinger ein unteres Augenlid herunter. Hochgradig! sagte er. Der Herr Onkel werde direkt schlau handeln, wenn er es sich für ein paar Wochen hier auf seinem Balkon der Länge nach bequem mache und überhaupt in allen Stücken dem Vorbilde seines Neffen nachstrebe. In seinem Zustande könne man gar nichts Aufgeweckteres tun, als mal eine Weile so zu leben, wie bei leichter tuberculosis pulmonum, die übrigens immer vorhanden sei. – „Gewiß, selbstvers-tändlich!“ sagte der Konsul rasch und blickte dem hochnackig Davonrudernden noch eine Weile eifrig-höflich geöffneten Mundes nach, während sein Neffe gelassen und abgebrüht neben ihm stand. Dann traten sie den Lustwandel zur Bank an der Wasserrinne an, der das Gegebene war, und danach hielt James Tienappel seine erste Liegestunde, angeleitet von Hans Castorp, der ihm zum mitgebrachten Plaid die eine seiner Kameldecken lieh – er selbst hatte in Anbetracht des schönen Herbstwetters an einer reichlich genug – und ihn in der überlieferten Kunst des Sicheinwickelns Griff für Griff getreulich unterwies, – ja, er löste, nachdem er den Konsul schon zur Mumie gerundet und geglättet, alles noch einmal auf, um ihn auf eigene Hand und nur unter verbessernd einspringender Beihilfe die feststehende Prozedur wiederholen zu lassen, und lehrte ihn, den Leinenschirm am Stuhl zu befestigen und gegen die Sonne zu richten.
Der Konsul witzelte. Noch war der Geist des Flachlandes stark in ihm, und er machte sich lustig über das, was er da erlernte, wie er sich schon über den abgemessenen Lustwandel nach dem Frühstück lustig gemacht hatte. Aber als er das ruhig verständnislose Lächeln sah, mit dem der Neffe seinen Scherzen begegnete und worin die ganze geschlossene Selbstgewißheit der Sittensphäre sich malte, da wurde ihm angst, er fürchtete für seine Geschäftsenergie und beschloß hastig, das entscheidende Gespräch mit dem Hofrat in Sachen seines Neffen sofort, baldmöglichst, schon diesen Nachmittag herbeizuführen, solange er noch Eigengeist, Kräfte von unten zuzusetzen hatte; denn er fühlte, daß diese schwanden, daß der Geist des Ortes mit seiner Wohlerzogenheit einen gefährlichen Feindesbund gegen sie bildete.
Ferner fühlte er, daß ganz unnötigerweise der Hofrat ihm empfohlen hatte, hier oben seiner Anämie wegen sich den Gebräuchen der Kranken anzuschließen: das ergab sich von selbst, es bestand, wie es schien, gar keine andere Denkbarkeit, und wie weit, vermöge Hans Castorps Ruhe und unberührbarer Selbstsicherheit, dies eben nur so schien, wie weit in der Tat und unbedingt genommen nichts anderes möglich und denkbar war, das war für einen wohlerzogenen Menschen von Anfang an nicht zu unterscheiden. Nichts konnte einleuchtender sein, als daß nach der ersten Liegekur das ausgiebige zweite Frühstück erfolgte, aus welchem der Lustwandel nach „Platz“ hinunter überzeugend sich ergab, – und danach wickelte Hans Castorp seinen Onkel wieder ein. Er wickelte ihn ein, das war das Wort. Und in der Herbstsonne, auf einem Stuhl, dessen Bequemlichkeit völlig unbestreitbar, ja höchst rühmenswert war, ließ er ihn liegen, wie er selber lag, bis der erschütternde Gong zu einem Mittagessen im Kreise der Patientenschaft rief, das sich als erstklassig, tip-top und dermaßen ausgiebig erwies, daß der sich anschließende General-Liegedienst mehr als äußerer Brauch, daß er innere Notwendigkeit war und aus persönlichster Überzeugung geübt wurde. So ging es fort bis zum gewaltigen Souper und zur Abendgeselligkeit im Salon mit den optischen Scherzinstrumenten, – es gab gegen eine Tagesordnung, die sich mit so milder Selbstverständlichkeit aufdrängte, ganz einfach nichts zu erinnern, und auch dann hätte sie keine Gelegenheit zu Einwänden geboten, wenn nicht des Konsuls kritische Fähigkeiten durch ein Befinden herabgesetzt gewesen wären, das er nicht geradezu Übelbefinden nennen wollte, das sich aber aus Müdigkeit und Aufregung bei gleichzeitigen Hitze- und Frostgefühlen lästig zusammensetzte.
Zur Herbeiführung der unruhig erwünschten Unterredung mit Hofrat Behrens war der Dienstweg beschritten worden: Hans Castorp hatte beim Bademeister den Antrag gestellt und dieser ihn der Oberin weitergegeben, deren eigentümliche Bekanntschaft Konsul Tienappel bei dieser Gelegenheit machte, dergestalt, daß sie auf seinem Balkon erschien, wo sie ihn liegend fand und durch fremdartige Sitten die Wohlerzogenheit des hilflos walzenförmig Gewickelten stark in Anspruch nahm. Das geehrte Menschenskind, erfuhr er, möge sich gefälligst ein paar Tage gedulden, der Hofrat sei besetzt, Operationen, Generaluntersuchungen, die leidende Menschheit gehe vor, nach christlichen Grundsätzen, und da er ja angeblich gesund sei, so müsse er sich schon daran gewöhnen, daß er hier nicht Nummer Eins sei, sondern zurückstehen und warten müsse. Etwas anderes, wenn er etwa eine Untersuchung beantragen wolle, – worüber sie, Adriatica, sich weiter nicht wundern würde, er solle sie doch mal ansehen, so, Auge in Auge, die seinen seien etwas trübe und flackernd, und wie er da so vor ihr liege, sehe es alles in allem nicht viel anders aus, als ob auch mit ihm nicht alles so ganz in Ordnung sei, nicht so ganz sauber, er solle sie recht verstehen, – und ob es sich nun bei seinem Antrage um eine Untersuchung oder um eine Privatunterhaltung handle. – Um letzteres, selbstvers-tändlich, um eine Privatunterhaltung! versicherte der Liegende. – Dann möge er warten, bis er Bescheid bekomme. Zu Privatunterhaltungen habe der Hofrat selten Zeit.
Kurz, alles ging anders, als James es sich gedacht hatte, und das Gespräch mit der Oberin hatte seinem Gleichgewicht einen nachhaltigen Stoß versetzt. Zu zivilisiert, um dem Neffen, dessen Einigkeit mit den Erscheinungen hier oben aus seiner unberührbaren Ruhe deutlich hervorging, unhöflicherweise zu sagen, wie abschreckend ihm das Frauenzimmer dünkte, klopfte er nur vorsichtig mit der Erkundigung bei ihm an, die Oberin sei wohl eine recht originelle Dame, – was Hans Castorp, nachdem er flüchtig prüfend in die Luft geblickt, ihm halbwegs zugab, indem er die Frage zurückgab, ob die Mylendonk ihm ein Thermometer verkauft habe. – „Nein, mir? Ist das ihre Branche?“ entgegnete der Onkel ... Aber das Schlimme war, wie deutlich aus seines Neffen Miene hervorging, daß er sich auch dann nicht gewundert haben würde, wenn geschehen wäre, wonach er fragte. „Uns friert nicht“, stand in dieser Miene geschrieben. Den Konsul aber fror, ihn fror andauernd bei heißem Kopfe, und er überlegte, daß, wenn die Oberin ihm tatsächlich ein Thermometer angeboten hätte, er es gewiß zurückgewiesen haben würde, daß dies aber am Ende nicht richtig gewesen wäre, da man ein fremdes, zum Beispiel das des Neffen, zivilisierterweise nicht benutzen konnte.
So vergingen einige Tage, vier oder fünf. Das Leben des Sendboten lief auf Schienen, – auf denen, die ihm gelegt waren, und daß es außerhalb ihrer laufen könne, schien keine Denkbarkeit. Der Konsul hatte seine Erlebnisse, gewann seine Eindrücke, – wir wollen ihn nicht weiter dabei belauschen. Er hob eines Tages in Hans Castorps Zimmer ein schwarzes Glasplättchen auf, das unter anderem kleinen Privatbesitz, womit der Inhaber sein reinliches Heim geschmückt, gestützt von einer geschnitzten Miniaturstaffelei, auf der Kommode stand und sich, gegen das Licht erhoben, als photographisches Negativ erwies. „Was ist denn das?“ fragte der Onkel betrachtend ... Er mochte wohl fragen! Das Porträt war ohne Kopf, es war das Skelett eines menschlichen Oberkörpers in nebelhafter Fleischeshülle, – ein weiblicher Torso übrigens, wie sich erkennen ließ. „Das? Ein Souvenir“, antwortete Hans Castorp. Worauf der Onkel „Pardon!“ sagte, das Bildnis auf die Staffelei zurückstellte und sich rasch davon entfernte. Dies nur als Beispiel für seine Erlebnisse und Eindrücke in diesen vier oder fünf Tagen. Auch an einer Conférence des Dr. Krokowski nahm er teil, da es undenkbar war, sich davon auszuschließen. Und was die erstrebte Privatunterhaltung mit Hofrat Behrens betraf, so bekam er am sechsten Tage seinen Willen. Er wurde bestellt und stieg nach dem Frühstück, entschlossen, ein ernstes Wort mit dem Manne wegen seines Neffen und dessen Zeitverbrauchs zu reden, ins Souterrain hinab.
Als er wieder heraufkam, fragte er mit verminderter Stimme:
„Hast du so etwas schon gehört?!“
Aber es war klar, daß Hans Castorp bestimmt auch so etwas schon gehört haben, daß ihn auch dabei nicht frieren werde, und so brach er ab und antwortete auf des Neffen wenig gespannte Gegenerkundigung nur: „Nichts, nichts“, zeigte aber von Stund an eine neue Gewohnheit: nämlich mit zusammengezogenen Brauen und gespitzten Lippen irgendwohin schräg aufwärts zu spähen, dann in heftiger Wendung den Kopf herumzuwerfen und den beschriebenen Blick in die entgegengesetzte Richtung zu lenken ... War auch die Unterredung mit Behrens anders verlaufen, als der Konsul gedacht hatte? War auf die Dauer nicht nur von Hans Castorp, sondern auch von ihm selbst, James Tienappel, die Rede gewesen, so, daß dem Gespräch der Charakter als Privatunterhaltung verloren gegangen war? Sein Benehmen ließ darauf schließen. Der Konsul zeigte sich stark aufgeräumt, plauderte viel, lachte grundlos und stieß den Neffen mit der Faust in die Weiche, indem er ausrief: „Hallo, alter Bursche!“ Zwischendurch hatte er jenen Blick, dahin und dann plötzlich dorthin. Aber seine Augen gingen auch bestimmtere Wege, bei Tische wie auf den Dienstwegen und bei der Abendgeselligkeit.
Der Konsul hatte einer gewissen Frau Redisch, Gattin eines polnischen Industriellen, die am Tische der zur Zeit abwesenden Frau Salomon und des gefräßigen Schülers mit der Rundbrille saß, anfangs keine besondere Beachtung geschenkt; und in der Tat war sie nur eine Liegehallendame wie eine andere, übrigens eine untersetzte und füllige Brünette, nicht mehr die Jüngste, schon etwas angegraut, aber mit zierlichem Doppelkinn und lebhaften braunen Augen. Kein Gedanke daran, daß sie sich im Punkte der Zivilisation mit Frau Konsul Tienappel drunten im Flachlande hätte messen können. Allein am Sonntag Abend, nach dem Souper, in der Halle, hatte der Konsul, dank einem dekolletierten schwarzen Paillettenkleid, das sie trug, die Entdeckung gemacht, daß Frau Redisch Brüste besaß, mattweiße, stark zusammengepreßte Weibesbrüste, deren Teilung ziemlich weit sichtbar gewesen war, und diese Entdeckung hatte den reifen und feinen Mann bis in den Grund seiner Seele erschüttert und begeistert, so, als habe es eine völlig neue, ungeahnte und unerhörte Bewandtnis damit. Er suchte und machte Frau Redischs Bekanntschaft, unterhielt sich lange mit ihr, zuerst im Stehen, dann im Sitzen, und ging singend schlafen. Am nächsten Tage trug Frau Redisch kein schwarzes Paillettenkleid mehr, sondern war verhüllt; aber der Konsul wußte, was er wußte und blieb seinen Eindrücken treu. Er suchte die Dame auf den Dienstwegen abzufangen, um sich plaudernd, auf eine besondere, angelegentliche und charmante Art ihr zugewandt und zugeneigt, neben ihr zu bewegen, trank ihr bei Tische zu, was sie erwiderte, indem sie lächelnd die Goldkapseln blitzen ließ, mit denen mehrere ihrer Zähne überkleidet waren, und erklärte sie im Gespräch mit seinem Neffen geradezu für ein „göttliches Weib“, – worauf er wieder zu singen begann. Dies alles ließ Hans Castorp sich in ruhiger Duldsamkeit gefallen, mit einer Miene, als müsse es so sein. Aber die Autorität des älteren Verwandten konnte es wenig stärken, und mit des Konsuls Sendung stimmte es schlecht überein.
Die Mahlzeit, bei der er Frau Redisch mit erhobenem Glase grüßte, und zwar zweimal: beim Fischragout und später beim Sorbett, war dieselbe, die Hofrat Behrens am Tische Hans Castorps und seines Gastes einnahm, – er hospitierte ja immer reihum an jedem der sieben, und überall war das Gedeck an der oberen Schmalseite ihm vorbehalten. Die riesigen Hände vor seinem Teller gefaltet, saß er mit seinem geschürzten Bärtchen zwischen Herrn Wehsal und dem mexikanischen Buckligen, mit dem er spanisch sprach – denn er beherrschte alle Sprachen, auch Türkisch und Ungarisch, – und sah mit blau quellenden, rot unterlaufenen Augen zu, wie Konsul Tienappel Frau Redisch drüben mit seinem Bordeauxglase salutierte. Später im Laufe des Essens hielt der Hofrat einen kleinen Vortrag, angefeuert dazu durch James, der ihm über die ganze Länge des Tisches hin aus dem Stegreif die Frage vorlegte, wie es sei, wenn der Mensch verwese. Der Hofrat habe doch das Körperliche studiert, der Körper sei ganz ausgesprochen seine Branche, er sei sozusagen eine Art Körperfürst, wenn man sich so ausdrücken dürfe, und nun solle er mal erzählen, wie es so zugehe, wenn der Körper sich auflöse!
„Vor allen Dingen platzt Ihnen der Bauch“, versetzte der Hofrat, bei aufgelegten Ellbogen über seine gefalteten Hände gebeugt. „Sie liegen da auf Ihren Hobelspänen und Ihrem Sägemehl, und die Gase, verstehen Sie, treiben Sie auf, sie blähen Sie mächtig, so wie böse Bengels es mit Fröschen machen, denen sie Luft einblasen – der reine Ballon sind Sie schließlich, und dann hält Ihre Bauchdecke die Hochspannung nicht mehr aus und platzt. Pardautz, Sie erleichtern sich merklich, Sie machen es wie Judas Ischarioth, als er vom Aste fiel, Sie schütten sich aus. Tja, und danach sind Sie eigentlich wieder gesellschaftsfähig. Wenn Sie Urlaub bekämen, so könnten Sie Ihre Hinterbliebenen besuchen, ohne weiter Anstoß zu erregen. Man nennt das ausgestunken haben. Begibt man sich danach an die Luft, so wird man noch wieder ein ganz feiner Kerl, wie die Bürger von Palermo, die in den Kellergängen der Kapuziner vor Porta Nuova hängen. Trocken und elegant hängen sie da und genießen die allgemeine Achtung. Es kommt nur darauf an, ausgestunken zu haben.“
„Selbstvers-tändlich!“ sagte der Konsul. „Ich danke verbindlichst!“ Und am nächsten Morgen war er verschwunden.
Er war weg, verreist, mit dem allerfrühesten Züglein in die Ebene hinunter – natürlich nicht ohne seine Angelegenheiten geordnet zu haben: wer käme auf andere Gedanken! Er hatte seine Rechnung bereinigt, für eine stattgehabte Untersuchung das Honorar erlegt, hatte in aller Stille, ohne seinem Verwandten ein Sterbenswörtchen zu sagen, seine beiden Handkoffer in Bereitschaft gesetzt – wahrscheinlich war das abends oder gegen Morgen zu noch nachtschlafener Zeit geschehen – und als Hans Castorp um die Stunde des ersten Frühstücks das Zimmer des Onkels betrat, fand er es geräumt.
Mit eingestemmten Armen stand er und sagte „So, so“. Hier war es, daß ein melancholisches Lächeln sich in seinen Zügen hervorbildete. „Ach so“, sagte er und nickte. Da hatte einer Fersengeld gegeben. Hals über Kopf, in stummer Eile, als müsse er die Entschlußkraft eines Augenblicks wahrnehmen und dürfe beileibe diesen Augenblick nicht verpassen, hatte er seine Sachen in die Koffer geworfen und war davon: allein, nicht zu zweien, nicht nach Erfüllung seiner ehrenhaften Sendung, aber heilfroh, auch nur allein davonzukommen, der Biedermann und Flüchtling zur Flachlandsfahne, Onkel James. Na, glückliche Reise!
Hans Castorp ließ niemanden merken, daß er von dem bevorstehenden Aufbruch des Verwandtenbesuches nichts gewußt hatte, besonders den Hinkenden nicht, der den Konsul zum Bahnhof begleitet. Er bekam eine Karte vom Bodensee, des Inhaltes, James habe ein Telegramm erhalten, das ihn per sofort geschäftlich in die Ebene berufen habe. Er habe den Neffen nicht stören wollen. – Eine Formlüge. – „Angenehmen Aufenthalt auch weiterhin!“ – War das Spott? Dann war es ein recht erkünstelter Spott, fand Hans Castorp, denn dem Onkel war bestimmt nicht nach Spott und Spaß zu Sinn gewesen, als er sich in die Abreise gestürzt hatte, sondern er hatte wahrgenommen, innerlich und vorstellungsweise mit blassem Entsetzen wahrgenommen, daß, wenn er jetzt, nach achttägigem Aufenthalte hier oben, ins Flachland zurückkehrte, es ihm eine gute Weile dort unten völlig falsch, unnatürlich und unerlaubt scheinen werde, nach dem Frühstück keinen dienstlichen Lustwandel anzutreten und sich dann nicht, auf rituelle Art in Decken gewickelt, wagerecht ins Freie zu legen, sondern statt dessen sein Kontor aufzusuchen. Und diese erschreckende Wahrnehmung war der unmittelbare Grund seiner Flucht gewesen.
So endete der Versuch des Flachlandes, den außengebliebenen Hans Castorp wieder einzuholen. Der junge Mann machte sich kein Hehl daraus, daß der vollkommene Fehlschlag, den er vorhergesehen, für sein Verhältnis zu denen dort unten von entscheidender Bedeutung war. Er bedeutete für das Flachland achselzuckend-endgültigen Verzicht, für ihn aber die vollendete Freiheit, vor welcher sein Herz nachgerade nicht mehr erbebte.
Operationes spirituales
Leo Naphta stammte aus einem kleinen Ort in der Nähe der galizisch-wolhynischen Grenze. Sein Vater, von dem er mit Achtung sprach, offenbar in dem Gefühl, seiner ursprünglichen Welt nachgerade weit genug entwachsen zu sein, um wohlwollend darüber urteilen zu können, war dort schochet, Schächter, gewesen – und wie sehr hatte dieser Beruf sich von dem des christlichen Fleischers unterschieden, der Handwerker und Geschäftsmann war. Nicht ebenso Leos Vater. Er war Amtsperson und zwar eine solche geistlicher Art. Vom Rabbiner geprüft in seiner frommen Fertigkeit, von ihm bevollmächtigt, schlachtbares Vieh nach dem Gesetze Mosis, gemäß den Vorschriften des Talmud zu töten, hatte Elia Naphta, dessen blaue Augen nach des Sohnes Schilderung einen Sternenschein ausgestrahlt hatten, von stiller Geistigkeit erfüllt gewesen waren, selbst etwas Priesterliches in sein Wesen aufgenommen, eine Feierlichkeit, die daran erinnert hatte, daß in Urzeiten das Töten von Schlachttieren in der Tat eine Sache der Priester gewesen war. Wenn Leo, oder Leib, wie er in seiner Kindheit genannt worden war, hatte zusehen dürfen, wie der Vater auf seinem Hof mit Hilfe eines gewaltigen Knechtes, eines jungen Mannes von athletischem jüdischen Schlage, neben dem der schmächtige Elia mit seinem blonden Rundbart noch zierlicher und zarter erschien, seines rituellen Amtes waltete, wie er gegen das gefesselte und geknebelte, aber nicht betäubte Tier das große Schachotmesser schwang und es zu tiefem Schnitt in die Gegend des Halswirbels traf, während der Knecht das hervorbrechende, dampfende Blut in rasch sich füllenden Schüsseln auffing, hatte er dies Schauspiel mit jenem Kinderblick aufgenommen, der durch das Sinnliche ins Wesentliche dringt und dem Sohn des sternäugigen Elia in besonderem Maße zu eigen gewesen sein mochte. Er wußte, daß die christlichen Fleischer gehalten waren, ihre Tiere mit dem Schlag einer Keule oder eines Beiles bewußtlos zu machen, bevor sie sie töteten, und daß diese Vorschrift ihnen gegeben war, damit Tierquälerei und Grausamkeit vermieden werde; während sein Vater, obgleich so viel zarter und weiser, als jene Lümmel, dazu sternenäugig, wie keiner von ihnen, nach dem Gesetz handelte, indem er der Kreatur bei unbetäubten Sinnen den Schlachtschnitt versetzte und sie so sich ausbluten ließ, bis sie hinsank. Der Knabe Leib empfand, daß die Methode jener plumpen Gojim von einer läßlichen und profanen Gutmütigkeit bestimmt war, mit der dem Heiligen nicht die gleiche Ehre erwiesen wurde wie mit der feierlichen Mitleidslosigkeit im Brauche des Vaters, und die Vorstellung der Frömmigkeit verband sich ihm so mit der der Grausamkeit, wie sich in seiner Phantasie der Anblick und Geruch sprudelnden Blutes mit der Idee des Heiligen und Geistigen verband. Denn er sah wohl, daß der Vater sein blutiges Handwerk nicht aus dem brutalen Geschmack, den leibesstarke Christenburschen oder auch sein eigener jüdischer Knecht daran finden mochten, erwählt hatte, sondern geistigerweise und, bei zarter Leibesbeschaffenheit, im Sinn seiner Sternenaugen.
Wirklich war Elia Naphta ein Grübler und Sinnierer gewesen, ein Erforscher der Thora nicht nur, sondern auch ein Kritiker der Schrift, der mit dem Rabbiner über ihre Sätze disputierte und nicht selten in Streit mit ihm geriet. In der Gegend, und zwar nicht nur bei seinen Glaubensgenossen, hatte er für etwas Besonderes gegolten, für einen, der mehr wußte, als andere – frommerweise zum Teil, zum anderen aber auch auf eine Art, die nicht ganz geheuer sein mochte und jedenfalls nicht in der gewöhnlichen Ordnung war. Etwas sektiererisch Unregelmäßiges haftete ihm an, etwas von einem Gottesvertrauten, Baal-Schem oder Zaddik, das ist Wundermann, zumal er in der Tat einmal ein Weib von bösem Ausschlage, ein andermal einen Knaben von Krämpfen geheilt hatte und zwar mit Blut und Sprüchen. Aber eben dieser Nimbus einer irgendwie gewagten Frömmigkeit, bei welchem der Blutgeruch seines Gewerbes eine Rolle spielte, war sein Verderben geworden. Denn bei Gelegenheit einer Volksbewegung und Wutpanik, hervorgerufen durch den unaufgeklärten Tod zweier Christenkinder, war Elia auf schreckliche Weise ums Leben gekommen: mit Nägeln gekreuzigt, hatte man ihn an der Tür seines brennenden Hauses hängend gefunden, worauf sein Weib, obgleich schwindsüchtig und bettlägerig, mit ihren Kindern, dem Knaben Leib und seinen vier Geschwistern, sämtlich mit erhobenen Armen schreiend und wehklagend, landflüchtig geworden war.
Nicht ganz und gar mittellos, dank Elias Vorsorge, war die geschlagene Familie in einem Städtchen des Vorarlbergs zur Ruhe gekommen, wo Frau Naphta in einer Baumwollspinnerei Arbeit gefunden hatte, der sie nachging, soweit und solange ihre Kräfte es ihr erlaubten, während die größeren Kinder die Volksschule besuchten. Wenn aber die geistigen Darreichungen dieser Anstalt der Verfassung und den Bedürfnissen von Leos Geschwistern hatten genügen mögen, so war, was ihn selbst, den Ältesten betraf, dies bei weitem nicht der Fall gewesen. Von der Mutter hatte er den Keim der Brustkrankheit, vom Vater aber, außer der Zierlichkeit der Gestalt, einen außerordentlichen Verstand geerbt, Geistesgaben, die sich früh mit hoffärtigen Instinkten, höherem Ehrgeiz, bohrender Sehnsucht nach vornehmeren Daseinsformen verbanden und ihn über die Sphäre seiner Herkunft leidenschaftlich hinausstreben ließen. Neben der Schule hatte der Vierzehn- und Fünfzehnjährige durch Bücher, die er sich zu verschaffen gewußt, seinen Geist auf regellose und ungeduldige Weise fortgebildet, seinem Verstand Nährstoff zugeführt. Er dachte und äußerte Dinge, die seine hinkränkelnde Mutter veranlaßten, den Kopf schief zwischen die Schultern zu ziehen und beide abgezehrten Hände emporzuspreizen. Durch sein Wesen, seine Antworten fesselte er im Religionsunterricht die Aufmerksamkeit des Kreisrabbiners, eines frommen und gelehrten Menschen, der ihn zu seinem Privatschüler machte und seinen formalen Trieb mit hebräischem und klassischem Sprachunterricht, seinen logischen mit mathematischer Anleitung sättigte. Dafür aber hatte der gute Mann recht schlimmen Dank geerntet; es stellte sich je länger je mehr heraus, daß er eine Schlange an seinem Busen genährt hatte. Wie einst zwischen Elia Naphta und seinem Rabbi, so ging es nun hier: man vertrug sich nicht, es kam zwischen Lehrer und Schüler zu religiösen und philosophischen Reibereien, die sich immer verschärften, und der redliche Schriftgelehrte hatte unter der geistigen Aufsässigkeit, der Krittel- und Zweifelsucht, dem Widerspruchsgeist, der schneidenden Dialektik des jungen Leo das Erdenklichste zu leiden. Hinzu kam, daß Leos Spitzfindigkeit und geistiges Wühlertum neuestens ein revolutionäres Gepräge angenommen hatten: die Bekanntschaft mit dem Sohn eines sozialdemokratischen Reichsratsmitgliedes und mit diesem Massenhelden selbst hatte seinen Geist auf politische Pfade gelenkt, seiner logischen Leidenschaft eine gesellschaftskritische Richtung gegeben; er führte Reden, die dem guten Talmudisten, dem die eigene Loyalität teuer war, die Haare zu Berge steigen ließen und dem Einvernehmen zwischen Lehrer und Schüler den Rest gaben. Kurz, es war dahin gekommen, daß Naphta von dem Meister verstoßen, auf immer seines Studierzimmers verwiesen worden war, und zwar gerade um die Zeit, als seine Mutter, Rahel Naphta, im Sterben lag.
Damals aber auch, unmittelbar nach dem Verscheiden der Mutter, hatte Leo die Bekanntschaft des Paters Unterpertinger gemacht. Der Sechzehnjährige saß einsam auf einer Bank in den Parkanlagen des sogenannten Margaretenkopfes, einer Anhöhe westlich des Städtchens, am Ufer der Ill, von wo man einen weiten und heiteren Ausblick über das Rheintal genoß, – saß dort, verloren in trübe und bittere Gedanken über sein Geschick, seine Zukunft, als ein spazierendes Mitglied des Lehrkörpers vom Pensionat der Gesellschaft Jesu, genannt „Morgenstern“, neben ihm Platz nahm, seinen Hut neben sich legte, ein Bein unter dem Weltpriesterkleid über das andere schlug und nach einiger Lektüre in seinem Brevier eine Unterhaltung begann, die sich sehr lebhaft entwickelte und für Leos Schicksal entscheidend werden sollte. Der Jesuit, ein umgetriebener Mann von gebildeten Formen, Pädagog aus Passion, ein Menschenkenner und Menschenfischer, horchte auf bei den ersten höhnisch klar artikulierten Sätzen, mit denen der armselige Judenjüngling seine Fragen beantwortete. Eine scharfe und gequälte Geistigkeit wehte ihn daraus an, und weiterdringend stieß er auf ein Wissen und eine boshafte Eleganz des Denkens, die durch das abgerissene Äußere des jungen Menschen nur noch überraschender wurde. Man sprach von Marx, dessen „Kapital“ Leo Naphta in einer Volksausgabe studiert hatte, und kam von ihm auf Hegel, von dem oder über den er ebenfalls genug gelesen, um einiges Markante über ihn äußern zu können. Sei es aus allgemeinem Hang zur Paradoxie oder aus höflicher Absicht, – er nannte Hegel einen „katholischen“ Denker; und auf die lächelnde Frage des Paters, wie das begründet werden könne, da doch Hegel als preußischer Staatsphilosoph wohl recht eigentlich und wesentlich als Protestant zu gelten habe, erwiderte er: gerade das Wort „Staatsphilosoph“ bekräftige, daß er im religiösen, wenn auch natürlich nicht im kirchlich-dogmatischen Sinn mit seiner Behauptung von Hegels Katholizität im Rechte sei. Denn (diese Konjunktion liebte Naphta ganz besonders; sie gewann etwas Triumphierend-Unerbittliches in seinem Munde, und seine Augen hinter den Brillengläsern blitzten auf, jedesmal, wenn er sie einfügen konnte), denn der Begriff des Politischen sei mit dem des Katholischen psychologisch verbunden, sie bildeten eine Kategorie, die alles Objektive, Werkhafte, Tätige, Verwirklichende, ins Äußere Wirkende umfasse. Ihr gegenüber stehe die pietistische, aus der Mystik hervorgegangene, protestantische Sphäre. Im Jesuitentum, fügte er hinzu, werde das politisch-pädagogische Wesen des Katholizismus evident; Staatskunst und Erziehung habe dieser Orden immer als seine Domänen betrachtet. Und er nannte noch Goethe, der, im Pietismus wurzelnd und gewiß Protestant, eine stark katholische Seite besessen habe, nämlich kraft seines Objektivismus und seiner Tätigkeitslehre. Er habe die Ohrenbeichte verteidigt und sei als Erzieher ja beinahe Jesuit gewesen.
Mochte Naphta diese Dinge vorgebracht haben, weil er daran glaubte, oder weil er sie witzig fand, oder um seinem Zuhörer nach dem Munde zu reden, als ein Armer, der schmeicheln muß und wohl berechnet, wie er sich nützen, wie schaden kann: der Pater hatte sich um ihren Wahrheitswert weniger gekümmert, als um die allgemeine Gescheitheit, von der sie zeugten; das Gespräch hatte sich fortgesponnen, Leos persönliche Umstände waren dem Jesuiten bald bekannt gewesen, und die Begegnung hatte mit der Aufforderung Unterpertingers an Leo geschlossen, ihn im Pädagogium zu besuchen.
So hatte Naphta den Boden der Stella matutina betreten dürfen, deren wissenschaftlich und gesellschaftlich anspruchsvolle Atmosphäre vorstellungsweise längst seine Sehnsucht gereizt hatte; und mehr: es war ihm durch diese Wendung der Dinge ein neuer Lehrer und Gönner beschert worden, weit besser aufgelegt, als der vormalige, sein Wesen zu schätzen und zu fördern, ein Meister, dessen Güte, kühl ihrer Natur nach, auf Weltläufigkeit beruhte, und in dessen Lebenskreis einzudringen er größte Begierde empfand. Gleich vielen geistreichen Juden war Naphta von Instinkt zugleich Revolutionär und Aristokrat; Sozialist – und zugleich besessen von dem Traum, an stolzen und vornehmen, ausschließlichen und gesetzvollen Daseinsformen teilzuhaben. Die erste Äußerung, welche die Gegenwart eines katholischen Theologen ihm entlockt hatte, war, obgleich sie sich rein analytisch-vergleichend gegeben hatte, eine Liebeserklärung an die römische Kirche gewesen, die er als eine zugleich vornehme und geistige, das heißt anti-materielle, gegenwirkliche und gegen-weltliche, also revolutionäre Macht empfand. Und diese Huldigung war echt und stammte aus seines Wesens Mitte; denn, wie er selbst auseinandersetzte, stand das Judentum kraft seiner Richtung aufs Irdisch-Sachliche, seines Sozialismus, seiner politischen Geistigkeit der katholischen Sphäre weit näher, war ihr ungleich verwandter, als der Protestantismus in seiner Versenkungssucht und mystischen Subjektivität, – wie denn also auch die Konversion eines Juden zur römischen Kirche entschieden einen geistlich zwangloseren Vorgang bedeutete, als die eines Protestanten.
Entzweit mit dem Hirten seiner ursprünglichen Religionsgemeinschaft, verwaist und verlassen, dazu voller Verlangen nach reinerer Lebensluft, nach Daseinsformen, auf die seine Gaben ihm Anrecht verliehen, war Naphta, der das gesetzliche Unterscheidungsalter ja längst erreicht hatte, zum konfessionellen Übertritt so ungeduldig bereit, daß sein „Entdecker“ sich jeder Mühe überhoben sah, diese Seele, oder vielmehr diesen ungewöhnlichen Kopf für die Welt seines Bekenntnisses zu gewinnen. Schon bevor er die Taufe empfing, hatte Leo auf Betreiben des Paters in der „Stella“ vorläufige Unterkunft, leibliche und geistige Versorgung, gefunden. Er war dorthin übergesiedelt, indem er seine jüngeren Geschwister mit größter Gemütsruhe, mit der Unempfindlichkeit des Geistesaristokraten der Armenpflege und einem Schicksal überließ, wie es ihrer minderen Begabung gebührte.
Grund und Boden der Erziehungsanstalt waren weitläufig, wie ihre Baulichkeiten, die Raum für gegen vierhundert Zöglinge boten. Der Komplex umfaßte Wälder und Weideland, ein halbes Dutzend Spielplätze, landwirtschaftliche Gebäude, Ställe für Hunderte von Kühen. Das Institut war zugleich Pensionat, Mustergut, Sportakademie, Gelehrtenschule und Musentempel; denn beständig gab es Theater und Musik. Das Leben hier war herrschaftlich-klösterlich. Mit seiner Zucht und Eleganz, seiner heiteren Gedämpftheit, seiner Geistigkeit und Wohlgepflegtheit, der Genauigkeit seiner abwechslungsreichen Tageseinteilung schmeichelte es Leos tiefsten Instinkten. Er war überglücklich. Er erhielt seine vortrefflichen Mahlzeiten in einem weiten Refektorium, wo Schweigepflicht herrschte, wie auf den Gängen der Anstalt, und in dessen Mitte ein junger Präfekt auf hohem Katheder sitzend die Essenden mit Vorlesen unterhielt. Sein Eifer beim Unterricht war brennend, und trotz einer Brustschwäche bot er alles auf, um nachmittags bei Spiel und Sport seinen Mann zu stehen. Die Devotion, mit der er alltäglich die Frühmesse hörte und Sonntags am feierlichen Amte teilnahm, mußte die Väter-Pädagogen erfreuen. Seine gesellschaftliche Haltung befriedigte sie nicht weniger. An Festtagen, nachmittags, nach dem Genuß von Kuchen und Wein, ging er in grau und grüner Uniform, mit Stehkragen, Hosenstreifen und Käppi, in Reihe und Glied spazieren.
Dankbares Entzücken erfüllte ihn angesichts der Schonung, die seiner Herkunft, seinem jungen Christentum, seinen persönlichen Verhältnissen überhaupt zuteil wurde. Daß es ein Freiplatz war, den er in der Anstalt einnahm, schien niemand zu wissen. Die Hausgesetze lenkten die Aufmerksamkeit seiner Kameraden von der Tatsache ab, daß er ohne Familienanhang, ohne Heimat war. Das Empfangen von Paketen mit Lebensmitteln und Leckereien war allgemein verboten. Was etwa dennoch kam, wurde verteilt, und auch Leo erhielt davon. Der Kosmopolitismus der Anstalt verhinderte jedes auffällige Hervortreten seines Rassengepräges. Es waren da junge Exoten, portugiesische Südamerikaner, die „jüdischer“ aussahen als er, und so kam dieser Begriff abhanden. Der äthiopische Prinz, der gleichzeitig mit Naphta Aufnahme gefunden hatte, war sogar ein wolliger Mohrentyp, dabei aber sehr vornehm.
In der Rhetorischen Klasse gab Leo den Wunsch zu erkennen, Theologie zu studieren, um, wenn er irgend würdig befunden werde, dereinst dem Orden anzugehören. Dies hatte zur Folge, daß man seinen Freiplatz aus dem „Zweiten Pensionat“, dessen Kosten und Lebenshaltung bescheidener waren, in das „Erste“ verlegte. Bei Tische wurde ihm nun von Dienern serviert, und sein Schlafabteil stieß einerseits an das eines schlesischen Grafen von Harbuval und Chamaré, andererseits an das eines Marquis di Rangoni-Santacroce aus Modena. Er absolvierte glänzend und vertauschte, getreu seinem Entschluß, das Zöglingsleben des Pädagogiums mit dem des Noviziathauses im benachbarten Tisis, einem Leben dienender Demut, schweigender Unterordnung und religiösen Trainings, dem er geistige Lüste im Sinne früher fanatischer Konzeptionen abgewann.
Unterdessen aber litt seine Gesundheit – und zwar weniger unmittelbar, durch die Strenge des Prüflingslebens, in dem es an körperlicher Erfrischung nicht fehlte, als von innen her. Die Erziehungspraktiken, deren Gegenstand er war, kamen in ihrer Klugheit und Spitzfindigkeit seinen persönlichen Anlagen entgegen und forderten sie zugleich heraus. Bei den geistigen Operationen, mit denen er seine Tage und noch einen Teil seiner Nächte verbrachte, bei all diesen Gewissenserforschungen, Betrachtungen, Erwägungen und Beschauungen verstrickte er sich mit boshaft querulierender Leidenschaft in tausend Schwierigkeiten, Widersprüche und Streitfälle. Er war die Verzweiflung – wenn auch zugleich die große Hoffnung – seines Exerzitienleiters, dem er mit seiner dialektischen Wut und seinem Mangel an Einfalt alltäglich die Hölle heiß machte. „Ad haec quid tu?“ fragte er mit funkelnden Brillengläsern ... Und dem in die Enge getriebenen Pater blieb nichts übrig, als ihn zum Gebet zu ermahnen, damit er zur Ruhe der Seele gelange – „ut in aliquem gradum quietis in anima perveniat“. Allein diese „Ruhe“ bestand, wenn sie erreicht wurde, in einer vollständigen Abstumpfung des Eigenlebens und Abtötung zum bloßen Werkzeuge, einem geistigen Kirchhofsfrieden, dessen unheimliche äußere Merkmale Bruder Naphta in mancher hohl blickenden Physiognomie seiner Umgebung studieren konnte, und die zu erreichen ihm nie gelingen würde, es sei denn auf dem Wege körperlichen Ruins.
Es sprach für den geistigen Rang seiner Vorgesetzten, daß diese Anstände und Beschwerden seinem Ansehen bei ihnen keinen Abbruch taten. Der Pater Provinzial selbst zitierte ihn am Ende des zweijährigen Noviziates zu sich, unterhielt sich mit ihm, genehmigte seine Aufnahme in den Orden; und der junge Scholastiker, der vier niedere Weihen, nämlich die eines Türhüters, Meßdieners, Vorlesers und Teufelsbeschwörers empfangen, auch die „einfachen“ Gelübde abgelegt hatte und der Sozietät nun endgültig angehörte, ging nach dem Kollegienhause des holländischen Falkenburg ab, um sein theologisches Studium aufzunehmen.
Damals war er zwanzigjährig, und drei Jahre später hatte unter dem Einfluß eines ihm gefährlichen Klimas und geistiger Anstrengungen sein ererbtes Leiden solche Fortschritte gemacht, daß sein Verbleib sich bei Lebensgefahr verbot. Ein Blutsturz, den er erlitt, alarmierte seine Oberen, und nachdem er wochenlang zwischen Leben und Tod geschwebt, schickten sie den notdürftig Genesenen an seinen Ausgangspunkt zurück. In derselben Erziehungsanstalt, deren Schüler er gewesen, fand er als Präfekt, als Aufseher der Alumnen und Lehrer der Humaniora und Philosophie Verwendung. Diese Einschaltung war ohnedies Vorschrift, nur, daß man von solcher Dienstleistung gemeinhin nach wenigen Jahren ins Kolleg zurückkehrte, um das siebenjährige Gottesstudium fortzuführen und abzuschließen. Dies war dem Bruder Naphta verwehrt. Er kränkelte fort; Arzt und Obere urteilten, der Dienst hier am Orte, in gesunder Luft mit den Zöglingen und bei landwirtschaftlicher Betätigung, sei der ihm vorläufig angemessene. Er empfing wohl die erste höhere Weihe, gewann das Recht, am Sonntag beim feierlichen Amt die Epistel zu singen, – ein Recht, das er übrigens nicht ausübte, erstens, weil er vollständig unmusikalisch war und dann auch, weil die krankhafte Brüchigkeit seiner Stimme ihn zum Singen wenig geschickt machte. Über das Subdiakonat aber brachte er es nicht hinaus, – weder zum Diakonat noch gar zur Priesterweihe; und da die Blutung sich wiederholte, auch das Fieber nicht schwinden wollte, so hatte er auf Ordenskosten zu längerer Kur hier oben Aufenthalt genommen, und sie zog sich hin in das sechste Jahr – kaum noch als Kur, sondern bereits und nachgerade im Sinne kategorischer Lebensbedingung, in dünner Höhe, beschönigt durch einige Tätigkeit als Lateinlehrer am Krankengymnasium ...
Diese Dinge nebst Weiterem und Genauerem erfuhr Hans Castorp gesprächsweise von Naphta selbst, wenn er ihn in der seidenen Zelle besuchte, allein und auch in Begleitung seiner Tischgenossen Ferge und Wehsal, die er dort eingeführt hatte; oder wenn er ihm auf einem Lustwandel begegnete und in seiner Gesellschaft gegen „Dorf“ zurückpilgerte, – erfuhr sie gelegentlich, in Bruchstücken und in Form zusammenhängender Erzählungen und fand sie nicht nur für seine Person hoch merkwürdig, sondern ermunterte auch Ferge und Wehsal, sie so zu finden, was sie auch taten: jener freilich, indem er einschränkend in Erinnerung brachte, daß alles Höhere ihm fern liege (denn das Erlebnis des Pleurachoks war es allein, was ihn je über das menschlich Anspruchsloseste hinaus gesteigert hatte), dieser dagegen mit sichtlichem Wohlgefallen an der Glückslaufbahn eines einst Gedrückten, die nun allerdings, damit die Bäume nicht in den Himmel wuchsen, zu stocken und in dem gemeinsamen Körperübel zu versanden schien.
Hans Castorp für sein Teil bedauerte diesen Stillstand und gedachte mit Stolz und Sorge des ehrliebenden Joachim, der mit heldenmütiger Kraftanstrengung des Rhadamanthys zähes Gewebe von Rederei zerrissen hatte und zu seiner Fahne geflohen war, an deren Schaft er, in Hans Castorps Vorstellung, sich nun klammerte, drei Finger seiner Rechten zum Treuschwur erhoben. Auch Naphta hatte zu einer Fahne geschworen, auch er war unter eine solche aufgenommen worden, wie er selbst sich ausdrückte, wenn er Hans Castorp über das Wesen seines Ordens unterrichtete; aber offenbar war er ihr weniger treu, mit seinen Abweichungen und Kombinationen, als Joachim der seinen, – während freilich Hans Castorp, wenn er dem ci devant- oder Zukunftsjesuiten zuhörte, als Zivilist und Kind des Friedens sich in seiner Meinung bestärkt fand, daß jeder von beiden an dem Beruf und Stande des anderen Gefallen finden und ihn als dem eigenen nahe verwandt hätte verstehen müssen. Denn das waren militärische Stände, der eine wie der andere, und zwar in allerlei Sinn: in dem der „Askese“ sowohl als dem der Rangordnung, des Gehorsams und der spanischen Ehre. Letztere namentlich waltete mächtig ob in Naphtas Orden, welcher ja auch aus Spanien stammte, und dessen geistliches Exerzierreglement, eine Art Gegenstück zu dem, welches später der preußische Friederich für seine Infanterie erlassen, ursprünglich in spanischer Sprache abgefaßt worden war, weshalb denn Naphta bei seinen Erzählungen und Belehrungen sich spanischer Ausdrücke öfters bediente. So sprach er von den „dos banderas“, von den „zwei Fahnen“, um welche die Heere sich zum großen Feldzuge scharten: das höllische und das geistliche; in der Gegend von Jerusalem dieses, wo Christus, der „capitan general“ aller Guten kommandierte, – in der Ebene von Babylon das andere, wo Luzifer den „caudillo“ oder Häuptling machte ...
War nicht die Anstalt „Morgenstern“ ein richtiges Kadettenhaus gewesen, dessen Zöglinge, abgeteilt in „Divisionen“, zu geistlich-militärischer bienséance ehrenhaft waren angehalten worden, – eine Verbindung von „Steifem Kragen“ und „Spanischer Krause“, wenn man so sagen durfte? Die Idee der Ehre und Auszeichnung, die in Joachims Stande eine so glänzende Rolle spielte, – wie deutlich, dachte Hans Castorp, tat sie sich hervor auch in dem, worin Naphta es leider krankheitshalber nicht weit gebracht hatte! Hörte man ihn, so setzte der Orden sich aus lauter höchst ehrgeizigen Offizieren zusammen, die nur von dem einen Gedanken beseelt waren, sich im Dienste auszuzeichnen. („Insignes esse“ hieß es lateinisch.) Nach der Lehre und dem Reglement des Stifters und ersten Generals, des spanischen Loyola, taten sie mehr, taten herrlicheren Dienst als all diejenigen, die nur nach ihrer gesunden Vernunft handelten. Vielmehr verrichteten sie ihr Werk „ex supererogatione“, über Gebühr, nämlich indem sie nicht nur schlechthin der Empörung des Fleisches („rebellio carnis“) Widerstand leisteten, was eben nicht mehr, als Sache jedes durchschnittlich gesunden Menschenverstandes war, sondern dadurch, daß sie kämpfend schon gegen die Neigungen der Sinnlichkeit, der Eigen- und Weltliebe handelten, auch in Dingen, die gemeinhin erlaubt sind. Denn kämpfend gegen den Feind handeln, „agere contra“, angreifen also, war mehr und ehrenhafter, als nur sich verteidigen („resistere“). Den Feind schwächen und brechen! hieß es in der Felddienstvorschrift, und ihr Verfasser, der spanische Loyola, war da wieder ganz eines Sinnes mit Joachims capitan general, dem preußischen Friederich und seiner Kriegsregel „Angriff! Angriff!“ „Dem Feind in den Hosen gesessen!“ „Attaquez donc toujours!“
Was aber der Welt Naphtas und derjenigen Joachims namentlich gemeinsam war, das war ihr Verhältnis zum Blute und ihr Axiom, daß man seine Hand nicht solle davon zurückhalten: darin besonders stimmten sie als Welten, Orden und Stände hart überein, und für ein Kind des Friedens war es sehr hörenswert, wie Naphta von kriegerischen Mönchstypen des Mittelalters erzählte, welche, asketisch bis zur Erschöpfung und dabei voll geistlicher Machtbegier, des Blutes nicht hatten schonen wollen, um den Gottesstaat, die Weltherrschaft des Übernatürlichen herbeizuführen; von streitbaren Tempelherren, die den Tod im Kampf gegen die Ungläubigen für verdienstvoller als den im Bette geachtet hatten und, um Christi willen getötet zu werden oder zu töten, für kein Verbrechen, sondern für höchsten Ruhm. Nur gut, wenn Settembrini bei diesen Reden nicht zugegen war! Er gab sonst nur wieder den störenden Drehorgelmann ab und schalmeite Frieden, – obgleich da doch der heilige National- und Zivilisationskrieg gegen Wien war, zu dem er durchaus nicht nein sagte, während freilich Naphta nun gerade diese Passion und Schwäche mit Hohn und Verachtung strafte. Wenigstens solange der Italiener von solchen Gefühlen warm war, führte er eine christliche Weltbürgerlichkeit dagegen ins Feld, wollte jedes Land, und auch wieder kein einziges, Vaterland nennen und wiederholte schneidend das Wort eines Ordensgenerals namens Nickel, dahin lautend, die Vaterlandsliebe sei „eine Pest und der sicherste Tod der christlichen Liebe“.
Versteht sich, es war die Askese, um derentwillen Naphta die Vaterlandsliebe eine Pest nannte, – denn was begriff er nicht alles unter diesem Wort, was alles lief nicht nach seinem Erachten der Askese und dem Gottesreiche zuwider! Nicht nur die Anhänglichkeit an Familie und Heimat tat das, sondern auch die an Gesundheit und Leben: sie eben machte er dem Humanisten zum Vorwurf, wenn dieser Frieden und Glück schalmeite; der Fleischesliebe, der amor carnalis, der Liebe zu den körperlichen Bequemlichkeiten, commodorum corporis, zieh er ihn zänkisch und nannte es ihm ins Gesicht hinein stockbürgerliche Irreligiosität, auf Leben und Gesundheit auch nur das geringste Gewicht zu legen.
Das war das große Kolloquium über Gesundheit und Krankheit, das sich eines Tages, schon stark gegen Weihnachten hin, während eines Schneespazierganges nach „Platz“ und wieder zurück aus solchen Differenzen entwickelte, und alle nahmen sie daran teil: Settembrini, Naphta, Hans Castorp, Ferge und Wehsal, – leicht fiebernd sämtlich, zugleich betäubt und erregt vom Gehen und Reden im Höhenfrost, zum Zittern geneigt ohne Ausnahme und, ob sie sich nun mehr tätig verhielten, wie Naphta und Settembrini, oder meist aufnehmend und nur mit kurzen Einwürfen das Gespräch begleitend, alle mit so angelegentlichem Eifer, daß sie oft selbstvergessen halt machten, eine tief beschäftigte, gestikulierende und durcheinander sprechende Gruppe bildeten und die Passage versperrten, unbekümmert um fremde Leute, die einen Bogen um sie beschreiben mußten und ebenfalls stehen blieben, das Ohr hinhielten und staunend ihren ausschweifenden Erörterungen lauschten.
Eigentlich war der Disput von Karen Karstedt ausgegangen, der armen Karen mit den offenen Fingerspitzen, die neulich gestorben war. Hans Castorp hatte nichts von ihrer plötzlichen Verschlechterung und ihrem Exitus gewußt; sonst hätte er gern an ihrem Begräbnis kameradschaftlich teilgenommen, – bei seiner eingestandenen Vorliebe für Begräbnisse überhaupt. Aber die ortsübliche Diskretion hatte gewollt, daß er zu spät von Karens Hintritt erfahren hatte, und daß sie schon in den Garten des Puttengottes mit der schiefen Schneemütze zu endgültig horizontaler Lage eingegangen war. Requiem aeternam ... Er widmete ihrem Andenken einige freundliche Worte, was Herrn Settembrini darauf brachte, sich spöttisch über Hansens charitative Betätigung, seine Besuche bei Leila Gerngroß, dem geschäftlichen Rotbein, der überfüllten Zimmermann, dem prahlerischen Sohne Tous-les-deux’ und der qualvollen Natalie von Mallinckrodt zu äußern und noch nachträglich über die teueren Blumen sich aufzuhalten, mit denen der Ingenieur diesem ganzen trostlosen und ridikülen Gelichter Devotion erwiesen habe. Hans Castorp hatte darauf hingewiesen, daß die Empfänger seiner Aufmerksamkeiten, mit vorläufiger Ausnahme der Frau von Mallinckrodt und des Knaben Teddy, ja auch ganz ernstlich gestorben seien, worauf Settembrini fragte, ob das sie etwa respektabler mache. Es gebe aber doch etwas, entgegnete Hans Castorp, was man die christliche Reverenz vor dem Elend nennen könne. Und ehe Settembrini ihn zurechtweisen konnte, begann Naphta von frommen Ausschreitungen der Liebestätigkeit zu reden, die das Mittelalter gesehen, erstaunlichen Fällen von Fanatismus und Verzückung in der Krankenpflege: Königstöchter hatten die stinkenden Wunden Aussätziger geküßt, hatten sich geradezu mit Absicht an Leprosen angesteckt und die Schwären, die sie sich zugezogen, dann ihre Rosen genannt, hatten das Wasser ausgetrunken, womit sie Eiternde gewaschen, und danach erklärt, nie habe ihnen etwas so gut geschmeckt.
Settembrini tat, als müsse er sich erbrechen. Weniger das physisch Ekelhafte an diesen Bildern und Vorstellungen, sagte er, kehre ihm den Magen um, als vielmehr der monströse Irrsinn, der sich in einer solchen Auffassung von tätiger Menschenliebe bekunde. Und er richtete sich auf, gewann wieder heitere Würde, indem er von neuzeitlich fortgeschrittenen Formen der humanitären Fürsorge, siegreicher Zurückdrängung der Seuchen sprach und Hygiene, Sozialreform nebst den Taten der medizinischen Wissenschaft jenen Schrecknissen entgegenstellte.
Mit diesen bürgerlich ehrbaren Dingen, antwortete Naphta, wäre den Jahrhunderten, die er soeben angezogen, aber wenig gedient gewesen und zwar beiden Teilen nicht: den Kranken und Elenden so wenig wie den Gesunden und Glücklichen, die nicht sowohl aus Mitleid, als um des eigenen Seelenheiles willen sich ihnen milde erwiesen hätten. Denn durch erfolgreiche Sozialreform wären diese des wichtigsten Rechtfertigungsmittels verlustig gegangen, jene aber ihres heiligen Standes beraubt worden. Darum habe dauernde Erhaltung von Armut und Krankheit im Interesse beider Parteien gelegen, und diese Auffassung bleibe solange möglich, als es möglich sei, den rein religiösen Gesichtspunkt festzuhalten.
Ein schmutziger Gesichtspunkt, erklärte Settembrini, und eine Auffassung, deren Albernheit zu bekämpfen er sich beinahe zu gut sei. Denn die Idee vom „heiligen Stande“ sowie das, was der Ingenieur unselbständigerweise über die „christliche Reverenz vor dem Elend“ geäußert habe, sei ja Schwindel, beruhe auf Täuschung, fehlerhafter Einfühlung, einem psychologischen Schnitzer. Das Mitleid, das der Gesunde dem Kranken entgegenbringe und das er bis zur Ehrfurcht steigere, weil er sich gar nicht denken könne, wie er solche Leiden gegebenenfalles solle ertragen können, – dieses Mitleid sei in hohem Grade übertrieben, es komme dem Kranken gar nicht zu und sei insofern das Ergebnis eines Denk- und Phantasiefehlers, als der Gesunde seine eigene Art, zu erleben, dem Kranken unterschiebe und sich vorstelle, der Kranke sei gleichsam ein Gesunder, der die Qualen eines Kranken zu tragen habe, – was völlig irrtümlich sei. Der Kranke sei eben ein Kranker, mit der Natur und der modifizierten Erlebnisart eines solchen; die Krankheit richte sich ihren Mann schon so zu, daß sie miteinander auskommen könnten, es gebe da sensorische Herabminderungen, Ausfälle, Gnadennarkosen, geistige und moralische Anpassungs- und Erleichterungsmaßnahmen der Natur, die der Gesunde naiver Weise in Rechnung zu stellen vergesse. Das beste Beispiel sei all dies Brustkrankengesindel hier oben mit seinem Leichtsinn, seiner Dummheit und Liederlichkeit, seinem Mangel an gutem Willen zur Gesundheit. Und kurz, wenn der mitleidig verehrende Gesunde nur selber krank sei und nicht mehr gesund, so werde er schon sehen, daß Kranksein allerdings ein Stand für sich sei, aber durchaus kein Ehrenstand, und daß er ihn viel zu ernst genommen habe.
Hier begehrte Anton Karlowitsch Ferge auf und verteidigte den Pleurachok gegen Verunglimpfungen und Despektierlichkeiten. Wie, was, zu ernst genommen sein Pleurachok? Da danke er, und da müsse er bitten! Sein großer Kehlkopf und sein gutmütiger Schnurrbart wanderten auf und nieder, und er verbat sich jede Mißachtung dessen, was er damals durchgemacht. Er sei nur ein einfacher Mann, ein Versicherungsreisender, und alles Höhere liege ihm fern, – schon dieses Gespräch gehe weit über seinen Horizont. Aber wenn Herr Settembrini etwa zum Beispiel auch den Pleurachok mit einbeziehen wolle in das, was er gesagt habe, – diese Kitzelhölle mit dem Schwefelgestank und den drei farbigen Ohnmachten, – dann müsse er schon bitten und danke ergebenst. Denn da sei von Herabminderungen und Gnadennarkosen und Phantasiefehlern auch nicht eine Spur die Rede gewesen, sondern das sei die größte und krasseste Hundsfötterei unter der Sonne, und wer es nicht erfahren habe, wie er, der könne sich von solcher Gemeinheit überhaupt keine –
Ei ja, ei ja! sagte Settembrini. Herrn Ferges Collaps werde ja immer großartiger, je länger es her sei, daß er ihn erlitten habe, und nachgerade trage er ihn wie einen Heiligenschein um den Kopf. Er, Settembrini, achte die Kranken wenig, die auf Bewunderung Anspruch erhöben. Er sei selber krank, und nicht leicht; aber ohne Affektation sei er eher geneigt, sich dessen zu schämen. Übrigens spreche er unpersönlich, philosophisch, und was er über die Unterschiede in der Natur und Erlebnisart des Kranken und des Gesunden bemerkt habe, das habe schon Hand und Fuß, die Herren möchten nur einmal an die Geisteskrankheiten denken, an Halluzinationen zum Beispiel. Wenn einer seiner gegenwärtigen Begleiter, der Ingenieur etwa, oder Herr Wehsal, heute abend in der Dämmerung seinen verstorbenen Herrn Vater in einer Zimmerecke erblicken würde, der ihn ansähe und zu ihm spräche, – so wäre das für den betreffenden Herrn etwas schlechthin Ungeheuerliches, ein im höchsten Grade erschütterndes und verstörendes Erlebnis, das ihn an seinen Sinnen, seiner Vernunft irre machen und ihn bestimmen würde, alsbald das Zimmer zu räumen und sich in eine Nervenbehandlung zu geben. Oder etwa nicht? Aber der Scherz sei eben der, daß den Herren das gar nicht begegnen könne, da sie ja geistig gesund seien. Falls es ihnen aber begegnete, so wären sie nicht gesund, sondern krank und würden nicht, wie ein Gesunder, das heißt: mit Entsetzen und Reißaus, darauf reagieren, sondern die Erscheinung hinnehmen, als ob sie ganz in der Ordnung sei, und sich in eine Konversation mit ihr einlassen, wie das eben die Art der Halluzinanten sei; und zu glauben, für diese bedeute die Halluzination ein gesundes Schrecknis, das eben sei der Phantasiefehler, der dem Nichtkranken unterlaufe.
Herr Settembrini sprach sehr drollig und plastisch von dem Vater in der Ecke. Alle mußten lachen, auch Ferge, obgleich er gekränkt war durch Geringschätzung seines infernalischen Abenteuers. Der Humanist seinerseits benutzte die erregte Laune, um die Nichtachtbarkeit der Halluzinanten und überhaupt aller pazzi des weiteren zu erörtern und zu vertreten: diese Leute, meinte er, ließen sich ganz unerlaubt viel durchgehen und hätten es öfters sehr wohl in der Hand, ihrer Tollheit zu steuern, wie er selbst bei gelegentlichen Besuchen in Narrenspitälern gesehen. Denn wenn der Arzt oder ein Fremder auf der Schwelle erscheine, so stelle der Halluzinierende meist seine Grimassen, sein Reden und Fuchteln ein und benehme sich anständig, solange er sich beobachtet wisse, um sich hernach wieder gehen zu lassen. Denn ein Sichgehenlassen bedeute die Narrheit zweifellos in vielen Fällen, dergestalt, daß sie als Zuflucht vor großem Kummer und als Schutzmaßnahme einer schwachen Natur gegen überschwere Schicksalsschläge diene, die klaren Sinnes zu bestehen ein solcher Mensch sich nicht zumute. Da aber könnte sozusagen jeder kommen, und er, Settembrini, habe schon manchen Narren einzig und allein durch seinen Blick, dadurch, daß er seinen Flausen eine Haltung unerbittlicher Vernunft entgegengesetzt habe, wenigstens vorübergehend zur Klarheit angehalten ...
Naphta lachte höhnisch, während Hans Castorp beteuerte, Herrn Settembrini das Gesagte aufs Wort glauben zu wollen. Wenn er sich so vorstelle, wie dieser unter dem Schnurrbart gelächelt und den Schwachkopf mit unnachgiebiger Vernunft ins Auge gefaßt habe, so verstehe er wohl, wie der arme Kerl sich habe zusammennehmen und der Klarheit die Ehre geben müssen, wenn er natürlich auch wohl Herrn Settembrinis Erscheinen als höchst unwillkommene Störung empfunden haben werde ... Aber auch Naphta hatte Irrenanstalten besucht, er entsann sich eines Aufenthaltes in dem „Unruhigen Hause“ einer solchen, und da hatten Szenen und Bilder sich ihm dargeboten, vor welchen, du lieber Gott, Herrn Settembrinis vernunftvoller Blick und züchtiger Einfluß wohl kaum verfangen haben würde: Dantische Szenen, groteske Bilder des Grauens und der Qual: die nackten Irren im Dauerbade hockend, in allen Posen der Seelenangst und des Entsetzensstupors, einige in lautem Jammer schreiend, andere mit erhobenen Armen und klaffenden Mündern ein Gelächter ausstoßend, worin alle Ingredienzien der Hölle sich gemischt hatten ...
„Aha“, sagte Herr Ferge und erlaubte sich, sein eigenes Gelächter in Erinnerung zu bringen, das ihm beim Abschnappen entflohen war.
Und kurz denn, Herrn Settembrinis unerbittliche Pädagogik hätte vollständig einpacken können vor den Gesichten des Unruhigen Hauses, auf welche der Schauder religiöser Ehrfurcht denn doch eine menschlichere Rückwirkung gewesen wäre, als jene hochnäsige Vernunftmoralisterei, die unser höchstleuchtender Sonnenritter und Vikarius Salomonis hier dem Wahnsinn entgegenzusetzen beliebte.
Hans Castorp hatte keine Zeit, sich mit den Titeln zu beschäftigen, die Naphta Herrn Settembrini da wieder verlieh. Flüchtig nahm er sich vor, der Sache bei erster Gelegenheit auf den Grund zu gehen. Im Augenblick aber verzehrte das laufende Gespräch seine Aufmerksamkeit ganz; denn Naphta erörterte eben mit Schärfe die allgemeinen Tendenzen, die den Humanisten bestimmten, der Gesundheit grundsätzlich alle Ehre zu geben und die Krankheit tunlichst zu entehren und zu verkleinern, – in welcher Stellungnahme allerdings eine bemerkenswerte und fast löbliche Selbstentäußerung sich kundtat, da Herr Settembrini selbst ja krank war. Seine Haltung aber, die durch ihre ungemeine Würde nichts an Fehlerhaftigkeit einbüßte, ergab sich aus einer Achtung und Andacht vor dem Leibe, die gerechtfertigt doch nur gewesen wäre, wenn der Leib sich noch in seinem gottesursprünglichen Zustande, statt in dem der Erniedrigung – in statu degradationis – befunden hätte. Denn unsterblich erschaffen, war er vermöge der Verschlimmerung der Natur durch die Erbsünde der Verderbtheit und Abscheulichkeit anheimgefallen, sterblich und verweslich, nicht anders, denn als Kerker und Strafzwinger der Seele zu betrachten und nur geeignet, das Gefühl der Scham und Verwirrung, pudoris et confusionis sensum, wie der heilige Ignatius sagte, zu erwecken.
Diesem Gefühle, rief Hans Castorp, habe bekanntlich auch der Humanist Plotinus Ausdruck verliehen. Aber Herr Settembrini, die Hand aus dem Schultergelenk über den Kopf geworfen, forderte ihn auf, die Gesichtspunkte nicht zu vermengen und sich lieber rezeptiv zu verhalten.
Unterdessen leitete Naphta die Ehrfurcht, die das christliche Mittelalter dem Elend des Leibes gewidmet hatte, aus der religiösen Zustimmung ab, die es dem Anblick fleischlichen Jammers gezollt hatte. Denn die Schwären des Körpers machten nicht nur dessen Gesunkenheit augenfällig, sondern entsprachen auch der venenosen Verderbtheit der Seele auf eine erbauliche und geistliche Genugtuung erweckende Weise, – während Leibesblüte eine irreführende und das Gewissen beleidigende Erscheinung war, welche durch tiefe Erniedrigung vor der Bresthaftigkeit zu verleugnen man äußerst guttat. Quis me liberabit de corpore mortis hujus? Wer wird mich befreien aus dem Körper dieses Todes? Das war die Stimme des Geistes, welche auf ewig die Stimme wahrer Menschheit war.
Nein, das war eine nächtige Stimme, nach Herrn Settembrinis bewegt vorgetragener Ansicht, – die Stimme einer Welt, der die Sonne der Vernunft und Menschlichkeit noch nicht erschienen war. Ja, obgleich venenos für seine leibliche Person, hatte er seinen Geist gesund und unverpestet genug erhalten, um dem pfäffischen Naphta in Sachen des Leibes auf schöne Art die Spitze zu bieten und sich über die Seele lustig zu machen. Er verstieg sich dazu, den Menschenleib als den wahren Tempel Gottes zu feiern, worauf Naphta dieses Gewebe für nichts weiter als für den Vorhang zwischen uns und der Ewigkeit erklärte, was wieder zur Folge hatte, daß Settembrini ihm den Gebrauch des Wortes „Menschheit“ endgültig verbot – und so fort.
Mit froststarren Mienen, barhaupt, in ihren Überschuhen aus Gummistoff bald die hart knirschende und mit Asche bestreute Schneedecke tretend, die den Bürgersteig aufhöhte, bald mit den Füßen durch die lockeren Schneemassen des Fahrdammes pflügend, Settembrini in einer Winterjacke, deren Biberkragen und Ärmelrevers vermöge enthaarter Stellen gleichsam räudig wirkten, die er jedoch elegant zu tragen wußte, Naphta in einem schwarzen, fußlangen und hochgeschlossenen Mantel, der mit Pelz nur gefüttert war und außen nichts davon sehen ließ, stritten sie um diese Prinzipien mit der persönlichsten Angelegentlichkeit, wobei es öfters geschah, daß sie sich nicht aneinander, sondern an Hans Castorp wandten, dem der eben Redende seine Sache vortrug und vorhielt, indem er auf den Gegner nur mit dem Haupte oder dem Daumen deutete. Sie hatten ihn zwischen sich, und er, den Kopf hin und her wendend, stimmte bald dem einen, bald dem anderen zu oder machte, stehen bleibend, den Oberkörper schräg zurückgebeugt und mit der Hand im gefütterten Ziegenlederhandschuh gestikulierend, etwas Eigenes, selbstverständlich höchst Unzulängliches geltend, indes Ferge und Wehsal die drei umkreisten, jetzt vor ihnen, dann hinter ihnen sich hielten oder auch eine Reihe mit ihnen bildeten, bis der Verkehr ihre Linie wieder auflöste.
Unter dem Einfluß ihrer Zwischenbemerkungen sprang die Debatte auf dinglichere Gegenstände ab, behandelte rasch nacheinander und unter wachsender Anteilnahme aller die Probleme der Feuerbestattung, der körperlichen Züchtigung, der Folter und der Todesstrafe. Es war Ferdinand Wehsal, der die Prügelpön aufs Tapet gebracht hatte, und die Anregung stand ihm zu Gesichte, wie Hans Castorp fand. Es überraschte nicht, daß Herr Settembrini sich in lauteren Worten und unter Anrufung der Menschenwürde gegen dies wüste Verfahren aussprach, in der Pädagogik sowohl wie nun gar in der Rechtspflege, – während es zwar ebenfalls nicht überraschend geschah, aber doch durch eine gewisse düstere Frechheit verblüffte, daß Naphta der Bastonade zugunsten redete. Ihm zufolge war es absurd, hier von Menschenwürde zu faseln, denn unsere wahre Würde beruhte im Geiste, nicht im Fleische, und da die Menschenseele nur zu sehr dazu neigte, ihre ganze Lebenslust aus dem Leibe zu saugen, so waren Schmerzen, die man diesem zufügte, ein durchaus empfehlenswertes Mittel, ihr die Lust am Sinnlichen zu versalzen und sie gleichsam aus dem Fleisch in den Geist zurückzutreiben, damit dieser wieder zur Herrschaft gelange. Das Züchtigungsmittel der Schläge als etwas besonders Schmähliches anzusehen, war ein recht alberner Vorwurf. Die heilige Elisabeth war von ihrem Beichtiger, Konrad von Marburg, aufs Blut gezüchtigt worden, wodurch „ihre Seel’“, wie es in der Legende hieß, „entzuckt“ worden war „bis in den dritten Chor“, und sie selbst hatte eine arme alte Frau, die zu schläfrig war, um zu beichten, mit Ruten geschlagen. Wollte man sich im Ernst unterfangen, die Selbstgeißelungen, denen die Angehörigen gewisser Orden und Sekten sowie überhaupt tiefer angelegte Personen sich unterzogen hatten, um das Prinzip des Geistigen stark in sich zu machen, barbarisch, unmenschlich zu nennen? Daß die gesetzliche Abschaffung der Schläge in den Ländern, die sich vornehm dünkten, ein wirklicher Fortschritt sei, war ein Glaube, der durch seine Unerschütterlichkeit nur an Komik gewann.
Nun, so viel, meinte Hans Castorp, war absolut zuzugeben, daß innerhalb des Gegensatzes von Körper und Geist der Körper zweifellos das böse, teuflische Prinzip ... verkörperte, haha, also verkörperte, insofern als der Körper natürlich Natur war – natürlich Natur, das war auch nicht schlecht! – und als die Natur in ihrem Gegensatz zum Geiste, zur Vernunft entschieden böse war, – mystisch böse, so konnte man sagen, wenn man auf Grund seiner Bildung und seiner Kenntnisse etwas riskierte. Diesen Gesichtspunkt festgehalten, war es dann aber nur folgerecht, den Körper dementsprechend zu behandeln, nämlich ihm Disziplinierungsmittel angedeihen zu lassen, die man ebenfalls, wenn man noch einmal etwas riskierte, als mystisch böse bezeichnen konnte. Vielleicht, daß Herr Settembrini, wenn er damals, als die Schwäche seines Körpers ihn gehindert hatte, zum Fortschrittskongreß nach Barcelona zu fahren, eine heilige Elisabeth zur Seite gehabt hätte ...
Man lachte, und da der Humanist auffahren wollte, erzählte Hans Castorp rasch von Schlägen, die er selbst einst empfangen: auf seinem Gymnasium war in den unteren Klassen diese Strafe teilweise noch getätigt worden, es waren Retstöcke vorhanden gewesen, und wenn auch die Lehrer an ihn nicht Hand hatten legen mögen, gesellschaftlicher Rücksicht halber, so war er doch von einem stärkeren Mitschüler einmal geprügelt worden, einem großen Flegel, mit dem biegsamen Stock auf die Oberschenkel und die nur mit Strümpfen bekleideten Waden, und das hatte ganz schmählich weh getan, infam, unvergeßlich, geradezu mystisch, unter schändlich innigem Stoßschluchzen waren ihm die Tränen nur so hervorgestürzt vor Wut und ehrlosem Wehsal – Herr Wehsal mochte freundlichst das Wort entschuldigen –, und Hans Castorp hatte denn auch gelesen, daß in Zuchthäusern bei Empfang der Prügelstrafe die stärksten Raubmörder wie kleine Kinder flennten.
Während Herr Settembrini sein Gesicht mit beiden Händen bedeckte, die in sehr abgeschabtem Leder steckten, fragte Naphta mit staatsmännischer Kälte, wie man renitente Verbrecher denn anders bändigen wolle, als durch Bock und Stock, die übrigens in einem Zuchthause durchaus stilvoll am Platze seien; ein humanes Zuchthaus sei eine ästhetische Halbheit, ein Kompromiß, und Herr Settembrini, obgleich er ein Schönredner sei, verstehe im Grunde nichts von Schönheit. Was nun aber gar die Pädagogik betraf, so wurzelte, wenn man Naphta hörte, der Menschenwürde-Begriff derer, die das körperliche Zuchtmittel daraus verbannen wollten, in dem Liberal-Individualismus der bürgerlichen Humanitätsepoche, einem aufgeklärten Absolutismus des Ich, der im Begriffe war, abzusterben und neu heraufziehenden, weniger weichlichen Gesellschaftsideen Platz zu machen, Ideen der Bindung und Beugung, des Zwanges und des Gehorsams, bei denen es ohne heilige Grausamkeit nicht abgehe, und die auch die Züchtigung des Kadavers wieder mit anderen Augen werde betrachten lassen.
„Daher der Name Kadavergehorsam!“ höhnte Settembrini; und da Naphta hinwarf, daß, da Gott unsern Leib zur Strafe der Sünde der gräßlichen Schmach der Verwesung anheimgebe, es am Ende kein Majestätsverbrechen sei, wenn derselbe Leib auch einmal Prügel bekomme, – so fiel man im Nu auf die Leichenverbrennung.
Settembrini feierte sie. Jener Schmach könne abgeholfen werden, sagte er froh. Die Menschheit sei aus Gründen der Zweckmäßigkeit wie auch bewogen durch ideelle Motive im Begriffe, ihr abzuhelfen. Und er erklärte sich für mitbeteiligt an den Vorbereitungen zu einem internationalen Kongreß für Feuerbestattung, dessen Schauplatz wahrscheinlich Schweden sein würde. Die Ausstellung eines musterhaften, gemäß aller bisher gemachten Erfahrung eingerichteten Krematoriums nebst Urnenhalle war geplant, und man durfte sich weitgreifender Anregungen und Ermutigungen davon versehen. Was für ein zopfig-obsoletes Verfahren, die Erdbestattung, – angesichts aller neuzeitlichen Umstände! Die Ausdehnung der Städte! Die Verdrängung der raumverzehrenden sogenannten Friedhöfe an die Peripherie! Die Bodenpreise! Die Ernüchterung des Bestattungsvorganges durch notwendige Benutzung der modernen Verkehrsmittel! Herr Settembrini wußte über dies alles nüchtern Treffendes vorzubringen. Er scherzte über die Figur des tiefgebeugten Witwers, der alltäglich zum Grabe der teuren Abgeschiedenen pilgerte, um an Ort und Stelle mit ihr Zwiesprache zu halten. Ein solcher Idylliker mußte vor allem am kostbarsten Lebensgute, nämlich der Zeit, sich eines befremdlichen Überflusses erfreuen, und übrigens würde der Massenbetrieb des modernen Zentralfriedhofes ihm die atavistische Gefühlsseligkeit schon verleiden. Die Vernichtung des Leichnams durch Feuersglut, – welche reinliche, hygienische und würdige, ja heldische Vorstellung war das, im Vergleich mit derjenigen, ihn der elenden Selbstzersetzung und der Assimilation durch niedere Lebewesen zu überlassen! Ja, auch das Gemüt kam besser auf seine Rechnung bei dem neuen Verfahren, das menschliche Bedürfnis nach Dauer. Denn was im Feuer verging, das waren die überhaupt veränderlichen, die schon bei Lebzeiten dem Stoffwechsel unterworfenen Bestandteile des Körpers; diejenigen dagegen, die am wenigsten an diesem Strome teilnahmen, und die den Menschen fast ohne Veränderung durch sein erwachsenes Dasein begleiteten, sie waren zugleich die feuerbeständigen, sie bildeten die Asche, und mit ihr sammelten die Fortlebenden das, was an dem Geschiedenen unvergänglich gewesen war.
„Sehr hübsch“, sagte Naphta; oh, das sei sehr, sehr artig. Des Menschen unvergänglicher Teil, die Asche.
Ah, selbstverständlich, Naphta beabsichtigte, die Menschheit in ihrer irrationalen Stellung zu den biologischen Tatsachen festzuhalten, er behauptete die primitiv religiöse Stufe, auf welcher der Tod ein Schrecknis war und von Schauern so geheimnisvoller Art umweht, daß es sich verbot, den Blick klarer Vernunft auf dies Phänomen zu richten. Welche Barbarei! Das Todesgrauen stammte aus Epochen niederster Kultur, wo der gewaltsame Tod die Regel gewesen, und das Entsetzliche, das diesem in der Tat anhaftete, hatte sich für das Gefühl des Menschen auf lange mit dem Todesgedanken überhaupt vermählt. Immer mehr jedoch wurde dank der Entwicklung der allgemeinen Gesundheitslehre und der Festigung der persönlichen Sicherheit der natürliche Tod zur Norm, und dem modernen Arbeitsmenschen erschien der Gedanke ewiger Ruhe nach sachgemäßer Erschöpfung seiner Kräfte nicht im geringsten als grauenhaft, sondern vielmehr als normal und wünschenswert. Nein, der Tod war weder ein Schrecknis noch ein Mysterium, er war eine eindeutige, vernünftige, physiologisch notwendige und begrüßenswerte Erscheinung, und es wäre Raub am Leben gewesen, länger, als gebührlich, in seiner Betrachtung zu verharren. Darum war denn auch geplant, jenem Musterkrematorium und der zugehörigen Urnenhalle, der „Halle des Todes“ also, eine „Halle des Lebens“ anzubauen, worin Architektur, Malerei, Skulptur, Musik und Dichtkunst sich vereinigen sollten, um den Sinn des Fortlebenden von dem Erlebnis des Todes, von stumpfer Trauer und tatenloser Klage auf die Güter des Lebens zu lenken ...
„Eiligst!“ spottete Naphta. „Damit er den Todesdienst nur ja nicht bis zur Ungebühr treibt, ja nicht zu weit geht in der Andacht vor einer so simplen Tatsache, ohne die es freilich weder Architektur, noch Malerei, noch Skulptur, noch Musik, noch Dichtkunst überhaupt auch nur gäbe.“
„Er desertiert zur Fahne“, sagte Hans Castorp träumerisch.
„Die Unverständlichkeit Ihrer Äußerung, Ingenieur,“ antwortete ihm Settembrini, „läßt ihre Tadelhaftigkeit durchschimmern. Das Erlebnis des Todes muß zuletzt das Erlebnis des Lebens sein, oder es ist nur ein Spuk.“
„Wird man obszöne Symbole anbringen in der ‚Halle des Lebens‘, wie auf manchen antiken Särgen?“ fragte Hans Castorp ernsthaft.
Jedenfalls würde es fette Sinnenweide geben, stellte Naphta fest. In Marmor und Ölfarbe würde ein klassizistischer Geschmack den Leib prangen lassen, diesen Sündenleib, den man der Verwesung entzog, was nicht wundernehmen konnte, da man ihn vor lauter Zärtlichkeit nicht einmal mehr züchtigen lassen wollte ...
Hier fiel Wehsal mit dem Thema der Folter ein; es stand ihm zu Gesichte. Das peinliche Verhör, – wie die Herren darüber dächten. Er, Ferdinand, hatte auf Geschäftsreisen immer gern die Gelegenheit benutzt, an alten Kulturstätten jene verschwiegenen Orte zu besichtigen, an denen einst diese Art von Gewissenserforschung geübt worden war. So kannte er die Folterkammern von Nürnberg, von Regensburg, zu Bildungszwecken hatte er sich näher dort umgesehen. Allerdings, dort hatte man dem Leibe um der Seele willen recht unzärtlich zugesetzt, auf mancherlei sinnreiche Weise. Und nicht einmal Geschrei hatte es gegeben. Die Birne in den offenen Mund gerammt, die berühmte Birne, an sich schon kein Leckerbissen, – und dann hatte Stille geherrscht in aller Geschäftigkeit ...
„Porcheria“, murmelte Settembrini.
Ferge äußerte, die Birne in Ehren und ebenso die ganze stille Geschäftigkeit. Aber etwas Gemeineres, als das Abtasten der Pleura, habe auch damals niemand ersinnen können.
Das war zu seiner Heilung geschehen!
Die verstockte Seele, die verletzte Gerechtigkeit rechtfertigten nicht weniger eine vorübergehende Mitleidlosigkeit. Zweitens war die Folter ein Ergebnis rationalen Fortschritts gewesen.
Naphta war wohl nicht völlig bei Sinnen.
Doch, er war es so ziemlich. Herr Settembrini war Schöngeist, und die mittelalterliche Geschichte des Rechtsganges war ihm offenbar im Augenblick nicht übersichtlich. Sie war in der Tat ein Prozeß fortschreitender Rationalisierung und zwar so, daß allmählich, auf Grund von Vernunfterwägungen, Gott aus der Rechtspflege ausgeschaltet worden war. Das Gottesgericht war gefallen, weil man hatte bemerken müssen, daß der Stärkere siege, auch wenn er im Unrecht sei. Leute von der Art des Herrn Settembrini, Zweifler, Kritiker, hatten diese Wahrnehmung gemacht und es durchgesetzt, daß an die Stelle des alten naiven Rechtsganges der Inquisitionsprozeß trat, welcher sich auf Gottes Eingreifen zugunsten der Wahrheit nicht länger verließ, sondern darauf abzielte, vom Angeklagten das Geständnis der Wahrheit zu erlangen. Keine Verurteilung ohne Geständnis, – man mochte sich nur auch heute noch im Volke umhören: der Instinkt saß tief, die Beweiskette mochte noch so geschlossen sein, die Verurteilung wurde als illegitim empfunden, wenn das Geständnis fehlte. Wie es erwirken? Wie die Wahrheit über alle bloßen Anzeichen, allen bloßen Verdacht hinaus ermitteln? Wie einem Menschen, der sie verhehlte, verweigerte, ins Herz, ins Hirn blicken? War der Geist böswillig, so blieb nichts übrig, als sich an den Körper zu wenden, dem man beikommen konnte. Die Folter, als Mittel, das unentbehrliche Geständnis herbeizuführen, war vernunftgeboten. Wer aber den Geständnisprozeß verlangt und eingeführt hatte, das war Herr Settembrini gewesen, und also war er auch Urheber der Folter.
Der Humanist bat die übrigen Herren, das nicht zu glauben. Es seien diabolische Scherze. Wenn alles sich verhalten hätte, wie Herr Naphta lehrte, wenn wirklich die Vernunft Erfinderin des Gräßlichen gewesen sei, so beweise das eben nur, wie bitter sie allezeit der Stütze und Aufklärung bedürfe, wie wenig die Anbeter des Naturinstinktes Ursache hätten, zu befürchten, es könne je zu vernünftig zugehen auf Erden! Allein der Vorredner sei sicherlich fehlgegangen. Jener Rechtsgreuel könne schon darum nicht auf die Vernunft zurückgeführt werden, weil sein Urgrund der Höllenglaube gewesen sei. Man möge sich doch umsehen in Museen und Marterkammern: dies Zwacken, Strecken, Schrauben und Sengen sei ja offenbar einer kindlich verblendeten Phantasie entsprungen, dem Wunsche nach frommer Nachahmung dessen, was an den jenseitigen Stätten ewiger Pein geschah. Überdies habe man dem Missetäter wohl gar zu helfen gemeint. Man habe angenommen, seine eigene arme Seele ringe nach dem Bekenntnis, und nur das Fleisch als Prinzip des Bösen setze sich seinem besseren Willen entgegen. So habe man ihm geradezu einen Liebesdienst zu erweisen geglaubt, indem man ihm durch die Tortur das Fleisch brach. Asketischer Irrwahn ...
Ob auch die alten Römer darin befangen gewesen seien.
Die Römer? Ma che!
Indessen hätten auch sie die Folter als Prozeßmittel gekannt.
Logische Verlegenheit ... Hans Castorp suchte darüber hinwegzuhelfen, indem er selbstherrlich und als könne es seine Sache sein, ein solches Gespräch zu lenken, das Problem der Todesstrafe in die Debatte warf. Die Folter war abgeschafft, obgleich ja die Untersuchungsrichter noch immer ihre Praktiken hätten, den Angeklagten mürbe zu machen. Aber die Todesstrafe schien unsterblich, nicht zu entbehren. Die allerzivilisiertesten Völker hielten daran fest. Die Franzosen hatten mit ihren Deportationen sehr schlechte Erfahrungen gemacht. Man wußte einfach nicht, was man praktisch mit gewissen menschenähnlichen Wesen anfangen sollte, außer, sie einen Kopf kürzer zu machen.
Das seien keine „menschenähnlichen Wesen“, belehrte ihn Herr Settembrini; es seien Menschen, wie er, der Ingenieur, und wie der Redende selbst, – nur willensschwach und Opfer einer fehlerhaften Gesellschaft. Und er erzählte von einem Schwerverbrecher, einem vielfachen Mörder, jenem Typ zugehörig, den die Staatsanwälte in ihren Plädoyers als „vertiert“, als „Bestien in Menschengestalt“ zu bezeichnen pflegten. Dieser Mann hatte die Wände seiner Zelle mit Versen bedeckt. Und sie waren keineswegs schlecht gewesen, diese Verse, – viel besser als die, welche von Staatsanwälten wohl gelegentlich angefertigt wurden.
Das werfe ein eigentümliches Licht auf die Kunst, erwiderte Naphta. Aber sonst sei es in keiner Hinsicht bemerkenswert.
Hans Castorp hatte erwartet, daß Herr Naphta die Hinrichtung werde erhalten wissen wollen. Naphta, meinte er, war wohl ebenso revolutionär wie Herr Settembrini, aber er sei es im erhaltenden Sinn, ein Revolutionär der Erhaltung.
Die Welt, lächelte Herr Settembrini selbstsicher, werde über die Revolution des antihumanen Rückschlages zur Tagesordnung übergehen. Lieber noch verdächtige Herr Naphta die Kunst, ehe er zugebe, daß sie auch den Verworfensten zum Menschen weihe. Mit solchem Fanatismus sei lichtsuchende Jugend unmöglich zu gewinnen. Eine internationale Liga, deren Ziel die gesetzliche Abschaffung der Todesstrafe in allen gesitteten Ländern sei, habe sich soeben gebildet. Herr Settembrini habe die Ehre, ihr anzugehören. Der Schauplatz ihres ersten Kongresses sei noch zu bestimmen, aber die Menschheit habe Grund, zu vertrauen, daß die Redner, die sich dabei würden vernehmen lassen, mit Argumenten gewappnet sein würden! Und er führte die Argumente an, darunter das von der immer vorhandenen Möglichkeit des Rechtsirrtums, des Justizmordes, sowie das von der niemals fahren zu lassenden Hoffnung auf Besserung; sogar „die Rache ist mein“ zitierte er, lehrte auch, daß der Staat, wenn es ihm um Veredelung und nicht um Gewalt zu tun sei, nicht Böses mit Bösem vergelten dürfe, und verwarf den Begriff der „Strafe“, nachdem er vom Boden eines wissenschaftlichen Determinismus aus denjenigen der „Schuld“ bekämpft hatte.
Darauf mußte es „lichtsuchende Jugend“ mit ansehen, wie Naphta den Argumenten, einem nach dem anderen, den Hals umdrehte. Er machte sich lustig über die Blutscheu und die Lebensverehrung des Menschenfreundes, behauptete, daß diese Verehrung des Einzellebens nur den allerplattesten bürgerlichen Regenschirmzeitläuften zugehöre, daß aber unter leidlich leidenschaftlichen Umständen, sobald eine einzige Idee, die über die der „Sicherheit“ hinausgehe, irgend etwas Überpersönliches, Überindividuelles also, im Spiele sei – und das sei der allein menschenwürdige, im höheren Sinne folglich der normale Zustand – allezeit das Einzelleben nicht nur dem höheren Gedanken ohne Federlesen geopfert, sondern auch freiwillig, vom Individuum aus, unbedenklich in die Schanze geschlagen werden würde. Die Philanthropie seines Herrn Widersachers, sagte er, arbeite darauf hin, dem Leben alle schweren und todernsten Akzente zu nehmen; auf die Kastration des Lebens gehe sie aus, auch mit dem Determinismus ihrer sogenannten Wissenschaft. Aber die Wahrheit sei, daß der Begriff der Schuld durch den Determinismus nicht nur nicht abgeschafft werde, sondern sogar durch ihn noch an Schwere und Schaudern gewönne.
Das war nicht schlecht. Ob er etwa verlange, daß das unselige Opfer der Gesellschaft sich ernstlich schuldig fühle und den Weg zur Blutbühne aus Überzeugung gehe?
Allerdings. Der Verbrecher sei von seiner Schuld durchdrungen wie von sich selbst. Denn er sei, wie er sei, und könne und wolle nicht anders sein, und dies eben sei die Schuld. Herr Naphta verlegte Schuld und Verdienst aus dem Empirischen ins Metaphysische. Im Tun, im Handeln herrsche freilich Determination, hier gebe es keine Freiheit, wohl aber im Sein. Der Mensch sei, wie er habe sein wollen und bis zu seiner Vertilgung sein zu wollen nicht aufhören werde; er habe eben „für sein Leben“ gern getötet und bezahle folglich mit seinem Leben nicht zu hoch. Er möge sterben, da er die tiefste Lust gebüßt habe.
Die tiefste Lust?
Die tiefste.
Man kniff die Lippen zusammen. Hans Castorp hüstelte. Wehsal hatte den Unterkiefer schief gestellt. Herr Ferge seufzte. Settembrini bemerkte fein:
„Man sieht, es gibt eine Art, zu verallgemeinern, die den Gegenstand persönlich färbt. Sie hätten Lust, zu töten?“
„Das geht Sie nichts an. Hätte ich es aber getan, so würde ich einer humanitären Unwissenheit ins Gesicht lachen, die mich bis zu meinem natürlichen Ende mit Linsen füttern wollte. Es hat keinerlei Sinn, daß der Mörder den Gemordeten überlebt. Sie haben, unter vier Augen, allein miteinander, wie zwei Wesen es nur bei einer zweiten, verwandten Gelegenheit noch sind, der eine duldend, der andere handelnd, ein Geheimnis geteilt, das sie auf immer verbindet. Sie gehören zusammen.“
Settembrini bekannte kühl, daß ihm das Organ für diesen Todes- und Mordmystizismus fehle und daß er es auch nicht vermisse. Nichts gegen die religiösen Talente des Herrn Naphta, – sie seien den seinen unzweifelhaft überlegen, allein er konstatiere seine Neidlosigkeit. Ein unüberwindliches Reinlichkeitsbedürfnis halte ihn einer Sphäre fern, wo jene Reverenz vor dem Elend, von der experimentierende Jugend vorhin gesprochen, offenbar nicht nur in physischer, sondern auch in seelischer Beziehung herrsche, kurz, einer Sphäre, wo Tugend, Vernunft und Gesundheit für nichts gälten, Laster und Krankheit dagegen in wunder welchen Ehren stünden.
Naphta bestätigte, daß Tugend und Gesundheit in der Tat kein religiöser Zustand seien. Es sei viel gewonnen, sagte er, wenn klargestellt sei, daß Religion mit Vernunft und Sittlichkeit überhaupt nichts zu tun habe. Denn, fügte er hinzu, sie habe nichts mit dem Leben zu tun. Das Leben ruhe auf Bedingungen und Grundlagen, die teils der Erkenntnislehre, teils dem moralischen Gebiet angehörten. Die ersteren hießen Zeit, Raum, Kausalität, die letzteren Sittlichkeit und Vernunft. All diese Dinge seien dem religiösen Wesen nicht nur fremd und gleichgültig, sondern sogar feindlich entgegengesetzt; denn sie seien es eben, die das Leben ausmachten, die sogenannte Gesundheit, das heiße: die Erzphilisterei und Urbürgerlichkeit, als deren absolutes und zwar absolut geniales Gegenteil die religiöse Welt eben zu bestimmen sei. Übrigens wolle er, Naphta, der Lebenssphäre die Möglichkeit des Genies nicht völlig absprechen. Es gebe eine Lebensbürgerlichkeit, deren monumentaler Biedersinn unbestreitbar sei, eine Philistermajestät, die man verehrungswürdig finden möge, sofern man festhalte, daß sie in ihrer breitbeinig aufgepflanzten Würde, Hände auf dem Rücken und Brust heraus, die inkarnierte Irreligiosität bedeute.
Hans Castorp hob den Zeigefinger, wie in der Schule. Er wünsche nach keiner Seite anzustoßen, sagte er, aber hier sei offenbar vom Fortschritt die Rede, vom menschlichen Fortschritt, also gewissermaßen von Politik und der beredsamen Republik und der Zivilisation des gebildeten Westens, und da meine er nun, daß der Unterschied, oder, wenn Herr Naphta denn durchaus wolle, der Gegensatz von Leben und Religion auf den von Zeit und Ewigkeit zurückzuführen sei. Denn Fortschritt sei nur in der Zeit; in der Ewigkeit sei keiner und auch keine Politik und Eloquenz. Dort lege man, sozusagen, in Gott den Kopf zurück und schließe die Augen. Und das sei der Unterschied von Religion und Sittlichkeit, konfus ausgedrückt.
Die Naivität seiner Ausdrucksweise, sprach Settembrini, sei weniger bedenklich, als seine Scheu vor dem Anstoß und seine Neigung, dem Teufel Zugeständnisse zu machen.
Na, über den Teufel hatten sie ja schon vor Jahr und Tag diskuriert, Herr Settembrini und er, Hans Castorp. „O Satana, o ribellione!“ Welchem Teufel er denn nun eigentlich Zugeständnisse gemacht habe. Dem mit der Rebellion, der Arbeit und der Kritik oder dem anderen? Es sei ja lebensgefährlich, – ein Teufel rechts und einer links, wie man in’s Teufels Namen da durchkommen solle!
Auf diese Weise, sagte Naphta, sei die Sachlage, wie Herr Settembrini sie zu sehen wünsche, nicht richtig gekennzeichnet. Das Entscheidende in seinem Weltbilde sei, daß er Gott und den Teufel zu zwei verschiedenen Personen oder Prinzipien mache und „das Leben“, übrigens nach streng mittelalterlichem Vorbilde, als Streitobjekt zwischen sie lege. In Wirklichkeit aber seien sie eins und einig dem Leben entgegengesetzt, der Lebensbürgerlichkeit, der Ethik, der Vernunft, der Tugend, – als das religiöse Prinzip, das sie gemeinsam darstellten.
„Was für ein ekelhafter Mischmasch – che guazzabuglio proprio stomachevole!“ rief Settembrini. Gut und Böse, Heiligkeit und Missetat, alles vermengt! Ohne Urteil! Ohne Willen! Ohne die Fähigkeit, zu verwerfen, was verworfen sei! Ob Herr Naphta denn wisse, was er leugne, indem er vor den Ohren der Jugend Gott und Teufel zusammenwerfe und im Namen dieser wüsten Zweieinigkeit das ethische Prinzip verneine! Er leugne den Wert, – jede Wertsetzung, – abscheulich zu sagen. Schön, es gab also nicht Gut noch Böse, sondern nur das sittlich ungeordnete All! Es gab auch nicht den Einzelnen in seiner kritischen Würde, sondern nur die alles verschlingende und ausgleichende Gemeinschaft, den mystischen Untergang in ihr! Das Individuum ...
Köstlich, daß Herr Settembrini sich wieder einmal für einen Individualisten hielt! Um es zu sein, mußte man jedoch den Unterschied von Sittlichkeit und Glückseligkeit kennen, was bei dem Herrn Illuminaten und Monisten schlechterdings nicht der Fall war. Wo das Leben stupiderweise als Selbstzweck angenommen und nach einem darüber hinausgehenden Sinn und Zweck gar nicht gefragt wurde, da herrschte Gattungs- und Sozialethik, Wirbeltiermoralität, aber kein Individualismus, – als welcher einzig und allein im Bereich des Religiösen und Mystischen, im sogenannten „sittlich ungeordneten All“, zu Hause war. Was sie denn sei und wolle, die Sittlichkeit des Herrn Settembrini! Sie sei lebengebunden, also nichts als nützlich, also unheroisch in erbarmungswürdigem Grade. Sie sei dazu da, daß man alt und glücklich, reich und gesund damit werde und damit Punktum. Diese Vernunft- und Arbeitsphilisterei gelte ihm als Ethik. Was dagegen Naphta betreffe, so erlaube er sich wiederholt, sie als schäbige Lebensbürgerlichkeit zu kennzeichnen.
Settembrini ersuchte um Mäßigung, doch war seine eigene Stimme leidenschaftlich bewegt, als er es unerträglich fand, daß Herr Naphta beständig von „Lebensbürgerlichkeit“ in einem, Gott wußte, warum, aristokratisch wegwerfenden Tone redete, wie als ob das Gegenteil – und man wußte ja, was das Gegenteil des Lebens sei – etwa gar das Vornehmere gewesen wäre!
Neue Schlag- und Stichworte! Jetzt waren sie bei der Vornehmheit, der aristokratischen Frage! Hans Castorp, überhitzt und erschöpft von Frost und Problematik, taumeligen Urteils auch in Hinsicht auf die Verständlichkeit oder fiebrige Gewagtheit seiner eigenen Ausdrucksweise, bekannte mit lahmen Lippen, er habe sich den Tod von jeher mit einer gestärkten spanischen Krause vorgestellt, oder allenfalls, in kleiner Uniform sozusagen, mit Vatermördern, das Leben dagegen mit so einem gewöhnlichen modernen kleinen Stehkragen ... Doch erschrak er selbst über das Trunken-Träumerische und Gesellschaftsunfähige seiner Rede und versicherte, nicht dies habe er sagen wollen. Aber ob es sich nicht so verhalte, daß es Leute gebe, gewisse Menschen, die man sich nicht tot vorzustellen vermöge, und zwar, weil sie so besonders ordinär seien! Das solle heißen: dermaßen lebenstüchtig muteten sie an, daß es einem vorkomme, als könnten sie niemals sterben, als seien sie der Weihe des Todes nicht würdig.
Herr Settembrini hoffte sich nicht zu täuschen in der Annahme, daß Hans Castorp dergleichen nur sage, damit man ihm widerspreche. Der junge Mann werde ihn immer bereit finden, ihm in der geistigen Abwehr solcher Anfechtungen zur Hand zu gehen. „Lebenstüchtig“ sage er? Und gebrauche dies Wort in einem abschätzig gemeinen Sinn? „Lebenswürdig!“ Dieses Wort möge er dafür einsetzen, – und die Begriffe würden sich ihm zu wahrer und schöner Ordnung fügen. „Lebenswürdigkeit“: und sogleich, auf dem Wege leichtester und rechtmäßigster Assoziation, stelle sich auch die Idee der Liebenswürdigkeit ein, so innig nahe verwandt jener ersten, daß man sagen dürfe, nur das wahrhaft Lebenswürdige sei auch wahrhaft liebenswürdig. Beides zusammen aber, das Lebens- und also Liebenswürdige, mache das aus, was man das Vornehme nenne.
Hans Castorp fand das reizend und überaus hörenswert. Ganz gewonnen, sagte er, habe ihn Herr Settembrini mit seiner plastischen Theorie. Denn man möge sagen, was man wolle – und einiges sagen lasse sich ja, zum Beispiel, daß Krankheit ein erhöhter Lebenszustand sei und also was Festliches habe –: soviel sei gewiß, daß Krankheit eine Überbetonung des Körperlichen bedeute, den Menschen gleichsam ganz und gar auf seinen Körper zurückweise und zurückwerfe und so der Würde des Menschen bis zur Vernichtung abträglich sei, indem sie ihn nämlich zum bloßen Körper herabwürdige. Krankheit sei also unmenschlich.
Krankheit sei höchst menschlich, setzte Naphta sofort dagegen; denn Mensch sein, heiße krank sein. Allerdings, der Mensch sei wesentlich krank, sein Kranksein eben mache ihn zum Menschen, und wer ihn gesund machen, ihn veranlassen wolle, seinen Frieden mit der Natur zu schließen, „zurück zur Natur zu kehren“ (während er doch nie natürlich gewesen sei), alles was sich heute von Regeneratoren, Rohköstlern, Freilüftlern, Sonnenbademeistern und so fort prophetisch umhertreibe, jede Art Rousseau also erstrebe nichts als seine Entmenschung und Vertierung ... Menschlichkeit? Vornehmheit? Der Geist sei es, was den Menschen, dies von der Natur in hohem Grade gelöste, in hohem Maße sich ihr entgegengesetzt fühlende Wesen vor allem übrigen organischen Leben auszeichne. Im Geist also, in der Krankheit beruhe die Würde des Menschen und seine Vornehmheit; er sei, mit einem Worte, in desto höherem Grade Mensch, je kränker er sei, und der Genius der Krankheit sei menschlicher, als der der Gesundheit. Es befremde, daß jemand, der den Menschenliebhaber spiele, vor solchen Grundwahrheiten der Menschlichkeit die Augen verschließe. Herr Settembrini führe den Fortschritt im Munde. Als ob aber nicht der Fortschritt, so weit dergleichen existiere, einzig der Krankheit verdankt werde, das heiße: dem Genie, – als welches nichts anderes als eben Krankheit sei! Als ob nicht die Gesunden allezeit von den Errungenschaften der Krankheit gelebt hätten! Es habe Menschen gegeben, die bewußt und willentlich in Krankheit und Wahnsinn gegangen seien, um der Menschheit Erkenntnisse zu gewinnen, die zur Gesundheit würden, nachdem sie durch Wahnsinn errungen worden, und deren Besitz und Nutznießung nach jener heroischen Opfertat nicht länger durch Krankheit und Wahnsinn bedingt sei. Das sei der wahre Kreuzestod ...
Aha, dachte Hans Castorp, du inkorrekter Jesuit mit deinen Kombinationen und deiner Auslegung des Kreuzestodes! Man sieht schon, warum du nicht Pater geworden bist, joli jésuite à la petite tache humide! Nun brülle du, Löwe! wandte er sich innerlich an Herrn Settembrini. Und dieser „brüllte“, indem er das alles, was Naphta eben behauptet, für Blendwerk, Rabulistik, Weltverwirrung erklärte. „Sagen Sie es doch,“ rief er dem Widersacher zu, „sagen Sie es doch, in Ihrer Verantwortlichkeit als Erzieher, sagen Sie es vor den Ohren bildsamer Jugend gerade heraus, daß Geist – Krankheit sei! Wahrhaftig, damit werden Sie sie zum Geiste ermutigen, sie für den Glauben an ihn gewinnen! Erklären Sie andererseits Krankheit und Tod für vornehm, Gesundheit und Leben aber für gemein, – das ist die sicherste Methode, den Zögling zum Menschheitsdienste anzuhalten! Da vero, è criminoso!“ Und wie ein Ritter trat er für den Adel der Gesundheit und des Lebens ein, für denjenigen, welchen die Natur verlieh, und dem es um Geist nicht bange zu sein brauchte. Die Gestalt! sagte er, und Naphta sagte hochtrabender Weise: „Der Logos!“ Aber der, welcher vom Logos nichts wissen wollte, sagte „Die Vernunft!“, während der Mann des Logos „die Passion“ verfocht. Das war konfus. „Das Objekt!“ sagte der eine, und der andere: „Das Ich!“ Schließlich war sogar von „Kunst“ auf der einen und „Kritik“ auf der anderen Seite die Rede und jedenfalls immer wieder von „Natur“ und „Geist“ und davon, was das Vornehmere sei, vom „aristokratischen Problem“. Aber dabei war keine Ordnung und Klärung, nicht einmal eine zweiheitliche und militante; denn alles ging nicht nur gegeneinander, sondern auch durcheinander, und nicht nur wechselseitig widersprachen sich die Disputanten, sondern sie lagen in Widerspruch auch mit sich selbst. Settembrini hatte oft genug rednerische Vivats auf die „Kritik“ ausgebracht, wo er nun das Gegenteil davon, welches die „Kunst“ sein sollte, als das adelige Prinzip in Anspruch nahm; und während Naphta mehr als einmal als Verteidiger des „natürlichen Instinktes“ aufgetreten war, gegen Settembrini, der Natur als die „dumme Macht“, als bloßes Faktum und Fatum traktiert hatte, wovor Vernunft und Menschenstolz nicht abdanken durften, faßte jener nun Posto auf seiten des Geistes und der „Krankheit“, allwo Adel und Menschheit einzig zu finden seien, indes dieser sich zum Anwalt der Natur und ihres Gesundheitsadels aufwarf, uneingedenk aller Emanzipation. Nicht weniger verworren stand es mit dem „Objekt“ und dem „Ich“, ja, hier war die Konfusion, die übrigens immer dieselbe war, sogar am heillosesten und buchstäblich derart, daß niemand mehr wußte, wer eigentlich der Fromme und wer der Freie war. Naphta verbot Herrn Settembrini mit scharfen Worten, sich einen „Individualisten“ zu nennen, denn er leugne den Gegensatz von Gott und Natur, verstehe unter der Frage des Menschen, dem innerpersönlichen Konflikt, einzig denjenigen der Einzel- und der gesamtheitlichen Interessen und sei also auf eine lebengebundene und bürgerliche Sittlichkeit eingeschworen, die das Leben als Selbstzweck nehme, unheroischerweise auf den Nutzen abziele und im Zweck des Staates das moralische Gesetz erblicke; – während dagegen er, Naphta, wohl wissend, daß das innermenschliche Problem vielmehr auf dem Widerstreit des Sinnlichen und des Übersinnlichen beruhe, den wahren, den mystischen Individualismus vertrete und recht eigentlich der Mann der Freiheit und des Subjektes sei. War er das aber, wie, dachte Hans Castorp, verhielt es sich dann mit der „Anonymität und Gemeinsamkeit“, – um nur gleich eine Unstimmigkeit beispielsweise hervorzuheben? Wie ferner mit den markanten Dingen, die er im Kolloquium mit Pater Unterpertinger über die „Katholizität“ des Staatsphilosophen Hegel zum besten gegeben, über die innere Verbundenheit der Begriffe „Politisch“ und „Katholisch“ und die Kategorie des Objektiven, die sie gemeinsam bildeten? Hatten nicht Staatskunst und Erziehung immer das spezielle Betätigungsfeld von Naphtas Orden abgegeben? Und was für eine Erziehung! Herr Settembrini war gewiß ein eifriger Pädagog, eifrig bis zum Störenden und Lästigen; aber in Hinsicht auf asketisch ich-verächterische Sachlichkeit konnten seine Prinzipien mit denen Naphtas überhaupt keinen Wettstreit wagen. Absoluter Befehl! Eiserne Bindung! Vergewaltigung! Gehorsam! Der Terror! Das mochte wohl seine Ehre haben, aber auf die kritische Würde des Einzelwesens nahm es nur wenig Bedacht. Es war das Exerzierreglement des preußischen Friederich und des spanischen Loyola, fromm und stramm bis aufs Blut; wobei sich nur eines fragte: wie nämlich Naphta eigentlich zur blutigen Unbedingtheit kam, da er eingestandenermaßen an gar keine reine Erkenntnis und voraussetzungslose Forschung, kurz, nicht an die Wahrheit glaubte, die objektive, wissenschaftliche Wahrheit, der nachzustreben für Lodovico Settembrini das oberste Gesetz aller Menschensittlichkeit bedeutete. Das war fromm und streng von Herrn Settembrini, während es von Naphta lax und liederlich war, die Wahrheit auf den Menschen zurückzubeziehen und zu erklären, Wahrheit sei, was diesem fromme! War es nicht geradezu Lebensbürgerlichkeit und Nützlichkeitsphilisterei, die Wahrheit solchermaßen vom Interesse des Menschen abhängig zu machen? Eiserne Sachlichkeit war das genau genommen nicht, es war mehr von Freiheit und Subjekt darin, als Leo Naphta wahr haben wollte, – wenn es auch freilich auf ganz ähnliche Weise „Politik“ war, wie Herrn Settembrinis lehrhafte Äußerung: Freiheit sei das Gesetz der Menschenliebe. Das hieß offenbar, die Freiheit binden, wie Naphta die Wahrheit band: nämlich an den Menschen. Es war entschieden mehr fromm als frei, und dies wiederum war ein Unterschied, der bei solchen Bestimmungen Gefahr lief, abhanden zu kommen. Ach, dieser Herr Settembrini! Nicht umsonst war er ein Literat, das hieß: eines Politikers Enkel und Sohn eines Humanisten. Auf Kritik und schöne Emanzipation war er hochherzig bedacht und trällerte die Mädchen auf der Straße an, während den scharfen, kleinen Naphta harte Gelübde banden. Und doch war dieser beinahe ein Wüstling vor lauter Freigeisterei und jener dagegen ein Tugendnarr, wenn man wollte. Vor dem „absoluten Geist“ hatte Herr Settembrini Angst und wollte den Geist partout auf den demokratischen Fortschritt festlegen, – entsetzt über des militärischen Naphta religiöse Libertinage, die Gott und Teufel, Heiligkeit und Missetat, Genie und Krankheit zusammenwarf und keine Wertsetzung, kein Vernunfturteil, keinen Willen kannte. Wer war denn nun eigentlich frei, wer fromm, was machte den wahren Stand und Staat des Menschen aus: der Untergang in der alles verschlingenden und ausgleichenden Gemeinschaft, der zugleich wüstlingshaft und asketisch war, oder das „kritische Subjekt“, bei welchem Windbeutelei und bürgerliche Tugendstrenge einander ins Gehege kamen? Ach, die Prinzipien und Aspekten kamen einander beständig ins Gehege, an innerem Widerspruch war kein Mangel, und so außerordentlich schwer war es zivilistischer Verantwortlichkeit gemacht, nicht allein, sich zwischen den Gegensätzen zu entscheiden, sondern auch nur, sie als Präparate gesondert und sauber zu halten, daß die Versuchung groß war, sich kopfüber in Naphtas „sittlich ungeordnetes All“ zu stürzen. Es war die allgemeine Überkreuzung und Verschränkung, die große Konfusion, und Hans Castorp meinte zu sehen, daß die Streitenden weniger erbittert gewesen wären, wenn sie ihnen selbst nicht beim Streite die Seele bedrückt hätte.
Man war miteinander bis zum „Berghof“ hinaufgegangen; dann hatten die drei, die dort wohnten, die Auswärtigen bis vor ihr Häuschen zurückbegleitet, und dort stand man noch lange im Schnee, indes Naphta und Settembrini sich stritten, – pädagogischerweise, wie Hans Castorp wohl wußte, und um die Bildsamkeit lichtsuchender Jugend zu bearbeiten. Für Herrn Ferge waren das alles viel zu hohe Dinge, wie er wiederholt zu verstehen gab, und Wehsal zeigte sich wenig beteiligt, seitdem nicht mehr von Prügeln und Folter die Rede war. Hans Castorp grub gesenkten Hauptes mit dem Stocke im Schnee und bedachte die große Konfusion.
Schließlich trennte man sich. Man konnte nicht ewig stehen, und das Kolloquium war uferlos. Die drei Berghofgäste wandten sich wieder ihrer Heimstätte zu, und die beiden pädagogischen Wetteiferer mußten zusammen ins Häuschen gehen, der eine, um seine seidene Zelle, der andere, um sein Humanistenstübchen mit Stehpult und Wasserflasche zu gewinnen. Hans Castorp aber begab sich in seine Balkonloge, die Ohren voll vom Wirrwarr und Waffenlärm der beiden Heere, die von Jerusalem und Babylon vorrückend unter den dos banderas zu konfusem Schlachtgetümmel zusammentrafen.
Schnee
Fünfmal täglich kam an den sieben Tischen einhellige Unzufriedenheit zum Ausdruck mit dem Witterungscharakter des diesjährigen Winters. Man urteilte, daß er seine Verpflichtungen als Hochgebirgswinter sehr mangelhaft erfülle, daß er die meteorologischen Kurmittel, denen die Sphäre ihren Ruf verdankte, durchaus nicht in dem Umfange bereitstelle, wie der Prospekt es verhieß, wie Langjährige es gewohnt waren und Neulinge es sich ausgemalt hatten. Gewaltige Ausfälle an Sonne waren zu verzeichnen, an Sonnenstrahlung, diesem wichtigen Heilfaktor, ohne dessen Mithilfe die Genesung sich zweifellos verzögerte ... Und wie nun Herr Settembrini auch über die Aufrichtigkeit denken mochte, mit der die Berggäste ihre Genesung und ihre Rückkehr aus der „Heimat“ ins Flachland betrieben: jedenfalls verlangten sie ihr Recht, jedenfalls wollten sie auf ihre Kosten kommen, auf diejenigen, die ihre Eltern, ihre Gatten für sie bestritten, und so murrten sie in ihren Gesprächen bei Tisch, im Lift und in der Halle. Auch zeigte die Oberleitung ein volles Einsehen in ihre Verpflichtung zu Aushilfe und Schadenersatz. Ein neuer Apparat für „künstliche Höhensonne“ wurde angeschafft, da die beiden schon vorhandenen der Nachfrage derer nicht genügten, die sich auf elektrischem Wege braun brennen lassen wollten, was die jungen Mädchen und Frauen gut kleidete und der Männerwelt trotz horizontaler Lebensweise ein prächtig sportliches und erobererhaftes Ansehen verlieh. Ja, dies Ansehen trug Früchte im Wirklichen; die Frauen, obwohl völlig im klaren über die technisch-kosmetische Herkunft dieser Männlichkeit, waren dumm oder ausgepicht genug, auf Sinnentrug hinlänglich versessen, um sich von der Illusion berauschen und weiblich hinnehmen zu lassen. „Mein Gott!“ sagte Frau Schönfeld, eine rothaarige und rotäugige Kranke aus Berlin, abends in der Halle zu einem Kavalier mit langen Beinen und eingefallener Brust, der sich auf seiner Karte als „Aviateur diplômé et Enseigne de la Marine allemande“ bezeichnete und mit dem Pneumothorax versehen war, übrigens zum Mittagessen im Smoking erschien und dies Kleidungsstück abends wieder ablegte, behauptend, bei der Marine sei das so Vorschrift, – „mein Gott!“ sagte sie, indem sie den Enseigne gierig betrachtete, „wie herrlich braun er ist von Höhensonne! Wie ein Adlerjäger sieht er aus, dieser Teufel!“ – „Wart, Nixe!“ flüsterte er im Lift an ihrem Ohr, so daß eine Gänsehaut sie überlief, „Sie werden mir büßen müssen für Ihr verderbliches Augenspiel!“ Und über die Balkons, an den gläsernen Scheidewänden vorbei, fand der Teufel und Adlerjäger den Weg zur Nixe ...
Dennoch fehlte viel, daß die künstliche Höhensonne als wirklicher Ausgleich für den diesjährigen Fehlbetrag an echtem Himmelslicht empfunden worden wäre. Zwei oder drei reine Sonnentage im Monat – Tage, die freilich mit tief-tiefer Sammetbläue hinter den weißen Gipfeln, mit Diamantengeglitzer und köstlich heißem Brande in den Nacken und die Gesichter der Menschen besonders herrlich aus verschwimmendem Nebelgrau und dicker Verhüllung hervorstrahlten – zwei oder drei solcher Tage im Laufe von Wochen, das war zu wenig für das Gemüt von Leuten, deren Schicksal außerordentliche Tröstungsansprüche rechtfertigte, und die innerlich auf einen Pakt pochten, welcher ihnen gegen Verzicht auf die Freuden und Plagen des Flachland-Menschentums ein zwar lebloses, aber ganz leichtes und vergnügliches Leben verbriefte, – sorglos bis zur Aufhebung der Zeit und vollkommen günstig. Es half dem Hofrat wenig, wenn er daran erinnerte, wie wenig auch unter diesen Umständen noch das Berghof-Dasein dem Aufenthalt in einem Bagno oder einem sibirischen Bergwerk gleiche, und welche Vorzüge die hiesige Luft, dünn und leicht wie sie war, leerer Äther des Alls beinahe, arm an irdischen Zusätzen, an Gutem wie Bösem, auch ohne Sonne doch immer noch vor dem Qualm und Brodem der Ebene bewahre: Verdüsterung und Protest griffen um sich, Drohungen mit wilder Abreise waren an der Tagesordnung, und es kam vor, daß sie ausgeführt wurden, trotz solcher Exempel, wie der jüngst erfolgten traurigen Rückkehr Frau Salomons, deren Fall nicht schwer, wenn auch langwierig gewesen war, durch ihren eigenmächtigen Aufenthalt in dem nassen und zugigen Amsterdam aber lebenslänglichen Charakter gewonnen hatte ...
Statt der Sonne jedoch gab es Schnee, Schnee in Massen, so kolossal viel Schnee, wie Hans Castorp in seinem Leben noch nicht gesehen. Der vorige Winter hatte es in dieser Richtung wahrhaftig nicht fehlen lassen, doch waren seine Leistungen schwächlich gewesen im Vergleich mit denen des diesjährigen. Sie waren monströs und maßlos, erfüllten das Gemüt mit dem Bewußtsein der Abenteuerlichkeit und Exzentrizität dieser Sphäre. Es schneite Tag für Tag und die Nächte hindurch, dünn oder in dichtem Gestöber, aber es schneite. Die wenigen gangbar gehaltenen Wege erschienen hohlwegartig, mit übermannshohen Schneewänden zu beiden Seiten, alabasternen Tafelflächen, die in ihrem körnig kristallischen Geflimmer angenehm zu sehen waren und den Berggästen zum Schreiben und Zeichnen dienten, zur Übermittlung von allerlei Nachrichten, Scherzworten und Anzüglichkeiten. Aber auch zwischen den Wänden noch trat man stark aufgehöhten Grund, so tief auch geschaufelt war, das merkte man an lockeren Stellen und Löchern, wo plötzlich der Fuß einsank, tief hinab, wohl bis zum Knie: man hatte gut acht zu geben, daß man nicht unversehens das Bein brach. Die Ruhebänke waren verschwunden, versunken; ein Stück Lehne etwa ragte noch aus ihrem weißen Begräbnis hervor. Drunten im Ort war das Straßenniveau so seltsam verlegt, daß die Läden im Erdgeschoß der Häuser zu Kellern geworden waren, in die man auf Schneestufen von der Höhe des Bürgersteiges hinabstieg.
Und auf die liegenden Massen schneite es weiter, tagaus, tagein, still niedersinkend bei mäßigem Frost, zehn, fünfzehn Kältegraden, die nicht eben ans Mark gingen, – man spürte sie wenig, es hätten auch fünf oder zwei sein können, Windstille und Lufttrockenheit nahmen ihnen den Stachel. Es war sehr dunkel am Morgen; man frühstückte beim künstlichen Schein der Lüstermonde im Saal mit den lustig schablonierten Gewölbegurten. Draußen war das trübe Nichts, die Welt in grauweiße Watte, die gegen die Scheiben drängte, in Schneequalm und Nebeldunst dicht verpackt. Unsichtbar das Gebirge; vom nächsten Nadelholz allenfalls mit der Zeit ein wenig zu sehen: beladen stand es, verlor sich rasch im Gebräu, und dann und wann entlud eine Fichte sich ihrer Überlast, schüttelte stäubendes Weiß ins Grau. Um zehn Uhr kam die Sonne als schwach erleuchteter Rauch über ihren Berg, ein matt gespenstisches Leben, einen fahlen Schein von Sinnlichkeit in die nichtig-unkenntliche Landschaft zu bringen. Doch blieb alles gelöst in geisterhafter Zartheit und Blässe, bar jeder Linie, die das Auge mit Sicherheit hätte nachziehen können. Gipfelkonturen verschwammen, vernebelten, verrauchten. Bleich beschienene Schneeflächen, die hinter- und übereinander aufstiegen, leiteten den Blick ins Wesenlose. Dann schwebte wohl eine erleuchtete Wolke, rauchartig, lange, ohne ihre Form zu verändern, vor einer Felswand.
Um Mittag zeigte die Sonne, halb durchbrechend, das Bestreben, den Nebel in Bläue zu lösen. Ihr Versuch blieb fern vom Gelingen; doch eine Ahnung von Himmelsblau war augenblicksweise zu erfassen, und das wenige Licht reichte hin, die durch das Schneeabenteuer wunderlich entstellte Gegend weithin diamanten aufglitzern zu lassen. Gewöhnlich hörte es auf zu schneien um diese Stunde, gleichsam um einen Überblick über das Erreichte zu gewähren, ja, diesem Zweck schienen auch die wenigen eingestreuten Sonnentage zu dienen, an denen das Gestöber ruhte und der unvermittelte Himmelsbrand die köstlich reine Oberfläche der Massen von Neuschnee anzuschmelzen suchte. Das Bild der Welt war märchenhaft, kindlich und komisch. Die dicken, lockeren, wie aufgeschüttelten Kissen auf den Zweigen der Bäume, die Buckel des Bodens, unter denen sich kriechendes Holz oder Felsvorsprünge verbargen, das Hockende, Versunkene, possierlich Vermummte der Landschaft, das ergab eine Gnomenwelt, lächerlich anzusehn und wie aus dem Märchenbuch. Mutete aber die nahe Szene, in der man sich mühselig bewegte, phantastisch-schalkhaft an, so waren es Empfindungen der Erhabenheit und des Heiligen, die der hereinschauende fernere Hintergrund, die getürmten Standbilder der verschneiten Alpen erweckten.
Nachmittags zwischen zwei und vier Uhr lag Hans Castorp in der Balkonloge und blickte wohlverpackt, den Kopf gestützt von der weder zu steil noch zu flach eingestellten Lehne seines vorzüglichen Liegestuhls, über die bepolsterte Brüstung hin auf Wald und Gebirge. Der grünschwarze, mit Schnee beschwerte Tannenforst stieg die Lehnen hinan, und zwischen den Bäumen war aller Boden kissenweich von Schnee. Darüber erhob sich das Felsgebirg ins Grauweiß, mit ungeheueren Schneeflächen, die von einzelnen, dunkler hervorragenden Felsnasen unterbrochen waren, und zart verdunstenden Kammlinien. Es schneite still. Alles verschwamm mehr und mehr. Der Blick, in ein wattiges Nichts gehend, brach sich leicht zum Schlummer. Ein Frösteln begleitete den Augenblick des Hinüberganges, doch gab es dann kein reineres Schlafen als dieses hier in der Eiseskälte, dessen Traumlosigkeit von keinem unbewußten Gefühl organischer Lebenslast berührt wurde, da das Atmen der leeren, nichtig-dunstlosen Luft dem Organismus nicht schwerer fiel, als das Nichtatmen den Toten. Beim Erwachen war das Gebirge völlig im Schneenebel verschwunden, und nur Stücke davon, eine Gipfelkuppe, eine Felsnase, traten wechselnd für einige Minuten hervor, um wieder verhüllt zu werden. Dies leise Geisterspiel war äußerst unterhaltend. Man mußte scharf achtgeben, um die Schleier-Phantasmagorie in ihren heimlichen Wandlungen zu belauschen. Wild und groß zeigte sich, frei im Dunste, eine Felsgebirgspartie, von der weder Gipfel noch Fuß zu sehen war. Aber da man sie nur eine Minute aus den Augen gelassen, war sie entschwunden.
Dann gab es Schneestürme, die den Aufenthalt in der Balkonlaube überhaupt verhinderten, da das stöbernde Weiß massenweise hereintrieb und alles, Boden und Möbel, dickauf bedeckte. Ja, es konnte auch stürmen in dem gefriedeten Hochtal. Die nichtige Atmosphäre geriet in Aufruhr, sie war so ausgefüllt von Flockengewimmel, daß man nicht einen Schritt weit sah. Böen von erstickender Stärke versetzten das Gestöber in wilde, treibende, seitliche Bewegung, sie wirbelten es von unten nach oben, von der Talsohle in die Lüfte empor, quirlten es in tollem Tanz durcheinander, – das war kein Schneefall mehr, es war ein Chaos von weißer Finsternis, ein Unwesen, die phänomenale Ausschreitung einer über das Gemäßigte hinausgehenden Region, worin nur der Schneefink, der plötzlich in Scharen zum Vorschein kam, sich heimatlich auskennen mochte.
Jedoch liebte Hans Castorp das Leben im Schnee. Er fand es demjenigen am Meeresstrande in mehrfacher Hinsicht verwandt: die Urmonotonie des Naturbildes war beiden Sphären gemeinsam; der Schnee, dieser tiefe, lockere, makellose Pulverschnee, spielte hier ganz die Rolle wie drunten der gelbweiße Sand; gleich reinlich war die Berührung mit beiden, man schüttelte das frosttrockene Weiß von Schuhen und Kleidern wie drunten das staubfreie Stein- und Muschelpulver des Meeresgrundes, ohne daß eine Spur hinterblieb, und auf ganz ähnliche Weise mühselig war das Marschieren im Schnee wie eine Dünenwanderung, es sei denn, daß die Flächen vom Sonnenbrand oberflächlich angeschmolzen, nachts aber hart gefroren waren: dann ging es sich leichter und angenehmer darauf, als auf Parkett, – genau so leicht und angenehm, wie auf dem glatten, festen, gespülten und federnden Sandboden am Saume des Meeres.
Nur waren das Schneefälle und lagernde Massen dies Jahr, die für jedermann, ausgenommen den Skiläufer, die Möglichkeit der Bewegung im Freien kärglich verengten. Die Schneepflüge arbeiteten; aber sie hatten Mühe, die allergebräuchlichsten Pfade und die Hauptstraße des Kurortes notdürftig frei zu halten, und die wenigen Wege, die offen standen und rasch ins Unzugängliche mündeten, waren dicht begangen, von Gesunden und Kranken, von Einheimischen und internationaler Hotelgesellschaft; den Fußgängern aber stolperten die Rodelfahrer an die Beine, Herren und Damen, welche, zurückgelehnt, die Füße voran, unter Warnungsrufen, deren Ton davon zeugte, wie sehr durchdrungen sie von der Wichtigkeit ihres Unternehmens waren, auf ihren Kinderschlittchen schlingernd und kippend die Abhänge hinunterfegten, um, unten angekommen, ihr Modespielzeug am Seile wieder bergan zu ziehen.
Dieser Promenaden war Hans Castorp nun übersatt. Er hegte zwei Wünsche: der stärkste davon war der, mit seinen Gedanken und Regierungsgeschäften allein zu sein, und diesen hätte seine Balkonloge ihm, wenn auch oberflächlich, gewährt. Der andere aber, verbunden mit jenem, galt lebhaft einer inniger-freieren Berührung mit dem schneeverwüsteten Gebirge, für das er Teilnahme gefaßt hatte, und dieser Wunsch war unerfüllbar, solange ein unbewehrter und unbeschwingter Fußgänger es war, der sich mit ihm trug; denn sofort hätte ein solcher bis über die Brust im Elemente gesteckt, wenn er versucht hätte, über das allerorts rasch erreichte Ende der geschaufelten Verkehrspfade hinaus vorzudringen.
So beschloß Hans Castorp eines Tages, in diesem seinem zweiten Winter hier oben, sich Schneeschuhe zu kaufen und ihren Gebrauch zu erlernen, soweit sein sachliches Bedürfnis es eben erforderte. Er war kein Sportsmann; war, mangels körperlicher Gesinnung, nie einer gewesen; tat auch nicht, als ob er einer sei, wie manche Berghofgäste, die dem Ortsgeist und der Mode zu Gefallen sich geckigerweise so kostümierten, – Frauenzimmer zumal, Hermine Kleefeld zum Beispiel, die, obgleich unzureichende Atmung ihre Nasenspitze und Lippen beständig blau färbte, zum Lunch in wollener Hosentracht zu erscheinen liebte, darin sie sich nach dem Essen mit gespreizten Knien in einem Korbsessel der Halle recht liederlich lümmelte. Hans Castorp wäre, wenn er nach des Hofrats Erlaubnis für sein ausschweifendes Vorhaben gefragt hätte, unbedingt abschlägig beschieden worden. Sportliche Betätigung war der Gemeinschaft derer hier oben, im Berghof wie allerwärts in ähnlichen Anstalten, unbedingt verwehrt; denn ohnehin stellte die scheinbar so leicht eingehende Atmosphäre strenge Anforderungen an den Herzmuskel, und was Hans Castorp persönlich betraf, so war sein aufgewecktes Wort von der „Gewöhnung daran, daß er sich nicht gewöhnte“, in voller Kraft geblieben, und seine Fieberneigung, die Radamanth von einer feuchten Stelle herleitete, bestand zähe fort. Was hätte er sonst auch hier oben zu suchen gehabt? So war sein Wunsch und Vorhaben widerspruchsvoll und unstatthaft. Nur mußte man ihn auch recht verstehen. Ihn stach nicht der Ehrgeiz, es den Freiluftgecken und Schicksportlern gleichzutun, die, wäre es eben Parole gewesen, mit ebenso wichtigem Eifer dem Kartenspiel im stickigen Zimmer obgelegen hätten. Durchaus fühlte er sich einer anderen, gebundeneren Gemeinschaft zugehörig, als dem Touristenvölkchen, und unter einem weiteren und neueren Gesichtspunkt noch, auf Grund einer entfremdenden Würde und dämpfenden Verpflichtung war ihm zumute, als sei es nicht seine Sache, sich obenhin zu tummeln gleich jenen und sich im Schnee zu wälzen wie ein Narr. Er hatte keine Eskapaden im Sinn, wollte sich schon mäßig halten, und was er plante, hätte Rhadamanthys ihm recht wohl gestatten können. Da er’s der Hausordnung halber dennoch verbieten würde, beschloß Hans Castorp, hinter seinem Rücken zu handeln.
Gelegentlich sprach er Herrn Settembrini von seinem Vorhaben. Herr Settembrini hätte ihn vor Freuden beinahe umarmt. „Aber ja, aber ja doch, Ingenieur, um Gottes willen, tun Sie das! Fragen Sie niemanden und tun Sie’s, – Ihr guter Engel hat Ihnen das eingeflüstert! Tun Sie’s sofort, bevor diese gute Lust Sie wieder verläßt! Ich gehe mit Ihnen, ich begleite Sie in das Geschäft, und stehenden Fußes erwerben wir miteinander diese gesegneten Utensilien! Auch in die Berge würde ich Sie begleiten, würde mit Ihnen fahren, Flügelschuhe an den Füßen, wie Mercurio, aber ich darf es nicht ... Eh, dürfen! Ich täte es schon, wenn ich es nur ‚nicht dürfte‘, aber ich kann’s nicht, ich bin ein verlorener Mann. Dagegen Sie ... es wird Ihnen nicht schaden, durchaus nicht, wenn Sie vernünftig sind und nichts übertreiben. Ach was, und schadete es Ihnen sogar ein wenig, so wird es immer noch Ihr guter Engel gewesen sein, welcher ... Ich sage nichts weiter. Was für ein exzellenter Plan! Zwei Jahre hier und noch dieses Einfalls fähig, – ah, nein, Ihr Kern ist gut, man hat keinen Grund, an Ihnen zu verzweifeln. Bravo, bravo! Sie drehen Ihrem Schattenfürsten dort oben eine Nase, Sie kaufen diese Schlittschuhe, Sie lassen sie zu mir schicken oder zu Lukaček, oder zu dem Gewürzkrämer drunten in unserem Häuschen. Sie holen sie von dort, um sich darauf zu üben, und Sie gleiten dahin ...“
Ganz so geschah es. Unter den Augen Herrn Settembrinis, der den kritischen Sachkenner spielte, obgleich er von Sport keine Ahnung hatte, erstand Hans Castorp in einem Spezialgeschäft der Hauptstraße ein Paar schmucker Ski, hellbraun lackiert, aus gutem Eschenholz, mit prächtigem Lederzeug und vorne spitz aufgebogen, kaufte auch die Stäbe mit Eisenspitze und Radscheibe dazu und ließ es sich nicht nehmen, alles selbst auf der Schulter davonzutragen bis zu Settembrinis Quartier, wo mit dem Krämer eine Übereinkunft wegen täglicher Unterstellung der Gerätschaften bald getroffen war. Durch vielfache Anschauung über die Art ihres Gebrauches unterrichtet, begann er auf eigene Hand, fern von dem Gewimmel der Übungsplätze, an einem fast baumfreien Abhang nicht weit hinter Sanatorium Berghof, alltäglich darauf herumzustümpern, wobei das eine und andere Mal Herr Settembrini aus einiger Entfernung ihm zuschaute, auf seinen Stock gestützt, die Füße anmutig gekreuzt, Gewandtheitsfortschritte mit Bravorufen begrüßend. Es lief gut ab, als Hans Castorp eines Tages, die geschaufelte Wegschleife gegen „Dorf“ hinuntersteuernd, im Begriffe, die Schneeschuhe zum Krämer zurückzubringen, dem Hofrat begegnete. Behrens erkannte ihn nicht, obgleich es heller Mittag war und der Anfänger fast mit ihm zusammengestoßen wäre. Er hüllte sich in eine Wolke Zigarrenrauchs und stapfte vorbei.
Hans Castorp erfuhr, daß man eine Fertigkeit rasch gewinnt, deren man innerlich bedürftig ist. Er erhob keine Ansprüche auf Virtuosentum. Was er brauchte, war ohne Überhitzung und Atemlosigkeit in ein paar Tagen erlernt. Er hielt sich an, die Füße hübsch beieinander zu halten und gleichlaufende Spuren zu schaffen, probte aus, wie man sich bei der Abfahrt des Stockes zum Lenken bedient, lernte Hindernisse, kleine Bodenerhebungen, die Arme ausgebreitet, im Schwunge nehmen, aufgehoben und abtauchend wie ein Schiff auf stürmischer See, und fiel seit dem zwanzigsten Versuch nicht mehr um, wenn er in voller Fahrt mit Telemarkschwung bremste, das eine Bein vorgeschoben, das andere ins Knie gebeugt. Allmählich erweiterte er den Umkreis seiner Übungen. Eines Tages sah Herr Settembrini ihn im weißlichen Nebel verschwinden, rief ihm durch die hohlen Hände eine Warnung nach und ging pädagogisch befriedigt nach Hause.
Es war schön im winterlichen Gebirge, – nicht schön auf gelinde und freundliche Weise, sondern so, wie die Nordseewildnis schön ist bei starkem West, – zwar ohne Donnerlärm, sondern in Totenstille, doch ganz verwandte Ehrfurchtsgefühle erweckend. Hans Castorps lange, biegsame Sohlen trugen ihn in allerlei Richtung: entlang der linken Lehne gegen Clavadel oder rechtshin an Frauenkirch und Glaris vorüber, hinter denen der Schatten des Amselfluhmassivs im Nebel spukte; auch in das Dischmatal oder hinter dem Berghof empor in Richtung auf das bewaldete Seehorn, von dem nur die schneeige Spitze über die Baumgrenze ragte, und den Drusatschawald, hinter dem man den bleichen Schattenriß der tief verschneiten Rhätikonkette erblickte. Er ließ sich auch mit seinen Hölzern von der Drahtseilbahn zur Schatzalp steil aufheben und trieb sich gemächlich dort oben, zweitausend Meter hoch entführt, auf schimmernden Schrägflächen von Puderschnee herum, die bei sichtigem Wetter einen hehren Weitblick über die Landschaft seiner Abenteuer boten.
Er freute sich seiner Errungenschaft, vor welcher die Unzugänglichkeit sich auftat und Hindernisse fast zunichte wurden. Sie umgab ihn mit erwünschter Einsamkeit, der erdenklich tiefsten sogar, einer Einsamkeit, die das Herz mit Empfindungen des menschlich Wildfremden und Kritischen berührte. Da war wohl zu seiner einen Seite ein Tannenabsturz hinab in Schneedunst und andererseits ein Felsenaufstieg mit ungeheueren, zyklopischen, gewölbten und gebuckelten, Höhlen und Kappen bildenden Schneemassen. Die Stille, wenn er regungslos stehen blieb, um sich selbst nicht zu hören, war unbedingt und vollkommen, eine wattierte Lautlosigkeit, unbekannt, nie vernommen, sonst nirgends vorkommend. Da war kein Windhauch, der die Bäume auch nur aufs leiseste gerührt hätte, kein Rauschen, nicht eine Vogelstimme. Es war das Urschweigen, das Hans Castorp belauschte, wenn er so stand, auf seinen Stock gestützt, den Kopf zur Schulter geneigt, mit offenem Munde; und still und unablässig schneite es weiter darin, ruhig hinsinkend, ohne einen Laut.
Nein, diese Welt in ihrem bodenlosen Schweigen hatte nichts Wirtliches, sie empfing den Besucher auf eigene Rechnung und Gefahr, sie nahm ihn nicht eigentlich an und auf, sie duldete sein Eindringen, seine Gegenwart auf eine nicht geheuere, für nichts gutstehende Weise, und Gefühle des still bedrohlich Elementaren, des nicht einmal Feindseligen, vielmehr des Gleichgültig-Tödlichen waren es, die von ihr ausgingen. Das Kind der Zivilisation, fern und fremd der wilden Natur von Hause aus, ist ihrer Größe viel zugänglicher als ihr rauher Sohn, der, von Kindesbeinen auf sie angewiesen, in nüchterner Vertraulichkeit mit ihr lebt. Dieser kennt kaum die religiöse Furcht, mit der jener, die Augenbrauen hochgezogen, vor sie tritt, und die sein ganzes Empfindungsverhältnis zu ihr in der Tiefe bestimmt, eine beständige fromme Erschütterung und scheue Erregung in seiner Seele unterhält. Hans Castorp, in seiner langärmeligen Kamelhaarweste, seinen Wickelgamaschen und auf seinen Luxusski, kam sich im Grunde sehr keck vor im Belauschen der Urstille, der tödlich lautlosen Winterwildnis, und das Erleichterungsgefühl, das sich meldete, wenn auf dem Heimweg die ersten menschlichen Wohnstätten im Geschleier wieder auftauchten, machte ihm seinen vorherigen Zustand bewußt und lehrte ihn, daß stundenlang ein heimlich-heiliger Schrecken sein Gemüt beherrscht hatte. Auf Sylt hatte er, in weißen Hosen, sicher, elegant und ehrerbietig, am Rande der mächtigen Brandung gestanden wie vor einem Löwenkäfig, hinter dessen Gitter die Bestie ihren Rachen mit den fürchterlichen Reißzähnen schlundtief ergähnen läßt. Dann hatte er gebadet, während ein Strandwächter auf einem Hörnchen denjenigen Gefahr zublies, die frecherweise versuchten, über die erste Welle hinauszudringen, dem herantreibenden Ungewitter auch nur zu nahe zu kommen, und noch der letzte Auslauf des Katarakts hatte den Nacken wie Prankenschlag getroffen. Von dorther kannte der junge Mensch das Begeisterungsglück leichter Liebesberührungen mit Mächten, deren volle Umarmung vernichtend sein würde. Was er aber nicht gekannt hatte, war die Neigung, diese begeisternde Berührung mit der tödlichen Natur so weit zu verstärken, daß die volle Umarmung drohte, – als ein schwaches, wenn auch bewaffnetes und von der Zivilisation leidlich ausgestattetes Menschenkind, das er war, sich so weit ins Ungeheuerliche vorzuwagen, oder doch so lange nicht davor zu fliehen, bis der Verkehr das Kritische streifte und ihm kaum noch beliebig Grenzen zu setzen waren, bis es sich nicht mehr um Schaumauslauf und leichten Prankenschlag handelte, sondern um die Welle, den Rachen, das Meer.
Mit einem Worte: Hans Castorp hatte Mut hier oben, – wenn Mut vor den Elementen nicht stumpfe Nüchternheit im Verhältnis zu ihnen, sondern bewußte Hingabe und aus Sympathie bezwungenen Todesschrecken bedeutet. – Sympathie? – Allerdings, Hans Castorp hegte Sympathie mit den Elementen in seiner schmalen, zivilisierten Brust; und da war ein Zusammenhang dieser Sympathie mit dem neuen Würdegefühl, dessen er sich beim Anblick des schlittelnden Völkchens bewußt geworden, und das ihm eine tiefere und größere, weniger hotelbequeme Einsamkeit als die seiner Balkonloge hatte schicklich und wünschenswert erscheinen lassen. Von dort aus hatte er das hohe Nebelgebirg, den Tanz des Schneesturms betrachtet und sich seines Gaffens über die Brustwehr des Komforts hin in seiner Seele geschämt. Darum, und nicht aus Sportfexerei noch aus angeborner Körperfreudigkeit, hatte er Skilaufen gelernt. Wenn es ihm nicht geheuer war dort in der Größe, der schneienden Totenstille – und das war es dem Kinde der Zivilisation durchaus nicht –: nun, so hatte er vom nicht Geheueren längst hier oben mit Geist und Sinn gekostet. Ein Kolloquium mit Naphta und Settembrini war auch nicht just das Geheuerste; ebenfalls führte es ins Weglose und Hochgefährliche; und wenn von Sympathie mit der großen Winterwildnis auf seiten Hans Castorps die Rede sein konnte, so darum, weil er sie, seines frommen Schreckens ungeachtet, als passenden Schauplatz für das Austragen seiner Gedankenkomplexe empfand, als geziemenden Aufenthalt für einen, der, ohne freilich recht zu wissen, wie er dazu kam, mit Regierungsgeschäften, betreffend Stand und Staat des homo Dei beschwert war.
Kein Mann war hier, der Vorwitzigen auf einem Hörnchen Gefahr geblasen hätte, es sei denn, Herr Settembrini wäre dieser Mann gewesen, als er dem entschwindenden Hans Castorp durch die hohlen Hände zugerufen hatte. Dieser aber hatte Mut und Sympathie, er achtete des Zurufs in seinem Rücken nicht mehr, als er dessen geachtet hatte, der bei gewissen Schritten einst in der Faschingsnacht hinter ihm drein geklungen war. „Eh, Ingeniere, un po’ di ragione, sa!“ Ach ja, du pädagogischer Satana mit deiner ragione und ribellione, dachte er. Übrigens habe ich dich gern. Du bist zwar ein Windbeutel und Drehorgelmann, aber du meinst es gut, meinst es besser und bist mir lieber als der scharfe kleine Jesuit und Terrorist, der spanische Folter- und Prügelknecht mit seiner Blitzbrille, obgleich er fast immer recht hat, wenn ihr euch zankt ... euch pädagogisch um meine arme Seele rauft, wie Gott und Teufel um den Menschen im Mittelalter ...
Die Beine bepudert, stöckelte er sich irgendwo bleiche Höhen hinan, deren Lakengebreite sich in Terrassen, absatzweise erhoben, höher und höher, man wußte nicht wohin; es schien, daß sie nirgends hinführten; ihre obere Region verschwamm mit dem Himmel, der ebenso nebelweiß war wie sie, und von dem man nicht wußte, wo er anfing; kein Gipfel, keine Gratlinie war sichtbar, es war das dunstige Nichts, gegen das Hans Castorp sich emporschob, und da auch hinter ihm die Welt, das bewohnte Menschental, sich sehr bald schloß und den Augen abhanden kam, auch kein Laut von dorther mehr zu ihm drang, so war denn seine Einsamkeit, ja Verlorenheit, ehe er’s gedacht, so tief, wie er sie sich nur hatte wünschen können, tief bis zum Schrecken, der die Vorbedingung des Mutes ist. „Praeterit figura hujus mundi“, sagte er bei sich in einem Latein, das nicht humanistischen Geistes war, – er hatte die Redensart von Naphta gehört. Er blieb stehen und sah sich um. Es war überall gar nichts und nirgends etwas zu sehen, außer einzelnen ganz kleinen Schneeflocken, die aus dem Weiß der Höhe kommend auf das Weiß des Grundes niedersanken, und die Stille ringsumher war gewaltig nichtssagend. Während sein Blick sich in der weißen Leere brach, die ihn blendete, fühlte er sein Herz sich regen, das vom Aufstieg pochte, – dies Herzmuskelorgan, dessen tierische Gestalt und dessen Art zu schlagen er unter den knatternden Blitzen der Durchleuchtungskammer, frevelhafterweise vielleicht, belauscht hatte. Und eine Art von Rührung wandelte ihn an, eine einfache und andächtige Sympathie mit seinem Herzen, dem schlagenden Menschenherzen, so ganz allein hier oben im Eisig-Leeren mit seiner Frage und seinem Rätsel.
Er schob sich weiter, höher hinauf, gegen den Himmel. Manchmal stieß er das obere Ende seines Skistockes in den Schnee und sah zu, wie blaues Licht aus der Tiefe des Loches dem Stabe nachstürzte, wenn er ihn herauszog. Das machte ihm Spaß; er konnte lange stehen bleiben, um die kleine optische Erscheinung wieder und wieder zu erproben. Es war so ein eigentümliches zartes Berg- und Tiefenlicht, grünlich-blau, eisklar und doch schattig, geheimnisvoll anziehend. Es erinnerte ihn an das Licht und die Farbe gewisser Augen, schicksalblickender Schrägaugen, die Herr Settembrini vom humanistischen Standpunkte aus verächtlich als „Tatarenschlitze“ und „Steppenwolfslichter“ bezeichnet hatte, – an früh erschaute und unvermeidlich wieder gefundene, an Hippes und Clawdia Chauchats Augen. „Gern“, sagte er halblaut in der Lautlosigkeit. „Aber mach ihn nicht entzwei: Il est à visser, tu sais.“ Und im Geiste hörte er hinter sich wohllautende Mahnungen zur Vernunft.
Rechts seitwärts in einiger Entfernung nebelte Wald. Er wandte sich dorthin, um ein irdisches Ziel vor Augen zu haben, statt weißlicher Transzendenz, und fuhr plötzlich ab, ohne daß er im geringsten eine Geländesenkung hatte kommen sehen. Die Blendung verhinderte jedes Erkennen der Bodengestaltung. Man sah nichts; alles verschwamm vor den Augen. Ganz unerwartet hoben Hindernisse ihn auf. Er überließ sich dem Gefälle, ohne mit dem Auge den Grad seiner Neigung zu unterscheiden.
Das Gehölz, das ihn angezogen hatte, lag jenseits der Schlucht, in die er unversehens hineingefahren. Ihr mit lockerem Schnee bedeckter Grund senkte sich nach der Seite des Gebirges hin, wie er bemerkte, als er ihn ein Stück in dieser Richtung verfolgte. Es ging abwärts; die Seitenschrägen erhöhten sich; wie ein Hohlweg schien die Falte in den Berg hineinzuführen. Dann standen die Schnäbel seines Fahrzeugs wieder aufwärts; der Boden hob sich, es gab bald keine Seitenwand mehr zu ersteigen; Hans Castorps weglose Fahrt ging wieder auf offener Berghalde gegen den Himmel.
Er sah das Nadelholz seitlich hinter und unter sich, wandte sich dorthin und erreichte in schneller Abfahrt die schneebeladenen Tannen, die sich, keilförmig angeordnet, als Ausläufer abschüssig vernebelnder Waldungen ins Baumfreie vorschoben. Unter ihren Zweigen rauchte er ausruhend eine Zigarette, in seiner Seele immerfort etwas bedrückt, gespannt, beklommen von der übertiefen Stille, der abenteuerlichen Einsamkeit, aber stolz, sie erobert zu haben, und mutig im Gefühl seines Würdenrechtes auf diese Umgebung.
Es war nachmittags um drei Uhr. Bald nach Tische hatte er sich aufgemacht, um einen Teil der Großen Liegekur und die Vespermahlzeit zu schwänzen und vor Dunkelwerden zurück zu sein. Wohligkeit erfüllte ihn bei dem Gedanken, daß mehrere Stunden zum Schweifen im Freien und Großartigen vor ihm lagen. Er hatte etwas Schokolade in der Tasche seiner Breeches und eine kleine Flasche mit Portwein in der Westentasche.
Der Stand der Sonne war kaum zu erkennen, so dicht umnebelt war sie. Hinten, in der Gegend des Talausganges, des Gebirgswinkels, den man nicht sah, dunkelte das Gewölk, das Gedünste tiefer und schien sich vorzuschieben. Es sah nach Schnee aus, mehr Schnee, um dringendem Bedarf abzuhelfen, – nach einem ordentlichen Gestöber. Und wirklich fielen die kleinen, lautlosen Flocken über der Halde schon reichlicher.
Hans Castorp trat vor, um ein paar davon auf seinen Ärmel fallen zu lassen und sie mit den Kenneraugen des Liebhaberforschers zu betrachten. Sie schienen formlose Fetzchen, aber er hatte mehr als einmal ihresgleichen unter seiner guten Linse gehabt und wußte wohl, aus was für zierlichst genauen kleinen Kostbarkeiten sie sich zusammensetzten, Kleinodien, Ordenssternen, Brillantagraffen, wie der getreueste Juwelier sie nicht reicher und minuziöser hätte herstellen können, – ja, es hatte mit all diesem leichten, lockeren Puderweiß, das in Massen den Wald beschwerte, das Gebreite bedeckte, und über das seine Fußbretter ihn trugen, denn doch eine andere Bewandtnis als mit dem heimischen Meersande, an den es erinnerte: das waren bekanntlich nicht Steinkörner, woraus es bestand, es waren Myriaden im Erstarren zu ebenmäßiger Vielfalt kristallisch zusammengeschossener Wasserteilchen, – Teilchen eben der anorganischen Substanz, die auch das Lebensplasma, den Pflanzen-, den Menschenleib quellen machte, – und unter den Myriaden von Zaubersternchen in ihrer untersichtigen, dem Menschenauge nicht zugedachten, heimlichen Kleinpracht war nicht eines dem anderen gleich; eine endlose Erfindungslust in der Abwandlung und allerfeinsten Ausgestaltung eines und immer desselben Grundschemas, des gleichseitig-gleichwinkligen Sechsecks, herrschte da; aber in sich selbst war jedes der kalten Erzeugnisse von unbedingtem Ebenmaß und eisiger Regelmäßigkeit, ja, dies war das Unheimliche, Widerorganische und Lebensfeindliche daran; sie waren zu regelmäßig, die zum Leben geordnete Substanz war es niemals in diesem Grade, dem Leben schauderte vor der genauen Richtigkeit, es empfand sie als tödlich, als das Geheimnis des Todes selbst, und Hans Castorp glaubte zu verstehen, warum Tempelbaumeister der Vorzeit absichtlich und insgeheim kleine Abweichungen von der Symmetrie in ihren Säulenordnungen angebracht hatten.
Er stieß sich ab, schlürfte auf seinen Kufen fort, fuhr am Waldrande den dicken Schneebelag der Schräge ins Neblige hinunter und trieb sich, steigend und gleitend, ziellos und gemächlich, weiter in dem toten Gelände umher, das mit seinen leeren, welligen Gebreiten, seiner Trockenvegetation, die aus einzelnen, dunkel hervorstechenden Latschenbüschen bestand, und seiner Horizontbegrenzung von weichen Erhebungen so auffallend einer Dünenlandschaft glich. Hans Castorp nickte zufrieden mit dem Kopf, wenn er stand und sich an dieser Ähnlichkeit weidete; und auch den Brand seiner Miene, die Neigung zum Gliederzittern, die eigentümliche und trunkene Mischung von Aufregung und Müdigkeit, die er spürte, duldete er mit Sympathie, da dies alles ihn an nah verwandte Wirkungen der ebenfalls aufpeitschenden und zugleich mit schlafbringenden Stoffen gesättigten Seeluft vertraulich erinnerte. Er empfand mit Genugtuung seine beschwingte Unabhängigkeit, sein freies Schweifen. Vor ihm lag kein Weg, an den er gebunden war, hinter ihm keiner, der ihn so zurückleiten würde wie er gekommen war. Es hatte anfangs Stangen, eingepflanzte Stöcke, Schneezeichen gegeben, aber absichtlich hatte er sich bald von ihrer Bevormundung freigemacht, da sie ihn an den Mann mit dem Hörnchen erinnerten und seinem inneren Verhältnis zur großen Winterwildnis nicht angemessen schienen.
Hinter verschneiten Felshügeln, zwischen denen er sich, bald rechts, bald links lenkend, hindurchschob, lag eine Schräge, dann eine Ebene, dann großes Gebirge, dessen weich gepolsterte Schluchten und Pässe so zugänglich und lockend schienen. Ja, die Lockung der Fernen und Höhen, der immer neu sich auftuenden Einsamkeiten war stark in Hans Castorps Gemüt, und auf die Gefahr, sich zu verspäten, strebte er tiefer ins wilde Schweigen, ins Nichtgeheure, für nichts Gutstehende hinein, – ungeachtet, daß überdies die Spannung und Beklommenheit seines Inneren zur wirklichen Furcht wurde angesichts der vorzeitig zunehmenden Himmelsdunkelheit, die sich wie graue Schleier auf die Gegend herabsenkte. Diese Furcht machte ihm bewußt, daß er es heimlich bisher geradezu darauf angelegt hatte, sich um die Orientierung zu bringen und zu vergessen, in welcher Richtung Tal und Ortschaft lagen, was ihm denn auch in erwünschter Vollständigkeit gelungen war. Übrigens durfte er sich sagen, daß, wenn er sofort umkehrte und immer bergab fuhr, das Tal, wenn auch möglicherweise fern vom „Berghof“, rasch erreicht sein werde, – zu rasch; er würde zu früh kommen, würde seine Zeit nicht ausgenutzt haben, während er allerdings, wenn das Schneeunwetter ihn überraschte, den Heimweg wohl vorderhand überhaupt nicht finden würde. Darum aber vorzeitig flüchtig zu werden, weigerte er sich, – die Furcht, seine aufrichtige Furcht vor den Elementen mochte ihn beklemmen wie sie wollte. Das war kaum sportsmännisch gehandelt; denn der Sportsmann läßt sich mit den Elementen nur ein, solange er sich ihr Herr und Meister weiß, übt Vorsicht und ist der Klügere, der nachgibt. Was aber in Hans Castorps Seele vorging, war nur mit einem Wort zu bezeichnen: Herausforderung. Und soviel Tadel das Wort umschließt, auch wenn – oder besonders wenn – das ihm entsprechende frevelhafte Gefühl mit so viel aufrichtiger Furcht verbunden ist, so ist doch bei einigem menschlichen Nachdenken ungefähr zu begreifen, daß in den Seelengründen eines jungen Menschen und Mannes, der jahrelang gelebt hat wie dieser hier, manches sich ansammelt, oder, wie Hans Castorp, der Ingenieur, gesagt haben würde, „akkumuliert“, was eines Tages als ein elementares „Ach was!“ oder ein „Komm denn an!“ von erbitterter Ungeduld, kurz eben als Herausforderung und Verweigerung kluger Vorsicht sich entlädt. Und so fuhr er denn zu auf seinen langen Pantoffeln, glitt noch den Abhang hinunter und schob sich über die folgende Halde, auf der in einiger Entfernung ein Holzhäuschen, Heuschober oder Almhütte mit steinbeschwertem Dache, stand, dem nächsten Berge zu, dessen Rücken borstig von Tannen war, und hinter dem Hochgipfel sich nebelhaft türmten. Die mit einzelnen Baumgruppen besetzte Wand vor ihm war schroff, aber schräg rechtshin mochte man sie in mäßiger Steigung halb umgehen und hinter sie kommen, um zu sehen, was da weiter sein werde, und an dieses Forschergeschäft machte sich Hans Castorp, nachdem er vor dem Feld mit der Sennhütte noch in eine ziemlich tiefe, von rechts nach links abfallende Schlucht hinabgefahren war.
Er hatte eben wieder angefangen zu steigen, als denn also, wie zu erwarten gestanden, Schneefall und Sturm losgingen, daß es eine Art hatte, – der Schneesturm, mit einem Worte, war da, der lange gedroht hatte, wenn man von „Drohung“ sprechen kann in Hinsicht auf blinde und unwissende Elemente, die es nicht darauf abgesehen haben, uns zu vernichten, was vergleichsweise anheimelnd wäre, sondern denen es auf die ungeheuerste Weise gleichgültig ist, wenn das nebenbei mit unterläuft. „Hallo!“ dachte Hans Castorp und blieb stehen, als der erste Windstoß in das dichte Gestöber fuhr und ihn traf. „Das ist eine Sorte von Anhauch. Die geht ins Mark.“ Und wirklich war dieser Wind von ganz gehässiger Art: die furchtbare Kälte, die tatsächlich herrschte, gegen zwanzig Grad unter Null, war nur dann nicht zu spüren und mutete milde an, wenn die feuchtigkeitslose Luft still und unbewegt war wie gewöhnlich; sobald sie sich aber windig regte, schnitt das wie mit Messern ins Fleisch, und wenn es zuging wie jetzt – denn der erste fegende Windlauf war nur ein Vorläufer gewesen –, so hätten sieben Pelze nicht hingereicht, das Gebein vor eisigem Todesschrecken zu schützen, und Hans Castorp trug nicht sieben Pelze, sondern nur eine wollene Weste, die ihm sonst auch vollkommen genügt hatte und ihm bei dem geringsten Sonnenschein sogar lästig gewesen war. Übrigens bekam er den Wind etwas seitlich von hinten, so daß es sich wenig empfahl, umzukehren und ihn von vorn zu empfangen; und da diese Überlegung sich mit seinem Trotz und mit dem gründlichen „Ach was!“ seiner Seele mischte, so strebte der tolle Junge immer noch weiter, zwischen einzeln stehenden Tannen hin, um hinter den in Angriff genommenen Berg zu kommen.
Dabei jedoch war gar kein Vergnügen, denn man sah nichts vor Flockentanz, der scheinbar ohne zu fallen in dichtestem Wirbelgedränge allen Raum erfüllte; die dreinfahrenden Eisböen machten die Ohren mit scharfem Schmerze brennen, lähmten die Glieder und ließen die Hände ertauben, so daß man nicht mehr wußte, ob man den Pickelstock noch hielt oder nicht. Der Schnee wehte ihm hinten in den Kragen und schmolz ihm den Rücken hinunter, legte sich ihm auf die Schultern und bedeckte seine rechte Flanke; es war ihm, als solle er hier zum Schneemann erstarren, seinen Stock steif in der Hand; und all diese Unzuträglichkeit ergab sich bei vergleichsweise günstigen Umständen: wendete er sich, so würde es schlimmer sein; und doch hatte der Heimweg sich zu einem Stück Arbeit gestaltet, das in Angriff zu nehmen er wohl nicht zögern sollte.
So blieb er denn stehen, zuckte zornig mit den Achseln und stellte seine Bretter herum. Der Gegenwind verschlug ihm sofort den Atem, so daß er der unbequemen Prozedur der Umstellung sich nochmals unterzog, um zu Luft zu kommen und mit besserer Fassung dem gleichgültigen Feinde die Stirn zu bieten. Bei gesenktem Kopfe und vorsichtig geregeltem Atemhaushalt gelang ihm denn auch, in umgekehrter Richtung sich in Bewegung zu setzen, – überrascht, trotz böser Erwartungen, von den Schwierigkeiten des Vorwärtskommens, die namentlich aus seiner Blindheit und seiner Atemknappheit erwuchsen. Jeden Augenblick war er zum Haltmachen gezwungen, erstens, um hinter dem Sturme Luft zu schöpfen, und dann auch, weil er, geneigten Kopfes aufwärts blinzelnd, nichts sah vor weißer Verfinsterung und sich vor dem Anrennen an Bäume, dem Geworfenwerden durch Hindernisse hüten mußte. Die Flocken flogen ihm massenweise ins Gesicht und schmolzen dort, so daß es erstarrte. Sie flogen ihm in den Mund, wo sie mit schwach wässerigem Geschmack zergingen, flogen gegen seine Lider, die sich krampfhaft schlossen, überschwemmten die Augen und verhinderten jede Ausschau, – die übrigens nutzlos gewesen wäre, da die dichte Verschleierung des Blickfeldes und die Blendung durch all das Weiß den Gesichtssinn ohnedies fast völlig ausschalteten. Es war das Nichts, das weiße, wirbelnde Nichts, worein er blickte, wenn er sich zwang, zu sehen. Und nur zuweilen tauchten gespenstische Schatten der Erscheinungswelt darin auf: ein Latschenbusch, eine Fichtengruppe, die schwache Silhouette des Schobers auch, an dem er kürzlich vorübergekommen.
Er ließ ihn liegen, suchte über die Halde hin, wo der Schuppen stand, seinen Rückweg. Aber ein Weg war ja nicht vorhanden; eine Richtung zu halten, die ungefähre Richtung nach Hause, ins Tal, war weit mehr Glücks- als Verstandessache, da man allenfalls die Hand vor Augen, aber nicht einmal bis zu den Spitzen seiner Schneeschuhe sah; und hätte man auch besser gesehen, so wären doch immer noch ausgiebige Vorkehrungen getroffen gewesen, ein Vorwärtskommen aufs äußerste zu erschweren: das Gesicht voll Schnee, den Sturm als Widersacher, der die Atmung zerstörte, sie abschnitt, das Aufnehmen von Luft wie den Aushauch verhinderte und jeden Augenblick zu schnappender Abkehr zwang, – da sollte dieser und jener vorwärts kommen, Hans Castorp oder ein anderer, Stärkerer, – man blieb stehen, schnappte, drückte sich blinzelnd das Wasser aus den Wimpern, klopfte den Harnisch von Schnee herunter, der sich einem auf die Frontseite gelegt hatte, und empfand es als unvernünftige Zumutung, unter solchen Umständen vorwärts zu kommen.
Hans Castorp kam dennoch vorwärts, das heißt: er kam von der Stelle. Allein ob das ein zweckmäßiges Fortkommen, ein Fortkommen in rechter Richtung war, und ob es nicht weniger falsch gewesen wäre, zu bleiben, wo man war (was aber auch nicht tunlich schien), das stand dahin, es sprach sogar die theoretische Wahrscheinlichkeit dagegen, und praktisch genommen, schien es Hans Castorp bald, als sei mit dem Grund und Boden nicht alles in Ordnung, als habe er nicht den richtigen unter den Füßen, das heißt die flache Halde, die er von der Schlucht aufsteigend mit großer Mühe wieder gewonnen, und die es vor allem wieder zurückzulegen galt. Die Ebene war zu kurz gewesen, er stieg schon wieder. Offenbar hatte der Sturm, der von Südwest, aus der Gegend des Talausgangs kam, mit seinem wütenden Gegendrucke ihn abgedrängt. Es war ein falsches Fortkommen, schon längere Zeit, mit dem er sich abmattete. Blindlings, umhüllt von wirbelnder, weißer Nacht, arbeitete er sich nur tiefer ins Gleichgültig-Bedrohliche hinein.
„Na, so was!“ sagte er zwischen den Zähnen und machte halt. Pathetischer drückte er sich nicht aus, obgleich es ihm einen Augenblick war, als griffe eine eiskalte Hand nach seinem Herzen, so daß es aufzuckte und dann mit so raschen Schlägen gegen seine Rippen pochte wie damals, als Rhadamanthys die feuchte Stelle bei ihm entdeckt. Denn er sah ein, daß er kein Recht hatte auf große Worte und Gebärden, da Herausforderung sein Teil gewesen und alle Bedenklichkeiten der Lage auf seine eigenste Rechnung kamen. „Nicht schlecht“, sagte er und fühlte, daß seine Gesichtszüge, die Ausdrucksmuskeln seiner Miene, der Seele nicht mehr gehorchten und gar nichts wiederzugeben vermochten, weder Furcht, noch Wut, noch Verachtung, denn sie waren erstarrt. „Was nun? Hier schräg hinunter und fortan hübsch der Nase nach, immer genau gegen den Wind. Das ist zwar leichter gesagt als getan“, fuhr er keuchend und abgerissen, aber tatsächlich halblaut sprechend fort, indem er sich wieder in Bewegung setzte; „aber geschehen muß etwas, ich kann mich nicht hinsetzen und warten, denn dann werde ich zugedeckt von hexagonaler Regelmäßigkeit, und Settembrini, wenn er mit seinem Hörnchen kommt, um nach mir zu sehen, findet mich hier mit Glasaugen hocken, eine Schneemütze schief auf dem Kopf ...“ Er nahm wahr, daß er mit sich selber sprach, und zwar etwas sonderbar. Darum verwies er es sich, tat es aber wiederum halblaut und ausdrücklich, obgleich seine Lippen so lahm waren, daß er auf ihre Benutzung verzichtete und ohne die Konsonanten sprach, die mit ihrer Hilfe gebildet werden, was ihn selbst an eine frühere Lebenslage erinnerte, in der es ebenso gewesen war. „Schweig still und sieh, daß du fortkommst“, sagte er und fügte hinzu: „Mir scheint, du faselst und bist nicht ganz klar im Kopf. Das ist schlimm in gewisser Hinsicht.“
Allein, daß es schlimm war, unter dem Gesichtspunkt seines Davonkommens, war eine reine Feststellung der kontrollierenden Vernunft, gewissermaßen einer fremden, unbeteiligten, wenn auch besorgten Person. Für sein natürliches Teil war er sehr geneigt, sich der Unklarheit zu überlassen, die mit zunehmender Müdigkeit Besitz von ihm ergreifen wollte, nahm jedoch von dieser Geneigtheit Notiz und hielt sich gedanklich darüber auf. „Das ist die modifizierte Erlebnisart von einem, der im Gebirge in einen Schneesturm gerät und nicht mehr heimfindet“, dachte er arbeitend und redete abgerissene Brocken davon atemlos vor sich hin, indem er deutlichere Ausdrücke aus Diskretion vermied. „Wer nachher davon hört, stellt es sich gräßlich vor, vergißt aber, daß die Krankheit – und meine Lage ist ja gewissermaßen eine Krankheit – sich ihren Mann schon so zurichtet, daß sie miteinander auskommen können. Da gibt es sensorische Herabminderungen, Gnadennarkosen, Erleichterungsmaßnahmen der Natur, jawohl ... Man muß jedoch dagegen kämpfen, denn sie haben ein doppeltes Gesicht, sind zweideutig im höchsten Grad; bei ihrer Würdigung kommt alles auf den Gesichtspunkt an. Sie sind gut gemeint und eine Wohltat, sofern man eben nicht heimkommen soll, sind aber sehr schlimm gemeint und äußerst bekämpfenswert, sofern von Heimkommen überhaupt noch die Rede ist, wie bei mir, der ich nicht daran denke, in diesem meinem stürmisch schlagenden Herzen nicht daran denke, mich hier von blödsinnig regelmäßiger Kristallometrie zudecken zu lassen ...“
Wirklich war er schon stark mitgenommen und bekämpfte die beginnende Unklarheit seines Sensoriums auf unklare und fieberhafte Art. Er erschrak nicht so, wie er gesunderweise hätte erschrecken sollen, als er gewahrte, daß er schon wieder von der ebenen Bahn abgekommen war: diesmal offenbar nach der anderen Seite, dorthin, wo die Halde sich senkte. Denn er fuhr ab, bei schrägem Gegenwinde, und obgleich er das vorderhand nicht hätte tun dürfen, war es für den Augenblick das Bequemste. „Schon recht“, dachte er. „Weiter unten werde ich wieder Richtung nehmen.“ Und das tat er oder glaubte es zu tun, oder glaubte es auch selber nicht recht, oder, noch bedenklicher, es fing an, ihm gleichgültig zu werden, ob er es tat oder nicht. So wirkten die zweideutigen Ausfälle, die er nur matt bekämpfte. Jene Mischung aus Müdigkeit und Aufregung, die den vertrauten Dauerzustand eines Gastes bildete, dessen Akklimatisation in der Gewöhnung daran bestand, daß er sich nicht gewöhnte, hatte sich in ihren beiden Bestandteilen so weit verstärkt, daß von einem besonnenen Verhalten gegen die Ausfälle nicht mehr die Rede sein konnte. Benommen und taumelig, zitterte er vor Trunkenheit und Exzitation, sehr ähnlich wie nach einem Kolloquium mit Naphta und Settembrini, nur ungleich stärker; und so mochte es kommen, daß er seine Trägheit im Bekämpfen der narkotischen Ausfälle mit betrunkenen Reminiszenzen an solche Erörterungen beschönigte, – trotz seiner verächterischen Empörung gegen das Zugedecktwerden durch hexagonale Regelmäßigkeit etwas in sich hineinfaselte, des Sinnes oder Unsinnes: das Pflichtgefühl, das ihn anhalten wolle, die verdächtigen Herabminderungen zu bekämpfen, sei nichts als bloße Ethik, das heiße schäbige Lebensbürgerlichkeit und irreligiöse Philisterei. Wunsch und Versuchung, sich niederzulegen und zu ruhen, beschlichen in der Gestalt seinen Sinn, daß er sich sagte, es sei wie bei einem Sandsturm in der Wüste, der die Araber veranlasse, sich aufs Gesicht zu werfen und den Burnus über den Kopf zu ziehen. Nur eben den Umstand, daß er keinen Burnus habe und daß man eine wollene Weste nicht recht über den Kopf ziehen könne, empfand er als Einwand gegen ein solches Verhalten, obgleich er kein Kind war und aus mancherlei Überlieferung ziemlich genau Bescheid wußte, wie man erfriert.
Nach mäßig rascher Abfahrt und einiger Ebenheit ging es nun wieder aufwärts, und zwar recht steil. Das brauchte nicht falsch zu sein, denn zwischendurch mußte es bei dem Wege ins Tal auch wieder einmal aufwärts gehen, und was den Wind betraf, so hatte er sich wohl launisch gedreht, denn Hans Castorp hatte ihn neuerdings im Rücken und fand das dankenswert, an und für sich. Beugte ihn übrigens der Sturm oder übte die vom dämmerigen Gestöber verschleierte weiche weiße Schrägfläche vor ihm eine Anziehung auf seinen Körper aus, so daß er sich ihr zuneigte? Nur um ein Hinlehnen würde es sich handeln, wenn man sich ihr überließ, und die Versuchung dazu war groß, – ganz so groß, wie es im Buche stand und als typisch-gefährlich gekennzeichnet war, was jedoch der lebendig-gegenwärtigen Macht der Versuchung durchaus keinen Abbruch tat. Sie behauptete individuelle Rechte, wollte sich ins allgemein Bekannte nicht einordnen lassen, sich nicht darin wiedererkennen, erklärte sich als einmalig und unvergleichbar in ihrer Dringlichkeit, – ohne freilich leugnen zu können, daß sie eine Zuflüsterung von bestimmter Seite war, die Eingebung eines Wesens in spanischem Schwarz mit schneeweißer, gefälteter Tellerkrause, an dessen Idee und prinzipielle Vorstellung sich allerlei Düsteres, scharf Jesuitisches und Menschenfeindliches knüpfte, allerlei Folter- und Prügelknechtschaft, Herrn Settembrini ein Greuel, als welcher sich aber dem gegenüber auch nur lächerlich machte, mit seiner Drehorgel und seiner ragione ...
Doch hielt Hans Castorp sich redlich und widerstand der Lockung, sich hinzulehnen. Er sah nichts, aber er kämpfte und kam von der Stelle, – zweckmäßig oder nicht, aber er tat das Seine und regte sich, den lastenden Banden zum Trotz, in die der Froststurm immer schwerer seine Glieder schlug. Da ihm der Aufstieg zu steil wurde, lenkte er seitlich, ohne sich viel Rechenschaft davon zu geben, und fuhr eine Weile so an der Schräge hin. Die verkrampften Lider zu trennen und auszuspähen, war eine Anstrengung, deren erprobte Nutzlosigkeit wenig dazu ermutigte, sie auf sich zu nehmen. Dennoch sah er zuweilen etwas: Fichten, die zusammentraten, einen Bach oder Graben, dessen Schwärze sich zwischen überhängenden Schneerändern vom Gelände abzeichnete; und als es zur Abwechslung wieder einmal bergab mit ihm ging, übrigens gegen den Sturm, gewahrte er vor sich in einiger Ferne, frei schwebend gleichsam im fegenden Schleiergewirr, den Schatten einer menschlichen Baulichkeit.
Willkommener, tröstlicher Anblick! Rüstig hat er es geschafft, trotz aller Widrigkeiten, daß nun sogar schon menschliche Baulichkeiten erschienen, zum Zeichen, das bewohnte Tal sei nahe. Vielleicht waren Menschen dort; vielleicht konnte man bei ihnen eintreten, um unter Dach und Fach das Ende des Wetters abzuwarten und nötigenfalls Begleitung und Führung zu haben, wenn unterdessen die natürliche Dunkelheit sollte eingefallen sein. Er hielt auf das chimärische, oft ganz im Wetterdunkel verschwindende Etwas zu, hatte noch einen kräfteverzehrenden Aufstieg gegen den Wind zu überwinden, um es zu erreichen, und überzeugte sich, angekommen, mit Empörung, Staunen, Schrecken und Schwindelgefühl, daß es die bekannte Hütte, der Heuschober mit steinbeschwertem Dache war, den er auf allerlei Umwegen und mit redlichster Anspannung zurückerobert hatte.
Das war des Teufels. Schwere Verwünschungen lösten sich, unter Auslassung der Labiallaute, von Hans Castorps erstarrten Lippen. Er stocherte sich zu seiner Orientierung um die Hütte herum und stellte fest, daß er sie von hinten wieder erreicht und also eine gute Stunde lang – seiner Schätzung nach – den reinsten und nichtsnutzigsten Unsinn getrieben hatte. Aber so ging es, so stand es im Buche. Man lief im Kreise herum, plagte sich ab, die Vorstellung der Förderlichkeit im Herzen, und beschrieb dabei irgendeinen weiten, albernen Bogen, der in sich selber zurückführte wie der vexatorische Jahreslauf. So irrte man herum, so fand man nicht heim. Hans Castorp erkannte das überlieferte Phänomen mit einer gewissen Befriedigung, wenn auch mit Schrecken, und schlug sich auf den Schenkel vor Grimm und Staunen, weil sich das Allgemeine in seinem eigentümlichen, individuellen und gegenwärtigen Fall so pünktlich ereignet hatte.
Der einsame Schuppen war unzugänglich, die Tür verschlossen, man konnte nirgends hinein. Aber Hans Castorp beschloß dennoch, vorderhand hier zu bleiben, denn das vorstehende Dach gewährte die Illusion einer gewissen Wirtlichkeit, und die Hütte selbst, an ihrer dem Gebirge zugekehrten Seite, die Hans Castorp aufsuchte, bot wirklich einigen Schutz gegen den Sturm, wenn man sich mit der Schulter gegen die aus Baumstämmen gezimmerte Wand lehnte, da es mit dem Rücken, der langen Schneeschuhe wegen, nicht füglich gehen wollte. Schräg angelehnt stand er, nachdem er den Skistock neben sich in den Schnee gestoßen, die Hände in den Taschen, den Kragen seiner Wolljacke hochgestellt, das äußere Bein als Gegenstütze benutzend, und ließ den taumeligen Schädel mit geschlossenen Augen an der Bohlenwand ruhen, indem er nur dann und wann, der Schulter entlang, über die Schlucht hin zur jenseitigen Bergwand hinüberblinzelte, die manchmal matt im Geschleier sichtbar wurde.
Seine Lage war vergleichsweise behaglich. „So kann ich notfalls die ganze Nacht stehen,“ dachte er, „wenn ich von Zeit zu Zeit das Bein wechsle, mich sozusagen auf die andere Seite lege und mir zwischendurch natürlich etwas Bewegung mache, was unerläßlich ist. Wenn auch außen verklammt, habe ich doch innerlich Wärme gesammelt bei der Bewegung, die ich gemacht, und so war die Exkursion doch nicht ganz nutzlos, wenn ich auch umgekommen bin und von der Hütte zur Hütte geschweift ... ‚Umkommen‘, was ist denn das für ein Ausdruck? Man braucht ihn gar nicht, er ist nicht üblich für das, was mir zugestoßen, ganz willkürlich setze ich ihn dafür ein, weil ich nicht so ganz klar im Kopfe bin; und doch ist es in seiner Art ein richtiges Wort, wie mir scheint ... Nur gut, daß ich es aushalten kann, denn das Treiben, das Schneetreiben, das Unfug-treiben, kann gut und gern bis morgen früh währen, und wenn es auch nur bis zum Dunkelwerden währt, so ist das schlimm genug, denn bei Nacht ist die Gefahr des Umkommens, des im Kreise Herumkommens ebenso groß wie beim Schneesturm ... Es müßte sogar schon Abend sein, ungefähr sechs, – so viel Zeit, wie ich beim Umkommen vertrödelt habe. Wie spät ist es denn?“ Und er sah nach der Uhr, obgleich es den starren Fingern nicht leicht fiel, sie ohne Gefühl aus den Kleidern zu graben, – nach seiner goldenen Springdeckeluhr mit Monogramm, die lebhaft und pflichttreu hier in der wüsten Einsamkeit tickte, ähnlich seinem Herzen, dem rührenden Menschenherzen in der organischen Wärme seiner Brustkammer ...
Es war halb fünf. Was Teufel, so viel war es ja beinahe schon gewesen, als das Wetter losgegangen war. Sollte er glauben, daß sein Herumirren kaum eine Viertelstunde gedauert hatte? „Die Zeit ist mir lang geworden“, dachte er. „Das Umkommen ist langweilig, wie es scheint. Aber um fünf oder halb sechs wird es regelrecht dunkel, das bleibt bestehen. Wird es vorher aufhören, rechtzeitig genug, daß ich vor weiterem Umkommen bewahrt bleibe? Darauf könnte ich einen Schluck Portwein nehmen, zu meiner Stärkung.“
Dies dilettantische Getränk hatte er zu sich gesteckt, einzig und allein, weil es auf „Berghof“ in flachen Fläschchen bereit gehalten und Ausflüglern verkauft wurde, wobei selbstverständlich nicht an solche gedacht war, die sich unerlaubterweise bei Schnee und Frost im Gebirge verirrten und unter solchen Umständen die Nacht erwarteten. Bei minder herabgesetzten Sinnen hätte er sich sagen müssen, daß es, unter dem Gesichtspunkt des Heimkommens, beinahe das Falscheste war, was er hätte zu sich nehmen können; und das sagte er sich auch, nachdem er einige Schlucke genommen, die sofort eine Wirkung zeitigten, ganz ähnlich derjenigen des Kulmbacher Bieres am Abend seines ersten Tages hier oben, als er durch liederlich unbeherrschte Reden von Fischsaucen und dergleichen mehr bei Settembrini angestoßen hatte, – bei Herrn Lodovico, dem Pädagogen, der sogar die Tollen, die sich gehen ließen, mit seinem Blick zur Vernunft anhielt, und dessen wohllautendes Hörnchen Hans Castorp eben durch die Lüfte vernahm, zum Zeichen, der rednerische Erzieher nähere sich in großen Märschen, um den Schmerzenszögling, das Sorgenkind des Lebens aus seiner tollen Lage zu befreien und heimzuführen ... Was selbstverständlich lauter Unsinn war und nur von dem Kulmbacher herrührte, das er aus Versehen getrunken. Denn erstens hatte Herr Settembrini gar kein Hörnchen, sondern nur seine Drehorgel, die auf einem Stelzbein auf dem Pflaster stand, und zu deren geläufigem Spiel er humanistische Augen an den Häusern emporsandte; und zweitens wußte und merkte er gar nichts von dem, was vorging, da er sich nicht mehr im Sanatorium „Berghof“, sondern bei Damenschneider Lukaček in seinem Speicherstübchen mit der Wasserflasche, oberhalb von Naphtas seidener Zelle, befand, – hatte auch gar kein Recht und keine Möglichkeit zum Einschreiten, so wenig wie dermaleinst in der Faschingsnacht, als Hans Castorp sich in ebenso toller und schlimmer Lage befunden, indem er der kranken Clawdia Chauchat son crayon, seinen Bleistift, Pribislav Hippes Bleistift zurückgegeben hatte ... Wie war das übrigens mit der „Lage“? Um sich in einer Lage zu befinden, mußte er liegen und nicht stehen, damit das Wort seinen gerechten und ordentlichen Sinn, statt eines bloß metaphorischen, gewänne. Horizontal, das war die Lage, die einem langjährigen Mitgliede Derer hier oben zukam. War er denn nicht daran gewöhnt, bei Schnee und Frost im Freien zu liegen, nachts sowohl wie am Tage? Und er machte Anstalt, sich niedersinken zu lassen, als ihn die Einsicht durchfuhr, ihn sozusagen beim Kragen nahm und aufrecht hielt, daß auch dieses sein Gedankengeschwätz von der „Lage“ nur auf Rechnung des Kulmbacher Bieres zu setzen war, nur seiner unpersönlichen, als typisch gefährlich im Buche stehenden Lust zum Liegen und Schlafen entsprang, die ihn mit Sophismen und Wortspielen betören wollte.
„Da ist ein Mißgriff begangen worden“, erkannte er. „Der Portwein war nicht das Rechte, die wenigen Schlucke haben mir den Kopf ganz übertrieben schwer gemacht, er fällt mir ja auf die Brust, und meine Gedanken sind unklares Zeug und fade Witzeleien, denen ich nicht trauen darf, – nicht nur die ursprünglichen, die mir zuerst einfallen, sondern auch die zweiten, die ich mir kritischerweise über die ersten mache, das ist das Unglück. ‚Son crayon‘! Das heißt ‚ihr‘ crayon, und nicht seines, in diesem Fall, und man sagt nur ‚son‘, weil ‚crayon‘ ein Maskulinum ist, alles übrige ist Witzelei. Daß ich mich überhaupt dabei aufhalte! Während zum Beispiel die Tatsache viel vordringlicher ist, daß mein linkes Bein, gegen das ich mich stütze, auffallend an das hölzerne Stelzbein von Settembrinis Drehorgel erinnert, das er immer mit dem Knie vor sich herstößt, über das Pflaster hin, wenn er näher unter das Fenster tritt und den Sammethut hinhält, damit das Mägdlein droben ihm etwas hineinwirft. Und dabei zieht es mich unpersönlicherweise förmlich mit Händen, daß ich mich in den Schnee lege. Dagegen hilft nur Bewegung. Ich muß mir Bewegung machen, zur Strafe für das Kulmbacher und um das Holzbein zu schmeidigen.“
Er stieß sich mit der Schulter ab. Aber sowie er sich von dem Schuppen löste, einen Schritt nur vorwärts tat, hieb der Wind wie mit Sensen auf ihn ein und trieb ihn an die schützende Wand zurück. Zweifellos war sie der ihm gewiesene Aufenthalt, mit dem er sich vorläufig abzufinden hatte, wobei es ihm freistand, sich zur Abwechselung mit der linken Schulter anzulehnen und sich auf das rechte Bein zu stützen, unter einigem Schlenkern des linken, zu dessen Belebung. Bei einem derartigen Wetter verläßt man das Haus nicht, dachte er. Mäßige Abwechslung ist zulässig, aber keine Neuerungssucht und kein Anbinden mit der Windsbraut. Halte dich still und laß immerhin deinen Kopf hängen, da er nun einmal so schwer ist. Die Wand ist gut, Holzbalken, es scheint eine gewisse Wärme davon auszugehen, soweit hier von Wärme die Rede sein kann, diskrete Eigenwärme des Holzes, möglicherweise mehr Stimmungssache, subjektiv ... Ah, die vielen Bäume! Ah, das lebendige Klima der Lebendigen! Wie es duftet! ...
Es war ein Park, der unter ihm lag, unter dem Balkon, auf dem er wohl stand – ein weiter, üppig grünender Park von Laubbäumen, von Ulmen, Platanen, Buchen, Ahorn, Birken, leicht abgestuft in der Färbung ihres vollen, frischen, schimmernden Blätterschmucks und sacht mit den Wipfeln rauschend. Es wehte eine köstliche, feuchte, vom Atem der Bäume balsamierte Luft. Ein warmer Regenschauer zog vorüber, aber der Regen war durchleuchtet. Man sah bis hoch zum Himmel hinauf die Luft mit blankem Wassergeriesel erfüllt. Wie schön! Oh, Heimatodem, Duft und Fülle des Tieflandes, lang entbehrt! Die Luft war voller Vogellaut, voll zierlich-innigem und süßem Flöten, Zwitschern, Girren, Schlagen und Schluchzen, ohne daß eines der Tierchen sichtbar gewesen wäre. Hans Castorp lächelte, dankbar atmend. Inzwischen aber ließ alles sich noch schöner an. Ein Regenbogen spannte sich seitwärts über die Landschaft, voll ausgebildet und stark, die reinste Herrlichkeit, feucht schimmernd mit allen seinen Farben, die satt wie Öl ins dichte, blanke Grün herniederflossen. Das war ja wie Musik, wie lauter Harfenklang, mit Flöten untermischt und Geigen. Das Blau und Violett besonders strömten wunderbar. Alles ging zauberisch verschwimmend darin unter, verwandelte, entfaltete sich neu und immer schöner. Es war, wie einmal, manches Jahr war das schon her, als Hans Castorp einen weltberühmten Sänger hatte hören dürfen, einen italienischen Tenor, aus dessen Kehle gnadenvolle Kunst und Kräfte sich über die Herzen der Menschen ergossen hatten. Er hatte einen hohen Ton gehalten, der schön gewesen war gleich am Anfang. Allein allmählig, von Augenblick zu Augenblick hatte der leidenschaftliche Wohllaut sich geöffnet, sich schwellend aufgetan, sich immer strahlender erhellt. Schleier auf Schleier, den vorher niemand wahrgenommen, war gleichsam davon abgesunken – ein letzter noch, der nun denn doch, so glaubte man, das äußerste und reinste Licht enthüllt hatte, und dann ein aller- und dann ein unwahrscheinlich aberletzter, befreiend einen solchen Überschwang von Glanz und tränenschimmernder Herrlichkeit, daß dumpfe Laute des Entzückens, die fast wie Ein- und Widerspruch geklungen, sich aus der Menge gelöst hatten und ihn selbst, den jungen Hans Castorp, ein Schluchzen angekommen war. So jetzt mit seiner Landschaft, die sich wandelte, sich öffnete in wachsender Verklärung. Bläue schwamm ... Die blanken Regenschleier sanken: da lag das Meer – ein Meer, das Südmeer war das, tief-tiefblau, von Silberlichtern blitzend, eine wunderschöne Bucht, dunstig offen an einer Seite, zur Hälfte von immer matter blauenden Bergzügen weit umfaßt, mit Inseln zwischenein, von denen Palmen ragten oder auf denen man kleine, weiße Häuser aus Zypressenhainen leuchten sah. Oh, oh, genug, ganz unverdient, was war denn das für eine Seligkeit von Licht, von tiefer Himmelsreinheit, von sonniger Wasserfrische! Hans Castorp hatte das nie gesehen, nichts dergleichen. Er hatte auf Ferienreisen vom Süden kaum genippt, kannte die rauhe, die blasse See und hing daran mit kindlichen, schwerfälligen Gefühlen, hatte aber das Mittelmeer, Neapel, Sizilien etwa oder Griechenland, niemals erreicht. Dennoch erinnerte er sich. Ja, das war eigentümlicherweise ein Wiedererkennen, das er feierte. „Ach, ja, so ist es!“ rief es in ihm – als hätte er das blaue Sonnenglück, das sich da vor ihm breitete, insgeheim und vor sich selbst verschwiegen, von je im Herzen getragen: Und dieses „Je“ war weit, unendlich weit, so wie das offene Meer zur Linken, dort, wo der Himmel zart veilchenfarben darauf niederging.
Der Horizont lag hoch, die Weite schien zu steigen, was daher kam, daß Hans den Golf von oben sah, aus einiger Höhe: Die Berge griffen um, als Vorgebirge, buschwaldig, in die See tretend, zogen sie sich von der Mitte der Aussicht im Halbkreis bis dorthin, wo er saß, und weiter; es war Bergküste, wo er auf sonnerwärmten steinernen Stufen kauerte; vor ihm fiel das Gestade, moosig-steinig, in Treppenblöcken, mit Gestrüpp, zu einem ebenen Ufer ab, wo zwischen Schilf das Steingeröll blauende Buchten, kleine Häfen, Vorseen bildete. Und dieses sonnige Gebiet, und diese zugänglichen Küstenhöhen, und diese lachenden Felsenbecken, wie auch das Meer hinaus bis zu den Inseln, wo Boote hin und wider fuhren, war weit und breit bevölkert: Menschen, Sonnen- und Meereskinder, regten sich und ruhten überall, verständig-heitere, schöne junge Menschheit, so angenehm zu schauen – Hans Castorps ganzes Herz öffnete sich weit, ja schmerzlich weit und liebend ihrem Anblick.
Jünglinge tummelten Pferde, liefen, die Hand am Halfter, neben ihrem wiehernden, kopfwerfenden Trabe her, zerrten die Bockenden an langem Zügel oder trieben sie, sattellos reitend, mit bloßen Fersen die Flanken der Gäule schlagend, ins Meer hinein, wobei die Muskeln ihrer Rücken unter der goldbraunen Haut in der Sonne spielten und die Rufe, die sie tauschten oder an ihre Tiere richteten, aus irgend einem Grunde bezaubernd klangen. An einer wie ein Bergsee die Ufer spiegelnden Bucht, die weit ins Land trat, war Tanz von Mädchen. Eine, von deren zum Knoten hochgenommenem Nackenhaar besonderer Liebreiz ausging, saß, die Füße in einer Bodenvertiefung und blies auf einer Hirtenflöte, die Augen über ihr Fingerspiel hinweg gerichtet auf die Gefährtinnen, die, lang- und weitgewandet, einzeln, die Arme lächelnd ausgebreitet, und zu Paaren, die Schläfen lieblich aneinander gelehnt, im Tanze schritten, während im Rücken der Flötenden, der weiß und lang und zart und seitlich gerundet war, infolge der Stellung der Arme, andere Schwestern saßen oder umschlungen standen, zuschauend in ruhigem Gespräch. Weiterhin übte sich Jungmannschaft im Bogenschießen. Es war glücklich und freundschaftlich zu sehen, wie Ältere noch Ungeschickte, Lockige im Spannen der Sehne, im Anlegen unterwiesen, mit ihnen zielten und die vom Rückschlag Taumelnden lachend stützten, wenn der Pfeil schwirrend hinausging. Andere angelten. Sie lagen bäuchlings auf Uferfelsenplatten, mit einem Beine wippend, und hielten die Schnur ins Meer, den Kopf gemächlich plaudernd dem Nachbarn zugewandt, der, in schrägem Sitz den Körper reckend, seinen Köder recht weit hinauswarf. Wieder andere waren beschäftigt, ein hochbordiges Boot mit Mast und Segelstange unter Zerren, Schieben und Stemmen ins Meer zu fördern. Kinder spielten und jauchzten zwischen den Wellenbrechern. Ein junges Weib, lang hingestreckt, hintüber blickend, zog mit der einen Hand das blumige Gewand zwischen den Brüsten hoch, indem sie mit der andren verlangend in die Luft nach einer Frucht mit Blättern griff, die der Schmalhüftige, zu ihren Häupten aufrecht, ihr mit gestrecktem Arme spielend vorenthielt. Man lehnte in Felsennischen, man zögerte am Rande des Bades, indem man kreuzweise mit den Händen die eigenen Schultern hielt und mit der Zehenspitze die Kühle des Wassers prüfte. Paare ergingen sich das Ufer entlang, und am Ohr des Mädchens war dessen Mund, der sie vertraulich führte. Langzottige Ziegen sprangen von Platte zu Platte, überwacht von einem jungen Hirten, der, eine Hand in der Hüfte, mit der andern auf seinen langen Stab gestützt, einen kleinen Hut mit hinten aufgeschlagener Krempe auf braunen Locken, am erhöhten Orte stand.
„Das ist ja reizend!“ dachte Hans Castorp von ganzem Herzen. „Das ist ja überaus erfreulich und gewinnend! Wie hübsch, gesund und klug und glücklich sie sind! Ja, nicht nur wohlgestalt – auch klug und liebenswürdig von innen heraus. Das ist es, was mich so rührt und ganz verliebt macht: der Geist und Sinn, so möcht’ ich sagen, der ihrem Wesen zugrunde liegt, in dem sie miteinander sind und leben!“ Er meinte damit die große Freundlichkeit und gleichmäßig verteilte höfliche Rücksicht, mit der die Sonnenleute verkehrten: eine leichte und unter Lächeln verborgene Ehrerbietung, die sie einander, unmerklich fast und doch kraft einer deutlich durch alle waltenden Sinnesbindung und eingefleischten Idee, auf Schritt und Tritt erwiesen; eine Würde und Strenge sogar, doch ganz ins Heitere gelöst und einzig als ein unaussprechlicher geistiger Einfluß undüsteren Ernstes, verständiger Frömmigkeit ihr Tun und Lassen bestimmend – wenn auch nicht ohne alles Zeremoniell. Denn dort auf einem runden, bemoosten Steine saß in braunem Kleide, das von der einen Schulter gelöst war, eine junge Mutter und stillte ihr Kind. Und jeder, der vorbei kam, grüßte sie auf eine besondre Art, in welcher sich alles versammelte, was in dem allgemeinen Verhalten der Menschen sich so ausdrucksvoll verschwieg: die Jünglinge, indem sie, sich gegen die Mütterliche wendend, leicht, rasch und formell die Arme über der Brust kreuzten und lächelnd den Kopf neigten, die Mädchen durch das nicht allzu genaue Andeuten einer Kniebeugung, ähnlich dem Kirchenbesucher, der im Vorübergehn vorm Hochaltar sich leichthin erniedrigt. Doch nickten sie mehrmals lebhaft, lustig und herzlich ihr mit dem Kopfe dabei zu, – und diese Mischung von förmlicher Devotion und heiterer Freundschaft, dazu die langsame Milde, mit der die Mutter von ihrem Würmchen, dem sie das Trinken mit in die Brust gedrücktem Zeigefinger bequem machte, aufblickte und den Reverenz Erweisenden mit einem Lächeln dankte, durchdrang Hans Castorp gänzlich mit Entzücken. Er wurde des Schauens nicht satt und fragte sich dennoch beklommen, ob ihm das Schauen denn auch erlaubt sei, ob das Belauschen dieses sonnig-gesitteten Glückes ihn, den Unzugehörigen, der sich unedel und häßlich und plump gestiefelt vorkam, nicht höchlichst strafbar mache.
Es schien unbedenklich. Ein schöner Knabe, dessen volles, seitlich über den Kopf gelegtes Haar vorn über der Stirn vorstand und in die Schläfe fiel, hielt sich, gerade unter seinem Sitz, mit auf der Brust verschränkten Armen von den Genossen abseits – nicht traurig oder trotzig, sondern eben nur gelassen abseits. Und dieser sah ihn, wandte den Blick zu ihm hinauf, und seine Augen gingen zwischen dem Späher und den Bildern des Strandes, sein Lauschen belauschend, hin und her. Plötzlich aber blickte er über ihn hinaus, sah hinter ihn ins Weite, und augenblicklich verschwand aus seinem schönen, streng geschnittenen, halbkindlichen Gesicht das allen gemeinsame Lächeln höflich geschwisterlicher Rücksicht – ja, ohne daß seine Brauen sich verfinstert hätten, erstand in seiner Miene ein Ernst, ganz wie aus Stein, ausdruckslos, unergründlich, eine Todesverschlossenheit, vor der den kaum beruhigten Hans Castorp der blasse Schrecken ankam, nicht ohne eine Beitat von unbestimmter Ahnung ihres Sinnes.
Auch er sah rückwärts ... Mächtige Säulen, ohne Sockel, aus zylindrischen Blöcken getürmt, in deren Fugen Moos sproßte, ragten hinter ihm – die Säulen eines Tempeltors, auf dessen in der Mitte offenem Stufenunterbau er saß. Schweren Herzens stand er auf, stieg seitlich die Stufen hinab und ging in den tiefen Torweg hinein, hindurch, auf einer mit Fliesen belegten Straße fort, die ihn alsbald vor neue Propyläen führte. Er durchschritt auch sie, und nun lag vor ihm der Tempel, massig, graugrünlich verwittert anzusehen, mit steilem Treppensockel und breiter Stirn, die auf den Kapitälen solcher gewaltiger und fast gedrungener, nach oben sich verjüngender Säulen lag, aus deren Gefüge manchmal ein gekehlter Rundblock, verschoben, seitlich austrat. Mit Mühe, auch unter Gebrauch der Hände und seufzend, denn immer beengter wurde es ihm ums Herz, erkletterte Hans Castorp die hohen Stufen und gewann den Hallenwald der Säulen. Der war sehr tief, er ging darin umher wie zwischen den Stämmen des Buchenwaldes am blassen Meer, indem er absichtlich die Mitte vermied und auszuweichen suchte. Doch schweifte er wieder zu ihr zurück und fand sich, wo die Säulenreihen auseinander traten, vor einer Statuengruppe, zwei steinernen Frauenfiguren auf einem Sockel, Mutter und Tochter, wie es schien: die eine, sitzend, älter, würdiger, recht milde und göttlich, doch mit klagenden Brauen über den sternlos leeren Augen, in faltenreicher Tunika und Oberkleid, den gewellten Matronenscheitel mit einem Schleier bedeckt; die andere, stehend, von jener mütterlich umschlungen, mit rundem Jungfrauengesicht, Arme und Hände in die Falten ihres Übergewandes geschlungen und darin verborgen.
In der Betrachtung des Standbildes wurde Hans Castorps Herz aus dunklen Gründen noch schwerer, angst- und ahnungsvoller. Er getraute sich kaum und war doch genötigt, die Gestalten zu umgehen und hinter ihnen die nächste doppelte Säulenreihe zurückzulegen: Da stand ihm die metallene Tür der Tempelkammer offen, und die Knie wollten dem Armen brechen vor dem, was er mit Starren erblickte. Zwei graue Weiber, halbnackt, zottelhaarig, mit hängenden Hexenbrüsten und fingerlangen Zitzen, hantierten dort drinnen zwischen flackernden Feuerpfannen aufs gräßlichste. Über einem Becken zerrissen sie ein kleines Kind, zerrissen es in wilder Stille mit den Händen – Hans Castorp sah zartes blondes Haar mit Blut verschmiert – und verschlangen die Stücke, daß die spröden Knöchlein ihnen im Maule knackten und das Blut von ihren wüsten Lippen troff. Grausende Eiseskälte hielt Hans Castorp in Bann. Er wollte die Hände vor die Augen schlagen und konnte nicht. Er wollte fliehen und konnte nicht. Da hatten sie ihn schon gesehen bei ihrem greulichen Geschäft, sie schüttelten die blutigen Fäuste nach ihm und schimpften stimmlos, aber mit letzter Gemeinheit, unflätig, und zwar im Volksdialekt von Hans Castorps Heimat. Es wurde ihm so übel, so übel wie noch nie. Verzweifelt wollte er sich von der Stelle reißen – und so, wie er dabei an der Säule in seinem Rücken seitlich hingestürzt, so fand er sich, das scheußliche Flüsterkeifen noch im Ohr, von kaltem Grausen noch ganz umklammert an seinem Schuppen im Schnee, auf einem Arme liegend, mit angelehntem Kopf, die Beine mit den Ski-Hölzern von sich gestreckt.
Es war jedoch kein rechtes und eigentliches Erwachen; er blinzelte nur, erleichtert, die Greuelweiber los zu sein, doch war es ihm sonst wenig deutlich, noch auch sehr wichtig, ob er an einer Tempelsäule liege oder an einem Schober, und er träumte gewissermaßen fort, – nicht mehr in Bildern, sondern gedankenweise, aber darum nicht weniger gewagt und kraus.
„Dacht ich’s doch, daß das geträumt war“, faselte er in sich hinein. „Ganz reizend und fürchterlich geträumt. Ich wußte es im Grunde die ganze Zeit, und alles hab ich mir selbst gemacht, – den Laubpark und die liebe Feuchtigkeit und dann das Weitere, Schönes wie Scheußliches, ich wußte es beinahe im voraus. Wie kann man aber so was wissen und sich machen, sich so beglücken und ängstigen? Woher hab ich den schönen Inselgolf und dann den Tempelbezirk, wohin die Augen des einen Angenehmen, der für sich stand, mich wiesen? Man träumt nicht nur aus eigener Seele, möcht ich sagen, man träumt anonym und gemeinsam, wenn auch auf eigene Art. Die große Seele, von der du nur ein Teilchen, träumt wohl mal durch dich, auf deine Art, von Dingen, die sie heimlich immer träumt, – von ihrer Jugend, ihrer Hoffnung, ihrem Glück und Frieden ... und ihrem Blutmahl. Da liege ich an meiner Säule und habe im Leibe noch die wirklichen Reste meines Traums, das eisige Grauen vor dem Blutmahl und auch die Herzensfreude noch von vorher, die Freude an dem Glück und an der frommen Gesittung der weißen Menschheit. Es kommt mir zu, behaupte ich, ich habe verbriefte Rechte, hier zu liegen und dergleichen zu träumen. Ich habe viel erfahren bei Denen hier oben von Durchgängerei und Vernunft. Ich bin mit Naphta und Settembrini im hochgefährlichen Gebirge umgekommen. Ich weiß alles vom Menschen. Ich habe sein Fleisch und Blut erkannt, ich habe der kranken Clawdia Pribislav Hippes Bleistift zurückgegeben. Wer aber den Körper, das Leben erkennt, erkennt den Tod. Nur ist das nicht das Ganze, – ein Anfang vielmehr lediglich, wenn man es pädagogisch nimmt. Man muß die andere Hälfte dazu halten, das Gegenteil. Denn alles Interesse für Tod und Krankheit ist nichts als eine Art von Ausdruck für das am Leben, wie ja die humanistische Fakultät der Medizin beweist, die immer so höflich auf lateinisch zum Leben und seiner Krankheit redet und nur eine Abschattung ist des einen großen und dringlichsten Anliegens, das ich mir nun mit aller Sympathie bei seinem Namen nenne: Es ist das Sorgenkind des Lebens, es ist der Mensch und ist sein Stand und Staat ... Ich verstehe mich nicht wenig auf ihn, habe viel gelernt bei Denen hier oben, bin hoch vom Flachlande hinaufgetrieben, so daß mir Armem fast der Atem ausging; doch hab ich nun vom Fuße meiner Säule einen nicht schlechten Überblick ... Mir träumte vom Stande des Menschen und seiner höflich-verständigen und ehrerbietigen Gemeinschaft, hinter der im Tempel das gräßliche Blutmahl sich abspielt. Waren sie so höflich und reizend zueinander, die Sonnenleute, im stillen Hinblick auf eben dies Gräßliche? Das wäre eine feine und recht galante Folgerung, die sie da zögen! Ich will es mit ihnen halten in meiner Seele und nicht mit Naphta – übrigens auch nicht mit Settembrini, sie sind beide Schwätzer. Der eine ist wollüstig und boshaft, und der andere bläst immer nur auf dem Vernunfthörnchen und bildet sich ein, sogar die Tollen ernüchtern zu können, das ist ja abgeschmackt. Es ist Philisterei und bloße Ethik, irreligiös, so viel ist ausgemacht. Doch will ich’s auch mit des kleinen Naphta Teil nicht halten, mit seiner Religion, die nur ein guazzabuglio von Gott und Teufel, Gut und Böse ist, eben recht, damit das Einzelwesen sich kopfüber hineinstürze, zwecks mystischen Unterganges im Allgemeinen. Die beiden Pädagogen! Ihr Streit und ihre Gegensätze sind selber nur ein guazzabuglio und ein verworrener Schlachtenlärm, wovon sich niemand betäuben läßt, der nur ein bißchen frei im Kopfe ist und fromm im Herzen. Mit ihrer aristokratischen Frage! Mit ihrer Vornehmheit! Tod oder Leben – Krankheit, Gesundheit – Geist und Natur. Sind das wohl Widersprüche? Ich frage: sind das Fragen? Nein, es sind keine Fragen, und auch die Frage nach ihrer Vornehmheit ist keine. Die Durchgängerei des Todes ist im Leben, es wäre nicht Leben ohne sie, und in der Mitte ist des homo Dei Stand – inmitten zwischen Durchgängerei und Vernunft – wie auch sein Staat ist zwischen mystischer Gemeinschaft und windigem Einzeltum. Das sehe ich von meiner Säule aus. In diesem Stande soll er fein galant und freundlich ehrerbietig mit sich selber verkehren, – denn er allein ist vornehm, und nicht die Gegensätze. Der Mensch ist Herr der Gegensätze, sie sind durch ihn, und also ist er vornehmer als sie. Vornehmer als der Tod, zu vornehm für diesen, – das ist die Freiheit seines Kopfes. Vornehmer als das Leben, zu vornehm für dieses, – das ist die Frömmigkeit in seinem Herzen. Da habe ich einen Reim gemacht, ein Traumgedicht vom Menschen. Ich will dran denken. Ich will gut sein. Ich will dem Tode keine Herrschaft einräumen über meine Gedanken! Denn darin besteht die Güte und Menschenliebe, und in nichts anderem. Der Tod ist eine große Macht. Man nimmt den Hut ab und wiegt sich vorwärts auf Zehenspitzen in seiner Nähe. Er trägt die Würdenkrause des Gewesenen, und selber kleidet man sich streng und schwarz zu seinen Ehren. Vernunft steht albern vor ihm da, denn sie ist nichts als Tugend, er aber Freiheit, Durchgängerei, Unform und Lust. Lust, sagt mein Traum, nicht Liebe. Tod und Liebe, – das ist ein schlechter Reim, ein abgeschmackter, ein falscher Reim! Die Liebe steht dem Tode entgegen, nur sie, nicht die Vernunft, ist stärker als er. Nur sie, nicht die Vernunft, gibt gütige Gedanken. Auch Form ist nur aus Liebe und Güte: Form und Gesittung verständig-freundlicher Gemeinschaft und schönen Menschenstaats – in stillem Hinblick auf das Blutmahl. Oh, so ist es deutlich geträumt und gut regiert! Ich will dran denken. Ich will dem Tode Treue halten in meinem Herzen, doch mich hell erinnern, daß Treue zum Tode und Gewesenen nur Bosheit und finstere Wollust und Menschenfeindschaft ist, bestimmt sie unser Denken und Regieren. Der Mensch soll um der Güte und Liebe willen dem Tode keine Herrschaft einräumen über seine Gedanken. Und damit wach ich auf ... Denn damit hab ich zu Ende geträumt und recht zum Ziele. Schon längst hab ich nach diesem Wort gesucht: am Orte, wo Hippe mir erschien, in meiner Loge und überall. Ins Schneegebirge hat mich das Suchen danach auch getrieben. Nun habe ich es. Mein Traum hat es mir deutlichst eingegeben, daß ich’s für immer weiß. Ja, ich bin hoch entzückt und ganz erwärmt davon. Mein Herz schlägt stark und weiß warum. Es schlägt nicht bloß aus körperlichen Gründen, nicht so, wie einer Leiche noch die Nägel wachsen; menschlicherweise schlägt es und recht von glücklichen Gemütes wegen. Das ist ein Trank, mein Traumwort, – besser als Portwein und Ale, es strömt mir durch die Adern wie Lieb’ und Leben, daß ich mich aus meinem Schlaf und Traume reiße, von denen ich natürlich sehr wohl weiß, daß sie meinem jungen Leben im höchsten Grade gefährlich sind ... Auf, auf! Die Augen auf! Es sind deine Glieder, die Beine da im Schnee! Zusammenziehn und auf! Sieh da, – gut Wetter!“
Sie hielt gewaltig schwer, die Befreiung aus den Banden, die ihn umstrickten und niederhalten wollten; allein der Antrieb, den er sich zu schaffen gewußt, war stärker. Hans Castorp warf sich auf den Ellenbogen, zog mannhaft die Knie an, riß, stützte und turnte sich empor. Er stampfte mit den Brettern den Schnee, schlug sich die Arme um die Rippen und schüttelte die Schultern, indem er erregte und angestrengte Blicke dahin und dorthin und hinauf zum Himmel sandte, wo blasses Blau sich zwischen schleierdünnen, graublauen Wolken zeigte, die sachte zogen und die schmale Sichel des Mondes enthüllten. Leichte Dämmerung. Kein Sturm, kein Schneefall. Die Bergwand drüben mit dem tannenrauhen Rücken war voll und klar zu sehen, lag in Frieden. Schatten reichte bis halb hinauf; die obere Hälfte war aufs zarteste rosa belichtet. Was gab es denn, und wie verhielt es sich mit der Welt? War Morgen? Und hatte er die Nacht hindurch im Schnee gelegen, ohne zu erfrieren, wie es im Buche stand? Kein Glied war abgestorben, keines zerbrach ihm klirrend, während er stampfte, sich schüttelte und schlug, worin er nicht säumig war, indem er zu gleicher Zeit die Sachlage gedanklich zu ergründen suchte. Ohren, Fingerspitzen und Zehen waren wohl taub, allein nicht mehr, als schon so oft beim nächtlich-winterlichen Liegen in der Loge. Es gelang, die Uhr hervorzugraben. Sie ging. Sie war nicht stehen geblieben, wie sie zu tun pflegte, wenn er sie abends aufzuziehen vergaß. Sie zeigte noch nicht Fünf – bei weitem nicht. Es fehlten zwölf, dreizehn Minuten daran. Erstaunlich! Konnte es denn sein, daß er nur zehn Minuten oder etwas länger hier im Schnee gelegen und so vieles an Glücks- und Schreckensbildern und waghalsigen Gedanken sich vorgefabelt hatte, indessen das hexagonale Unwesen sich so schnell verzog, wie es gekommen? Dann hatte er anerkennenswertes Glück gehabt, unter dem Gesichtspunkt des Heimkommens. Denn zweimal hatte sein Träumen und Fabeln eine Wendung genommen, daß er belebt emporgefahren war: einmal vor Grauen und das zweitemal vor Freude. Es schien, das Leben hatte es gut gemeint mit seinem hochverirrten Sorgenkinde ...
Mochte dem nun aber wie immer sein und mochte er Morgen um sich haben oder Nachmittag (ganz ohne Zweifel war es noch immer frühabendlicher Nachmittag): auf jeden Fall lag nichts in den Umständen oder in seinem persönlichen Zustande, was ihn gehindert hätte, nach Hause zu laufen, und das tat denn Hans Castorp, – großzügig, sozusagen in der Luftlinie, fuhr er zu Tal, wo, als er eintraf, schon Lichter brannten, obgleich die Reste von schneebewahrtem Tageslicht ihm unterwegs vollauf genügt hatten. Den Brehmenbühl, am Rande des Mattenwaldes, kam er herunter und war halb sechs in „Dorf“, wo er sein Sportgerät beim Krämer unterstellte, in Herrn Settembrinis Speicherklause Rast machte und ihm Bericht gab, wie er sich nun auch einmal vom Schneesturm habe betreffen lassen. Der Humanist war höchlich erschrocken. Er warf die Hand über den Kopf, schalt weidlich über solchen gefährlichen Leichtsinn und entflammte stehenden Fußes die puffende Spiritusmaschine, dem recht Erschöpften Kaffee zu machen, dessen Stärke nicht hinderte, daß Hans Castorp noch bei ihm im Stuhle in Schlaf fiel.
Die hochzivilisierte Atmosphäre des „Berghofs“ umschmeichelte ihn eine Stunde später. Beim Diner griff er gewaltig zu. Was er geträumt, war im Verbleichen begriffen. Was er gedacht, verstand er schon diesen Abend nicht mehr so recht.
Als Soldat und brav
Immer hatte Hans Castorp kurze Nachrichten von seinem Vetter, erst gute, übermütige, dann weniger günstige, endlich solche, die etwas recht Trauriges matt beschönigten. Die Reihe der Postkarten fing an mit der lustigen Meldung von Joachims Dienstantritt und von der schwärmerischen Zeremonie, bei der er, wie Hans Castorp auf seiner Antwortkarte sich ausdrückte, Armut, Keuschheit und Gehorsam gelobt hatte. Dann ging es heiter fort: die Etappen einer glatten, begünstigten Laufbahn, geebnet durch leidenschaftliche Liebe zur Sache und durch die Sympathie der Oberen, wurden grüßend und winkend bezeichnet. Da Joachim ein paar Semester studiert hatte, war er des Besuches der Kriegsschule überhoben, vom Fähnrichsdienst befreit. Neujahr wurde er zum Unteroffizier befördert und schickte eine Photographie, die ihn mit den Tressen zeigte. Das Entzücken an dem Geist der ehrenstraffen, eisern gefügten und dennoch verbissen-humoristisch dem Menschlichen nachgebenden Hierarchie, in die er eingefügt war, leuchtete aus jedem seiner knappen Rapporte. Er gab Anekdoten von dem romantisch-verzwickten Verhalten seines Feldwebels, eines bärbeißigen und fanatischen Soldaten, zu ihm, dem fehlbaren jungen Untergebenen, in dem er jedoch den geweihten Vorgesetzten von morgen sah, welcher tatsächlich schon im Offizierskasino verkehrte. Es war drollig und wild. Dann war von der Zulassung zur Offiziersprüfung die Rede. Anfang April war Joachim Leutnant.
Augenscheinlich gab es keinen glücklicheren Menschen, keinen, dessen Wesen und Wünsche in dieser besonderen Lebensform reiner aufgegangen wären. Mit einer Art von verschämter Wonne erzählte er, wie er zum erstenmal in seiner jungen Pracht am Rathaus vorübergegangen und dem Posten, der zur Ehrenbezeigung stillgestanden sei, aus einiger Entfernung abgewinkt habe. Er berichtete von kleinen Verdrießlichkeiten und Genugtuungen des Dienstes, von glänzend-wohliger Kameradschaft, von der verschmitzten Treue seines Burschen, komischen Zwischenfällen beim Exerzieren und in der Instruktionsstunde, von Besichtigungen und Liebesmahlen. Auch von gesellschaftlichen Dingen, Visiten, Diners, Bällen, war gelegentlich die Rede. Von seiner Gesundheit überhaupt nicht.
Bis gegen den Sommer nicht. Dann hieß es, er hüte das Bett, habe sich leider krank melden müssen: Katarrhfieber, Angelegenheit von ein paar Tagen. Anfang Juni tat er wieder Dienst, aber Mitte des Monats hatte er abermals „schlapp gemacht“, klagte bitter über sein „Pech“, und die Angst brach durch, er möchte etwa zum großen Manöver, Anfang August, auf das er sich von ganzem Herzen freute, nicht auf dem Posten sein. Unsinn, im Juli war er kerngesund, wochenlang, so lange, bis eine Untersuchung am Horizont erschien, die durch die vermaledeiten Schwankungen seiner Temperatur zur Notwendigkeit geworden war, und von der viel abhängen würde. Über das Ergebnis dieser Untersuchung hörte Hans Castorp dann lange nichts, und als es geschah, war es nicht Joachim, der ihm schrieb, – sei es, weil er nicht in der Lage war, zu schreiben, oder weil er sich schämte, – sondern seine Mutter, Frau Ziemßen, und sie telegraphierte. Sie zeigte an, die Beurlaubung Joachims auf einige Wochen sei ärztlicherseits als unumgänglich befunden worden. Hochgebirge indiziert, alsbaldige Abreise geraten, Belegung zweier Zimmer erbeten. Rückantwort bezahlt. Gezeichnet: Tante Luise.
Es war Ende Juli, als Hans Castorp in seiner Balkonloge diese Depesche durchflog, dann las und wieder las. Er nickte leise dazu, nicht nur mit dem Kopf, sondern mit dem ganzen Oberkörper, und sagte zwischen den Zähnen: „Szo, szo, szo! Szieh, szieh, szieh! – Joachim kommt wieder!“ durchfuhr ihn plötzlich die Freude. Aber er wurde gleich wieder still und dachte: „Hm, hm, schwerwiegende Neuigkeiten. Man könnte sie auch als schöne Bescherung bezeichnen. Verdammt, das ist schnell gegangen – schon reif für die Heimat! Die Mutter fährt mit –“ (er sagte „die Mutter“, nicht „Tante Luise“; sein Gefühl für Verwandtschaft, Familienbeziehungen hatte sich unvermerkt bis zur Fremdheit abgeschwächt) – „das ist gravierend. Und gerade vor den Manövern, auf die der Gute so brannte! Hm, hm, es liegt eine hübsche Portion Gemeinheit darin, höhnische Gemeinheit, es ist ein gegen-idealistisches Faktum. Der Körper triumphiert, er will es anders als die Seele, und setzt sich durch, zur Blamage der Hochfliegenden, die lehren, er sei der Seele untertan. Es scheint, sie wissen nicht, was sie sagen, denn wenn sie recht hätten, so würfe das ein zweifelhaftes Licht auf die Seele, in einem Fall wie diesem. Sapienti sat, ich weiß, wie ichs meine. Denn die Frage, die ich aufstelle, ist eben, wie weit es verfehlt ist, sie gegeneinander zu stellen, wie weit sie vielmehr unter einer Decke stecken und eine abgekartete Partie spielen, – das fällt den Hochfliegenden zu ihrem Glück nicht ein. Guter Joachim, wer wollte dir und deinem Biereifer zu nahe treten! Du meinst es ehrlich – aber was ist Ehrlichkeit, frage ich, wenn Körper und Seele nun mal unter einer Decke stecken? Sollte es möglich sein, daß du gewisse erfrischende Düfte, eine hohe Brust und ein grundloses Gelächter nicht hast vergessen können, die am Tische der Stöhr deiner warten? ... Joachim kommt wieder!“ dachte er neuerdings und zog sich zusammen vor Freude. „Er kommt in schlechtem Zustande, offenbar, aber wir werden wieder zu zweien sein, ich werde nicht mehr so ganz auf eigene Hand hier oben leben. Das ist gut. Es wird nicht alles genau wie früher sein; sein Zimmer ist ja besetzt: Mistreß Macdonald, da hustet sie auf ihre klanglose Art und hat natürlich wieder die Photographie ihres kleinen Sohnes neben sich auf dem Tischchen oder auch in der Hand. Aber das ist finales Stadium, und wenn das Zimmer noch nicht wieder vorgemerkt ist, so ... Vorläufig wird ja ein anderes zu haben sein. 28 ist frei, meines Wissens. Ich will gleich auf die Verwaltung und namentlich zu Behrens. Ist das eine Neuigkeit, – traurig von der einen und famos von der anderen Seite, aber jedenfalls eine mächtige Neuigkeit! Ich möchte nur auf den gdießenden Kameraden warten, der gleich kommen muß, da es, wie ich sehe, halb vier ist. Ich möchte ihn fragen, ob er auch in diesem Falle der Meinung bleibt, daß man das Körperliche als sekundär zu betrachten hat ...“
Noch vorm Tee war er im Verwaltungsbureau. Das gedachte Zimmer, am selben Korridor wie seines gelegen, stand zur Verfügung. Auch für Frau Ziemßen würde sich Unterkunft finden. Er eilte zu Behrens. Er traf ihn im „Labor“, eine Zigarre in der einen Hand, in der anderen ein Reagenzglas mißfarbenen Inhalts.
„Herr Hofrat, wissen Sie was?“ begann Hans Castorp ...
„Ja, daß der Ärger nicht abreißt“, erwiderte der Pneumotom. „Das ist Rosenheim aus Utrecht“, sagte er und wies mit der Zigarre auf das Glas. „Gaffky zehn. Und da kommt Fabrikdirektor Schmitz und zetert und beschwert sich, daß Rosenheim auf der Promenade ausgespuckt hat, – mit Gaffky zehn. Und ich soll ihn rüffeln. Aber wenn ich ihn rüffle, so kriegt er Zustände, denn er ist maßlos irritabel und hat mit Familie drei Zimmer belegt. Ich kann ihn nicht rausgraulen, ich kriege es mit der Generaldirektion zu tun. Da sehen Sie, in was für Konflikte man jeden Augenblick gerät, und wenn man auch noch so gern still und unbefleckt seines Weges ziehen möchte.“
„Dumme Geschichte“, sagte Hans Castorp mit der Einsicht des Intimen und Altsassen. „Ich kenne die Herren. Schmitz ist kolossal korrekt und strebsam und Rosenheim reichlich salopp. Vielleicht bestehen aber auch noch andere, als hygienische, Reibungsflächen, ich möchte es glauben. Schmitz und Rosenheim sind beide befreundet mit Doña Perez aus Barcelona, vom Tisch der Kleefeld, das wird es im Grunde wohl sein. Ich würde vorschlagen, das betreffende Verbot vielleicht allgemein wieder in Erinnerung zu bringen und übrigens ein Auge zuzudrücken.“
„Natürlich drücke ich. Ich kriege ja schon Blepharospasmus vor lauter Augenzudrücken. Was treten Sie hier denn an?“
Und Hans Castorp rückte heraus mit seiner traurigen und auch wieder famosen Neuigkeit.
Nicht, daß der Hofrat überrascht gewesen wäre. Er wäre es auf keinen Fall gewesen, war es aber besonders nicht, weil Hans Castorp ihn, gefragt oder ungefragt, über Joachims Ergehen auf dem laufenden gehalten und schon im Mai Bettlägerigkeit signalisiert hatte.
„Aha“, machte Behrens. „Na also. Und was habe ich Ihnen gesagt? Was habe ich ihm und Ihnen nicht zehn-, sondern hundertmal wörtlich gesagt? Da haben Sie’s nun. Dreiviertel Jahr lang hat er seinen Willen und sein Himmelreich gehabt. Aber ein nicht restlos entgiftetes Himmelreich, dabei ist kein Segen, das hat der Ausbrecher dem ollen Behrens nicht glauben wollen. Man soll aber immer dem ollen Behrens glauben, sonst zieht man den kürzeren und kommt zu spät zu Verstand. Da hat er es nun zum Leutnant gebracht, allerdings, nichts zu sagen. Was hat er davon? Gott sieht ins Herze, der sieht nicht auf Rang und Stand, vor dem stehen wir alle in unsrer Blöße, ob General oder gemeiner Mann ...“ Er geriet ins Kohlen, rieb sich mit der riesigen Hand, zwischen deren Fingern er die Zigarre hielt, die Augen und sagte, nun solle Hans Castorp ihm aber für diesmal nicht länger lästig fallen. Eine Bude für Ziemßen sei ja wohl faßbar, und wenn er komme, solle sein Vetter ihn ohne Verzug ins Bett stecken. Ihn, Behrens, betreffend, so trage er keinem was nach, er halte die Arme väterlich geöffnet und sei bereit, ein Kalb für den Ausreißer zu schlachten.
Hans Castorp telegraphierte. Er erzählte nach rechts und links, daß sein Vetter wiederkomme, und alle, die Joachim kannten, waren betrübt und erfreut, und zwar beides aufrichtig, denn Joachims propperes, ritterliches Wesen hatte die allgemeine Zuneigung gewonnen, und manches unausgesprochene Urteil und Gefühl ging in der Richtung, daß er der Beste gewesen sei von allen hier oben. Wir haben niemanden persönlich im Auge, glauben aber an eine gewisse Genugtuung, die mancher darüber empfand, daß Joachim aus dem Soldatenstande zur horizontalen Lebensweise zurückkehren mußte und in seiner Propperkeit nun wieder einer der Unsrigen sein würde. Frau Stöhr, bekanntlich, hatte sich gleich das ihre gedacht; sie fand sich bestätigt in dem ordinären Zweifelsinn, mit dem sie Joachims Aufbruch ins Flachland begleitet hatte, und verschmähte nicht, sich seiner zu rühmen. „Faul, faul“, machte sie. Sie habe die Sache sogleich als faul erkannt und wolle nur hoffen, daß Ziemßen sie nicht oberfaul gemacht habe mit seinem Eigensinn. („Oberfaul“ sagte sie vor lauter unermeßlicher Gewöhnlichkeit.) Da sei es denn doch viel besser, man bleibe gleich bei der Stange, wie sie, die auch ihre Lebensinteressen im Flachlande, nämlich in Cannstadt, habe, einen Mann und zwei Kinder, sich jedoch zu beherrschen wisse ... Es kam gar keine Rückäußerung mehr von Joachim oder Frau Ziemßen. Hans Castorp blieb unwissend über Tag und Stunde ihrer Ankunft; zu einem Empfang am Bahnhof kam es aus diesem Grunde nicht, sondern drei Tage nach Absendung von Hansens Depesche waren sie einfach da, und Leutnant Joachim trat mit erregtem Lachen an seines Vetters Dienstlager.
Es war nach begonnener Abendliegekur. Derselbe Zug hatte sie hergebracht, mit dem Hans Castorp vor Jahren, die weder kurz noch lang, sondern ohne Zeit, in hohem Grade erlebnisreich und dennoch null und nichtig gewesen waren, hier oben eingetroffen war, und auch die Jahreszeit war dieselbe, sogar genau: der allerersten Augusttage einer. Joachim, wie gesagt, trat freudig – ja, für den Augenblick unzweifelhaft freudig erregt bei Hans Castorp ein oder vielmehr aus dem Zimmer, das er im Geschwindschritt durchmessen, auf den Balkon hinaus und grüßte lachend, rasch atmend, gedämpft und abgerissen. Er hatte die weite Reise, durch mehrerer Herren Länder, über den meerartigen See und dann auf gedrangen Pfaden hoch – hoch herauf wieder zurückgelegt, und da stand er nun, als sei er nie weggewesen, von seinem aus der Horizontale halb aufgefahrenen Verwandten mit Hallos und Nanus empfangen. Seine Farbe war lebhaft, sei es dank dem Freiluftleben, das er geführt, oder durch Reiseerhitzung. Direkt, ohne sein Zimmer erst zu betreten, war er auf Nr. 34 geeilt, um den Genossen alter Tage, die nun wieder Gegenwart wurden, zu begrüßen, während seine Mutter mit ihrer Toilette beschäftigt war. Man wollte zu Abend essen in zehn Minuten, natürlich im Restaurant. Hans Castorp würde schon noch etwas mitessen können oder doch einen Schluck Wein trinken. Und Joachim zog ihn hinüber auf Nr. 28, wo es ging, wie einst am Abend von Hansens Ankunft, nur umgekehrt: Joachim, fiebrig plaudernd, wusch sich am blitzenden Becken die Hände, und Hans Castorp sah ihm zu, – erstaunt übrigens und gewissermaßen enttäuscht, den Vetter in Zivil zu sehen. Man merke ihm von seiner Karriere ja gar nichts an. Er habe ihn sich immer als Offizier, in Uniform vorgestellt, und nun stehe er da in grauem Uni, wie irgend jemand. Joachim lachte und fand ihn naiv. Ach nein, die Uniform habe er hübsch zu Hause gelassen. Mit der Uniform, müsse Hans Castorp wissen, habe es was auf sich. Nicht jedes Lokal besuche man in Uniform. „Ach so. Danke gehorsamst“, sagte Hans Castorp. Aber Joachim schien sich keines beleidigenden Sinnes seiner Erklärung bewußt zu sein, sondern erkundigte sich nach allen Personen und Umständen im „Berghof“ nicht nur ohne jeden Hochmut, sondern mit der ganzen angelegentlichen Bewegtheit des Heimgekehrten. Dann erschien Frau Ziemßen durch die Verbindungstür, begrüßte den Neffen in der Form, die manche Leute bei solchen Gelegenheiten wählen, nämlich als sei sie freudig überrascht, ihn hier zu treffen, ein Ausdruck, der übrigens durch Abgespanntheit und stillen Kummer, welcher sich offenbar auf Joachim bezog, melancholisch gedämpft wurde, – und sie fuhren hinunter.
Luise Ziemßen hatte dieselben schönen, schwarzen und sanften Augen wie Joachim. Ihr ebenfalls schwarzes, mit Weiß aber schon stark vermischtes Haar war durch ein fast unsichtbares Schleiernetz in Form und Sitz befestigt, und das paßte zu ihrer Wesenshaltung überhaupt, die besonnen, freundlich gemessen und sanft zusammengenommen war und ihr bei deutlicher Geistesschlichtheit eine angenehme Würde verlieh. Es war klar, und Hans Castorp wunderte sich auch nicht darüber, daß sie sich auf Joachims Lustigkeit, auf den raschen Gang seiner Atmung und seiner sich überstürzenden Rede, Erscheinungen, die zu seinem Verhalten zu Hause und auf der Reise wahrscheinlich in Widerspruch standen und tatsächlich seiner Lage widersprachen, nicht verstand und gewissermaßen Anstoß daran nahm. Dieser Einzug erschien ihr traurig, und sie glaubte sich dementsprechend halten zu sollen. In die Empfindungen Joachims, turbulente Empfindungen der Heimkehr, die im Augenblick alles Entgegenstehende trunken überwogen und durch das Wiederatmen der Luft, unserer unvergleichlich leichten, nichtigen und erhitzenden Luft hier oben, wohl noch befeuert wurden, konnte sie sich nicht finden, sie waren ihr undurchsichtig. „Mein armer Junge“, dachte sie, und dabei sah sie den armen Jungen sich mit seinem Vetter einer ausgelassenen Fröhlichkeit hingeben, hundert Erinnerungen auffrischen, hundert Fragen stellen und sich mit der Antwort lachend in den Stuhl zurückwerfen. Mehrmals sagte sie: „Aber, Kinder!“ Und was sie schließlich sagte, sollte erfreut kommen, kam aber mit Befremdung und leisem Tadel: „Joachim, wahrhaftig, so habe ich dich lange nicht gesehen. Es scheint, wir müßten hierher fahren, damit du wieder wärest wie am Tag deiner Beförderung.“ Worauf es denn freilich mit Joachims Lustigkeit zu Ende war. Seine Stimmung schlug um, er kam zur Besinnung, schwieg, aß nichts vom Nachtisch, obgleich es ein überaus leckeres Schokolade-Soufflé mit Schlagrahm war, das erschien, (Hans Castorp hielt sich statt seiner daran, obgleich seit Abschluß des übergewaltigen Diners erst eine Stunde vergangen war) und blickte endlich überhaupt nicht mehr auf, offenbar weil er Tränen in den Augen hatte.
Das war Frau Ziemßens Meinung nun gewiß nicht gewesen. Eigentlich mehr anstandshalber hatte sie ein wenig gemäßigten Ernst herbeiführen wollen, unwissend, daß gerade das Mittlere und Gemäßigte hier ortsfremd und nur die Wahl zwischen Extremen gegeben war. Da sie den Sohn so gebrochen sah, schien sie selbst den Tränen nicht fern und war ihrem Neffen dankbar für seine Bemühungen, den Tieftraurigen wieder zu beleben. Ja, was den Personalbestand angehe, sagte er, so werde Joachim manches verändert und erneuert finden, anderes dagegen habe sich während seiner Abwesenheit schon wieder hergestellt und sei wie vordem. Die Großtante zum Beispiel mit Begleitung sei längst wieder da. Die Damen säßen, wie immer, am Tische der Stöhr. Marusja lache viel und herzlich.
Joachim schwieg, Frau Ziemßen dagegen fand sich durch diese Worte an eine Begegnung erinnert und an Grüße, die auszurichten seien, ehe sie es vergesse, – die Begegnung mit einer Dame, nicht unsympathisch, wenn auch alleinstehend und mit etwas gar zu ebenmäßigen Augenbrauen, die in München, wo man zwischen zwei Nachtfahrten einen Tag verbracht hatte, im Restaurant an ihren und Joachims Tisch herangetreten sei, um Joachim zu begrüßen. Eine ehemalige Mitpatientin, – Joachim möge ihr doch helfen ...
„Frau Chauchat“, sagte Joachim still. Sie halte sich zur Zeit in einem Kurort des Allgäus auf und wolle im Herbst nach Spanien gehen. Zum Winter werde sie dann wahrscheinlich wieder hierher kommen. Beste Grüße von ihr.
Hans Castorp war kein Knabe mehr, er hatte Gewalt über die Gefäßnerven, die sein Gesicht hätten erblassen oder erröten lassen können. Er sagte:
„Ach, die war das? Sieh an, da ist sie also wieder hinter dem Kaukasus hervorgekommen. Und nach Spanien will sie?“
Die Dame hatte einen Ort in den Pyrenäen genannt. „Hübsche oder doch reizvolle Frau. Angenehme Stimme, angenehme Bewegungen. Aber freie Manieren, nachlässig“, sagte Frau Ziemßen. „Redet uns einfach an wie alte Freunde, fragt und erzählt, obgleich Joachim, wie ich höre, eigentlich nie ihre Bekanntschaft gemacht hat. Fremdartig.“
„Das ist der Osten und die Krankheit“, erwiderte Hans Castorp. Mit Maßstäben der humanistischen Gesittung dürfe man da nicht herantreten, das sei verfehlt. Und da denke er nun darüber nach, daß Frau Chauchat also nach Spanien zu gehen beabsichtige. Hm. Spanien, das liege andererseits ebensoweit von der humanistischen Mitte ab, – nicht nach der weichen, sondern nach der harten Seite; es sei nicht Formlosigkeit, sondern Überform, der Tod als Form, sozusagen, nicht Todesauflösung, sondern Todesstrenge, schwarz, vornehm und blutig, Inquisition, gestärkte Halskrause, Loyola, Eskorial ... Interessant, wie es Frau Chauchat in Spanien gefallen werde. Das Türenwerfen werde ihr dort wohl vergehen, und vielleicht könne eine gewisse Kompensation der beiden außerhumanistischen Lager zum Menschlichen sich vollziehen. Es könne aber auch etwas recht boshaft Terroristisches zustande kommen, wenn der Osten nach Spanien gehe ...
Nein, er war nicht rot oder blaß geworden, aber der Eindruck, den die unverhofften Nachrichten über Frau Chauchat auf ihn gemacht, äußerte sich in Reden, auf die denn freilich nur betretenes Schweigen die Antwort sein konnte. Joachim war weniger erschrocken; er kannte des Vetters Scharfköpfigkeit hier oben von früher her. Aber in Frau Ziemßens Augen malte sich größte Bestürzung; sie verhielt sich nicht anders, als habe Hans Castorp grobe Unanständigkeiten geäußert, und hob nach einer peinlichen Pause die Tafel mit Worten taktvoller Vertuschung auf. Bevor man sich trennte, teilte Hans Castorp die Order des Hofrats mit, daß Joachim jedenfalls morgen im Bett bleiben solle, bis jener ihn untersucht habe. Das Weitere werde sich finden. Dann lagen die drei Verwandten bald in ihren offenen Zimmern in der Frische der Hochgebirgs-Sommernacht, – ein jeder mit seinen Gedanken, Hans Castorp vornehmlich mit dem an Frau Chauchats binnen Halbjahrsfrist zu erwartende Wiederkehr.
Und so war denn der arme Joachim zu einer rätlich gewordenen kleinen Nachkur wieder in die Heimat eingerückt. Dies Wort von der kleinen Nachkur war offenbar die im Flachland ausgegebene Parole, und auch hier oben ließ man sie gelten. Selbst Hofrat Behrens nahm die Wendung an, obgleich es allein schon vier Wochen Bettlage waren, die er Joachim vor allem einmal aufbrummte: die seien nötig, um das Gröbste zu reparieren, zur neuen Akklimatisation und um seinen Wärmehaushalt vorläufig etwas zu regeln. Sich auf eine Befristung der Nachkur festlegen zu lassen, wußte er zu vermeiden. Frau Ziemßen, verständig, einsichtsvoll, durchaus nicht sanguinisch, brachte, fern von Joachims Lager, den Herbst, Oktober etwa, als Entlassungstermin in Vorschlag, und Behrens stimmte ihr insofern zu, als er erklärte, um diese Zeit werde man jedenfalls weiter sein als gegenwärtig. Übrigens gefiel er ihr ausgezeichnet. Er war ritterlich, sagte „meine gnädigste Frau“, indem er sie mit seinen blutunterlaufenen Quellaugen mannentreu anblickte, und sprach so korpsstudentisch redensartlich, daß sie bei aller Betrübnis lachen mußte. „Ich weiß ihn in besten Händen“, sagte sie, und reiste acht Tage nach ihrer Ankunft nach Hamburg zurück, da von der Notwendigkeit irgendwelcher Pflege nicht ernstlich die Rede sein konnte und Joachim außerdem ja Verwandtengesellschaft hatte.
„Also, sei froh: im Herbst“, sagte Hans Castorp, wenn er auf Nr. 28 an seines Vetters Bette saß. „Der Alte hat sich doch einigermaßen gebunden; du kannst dich daran halten und damit rechnen. Oktober – das ist so die Zeit. Da gehen manche Leute nach Spanien, und du kehrst dann auch zu deiner bandera zurück, um dich über Gebühr auszuzeichnen ...“
Sein täglich Geschäft war, Joachim zu trösten, namentlich darüber, daß dieser das große Kriegsspiel hier oben versäumen mußte, das in diesen Augusttagen begann, – denn das verwand er nicht und äußerte geradezu Selbstverachtung der gottverfluchten Schlappheit wegen, der er im letzten Augenblick unterlegen war.
„Rebellio carnis“, sagte Hans Castorp. „Was willst du da machen? Da kann der tapferste Offizier nichts machen, und sogar der heilige Antonius wußte ein Lied davon zu singen. In Gottes Namen, Manöver sind jedes Jahr, und dann kennst du doch die hiesige Zeit! Es ist ja gar keine, du bist nicht lange genug fort gewesen, um nicht ganz leicht wieder ins Tempo zu kommen, und eh du die Hand drehst, ist deine kleine Nachkur vorbei.“
Immerhin war die Auffrischung des Zeitsinnes, die Joachim durch das Leben im Flachlande erfahren hatte, zu bedeutend, als daß er sich vor den vier Wochen nicht hätte fürchten sollen. Doch war man ihm vielfach behilflich, sie zurückzulegen; die Sympathie, die man allgemein seiner propperen Natur entgegenbrachte, äußerte sich in Besuchen von nahe und ferner: Settembrini kam, war teilnehmend und charmant und redete Joachim, da er ihn immer schon „Leutnant“ genannt hatte, nun „Capitano“ an; auch Naphta sprach vor, und aus dem Hause selbst ließen sich nach und nach die alten Bekannten sehen, indem sie eine dienstfreie Viertelstunde benutzten, um sich an sein Bett zu setzen, das Wort von der kleinen Nachkur zu wiederholen und sich seine Schicksale erzählen zu lassen: die Damen Stöhr, Levi, Iltis und Kleefeld, die Herren Ferge, Wehsal und andere mehr. Einige brachten ihm sogar Blumen. Als die vier Wochen um waren, stand er auf, da sein Fieber so weit gedämpft war, daß er umhergehen konnte, und setzte sich im Speisesaal zu seinem Vetter, zwischen ihn und die Brauersgattin Frau Magnus, Herrn Magnus gegenüber, an den Eckplatz, den seinerzeit Onkel James und ein paar Tage lang auch Frau Ziemßen eingenommen hatten.
So lebten die jungen Leute denn wieder Seite an Seite wie ehedem; ja, damit das alte Bild noch vollständiger wieder erstehe, fiel ihm, da Mistreß Macdonald, das Bild ihres Knaben in Händen, den letzten Seufzer getan, auch sein angestammtes Zimmer, das neben Hans Castorps, wieder zu, selbstverständlich nach gründlicher Entkeimung durch H₂CO. Eigentlich und gefühlsmäßig gesprochen, war es nun so, daß Joachim an Hans Castorps Seite lebte und nicht mehr umgekehrt: dieser war nun der Eingesessene, dessen Daseinsform der andere auf kurze Zeit und besuchsweise teilte. Denn den Oktobertermin bemühte sich Joachim steif und fest im Auge zu behalten, obgleich gewisse Punkte seines Zentralnervensystems sich nicht zu humanistischer Norm des Verhaltens wollten anhalten lassen und die kompensatorische Wärmeausgabe seiner Haut verhinderten.
Auch ihre Besuche bei Settembrini und Naphta sowie die Spaziergänge mit diesen beiden feindlich Verbundenen nahmen sie wieder auf, und wenn A. K. Ferge und Ferdinand Wehsal sich beteiligten, was öfters geschah, so waren sie zu sechsen, und jene Widersacher im Geiste lieferten ihre unaufhörlichen Duelle, bei deren Vorführung wir irgendwelche Vollständigkeit nicht anstreben könnten, ohne uns ebenso ins Desperat-Unendliche zu verlieren, wie sie es täglich taten, vor einem stattlichen Publikum, wenn auch Hans Castorp seine arme Seele als Hauptgegenstand ihres dialektischen Wettstreites betrachten wollte. Von Naphta hatte er erfahren, daß Settembrini Freimaurer sei, – was keinen geringeren Eindruck auf ihn gemacht hatte als des Italieners Eröffnung über Naphtas jesuitische Herkunft und Versorgtheit. Wiederum war er phantastisch überrascht gewesen, zu hören, daß es im Ernst noch dergleichen gäbe und hatte den Terroristen mit Fleiß über den Ursprung und das Wesen dieser kuriosen Einrichtung ausgeholt, die in einigen Jahren ihr zweihundertjähriges Jubiläum würde begehen können. Wenn Settembrini über Naphtas geistiges Wesen hinter seinem Rücken, im Tone pathetischer Warnung und als von etwas Teuflischem sprach, so machte sich Naphta, hinter dem des anderen, über die Sphäre, die dieser vertrat, ohne Anstrengung lustig, indem er zu verstehen gab, daß es sich da um etwas recht Altmodisches und Rückständiges handle: um bürgerliche Aufklärung und eine Freigeisterei von vorgestern, welche nichts weiter sei, als armseliger Geisterspuk, sich aber der skurrilen Selbsttäuschung hingebe, noch immer revolutionären Lebens voll zu sein. Er sagte: „Was wollen Sie, schon sein Großvater war Carbonaro, zu deutsch also Köhler. Von ihm hat er den Köhlerglauben an die Vernunft, die Freiheit, den Menschheitsfortschritt und diese ganze Mottenkiste klassizistisch-bourgeoiser Tugendideologie ... Sehen Sie, was die Welt verwirrt, ist das Mißverhältnis, das zwischen der Geschwindigkeit des Geistes und der ungeheueren Unbeholfenheit, Langsamkeit, Beharrungsträgheit und -kraft der Materie besteht. Man muß zugeben, daß dieses Mißverhältnis ausreichen würde, jede Interesselosigkeit des Geistes am Wirklichen zu entschuldigen, denn die Regel ist, daß die Fermente, die die Revolutionen der Wirklichkeit herbeiführen, ihm längst zum Ekel geworden sind. Tatsächlich ist toter Geist dem lebendigen widerwärtiger als irgendwelche Basalte, die wenigstens nicht den Anspruch erheben, Geist und Leben zu sein. Solche Basalte, Reste ehemaliger Wirklichkeiten, die der Geist so weit hinter sich gelassen hat, daß er sich weigert, den Begriff des Wirklichen überhaupt noch damit zu verbinden, erhalten sich träge fort und bewahren durch ihren plumpen und toten Fortbestand das Abgeschmackte leidigerweise davor, seiner Abgeschmacktheit inne zu werden. Ich spreche allgemein, aber Sie werden die Nutzanwendung auf jenen humanitären Freisinn zu ziehen wissen, der glaubt, sich gegen Herrschaft und Autorität noch immer in heroischem Stande zu befinden. Ach, und nun gar die Katastrophen, vermittelst deren er sich sein Leben beweisen möchte, die verspäteten und spektakulösen Triumphe, die er vorbereitet und die er eines Tages zu feiern träumt! Beim bloßen Gedanken daran könnte der lebendige Geist sich zu Tode langweilen, wüßte er nicht, daß in Wahrheit doch nur er aus solchen Katastrophen als Sieger und Nutznießer hervorgehen wird, – er, der Elemente des Alten in sich mit Zukünftigstem zu wahrer Revolution verschmilzt ... Wie geht es Ihrem Vetter, Hans Castorp? Sie wissen, daß ich ihm viel Sympathie entgegenbringe.“
„Danke, Herr Naphta. Dem bringt wohl jedermann aufrichtige Sympathie entgegen, ein so braver Junge, wie er ja offensichtlich ist. Auch Herr Settembrini mag ihn ausgesprochen gern leiden, wenn er auch einen gewissen schwärmerischen Terrorismus, der in Joachims Stande liegt, natürlich mißbilligen muß. Da höre ich nun, daß er Logenbruder ist. Sehe einer an. Es berührt mich nachdenklich, das muß ich sagen. Es rückt mir seine Person in eine neue Beleuchtung und verdeutlicht mir manches. Ob er gelegentlich auch seine Füße in den rechten Winkel stellt und seinem Händedruck eine besondere Beschaffenheit verleiht? Ich habe nie etwas bemerkt ...“
„Über solche Kindereien,“ meinte Naphta, „ist unser guter Drei-Punkte-Bruder wohl hinaus. Ich nehme an, daß das Logenzeremoniell eine recht kümmerliche Anpassung an den nüchternen Staatsbürgergeist der Zeiten erfahren hat. Man würde sich des Rituals von ehedem wohl als eines unzivilen Hokuspokus schämen, – nicht mit Unrecht, denn den atheistischen Republikanismus als Mysterium einzukleiden, wäre am Ende wirklich ungereimt. Ich weiß nicht, mit welchen Schrecknissen man Herrn Settembrinis Standhaftigkeit auf die Probe gestellt hat, – ob man ihn mit verbundenen Augen durch allerlei Gänge geführt und ihn in finsteren Gewölben hat warten lassen, bevor der von gespiegeltem Licht erfüllte Bundessaal sich ihm auftat. Ob man ihn feierlich katechisiert und angesichts eines Totenkopfes und dreier Lichter seine entblößte Brust mit Schwertern bedroht hat. Sie müssen ihn selber fragen, aber ich fürchte, Sie werden ihn wenig gesprächig finden, denn sollte es auch viel bürgerlicher dabei zugegangen sein, auf jeden Fall hat er Verschwiegenheit geloben müssen.“
„Geloben? Verschwiegenheit? Also doch?“
„Gewiß. Verschwiegenheit und Gehorsam.“
„Auch noch Gehorsam. Hören Sie, Professor, jetzt kommt mir vor, als ob er gar nicht Ursache hätte, sich über Schwärmerei und Terrorismus im Stande meines Vetters aufzuhalten. Verschwiegenheit und Gehorsam! Nie hätte ich gedacht, daß ein so freisinniger Mann wie Settembrini sich so ausgemacht spanischen Bedingungen und Gelöbnissen unterwerfen könnte. Ich spüre da geradezu was Militärisch-Jesuitisches in der Freimaurerei ...“
„Sie spüren ganz richtig“, erwiderte Naphta. „Ihre Wünschelrute zuckt und klopft auf. Die Idee des Bundes überhaupt ist untrennbar und schon in der Wurzel verbunden mit der des Unbedingten. Folglich ist sie terroristisch, das heißt: antiliberal. Sie entlastet das individuelle Gewissen und heiligt im Namen des absoluten Zweckes jedes Mittel, auch das blutige, auch das Verbrechen. Man hat Anhaltspunkte, daß auch in Maurerlogen ehemals der Bruderbund symbolisch mit Blut besiegelt wurde. Ein Bund ist niemals etwas Beschauliches, sondern immer und seinem Wesen nach etwas in absolutem Geist Organisatorisches. Sie wissen nicht, daß der Gründer des Illuminatenordens, der eine Zeitlang mit der Maurerei beinahe verschmolz, ein ehemaliger Angehöriger der Gesellschaft Jesu war?“
„Nein, das ist mir natürlich neu.“
„Adam Weishaupt organisierte seinen humanitären Geheimbund ganz nach dem Muster des Jesuitenordens durch. Er selbst war Maurer, und die angesehensten Logenmänner der Zeit waren Illuminaten. Ich spreche von der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts, die Settembrini nicht zögern wird, Ihnen als eine Zeit der Verderbnis seiner Gilde zu kennzeichnen. In Wirklichkeit war sie die ihrer Hochblüte, wie des ganzen geheimen Bundeswesens überhaupt, die Zeit, wo die Maurerei wahrhaft höheres Leben gewann, ein Leben, von dem sie später durch Leute vom Schlage unseres Menschheitsfreundes wieder gereinigt wurde, der damals unbedingt zu denen gehört hätte, die ihr Jesuitismus und Obskurantismus zum Vorwurf machten.“
„Und dafür gab es Gründe?“
„Ja, – wenn Sie wollen. Die triviale Freigeisterei hatte Gründe dafür. Es war die Zeit, wo unsere Väter den Bund mit katholisch-hierarchischem Leben zu erfüllen suchten, und wo zu Clermont in Frankreich eine jesuitische Freimaurerloge blühte. Es war ferner die Zeit, wo das Rosenkreuzertum in die Logen eindrang, – eine sehr merkwürdige Brüderschaft, von der Sie sich merken dürfen, daß sie rein rationale politisch-gesellschaftliche Verbesserungs- und Beglückungsziele mit eigentümlichen Beziehungen zum Geheimwissen des Ostens, zu indischer und arabischer Weisheit und magischer Naturerkenntnis verband. Damals vollzog sich die Reform und Berichtigung vieler Freimaurerlogen im Sinne der strikten Observanz, – einem ausgesprochen irrationalen und geheimnisvollen, magisch-alchimistischen Sinn, dem die schottischen Hochgrade des Maurertums ihr Dasein verdanken, – Ordensrittergrade, die man der alten militärischen Rangstufenordnung von Lehrling, Geselle und Meister hinzufügte, Großmeistergrade, die ins Hieratische führten und von rosenkreuzerischem Geheimwissen erfüllt waren. Es handelt sich da um ein Zurückgreifen auf gewisse geistliche Ritterorden des Mittelalters, die Templer insbesondere, Sie wissen, die vor dem Patriarchen von Jerusalem das Gelübde der Armut, der Keuschheit und des Gehorsams ablegten. Noch heute führt ein Hochgrad der Freimaurerhierarchie den Titel ‚Großfürst von Jerusalem‘.“
„Mir neu, mir alles ganz neu, Herr Naphta. Ich komme da unserem Settembrini auf Schliche ... ‚Großfürst von Jerusalem‘ ist nicht schlecht. So sollten Sie ihn bei Gelegenheit scherzweise auch mal nennen. Er seinerseits hat Ihnen neulich den Spitznamen ‚Doctor angelicus‘ gegeben. Das fordert Rache.“
„Oh, es gibt noch eine Menge ähnlich bedeutender Titel für die Hoch- und Templergrade der Strikten Observanz. Wir haben da einen Vollkommenen Meister, einen Ritter vom Osten, einen Großen Oberpriester, und der einunddreißigste Grad heißt sogar der ‚Erhabene Fürst des königlichen Geheimnisses‘. Sie bemerken, daß alle diese Namen auf Beziehungen zur morgenländischen Mystik deuten. Das Wiedererscheinen des Templers selbst bedeutete nichts anderes, als die Aufnahme solcher Beziehungen, tatsächlich den Einbruch irrationalen Gärstoffes in eine Ideenwelt vernünftig-nützlicher Gesellschaftsverbesserung. Dadurch gewann das Maurertum einen neuen Reiz und Glanz, der den Zulauf erklärt, dessen es sich damals erfreute. Es zog sämtliche Elemente an sich, die der Vernünftelei des Jahrhunderts, seiner humanen Auf- und Abgeklärtheit müde waren und nach stärkeren Lebenstränken durstig. Der Erfolg des Ordens war derart, daß die Philister klagten, er entfremde die Männer dem häuslichen Glück und der weiblichen Würde.
„Nun, hören Sie, Professor, dann muß man es verstehen, daß Herr Settembrini sich nicht gern an diese Hochblüte seines Ordens erinnert.
„Nein, er erinnert sich nicht gern daran, daß es Zeiten gab, wo sein Bund all die Antipathie auf sich versammelte, die Freigeisterei, Atheismus, enzyklopädische Vernunft sonst dem Komplex von Kirche, Katholizismus, Mönch, Mittelalter zuwendete. Sie hörten, daß man die Maurer des Obskurantismus zieh ...“
„Warum? Ich möchte gern deutlicher hören, wieso.“
„Das will ich Ihnen sagen. Die Strikte Observanz war gleichbedeutend mit einer Vertiefung und Erweiterung der Überlieferungen des Ordens, mit einer Zurückverlegung seiner historischen Ursprünge in die Geheimniswelt, die sogenannte Finsternis des Mittelalters. Die Hochmeistergrade der Logen waren Eingeweihte der physica mystica, Träger magischen Naturwissens, in der Hauptsache große Alchimisten ...“
„Jetzt muß ich mich aus allen Kräften zu besinnen suchen, was es mit der Alchimie im Großen-Ganzen noch ungefähr auf sich hatte. Alchimie, das ist also Goldmacherei, Stein der Weisen, Aurum potabile ...“
„Ja, populär gesprochen. Etwas gelehrter gesprochen ist sie Läuterung, Stoffverwandlung und Stoffveredlung, Transsubstantiation, und zwar zum Höheren, Steigerung also, – der lapis philosophorum, das mann-weibliche Produkt aus Sulfur und Merkur, die res bina, die zweigeschlechtige prima materia war nichts weiter, nichts Geringeres als das Prinzip der Steigerung, der Hinauftreibung durch äußere Einwirkungen, – magische Pädagogik, wenn Sie wollen.“
Hans Castorp schwieg. Er blickte augenblinzelnd schräg empor.
„Ein Symbol alchimistischer Transmutation,“ fuhr Naphta fort, „war vor allem die Gruft.“
„Das Grab?“
„Ja, die Stätte der Verwesung. Sie ist der Inbegriff aller Hermetik, nichts anderes als das Gefäß, die wohlverwahrte Kristallretorte, worin der Stoff seiner letzten Wandlung und Läuterung entgegengezwängt wird.“
„‚Hermetik‘ ist gut gesagt, Herr Naphta. ‚Hermetisch‘ – das Wort hat mir immer gefallen. Es ist ein richtiges Zauberwort mit unbestimmt weitläufigen Assoziationen. Entschuldigen Sie, aber ich muß immer dabei an unsere Weckgläser denken, die unsere Hamburger Hausdame – Schalleen heißt sie, ohne Frau und Fräulein, einfach Schalleen – in ihrer Speisekammer reihenweise auf den Börtern stehen hat, – hermetisch verschlossene Gläser mit Früchten und Fleisch und allem möglichen darin. Sie stehen Jahr und Tag, und wenn man eines aufmacht, nach Bedarf, so ist der Inhalt ganz frisch und unberührt, weder Jahr noch Tag hat ihm was anhaben können, man kann ihn genießen, wie er da ist. Das ist nun allerdings nicht Alchimie und Läuterung, es ist bloß Bewahrung, daher der Name Konserve. Aber das Zauberhafte daran ist, daß das Eingeweckte der Zeit entzogen war; es war hermetisch von ihr abgesperrt, die Zeit ging daran vorüber, es hatte keine Zeit, sondern stand außerhalb ihrer auf seinem Bort. Na, soviel von den Weckgläsern. Es ist nicht viel dabei herausgekommen. Pardon. Sie wollten mich, glaube ich, noch weiter belehren.“
„Nur wenn Sie es wünschen. Der Lehrling muß wißbegierig und furchtlos sein, im Stil unseres Gegenstandes zu reden. Die Gruft, das Grab war immer das hauptsächliche Sinnbild der Bundesweihe. Der Lehrling, der zum Wissen Einlaß begehrende Grünling, hat unter ihren Schaudern seine Unerschrockenheit zu bewähren, der Ordensbrauch will, daß er probeweise in sie hinabgeführt wird, und in ihr verweilen muß, um dann an unbekannter Bruderhand daraus hervorzugehen. Daher die verworrenen Gänge und finsteren Gewölbe, durch die der Novize zu wandern hatte, das schwarze Tuch, womit selbst der Bundessaal der Strikten Observanz ausgeschlagen war, der Kultus des Sarges, der bei dem Einweihungs- und Versammlungszeremoniell eine so wichtige Rolle spielte. Der Weg der Mysterien und der Läuterung war von Gefahren umlagert, er führte durch Todesbangen, durch das Reich der Verwesung, und der Lehrling, der Neophyt, ist die nach den Wundern des Lebens begierige, nach Erweckung zu dämonischer Erlebnisfähigkeit verlangende Jugend, geführt von Vermummten, die nur Schatten des Geheimnisses sind.“
„Ich danke sehr, Professor Naphta. Vorzüglich. Das wäre also die hermetische Pädagogik. Es kann nicht schaden, daß mir auch von ihr mal etwas zu Ohren gekommen ist.“
„Um so weniger, als es sich da um eine Führung zum Letzten handelt, zum absoluten Bekenntnis des Übersinnlichen und damit zum Ziele. Die alchimistische Logenobservanz hat viele edle, suchende Geister in späteren Jahrzehnten zu diesem Ziele geführt, – ich muß es nicht nennen, denn es kann Ihnen nicht entgangen sein, daß die Rangstufenfolge der schottischen Hochgrade nur ein Surrogat ist der Hierarchie, daß die alchimistische Weisheit des Meister-Maurers sich im Mysterium der Wandlung erfüllt, und daß die geheime Führung, die die Loge ihren Zöglingen angedeihen ließ, sich ebenso deutlich in den Gnadenmitteln wiederfindet, wie die sinnbildlichen Spielereien des Bundeszeremoniells in der liturgischen und baulichen Symbolik unserer heiligen katholischen Kirche.“
„Ach so!“
„Ich bitte, auch das ist noch nicht alles. Ich erlaubte mir schon anzudeuten, daß die Ableitung des Logenwesens aus jenen handwerkerlich ehrsamen Maurergilden nur eine historische Veräußerlichung ist. Die Strikte Observanz wenigstens verlieh ihr weit tiefere menschliche Fundamente. Das Geheimnis der Logen hat mit gewissen Mysterien unserer Kirche die deutliche Beziehung gemeinsam zu festlichen Verschwiegenheiten und heiligen Ausschweifungen der frühesten Menschheit ... Ich habe, was die Kirche betrifft, das Nacht- und Liebesmahl im Auge, den sakramentalen Genuß von Leib und Blut, in Dingen der Loge aber –“
„Einen Augenblick. Einen Augenblick für eine Randbemerkung. Es gibt auch in dem unbedingten Bundesleben, dem mein Vetter angehört, sogenannte Liebesmahle. Er hat mir oft davon geschrieben. Natürlich geht es bis auf ein bißchen Betrunkenheit sehr anständig dabei zu, nicht mal so stark wie bei den Korpskneipen ...“
„In Dingen der Loge aber den Gruft- und Sargeskult, auf den ich vorhin Ihre Aufmerksamkeit lenkte. In beiden Fällen handelt es sich um eine Symbolik des Letzten und Äußersten, um Elemente orgiastischer Urreligiosität, gelöste und nächtliche Opferdienste zu Ehren von Sterben und Werden, Tod, Verwandlung und Auferstehung ... Sie erinnern sich, daß die Mysterien der Isis sowohl wie die von Eleusis bei Nacht und in finsteren Höhlen begangen wurden. Nun, der ägyptischen Erinnerungen gab und gibt es im Maurerwesen eine Menge, und unter den geheimen Gesellschaften waren solche, die sich eleusinische Bünde nannten. Es gab da Logenfeste, Feste der eleusischen Mysterien und der aphrodisischen Geheimnisse, bei denen denn endlich doch die Frau ins Spiel trat, – Rosenfeste, auf die jene drei blauen Rosen der Maurerschürze anspielten, und die, wie es scheint, ins Bacchantische auszulaufen pflegten ...“
„Nun, nun, was hör’ ich, Professor Naphta. Und all das ist Freimaurerei? Und mit alldem soll ich in meiner Vorstellung unseren klargesinnten Herrn Settembrini ...“
„Sie täten ihm schweres Unrecht! Nein, von alldem weiß Settembrini durchaus nichts mehr. Ich sagte Ihnen ja, daß die Loge durch seinesgleichen von allen Elementen höheren Lebens wieder gereinigt worden ist. Sie hat sich humanisiert, modernisiert, du lieber Gott. Sie ist aus solchen Verirrungen zum Nutzen, zur Vernunft und zum Fortschritt, zum Kampf gegen Fürsten und Pfaffen, kurzum zu gesellschaftlicher Beglückung zurückgekehrt; man unterhält sich dort jetzt wieder über Natur, Tugend, Mäßigung und Vaterland. Ich nehme an: auch über das Geschäft. Mit einem Wort, es ist die bourgeoise Misere in Klubgestalt ...“
„Schade. Schade um die Rosenfeste. Ich werde Settembrini fragen, ob er denn gar nichts mehr davon weiß.“
„Der ehrliche Ritter vom Winkelmaß!“ höhnte Naphta. „Sie müssen bedenken, daß es ihm gar nicht leicht geworden ist, zum Bauplatz des Menschheitstempels zugelassen zu werden, denn er ist ja arm wie eine Kirchenmaus, und dort wird nicht nur höhere Bildung, humanistische Bildung, ich bitte sehr, verlangt, sondern man muß auch der bemittelten Klasse angehören, um die nicht geringen Aufnahmegebühren und Jahresbeiträge erschwingen zu können. Bildung und Besitz, – da haben Sie den Bourgeois! Da haben Sie die Grundfesten der liberalen Weltrepublik!“
„Allerdings,“ lachte Hans Castorp; „da haben wir sie klipp und klar vor Augen.“
„Dennoch,“ setzte Naphta nach einer Pause hinzu, „möchte ich Ihnen raten, diesen Mann und seine Sache nicht allzu leicht zu nehmen, möchte Sie, da wir denn einmal von diesen Verhältnissen reden, geradezu ersuchen, auf Ihrer Hut zu sein. Das Abgeschmackte ist noch nicht gleichbedeutend mit dem Unschuldigen. Die Beschränktheit braucht nicht harmlos zu sein. Diese Leute haben viel Wasser in ihren Wein getan, der zuzeiten feurig war, aber die Idee des Bundes selbst bleibt stark genug, um viel Verwässerung zu vertragen; sie bewahrt Reste von fruchtbarem Geheimnis, und es ist ebensowenig daran zu zweifeln, daß die Logen ihre Hand im Weltspiel haben, wie daß man in diesem liebenswürdigen Herrn Settembrini mehr zu sehen hat, als eben nur ihn selbst, daß Mächte hinter ihm stehen, deren Verwandter und Emissär er ist ...“
„Ein Emissär?“
„Nun ja, ein Proselytenmacher, ein Seelenfänger.“
Und was bist du für ein Emissär? dachte Hans Castorp. Laut sagte er:
„Danke, Professor Naphta. Aufrichtig verbunden für Wink und Warnung. Wissen Sie was? Ich gehe nun mal eine Etage höher, soweit da oben noch von Etage die Rede sein kann, und fühle dem vermummten Bundesbruder ein bißchen auf den Zahn. Ein Lehrling muß wißbegierig und furchtlos sein ... Natürlich auch vorsichtig ... Mit Emissären ist selbstverständlich Vorsicht geboten.“
Er durfte ungescheut auch Settembrini um weitere Belehrung ansprechen, denn dieser hatte Herrn Naphta in Dingen der Diskretion nichts vorzuwerfen und war übrigens nie sonderlich bedacht gewesen, aus seiner Zugehörigkeit zu jener harmonischen Gesellschaft ein Geheimnis zu machen. Die „Rivista della Massoneria Italiana“ lag offen auf seinem Tisch; Hans Castorp hatte nur eben nicht acht darauf gegeben. Und als er, von Naphta aufgeklärt, das Gespräch auf die königliche Kunst gebracht hatte, so, als sei Settembrinis Verbundenheit mit ihr eine Sache, über die er sich niemals Zweifel gemacht, da war er nur auf geringe Zurückhaltung gestoßen. Zwar gab es Punkte, über die der Literat sich nicht herausließ, sondern bei deren Berührung er mit einer gewissen Ostentation die Lippen verschloß, offenbar gebunden durch jene terroristischen Gelöbnisse, von denen Naphta gesprochen: eine Geheimniskrämerei, die äußere Bräuche und seine eigene Stellung innerhalb der merkwürdigen Organisation betraf. Sonst aber nahm er sogar den Mund sehr voll und gab dem Neugierigen ein bedeutendes Bild von der Ausbreitung seiner Liga, die sich in rund zwanzigtausend Logen und hundertfünfzig Großlogen fast über die ganze Welt und selbst auf Zivilisationen wie Haiti und die Negerrepublik Liberia erstrecke. Auch wußte er sich nicht wenig mit allerlei großen Namen, deren Träger Maurer gewesen waren oder es heute waren, nannte Voltaire, Lafayette und Napoleon, Franklin und Washington, Mazzini und Garibaldi, von Lebenden sogar den König von England und außerdem eine Menge Männer, in deren Händen die Geschäfte der europäischen Staaten lagen, Mitglieder von Regierungen und Parlamenten.
Hans Castorp äußerte Respekt, aber keine Verwunderung. So sei es auch mit den studentischen Korpsverbindungen, meinte er. Die hielten auch zusammen durchs ganze Leben und wüßten ihre Leute wohl unterzubringen, so daß schwerlich jemand im Amtlich-Hierarchischen es zu etwas Rechtem bringe, der nicht Korpsbruder gewesen sei. Darum sei es vielleicht nicht ganz sinngemäß von Herrn Settembrini, daß er die Zugehörigkeit jener Prominenten zur Loge als schmeichelhaft für diese hinstellen wolle; denn es sei umgekehrt anzunehmen, daß die Besetzung so vieler wichtiger Posten mit Bundesbrüdern eben nur die Macht des Bundes beweise, der gewiß mehr, als Herr Settembrini so geradeheraus sagen wolle, seine Hand am Weltspiele habe.
Settembrini lächelte. Er fächelte sich sogar mit dem Heft der „Massoneria“, das er in Händen hielt. Man meine ihm wohl eine Falle zu stellen? fragte er. Man gedenke wohl gar, ihn zu unvorsichtigen Aussagen über das politische Wesen, den wesentlich politischen Geist der Loge zu verleiten? „Unnütze Verschmitztheit, Ingenieur! Wir bekennen uns zur Politik, rückhaltlos, offen. Wir achten das Odium für nichts, das in den Augen einiger Toren – sie sitzen bei Ihnen zulande, Ingenieur, fast nirgends sonst – mit diesem Wort und Titel verbunden ist. Der Menschenfreund kann den Unterschied von Politik und Nichtpolitik überhaupt nicht anerkennen. Es gibt keine Nichtpolitik. Alles ist Politik.“
„Rundweg?“
„Ich weiß wohl, daß es Leute gibt, die auf die ursprünglich unpolitische Natur des Maurergedankens hinzuweisen für gut finden. Aber diese Leute spielen mit Worten und ziehen Grenzen, die als imaginär und unsinnig zu erkennen es längst an der Zeit ist. Erstens zeigten wenigstens die spanischen Logen von allem Anbeginn eine politische Färbung –“
„Kann ich mir denken.“
„Sie können sich wenig denken, Ingenieur. Wähnen Sie nicht, sich von Hause aus viel denken zu können, sondern suchen Sie aufzunehmen und zu verarbeiten – ich bitte Sie darum in Ihrem eigenen Interesse, wie in dem Ihres Landes und im europäischen Interesse – was ich Ihnen zweitens einzuprägen im Begriffe bin. Zweitens nämlich war der Maurergedanke niemals unpolitisch, zu keiner Zeit, er konnte es nicht sein, und wenn er es ja zu sein glaubte, so betrog er sich über sein Wesen. Was sind wir? Bauleute und Handlanger an einem Bau. Der Zweck aller ist einer, das Beste des Ganzen das Grundgesetz der Verbrüderung. Welches ist dieses Beste, dieser Bau? Der kunstgerechte gesellschaftliche Bau, die Vollendung der Menschheit, das neue Jerusalem. Was in aller Welt soll da Politik oder Nichtpolitik? Das gesellschaftliche Problem, das Problem der Koexistenz selbst ist Politik, durch und durch Politik, nichts weiter als Politik. Wer sich ihm weiht – und den Menschennamen verdiente nicht, wer sich dieser Weihe entzöge – gehört der Politik, der inneren wie der äußeren, er versteht, daß die Kunst des freien Maurers Regierungskunst ist –“
„Regierungs...“
„Daß die illuminatistische Maurerei den Regentengrad kannte ...“
„Sehr schön, Herr Settembrini. Regierungskunst, Regentengrad, das gefällt mir. Aber lassen Sie mich nun eines hören: Sind Sie Christen, Sie alle miteinander in Ihrer Loge?“
„Perchè!“
„Entschuldigen Sie, ich will anders fragen, allgemeiner und einfacher. Glauben Sie an Gott?“
„Ich werde Ihnen antworten. Warum fragen Sie?“
„Ich wollte Sie nicht versuchen vorhin, aber es gibt da eine biblische Geschichte, worin jemand den Herrn mit einer römischen Münze versucht und zur Antwort bekommt, man solle dem Kaiser geben, was des Kaisers, und Gott, was Gottes sei. Mir kommt vor: diese Art zu unterscheiden liefert den Unterschied zwischen Politik und Nichtpolitik. Gibt es Gott, so gibt es auch diesen Unterschied. Glauben die Freimaurer an Gott?“
„Ich verpflichtete mich, Ihnen zu antworten. Sie sprechen von einer Einheit, an deren Herstellung gearbeitet wird, die aber heute zum Leidwesen aller Guten noch nicht existiert. Der Weltbund der Freimaurer existiert nicht. Wird er hergestellt sein – und ich wiederhole, es wird mit aller stillen Emsigkeit an diesem großen Werke gearbeitet – so wird ohne Zweifel auch sein religiöses Bekenntnis einheitlich sein, und es wird lauten: ‚Écrasez l’infâme‘.“
„Obligatorisch? Das wäre nicht tolerant.“
„Dem Problem der Toleranz dürften Sie kaum gewachsen sein, Ingenieur. Prägen Sie sich immerhin ein, daß Toleranz zum Verbrechen wird, wenn sie dem Bösen gilt.“
„Gott wäre das Böse?“
„Die Metaphysik ist das Böse. Denn sie ist zu nichts gut, als den Fleiß einzuschläfern, den wir dem Bau des Gesellschaftstempels zuwenden sollen. Und so hat denn schon vor einem Menschenalter der Groß-Orient von Frankreich ein Beispiel gegeben, indem er den Namen Gottes aus seinen sämtlichen Schriftstücken strich. Wir Italiener sind ihm darin nachgefolgt ...“
„Wie katholisch!“
„Sie meinen –“
„Wie enorm katholisch ich das finde, Gott zu streichen!“
„Sie wollen ausdrücken –“
„Nichts Hörenswertes, Herr Settembrini. Achten Sie nicht besonders auf mein Geplapper! Es kam mir nur diesen Moment so vor, als ob Atheismus etwas kolossal Katholisches sei, und als ob man Gott nur streiche, um desto besser katholisch sein zu können.“
Wenn darauf Herr Settembrini eine Pause eintreten ließ, so war klar, daß es einzig aus pädagogischer Besonnenheit geschah. Er antwortete nach gemessenem Stillschweigen:
„Ingenieur, ich bin weit von dem Wunsche entfernt, Sie in Ihrem Protestantismus beirren und kränken zu wollen. Wir sprachen von Toleranz ... Es ist überflüssig, zu betonen, daß ich dem Protestantismus mehr als Duldung, daß ich ihm als dem historischen Opponenten der Gewissensknebelung tiefste Bewunderung entgegenbringe. Die Erfindung der Buchdruckerkunst und die Reformation sind und bleiben die beiden erhabensten Verdienste, die Mitteleuropa sich um die Menschheit erworben hat. Ohne Frage. Allein nach dem, was Sie soeben äußerten, zweifle ich nicht, daß Sie mich aufs Wort verstehen werden, wenn ich darauf hinweise, daß das nur eine Seite der Sache ist, und daß sie ihre zweite hat. Der Protestantismus birgt Elemente ... Die Persönlichkeit Ihres Reformators selbst barg Elemente ... Ich denke an Elemente der Ruheseligkeit und der hypnotischen Versenkung, die nicht europäisch, die dem Lebensgesetz dieses tätigen Erdteils fremd und feindlich sind. Sehen Sie ihn sich doch an, diesen Luther! Betrachten Sie Bildnisse von ihm, jugendliche und spätere! Was ist denn das für ein Schädel, was sind das für Backenknochen, was für ein seltsamer Augensitz! Mein Freund, das ist Asien! Es sollte mich wundern, es sollte mich höchlichst wundern, wenn da nicht Wendisch-Slawisch-Sarmatisches im Spiele gewesen wäre, und wenn also nicht die – wer wollte es leugnen – gewaltige Erscheinung dieses Mannes eine verhängnisvolle Überbelastung einer der beiden in Ihrem Lande so gefährlich gleichstehenden Schalen zu bedeuten gehabt hätte, – ein furchtbares Gewicht in die östliche, von welchem die andere, die westliche Schale, noch heute überwogen gen Himmel flattert ...“
Von dem humanistischen Klapp-Pult am Fensterchen, vor dem er gestanden, war Herr Settembrini an den Rundtisch mit der Wasserflasche getreten, näher zu seinem Schüler hin, der auf dem an die Wand gerückten Ruhebette saß, ohne Rückenlehne, den Ellenbogen aufs Knie und das Kinn in die Hand gestützt.
„Caro!“ sagte Herr Settembrini. „Caro amico! Entscheidungen werden zu treffen sein, – Entscheidungen von unüberschätzbarer Tragweite für das Glück und die Zukunft Europas, und Ihrem Lande werden sie zufallen, in seiner Seele werden sie sich zu vollziehen haben. Zwischen Ost und West gestellt, wird es wählen müssen, wird es endgültig und mit Bewußtsein zwischen den beiden Sphären, die um sein Wesen werben, sich entscheiden müssen. Sie sind jung, Sie werden an dieser Entscheidung beteiligt sein, sind berufen, sie zu beeinflussen. Darum lassen Sie uns das Schicksal segnen, das Sie in diese entsetzlichen Gegenden verschlagen hat, zugleich aber mir Gelegenheit gibt, mit meinem nicht ungeübten, nicht völlig matten Wort auf Ihre bildsame Jugend einzuwirken und ihr die Verantwortlichkeit fühlbar zu machen, die sie –, die Ihr Land vor dem Angesicht der Gesittung trägt ...“
Hans Castorp saß, das Kinn in der Faust. Er blickte zum Mansardenfenster hinaus, und in seinen einfachen blauen Augen war eine gewisse Widerspenstigkeit zu lesen. Er schwieg.
„Sie schweigen“, sprach Herr Settembrini bewegt. „Sie und Ihr Land, Sie lassen ein vorbehaltvolles Schweigen walten, dessen Undurchsichtigkeit kein Urteil über seine Tiefe gestattet. Sie lieben das Wort nicht oder besitzen es nicht oder heiligen es auf eine unfreundliche Weise, – die artikulierte Welt weiß nicht und erfährt nicht, woran sie mit Ihnen ist. Mein Freund, das ist gefährlich. Die Sprache ist die Gesittung selbst ... Das Wort, selbst das widersprechendste, ist so verbindend ... Aber die Wortlosigkeit vereinsamt. Man vermutet, Sie werden Ihre Einsamkeit durch Taten zu brechen suchen. Sie werden Vetter Giacomo“ (Herr Settembrini pflegte Joachim der Bequemlichkeit halber „Giacomo“ zu nennen), „Sie werden Ihren Vetter Giacomo vor Ihr Schweigen treten lassen, ‚und zwei mit gewaltigen Streichen erlegt er, die andern entweichen‘ –“
Da Hans Castorp zu lachen anfing, lächelte auch Herr Settembrini, für den Augenblick auch von dieser Wirkung seines plastischen Wortes befriedigt.
„Gut, lachen wir!“ sagte er. „Zur Heiterkeit werden Sie mich immer bereit finden. ‚Das Lachen ist ein Erglänzen der Seele‘, sagt ein Alter. Auch sind wir abgekommen – auf Dinge, die, wie ich zugebe, mit den Schwierigkeiten zusammenhängen, auf die unsere Vorarbeiten zur Herstellung des maurerischen Weltbundes stoßen, Schwierigkeiten, die namentlich das protestantische Europa entgegenstellt ...“ Und Herr Settembrini fuhr fort, mit Wärme von dem Gedanken dieses Weltbundes zu sprechen, der von Ungarn aus ins Leben getreten und dessen zu erhoffende Verwirklichung bestimmt sei, der Freimaurerei weltentscheidende Macht zu verleihen. Er zeigte leichthin Briefe vor, die er von auswärtigen Bundesgrößen in dieser Sache empfangen, ein eigenhändiges Schreiben des schweizerischen Großmeisters, Bruder Quartier la Tente vom dreiunddreißigsten Grade, und erörterte den Plan, das Kunstidiom Esperanto zur Bundesweltsprache zu erklären. Sein Eifer erhob ihn zur Sphäre der hohen Politik, er richtete sein Auge dahin und dorthin und schätzte die Aussichten ab, die der revolutionär-republikanische Gedanke in seiner eigenen Heimat, in Spanien, in Portugal besitze. Auch mit Personen, die an der Spitze der Großloge der letztgenannten Monarchie standen, wollte er briefliche Fühlung unterhalten. Dort reiften zweifellos die Dinge der Entscheidung entgegen. Hans Castorp möge an ihn denken, wenn in allernächster Zeit da unten die Ereignisse sich überstürzen würden. Hans Castorp versprach, das zu tun.
Es will bemerkt sein, daß diese maurerischen Plaudereien, die zwischen dem Zögling und jedem der beiden Mentoren gesondert verliefen, noch in die Zeit vor Joachims Heimkehr zu Denen hier oben gefallen waren. Die Auseinandersetzung, auf die wir nun kommen, ereignete sich schon während seiner Wiederanwesenheit und in seiner Gegenwart, neun Wochen nach seiner Rückkehr, Anfang Oktober, und Hans Castorp behielt dies Beisammensein in der Herbstsonne vor dem Kurhaus in „Platz“, bei erfrischenden Getränken, darum allezeit so genau im Gedächtnis, weil Joachim ihm damals heimliche Sorge gemacht hatte, – Sorge durch Angaben und Erscheinungen, die sonst eben keine Sorge einzuflößen pflegen, nämlich durch Halsschmerzen und Heiserkeit: harmlose Belästigungen also, die aber dem jungen Castorp in einem irgendwie eigentümlichen Licht erschienen, – eben dem Licht, so kann man sagen, das er in der Tiefe von Joachims Augen zu gewahren glaubte, diesen Augen, die immer sanft und groß gewesen waren, heute aber, genau erst heute, eine gewisse unbestimmbare Vergrößerung und Vertiefung von sinnendem und – man muß das sonderbare Wort hinzufügen – drohendem Ausdruck nebst jener erwähnten stillen Erleuchtung von innen her erfahren hatten, die ganz falsch gekennzeichnet wäre, wenn man sagte, sie hätte Hans Castorp nicht gefallen, – im Gegenteil, sie gefiel ihm sogar sehr gut, nur daß sie ihm dennoch Sorge machte. Und kurz, es ist über diese Eindrücke gar nicht anders als verworren, ihrem eigenen Charakter gemäß, zu reden.
Das Gespräch, die Kontroverse – natürlich eine Kontroverse zwischen Naphta und Settembrini – angehend, so war sie eine Sache für sich und stand mit jenen Sondererörterungen über das Logenwesen nur in lockerem Zusammenhang. Außer den Vettern waren auch Ferge und Wehsal dabei zugegen, und aller Teilnahme war groß, obgleich nicht alle dem Gegenstande gewachsen waren, – Herr Ferge zum Beispiel war es ausdrücklich nicht. Aber ein Streit, der geführt wird, als ob es ums Leben ginge, außerdem aber mit einem Witz und Schliff, als ob es nicht ums Leben, sondern nur um ein elegantes Wettspiel ginge – und so wurden alle Dispute zwischen Settembrini und Naphta geführt –: ein solcher Streit ist selbstverständlich und an und für sich unterhaltend anzuhören, auch für den, der wenig davon versteht und seine Tragweite nur undeutlich absieht. Sogar ganz Unzugehörige, Umsitzende lauschten dem Wortwechsel mit hohen Augenbrauen, gefesselt von Leidenschaft und Zierlichkeit der Wechselrede.
Es war, wie gesagt, vor dem Kurhause, nachmittags nach dem Tee. Die vier Berghofgäste hatten Settembrini dort getroffen, und von ungefähr hatte Naphta sich zugesellt. Sie saßen alle um ein kleines metallenes Tischchen herum bei verschiedenen mit Soda verdünnten Getränken, Anis und Wermut. Naphta, der hier seine Vespermahlzeit einnahm, hatte sich Wein und Kuchen geben lassen, was offenbar eine Erinnerung an seine Alumnenzeit darstellte; Joachim befeuchtete seine leidende Kehle oft mit Naturlimonade, die er sehr stark und sauer trank, weil das zusammenziehe und ihm Erleichterung schaffe, und Settembrini genoß schlechthin Zuckerwasser, jedoch durch einen Strohhalm und auf so anmutig appetitliche Art, als schlürfe er die kostbarste Erquickung. Er scherzte:
„Was höre ich, Ingenieur? Was kommt mir gerüchtweise zu Ohren? Ihre Beatrice kehrt wieder? Ihre Führerin durch alle neun kreisenden Sphären des Paradieses? Nun, ich will hoffen, daß Sie auch dann die leitende Freundeshand Ihres Virgil nicht ganz verschmähen werden! Unser Ekklesiast hier wird Ihnen bestätigen, daß die Welt des medio evo nicht komplett ist, wenn franziskanischer Mystik der Gegenpol thomistischer Erkenntnis fehlt.“
Man lachte über soviel spaßhafte Gelehrsamkeit und sah Hans Castorp an, der ebenfalls lachend „seinem Virgil“ das Wermutglas entgegenhob. Es ist aber kaum zu glauben, was alles aus der, wenn auch geschnörkelten, so doch sehr harmlosen Äußerung Herrn Settembrinis sich an unerschöpflichem Geisteszwist in der nächsten Stunde ergab. Denn Naphta, freilich gewissermaßen herausgefordert, ging sofort zum Angriff über und machte sich über den lateinischen Dichter her, den Settembrini bekanntermaßen abgöttisch liebte, ja, über Homer stellte, während Naphta ihm, wie überhaupt der lateinischen Poesie, schon mehr als einmal die schärfste Geringschätzung bezeigt hatte – und eben hierzu auch jetzt die Gelegenheit prompt und boshaft ergriff. Es sei eine äußerst gutmütige Zeitbefangenheit des großen Dante gewesen, sprach er, diesen mittelmäßigen Versifex so feierlich zu nehmen und ihm in seinem Liede eine so hohe Rolle zuzuweisen, wenn auch Herr Lodovico dieser Rolle wohl eine allzu freimaurerische Bedeutung beilege. Was es denn weiter auf sich gehabt habe mit diesem höfischen Laureatus und Speichellecker des julischen Hauses, diesem Weltstadtliteraten und Prunkrhetor ohne einen Funken von Produktivität, dessen Seele, wenn er eine gehabt habe, jedenfalls aus zweiter Hand gewesen, und der überhaupt kein Dichter, sondern ein Franzose in augusteischer Allongeperücke gewesen sei!
Herr Settembrini zweifelte nicht, daß der Vorredner Mittel und Wege wissen werde, seine Verachtung der römischen Hochzivilisation mit seinem Amt als Lateinlehrer zu vereinbaren, doch scheine es nötig, ihn auf den schwereren Widerspruch hinzuweisen, in den er sich durch solche Urteile mit seinen eigenen Lieblingsjahrhunderten setze, die den Virgilius nicht nur nicht verachtet, sondern seiner Größe auf einfältige Art gerecht geworden seien, indem sie einen weisheitsmächtigen Zauberer aus ihm gemacht hätten.
Recht vergebens, versetzte Naphta, rufe Herr Settembrini die Einfalt jener morgendlichen Zeiten zu seiner Hilfe auf, – die Siegerin, die ihre Schöpferkraft noch in der Dämonisierung des Überwundenen bewährt habe. Übrigens seien die Lehrer der jungen Kirche nicht müde geworden, vor den Lügen der alten Philosophen und Dichter zu warnen, insonderheit davor, sich mit der üppigen Beredsamkeit des Virgil zu beflecken, und heute, wo wieder ein Zeitalter zu Grabe sinke, abermals ein proletarischer Morgen tage, sei wahrhaftig die Stunde günstig, ihnen nachzufühlen! So möge denn, um alles zu beantworten, Herr Lodovico auch überzeugt sein, daß er, Redner, sein bißchen bürgerliche Beschäftigung, worauf jener anzuspielen die Güte gehabt habe, mit aller gebotenen reservatio mentalis betreibe und sich nicht ohne Ironie in einen klassisch-rhetorischen Erziehungsbetrieb einordne, dessen Lebensdauer ein Sanguiniker allenfalls noch nach Jahrzehnten berechnen möge.
„Ihr habt sie,“ rief Settembrini, „ihr habt sie studiert, daß ihr schwitztet, diese alten Dichter und Philosophen, habt euch ihr kostbares Erbe anzueignen versucht, wie ihr das Material der antiken Bauwerke für eure Bethäuser benutztet! Denn ihr fühltet wohl, daß ihr aus eigener Kraft eurer proletarischen Seele keine neue Kunstform hervorzubringen vermöchtet und hofftet, das Altertum mit seinen eigenen Waffen zu schlagen. So wird es wieder, so wird es immer gehen! Euere ungehobelte Morgendlichkeit wird sich in die Schule begeben müssen bei dem, was zu verachten ihr euch und andere bereden möchtet; denn ohne Bildung bestündet ihr nicht vor dem Angesicht der Menschheit, und es gibt nur eine Bildung: diejenige, die ihr die bürgerliche nennt, und die die menschliche ist!“ Eine Frage von Jahrzehnten – das Ende des humanistischen Erziehungsprinzips? Nur Höflichkeit hinderte Herrn Settembrini, in ein ebenso sorgloses wie spöttisches Gelächter auszubrechen. Ein Europa, das sein Ewigkeitsgut zu wahren wisse, werde über proletarische Apokalypsen, die man da und dort zu erträumen beliebe, in Gemütsruhe zur Tagesordnung klassischer Vernunft übergehen.
Über die Tagesordnung nun gerade, versetzte Naphta beißend, scheine Herr Settembrini nicht ganz wohlunterrichtet. Auf der Tagesordnung eben stehe als Frage, was jener als ausgemacht zu behandeln für gut finde: nämlich, ob die mediterran-klassisch-humanistische Überlieferung eine Menschheitssache und darum menschlich-ewig – oder ob sie allenfalls nur Geistesform und Zubehör einer Epoche, der bürgerlich-liberalen, gewesen sei und mit ihr sterben könne. Dies zu entscheiden, werde Sache der Geschichte sein, und es sei Herrn Settembrini immerhin zu empfehlen, sich nicht allzu sehr in Sicherheit zu wiegen, daß die Entscheidung im Sinn seines lateinischen Konservativismus fallen werde.
Das war eine besondere Unverschämtheit des kleinen Naphta, Herrn Settembrini, den erklärten Diener des Fortschritts, einen Konservativen zu nennen. Alle empfanden es so und mit besonderer Bitterkeit natürlich der Betroffene, der erregt seinen geschwungenen Schnurrbart zwirbelte und im Suchen nach einem Gegenschlage dem Feinde Zeit ließ zu weiteren Ausfällen gegen das klassische Bildungsideal, den rhetorisch-literarischen Geist des europäischen Schul- und Erziehungswesens und seinen grammatisch-formalen Spleen, der nichts als ein Interessenzubehör der bürgerlichen Klassenherrschaft, dem Volke aber längst ein Gelächter sei. Ja, man ahne nicht, wie weidlich das Volk sich über unsere Doktortitel und unser ganzes Bildungsmandarinentum lustig mache und über die staatliche Volksschule, dies Instrument bourgeoiser Klassendiktatur, gehandhabt in dem Wahn, daß Volksbildung verwässerte Gelehrtenbildung sei. Diejenige Bildung und Erziehung, die das Volk im Kampf gegen das morsche Bürgerreich brauche, wisse es sich längst wo anders zu holen als in den obrigkeitlichen Zwangsanstalten, und nachgerade pfiffen die Spatzen es von den Dächern, daß unser Schultypus überhaupt, wie er sich aus der Klosterschule des Mittelalters entwickelt habe, einen lächerlichen Zopf und Anachronismus darstelle, daß niemand in der Welt seine eigentliche Bildung mehr der Schule verdanke, und daß ein freier, offener Unterricht durch öffentliche Vorträge, Ausstellungen, Kinos und so fort jedem Schulunterricht weit überlegen sei.
In der Mischung aus Revolution und Dunkelmännertum, die Naphta da seinen Zuhörern kredenzte, antwortete ihm Herr Settembrini, überwiege der obskurantistische Beisatz in unschmackhafter Weise. Das Gefallen, das seine Sorge um die Aufklärung des Volkes erwecke, leide einige Einbuße durch die Befürchtung, daß hier vielmehr eine Instinktneigung obwalte, Volk und Welt in analphabetische Finsternis zu hüllen.
Naphta lächelte. Analphabetentum! Da glaube man nun ein wahres Entsetzenswort ausgesprochen, das Haupt der Gorgo vorgezeigt zu haben, überzeugt, daß jedermann pflichtschuldig davor erblassen werde. Er, Naphta, bedauere, seinem Gesprächspartner die Enttäuschung bereiten zu müssen, daß die Humanistenfurcht vor dem Begriff des Analphabetentums ihn einfach erheitere. Man müsse ein Renaissanceliterat, ein Prezioser, ein Secentist, ein Marinist, ein Hanswurst des estilo culto sein, um den Disziplinen des Lesens und Schreibens eine so übertriebene erzieherische Vordringlichkeit beizumessen, daß man sich einbilde, Geistesnacht müsse walten, wo ihre Kenntnis fehle. Ob Herr Settembrini sich erinnere, daß der größte Dichter des Mittelalters, Wolfram von Eschenbach, Analphabet gewesen sei? Damals habe es in Deutschland für schimpflich gegolten, einen Knaben, der nicht gerade Geistlicher habe werden wollen, zur Schule zu schicken, und diese adlig-volkstümliche Verachtung der literarischen Künste sei immer das Merkmal vornehmer Wesentlichkeit geblieben, – während der Literat, dieser rechte Sohn des Humanismus und der Bürgerlichkeit, allerdings lesen und schreiben könne, was der Adlige, der Krieger und das Volk nicht könnten oder nur schlecht könnten, – aber weiter könne und verstehe er in aller Welt auch gar nichts, sondern sei noch immer ein latinistischer Windbeutel, der die Rede verwalte und den rechtschaffenen Leuten das Leben überlasse, – weshalb er denn auch aus der Politik einen Beutel voll Wind mache, nämlich voll Rhetorik und schöner Literatur, was in der Parteisprache Radikalismus und Demokratie heiße – und so fort, und so fort.
Darauf denn nun Herr Settembrini! Allzu kühn, rief er, kehre der andere seinen Geschmack an der inbrünstigen Barbarei gewisser Epochen hervor, indem er die Liebe zur literarischen Form verhöhne, ohne die allerdings keine Menschlichkeit möglich und denkbar sei, allerdings nicht und nimmermehr! Vornehmheit? Nur Menschenfeindschaft könne die Wortlosigkeit, die rohe und stumme Dinglichkeit auf ihren Namen taufen. Vornehm vielmehr sei einzig ein gewisser edler Luxus, die generosità, die sich darin bekunde, der Form einen menschlichen, vom Inhalt unabhängigen Eigenwert beizulegen, – der Kultus der Rede als einer Kunst um der Kunst willen, dies Erbe der griechisch-römischen Zivilisation, welches die Humanisten, die uomini letterati, der Romania, ihr wenigstens, zurückgebracht hätten, und das die Quelle jedes weiteren und inhaltlichen Idealismus, auch des politischen, sei. „Jawohl, mein Herr! Was Sie als Trennung von Rede und Leben verunglimpfen möchten, ist nichts als höhere Einheit im Kronrund des Schönen, und mir ist nicht bange, auf welche Seite in einem Streit, dessen Wahlfälle Literatur und Barbarei heißen, hochherzige Jugend sich immer schlagen wird.“
Hans Castorp, dessen Aufmerksamkeit nur halb beim Gespräch gewesen war, da die Person des anwesenden Kriegers und Vertreters vornehmer Wesentlichkeit, oder eigentlich der neuartige Ausdruck seiner Augen ihn beschäftigte, fuhr etwas zusammen, da er sich durch Herrn Settembrinis letzte Worte aufgerufen und angefordert fühlte, machte dann aber ein Gesicht, wie damals, als Settembrini ihn zur Entscheidung zwischen „Ost und West“ feierlich hatte nötigen wollen: ein Gesicht also voller Vorbehalt und Widerspenstigkeit, und schwieg. Alles stellten sie auf die Spitze, diese zwei, wie es wohl nötig war, wenn man streiten wollte, und haderten erbittert um äußerste Wahlfälle, während ihm doch schien, als ob irgendwo inmitten zwischen den strittigen Unleidlichkeiten, zwischen rednerischem Humanismus und analphabetischer Barbarei das gelegen sein müsse, was man als das Menschliche oder Humane persönlich ansprechen durfte. Aber er sprach es nicht an, um nicht beide Geister zu ärgern, und sah, eingehüllt in Vorbehalt, wie sie weiter dahin trieben und einander feindlich behilflich waren, vom Hundertsten ins Tausendste zu kommen, nachdem Settembrini mit seinem kleinen Scherz vom Lateiner Virgil den Anstoß gegeben.
Er gab das Wort noch nicht her, er schwang es, er ließ es triumphieren. Er warf sich zum Schützer auf des literarischen Genius, feierte die Geschichte des Schrifttums von dem Augenblick an, wo zum erstenmal ein Mensch, um seinem Wissen und Fühlen Denkmalsdauer zu geben, Wortezeichen in einen Stein gegraben hatte. Er sprach von dem ägyptischen Gotte Thot, mit dem der dreimalgroße Hermes des Hellenismus identisch gewesen, und der als Erfinder der Schrift, Schutzherr der Bibliotheken und Anreger aller geistigen Bestrebungen verehrt worden war. Er beugte redend das Knie vor diesem Trismegist, dem humanistischen Hermes, dem Meister der Palästra, dem die Menschheit das Hochgeschenk des literarischen Wortes, der agonalen Rhetorik verdankte, und veranlaßte so Hans Castorp zu der Anmerkung: dann sei dieser gebürtige Ägypter offenbar auch ein Politiker gewesen und habe in größerem Stile dieselbe Rolle gespielt wie Herr Brunetto Latini, der speziell den Florentinern Schliff verliehen und sie das Sprechen gelehrt, sowie die Kunst, ihre Republik nach den Regeln der Politik zu lenken, – worauf Naphta erwiderte, Herr Settembrini schwindle ein bißchen und habe ihm von Thot-Trismegistos ein allzu gelecktes Bild gegeben. Denn das sei vielmehr eine Affen-, Mond- und Seelengottheit gewesen, ein Pavian mit einer Mondsichel auf dem Kopf und unter dem Namen des Hermes vor allem ein Todes- und Totengott: der Seelenzwinger und Seelenführer, der schon der späteren Antike zum Erzzauberer und dem kabbalistischen Mittelalter zum Vater der hermetischen Alchimie geworden sei.
Was, was? In Hansens Gedanken und Vorstellungswerkstatt ging es drunter und drüber. Da war der blaubemantelte Tod als humanistischer Rhetor; und wenn man den pädagogischen Literaturgott und Menschenfreund näher ins Auge faßte, so hockte da statt seiner eine Affenfratze mit dem Zeichen der Nacht und der Zauberei an der Stirn ... Er wehrte und winkte ab mit der Hand und legte sie dann über die Augen. Aber in das Dunkel, worein er sich vor der Verwirrung gerettet, klang Settembrinis Stimme, der fortfuhr, die Literatur zu preisen. Nicht nur die betrachtende, auch die aktive Größe, rief er, sei allezeit mit ihr verbunden gewesen; und er nannte Alexander, Cäsar, Napoleon, nannte den preußischen Friedrich und weitere Helden, sogar Lassalle und Moltke. Es focht ihn nicht an, daß Naphta ihn ins Chinesische heimschicken wollte, wo die skurrilste Vergötterung des Abc herrsche, die je erreicht worden sei, und wo man Generalfeldmarschall werde, wenn man alle vierzigtausend Wortzeichen tuschen könne, was recht nach dem Herzen eines Humanisten sein müsse. Eh, Naphta wußte recht wohl, daß es sich nicht ums Tuschen handelte, sondern um die Literatur als Menschheitsimpuls, um ihren Geist, armer Spötter! welcher der Geist selber war, das Wunder der Verbindung von Analyse und Form. Er war es, der das Verständnis für alles Menschliche weckte, die Schwächung und Auflösung dummer Werturteile und Überzeugungen betrieb, die Sittigung, Veredelung und Besserung des Menschengeschlechtes herbeiführte. Indem er die äußerste moralische Verfeinerung und Reizbarkeit schuf, erzog er, fern davon, zu fanatisieren, zugleich zum Zweifel, zur Gerechtigkeit, zur Duldung. Die reinigende, heiligende Wirkung der Literatur, die Zerstörung der Leidenschaften durch die Erkenntnis und das Wort, die Literatur als Weg zum Verstehen, zum Vergeben und zur Liebe, die erlösende Macht der Sprache, der literarische Geist als edelste Erscheinung des Menschengeistes überhaupt, der Literat als vollkommener Mensch, als Heiliger: – aus dieser strahlenden Tonart ging Herrn Settembrinis apologetischer Lobgesang. Ach, aber auch der Widersacher war nicht auf den Mund gefallen; er wußte das englische Halleluja durch schlimme, glänzende Einwände zu stören, indem er sich zur Partei der Erhaltung und des Lebens schlug gegen den Geist der Zersetzung, welcher sich hinter jener seraphischen Gleisnerei verberge. Die Wunderverbindung, von welcher Herr Settembrini tremoliert habe, hieß es nun, laufe auf nichts als Trug und Gaukelspiel hinaus, denn die Form, die der literarische Geist mit dem Prinzip der Untersuchung und Trennung zu vereinigen sich rühme, sei nur eine Schein- und Lügenform, keine echte, gewachsene, natürliche, keine Lebensform. Der sogenannte Verbesserer des Menschen führe wohl Reinigung und Heiligung im Munde, in Wahrheit aber sei es die Entmannung und Entblutung des Lebens, worauf er ausgehe; ja, der Geist, die eifernde Theorie sei lebensschänderisch, und wer die Leidenschaften zerstören wolle, der wolle das Nichts, – das reine Nichts, rein allerdings, da „rein“ denn in der Tat das einzige Attribut sei, das allenfalls dem Nichts noch könne beigelegt werden. Darin nun aber eben zeige Herr Settembrini, der Literat, sich recht als das, was er sei, nämlich als Mann des Fortschritts, des Liberalismus und der bürgerlichen Revolution. Denn der Fortschritt sei reiner Nihilismus und der liberale Bürger ganz eigentlich der Mann des Nichts und des Teufels, ja, er leugne Gott, das konservativ und positiv Absolute, indem er zum Teuflisch-Gegen-Absoluten schwöre und sich mit seinem Todespazifismus noch wunder wie fromm dünke. Er sei aber nichts weniger als fromm, sondern ein Hochverbrecher am Leben, vor dessen Inquisition und strenge Fehme er peinlich gezogen zu werden verdiene – et cetera.
So wußte Naphta zu pointieren, den Lobgesang ins Diabolische zu verkehren und sich selbst als die Inkarnation bewahrender Liebesstrenge hinzustellen, so daß zu unterscheiden, wo Gott und wo der Teufel, wo Tod und wo Leben war, wieder einmal zur reinen Unmöglichkeit wurde. Man wird es uns aufs Wort glauben, daß sein Gegenspieler Manns genug war, ihm die Antwort nicht schuldig zu bleiben, die hervorragend war, und auf die er wieder eine ebenso gute bekam, wonach es noch eine Weile so fortging und das Gespräch in früher schon angedeutete Erörterungen einmündete. Aber Hans Castorp hörte nicht länger zu, da Joachim zwischendurch geäußert hatte, er glaube bestimmt, Erkältungsfieber zu haben und wisse nicht recht, wie er sich nun verhalten solle, da Erkältungen hier doch nicht „reçu“ seien. Die Duellanten waren darüber hinweggegangen, aber Hans Castorp hatte, wie wir zeigten, ein besorgtes Auge auf seinen Vetter und brach auf mit ihm, mitten in einer Replik, indem er es darauf ankommen ließ, ob von dem restlichen Publikum, bestehend aus Ferge und Wehsal, ein hinlänglicher pädagogischer Antrieb zur Fortsetzung des Wettstreits ausgehen werde.
Unterwegs einigte er sich mit Joachim dahin, daß man in Sachen seiner Erkältung und Halsbeschwerden den Dienstweg einschlagen, das heißt also, den Bademeister anstellen wolle, die Oberin zu benachrichtigen, worauf denn für den Leidenden doch wohl etwas geschehen werde. So war es wohlgetan. Noch am Abend, gleich nach dem Diner, klopfte Adriatica bei Joachim, als Hans Castorp gerade bei ihm im Zimmer war, und erkundigte sich kreischend nach den Wünschen und Klagen des jungen Offiziers. „Halsschmerzen? Heiserkeit?“ wiederholte sie. „Menschenskind, was machen Sie für Sprünge?“ Und sie unternahm den Versuch, ihm durchdringend ins Auge zu blicken, wobei es nicht an Joachim lag, daß ein Ineinander-Ruhen ihrer Blicke mißlang: der ihre war es, der beiseite schweifte. Daß sie es immer wieder versuchte, wenn es ihr nun doch erfahrungsgemäß einmal nicht gegeben war, das Unternehmen durchzuführen! Mit Hilfe einer Art von metallenem Schuhlöffel, den sie aus ihrer Gürteltasche zog, sah sie dem Patienten in den Schlund, wobei Hans Castorp mit der Nachttischlampe leuchten mußte. Während sie, auf den Zehenspitzen stehend, um Joachims Zäpfchen herumspähte, sagte sie:
„Sagen Sie mal, geehrtes Menschenkind, – haben Sie sich schon mal verschluckt?“
Was war nun darauf zu antworten! Im Augenblick, solange sie spähte, war überhaupt keine Möglichkeit, Rede zu stehen; aber auch nachdem sie von ihm abgelassen, blieb guter Rat teuer. Natürlich hatte er sich im Leben schon ein und das andere Mal verschluckt, beim Essen und Trinken; doch das war Menschenlos und konnte bei ihrer Frage nicht wohl gemeint sein. Er sagte: Wieso? Er könne sich an das letztemal nicht erinnern.
Na, gut; es sei bloß so ein Einfall von ihr gewesen. Er habe sich also erkältet, sagte sie zum Erstaunen der Vettern, da sonst das Wort Erkältung doch hier im Hause verpönt war. Zur näheren Untersuchung des Halses sei gegebenenfalls des Hofrats Kehlkopfspiegel vonnöten. Sie ließ Formamint zurück bei ihrem Weggang, sowie einen Verbandwickel nebst Guttapercha zu feuchten Umschlägen für die Nacht, und Joachim machte Gebrauch von beidem, meinte auch deutliche Erleichterung zu spüren dank diesen Anwendungen und fuhr also fort damit, zumal seine Heiserkeit sich nicht klären wollte, ja, in den nächsten Tagen noch stärker wurde, obgleich die Halsschmerzen zuweilen fast ganz verschwanden.
Übrigens war sein Erkältungsfieber reine Einbildung gewesen. Der objektive Befund war der gewöhnliche, – eben der, welcher, zusammen mit den Ergebnissen der hofrätlichen Untersuchungen, den ehrliebenden Joachim hier zu einer kleinen Nachkur festhielt, bevor er wieder zur Fahne würde eilen können. Der Oktobertermin war sang- und klanglos vorübergegangen. Niemand verlor ein Wort darüber, weder der Hofrat, noch die Vettern gegeneinander: still und mit niedergeschlagenen Augen gingen sie darüber hinweg. Nach dem, was Behrens bei der Monatsuntersuchung dem seelenkundigen Famulus in die Feder diktierte, und was die photographische Platte zeigte, war allzu klar, daß höchstens von einer ganz wilden Abreise hätte die Rede sein können, während es doch diesmal galt, im Dienste hier oben mit eiserner Selbstzucht auszuharren, bis zum Flachlanddienste, zur Eideserfüllung dort unten endgültige Wetterfestigkeit gewonnen wäre.
Dies war die geltende Parole, über die einig zu sein man stillschweigend vorgab. Aber die Wahrheit sah so aus, daß einer vom andern nicht so ganz sicher war, ob er in tiefster Seele an diese Parole glaubte, und wenn man die Augen voreinander niederschlug, so geschah es in diesem Zweifel, und es geschah nicht, ohne daß zuvor die Augen sich getroffen hätten. Das aber kam öfters vor seit jenem Kolloquium über die Literatur, während dessen Hans Castorp zum erstenmal das neuartige Licht im Hintergrund von Joachims Augen, sowie den eigentümlich „drohenden“ Ausdruck darin bemerkt hatte. Namentlich einmal bei Tische kam es vor: als nämlich der heisere Joachim sich unversehens ausnehmend heftig verschluckte und kaum wieder zu Atem kommen konnte. Da also, während Joachim hinter seiner Serviette keuchte und Frau Magnus, seine Nachbarin, ihm einer alten Praktik gemäß den Rücken klopfte, trafen sich ihre Augen auf eine Art, die Hans Castorp schreckhafter bewegte, als der Unfall selbst, der selbstverständlich jedem zustoßen konnte, und dann schloß Joachim die seinen und verließ, mit der Serviette verhüllt, Tisch und Saal, um sich draußen auszuhusten.
Lächelnd, wenn auch noch etwas blaß, kehrte er nach zehn Minuten zurück, eine Entschuldigung wegen der verursachten Störung auf den Lippen, nahm wie zuvor an der übergewaltigen Mahlzeit teil, und nachher vergaß man sogar, auch nur mit einer Bemerkung auf den trivialen Zwischenfall zurückzukommen. Als aber einige Tage später, diesmal nicht beim Diner, sondern beim üppigen Gabelfrühstück, sich dasselbe ereignete, übrigens ohne daß die Augen sich getroffen hätten, wenigstens nicht diejenigen der Vettern, da Hans Castorp, über seinen Teller gebeugt, scheinbar unachtsam weiter speiste, mußte man nach aufgehobener Tafel wohl dennoch ein Wort daran wenden, und Joachim schalt auf das verdammte Frauenzimmer, die Mylendonk, die mit ihrer vom Zaun gebrochenen Frage ihm einen Floh ins Ohr gesetzt und ihm etwas eingeredet und angehext habe, der Teufel solle sie holen. Ja, offenbar sei es Suggestion, sagte Hans Castorp, – amüsant zu konstatieren bei aller Unannehmlichkeit. Und Joachim, nachdem man die Sache beim Namen genannt, erwehrte sich fortan mit Erfolg der Hexerei, gab acht beim Essen und verschluckte sich nicht häufiger mehr, als nichtbehexte Leute am Ende auch: erst neun oder zehn Tage später einmal wieder, worüber denn weiter nichts zu sagen war.
Jedoch war er außer der Reihe und Zeit zu Rhadamanthys bestellt. Die Oberin hatte ihn angezeigt und wohl nicht einmal dumm daran getan; denn da ein Kehlkopfspiegel im Hause war, so schien diese hartnäckige Heiserkeit, die stundenweise in wirkliche Stimmlosigkeit ausartete, und auch dies Halsweh, das wieder hervortrat, sobald Joachim versäumte, seine Kehle durch speicheltreibende Mittel geschmeidig zu halten, ein hinlänglicher Anlaß, das klug erdachte Instrument einmal aus dem Schranke zu nehmen, – zu schweigen davon, daß, wenn Joachim sich jetzt mit normaler Seltenheit verschluckte, dies nur der großen Vorsicht zu danken war, die er beim Essen aufwandte, und die ihn bei den Mahlzeiten fast regelmäßig in Rückstand hielt.
Der Hofrat also spiegelte, reflektierte und äugte tief und lange in Joachims Hals hinunter, worauf der Patient sich auf Hans Castorps besonderen Wunsch sogleich in dessen Balkonloge einfand, um Bericht zu erstatten. Es sei recht lästig und kitzlich gewesen, teilte er halb flüsternd mit, da gerade Hauptliegekur und Schweigegebot waltete, und schließlich habe Behrens allerlei von einem Reizungszustand gekohlt und gesagt, es müßten jeden Tag Pinselungen vorgenommen werden, gleich morgen wolle er zu ätzen anfangen, er müsse nur erst das Medikament bereitstellen. Also Reizungszustand und Ätzungen. Hans Castorp, den Kopf voller Gedankenverbindungen, die weit liefen und sich auf ganz fernstehende Personen, wie den hinkenden Concierge und jene Dame erstreckten, die sich die ganze Woche ihr Ohr gehalten und dennoch durchaus beruhigt hatte sein können, hatte noch Fragen auf den Lippen, brachte sie aber nicht darüber, sondern beschloß, sie dem Hofrat unter vier Augen vorzulegen und beschränkte sich gegen Joachim auf den Ausdruck seiner Genugtuung, daß das Ärgernis nun der Kontrolle unterstehe und der Hofrat die Sache in die Hand genommen habe. Der sei ein Hauptkerl und werde schon Remedur schaffen. Worauf Joachim nickte, ohne den anderen anzusehen, sich umwandte und in seine Loge hinüberging.
Was war es mit dem ehrliebenden Joachim? In den letzten Tagen waren seine Augen so unsicher und scheu geworden. Noch neulich war Oberin Mylendonk mit ihrem Durchbohrungsversuch an seinem sanften dunklen Blick gescheitert, allein wenn sie jetzt ihr Heil noch einmal versuchte, war man wahrhaftig nicht mehr sicher, wie die Sache ablaufen würde. Jedenfalls vermied er solche Begegnungen, und wenn es dennoch dazu kam (denn Hans Castorp sah ihn viel an), so wurde einem auch dabei nicht wohler. Bedrückt blieb Hans Castorp in seinem Abteil zurück, in treibender Versuchung, den Chef sogleich zur Rede zu stellen. Doch ging das nicht an, da Joachim sein Aufstehen gehört hätte, und so war Aufschub geboten und Behrens im Laufe des Nachmittags abzufangen.
Das aber gelang nicht. Sonderbar! Es wollte durchaus nicht gelingen, des Hofrats habhaft zu werden, und zwar weder diesen Abend, noch während der ganzen beiden folgenden Tage. Natürlich war Joachim etwas hinderlich, da er nichts merken sollte, aber das reichte nicht hin, zu erklären, weshalb die Unterredung nicht zu erlangen und Radamanth auf keine Weise dingfest zu machen war. Hans Castorp suchte und fragte nach ihm im ganzen Hause, wurde dahin und dorthin gewiesen, wo er ihn sicher treffen werde, und fand ihn dann eben nicht mehr dort. Bei einer Mahlzeit war Behrens zugegen, saß aber weit fort, am Schlechten Russentisch und verschwand vor dem Dessert. Ein paarmal glaubte Hans Castorp ihn schon am Knopf zu halten, er sah ihn auf Treppen und Gängen im Gespräch mit Krokowski, mit der Oberin, mit einem Patienten stehen und paßte ihm auf. Aber da er nur eben die Augen abgewandt hatte, war Behrens weg.
Am vierten Tage erst kam er zum Ziel. Von seinem Balkon aus sah er den Verfolgten im Garten dem Gärtner Anweisungen geben, schlüpfte geschwind aus der Decke und eilte hinunter. Eben ruderte der Hofrat mit rundem Nacken gegen seine Wohnung davon. Hans Castorp trabte und erlaubte sich sogar, zu rufen, fand aber kein Gehör. Endlich, atemlos anlangend, brachte er seinen Mann zum Stehen.
„Was haben Sie hier zu suchen!“ herrschte der Hofrat ihn mit quellenden Augen an. „Soll ich Ihnen ein Extra-Exemplar der Hausordnung aushändigen lassen? Meines Wissens ist Liegekur. Ihre Kurve und die Platte geben Ihnen gar kein besonderes Recht, den Freiherrn zu spielen. Man sollte hier irgendwo so eine göttliche Diebsscheuche anbringen lassen, die Leute, die zwischen zwei und vier im Garten Libertinage treiben, mit Aufspießung bedroht! Was wollen Sie eigentlich?“
„Herr Hofrat, ich muß Sie unbedingt einen Augenblick sprechen!“
„Das merke ich, daß Sie sich das schon lange einbilden. Sie stellen mir ja nach, als ob ich ein Frauenzimmer und wunder was für ein Lustobjekt wäre. Was wollen Sie von mir?“
„Es ist nur wegen meines Vetters, Herr Hofrat, entschuldigen Sie! Er wird nun gepinselt ... Ich bin überzeugt, daß damit die Sache auf gutem Wege ist. Sie ist doch harmlos, – wollte ich mir nur zu fragen erlauben?“
„Sie wollen immer alles harmlos haben, Castorp, so sind Sie. Sie sind gar nicht abgeneigt, sich auch einmal mit Nichtharmlosigkeiten einzulassen, aber dann behandeln Sie sie, als ob sie harmlos wären, und damit glauben Sie sich vor Gott und Menschen angenehm zu machen. Sie sind eine Art von Feigling und Duckmäuser, Mensch, und wenn Ihr Vetter Sie einen Zivilisten nennt, so ist das noch sehr euphemistisch ausgedrückt.“
„Kann alles sein, Herr Hofrat. Natürlich, die Schwächen meines Charakters stehen doch außer Frage. Aber das ist es eben, daß sie im Augenblick wohl außer Frage stehen, und was ich Sie schon seit drei Tagen bitten wollte, ist nur –“
„Daß ich Ihnen recht angenehm gezuckerten und gepantschten Wein einschenke! Sie wollen mich behelligen und mich langweilen, damit ich Sie in Ihrer verdammten Duckmäuserei befestige, und damit Sie in Unschuld schlafen können, während andere Leute wachen und sich den Wind um die Nase wehen lassen.“
„Aber, Herr Hofrat, Sie sind recht streng mit mir. Ich wollte im Gegenteil –“
„Ja, Strenge, das ist nun gerade gar nicht Ihre Sache. Da ist Ihr Vetter ein anderer Kerl, von anderem Schrot und Korn. Der weiß Bescheid. Der weiß schweigend Bescheid, verstehen Sie mich? Der hängt sich den Leuten nicht an die Rockschöße, um sich blauen Dunst und Harmlosigkeit vormachen zu lassen. Der wußte, was er tat und was er daransetzte, und ist ein Mannsbild, das sich auf Haltung versteht und aufs Maulhalten, was eine männliche Kunst ist, aber leider nicht die Sache von solchen bipedischen Annehmlichkeiten wie Sie. Aber das sage ich Ihnen, Castorp, wenn Sie hier Szenen aufführen und ein Geschrei erheben und sich Ihren Zivilgefühlen überlassen, so setze ich Sie an die Luft. Denn hier wollen Männer unter sich sein, verstehen Sie mich.“
Hans Castorp schwieg. Er wurde jetzt auch fleckig, wenn er sich verfärbte. Er war zu kupferrot, um ganz blaß zu werden. Schließlich sagte er mit zuckenden Lippen:
„Ich danke sehr, Herr Hofrat. Ich weiß ja nun auch wohl Bescheid, denn ich nehme an, daß Sie nicht so – wie soll ich sagen – so feierlich zu mir sprechen würden, wenn es nicht ernst wäre mit Joachim. Ich bin auch gar nicht für Szenen und für Geschrei, da tun Sie mir unrecht. Und wenn es also auf Diskretion ankommt, so stehe ich auch meinen Mann, das glaube ich zusagen zu können.“
„Sie hängen an Ihrem Vetter, Hans Castorp?“ fragte der Hofrat, indem er plötzlich des jungen Mannes Hand ergriff und ihn mit seinen blauen, weißlich bewimperten, blutunterlaufenen Quellaugen von unten anblickte ...
„Was läßt sich da sagen, Herr Hofrat. Ein so naher Verwandter und so guter Freund und mein Kamerad hier oben.“ Hans Castorp schluchzte kurz und stellte den einen Fuß auf die Spitze, indem er die Ferse nach außen wandte.
Der Hofrat beeilte sich, seine Hand loszulassen.
„Na, dann seien Sie nett mit ihm diese sechs, acht Wochen“, sagte er. „Überlassen Sie sich Ihrer angeborenen Harmlosigkeit, das wird ihm das Liebste sein. Ich bin auch noch da, und zwar dazu, die Sache so kavaliersmäßig und komfortabel wie möglich zu gestalten.“
„Larynx, nicht wahr?“ sagte Hans Castorp, indem er dem Hofrat zunickte.
„Laryngea“, bestätigte Behrens. „Schnell fortschreitende Zerstörung. Und mit der Luftröhrenschleimhaut sieht es auch schon böse aus. Kann sein, daß das Kommandogeschrei im Dienst da einen locus minoris resistentiae geschaffen hat. Aber gefaßt sein müssen wir auf solche Diversionen ja immer. Wenig Aussicht, mein Junge; eigentlich wohl gar keine. Selbstverständlich soll alles versucht werden, was gut und teuer ist.“
„Die Mutter ...“, sagte Hans Castorp.
„Später, später. Eilt ja noch nicht. Sorgen Sie mit Takt und Geschmack dafür, daß sie sukzessive ins Bild kommt. Und nun scheren Sie sich auf Ihren Posten. Er merkt es ja. Und es muß ihm doch peinlich sein, sich so hinter seinem Rücken besprochen zu wissen.“
– Täglich ging Joachim zum Pinseln. Es war ein schöner Herbst, in weißen Flanellhosen zum blauen Rock kam er öfters verspätet von der Behandlung zum Essen, propper und militärisch, grüßte knapp, freundlich und männlich zusammengenommen, indem er seiner Säumigkeit wegen um Pardon bat, und setzte sich zu seiner Mahlzeit nieder, die man ihm jetzt besonders bereitete, da er bei der gewöhnlichen Kost, der Verschluckungsgefahr wegen, nicht mitkam: er erhielt Suppen, Haschees und Brei. Schnell hatten die Tischgenossen die Lage begriffen. Sie erwiderten seinen Gruß mit nachdrücklicher Höflichkeit und Wärme, indem sie ihn „Herr Leutnant“ anredeten. In seiner Abwesenheit befragten sie Hans Castorp, und auch von den anderen Tischen kam man zu ihm und fragte. Frau Stöhr kam mit gerungenen Händen und lamentierte ungebildet. Aber Hans Castorp antwortete nur einsilbig, räumte den Ernst des Zwischenfalles ein, leugnete jedoch bis zu einem gewissen Grade, tat es ehrenhalber, aus dem Gefühle, Joachim nicht vorzeitig preisgeben zu dürfen.
Sie gingen zusammen spazieren, legten dreimal täglich den dienstlichen Lustwandel zurück, auf welchen der Hofrat Joachim nun genauestens eingeschränkt hatte, damit unnötige Kräfteausgabe vermieden werde. Links von seinem Vetter ging Hans Castorp, – sie waren früher so oder auch anders gegangen, wie es gerade kam, aber jetzt hielt sich Hans Castorp vorwiegend links. Sie sprachen nicht viel, redeten die Worte, die der Berghof-Normaltag ihnen auf die Lippen führte, sonst nichts. Über das Thema, das zwischen ihnen stand, ist nichts zu reden, zumal zwischen Leuten von Sittensprödigkeit, die einander nur äußerstenfalls mit Vornamen nennen. Dennoch hob es sich zuweilen drängend und wallend auf in Hans Castorps Zivilistenbrust, im Begriffe, sich zu ergießen. Aber es war unmöglich. Was schmerzlich-stürmisch emporgeschwollen war, sank zurück, und er verstummte.
Joachim ging gebeugten Kopfes neben ihm. Er sah zu Boden, als betrachtete er die Erde. Es war so merkwürdig: er ging hier, propper und ordentlich, er grüßte Vorübergehende auf seine ritterliche Art, hielt auf sein Äußeres und auf bienséance wie immer – und gehörte der Erde. Nun, der gehören wir alle über kurz oder lang. Aber so jung und mit so gutem, freudigem Willen zum Dienst bei der Fahne ganz kurzfristig ihr zu gehören, das ist doch bitter: noch bitterer und unbegreiflicher für einen wissend nebenhergehenden Hans Castorp, als für den Erdmann selbst, dessen anständig verschwiegenes Wissen eigentlich recht akademischer Natur ist, geringen Wirklichkeitscharakter für ihn besitzt und im Grunde weniger seine Sache ist, als die der anderen. Tatsächlich ist unser Sterben mehr eine Angelegenheit der Weiterlebenden, als unserer selbst; denn ob wir es nun zu zitieren wissen oder nicht, so hat das Wort des witzigen Weisen jedenfalls volle seelische Gültigkeit, daß, solange wir sind, der Tod nicht ist, und daß, wenn der Tod ist, wir nicht sind; daß also zwischen uns und dem Tode gar keine reale Beziehung besteht und er ein Ding ist, das uns überhaupt nichts und nur allenfalls Welt und Natur etwas angeht, – weshalb denn auch alle Wesen ihm mit großer Ruhe, Gleichgültigkeit, Verantwortungslosigkeit und egoistischer Unschuld, entgegenblicken. Von dieser Unschuld und Verantwortungslosigkeit fand Hans Castorp viel in Joachims Wesen während dieser Wochen und verstand, daß jener zwar wisse, daß es ihm aber darum nicht schwer falle, über dies Wissen ein anständiges Schweigen zu beobachten, weil seine inneren Beziehungen dazu nur locker und theoretisch waren oder, soweit sie praktisch in Betracht kamen, durch ein gesundes Schicklichkeitsgefühl geregelt und bestimmt wurden, das die Erörterung jenes Wissens ebensowenig zuließ wie diejenige so vieler anderer funktioneller Unanständigkeiten, deren das Leben sich bewußt und durch die es bedingt ist, die es aber nicht hindern, bienséance zu bewahren.
So gingen sie und schwiegen über lebensunziemliche Angelegenheiten der Natur. Auch Joachims anfangs so bewegt und zornig geführte Klagen über das Versäumnis der Manöver, des militärischen Flachlanddienstes überhaupt waren verstummt. Warum aber kehrte statt dessen und trotz aller Unschuld so oft der Ausdruck trüber Scheu in seine sanften Augen zurück, – jene Unsicherheit, die der Oberin, wenn sie es noch einmal hätte darauf ankommen lassen, wahrscheinlich den Sieg gebracht haben würde? War es, weil er sich überäugig und hohlwangig wußte? – Denn so wurde er zusehends in diesen Wochen, viel mehr noch, als er es schon bei seiner Heimkehr vom Flachland gewesen war, und seine braune Gesichtsfarbe ward gelblich-lederner von Tag zu Tag. Als ob eine Umgebung ihm Grund zur Scham und Selbstverachtung gegeben hätte, die mit Herrn Albin auf nichts bedacht war, als darauf, die grenzenlosen Vorteile der Schande zu genießen. Wovor und vor wem also duckte und verbarg sich sein ehemals so offener Blick? Wie seltsam, die Lebensscham der Kreatur, die sich in ein Versteck schleicht, um zu verenden, – überzeugt, daß sie in der Natur draußen keinerlei Achtung und Pietät vor ihrem Leiden und Sterben zu gewärtigen hat, überzeugt hiervon mit Recht, da ja die Schar der schwingenfrohen Vögel den kranken Genossen nicht nur nicht ehrt, sondern ihn in Wut und Verachtung mit Schnabelhieben traktiert. Doch das ist gemeine Natur, und ein hochmenschliches Liebeserbarmen schwoll auf in Hans Castorps Brust, wenn er die dunkle Instinktscham in des armen Joachims Augen sah. Er ging links von ihm, ausdrücklich tat er es; und da Joachim nun auch etwas unsicher zu Fuße wurde, so stützte er ihn wohl, wenn es einen kleinen Wiesenhang zu erklettern galt, indem er, die Sittensprödigkeit überwindend, den Arm um ihn legte, ja, vergaß noch nachher eine Weile, seinen Arm wieder von Joachims Schultern wegzutun, bis dieser ihn halb ärgerlich abschüttelte und sagte:
„Na, du, was soll das. Es sieht ja betrunken aus, wie wir daherkommen.“
Aber dann kam ein Augenblick, wo dem jungen Hans Castorp die Trübung von Joachims Blick noch in einem anderen Lichte erschien, und das war, als Joachim Order erhalten hatte, das Bett zu hüten, Anfang November, – der Schnee lag hoch. Damals nämlich war es ihm allzu schwer geworden, auch nur die Haschees und Breie sich zuzuführen, da jeder zweite Bissen ihm in die falsche Kehle geriet. Der Übergang zu ausschließlich flüssiger Nahrung war indiziert, und zugleich verordnete Behrens dauernde Bettruhe, der Kräfteersparnis wegen. Es war also am Vorabend von Joachims dauernder Bettlägerigkeit, am letzten Abend, da er noch auf den Füßen war, daß Hans ihn betraf, – ihn im Gespräch mit Marusja betraf, der grundlos viellachenden Marusja mit dem Apfelsinentüchlein und der äußerlich wohlgebildeten Brust. Nach dem Diner war das, während der Abendgeselligkeit, in der Halle. Hans Castorp hatte sich im Musiksalon aufgehalten und kam heraus, um nach Joachim zu sehen: da fand er ihn vor dem Kachelkamin neben Marusjas Stuhl, – es war ein Schaukelstuhl, worin sie saß, und Joachim hielt ihn mit der Linken an der Rückenlehne nach hinten geneigt, so daß Marusja aus liegender Stellung mit ihren braunen Kugelaugen in sein Gesicht emporblickte, das er, leise und abgerissen sprechend, über das ihre beugte, während sie manchmal lächelnd und erregt-geringschätzig mit den Schultern zuckte.
Hans Castorp beeilte sich, zurückzutreten, nicht ohne wahrgenommen zu haben, daß noch andere Mitglieder der Gästeschaft auf die Szene, wie das zu gehen pflegte, ein belustigtes Auge hatten, – unbemerkt von Joachim, oder doch unbeachtet von ihm. Dieser Anblick: Joachim, im Gespräche rücksichtslos hingegeben an die hochbrüstige Marusja, mit der er so lange an ein und demselben Tisch gesessen, ohne ein einziges Wort mit ihr zu wechseln; vor deren Person und Existenz er mit strengem Ausdruck, vernünftig und ehrliebend, die Augen niedergeschlagen hatte, obgleich er fleckig erblaßte, wenn von ihr die Rede war, – erschütterte Hans Castorp mehr, als irgendein Zeichen der Entkräftung, das er in diesen Wochen sonst an seinem armen Vetter wahrgenommen. „Ja, er ist verloren!“ dachte er und setzte sich still auf einen Stuhl im Musiksalon, um Joachim Zeit zu lassen für das, was er sich dort in der Halle an diesem letzten Abend noch gönnte.
Von da an also nahm Joachim dauernd die Horizontale ein, und Hans Castorp schrieb davon an Luise Ziemßen, schrieb ihr in seinem vorzüglichen Liegestuhl, er habe nun seinen früheren gelegentlichen Mitteilungen hinzuzufügen, daß Joachim bettlägerig geworden sei und daß er zwar nichts gesagt habe, daß ihm aber der Wunsch, seine Mutter bei sich zu haben, von den Augen abzulesen sei, und daß Hofrat Behrens diesen unausgesprochenen Wunsch ausdrücklich unterstütze. Auch dies fügte er zart und deutlich hinzu. Und so war es denn kein Wunder, daß Frau Ziemßen die schnellsten Verkehrsmittel in Anspruch nahm, um zu ihrem Sohne zu stoßen: schon drei Tage nach Abgang dieses humanen Alarmbriefes traf sie ein, und Hans Castorp holte sie bei Schneegestöber im Schlitten von Station „Dorf“ ab, – legte, auf dem Bahnsteige stehend, bevor das Züglein einfuhr, seine Miene zurecht, daß sie die Mutter nicht gleich zu sehr erschrecke, daß diese aber auch nichts Falsches, Munteres mit dem ersten Blick darin lese.
Wie oft mochten wohl solche Begrüßungen sich hier schon ereignet haben, wie oft dies Aufeinander-Zueilen unter dringlichem und angstvollem Forschen des dem Zuge Entstiegenen in den Augen dessen, der ihn in Empfang nahm! Frau Ziemßen erweckte den Eindruck, als sei sie von Hamburg hierher zu Fuße gelaufen. Erhitzten Gesichtes zog sie Hans Castorps Hand an ihre Brust und stellte, gewissermaßen scheu um sich blickend, hastige und gleichsam geheime Fragen, denen er auswich, indem er ihr dankte, daß sie so rasch gekommen sei, – das sei famos, und wie mächtig werde ihr Joachim sich freuen. Tja, der liege nun leider vorderhand, es sei wegen der flüssigen Nahrung, die ja natürlich auf den Kräftezustand nicht ohne Einfluß sei. Aber da gebe es notfalls noch mancherlei Auskünfte, zum Beispiel die künstliche Ernährung. Übrigens werde sie ja selber sehen.
Sie sah; und an ihrer Seite sah Hans Castorp. Bis zu diesem Augenblick waren ihm die Veränderungen, die sich in den letzten Wochen an Joachim vollzogen hatten, gar nicht so bemerklich geworden, – junge Leute haben ja nicht viel Blick für solche Dinge. Jetzt aber, neben der von außen kommenden Mutter, betrachtete er ihn gleichsam mit ihren Augen, als hätte er ihn lange nicht gesehen, und erkannte klar und deutlich, was zweifellos auch sie erkannte, was aber ganz gewiß am besten von allen dreien Joachim selber wußte, nämlich, daß er ein Moribundus war. Er hielt Frau Ziemßens Hand in der seinen, die ebenso gelb und abgezehrt war, wie sein Gesicht, von welchem, eben infolge der Abmagerung, seine Ohren, dieser leichte Kummer seiner guten Jahre, stärker als ehedem und in bedauerlich entstellendem Maße abstanden, das aber bis auf diesen Fehler und trotz seiner durch den Stempel des Leidens und durch den Ausdruck von Ernst und Strenge, ja Stolz, den es trug, eher noch männlich verschönt erschien, – obgleich seine Lippen mit dem schwarzen Bärtchen darüber jetzt gar zu voll wirkten gegen die schattigen Wangenhöhlen. Zwei Falten hatten sich in die gelbliche Haut seiner Stirn zwischen den Augen eingegraben, die, obgleich tief in knochigen Höhlen liegend, schöner und größer waren als je, und an denen Hans Castorp sich freuen mochte. Denn alle Störung, Trübung und Unsicherheit war, seit Joachim lag, daraus geschwunden, und nur jenes früh bemerkte Licht war in ihrer ruhigen, dunklen Tiefe zu sehen – und freilich auch jene „Drohung“. Er lächelte nicht, während er die Hand seiner Mutter hielt und ihr flüsternd Guten Tag und Willkommen sagte. Auch bei ihrem Eintritt hatte er nicht einen Augenblick gelächelt, und diese Unbeweglichkeit, Unveränderlichkeit seiner Miene sagte alles.
Luise Ziemßen war eine tapfere Frau. Sie löste sich nicht in Jammer auf bei ihres braven Sohnes Anblick. Gefaßt und zusammengenommen im Sinne ihres durch das kaum sichtbare Schleiernetz befestigten Haares, phlegmatisch und energisch, wie man bekanntlich bei ihr zulande war, nahm sie Joachims Wartung in die Hand, durch seinen Anblick gerade gespornt zu mütterlicher Kampflust und erfüllt von dem Glauben, daß, wenn es etwas zu retten gäbe, nur ihrer Kraft und Wachsamkeit die Rettung gelingen könne. Um ihrer Bequemlichkeit willen geschah es gewiß nicht, sondern nur aus Sinn für das Stattliche, wenn sie einige Tage später einwilligte, daß auch eine Pflegeschwester noch zu dem Schwerkranken berufen wurde. Es war Schwester Berta, in Wirklichkeit Alfreda Schildknecht, die mit ihrem schwarzen Handkoffer an Joachims Lager erschien; aber weder bei Tag noch bei Nacht ließ Frau Ziemßens eifersüchtige Energie ihr viel zu tun, und Schwester Berta hatte eine Menge Zeit, auf dem Korridor zu stehen und, ihr Kneiferband hinter dem Ohre, neugierig auszuspähen.
Die protestantische Diakonissin war eine nüchterne Seele. Allein im Zimmer mit Hans Castorp und mit dem Kranken, der keineswegs schlief, sondern offenen Auges auf dem Rücken lag, war sie imstande, zu sagen:
„Das hätte ich mir auch nicht träumen lassen, daß ich einen von den Herren noch einmal zu Tode pflegen würde.“
Der erschrockene Hans Castorp zeigte ihr mit wilder Miene die Faust, aber sie begriff kaum, was er wollte, – weit entfernt, und mit Recht, von dem Gedanken, daß es angebracht sein möchte, Joachim zu schonen und viel zu sachlich gesonnen, um in Erwägung zu ziehen, daß irgendjemand, und nun gar der Nächstbeteiligte, sich über Charakter und Ausgang dieses Falles Täuschungen hingeben könne. „Da“, sagte sie, indem sie Kölnisches Wasser auf ein Taschentuch goß und es Joachim unter die Nase hielt, „tun Sie sich noch ein bißchen gütlich, Herr Leutnant!“ Und wirklich hätte es zu jener Zeit wenig Vernunft gehabt, dem guten Joachim ein X für ein U zu machen, – es sei denn zum Zwecke tonischer Beeinflussung, wie Frau Ziemßen es meinte, wenn sie ihm mit starker, bewegter Stimme von seiner Genesung sprach. Denn zweierlei war deutlich und nicht zu verkennen: daß Joachim erstens mit klarem Bewußtsein dem Tode entgegenging, und daß er es zweitens in Harmonie und Zufriedenheit mit sich selber tat. Erst in der letzten Woche, Ende November, als Herzschwäche sich bemerkbar machte, vergaß er sich stundenweise, von hoffnungsseliger Unklarheit über seinen Zustand umfangen, und sprach von seiner baldigen Rückkehr zum Regiment und seiner Beteiligung an den großen Manövern, die er sich noch im Gange befindlich dachte. Zu demselben Zeitpunkt war es aber auch, daß Hofrat Behrens darauf verzichtete, den Angehörigen Hoffnung zu geben und das Ende nur noch für eine Frage von Stunden erklärte.
Eine Erscheinung, so melancholisch wie gesetzmäßig, diese vergeßlich-gläubige Selbstbetörung auch männlicher Gemüter zu einer Zeit, wo tatsächlich der Zerstörungsprozeß sich seinem letalen Ziele nähert, – gesetzmäßig-unpersönlich und überlegen aller individuellen Bewußtheit, wie die Schlafverführung, die den Erfrierenden umstrickt, und wie das Im-Kreise-Herumkommen des Verirrten. Hans Castorp, den Kummer und Herzensweh nicht hinderten, das Phänomen mit Sachlichkeit ins Auge zu fassen, knüpfte unbeholfene, wenn auch scharfköpfige Betrachtungen daran im Gespräche mit Naphta und Settembrini, als er ihnen über das Befinden seines Verwandten Bericht erstattete, und zog sich einen Verweis des letzteren zu, indem er meinte, die landläufige Auffassung, philosophische Gläubigkeit und auf das Gute vertrauende Zuversicht sei ein Ausdruck von Gesundheit, Schwarzseherei und Weltverurteilung, aber ein Krankheitsmerkmal, beruhe offenbar auf Irrtum; denn sonst könne nicht gerade der trostlos finale Zustand einen Optimismus zeitigen, mit dessen schlimmer Rosigkeit verglichen der vorangegangene Trübsinn als eine derb-gesunde Lebensäußerung erscheine. Gottlob konnte er den Teilnehmenden gleichzeitig melden, daß Rhadamanthys innerhalb der Hoffnungslosigkeit der Hoffnung Raum ließ und einen sanften, trotz Joachims Jugend quallosen Exitus prophezeite.
„Idyllische Herzaffäre, meine gnädigste Frau!“ sagte er, während er Luise Ziemßens Hand in seinen beiden schaufelgroßen hielt und sie mit quellenden, tränenden, blutunterlaufenen Blauaugen von unten anblickte. „Mir lieb, mir ungeheuer lieb, daß es kordialen Verlauf nimmt, und daß er das Glottisödem und sonstige Niedertracht nicht abzuwarten braucht; so bleiben ihm viele Schikanen erspart. Das Herz läßt rapide aus, wohl ihm, wohl uns, wir können pflichtschuldigst das Unsrige dagegen tun mit unserer Kampferspritze, ohne viel Aussicht, ihm damit Weitläufigkeiten zu verursachen. Er wird viel schlafen zuletzt und freundlich träumen, glaube ich versprechen zu können, und wenn er zuguterletzt nicht gerade schlafen sollte, so wird er doch einen knappen, unmerklichen Übertritt haben, es wird ihm ziemlich egal sein, verlassen Sie sich darauf. So ist das übrigens im Grunde immer. Ich kenne den Tod, ich bin ein alter Angestellter von ihm, man überschätzt ihn, glauben Sie mir! Ich kann Ihnen sagen, es ist fast gar nichts damit. Denn was unter Umständen an Schindereien vorhergeht, das kann man ja nicht gut zum Tode rechnen, es ist eine springlebendige Angelegenheit und kann zum Leben und zur Genesung führen. Aber vom Tode wüßte Ihnen keiner, der wiederkäme, was Rechtes zu erzählen, denn man erlebt ihn nicht. Wir kommen aus dem Dunkel und gehen ins Dunkel, dazwischen liegen Erlebnisse, aber Anfang und Ende, Geburt und Tod, werden von uns nicht erlebt, sie haben keinen subjektiven Charakter, sie fallen als Vorgänge ganz ins Gebiet des Objektiven, so ist es damit.“
Dies war des Hofrats Art und Weise, Trost zu spenden. Wir wollen hoffen, daß sie der verständigen Frau Ziemßen ein bißchen wohltat; und seine Zusicherungen trafen denn ja ziemlich weitgehend auch ein. Der schwache Joachim schlief viele Stunden lang in diesen letzten Tagen, träumte auch wohl, was zu träumen ihm angenehm war, Flachländisch-Militärisches also, nehmen wir an; und wenn er erwachte und man ihn nach seinem Befinden fragte, so antwortete er, wenn auch undeutlich, stets, daß er sich wohl und glücklich fühle, – obgleich er fast keinen Puls mehr hatte und schließlich den Einstich der Injektionsspritze überhaupt nicht mehr spürte, – sein Körper war unempfindlich, man hätte ihn brennen und zwacken können, es wäre den guten Joachim bereits nicht mehr angegangen.
Doch hatten sich seit seiner Mutter Eintreffen noch große Veränderungen mit ihm vollzogen. Da ihm das Rasieren beschwerlich geworden war und er es seit acht oder zehn Tagen schon unterlassen hatte, sein Bartwuchs aber sehr kräftig war, so zeigte sein wächsernes Gesicht mit den sanften Augen sich nun von einem schwarzen Vollbart umrahmt, – einem Kriegsbart, wie wohl der Soldat ihn im Felde sich stehen läßt, und der ihn übrigens schön und männlich kleidete, wie alle fanden. Ja, Joachim war plötzlich aus einem Jüngling zum reifen Manne geworden durch diesen Bart und wohl nicht nur durch ihn. Er lebte rasch, wie ein abschnurrendes Uhrwerk, legte im Hui und Galopp die Altersstufen zurück, die in der Zeit zu erreichen ihm nicht vergönnt war, und wurde während der letzten vierundzwanzig Stunden zum Greise. Die Herzschwäche brachte eine angestrengt wirkende Schwellung seines Gesichtes mit sich, derart, daß Hans Castorp den Eindruck gewann, das Sterben müsse zum wenigsten eine große Mühsal sein, wenn auch Joachim dank mancher Ausfälle und Herabminderungen ihrer nicht gewahr zu werden schien; diese Anschwellung aber betraf am stärksten die Lippenpartie, und eine Austrocknung oder Enervation des inneren Mundes wirkte ersichtlich damit zusammen, so daß Joachim beim Sprechen mummelte wie ein ganz Alter und übrigens an dieser Hemmung wirkliches Ärgernis nahm: wäre er ihrer erst ledig, meinte er lallend, so werde alles gut sein, doch sie sei eine verwünschte Belästigung.
Wie er das meinte: es werde „alles gut“ sein, wurde nicht so ganz klar; – die Neigung seines Zustandes zum Zweideutigen trat auffallend hervor, er äußerte mehr als einmal Doppelsinniges, schien zu wissen und nicht zu wissen und erklärte einmal, offenbar von Vernichtungsgefühl durchschauert, mit Kopfschütteln und einer gewissen Zerknirschung: so grundschlecht sei er noch niemals daran gewesen.
Dann wurde sein Wesen ablehnend, streng-unverbindlich, ja unhöflich; er ließ sich keine Fiktionen und Beschönigungen mehr nahe kommen, antwortete nicht darauf, blickte fremd vor sich hin. Namentlich nachdem der junge Pfarrer, den Luise Ziemßen berufen, und der zu Hans Castorps Bedauern keine gestärkte Krause, sondern nur Bäffchen getragen hatte, mit ihm gebetet, nahm seine Haltung amtlich-dienstliches Gepräge an, äußerte er Wünsche nur in Form kurzer Befehlsworte.
Um 6 Uhr nachmittags begann er ein eigentümliches Tun: er fuhr wiederholt mit der rechten Hand, um deren Gelenk sein goldnes Kettenarmband lag, in der Gegend der Hüfte über die Bettdecke hin, indem er sie auf dem Rückwege etwas erhob und dann auf der Decke in schabender, rechender Bewegung wieder zu sich führte, so, als zöge und sammle er etwas ein.
Um 7 Uhr starb er, – Alfreda Schildknecht befand sich auf dem Korridor, nur Mutter und Vetter waren zugegen. Er war im Bette herabgesunken und befahl kurz, man möge ihn höher stützen. Während Frau Ziemßen, den Arm um seine Schultern, der Anordnung nachkam, äußerte er mit einer gewissen Hast, er müsse sofort ein Gesuch um Verlängerung seines Urlaubes aufsetzen und einreichen, und indem er es sagte, vollzog sich der „knappe Übertritt“, – von Hans Castorp im Lichte des rotumhüllten Tischlämpchens mit Andacht verfolgt. Sein Auge brach, die unbewußte Anstrengung seiner Züge wich, die Mühsalsschwellung der Lippen schwand zusehends dahin, Verschönung zu frühmännlicher Jugendlichkeit breitete sich über unseres Joachims verstummtes Antlitz, und so war’s geschehen.
Da Luise Ziemßen sich schluchzend abgewandt hatte, war es Hans Castorp, der dem Regungs- und Hauchlosen mit der Spitze des Ringfingers die Lider schloß, ihm die Hände behutsam auf der Decke zusammenlegte. Dann stand auch er und weinte, ließ über seine Wangen die Tränen laufen, die den englischen Marineoffizier dort so gebrannt hatten, – dies klare Naß, so reichlich-bitterlich fließend überall in der Welt und zu jeder Stunde, daß man das Tal der Erden poetisch nach ihm benannt hat; dies alkalisch-salzige Drüsenprodukt, das die Nervenerschütterung durchdringenden Schmerzes, physischen wie seelischen Schmerzes, unserem Körper entpreßt. Er wußte, es sei auch etwas Muzin und Eiweiß darin.
Der Hofrat kam, von Schwester Berta benachrichtigt. Noch vor einer halben Stunde war er dagewesen und hatte Kampfer gespritzt; nur eben den Augenblick des knappen Übertrittes hatte er verpaßt. „Tja, der hat es hinter sich“, sagte er schlicht, indem er sich mit seinem Hörrohr von Joachims stiller Brust aufrichtete. Und er drückte den beiden Anverwandten die Hände, indem er ihnen zunickte. Danach stand er noch eine Weile mit ihnen zusammen am Bett, Joachims unbewegliches, kriegerbärtiges Antlitz betrachtend. „Toller Junge, toller Kerl“, sagte er über die Schulter, indem er mit dem Kopf auf den Ruhenden wies. „Hat es zwingen wollen, wissen Sie, – natürlich war alles Zwang und Gewaltsamkeit mit seinem Dienst da unten, – febril hat er Dienst gemacht auf Biegen und Brechen. Feld der Ehre, verstehen Sie, – ist uns aufs Feld der Ehre echappiert, der Durchgänger. Aber die Ehre, das war der Tod für ihn, und der Tod – Sie könnens nach Belieben auch umdrehen, – er hat nun jedenfalls ‚Habe die Ehre!‘ gesagt. Toller Bengel das, toller Kerl.“ Und er ging ab, lang und gebückt, mit heraustretendem Nacken.
Joachims Überführung in die Heimat war beschlossene Sache, und Haus Berghof sorgte für alles, was dazu erforderlich war und sonst schicklich und stattlich schien, – Mutter und Vetter brauchten sich kaum zu regen. Am nächsten Tage, in seinem seidenen Manschettenhemd, Blumen auf der Decke, ruhend in matter Schneehelligkeit, war Joachim noch schöner geworden als unmittelbar nach dem Übertritt. Jede Spur der Anstrengung war nun aus seinem Gesicht gewichen; erkaltet, hatte es sich zu reinster, schweigender Form befestigt. Kurzes Gekräusel seines dunklen Haares fiel in die unbewegliche, gelbliche Stirn, die aus einem edlen, aber heiklen Stoff zwischen Wachs und Marmor gebildet schien, und in dem ebenfalls etwas gekrausten Bart wölbten die Lippen sich voll und stolz. Ein antiker Helm hätte diesem Haupte wohl angestanden, wie mehrere der Besucher meinten, die sich zum Abschiede einfanden.
Frau Stöhr weinte begeistert im Anblick der Form des ehemaligen Joachim. „Ein Held! Ein Held!“ rief sie mehrfach und verlangte, daß an seinem Grabe die „Erotika“ von Beethoven gespielt werden müsse.
„Schweigen Sie doch!“ zischte Settembrini sie von der Seite an. Er war nebst Naphta gleichzeitig mit ihr im Zimmer und herzlich bewegt. Mit beiden Händen wies er die Anwesenden auf Joachim hin, indem er sie zur Klage aufforderte. „Un giovanotto tanto simpàtico, tanto stimàbile!“ rief er wiederholt.
Naphta enthielt sich nicht, aus seiner gebundenen Haltung heraus und ohne ihn anzublicken, leise und bissig gegen ihn hin zu äußern:
„Ich freue mich, zu sehen, daß Sie außer für Freiheit und Fortschritt auch noch für ernste Dinge Sinn haben.“
Settembrini steckte das ein. Vielleicht empfand er eine gewisse, durch die Umstände vorübergehend hervorgerufene Überlegenheit von Naphtas Position über die seine; vielleicht war es dies augenblickliche Übergewicht des Gegners, das er durch die Lebhaftigkeit seiner Trauer aufzuwiegen gesucht hatte, und das ihn jetzt schweigen ließ, – auch dann noch, als Leo Naphta, die unbeständigen Vorteile seiner Stellung ausnutzend, scharf sententiös bemerkte:
„Der Irrtum der Literaten besteht in dem Glauben, daß nur der Geist anständig mache. Es ist eher das Gegenteil wahr. Nur wo kein Geist ist, gibt es Anständigkeit.“
„Na“, dachte Hans Castorp, „das ist auch so ein pythischer Spruch! Kneift man die Lippen zusammen, nachdem man ihn hingesetzt, so herrscht Einschüchterung für den Augenblick ...“
Am Nachmittag kam der Metallsarg. Joachims Umlagerung in diesen stattlichen, mit Ringen und Löwenköpfen geschmückten Behälter wollte ein Mann allein als seine Sache betrachtet wissen, der mit ihm gekommen war: ein Verwandter des in Anspruch genommenen Bestattungsinstituts, schwarz gekleidet, in einer Art von kurzem Bratenrock und einen Ehering an seiner plebejischen Hand, in deren Fleisch der gelbe Reif sozusagen eingewachsen, ganz davon überwuchert war. Man war geneigt, zu spüren, daß Leichengeruch seinem Bratenrock entströme, was aber auf Vorurteil beruhte. Doch ließ der Mann die Spezialisten-Einbildung erkennen, daß all sein Tun gleichsam hinter die Kulissen zu fallen habe und nur pietätvoll-parademäßige Ergebnisse den Blicken der Hinterbliebenen auszusetzen seien, – was geradezu Hans Castorps Mißtrauen erweckte und keineswegs nach seinem Sinne war. Er befürwortete zwar, daß Frau Ziemßen sich zurückzöge, ließ sich selbst aber nicht hinauskomplimentieren, sondern blieb und legte mit Hand an: unter den Achseln faßte er die Figur und half sie hinübertragen vom Bett in den Sarg, auf dessen Leilach und Troddelkissen Joachims Hülle hoch und feierlich gebettet wurde, zwischen Standleuchtern, die Haus Berghof gestellt hatte.
Am wieder nächsten Tage jedoch trat eine Erscheinung auf, die Hans Castorp bestimmte, sich innerlich von der Form zu trennen und zu lösen und tatsächlich dem Professionisten, dem üblen Hüter der Pietät, das Feld zu überlassen. Joachim nämlich, dessen Ausdruck bisher so ernst und ehrbar gewesen, hatte in seinem Kriegerbarte zu lächeln begonnen, und Hans Castorp verhehlte sich nicht, daß dieses Lächeln die Neigung zur Ausartung in sich trug – es erfüllte sein Herz mit Empfindungen der Eile. So war es in Gottes Namen denn gut, daß die Abholung bevorstand, der Sarg geschlossen und verschraubt werden sollte. Hans Castorp berührte, eingeborene Sittensprödigkeit beiseite setzend, seines ehemaligen Joachim steinkalte Stirn zum Abschied zart mit den Lippen und ging trotz allem Mißtrauen gegen den Mann der Kehrseite mit Luise Ziemßen folgsam zum Zimmer hinaus.
Wir lassen den Vorhang fallen, zum vorletzten Mal. Doch während er niederrauscht, wollen wir im Geiste mit dem auf seiner Höhe zurückgebliebenen Hans Castorp fern-hinab in einen feuchten Kreuzesgarten des Flachlandes spähen und lauschen, woselbst ein Degen aufblitzt und sich senkt, Kommandoworte zucken und drei Gewehrsalven, drei schwärmerische Honneurs hinknallen über Joachim Ziemßens wurzeldurchwachsenes Soldatengrab.